p r e s s e | & - m i t t e i l u n g von: Neues Deutschland, 27.02.02, Artikel |
| Revolutions-Demo führt vom Oranienplatz zum Außenamt Streit in der autonomen Szene über Protestformen am diesjährigen 1. Mai / AAB schlägt schärfere Töne an Von Rainer Funke Die Route für die diesjährige »Revolutionäre 1.-Mai-Demo« steht fest: Sie wird ab 18 Uhr vom Oranienplatz über die Friedrichstraße zum Auswärtigen Amt am Werderschen Markt führen, war gestern beim Anmelder Antifaschistische Aktion Berlin (AAB) zu erfahren. Das Motto soll »Kapitalismus abschaffen! Eine andere Welt ist nicht möglich!« lauten. Damit will man sich, wie Marc Schlosser von der AAB dem ND sagte, von bekannten und ähnlich klingenden linksreformerischen Ansätzen der Systemkritik absetzen. Gemeinsam mit anderen Gruppen sollen »verschiedene Aspekte radikaler Kritik an den herrschenden Verhältnissen auf die Straße gebracht werden«. Die enttäuschten Hoffnungen rot-grüner und rot-roter Reformpolitik habe »viele zu Recht desillusioniert, aber auch mobilisiert«. »Die Wut ist groß«, meint man bei der AAB, wie Sprecherin Andrea Laumeyer sagte. Und schlägt damit deutlich schärfere Töne an als noch vor wenigen Tagen, als AAB im Schoße des Personenbündnisses »Denk Mai Neu« sich angetan vom Versuch eines politisierten und zugleich gewaltfreien Maitages zeigte. Man sei in diesem Bündnis, wird nunmehr festgehalten, »um über Hintergründe und Legitimität auch militanter Widerstandsformen hier und anderswo« aufklären zu können. Offenkundig sieht sich die AAB in Zwängen, mit einem Radikalitätsschub auf Akzeptanzschwierigkeiten in der autonomen Szene reagieren zu müssen. Hier werden derzeit heftige Debatten über den vom Personenbündnis ins Gespräch gebrachten politischen 1. Mai geführt. Der AAB wird vorgeworfen, sich in ein Bündnis begeben zu haben, in dem »die revolutionären Inhalte verhandelt, taktiert und entstellt werden«, wie das eine Gruppe »bone« artikuliert. Deshalb spricht man der AAB jedwede Legitimation ab, für autonome Gruppen das Wort zu führen. Wer den 1. Mai befrieden wolle, dies unterstütze oder ermögliche, der »stellt sich auf die Seite des Staates und den von ihm verursachten Unterdrückungsmechanismen und leistet dadurch einen Beitrag zur Zementierung dieses Unrechtssystems«, heißt es in einem Artikel, der mit »Was tun?« über- und mit »global resistance« unterschrieben ist. An solchem Tage müssten »eindeutig radikale Forderungen im Vordergrund stehen« und sich auch »in direkten Aktionen äußern«. Eine »Rote Aktion Berlin« wiederum ahnt allzu Böses: Es habe den Anschein, dass »mit der neuen Regierungspartei PDS nur versucht wird, den Integrationshut über die gesamte radikale Linke zu stülpen«. So gesehen, sei es egal, dass die AAB eine Revolutions-Demo angemeldet habe. Man selbst werde mittun, Protest in Widerstand zu verwandeln. »Mit dem Revolutionären 1. Mai geben wir der berechtigten Wut über die sozialen und politischen Missstände eine Adresse«, auf dass die Wut auch die Verantwortlichen treffe. Für das Personenbündnis dürfte die Tatsache, dass sein Aufruf weit im Vorfeld des 1. Mai eine Debatte über denselben in Gang gesetzt hat, bereits ein bescheidener, aber ganz wichtiger Erfolg sein. Auf vielerlei Podien will es mitdiskutieren, in den nächsten Wochen wie am Tag selbst. Etwa zu den Themen »Warum eigentlich nicht einmal im Jahr Steine werfen?«, »Macht und Ohnmacht – Gewalt: gesellschaftliches Problem oder politische Strategie?«, »Rot-Rot – eine Inspektion des Anfangs« und »Gäbe es denn irgendwelche habhaften Alternativen?«. Das Konzept des Personenbündnisses geht ausdrücklich davon aus, ganz unterschiedliche Radikalitäten unter seinem Dach zuzulassen. Als Voraussetzung allen Gelingens, einen Maitag ohne Gewalt zu organisieren, sieht man ein polizeifreies Kreuzberg. Von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) wird erwartet, dass er Anfang April ein entsprechendes Signal setzt. Ohne dieses, so verlautete, seien alle Mühen wohl vergebens. |