p r e s s e | & - m i t t e i l u n g von: Neues Deutschland, 22.03.02, Artikel |
| Projekt für befriedeten 1. Mai auf der Kippe Konfuse Debatte in einem Kreuzberger Gotteshaus/Autonomen-Tumulte unter Polizeischutz Von Rainer Funke Bräuchte man ein Hörgerät, hätte man es getrost abschalten können – Vertreter der autonomen Szene brüllten, kreischten und pfiffen. Wer demgegenüber auf dem Podium saß, versuchte, sich per Mikrofon irgendwie Gehör zu verschaffen. Dabei ging es lediglich darum, über Gewaltfreiheit am bevorstehenden 1. Mai zu reden. Die Würde des Gotteshauses am Lausitzer Platz offenbar ignorierend, hatte dazu das in Kreuzberg ansässige »Stadtforum von Unten« eingeladen. Ringsum war die Kirche am Mittwochabend von der Polizei abgeschirmt. Ein paar hundert Meter entfernt hatte man Wannen aufgefahren. Im überfüllten Kirchengebäude selbst hockte eine Vielzahl von Damen und Herren in einer gewissen Überkostümierung, die sie als Personenschützer oder undercover handelnde Polizisten auswies. Ein Vertreter der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB) wollte gar ausgemacht haben, dass es sich um 30 Prozent der anwesenden 500 oder 600 Personen handeln müsste. Das Mai-Thema birgt bekanntermaßen allerhand Zündstoff in sich. Seit ein Personenbündnis für den 1. Mai eine Versammlung in ganz Kreuzberg angemeldet hat und mit Diskussionen und Festen den Stadtbezirk befrieden und damit die bisher üblichen Straßenschlachten vermeiden möchte, ist sich die autonome Szene – mehr noch und grundsätzlicher als sonst – in die Haare geraten. Die Tumulte, die über Bündnis-Vater Peter Grottian hereinbrachen, als er den aktuellen Stand der Vorbereitungen darstellen wollte, dürften dafür ein hinreichendes Zeichen sein. Man wolle am 1. Mai die Straße für die politische Auseinandersetzung zu relevanten Themen übernehmen, die Linken sollen wieder im Sinne gemeinsamer Politikfähigkeit zusammengeführt werden, es mögen alle Radikalitäten dabei sein, so der FU-Professor in diesem Moment wie auch in den Wochen davor. Das muss missverstanden worden sein. Drei Tage war es her, seit vermutlich Leute aus selbiger Szene, die er jetzt zu überzeugen versuchte, ihm das Auto in Brand setzten. Aber nicht deshalb steht sein Projekt, das von Gewerkschaften, der SPD sowie einigen Bürgerinitiativen getragen wird, auf der Kippe. Vielmehr soll eine Grundbedingung des Bündnisses für einen friedvollen 1. Mai nicht erfüllt werden – ein polizeifreies Kreuzberg für die Stunden des Festes. Da lässt Innensenator Ehrhart Körting (SPD) auch nicht mit sich reden. Er hätte es nicht einmal gekonnt, weil seine Worte in der allgemeinen Gemengelage trotz mehrerer Lautsprecher untergingen. Kern seiner Bemerkungen: Man werde für Sicherheit sorgen, wann und wo es nötig sei, allerdings nicht mit »polizeilichem Aufmuskeln« Vorwände für Steinewerfer bieten. Selbst ein polizeiverdünntes Kreuzberg setze gegenseitiges Vertrauen voraus. Und wo das nach solch einer Veranstaltung herkommen soll, sehe er nicht. Auf Körting rieselte der versammelte Frust autonomer Gruppen herunter. Er wurde Kriegstreiber genannt, für die Kriegskredite verantwortlich gemacht, die von seiner Partei 1914 gebilligt wurden, für das aktuelle Geschehen in Palästina, Libyen, Israel und Afghanistan. Man verglich den Senator und seine Beamten mit der Gestapo. Sparschweine und Kriegstreiber hätten in Kreuzberg nichts verloren, skandierte die Menge. Körting wurde gefragt, warum es in der PDS viel klügere Köpfe gebe als in der SPD. Einer meinte, dass das Projekt des Personenbündnisses um Grottian von langer Hand vorbereitet wurde, um die Linke zu spalten. Der AAB, am Bündnis beteiligt, wurde Verrat an der Sache der Arbeiter vorgeworfen. Der AAB-Vertreter konterte, hier in dieser Kirche herrsche »ein dümmlicher Verschwörungswahn«. Ex-Kultursenatorin Adrienne Goehler (Grüne) beschwerte sich über die Gesprächsunkultur, was ihr unflätige Beschimpfungen einbrachte. Inzwischen duzten manch Autonome in ihrem Ärger lautstark den Innensenator. Ein gewisses förmliches Vertrauen war also erstmal geschafft. Es gebe mehr als genug gute Gründe in Kreuzberg und anderswo, Steine zu schmeißen, und man solle es auch tun – wegen der sozialen Not, fehlender Lehrstellen, mangelnder Arbeit, der Scheißkriegspolitik, wie verschiedene Redner darstellten. Will Grottians Personenbündnis statt bei einem gewaltfreien 1. Mai nicht vielmehr dabei mittun, im Inneren Frieden und Demut zu schaffen, damit nach außen Krieg geführt werden kann? Es wurde »ein soziales Europa von unten« gefordert. Mehrere wandten sich gegen die Grottian-Diktatur von oben. Und allesamt widersprachen sich gegenseitig. Nicht nur auf dem Podium kam man zu dem Schluss, dass das Friedenskonzept für den 1. Mai so keineswegs funktionieren könne. Am Montag will die Bündnis-Versammlung ohnehin tagen. Dort soll entschieden werden, ob der Mai-Plan aufgegeben wird. Grottian und seine Mitstreiter schienen nicht allzu sehr von Optimismus geplagt zu sein. |