Forever Young (FACTS 11/2002, 14.3.02)

Joints statt Bratwürste. Anarcho-Totenköpfe statt Stumpen. Wer in Bern zur Szene gehört, geht zum YB-Match.

Von Bänz Friedli

Sein Programm fürs Wochenende bekommt der gewiefte Partygänger per E-Mail. Am Samstag um 22 Uhr steige die Mouthwatering Party in der Reitschule, verkündet der Newsletter dem Tanzvolk. Am Sonntagnachmittag dann, heissts weiter in trendigem Englisch, dürfe man den YB-Match nicht verpassen. «Hope to see you there!»

Und wer in der Berner Szene etwas auf sich hält, geht hin: samstagnachts zu Mouthwatering, einer Performance mit DJs, wirbligen Breakbeats, psychedelischen Videobildern und kollektivem Sinnesrausch; sonntags zum Siegestaumel ins Neufeldstadion, wo die Young Boys mit kleinem Budget grossen Fussball bieten. Hä?! Autonomes Kulturzentrum und Stadion? Alternative Szene und Fussball? Vor zwei Jahren noch galt der BSC Young Boys als Inbegriff der Biederkeit. YB, das waren Stumpen paffende Alte, Cüpli saufende Spekulanten, Schweinswurst fressende Bünzli, lusche Financiers. Bestenfalls mal ein jovialer Ogi Dölf auf der Tribüne, meist aber nur verschwitzte SVP-Lokalgrössen auf Stimmenfang. Lustloses Gekicke im baufälligen Wankdorf-Stadion.

YB, ein fataler Mix aus sportlicher Ohnmacht und ökonomischer Machtlosigkeit. Und jetzt zieht sich DJ Dustbowl, einer der Stars von Mouthwatering, auf der Stehrampe die Kappe in die Stirn, sagt: «Früher galt Fussball als uncool, das hat sich geändert.» Schwärmt von Johan Vonlanthen, dem jüngsten Nationalliga-A-Torschützen aller Zeiten, hinter dem, glaubt man nur der Hälfte der Gerüchte, bereits Real, Eindhoven und Juve her sind. Und stellt vergnügt fest, neuerdings kämen viel mehr junge, urbane Leute an den Match. «YB wird ein zweites Sankt Pauli.» Er meint den Hamburger Verein, dessen Gefolgschaft aus Punks, Intellektuellen und Linken besteht, und der Vergleich hat etwas. YB ist Kult. Wer in einer In-Beiz kellnert, als Webmaster oder Velokurierin jobbt, gibt sich gelb-schwarz. Ähnlich viele Fans aus Kultur, Medien und dem Kreis der politisch Agitierten hat nur der FCZ.

Klar sieht man im Neufeld, wohin YB wegen des Wankdorf-Neubaus ausweichen musste, noch immer die KMU-Gewerbler mit ihren blonden Buben. Aber neu auch: Frauen in Seventies-Mänteln, Freaks, Hip-Hop-Kapuzen, Anarcho-Totenköpfe. Und gekifft wird auf der Ost-Rampe so freizügig wie nirgends sonst im Land. Süsslicher Dampf statt YB-Wurst. Mitte der ersten Halbzeit wirkt DJ Dustbowl, 30, noch etwas verschlafen. Schliesslich hat er bis kurz vor sieben in der Früh Platten aufgelegt, hinlegen konnte er sich nur kurz. «Aber für YB muss man halt aufstehen.»

Vor gut zwei Jahren noch war YB klinisch tot. Zwölf Präsidenten in acht Jahren, allesamt Hochstapler und Fantasten, hatten den Verein ins Chaos manövriert. Konkurs und der Fall in die 5. Liga drohten. Doch dann ereignete sich ein Wunder. Luzerner Investoren retteten YB, letzten Sommer stieg man wieder in die höchste Spielklasse auf, war nach elf Runden Leader und hatte mit fast 11'000 Leuten erstmals seit Fangedenken einen höheren Zuschauerschnitt als Erzrivale SC Bern. Im Winter gelang es gar, alle Transferrechte zurückzukaufen. Ein offenes Geheimnis, dass Wankdorf-Baumeister Bruno Marazzi die nötigen 1,5 Millionen Franken einschoss. Und jetzt das Dessert: YB spielt unbekümmert in der Finalrunde und flirtet mit dem Cupfinal.

Das Erfolgsrezept? Eigene Junioren statt teure Einkäufe. YB hat die Nachwuchsförderung professionalisiert und das Durchschnittsalter auf 24 Jahre gesenkt. «Wir haben keine andere Wahl als die Vernunft, wir haben keine Gigi Oeri, keine Credit Suisse», sagt Trainer Marco Schällibaum. «Dafür sind wir alle junge, hungrige Leute.» Wir, das sind die Spieler, Manager Fredy Bickel und Schällibaum selber. Der Zürcher weiss, wie man mit Emotionen jongliert. Er gebraucht immerzu Ausdrücke wie Herz, Leidenschaft, Spektakel. Nennt seine Spieler Artisten, den Rasen Manege. Und sein Slogan «YB macht glücklich!» prangt längst auf Spruchbändern.

Für Kuno Lauener als amtl. bew. Sexsymbol gehört der Schlafzimmerblick zum Berufsbild. Gestern hat er mit Züri West in der «Mühle Hunziken» gerockt, jetzt sitzt er zerknittert auf der Tribüne. Gratis. Züri West schenken eine neue CD stets allen Spielern, dafür gibts Saisonkarten für die Band. «In den Neunzigerjahren war YB ein himmeltrauriger Verein, da konnte man nicht mehr dahinter stehen», sagt Lauener. «Aber Schällibaum und Bickel haben das Zeug zu Identifikationsfiguren. Und die Mannschaft macht total Spass.»

Die Aufwärm-Konzerte für ihre letzte Tour? Bestritten Züri West unter dem Decknamen Friends of Hänzi. Mag sein, dass die Armenier Wardanjan und Petrosjan das Herzstück des Teams sind, aber: Keiner verkörpert den Wandel besser als Erich Hänzi. Als rackernder Brävling hatte er 1986 bei YB begonnen, heute ist er die überragende Figur, meist hinterster, oft vorderster Mann, Freistossschütze, Antreiber, Spielgestalter. Als er im Sommer 2000 aus Lausanne zum Stammklub YB zurückkehrte, stellte er sich auf ein ruhiges Karrierenende in der Nationalliga B ein. «Jetzt spiele ich in der Finalrunde!», sagt er, «und jedes Heimspiel ist ein Riesenfest.» Für ihn vor allem: Jedes Zuspiel quittieren die Fans mit dem Chor «E-rich-Hän-zi-Fuss-ball-gott!» Dass in der liebevollen Bezeugung auch leise Ironie liegt, dass Hänzi noch immer kein Roberto Baggio ist, darin zeigt sich das Wesen der neuen YB-Anhänger: humorvoll, schlau, verspielt.

Den Stimmungsumschwung leiteten 1996 jene ein, die aufs damals sponsorenfreie YB-Trikot die Losung «Gemeinsam gegen Rassismus» nähen liessen. «Rechtsextreme trieben ihr Unwesen, wir wollten das Stadion für Linke, Frauen und Familien zurückerobern», sagt der Präsident des Vereins Gemeinsam gegen Rassismus, Urs Frieden. Im Vereinslokal «Halbzeit» keimte der neue YB-Geist, heute verteilen Sozis, Gewerkschafter und Autonome im Neufeld Flugblätter: «Distanziert euch von den Nazis, lacht sie aus, kickt sie aus dem Stadion.»

Und doch werden tamilische Pizza-Verkäufer und senegalesische Spieler noch immer verhöhnt. «Wie ausserhalb der Stadien hat es heute auch im Stadion mehr Skinheads und Faschos denn je», sagt Frieden. «Aber wir setzen ein Gegengewicht, junge Fans haben eine Auswahl, müssen sich nicht diesen grölenden Typen anschliessen.»

Die TV-Produzentin Regula Begert, 33, reist für jedes Heimspiel aus Zürich an. «Mir gefällt, dass sie wieder Gas geben und es wissen wollen», sagt die Heimwehbernerin, «die Spiellust ist wieder da.» Und während sie es sagt, knallt der blutjunge Vonlanthen dem FC Sion das 4:0 ins Netz.

YB ist ungestüm, aber leidenschaftlich. Klein, aber keck. Und lädt zur Romantik ein. Allein das geraniengeschmückte Chalet des Platzwarts neben der Holztribüne! Die ganze Schweiz findet das süss. Die Berner hegen ihren Aussenseiter-Charme im schnuckeligen Stadion mit einer Truppe von Träumern, die anderswo scheiterten. «Wir haben bewusst Loser-Typen wie Tikva und Sermeter geholt», sagt Schällibaum. «Wenn man denen Vertrauen gibt, blühen sie auf.» Das weckt Gefühle. «Underdogs, die sich aufgebäumt haben!», schwärmt Grafiker Marc Brunner, 32. Er gehört zum Design-Atelier Büro Destruct, das Weltruf geniesst, aber am Provinzler-Image festhält. Vom Firmen-Credo «Small City – Big Design» wars nicht weit zu «Young Boys – Big Balls», einem Shirt, das Destruct für YBs neue Fans gestaltete.

«Klein, fein, kämpferisch, das ist das neue Bern-Feeling», sagt Destruct-Mann Lopetz, 31. «Also steht man auch zum lokalen Schuttklub.» David gegen Goliath: Der bestdotierte YB-Spieler verdient mit 72'000 Franken zehnmal weniger als die Stars des FC Basel. «Bis vor neun Monaten machte ich mich über die YB-Fans lustig, jetzt gehe ich selber an die Spiele», sagt Sarah Huber, «und es fägt.» Die 29-Jährige ist Geschäftsleitungsmitglied von Kitchener, Berns erster Adresse für coole Mode. Sie hatte die Idee zum «Big Balls»-Shirt und verkaufte im Nu einige hundert Stück.

Der YB-Boom, gepflegt von Hobby-Kickern der Alternativ-Liga, geboren aus trötzelnder Kleinstadt-Mentalität, Anti-Globalisierungs-Gefühlen, postideologischer Lust am Sport. Wie schick YB ist, bewies jüngst Schuldirektorin Edith Olibet: Ausgerechnet auf Antrag der SP-Frau beteiligte sich die Stadt mit 50'000 Franken an der YB Betriebs-AG. «Klein, selbstbewusst, deshalb erfolgreich: Das neue YB könnte ein Modell für Bern sein», sagt Bernhard Giger, 50, Filmregisseur und Stadt-Chef der «Berner Zeitung». «Unser Kanton ist kulturell und wirtschaftlich in der B-Liga. YB beweist, dass es zum Aufschwung nicht den grossen Mäzen, den grossen Wurf braucht.» Und noch etwas mag Giger an YB: «Es ist ein multikulturelles Team, die Secondos sind die neuen Bärner Giele.»

Zum Beispiel der muntere Paolo Collaviti. Er möchte schon in die Nati, sagt der Italo-Goalie, aber es pressiere nicht mit der Einbürgerung. «Erst, wenn ich die RS nicht mehr nachholen muss.» Im alten YB-Umfeld hätte er damit einen Skandal ausgelöst, heute finden ihn alle e geile Siech.

«YB ist hip, das Stumpen-Image weg.» Kuno Lauener zündet sich trotz Rauchverbot noch eine Blue Ribbon an. «Fragt sich nur, ob man das neue Gefühl in ein Megastadion zügeln kann.» Im herzigen Neufeld darf YB gewinnen, im prunkvollen Wankdorf wird es ab 2004 gewinnen müssen.

   
Faeggts Home
Basel erwartet
Brief von R. Jäggi
Artikel Homepage

Hosted by www.Geocities.ws

1