Louise Gikow - Bruce McNally

                                                                                                Aus dem Englischen von Ingeborg Andreas - Hoole     

                                                                                                Für die deutsche Ausgabe:

                                                                                                1986 Delphin Verlag GmbH, München und Zürich.

                                                                                                Alle Rechte vorbehalten.

                                                                                                Printed in Belgium

Irgendwo dort, wo uns die Phantasie gerade noch hintragen kann, liegt ein Labyrinth. Es zuckt und windet sich wie böse Gedanken, und kein Mensch - weder Mann, Frau noch Kind - ist je bis in die Mitte gelangt. Dort, umschlossen von den Mauern der Stadt Goblin, ragt das Schloss von Jareth empor, dem König der Goblins.

Goblins sind boshafte kleine Kobolde, deren größtes Vergnügen darin besteht, Babys zu stehlen und sie in Goblins zu verwandeln. Das geht aber nur, wenn sich das jemand wirklich wünscht. Auch müssen dazu genau die richtigen Worte ausgesprochen werden.

"Ich wünschte, die Goblins kommen und dich auf der Stelle mitnehmen!" Das sind die richtigen Worte. Wenn die Goblins das hören, dann kommen sie...

In einem kleinen Ort in der Nähe der Großstadt lebte Sarah mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihrem Halbbruder Toby und ihrem Hund Merlin.

Toby war gerade erst ein Jahr alt, aber Sarah fand ihn furchtbar lästig.

Immer ausgerechnet dann, wenn sie etwas Besseres zu tun hatte, sollte sie auf ihn aufpassen.

Er durfte mit ihren schönsten Spielsachen spielen - sogar mit ihrem geliebten Teddybären Lanzelot! Und wenn er irgend etwas Albernes machte - wenn er quietschte oder aufstand, zum Beeispiel - wurde er von allem ausgiebig bewundert. Mich dagegen beachtet nie jemand, dachte Sarah.

In einer Sommernacht, als Sarah mit Toby alleine zu Hause war, zog im Osten ein Gewitter auf. Blitze zuckten über den Himmel, der Donner krachte. Toby begann zu weinen.

Sarah konnte tun, was sie wollte, sie schaffte es nicht, ihn zu beruhigen.

Sie hob ihn hoch und ließ ihn auf ihren Knien hopsen. Sie schwenkte seine Rassel, gab ihm sein Fläschchen und sein kuscheliges, gelbes Küken. Sie versuchte, alles was ihr nur in den Sinn kommen mochte.

Winzling mit dem puterrot angelaufenen Kopf brüllte nur immer lauter.

"Sei doch endlich still!" Sarah war wütend. "Manchmal habe ich wirklich einen Hass auf dich." Und dann sagte sie noch und stampfte dazu auf: "Ich wünschte, die Goblins würden kommen und dich auf der Stelle mitnehmen!"

Und sie kamen...

Toby war weg. Dafür stand Jareth da, der König der Goblins, hochgewachsen und düster in seinem dunklen Umhang. Seine Augen blitzten in der Finsternis.

"Wer sind Sie?" Flüsterte die zitternde Sarah. "Und wo ist mein kleiner Bruder?"

"Toby gehört mir" , sagte Jareth. "Er ist in meinem Schloss, in der Mitte des Labyrinths."

"Aber das habe ich doch nicht wirklich gewollt", presste Sarah hervor.

"Anscheinend doch", erwiderte Jareth und zog die Augenbrauen hoch. "Du hast die richtigen Worte gesprochen."

"Wo ist das Labyrinth?" fragte Sarah.

Jareth holte mit dem Arm weit aus und wirbelte seinen Umhang herum. Sarah fand sich auf einem Hügel wieder. Der Himmel glühte rosa und orange. In der Ferne erhob sich ein Schloss, eingehüllt in Dunkelheit. Jareth begann zu sprechen: "In dreizehn Stunden wird Toby in ein Goblin verwandelt. Dann gehört er für immer mir." Wieder schwang er seinen Arm in einem großen Bogen herum und war verschwunden.

Lichtstrahlen wanderten über den Hang, die Sonne ging auf. Zu Sarahs Füßen dehnte sich das Labyrinth aus.

Sarah stieg den Abhang bis zur mächtigen Mauer hinunter, die das Labyrinth umschloss. Sie war noch nicht weit gegangen, da stieß sie auf Hoggle, der in einem Garten vor der Labyrinthmauer arbeitete.

Hoggle war nicht sehr nett. Das war weiter nicht erstaunlich, denn es war nicht sehr einfach, nett zu sein, wenn man in der Nähe des Labyrinths lebt. Aber Hoggle war zu niemandem nett, auch nicht zu Jareth, und das war erstaunlich.

 

"Entschuldigen Sie bitte," sagte Sarah höflich,

"können Sie mir sagen, wo der Eingang zum Labyrinth liegt?"

"Vielleicht", antwortete Hoggle und schnaubte durch die Nase.

"Nun - wo ist er denn?"

"Wo ist wer?"

"Der Eingang", sagte Sarah. "Wie komme ich ins Labyrinth?"

Hoggle zuckte mit den Achseln und deutete hinter sie. Dort war auf unerklärliche Weise ein Tor erschienen. Die beiden Flügel öffneten sich.
Sarah schaute Hoggle an. Dieser Ort war ihr unheimlich, und sie hätte lieber einen so unangenehmen Begleiter wie ihn gehabt als gar keinen.
Aber er machte keine Anstalten mitzukommen, und so trat sie allein in das Labyrinth ein.
Die Torflügel fielen hinter ihr ins Schloss. Hoggle schüttelte den Kopf und machte sich wieder an seine Arbeit.

 

Die Gänge des Labyrinths schienen sich ins Unendliche zu verlieren, aber Sarah holte einmal tief Atem, gab sich einen Ruck und setzte sich in Bewegung. Früher oder später, dachte sie, muss ich einfach irgendwo hinkommen.

Das Labyrinth wollte ihr anscheinend beweisen, dass sie sich irrte. Die Mauern rückten enger zusammen. Feuchte Kälte drückte auf sie nieder, und das leiseste Geräusch gab einen lauten Widerhall.

Sie ging weiter und weiter. Dann fing sie an zu laufen. Ihr eigener Atem dröhnte ihr in den Ohren.

Der Gang dehnte sich vor ihr in die Länge und wollte niemals enden. Schließlich blieb sie atemlos stehen. Sie stützte sich mit der Hand gegen die Mauer, um wieder zu Kräften zu kommen, und spürte unter den Fingern die rauhe Oberfläche.

"Hallo", sagte eine fröhliche Stimme dicht bei ihrer Hand. "Warum versuchst du's nicht mal dort entlang?" Ein kleiner Wurm lugte aus einer Mauerritze hervor.

"Da lang", wiederholte der Wurm. "Siehst du nicht?" Sarah sah wirklich nichts. Alles was sie sehen konnte, war eine massive Mauer vor ihrer Nase.

"Geh einfach weiter", sagte der Wurm. "Die Dinge hier sind nicht so, wie sie aussehen."

Und das stimmte.

Sarah hatte ihre erste Lektion gelernt. Sie würde sich nicht länger von den Gängen des Labyrinths schnurgerade ins Abseits führen lassen. Sie hatte ihren Weg durch die Mauer gefunden. Aber schon waren zwei Stunden verstrichen, und sie hatte immer noch einen langer Weg vor sich.

Bald stieß sie auf zwei Türen, vor denen die merkwürdigsten Wesen Wache standen, die sie jemals gesehen hatte. Um die richtige Tür zu finden, musste sie ein Rätsel lösen.

Einer von uns die Wahrheit spricht,
der andere wird immer lügen.
Frage nur einmal - mehr darfst du nicht,
auch muss eine Antwort genügen.
Die richtige Tür bringt dich näher zum Ziel,
Die falsche bedeutet: Aus ist das Spiel.*


*Lösung: Sarah fragte schließlich denn Wächter vor einer der beiden Türen: "Würde der da mir sagen, dass die Tür, vor der er steht, zum Schloss führt?" Dabei deutete sie auf den anderen Wächter und die andere Tür.

Wenn die Tür, auf die sie deutete, die falsche war, und sie den lügenden Wächter fragte, so würde er mit "ja" antworten, als mit einer Lüge, Wenn sie den aufrichtigen Wächter fragte, würde er ebenfalls mit "ja" antworten, da der andere Wächter lügen würde. Auf jeden Fall wäre die andere Türe die richtige.

Wenn die Tür, auf die sie deutete, die falsche war, und sie den lügenden Wächter fragte, so würde er mit "nein" antworten, also mit einer Lüge. Wenn sie den aufrichtigen Wächter fragte, würde er ebenfalls mit "nein" antworten, da der andere Wächter lügen würde. Auf jeden Fall wäre die Tür, auf die sie deutete, die richtige.

Sarah fand die richtige Tür. Im Labyrinth bedeutet das Richtige aber nicht immer das Beste. Als sie die Türschwelle überschritt, tat sich der Boden unter ihren
Füßen auf. Sarah fiel abwärts durch einen engen Schacht, immer weiter abwärts. Sie hatte kaum Zeit sich zu fürchten, als sie schon von einer Hand ergriffen
wurde. Dem Himmel sei Dank! dachte sie. Dann schaute sie sich um und bemerkte, dass sich Tausende von Händen nach ihr ausstreckten - die alle aus der Wand herauswuchsen.

Sarah war zu entsetzt, um schreien zu können.

"Rauf oder runter?", fragten die Hände. "Rauf oder runter?"

"Runter", brachte sie schließlich mühsam hervor.

Sie wurde von einer Hand zu anderen weitergereicht, bis sie schließlich in einer kleinen, dunkeln Zelle abgesetzt wurde. Eine Falltür klappte über ihr zu. Hier schien kein Weg herauszuführen.
Aber Hoggle war da.

'Ich wusste sofort, als ich dich sah, dass du in Schwierigkeiten geraten würdest", brummte er mürrisch.

"Das Labyrinth ist zu gefährlich. Ich werde dir den Rückweg zeigen."

"Ich will aber nicht zurück.", antwortete Sarah. "Ich muss Toby finden und, ich bin schon viel zu weit gekommen, um jetzt aufzugeben. Da!"

Sie löste sich ein Armband vom Handgelenk. "Das gehört dir, wenn du mir hilfst."
Hoggle schüttelte den Kopf. Aber das Armband nahm er doch.

Sarah blieben nur noch acht Stunden um ihren Bruder zu retten, aber jetzt konnte sie auf Hoggles Hilfe zählen. Das passte Jareth gar nicht, der Sarahs Vordringen die ganze Zeit von seinem Schloss aus beobachtet hatte. Er warf seinen Umhang um und erschien vor den beiden.

"Eins darfst du mir glauben", warnte er Hoggle, "wenn du ihr hilfst" - er deutete voller Zorn auf Sarah - " dannn hänge ich dich mit dem Kopf nach unten über den Sumpf des ewigen

Gestanks!"

Diese Drohung war deshalb so schrecklich, weil der Sumpf des ewigen Gestanks tausendmal übler roch als alles, was man sich vorstellen konnte.

Schlimmer noch: Wer nur ein wenig davon abbekam, stank selbst genau so - und das für immer.

Vor diesem Sumpf hatte Hoggle mehr Angst als vor allem andern im Labyrinth. Doch in einem geheimen Winkel seines Herzens genoss er es, Jareth zu widersetzen. Und ganz allmählich gewann er Sarah lieb.

"Ich führe sie nur hier heraus, Hoheit", log er

Aber Jareth war bereits verschwunden.

 

Sarah und Hoggle wanderten durch ein Gewirr von Hecken. Da ertönte hinter einem Gebüsch ein fürchterliches Stöhnen. Hoggle, der die Schrecken des Labyrinths kannte, raste davon. Sarah ging zum Gebüsch hinüber, wo sich ihr ein entsetzlicher Anblick bot.

Ein riesiges, furchterregendes Tier hing Kopfüber an einem Baum und wurde von drei fiesen Kobolden gequält.

Sarah brachte es nicht übers Herz, einfach wegzugehen. Sie wartete, bis die Goblins davongelaufen waren, dann band sie das gefesselte Tier von seinem Strick los. "Ludo ...Freund." Das Tier lächelte Sarah voller Verehrung an, und sie tätschelte ihm sanft die Nase. "Kennst du den Weg zur Mitte des Labyrinths?" erkundigte sie sich. "Ludo ... verwirrt," antwortete Ludo traurig. Sarah seufzte. Ringsum raschelten die Blätter der Bäume im Wind. Sie raschelten wie zischelnde Stimmen.

S - s - s - sechs Stunden, schienen sie zu flüstern. Du hast nur noch s - s - s - sechs Stunden.

Sarah entdeckte in der Nähe zwei Türen. Sie entschied sich für diejenige, die in einen dämmrigen Wald führte. Riesige Bäume mit gewundenen Stämmen und Ästen, wuchsen

hier ungestört seit undenklichen Zeiten, Bäume, die so hoch waren, dass Sarah die Wipfel nicht mehr sehen konnte.

"Nicht gut…", sagte Ludo und schaute nervös um sich.

Ludo quiekte plötzlich leise auf. Dann war alles still.

"Ludo?" Sarah schaute sich um, aber Ludo war verschwunden. Sie suchte überall nach ihm,

aber es sah so aus, als hätte sich der Boden geöffnet und Ludo mit Haut und Haaren verschluckt.

Und wieder war Sarah allein.

Nun war Sarah wieder alleine.

Sarah lachte. "So etwas! Dass ein so großes Tier wie du solche Angst haben kann!"

Sie gab Ludo einen Klaps auf die Nase. "Ich bin sicher dass es hier vollkommen ungefährlich ist. Überhaupt ist es ein gutes Zeichen, wenn du Angst hast. Die Dinge sind hier nicht immer so, wie sie aussehen."

Diesmal waren sie es aber doch.

Sarah lachte. "So ein großes Wesen wie du und Angst? Ich bin sicher es gibt absolut keine Gefahr hier. Wenn du Angst hast ist das sicher ein gutes Zeichen, denn die Dinge sind hier nicht immer so wie sie dir erscheinen."

In diesem Fall schon.

Ludo gab plötzlich einen leisen Schrei von sich. Dann war es still.

"Ludo?", Sarah schaute sich um, aber Ludo war verschwunden. Es schien als wäre er vom Erdboden verschluckt.

 

Jede Minute kam Sarah dem Schloss näher, und Jareth wurde allmählich unruhig. Er beschloss Hoggle einen zweiten Besuch abzustatten.

"Da", sagte Jareth, und drückte Hoggle einen Pfirsich in die Hand, der wie ein kleiner Stern funkelte. "Gib ihr den, oder ich werfe dich in den Sumpf des Ewigen Gestanks. Und falls sie dich küssen sollte", fügte er hinzu und kam sich besonders schlau vor, "werfe ich euch beide hinein."

"Ich tu nichts, was dem kleinen Fräulein schaden könnte.", rief Hoggle kläglich.

Aber Jareth blickte ihm starr in die Augen, und Hoggle wusste, dass ihm keine andere Wahl blieb.

Tief im Wald stieß Sarah auf eine Bande sonderbarer Geschöpfe, die ihre Köpfe abnehmen und in die Luft werfen konnten.

Sarah fand das äußerst befremdlich. Aber sie schienen dennoch freundlich und hilfsbereit.

Sie versprachen, Sarah zum Schloss zu bringen. Aber je tiefer sie in den Wald eindrangen, desto klarer wurde Sarah, dass diese Wesen nicht einmal wussten, was ein Schloss war, ganz geschweige, dass sie es finden konnten.

 

Sarah versuchte alles Mögliche um von ihnen weg zu kommen.
Vergebens.

Schließlich rannte sie einfach los. Die Wesen verfolgten sie, bis ihr plötzlich eine Mauer den Weg versperrte. Gehetzt schaute sie sich nach einem Fluchtweg um.

"Hier herauf!" rief eine Stimme. Es war Hoggle. Er warf ein Seil herab, und Sarah kletterte hinauf, in Sicherheit.

"Hoggle!" rief Sarah voller Freude und Begeisterung, "du bist zurückgekommen!"

"Nein! Küss mich nicht!" kreischte Hoggle.

Zu spät – es war schon passiert. Die Mauer brach in sich zusammen, und Sarah und Hoggle stürzte auf den Sumpf des ewigen Gestanks zu. Sie schlitterten den steilen Abhang hinab, bis sie auf etwas Weichem, Breitem landeten. Es war Hoggle.

"Huch!" Hoggle zuckte zurück, als er Ludos große Zähne bemerkte.

"Ludo!" rief Sarah und umarmte dankbar das pelzige Riesentier.

"Riech!" stöhnte Ludo. Tränen strömten seine Backen hinunter.

Sarah schnappte nach Luft, dann hielt sie den Atem an.

Nur eine einzige Brücke führte über den stinkenden Sumpf. Bewacht wurde sie von Sir Didymus, dem kühnen Ritter, und seinem treuen Streitross Ambrosius.

"Ich habe geschworen, meine Pflicht zu tun", sagte Sir Didymus zu ihnen. "Niemand darf diese Brücke ohne meine Erlaubnis überqueren."

"Ach bitte", bettelte Sarah. "Ich hab nur noch so wenig Zeit. Ich muss Toby finden!" Sie machte einen Schritt auf die Brücke zu, aber Sir Didymus hielt sie auf und schwang drohend einen Spazierstock.

Ludo sprang zu Sarahs Verteidigung herbei, es kam zum Kampf. Ludo war an Größe und Kraft überlegen, aber Sir Didymus war mutig und entschlossen.Dazu hatte er einen großen Vorteil: Er schien den Gestank nicht zu bemerken. Der Zweikampf endete unentschieden.

Nachdem Ludo und Sir Didymus einander die Hände geschüttelt hatten, wandte sich Sarah an den kleinen Ritter.

"Was genau habt Ihr eigentlich geschworen?" fragte sie.

"Ich habe bei meinem Herzblut geschworen", antwortete Sir Didymus mit einer tiefen Verbeugung, "dass niemand ohne meine Erlaubnis hier vorbeikommt."

"Sehr gut", antwortete Sarah höflich und hielt sich die Nase zu, "würdet Ihr uns denn Eure Erlaubnis erteilen?"

Der kühne Sir Didymus drehte und wendete Sarahs Frage und untersuchte sie von allen Seiten. Er konnte keinen Haken finden.

"Ja", sagte er schließlich, verbeugte sich nochmals tief und küsste Sarahs Hand. "Und ich, Sir Didymus, werde mich Eurer tapferen Gesellschaft anschließen."

Jetzt hatte Sarah drei Begleiter, die ihr auf ihrem Weg beistehen würden.

Sarah hatte die knarrende, ächzende Brücke halb überquert, da brach sie unter ihr zusammen.

Verzweifelt klammerte sie sich an, sie hing nur wenige Fingerbreit über dem Sumpf. "Wir müssen sie retten!" rief Sir Didymus.

Doch Ludo setzte sich einfach ans Ufer und brach in ein Geheul aus. Sir Didymus drehte sich erstaunt nach ihm um.

"Mein Bruder!" sagte er. "Bist du der kühne Ritter, mit dem ich gerade gekämpft habe? Wie kannst du da sitzen und heulen, wenn jene edle Maid da unsere Hilfe braucht?"

Ludo heulte weiter. Unter den erstaunten Blicken von Sir Didymus tauchte auf Ludos Geheul hin ein Felsbrocken auf und rollte unter Sarahs Füße. Immer mehr Steine wälzten sich auf dem Sumpf empor und reihten sich zu einer Brücke aneinander.

"Steine…. Freunde", sagte Ludo mit weicher Stimme.

Sarah, Hoggle, Ludo und Sir Didymus zogen rasch durch einen tiefen verträumten Wald. Sie hatten nur noch drei Stunden Zeit. Sie waren müde und hungrig. Wie abwesend langte Hoggle den Pfirsich von Jareth hervor und streckte ihn Sarah hin.

"Da", sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Sarah nahm ihn dankbar an. Aber als sie hineinbiss, merkte sie gleich, dass es ein Zauberpfirsich war.

"Hoggle", sagte sie. "Oh, Hoggle, was hast du mir angetan?"

Hoggles Augen füllten sich mit Tränen. Er drehte sich um und rannte in den Wald zurück.

Sich selbst hasste er genau so sehr wie Jareth.

Dann vergaß Sarah alles – Hoggle, Ludo, Sir Didymus, sogar Toby.

Über ihr schwebten Blasen, glitzernde Blasen, die sie zu einem wunderbaren Ort locken wollten. Sarah folgte ihnen. Die Blasen gleiteten Sarah zu einem Ballsaal aus Gold und Kristall. Tänzer wirbelten vorbei. In der Mitte stand Jareth und sah Sarah an.

Er nahm sie in die Arme. "Gib diese törichte Suche auf" flüsterte er.

Die Musik überflutete sie, als er sie in schwindelerregenden Kreisen herumdrehte.

Sie fühlte, wie sie schwach wurde. Dann kam ihr irgendwie Toby in den Sinn.

"Nein!", rief sie. Im nächsten Augenblick zerfiel der Ballsaal und alles darin zu Staub.

Sarah erwachte in einem anderen Traum. Sie lag auf einem Haufen Trödel, in einer öden, grauen Landschaft. Plötzlich bewegte sich der Trödelhaufen. "Währst du wohl so nett...." sagte eine Stimme unter ihr. Sie gehörte einer runzligen, alten Frau mit krummen Rücken. Der Trödelhaufen setzte sich auf.

"Ich bin auf der Suche", sagte Sarah und überlegte angestrengt, wonach.

"Das sind wir alle, Schätzchen", antwortete die Trödelfrau. "Hier ist, was du suchst. All deine Spielsachen..... dein nettes kuscheliges Kaninchen, deine Panda - Hausschuhe. Und da ist dein altes Pferdchen. Und Lanzelot, dein Lieblingsteddy.

Da erinnerte sich Sarah. "Ich will nichts davon!" rief sie energisch. "Das ist lauter Trödelkram. Ich will nur Toby, will ihn sicher und gesund heimbringen."

Plötzlich lag Sarah vor den Toren der Stadt Goblin. Ludo und Sir Didymus beugten sich über sie. Sie umarmte beide, doch für Erklärungen blieb wenig Zeit.

"Ich muss schnell weiter", sagte sie, "oder ich verliere Toby."

Die drei Freunde drangen gemeinsam in die Stadt ein. In diesem Augenblick wurde Jareth ihre Ankunft gemeldet.

Vor den Schlossmauern stießen Sarah und ihre Begleiter auf ein Heer von Goblins. Zuerst schien ihre Lage hoffnungslos. Sir Didymus parierte die Speerstöße der Kobolde mit seinem Spazierstock, während Ludo seine Größe und Kraft einsetzte, um die Angreifer abzuwehren.

Hoggle tauchte aus dem Nichts auf und griff in den Kampf ein. Aber die Goblins waren zu viele, und Sarahs Mannschaft war hoffnungslos in der Minderzahl. Die vier kämpften sich zu einem Turm durch und verschanzten sich darin.

Die Kobolde setzten dazu an, sie zu überrennen, als Sarah plötzlich aufschrie: "Ruf die Felsbrocken her, Ludo!"

Und Ludo ließ sich nicht lange bitten. Erst langsam, dann immer schneller rollten die Steine in die Stadt. Sie jagten die Goblins verwinkelte Gassen hinauf und hinunter und hetzten sie um Ecken. Sie quetschten Goblins gegen Mauern und Türeingänge. Als Ludo mit seinem Geheul aufhörte, waren die Goblins besiegt.

Im Schloss schlichen die Freunde vorsichtig voran. Ihre Schritte hallten auf den Steinfliesen in den feuchten Korridoren wieder. Sie fanden den Thronsaal von Jareth, aber er war leer.

Am anderen Ende des Saals wand sich eine Treppe gemächlich aufwärts und verlor sich scheinbar ins Nichts.

Sarah schaute Hoggle, Ludo und Sir Didymus an. "Ich muss alleine weitergehen", sagte sie. "So ist es nun einmal."

Sie fasste die Freunde nacheinander bei den Händen. Zuerst Sir Didymus, der ihre Hand an seine Lippen presste. Dann Ludo, dessen Tränen auf ihre Finger tropften. Zum Schluss Hoggle, der ihre Hände wortlos an sein Herz drückte. Keiner von ihnen konnte sprechen. Sie wussten alle, dass sie Sarah nie wieder sehen würden. Dann stieg sie die Treppe hinauf und verschwand.

In dem Augenblick, als die Uhr dreizehn schlug, hatte Sarah Jareth gefunden. Er saß an der Wand eines Raums, der kein oben oder unten, innen oder Außen besaß. Der Raum war in sich verschlungen wie eine zusammengerollte Schlange.

Toby war da, aber Sarah konnte ihn nicht erreichen. Wände und Decken tauschten dauern die Plätze.

"Gib auf, Sarah", sagte Jareth, "und ich werde dir alles geben, was du dir wünscht. Schau!"

Vor ihm drehte sich eine Kristallkugel, in der Dinge zu sehen waren, von denen Sarah immer geträumt hatte. Sarah ließ die Augen nicht von Toby. Toby saß oben auf einer Treppe, die im Leeren hing. Sarah schrie auf.

"Gib auf, Sarah!" Jareths Stimme klang wie ein Donnerschlag ."Warum ist das Baby so wichtig für dich? Warum willst du es unbedingt haben?"

"Weil ich es liebe!" Sarahs Augen sprühten, und ihr Feuer brannte Jareths Herz mittendurch, denn gegen die Kraft der Liebe besaß er keine Macht. Jareth krümmte sich zusammen und stieß einen furchtbaren Schrei aus. Dann löste sich das Schloss mit allem, was darin war, in Luft auf.

Sarah fand sich zu Hause wieder, im Flur.
Wie der Blitz hetzte sie hinauf in Tobys Zimmer.

"Toby! Toby!" schrie sie. Toby war da. Er lag in seinem Bettchen und lächelte sie an.

Sie nahm ihn sanft auf den Arm.

"Ich liebe dich, Toby", flüsterte sie ihm zu, "und ich werde dich immer lieben. Das verspreche ich dir."

Sarah hielt dieses Versprechen. Sie hält es immer noch, obwohl Toby inzwischen erwachsen ist und Sarah selbst Kinder hat.
                                                            
                                                               

                  


                            


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