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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Der Sperling




Helles Grau, ein wenig bläulich, wie die Farbe des Himmels bei Schnee. So schimmerte das Gefieder am Bauch des Sperlings. Er lag reglos auf dem Fensterbrett, sein braunes Köpfchen glänzte im morgendlich gleißenden Sonnenlicht. Aber die feinen Federn glänzten nicht so schön wie das Blut, das den hellen Wangenfleck in strahlendes Rot färbte. Ein frohes, lebendiges Rot gegen das triste Grau und Braun.

Er öffnete das Fenster, beobachtete, wie das Licht die spinnennetzförmigen Risse im Glas entlang tanzte. Ein wenig Rot färbte auch hier das eintönig farblose Glas. Eine kleine braune Feder flatterte im Luftzug.

Der Vogel lag noch da, hatte sich nicht bewegt, würde sich nie mehr bewegen.
Er streckte die Hand danach aus, hob den kleinen Körper vom Fensterbrett, betrachtete interessiert, wie das Köpfchen abknickte. Als wäre es nur mit einem dünnen Faden festgemacht.

Der Flügel ließ sich öffnen, entfaltete sich zu einem Flug, den es nicht mehr geben würde, entfaltete sich trotzdem perfekt, wie er es sicher hundert mal gemacht hatte. Nur dass jetzt kein Wind mehr die schönen braunen Federn umspielte, kein Flattern die feinen Muskeln bewegte.

Die Daunen waren weich, schafften eine Illusion von Wärme. Das kleine schwarze Auge glänzte noch feucht wie das Blut auf dem kurzen grauschwarzen Schnabel.

"Was siehst du?" Ein Flüstern, nur ein Hauch. Man braucht nicht laut sprechen zu den Toten. Ein Finger strich über das Rot, verschmierte es tiefer ins weiche Gefieder. "Was hast du gesehen, kleiner Vogel?"

"Die Scheibe jedenfalls nicht."

Er ignorierte die Stimme des Deutschen, wandte den Blick nicht von den akkuraten Federn des Flügels ab. Ein schönes Muster, wie sie sich fächerten, sich verschiedene Brauntöne überlagerten und sie dann in sanft abgerundeten Formen auseinander strebten, sich einem Wind, einem Himmel entgegenstreckten, die sie jetzt nicht mehr erreichen würden.

Er ließ den Finger noch einmal sanft über die rote Wange streichen. Es schmeckte faulig süß, leicht salzig, ein wenig bitter, metallisch. Fast wie menschliches Blut.
"Oh bitte, musste das jetzt sein? Und so was noch vor dem Frühstück, ehrlich!"
Erst jetzt sah er auf von dem schönen Geschöpf in seiner Hand.

Schuldig saß auf dem Bett, rauchte und beobachtete missmutig, wie Farfarello den Vogel auf dem schmalen Tischchen vor dem Fenster ablegte - behutsam, sorgfältig als könne er noch irgendetwas beschädigen - und dann zu ihm herüber kam, um aus den Messern, die neben dem Bett lagen, das kleinste auszuwählen. Schnell griff er nach dem blassen Handgelenk und hielt es fest. "Du willst das Vieh jetzt nicht aufschneiden, oder?"

Es war natürlich eine rein rhetorische Frage. Farfarello wollte ganz offensichtlich.
"Er ist schön.", sagte er ruhig und sah Schuldig mit seinem durchdringenden, goldenen Auge an, als würde er einem kleinen Kind eine Selbstverständlichkeit erklären.

Schuldig seufzte ungeduldig. "Er ist tot. Nur ein verdammt blöder Vogel." Aber er ließ Farfarello los. Es hatte keinen Sinn, ihn länger festzuhalten. Er würde ruhig dastehen und warten und irgendwann musste er ihn doch loslassen und dann würde dieser Vogel immer noch da sein.

"Er ist schön.", wiederholte der Ire nur. Er zog sich einen Stuhl an den Tisch und fing mit ruhigen, exakten Bewegungen an, den Sperling zu sezieren.

Schuldig sah genervt zu, wie Farfarello mit konzentrierter Faszination die Klinge ansetzte, Schnitte machte, einzelne Organe rund um die gefiederte Gestalt herum auf dem Tisch drapierte. Er zog wieder an seiner Zigarette und ließ sich dann nach hinten in die Kissen fallen. Kleintiere zerschnippeln. Schwachsinniges Hobby.

Durch das Fenster wehte kühle Luft herein, die den Geruch nach Blut und Vogelinnereien bis zu ihm trug. Der Tabakqualm konnte den Gestank nicht wirklich überdecken.
Was hatte er hier eigentlich zu suchen? Zeitverschwendung.
Er stand auf, zog schnell Jeans und Pullover an, die über die offene Schranktür hingen und räumte das Zimmer.

Derselbe Luftzug, der die Tür zuschlug, riss eine einzelne graubraune Feder in die Höhe. Sie schwebte langsam, fast schwerelos herab. Helles Sonnenlicht zerbrach an einem gläsernen Spinnennetz und malte winzige Regenbögen an die weiße Zimmerwand. Die blitzende Klinge legte einen winzigen blutigen Muskel frei.

Farfarello sah schweigend zu, wie die Feder auf die kleine Blutlache fiel, die auf der Tischplatte trocknete. Er konnte nichts Besonderes finden an diesem kleinen roten Knoten, der da zwischen den eingefallenen Lungen im Blut lag, nichts, was es schöner oder wertvoller erscheinen ließ. Aber irgendetwas musste es auf sich haben mit dem Herzen...





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