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tagesspiegel, 29.04.02
   

Der Aussteiger
In den Achtzigern bekämpfte Ulrich Möller Kreuzberger Krawallmacher
 – als Staatsanwalt. Heute lässt ihn der 1.Mai kalt. Da geht er golfen


Von Thomas Loy

Wie wär’s mit Krawalltourismus? Ulrich Möller lacht zufrieden. Solche Fragen amüsieren ihn ungemein. Was sie hintenherum bezwecken sollen, wittert er natürlich schon, bevor sie überhaupt gestellt sind. Einer wie er hat genug Menschen verhört, um zu wissen, wie man ihnen Sätze entlockt, die sie festnageln. In den Law-and-Order-Strafraum soll er gedrängt werden, das ist offensichtlich, doch Möller weicht keinen Zentimeter von der Mittellinie. Am 1. Mai wird er seinen Schlagstock einpacken – und auf den Golfplatz gehen. Ist doch alles Geschichte, die Randale, die Klopperei mit der Polizei, das Steinewerfen. Interessiert ihn nicht mehr. Früher war das anders. Möller war mal Staatsanwalt, dienstverpflichtet zur juristischen Aufarbeitung der Spielpaarung Autonome gegen Polizei. Er gehörte zur berüchtigten „P-Abteilung“, der Politischen Abteilung. Dort, so raunte man sich zu, saßen die „scharfen Hunde“.

20 Jahre ist das jetzt her. Eigentlich hatte er mit diesem Teil seines Lebens längst abgeschlossen, lebt heute sozusagen als Aussteiger in einer völlig anderen Welt, genau wie viele Ex-Autonome. Öffentlich Position zu beziehen, ist ohnehin nicht seine Sache, aber „na ja, dann kommen Sie halt in mein Restaurant“. Sein Restaurant ist das „Toto“ in der Bleibtreustraße. Möller übernahm es vor zehn Jahren von einem Geschäftspartner, der ihm Geld schuldete. Im Toto trifft er seine Freunde: Juristen, Künstler, Filmleute. Möller ist der Gastgeber mit listig umherschweifenden Augen, immer charmant, immer gutgelaunt und stets bedacht, nicht zu viel von sich preiszugeben. Er spielt Golf, verreist viel, macht seine Geschäfte – Mode- und Immobilienbranche, „alles ganz seriös“ – liebt das Leben und die Frauen – ein Hans-Dampf-in-allen Gassen, sagt ein Bekannter. Undurchschaubar und für viele auch unnahbar.

Damals, vor 20 Jahren, hätte Möller jedem Journalisten die Tür gewiesen. Die P-Abteilung blieb aus Prinzip und zur eigenen Sicherheit anonym. „Keine Namen, keine Bilder, keine Interviews.“ Erst als Ende der 80er Jahre gefordert wurde, die Abteilung aufzulösen, wagten sich einige Staatsanwälte aus der Deckung. Zu der Zeit hatte sich Möller längst in die Geschäftswelt verabschiedet, weil er die Vorstellung nicht ertrug, bis zur Rente durch die dunklen Flure im Kriminalgericht Moabit zu laufen, weil mit der Legalisierung vieler Häuser die Arbeitsgrundlage abhanden kam, weil er eigentlich nie vorhatte, Staatsanwalt zu werden und vor allem deswegen: „Ich wollte Geld verdienen.“

Spannend waren sie dann doch, die Jahre zwischen 1982 und 1986, als Möller an der Kreuzberger Frontlinie stand. Da gab es die Maifeier-Randale noch gar nicht. Da wurde an jedem beliebigen Tag des Jahres randaliert, wenn es die Besetzerräte für politisch geboten hielten – in der Regel nach dem Besuch einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei und eines Staatsanwaltes aus der P-Abteilung. Aus Sicht der Autonomen befand sich Möller eindeutig auf der anderen Seite der Frontlinie. Die P-Abteilung galt auch der gemäßigten Linken um die Alternative Liste als eine eingeschworene Gemeinschaft von Hardlinern mit ausgeprägter Wagenburg-Mentalität und überzogenem Korpsgeist. Missliebigen Politikern wie dem Kreuzberger Baustadtrat Werner Orlowsky wurde schon mal ein Verfahren wegen „Veruntreuung öffentlicher Gelder“ angehängt. Streitwert: 1,24 Mark. Möller dagegen sagt: „Die Staatsanwaltschaft ist die objektivste Behörde der Welt. Es gab keine Verfolgungswut.“ Und: „Das ist hier immer noch ein Rechtsstaat. Wer eine Straftat begeht, wird verfolgt.“ Er habe auch gegen prügelnde Polizisten wegen Körperverletzung ermittelt. Wenn Geschäftsmann Möller heute durch das quirlige Kreuzberg schlendert, läuft sein Alter Ego, der Staatsanwalt, über den Friedhof der West-Berliner Hausbesetzerbewegung, vorbei an den Grabsteinen mit verwitterten Inschriften: Luckauer 3, Oranien 192, Fränkel 48 („die Fränkelburg“), Görlitzer 37, Manteuffel 43. Nur noch wenige kennen diese Kürzel – Ulrich Möller hat sie sofort präsent. Sie haben sich in sein Gedächtnis gemeißelt wie Schauplätze von Kriegserinnerungen. Er hat noch seine alte Feldherrnkarte mit den Grundrissen von SO 36 aufgehoben – eine Privatanfertigung. Darin sind die Zentren des Widerstands dunkel umrandet. Pfeile weisen auf die möglichen Fluchtwege aus den Häuserblocks.

Erinnerungen aus belebter Zeit: „Unten waren die Häuser verbarrikadiert – so konnten Besetzer noch in Ruhe zuschauen, wie die Polizei anrückte, die Klamotten zusammenpacken und abhauen. Die Häuser hatten teilweise ein sehr ausgeklügelten Fluchtsystem. Entweder ging es übers Dach, oder die Brandwände in den Dachgeschossen waren durchgebrochen. Manchmal gab es auch einen Tunnel im Keller. Zum Beispiel in der Oranien 198. Als wir morgens um Sechs anrückten, war das Haus voller Besetzer. Die begrüßten uns aus den offenen Fenstern. Vom Dach wurden Gehwegplatten geworfen. Drinnen haben wir niemand angetroffen. In der Oranien 192 waren auf den Treppenabsätzen Bettgestelle montiert, die runtergelassen wurden, wenn die Polizei kam. Teilweise waren diese Gestelle unter Strom gesetzt.“

Verletzt wurde Möller nie. Mit der Zeit entwickelte er einen sechsten Sinn. „In der Admiralstraße habe ich dem Bürgermeister von Kreuzberg, Wolfgang Krüger, mal das Leben gerettet. Wir kommen in das Haus – war schon schwierig, die Treppen hochzukommen. Die waren alle mit Armier-Eisen versperrt. Krüger tritt an ein Fenster heran. Davor liegt ein Teppich. Krüger will gerade drauftreten, da reiß ich ihn zurück und zieh den Teppich weg – da konnten sie runtergucken bis in den Keller.“ Möller lässt die Story ein paar Sekunden nachhallen und sagt dann: „Das gehört zur Beurteilung von Hausbesetzern dazu. Was wollen sie dann noch für Sympathien mit diesen Leuten haben?“

Ein zweites Mal lässt er sich nicht zu einer emotionalen Äußerung hinreißen. Die Hausbesetzerszene müsse man stark differenzieren – zwischen den freundlichen „Müslis“, die ihre Häuser instand setzen wollten, und Unterstützergruppen von RAF und Revolutionären Zellen lägen Welten. Der Großteil der 130 besetzen Häuser sei strafrechtlich nicht aufgefallen. „Die wurden auch in Ruhe gelassen.“ Über den auffälligen Rest musste Möller dem Justizsenator regelmäßig Bericht erstatten. Wenn die Beschwerden überhand nahmen, wurde eine Durchsuchung angeordnet. Vor Gericht seien die Autonomen dann immer stumm geblieben. Das nimmt Möller den radikalen Besetzern fast am meisten übel. Sie hätten keine Botschaft gehabt, kein Konzept von einer anderen Welt. Sie haben ihn, Möller, in den zähen Gerichtsverfahren, oft tödlich gelangweilt. Auch deshalb ist er aus dem Katz-und-Maus-Spiel ausgestiegen. Möller hasst langweilige Sitzungen. Seine Freunde vom Fernsehen hätten ihm abgeraten, jetzt, mit 53 Jahren, noch anzufangen. Damit es trotzdem nicht langweilig wird, hat er seine Zulassung als Rechtsanwalt beantragt. Arbeitsgebiet: Strafrecht.












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