t e x t e  |  d i s k u s s i o n 
         von: GRUPPE ARBEITERMACHT
   

1. Mai IN BERLIN
WAS HEISST HIER REPOLITISIERUNG?


- Kürzung der Personalkosten um 1,1 Mrd. EURO
- Streichung von 15% der Jobs im ö;ffentlichen Dienst
- Privatisierung von 400 Kitas, von weiiteren Krankenhäusern
   und öffentlichen Einrichtungen
- Schließung von 12 öffentliichen Bädern


Der SPD/PDS-Senat setzt munter die Angriffe seiner Vorgänger auf die
Lohnabhängigen, die Arbeitslosen, auf die SchülerInnen und Studierenden
fort. Arbeitslosenraten erreichen auch in Berlin neue Rekordhöhe.
100.000e leben - nicht nur "statistisch gesehen" - in Armut. 10.000e sind
obdachlos ImmigrantInnen und Flüchtlinge sind davon besonders betroffen.
Kampf gegen diese Angriffe des Senats und der Regierung, gegen die
Kriegstreiberei des rot-grünen Kabinetts und der "Opposition", gegen
"Bündnis für Arbeit" und die Unternehmerattacken, Unterstützung von
Streiks in der kommenden Tarifrunde - das müssten Parolen für eine
klassenkämpferische Mobilisierung zum Ersten Mai sein.

In diesem Sinne müsste die Gewerkschaftslinke, die Anti-Kriegsbewegung,
die Anti-KapitalistInnen organisiert auf den Ersten Mai Demos und der
Abschlusskundgebung vor dem Roten Rathaus auftreten. Der Erste Mai
könnte so eine wirkliche Demonstration der Stärke und "Repolitisierung" sein -
gerade auf den ritualisierten, entleerten DGB-Demos. Doch warum an die organisierte Arbeiterschaft ran, warum die Berliner und bundesdeutschen Gewerkschaftsbürokraten und FührerInnen auf ihrem eigenen Terrain politisch herausfordern, warum denn die Komplizenschaft z.B. der Berliner ver.di-Führung mit ihren sozialdemokratischen Parteifreunden
im Senat ankratzen? Solche "Repolitisierung" ist im Mainstream der
Berliner Linken nicht angesagt, nicht angedacht und nicht vorgesehen.
Entweder weil die ArbeiterInnen ohnehin zu doof seien und nichts
anderes als "ihre Führung verdient" hätten, oder weil sich die Berliner Linke an
ebendiese Führung samt Senat und Innensenator für eine Repolitisierung
ganz anderer Art anschmiert.

Das "Personenbündnis" des Herrn Grottian

Seit Anfang Dezember wurde daran gebastelt und spätestens seit 20.02.
ist es nun auch der Presse bekannt: das ,Personenbündnis für einen politischen
und polizeifreien 1. Mai 2002'.
Die Personen sind Gewerkschafter, Mitglieder verschiedener Parteien und
linker Gruppen, verschiedener Initiativen und Vereinigungen,
Schauspieler und Schulleiter, Architekten und Glasermeister,  usw.
Als zentrale Figur für dieses Bündnis rangiert FU-Professor Peter
Grottian und für eine Koordinierungsgruppe standen ihm VertreterInnen der
JungdemokratInnen/Junge Linke, der Antifaschistischen Aktion Berlin,
von Attac und ein Versicherungsmakler zur Seite.

Ginge des dem Personenbündnis nur darum, den Ersten Mai um einige
Diskussionsveranstaltungen, Konzerte, Straßenfeste zu bereichern, wäre
darüber wohl wenig zu sagen. Es sagt aber schon eine Menge aus, wenn das Hauptproblem wirklicher oder vermeintlicher "Entpolitisierung", "Ritualisierung" usw. am Ersten Mai nicht bei der DGB-Demo, nicht beim nur allzu schwach entwickelten Kampf gegen den Senat gesehen wird - sondern bei der "ritualisierten Gewaltkonfrontation".

Als Alternative dazu sollen hier BürgerInnen ihre basisdemokratischen
Rechte politischer Selbstorganisation in die Hände nehmen und durch ihre
Demokratie von unten den 1. Mai repolitisieren.
"Ein solches Ziel", so der Aufruf weiter, "lässt sich nur erreichen,
wenn mit diesem Vorhaben ein politischer Lernprozess der etablierten
Parteien, der Verwaltung und der Polizei einhergeht und vor allem der neue
Innensenator und die Polizeiführung bereit sind, die Selbstorganisation
des 1. Mai ohne Polizeipräsenz dem Personen-Bündnis zu überlassen."
Etablierte Parteien, Verwaltung und Polizei sollten so einem
politischen Lernprozess unterworfen und die inhaltliche Blockade der
Auseinandersetzungen durch die Gewaltfixierung überwunden werden.
Als Rahmen sollen dafür den im ,freundlich besetzten' Bezirk Kreuzberg
erwarteten TeilnehmerInnen eine Fülle von Veranstaltungen geboten
werden - von Kinderfesten über Diskussionsforen und Zukunftswerkstätten bis zu Konzerten. Zur Minimierung von Gewalt sollte sich hierbei die Polizei
aus dem dafür beanspruchten Gebiet zurückhalten.

Pazifismus über alles

Innerhalb der Berliner Linken ist dieses Konzept seit seiner
Veröffentlichung umstritten. Auf der einen Seite schlossen sich dieser
,positiven Utopie' inzwischen eine ganze Reihe von Organisationen an
(selbst einige mit "revolutionärem Selbstverständnis"), auf der anderen Seite
formieren sich Organisationen, die mehr oder weniger scharf dagegen
Position beziehen.

Aber wie steht es um diese Ansprüche tatsächlich? Wo macht sich die
Entpolitisierung am aufdringlichsten bemerkbar? - Wohl bei den
Massenaufmärschen der Gewerkschaften. Eine ernsthafte Repolitisierung
müsste vor allem hier ansetzen, aber davon ist nichts zu bemerken. Entweder
wird hier kein Mangel gesehen oder dieses Problem wird schlichtweg
übersehen.

Statt dessen fixiert sich das Bündnis auf einen Bezirk, der seit
einigen Jahren am Ersten Mai Auseinandersetzungen zwischen DemonstrantInnen und der Polizei erlebt. Die Führungen der Massenorganisationen der Arbeiterklasse sind also nicht das Objekt der Kritik, sondern die Militanz abseits ihrer Manifestationen. Hinter der Rede von der "Gewaltfixierung" seht vor allem eines: Die Gleichsetzung der "Belagerung" Kreuzbergs durch 9000 Polizisten im letzten Jahr, der Repression durch die Staatsgewalt und des berechtigten Widerstandes tausender Jugendlicher, Linker und ImmigratInnen gegen Demo-Verbot und "Besatzung" ihres Kietzes.
Was als Zusatz daherkommt, nämlich die Überwindung der ,Fixierung auf
die Gewaltfrage', ist offenbar der eigentliche Zweck des Personenbündnisses. Diese Fixierung wird offenbar als eigentliche Ursache der politischen  Mängel verstanden. Und als Problemlösung wird eine räumliche Trennung zwischen Polizei und AktivistInnen und ein buntes Programm zur Bindung der militanten Kräfte angeboten.

Eine politische Stoßrichtung gegen Kapital und Senat scheint dieses
Bündnis für seine Politisierung nicht zu benötigen. Es begnügt sich mit einer
Sammlung möglicher Themen und einer nimmermüden Betonung des Wunsches nach Gewaltfreiheit. Damit erweist es sich als nichts mehr als ein pazifistischer Propagandablock, der eine Alternative zu militanten Aktionen schaffen will.

Innensenator Körting freut sich zurecht

Was ursprünglich als ,schmale Chance' ausgedacht wurde, fand
mittlerweile ,überraschenderweise eine realistische Chance auf Verwirklichung'.
Offenbar brachten die bisherigen Vorverhandlungen das Ergebnis, dass sich
Innensenator Erhart Körting (SPD) mit dem Konzept anfreunden kann, die
Polizeigewerkschaft (GdP) aufgeschlossen zeigt und die Polizeiführung
sich nach anfänglicher Skepsis mittlerweile auch in modifizierter Form
einwilligen könnte. Aus der etablierten Parteienlandschaft erhebt sich
die Hoffnung, ,die alte Gewaltspirale in dieser Weise zu unterbrechen'.
Dafür sind die "etablierten Parteien" nun auch bereit, in die in die Kasse
zu greifen und das Spektakel mit etlichen 1000 Euro zu sponsern
Die Verwunderung dürfte tatsächlich aber weniger auf der Seite des
Personenbündnisses als auf der anderen Seite bestanden haben.

Der Berliner 1. Mai war wegen seiner Militanz immer wieder in den Schlagzeilen, was sowohl dem Hauptstadt-Image nicht so gut bekam, als auch den finanziellen Erfordernissen für die massive Polizeipräsenz. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren gerade die militanten Aktionen immer mehr Zulauf erhielten und die Polizei sich zunehmend mit dem Problem auseinandersetzen musste, wie sie in einem Stadtteil, wo die Mehrheit der Bevölkerung mit den "Ausschreitungen" sympathisierte, Kontrolle bewahren kann.

Wenn es bei dieser Konstellation jemand auf sich nimmt, anstelle einer
,Gewalterschöpfung' ein buntes Allerlei zu veranstalten, kommt das doch
wie gerufen. Selbst wenn vom Personenbündnis das Sparprogramm des
SPD-PDS-Senats als "Bankrotterklärung des Politischen" gebrandmarkt wird, hätte diesem Senat doch nichts besseres passieren können.
Was die Rolle der Polizei anbelangt, so lässt sie sich garantiert nicht
völlig zurückhalten. Sie verwahrt sich auch gegen Vorstellungen,
Kreuzberg zum "rechtsfreien Raum" zu erklären und fordert dementsprechend, dass das staatliche Gewaltmonopol konsequent umgesetzt werden müsse. Selbst wenn sich die Polizei scheinbar bereit erklären sollte, sich für einen Tag aus der ,Politmeile' Kreuzbergs zurückzuziehen, wird das nur die Form der
Präsenz ändern: Polizei ohne Uniform oder Einsätze für sogenannte Notfälle -
vielleicht sogar zur Unterstützung des Personenbündnisses. Statt sich auf die eigene Organisierung gegen den Staat zu konzentrieren, setzt das Personenbündnis auf den "Lernprozess" der Polizeioberen - das
ist keine Politisierung, sondern eine politische Bankrotterklärung.
Als weiteres Problem kommt hinzu, dass sich Form der vom
Personenbündnis angestrebte Form der Politisierung auch nicht verträgt mit den
politischen Notwendigkeiten. Auch wenn alles für möglich und unterstützenswert erklärt wird, organisiert es faktisch kulturelle Erbaulichkeiten und Diskussionen zu einer Zeit, wo politische Manifestationen und Aktionen vorgesehen und notwendig sind. Die großen Gewerkschaftsdemonstrationen sind davon noch nicht betroffen - ihr politischer Gehalt steht ja offenbar nicht auf dem Prüfstand - aber mindestens die traditionelle Demonstration vom
Oranienplatz, die am frühen Nachmittag startet und die abzusehende
nötige Gegenmobilisierung zum Aufmarsch der NPD.

Auch wenn letzteres formal unterstützt wird, werden durch das reguläre
alternativ aufgezogene Programm die Kräfte dafür geschwächt. Und was
die vom Oranienplatz aus startende Demonstration anbelangt, wurde den
VeranstalterInnen kürzlich ein Vorgeschmack auf die ,neue politische
Kultur' des selbsternannten Repolitisierers Grottian gegeben, nachdem sie von
ihm zu einer Klärung der Frage eingeladen wurden, ob sie auch unter seinem
Dach als Schirmherren Platz hätten: bei diesem Gespräch durften die
VeranstalterInnen zur Kenntnis nehmen, dass der größte Teil ihrer Anliegen ohnehin schwachsinnig seien und dass es Nachfragen mit dem zarten Nervenkostüm eines Politologieprofessors zu tun bekommen, der wohl am besten weiß, was politisch ist.
Der weiß nämlich immerhin, dass "die Türken" sowieso keine Beziehung
zum 1. Mai haben und die arabischen und türkischen Jugendlichen "ohnehin nur
Krawalle" wollen. Diese Aussage ergänzte er nachträglich noch mit den
kurdischen Jugendlichen - soll ja alles political correct sein.
Immerhin wird damit deutlich, wen sich dieses Personenbündnis als zentrale Figur hinstellt, wie die ,Politisierung' praktisch in Erscheinung tritt und
auf welcher Seite sie steht - wenn es Zweifel geben sollte.
Dieser Standort lässt sich aber schon anhand der Zusammensetzung des
Personenbündnisses erkennen. Wo sollen wir denn im Verbund mit Gewerbetreibenden, Richtern und Pfarrern auch hinkommen?
Wer sich mit einem Anspruch einer Politisierung des 1. Mai mit einem
Aufruf an die Massenorganisationen der Arbeiterbewegung und die Linke nicht
zufrieden gibt, sondern ein einvernehmliches klassenübergreifendes Bündnis
kreiert, kann sich wohl ausrechnen, dass damit lediglich eine Politisierung
ganz besonderer Machart erreichbar ist: eine Beschränkung der Initiativen
auf das, was der klassenversöhnlerische Charakter für die vorbereiteten
Veranstaltungen zulässt. Besser könnte eine Entpolitisierung gar nicht garantiert werden.

Die Ausflucht, dass es sich hier um keine Klassenkollaboration handelt,
weil einzelne bürgerliche VertreterInnen nur als Personen aufgenommen sind,
macht die Angelegenheit nicht weniger fatal. Das weist nämlich auf die
nächste grundlegende Problematik hin: dass die proletarischen
Massenorganisationen (ja alle Gruppierungen) auch nur durch einzelne Personen vertreten sind, wodurch keine Verbindlichkeit für eine Politisierung und Mobilisierung erreicht ist.

Es entlässt die Organisationen der Arbeiterbewegung aus ihrer politischen
Verantwortung und lähmt sich durch die Einbeziehung von Vertreter der
Bourgeoisie und der Mittelschichten. Ersteres wird als Problem ignoriert und
letzteres gilt dem Personenbündnis sogar als besonders erstrebenswert,
denn es setzt ja nicht auf die Mobilisierung der Arbeiterklasse und der
Unterdrückten, sondern auf ,die Überzeugungskraft des Konzepts bei den
Bürgerinnen und Bürgern Berlins'.

Zusammengefasst haben wir es bei dem ,Denk Mai Neu!'-Personenbündnis
mit einer Initiative zu tun, die genau das betreibt, was sie kritisiert,
nämlich eine Entpolitisierung.

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