Soziologie II, 2. Semester, SS 2000, "Familiensoziologie", Frau Dr. Ulrike Zartler

Verfasserin: Erika Langgartner

 

 

 

Lauter autonome Individuen?
Individualisierung und Pluralisierung vs. Polarisierung und Segmentierung

Gegenüberstellung der Argumentationen am Beispiel von Familie und Elternschaft

 

Inhalt:

  1. Die Individualisierungsthese
  2. Kritikpunkte zur Individualisierungstheorie
    1. Analyse der Indikatoren für Individualisierung
      1. Auflösung von Werten und Normen
      2. Größere Spannweite oder Pluralisierung von Verhaltensweisen
      3. Biographische Instabilität und biographische Kontrolle
      4. Elternschaft als Entscheidung
    2. Gültigkeit nur für bestimmte Gruppen oder Milieus?
      1. Der Einfluss von Bildung und ethnischer Herkunft auf Fertilität
      2. Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  3. Verteidigung der Individualisierungstheorie
    1. Individualisierung ¹ Pluralisierung ¹ Autonomie
    2. Individualistisches Missverständnis
    3. Rationalistisches Missverständnis
    4. Zum Widerspruch Standardisierung – Individualisierung
  4. Zusammenfassungen und Schlussfolgerungen

Abgabetermin: März 2002

Einleitung

Die in den achtziger Jahren begonnene Individualisierungsdiskussion, ausge-hend von Ulrich Becks Risikogesellschaft (1986), wurde in den neunziger Jah-ren erneut aufgegriffen und von mehreren Seiten kritisiert. Die Kritiker äußern zwar keinen Zweifel an einem langfristigen Trend der Individualisierung, relati-vieren jedoch seinen universellen Anspruch, seine Neuartigkeit (v.a. am Bei-spiel von Familie und Elternschaft) und seine Reichweite.

Als Grundlage für diese Arbeit dient eine Diskussion, die im Jahre 1993 zwi-schen den Soziologen Günter Burkart auf der einen und Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim auf der anderen Seite in der Zeitschrift für Sozio-logie ausgetragen wurde. Burkart versucht hier, anhand des Themas "Elternschaft" die Thesen der Individualisierung zu kritisieren und eine eigene Position zu entwickeln.

Zunächst erfolgt eine kurze Beschreibung der wesentlichen Inhalte der Indivi-dualisierungsthese, an die sich dann eine Darstellung der einzelnen Kritikpunk-te von Burkart und die Entgegnung durch Beck u. Beck-Gernsheim an-schließt. Im abschließenden Teil stelle ich die Ergebnisse dann zusammen und versuche, daraus Schlussfolgerungen für die Debatte zu ziehen sowie mögliche Auswirkungen auf die Sozialarbeit bzw. auf die Einstellung von Sozialarbeiter-Innen abzuleiten.

 

  1. Die Individualisierungsthese
  2. Die Grundaussage der Individualisierungsthese lautet, dass sich die Menschen heute wachsenden Wahlmöglichkeiten in ihrer Lebensgestaltung gegenüber sä-hen, die sich aus dem Wegfall von traditionellen Zwängen und Vorgaben erge-ben hätten. Befreit von diesen tradierten Werten, die durch Familienverband, Dorf, Stände oder Klassen definiert gewesen seien, könne sich jede/r ihren/sei-nen eigenen Lebensentwurf selbstbestimmt und nach eigenen Wünschen aus-suchen und zusammenbasteln. Was Familienformen betrifft, entstünden neben der Kernfamilie heute ganz neue Varianten familiären Zusammenlebens: Allein-erzieherInnen, nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kind(ern), patchwork-Familien mit Partnern (oder Kindern) aus erster oder zweiter Ehe, usw.

    Beck u. Beck-Gernsheim definieren Individualisierung als "erstens die Auf-lösung und zweitens die Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen durch andere, in denen die einzelnen ihre Biographie selbst herstellen, insze-nieren, zusammenschustern müssen, und zwar ohne die (...) stabilen sozial-moralischen Milieus, die es durch die gesamte Industriemoderne hindurch im-mer gegeben hat und als "Auslaufmodelle" immer noch gibt." (Beck/Beck-Gernsheim 1993, s. Lit.verz. Aufsatz 2, S. 179)

  3. Kritikpunkte zur Individualisierungstheorie

Günter Burkart zweifelt die generelle Reichweite der Individualisierungsthe-se an und will die Dimensionen Bildung und ethnische Zugehörigkeit mit einbe-ziehen. Er vertritt die Auffassung, dass sich individualistische und familienorien-tierte Milieus auseinanderentwickeln würden und somit eine strukturelle Seg-mentierung zu konstatieren sei.

2.1 Analyse der Indikatoren für Individualisierung

Zur empirischen Überprüfung der Annahme, dass Individualisierung ein allge-meiner Trend in unserer Gesellschaft sei, wertet Burkart Daten aus einer Studie über "Individualisierung von Elternschaft am Beispiel der USA" aus den letzten dreißig Jahren aus. Dazu untersucht er folgende Indikatoren:

2.1.1 Auflösung von Werten und Normen (normative Unverbindlichkeit)

Burkart vertritt die Auffassung, dass sich für eine Auflösung von Normen kei-ne Belege finden lassen, sondern dass alte Normen durch andere, neue ersetzt werden. Als Beispiele für neue Normen führt er veränderte Altersnormen für die Elternschaft (Aufschub der Elternschaft), oder die Erwartung an Frauen, vor der Familiengründung zunächst eine Ausbildung abzuschließen, an.

      1. Größere Spannweite oder Pluralisierung von Verhaltensweisen

Die Annahme einer größeren Vielfalt von Entscheidungsoptionen müsste sich in einer vergrößerten Spannweite von Verhaltensweisen niederschlagen. Nachfol-gend eine Untersuchung von drei Indikatoren für eine solche Pluralisierung:

      1. Biographische Instabilität und biographische Kontrolle

Burkart bestätigt zwar die Beobachtung einer steigenden Anzahl von Sing-les und Einelternfamilien, bezweifelt aber, dass dies als Individualisierung zu in-terpretieren sei, weder im amerikanischen Sinn der Selbstverwirklichung noch im deutschen Sinne eines Zuwachses an Entscheidungsautonomie. Vielmehr seien diese Resultate von familiären Zusammenbrüchen. Zur Kontrolle der Bio-graphie in Bezug auf Elternschaft ließe sich zwar ein Anstieg des Gebrauchs von Kontrazeptiva feststellen, doch gäbe es immer noch einen recht hohen An-teil an unerwünschten oder ungeplanten Schwangerschaften.

2.1.4 Elternschaft als Entscheidung

Zur Frage, ob sich Frauen heute zwischen Mutterschaft und Kinderlosigkeit frei entscheiden können, hätte laut Burkart bisher niemand empirisch gezeigt, dass dies nach einer Kosten-Nutzen-Rechnung, also bewusst geschehen wür-de. Vielmehr ließen sich strukturelle Bedingungen oder Zwänge herausarbeiten, unter denen "Frauen in verschiedene biographische Pfade gelenkt werden". (Burkart 1993, s. Lit.verz. Aufsatz 1, S. 166)

2.2 Gültigkeit nur für bestimmte Gruppen oder Milieus?

In diesem Abschnitt soll Burkarts Grundhypothese überprüft werden, wo-nach sich der Individualisierungsprozess nicht in allen sozialen Milieus in glei-chem Maße feststellen ließe: "Die sozialen Strukturen mancher Milieus brem-sen oder verhindern das Aufkommen individueller Wahl- und Entscheidungsfrei-heit. (...) Im Gegensatz zu einer der Kernaussagen der (radikalen) Individuali-sierungstheorie, der zufolge Individualisierung ein Trend ist, der früher oder später alle gesellschaftlichen Schichten und Milieus durchdrungen haben wird, lautet die Prognose dieses Aufsatzes, dass strukturelle Segmentierung weiter-hin bestehen bleibt und sich vielleicht sogar verstärkt." (Burkart 1993, s. Lit.verz. Aufsatz 1, S. 167)

      1. Der Einfluss von Bildung und ethnischer Herkunft auf Fertilität

Die Analyse offenbart deutliche Unterschiede in der Fertilität und dem Zeitpunkt des Übergangs zur Elternschaft für Frauen mit unterschiedlichen Bildungsgra-den und für die Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen:

      1. Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Als bestimmende Faktoren werden hier das Vorhandensein eines unterstützen-den Partners und finanzielle Ressourcen genannt: Für Karrierefrauen stellten sich nur zwei Optionen: Kinderlosigkeit und späte Mutterschaft. Fehlte ein un-terstützender Partner, blieben diese Frauen oft kinderlos. Durch private Kinder-betreuung und Haushaltshilfen könne eine Karriere-Orientierung beibehalten werden. Frühe Elternschaft ist für sie keine Option. Für die meisten der jungen schwarzen Frauen ist Kinderlosigkeit keine Option, frühe Mutterschaft dagegen sehr häufig; die überwiegende Mehrheit dieser Schwangerschaften ist weder gewollt noch geplant, sondern wird in Kauf genommen.

2.3 Kritik zum Entscheidungsbegriff

Burkart stellt in Frage, ob sich Menschen an den Gabelungen ihrer Biogra-phie tatsächlich frei und bewusst für eine bestimmte Variante entscheiden kön-nen. Er vermutet eher, dass sich je nach Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe be-stimmte Optionen gar nicht stellen bzw. dass statt freier Entscheidungen struk-turelle Zwänge oder familiäre Zusammenbrüche das Verhalten beeinflussen.

2.4 Der Widerspruch Standardisierung - Individualisierung

Ein weiterer Kritikpunkt ist das ungeklärte Verhältnis der widersprüchlichen Aspekte von Individualisierung und Standardisierung. Burkarts Beobach-tung nach treten an die Stelle alter Normen und Rollen meist neue, werden an den einzelnen Menschen neue Erwartungen gerichtet, nach denen er sich zu verhalten hat, was zu einer Nivellierung von Verhaltensmöglichkeiten führt.

 

3. Verteidigung der Individualisierungstheorie

Die beiden VertreterInnen der Individualisierungstheorie, Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim, reagieren auf Burkarts Ausführungen mit einer Reihe von Entgegnungen und Richtigstellungen:

    1. Individualisierung ¹ Pluralisierung ¹ Autonomie

Beck/Beck-Gernsheim wehren sich dagegen, dass Burkart in seiner Ar-gumentation mehrere Theorien in einen Topf würfe, um dieses Konglomerat dann pauschal und undifferenziert als widersprüchlich zu kritisieren. Sie weisen die Gleichsetzung von Individualisierung mit Pluralisierung, Autonomie, Verein-zelung, Beziehungs- oder Netzwerklosigkeit, mit Individuation oder gar Emanzi-pation zurück. Vielmehr würden sie unter Individualisierung verstehen, dass sich das Individuum heute inmitten der Weltrisikogesellschaft dazu gezwungen sähe, sich – unter neuen sozialstaatlichen Vorgaben – zunehmend als Indivi-duum zu konstituieren: Sozialstaat und Arbeitsmarkt verlangten geradezu ich-bezogene Lebensweisen, die oft in Widerspruch zu Gemeinsamkeit und Familie stünden (Mobilität, soziale Absicherung über eigene Erwerbstätigkeit).

    1. Individualistisches Missverständnis

Mit Individualisierung sei keineswegs gemeint, dass Individuen im freien Raum der Entscheidungsmöglichkeiten schweben. Mit der Auflösung traditionaler Vor-gaben gewännen neue Institutionen an Definitionsmacht: Arbeitsmarkt, Sozial-staat, Medien, Werbung. All dies wirke zusammen und bilde ein "Netz von Re-gelungen, Maßgaben, Anspruchsvoraussetzungen, die institutionelle Horizonte für das Planen der Individuen vorgeben" (Beck/Beck-Gernsheim 1993, s. Lit.verz. Aufsatz 2, S. 181)

3.3 Rationalistisches Missverständnis

Nicht nur autonome, sondern auch erzwungene Entscheidungen blieben Ent-scheidungen, auch wenn sie unter strukturellen Bedingungen und Zwängen ge-troffen worden seien, auch wenn von mehreren Alternativen nur die schlechtere ausgewählt worden sei und sich das gewünschte Lebensmodell oft nicht erfül-len ließe, meinen Beck und Beck-Gernsheim. "Wenn man hingegen nur rationale Entscheidungen überhaupt als Entscheidungen erkennt und aner-kennt, nur Entscheidungen ohne jeden Anflug von Ambivalenz, Unsicherheit, Zweifel, felsenfest und vorbehaltlos, dann freilich kann es kaum Entscheidun-gen geben – schon gar nicht in der Moderne mit ihrer vielzitierten Komplexität und Unübersichtlichkeit" (Beck/Beck-Gernsheim 1993, s. Lit.verz. Aufsatz 2, S. 183).

3.4 zum Widerspruch Standardisierung – individualisierung

Beck u. Beck-Gernsheim begegnen dem Vorwurf der Widersprüchlichkeit so: "Weil die Individuen unter strukturellen Vorgaben und Zwängen agieren, da-ran ihre Entscheidungen orientieren (...), deshalb fallen die Entscheidungen nicht nach persönlichen Abneigungen oder Vorlieben, sondern oft in ähnlicher Richtung" (Beck/Beck-Gernsheim 1993, s. Lit.verz. Aufsatz 2, S. 185). Sie defi-nieren dieses Verhältnis nicht als Gegensatz, sondern als Gleichzeitigkeit und Verknüpfung.

 

4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Die Argumente in der Individualisierungsdiskussion:

Folgerungen für die Sozialarbeit

Ich halte es für wichtig, dass sich SozialarbeiterInnen mit soziologischen Fragen wie den beschriebenen befassen, weil darin eine Chance liegt, sich vor Verein-fachungen zu schützen. Der/die Sozialarbeiter/in sollte im Beruf eine professio-nelle Haltung einnehmen und sich davor hüten, seine/ihre eigenen Lebenser-fahrungen und erworbenen Fähigkeiten auf seine/ihre KlientInnen zu übertra-gen. Die meisten SozialarbeiterInnen werden wahrscheinlich eher dem akade-mischen Milieu oder zumindest dem Mittelstand zuzurechnen sein und sich viel-leicht eine gewisse Selbstverständlichkeit in der Gestaltung ihres eigenen Le-bens zugelegt haben. Im Kontakt zu unseren KlientInnen dürfen wir jedoch nicht dieselben Maßstäbe anlegen: Ihnen gelingt es wahrscheinlich nicht so leicht, sich aus Zwängen freizuspielen, wie uns, den "Privilegierten", "Individualisier-ten".

Und umgekehrt: Wir können auf Wahlmöglichkeiten hinweisen, wo unsere KlientInnen vielleicht keine sehen, und helfen, diese zu eröffnen. Strukturelle Benachteiligungen können – von außen gesehen – erkannt, benannt und damit vielleicht bearbeitbar werden.

Die Reflexion über solche Debatten wie der zwischen Individualisierung und Polarisierung bewahrt vor ideologischen Vereinnahmungen und unüberlegten Glaubenssätzen wie "Jeder ist seines Glückes Schmied".

Menschen, die im Sozialbereich tätig sind und daher beruflich mit Angehörigen aus anderen sozialen Milieus zu tun haben, sollten zu solchen Reflexionen besonders in der Lage sein.

Literaturverzeichnis

 

 

1. Burkart, G., 1993: Individualisierung und Elternschaft – Das Beispiel USA. In: Zeitschrift für Soziologie Jg. 22, Heft 3, 1993: 159-177

2. Beck, U./Beck-Gernsheim, E, 1993: Nicht Autonomie, sondern Bastelbiographie. Anmerkungen zur Individualisierungsdiskussion am Beispiel des Aufsatzes von Günter Burkart. In: Zeitschrift für Soziologie Jg. 22, Heft 3, 1993: 178-187

3. Burkart, G., 1993: Eine Gesellschaft von nicht-autonomen biographischen Bastlerinnen und Bastlern? Antwort auf Beck/Beck-Gernsheim. In: Zeitschrift für Soziologie Jg. 22, Heft 3, 1993: 188-191

 

 

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