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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Right where it Belongs




See the animal in his cage that you built
Are you sure what side you're on?
Better not look him too closely in the eye
Are you sure what side of the glass you are on?


Durch die blanke Glasscheibe konnte er den ganzen Raum überblicken.
Er war weiß... leer. Wirkte steril und ruhig. Da war nichts, was das Weiß und die Ruhe des Raumes störte. Selbst die Gestalt, die der Scheibe gegenüber an der Wand lehnte, hob sich mit der kreidebleichen Haut, den weißen Haaren und der hellen Kleidung kaum von der Umgebung ab.
Er stand völlig unbewegt da, ruhig, losgelöst. Sah man länger hin, schienen seine Umrisse zu verwischen. Wie ein Geist, der sich von einem Moment auf den anderen in dem Weiß, das ihn umgab und aus dem er selbst zu bestehen schien, auflösen könnte.
Nur das einzelne Auge, das ihn schon die ganze Zeit anstarrte als könne es ihn sehen, schien von Substanz zu sein. Es war auf ihn gerichtet. Ruhig, durchleuchtend, sezierend. Weder fragend, noch bedrohlich - und doch sah es aus wie das Auge eines Raubtieres.
Und plötzlich war er sich nicht mehr sicher: War er der Beobachter, oder war es diese seltsame Gestalt, dieser Mann, der zurückstarrte, der in dem Ausschnitt, den das Fenster zeigte, zu einer fast unwirklichen Erscheinung gerann?
Vielleicht war gar nicht der Mann hinter dem Glas der Gefangene, vielleicht war er es selbst... Auf welcher Seite stand er? Und der Andere? Und warum starrte er ihn aus diesem seltsamen, niemals blinzelnden, goldenen Auge an als wüsste er es?
Oh, nur nicht zu lange in dieses Auge sehen! Nur nicht zu genau nachforschen, welche Schatten im Innern des Bernsteins lauerten, welches Ungetüm sich in der Ruhe, der Unbewegtheit verbarg.


See the safety of the life you have built
Everything where it belongs
Feel the hollowness inside of your heart
And it's all... Right where it belongs


Wenn die weiße Gestalt weniger bedrohlich war, wenn sie schlief, an ihrem Platz blieb, in ihrem Gefängnis hinter der Scheibe, dann konnte er durchs Haus gehen und die Anderen beobachten. Sie waren seltsam, wie Gestalten aus einem Traum, an den er sich nicht erinnern konnte. Sie erschienen ihm zumeist genauso substanzlos und unwirklich wie der schweigsame Mann hinter der Scheibe.
In diesem Haus voller Geister kam ihm der Amerikaner mitunter am wirklichsten vor. Am wenigsten wie ein Fetzten aus einem früheren Traum. Er dachte oft, dass der Amerikaner einem Menschen aus Fleisch und Blut wahrscheinlich sehr nahe kam, aber er konnte sich nicht erinnern, ob er einem solchen Menschen - einem aus Fleisch und Blut - schon einmal begegnet war.
Er konnte sich an Fleisch und Blut erinnern, aber das waren Traumbilder, die ihm das Untier in dem Bernstein sandte, wenn er sich zu tief in dem nebligen Gold verlor...
Der Amerikaner jedenfalls mochte aus Fleisch und Blut bestehen, aber der Beweis müsste noch erbracht werden. Genauso gut konnte er auch aus Chrom, Glas und schwarzem Leder sein, wie sein Büro. Oder aus Zeit - geronnene Zeit, die in seiner Vorstellung die gleiche Farbe hatte wie Asche und Staub und die Anzüge, die der Amerikaner bisweilen trug. Oder es war eine Kombination aus allem... Zeit, Glas und Blut... wer konnte das schon sagen?
Der Amerikaner konnte mit seinem Büro fast genauso verschmelzen, wie der wilde Weiße hinter der Scheibe mit der Helligkeit, die ihn umgab - und dennoch verlor er nicht im gleichen Maße an Substanz. Vielleicht lag es an der Routine, an der obligaten Ordnung, mit der alles in diesem Zimmer seinen Platz in Raum und Zeit hatte.
Alles in diesem Raum war genau dort, wo es hingehörte. Alles. Auch der Amerikaner selbst, wenn er in diesem Raum war. Er hatte einen festen Platz, der seine Umrisse festhielt, und vielleicht war es deshalb unmöglich für ihn, zu verschwimmen.
Er wirkte nur noch ein wenig farbloser, ein wenig mehr wie Chrom und Glas, wenn er länger in diesem Raum blieb. Blutleerer, genau wie der weiße Geist. Möglich, dass das eine andere Art zu verschwinden war. Eine, die die Reste der Person weniger geisterhaft wirken ließ, sie eher noch hervorhob wie etwas handwerklich fein gearbeitetes. Eine, die die Hülle da ließ. An dem Platz, an den sie gehörte.


What if everything around you
Isn't quite as it seems?
What if all the world you used to know
Is an elaborate dream?


Die Ahnung war schon lange da gewesen - lange bevor er sie in Gedanken und Worte hatte fassen können -, dass all das hier nicht real war. Fleisch und Blut, Chrom und Glas, Zeit und Asche - alles war da, war um ihn herum, er konnte es sehen, anfassen, oder zumindest spüren. Aber was waren das schon für Beweise?
Erst der Junge hatte ihn davon überzeugt, dass alles ein bizarrer Traum war. Dieses Kind, ein Geist natürlich, wie sie alle, aber noch viel undeutlicher. Er war kaum mehr als ein Schatten in seiner Wahrnehmung. Ein Kind mit leeren Augen, die Fleisch und Blut gesehen hatten, diesen Traum durchwandert und ihn doch nicht erkannt. Er schien sich noch schneller aufzulösen, als die anderen, war schon fast verschwunden, tauchte nur selten aus den Schatten auf, um ihn mit seinen fragenden, wissenden blauen Augen anzusehen und wieder zu verwischen.
Er sprach kaum ein Wort, war selbst wie ein Schatten. Der Inbegriff eines Geistes, einer Nicht-Existenz. Also wie konnte diese Welt kein Traum sein?


What if all the world's inside of your head
Just creations of your own?
The devils and your gods, all the living and the dead
And you're really all alone


So sicher er sich war, dass sie alle im Begriff waren, zu sterben, so war er doch nur bei einer der Personen, die seinen seltsamen Traum bewohnten, sicher, dass eine Leiche zurückbleiben würde. Lange Zeit hatte er geglaubt, dass der Deutsche tatsächlich aus Fleisch und Blut bestehen würde, aber das war eine Täuschung gewesen. Es war nur sein Körper. Und sein Körper würde irgendwann als Leiche zurückbleiben.
Er hätte früher darauf kommen müssen. So wie der Deutsche seinen Körper behandelte - mit der ganzen eitlen Liebe, der gleichen ironischen Verachtung, die man einem nützlichen Werkzeug oder einem hübschen Spielzeug entgegen bringt. Der Deutsche selbst - der Kern, das Wesentliche - bestand aus Gedanken. Und es gab nur wenig, was ihn mit diesem Körper aus Fleisch und Blut verband.
Er war der weißen Geistererscheinung hinter der Scheibe insofern ähnlich, dass das Äußere mehr verbarg als es preis gab. Es wäre durchaus möglich, dass dieses Meer aus Gedanken, das ruhig brodelnd und tief hinter dem Anschein von physikalischen Grenzen und lebendig-realer Oberflächlichkeit lag, eines Tages das Biest aus dem Bernstein befreien würde - vielleicht auch ertränken.
Es wäre möglich, dass dieses Meer aus Gedanken, dieser Auswurf menschlicher Seelen, alles war, was wirklich existierte. Dass das als einziges wirklich existierte. Dass es nicht Teil dieses Traumes war, sondern der Ursprung, sodass es gar nicht sein Traum war, sondern der des Deutschen. Dann war auch er selbst nicht mehr als ein Geist.
Dann wäre alles - die Lebenden, die Toten, Engel und Dämonen, ja die ganze Welt - nur eine Vorstellung des Deutschen. Dann wäre dieser als einziges real und mit seinem Tod würde alles enden. Und er würde die einzige Leiche zurücklassen, weil niemand anderes da wäre.


You can live in this illusion
You can choose to believe
You keep looking but you can't find the words
Are you hiding in the trees?


Und wenn er glauben wollte, in einer Welt zu leben, die von einem sadistischen, gelangweilten Gott geschaffen worden war, wenn er glauben wollte, sich rächen zu können, dann konnte er das tun. Wenn er es bevorzugte, zu glauben, die Welt sei nur der Auswurf eines anderen Geistes, lief das zwar fast auf dasselbe hinaus, aber auch das konnte er tun.
Es waren Alternativen, die beide nicht stimmten. Er konnte immer noch nicht in Worte fassen, was er sah, wenn er die Welt sah - weil er immer weniger wusste, was diese Welt eigentlich war, wann er sie sah, ob er überhaupt sie sah, wenn er glaubte, sie zu sehen.
Wie unterschied man zwischen Realität und Traum? Und woher sollte man wissen, dass Schmerz nicht auch ein Teil des Traumes war? Schmerz; das einzige anerkannt - wirklich als Realität anerkannte - Gefühl, realer als Trauer und Freude und all die anderen Gefühle, deren Kraft der Mensch mit Schmerz zu umschreiben versucht, wenn er ihnen Gewicht verleihen möchte. Viel realer als Glaube und Hoffnung, viel realer als jeder logische Gedanke. Und doch vielleicht nicht mehr als der Schatten eines Traumes. Vielleicht nichts, dass als Beweis für Realität gelten könnte. Und wenn man soweit gedacht hatte, was machte es dann noch für einen Unterschied, ob man selbst existierte? Wer war er selbst überhaupt? Hatte er sich schon einmal gesehen? Gab es überhaupt Beweise dafür, dass er existierte?


And if you look at your reflection
Is that all you want to be?
What if you could look right through the cracks
Would you find yourself... find yourself afraid to see?


Manchmal, wenn er lange genug durch die Scheibe in den weißen Raum gesehen hatte, war er sich sicher, dass dieser Geist, der da im Weiß zu zerrinnen schien, alle Antworten hätte. Es war ein seltsames Spiel, das der Einäugige mit ihm trieb. Kam er näher, näherte sich auch der Andere. Es war fast wie bei einem Spiegelbild, aber er war sich sicher, dass er nicht der Mann hinter der Scheibe sein konnte. Er wusste, dass er nicht derjenige war, der sich aufzulösen schien. Das war nicht er.
Und dieses Raubtierauge, das ihm Bilder von Blut und Fleisch zeigte, wenn er zu tief hinein sah, war auch nicht seines, nicht das gleiche Auge, mit dem er selbst die Geister in diesem Haus beobachtete.
Er wusste nicht, was dieser Mann dort träumen konnte, aber manchmal war er sich sicher, dass es nur Blut und Verzweiflung waren. Er wusste, dass es nicht die gleichen Träume waren, die er selbst hätte, wenn wachen und träumen nicht dasselbe wären. Er war sich fast sicher, dass sogar die Geister ihn fürchteten. Er fürchtete ihn.
Er traute dieser Scheibe nicht, hatte nicht im geringsten das Gefühl, dass sie ihn vor dem Wahnsinn und der Blutlust, die in dem nie blinzelnden goldenen Auge brodelten, retten konnte. Er wusste, dass sie unsichtbare Risse hatte, durch die die sich auflösenden weißen Konturen des Wilden zu ihm kommen konnten, wenn er nicht aufpasste. Er wusste, dass es schon oft passiert war und dass der wilde Weiße ihm Schmerz und Blut gezeigt hatte, sein eigenes und das Anderer. So vieler Anderer, dass er sich nur an wenige erinnern konnte.
Aber es war nicht schlimm. Nicht schlimmer als ein Alptraum. Nicht schlimmer als Realität, oder das Verschwinden, oder das Wissen, dass es Realität nicht geben konnte. Nicht schlimmer als die Erkenntnis, selbst einmal existiert zu haben, die Erkenntnis, verschwunden zu sein. Vielleicht war er wie der Junge gewesen, so schattenhaft surreal, oder wie der Amerikaner, von dem nur Chrom und Glas bleiben würden. Vielleicht war eine Leiche geblieben als er gestorben war, aber das glaubte er nicht.
Wenn er darüber nachdachte, was aus seiner Existenz geworden war - wenn er davon ausging, dass er je eine gehabt hatte - dann sah er die flimmernden Schemen der weißen Gestalt hinter dem Fenster, das Bernsteinraubtier. Und dann wusste er manchmal, dass da ein Zusammenhang war. Ein Zusammenhang wie ein tiefer, schwarzer Abgrund zwischen zwei Ebenen. Und in einigen sehr klaren Momenten, wenn er die Risse, durch die der Weiße kommen würde, schon zu erkennen glaubte, wenn er schon das Blut schmecken konnte und den bernsteinfarbenen Wahnsinn, dann wusste er, dass er diesen Zusammenhang nie herstellen würde. Dass er sich vor diesem Abgrund hüten würde, bis er sich selbst im weiß aufgelöst hätte.







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