Hosted by www.Geocities.ws

   



Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Uno



~
This means nothing to me
'Cause you are nothing to me
And it means nothing to me
That you blew this away
~


Vor der Galerie blieb Tezuka stehen. Ein rennender Teenager rempelte ihn an, als er sich zwischen ihm und einem vorbeigehenden Passanten hindurchdrängelte.

Tezuka sah ihm verärgert nach und versuchte, sich den Verlauf des Gespräches vorzustellen. Er kam bis zum obligatorischen „Guten Tag“ aber was immer danach kommen würde, konnte er sich nicht ausmalen. Er wusste nicht, was er zu sagen hatte, was er sagen wollte. Vielleicht war es einfach das und es gab überhaupt nichts, was er Fuji sagen wollte. Er hatte seit fast vier Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen, also konnte er sich da ziemlich sicher sein, nicht wahr?

Er stellte sich vor jetzt umzukehren, zurückzugehen in sein Appartement. Es war Sonntag, er hätte viel Zeit, könnte den neuen Trainingsplan für Mitsunobu ausarbeiten, vielleicht ein wenig fernsehen. Warum war er hergekommen? Die Zeitungsanzeige, ja, aber eigentlich interessierte es ihn nicht. Er interessierte sich nicht für Photographie und er interessierte sich nicht für Fuji.

Was interessant gewesen war, war Fujis Tennis. Fujis Spiel war mehr als interessant gewesen: stark, sauber in der Technik, erfinderisch, flexibel und doch unverkennbar. Fujis Spiel war inspirierend gewesen. Er hätte internationale Erfolge haben können, vielleicht den Weltmeistertitel, aber er hatte aufgehört. Das war selbst jetzt, fünf Jahre später, noch unbegreiflich für Tezuka.

Fuji hatte mit dem Tennis aufgehört.
Es war einfach falsch. Es gab keinen Grund. Keine Verletzung, keine Probleme, die einen Ausstieg gefordert hätten, keine Schwächen, keine Niederlagen. Fuji hatte dem Sport einfach den Rücken gekehrt.

Das war unfassbar. Immer noch. Es sollte einem Menschen verboten sein, etwas anderes zu tun, als das, was er am besten kann. Es war eine Verschwendung. Eine Verschwendung von Talent, die egoistische Verachtung einer Begabung, die Tezuka bei keinem anderen Menschen jemals hatte ausmachen können.

Aber so war Fuji immer gewesen. Er hatte nie Ehrgeiz entwickelt, nie danach gestrebt, die Grenzen dieser Begabung auszutesten, hatte letztendlich alles vergeudet, weggeworfen, hingeschmissen. Das konnte Tezuka ihm nicht verzeihen.

Und jetzt diese Galerie. Sportphotographie, einige Bilder preisgekrönt, wie Tezuka gelesen hatte. Es war blanker Hohn.

Eine Welle von Übelkeit oder etwas anderem – Wut vielleicht – brachte ihn dazu, die Galerie zu betreten. Es war nicht überfüllt, aber es waren jede Menge Menschen da. Mehr als Tezuka erwartet hatte. Der Raum war hell und an den weißen Wänden und von der Decke hingen die Bilder. Nicht übermäßig viele, höchstens zwanzig insgesamt.

Tezuka sah sie sich an. Viel Leichtathletik, ein paar Basketball und Tennis. Bilder von der letzten WM. Sie waren gut. Selbst Tezuka sah das. Sie waren nicht einfach gut, sie waren großartig.
Inspirierend.
Es war schrecklich.

Vor dem Bild eines leeren Tennisplatzes blieb Tezuka stehen. Er konnte einfach nicht weitergehen. Er wollte nicht noch mehr von diesen Bildern sehen und er wollte nicht mehr mit Fuji sprechen. Wenn er das denn je gewollt hatte. Es gab nichts zu sagen.

„Tezuka“ Fuji trat neben ihn und sah ihn etwas überrascht an. Er sah gut aus, nicht viel anders als das letzte Mal, als sie sich begegnet waren, vielleicht dezenter gekleidet. Die Überraschung machte übergangslos einem verpeilten Fujilächeln Platz. „Mit dir hab ich gar nicht gerechnet. Hast du schon was zu trinken bekommen? Hier müsste irgendwo ein Typ mit Champus rumrennen.“

Fuji sah sich suchend um und Tezuka fiel auf, dass sein Haar jetzt länger war, gerade lang genug, um es im Nacken zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammenzubinden. Es irritierte Tezuka, dass Fuji so tat, als hätten sie sich nicht vier Jahre lang nicht gesehen. Er wollte nichts trinken, er wollte hier weg, stand aber stattdessen nur da und starrte auf Fujis neuen Pferdeschwanz. Was tat er hier eigentlich?

„Oh, der ist toll, nicht wahr? So arty.“, plapperte Fuji und fummelte ein wenig an dem dünnen schwarzen Gummiband rum, das seine Haare zusammenhielt. Ein paar Sekunden war es still, dann lachte Fuji leise, als ihm ein neuer Gedanke kam. „Yuuta sagt, das sieht mädchenhaft aus, was meinst du?“

Fujis kleiner Bruder war schon immer der vernünftigere von den beiden gewesen, aber Tezuka würde sich hüten etwas dazu zu sagen. Wenn Fuji auch nur ein bisschen so war wie damals – und es sah sehr danach aus – dann war Yuuta immer noch eines seiner Lieblingsthemen, über das er stundenlang reden konnte, wohlbemerkt ohne zwischendurch jemand anderen zu Wort kommen zu lassen.

Und eigentlich gab es nur einen Grund, warum er hier war.
„Warum hast du aufgehört?“, fragte er. Er gab sich nicht viel Mühe, den Vorwurf aus seiner Stimme herauszuhalten.
Fujis Lächeln gefror, einen Augenblick schien es so, als würde es ganz verschwinden, so wie vor vier Jahren, als Tezuka das letzte Mal diese Frage gestellt hatte.

Damals waren sie sich in Melbourne beim Australian Open über den Weg gelaufen. Tezuka hatte gewusst, das Fuji da war, hatte ihn schon am ersten Tag gesehen, als er mit Echizen angekommen war und hatte alles getan, um ihm nicht über den Weg zu laufen. Aber natürlich war Fuji eines morgens zum Frühstück in seinem Hotel aufgetaucht, einen skeptisch dreinblickenden Echizen im Schlepptau, eines seiner nichtssagenden Lächeln im Gesicht, hatte sich zu ihm gesetzt und über alte Zeiten geredet.

Ob er noch Kontakt zu den anderen hätte. Ob er schon von Momos Tochter wüsste, müsste bald zwei werden, süßes Kind. Ob er morgen mitkommen wollte, wenn alles vorbei war, sie würden noch ein paar Tage bleiben und sich ein paar Sehenswürdigkeiten ansehen.

Und das einzige, was ihm eingefallen war, war diese eine Frage. Warum hatte Fuji aufgehört?

Damals war Fujis Lächeln verschwunden, hatte einem schwer zu deutenden Ausdruck Platz gemacht, den Tezuka sich nicht recht erklären konnte. Eigentlich hatte er immer nur eine klare Antwort hören wollen.

Der Moment hatte sich in die Länge gezogen, genau wie dieser Moment sich jetzt in die Länge zog und Echizen hatte schließlich irgendwas gesagt, eine seiner typischen trockenen Bemerkungen, und dann hatten sie sich über die Spiele unterhalten, die sie in den letzten Tagen gesehen hatten.

Diesmal hielt Fujis Lächeln. „Ich spiele immer noch ein oder zweimal in der Woche. Wenn du willst, können wir uns mal zu einem Spiel verabreden.“

Das Angebot traf Tezuka unvorbereitet. Er wusste nicht, ob er gegen Fuji spielen wollte, ob es sich lohnen würde, gegen einen Fuji zu spielen, der seit über vier Jahren kein professionelles Spiel mehr gespielt hatte. Ein Sieg würde nichts bedeuten, eine Niederlage wäre demütigend. Er wollte zu einer Antwort ansetzen, wollte sagen, dass er in nächster Zeit viel zu tun hätte, aber vielleicht später, irgendwann mal...

Aber Fuji musste die Antwort schon gewusst haben, bevor Tezuka sich entschieden hatte.
„Dann eben nicht.“, sagte er schnell und verschränkte die Arme vor der Brust, dann sah er weg, durch Tezuka hindurch und schwieg. Tezuka fiel plötzlich auf, dass Fuji noch nie durch ihn hindurchgesehen hatte, wie er es jetzt tat. Er räusperte sich. „Ich denke, ich werde dann langsam gehen...“

„Ja, tu das.“, antwortet Fuji kurz angebunden.
„Grüß Echizen von mir, falls du ihn triffst.“ Tezuka wusste nicht genau, warum er das sagte, vielleicht, weil Fuji auch noch nie so abweisend gewesen war.

Tatsächlich schien die Bemerkung Fuji aufzuheitern, denn er ließ ein trockenes Lachen hören und auf einmal war da auch wieder das Lächeln auf seinem Gesicht. Ein wenig schief, aber besser als dieser abwesenden Ausdruck. „Sicher.“, sagte er.
„Falls ich ihn treffe.“

Irgendwas daran, wie Fuji das „falls“ betonte, war seltsam, aber Tezuka hatte kein besonderes Interesse daran, es herauszufinden. Er war schon fast an der Tür, als Fuji noch einmal hinter ihm auftauchte und nach ihm rief.

„Es ist nur ein Spiel.“, sagte Fuji, als Tezuka sich umdrehte. Und das war die Antwort auf Tezukas Frage. Die einzige Antwort, die er jemals von Fuji bekommen würde. Die einzige Antwort, die er nicht akzeptieren konnte.

„Dann weiß ich nicht, wie du jemals so gut sein konntest.“

Für den Bruchteil einer Sekunde schien es so, als würde Fuji etwas anderes sagen wollen, aber dann schüttelte er nur den Kopf. „Natürlich. Du hast keine Ahnung.“ Und dann hatte er sich umgedreht und ging und Tezuka sah nur noch seinen Rücken und diesen lächerlichen Pferdeschwanz.

Er öffnete die Tür, atmete die kühlere Luft draußen ein und machte sich langsam auf dem Weg zurück zu seinem Appartement.

~
You could've been number one
And you could've ruled the whole world
And we could've had so much fun
But you blew it away
~







E-Mail  •  Fanfiction

© 2007 by Elster

1