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Schlaflos
Aya hatte nie verstanden, wie man sich so gehen lassen konnte. Er hatte es früher nicht verstanden (bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen er es erlebt hatte) und heute verstand er es erst recht nicht. Alkohol machte die Menschen... dumm. Er brachte sie dazu, sich wie Idioten zu benehmen, zu lallen, geschmacklose Witze zu machen oder, noch schlimmer, sich zu erbrechen. Es war einfach nur widerlich. Es gab nur wenige Dinge, die er abstoßender fand als betrunkene Menschen.
Und niemand war betrunken abstoßender als Yohji. Yohji war nicht aus denselben Gründen abstoßend, aus denen es andere Leute waren. Er war nicht laut oder unangenehm, er war ein melancholischer Betrunkener. Aya konnte Melancholie nicht ertragen, also versuchte er ihre Begegnungen auf ein Minimum zu reduzieren, was in gewisser Weise nicht so leicht war, denn die Wand zwischen ihren Wohnungen war zu dünn und Ayas Schlaf zu leicht.
Yohji kam entweder mit einer Frau wieder oder allein oder gar nicht. Keine dieser drei Möglichkeiten war der anderen vorzuziehen. Yohji war nicht besonders laut beim Sex, die Frauen für gewöhnlich schon, aber eigentlich war das egal, weil es auch nicht besser wäre, wenn Aya sie nicht hören würde. Allein das Wissen, dass sie da waren reichte, um unerwünschte Bilder in seinem masochistischem Hirn heraufzubeschwören.
Wenn Yohji allein war, schlief er nicht, sondern saß am offenen Fenster, rauchte, hörte Musik und redete ab und zu mit sich selbst oder mit Geistern, was nicht zu überhören war, weil Aya bei offenem Fenster schlief. Wenn Yohji nicht kam, war es totenstill. Aya hasste das Geräusch von Stöckelschuhen und die Frauenstimmen, hasste es, dass er jedes Mal aufwachte, wenn Yohji etwas sagte und er hasste sich selbst dafür, dass er besser schlief, wenn er wusste, dass Yohji zurück war.
An diesem Abend war Aya davon aufgewacht, dass Yohjis Tür ins Schloss fiel. Das Geräusch erschien um diese Uhrzeit unglaublich laut, als würde es das gesamte Haus erschüttern. Aya wusste nicht mehr, was er geträumt hatte, aber sein Atem ging schnell und das T-Shirt, das er zum Schlafen trug, klebte an seiner schweißnassen Haut. Trotz des weit offenen Fensters war es viel zu warm im Zimmer. Die Luft war schwer und zäh und trug jeden Ton von draußen herein.
Yohji lief nebenan herum, sagte etwas, was man nicht verstand, machte sein Fenster auf. Es folgte eine Reihe von Geräuschen. Aya wusste, dass es krank war, aber er konnte fast vor sich sehen, was Yohji tat. Wie er sich eine Dose Bier aus dem Kühlschrank holte, vor der Stereoanlage stand und überlegte, ob er Musik anmachen sollte oder nicht, wie er sich das Hemd auszog und es irgendwo auf den Boden fallen ließ, wie er sich ans Fenster setzte und sich eine Zigarette anzündete.
Es war lästig, dass er sich in jedem Detail vorstellen konnte, wie Yohji rauchte. Es war ungefähr zwei Uhr und er wollte wirklich schlafen. Das schlimmste war, dass es nicht einmal Yohjis Schuld war.
„Hey, Aya. Bist du wach?“
Aya zog sich das Kissen über den Kopf. Nein. Er schlief. Er schlief seit mindestens drei Stunden tief und fest. Er war auch nicht in dieser Einzimmerwohnung. Er war zu Hause. Er war nicht hier und Yohji war nicht nebenan (mit nacktem Oberkörper und Zigarette zwischen den Lippen) und es war einfach nur still.
„'Tschuldigung wegen der Tür. Das war ziemlich laut.“
Yohjis Stimme drang mit Leichtigkeit durch die Nacht vor den geöffneten Fenstern. Aya war heiß und er bekam keine Luft mehr, also riss er sich das Kissen wieder vom Kopf. Er hasste das, was aus seinem Leben geworden war.
„Ich nehm dir nicht ab, dass du schläfst, aber wie du willst. Dann rede eben nur ich.“
Aya hasste ihn.
„Weißt du, ich war heute ziemlich deprimiert, aber als ich nach Hause gegangen bin war es so verdammt hell draußen. Wusstest du, dass heute Vollmond ist?
Na ja auf jeden Fall... Kennst du diesen Park in der Nähe der U-Bahnstation? Da haben ein paar Halbwüchsige versucht mich auszurauben. So’n paar Spinner mit Klappmessern. Sie sagen mir, ich soll ihnen mein Geld geben. Also hab ich sie gefragt, was sie machen, wenn ich’s ihnen nicht gebe. Sie kamen mit irgendwelchen halbgaren Drohungen und ich sag nur, sie sollen’s versuchen, aber sie sind dann abgehauen. Kannst du dir das vorstellen?
Na gut, vielleicht hat es sie etwas verunsichert, dass ich die ganze Zeit gelacht habe, aber es war auch wirklich komisch, weil wann hast du das letzte Mal jemanden gesehen, der richtig schlecht mit einem Messer umgehen kann?
Ich hab Hunger, hast du irgendwas zu essen da? Wenn du schläfst, komm ich rüber und hol’s mir selbst, mein Kühlschrank ist leer.“
Aya unterdrückte ein Stöhnen. Er hasste Yohji. Aber der Gedanke, dass Yohji hereinkommen und in seinem Kühlschrank wühlen und bleiben und dann an seinem Fenster sitzen würde, war unerträglich, also stand Aya auf und holte einen Apfel. Wenn er sich ein bisschen aus dem Fenster beugte, konnte er Yohji sehen: die Unterarme aufs Fensterbrett gestützt, die Zigarette in der Hand, wie er dem Rauch zusah, aufblickte, den Apfel fing. Es war wirklich hell.
Yohji grinste. „Danke. Ich wusste, dass du wach bist.“
„Geh schlafen, Yohji.“
„Ich fühl mich aber gerade ziemlich wach.“
„Ich nicht, also halt die Klappe.“
„Okay. Ich werd leise sein. Ganz leise. Nicht reden.“
Aya ließ sich wieder auf sein Bett fallen. Er starrte an die Decke und hörte zu, wie Yohji den Apfel aß, wie Yohji rauchte, wie Yohji in die Nacht sah, während er sich eine neue Zigarette anzündete. Wenn er die Augen schloss, konnte er es sehen.
Irgendwann fing Yohji an, leise irgendein Lied zu summen und Aya konnte nicht einmal sauer auf ihn sein, weil jeder andere vermutlich bis dahin eingeschlafen wäre.
Aya wusste, es würde eine der Nächte werden, bei denen er am nächsten Morgen aufwachen und nicht mehr wissen würde, wann er nun endlich eingeschlafen war. Und einer der Tage, an denen ihm die ganze Zeit ein Lied im Kopf herumgeistern würde und er würde nicht dahinter kommen, wann er es gehört hatte.
(120_minuten, "Rauschzustände")
~*~
#1
„Suchst du deine Eltern?“
Omi hörte auf, die Menge nach dem Ziel zu durchsuchen und sah zu einer freundlich lächelnden Kellnerin auf. „Nein, ich suche Yamaguchi-san.“, sagte er freundlich.
Die Kellnerin sah ihn einen Moment erstaunt an, dann lächelte sie wieder und sah sich kurz um. „Ah, da hinten, er geht gerade zum Rednerpult.“ Sie deutete in die Richtung.
„Danke.“ Omi ging und achtete darauf, dass er aus der Sicht der Kellnerin verschwand. Jetzt sah er Yamaguchi auch, flankiert von mehreren Sicherheitskräften. Er selbst war wie erwartet kaum durchsucht worden, als er vorhin mit Manx zusammen herein gekommen war.
Er baute die Waffe zusammen. Eine kleine Armbrust, geringe Reichweite. Die Idee war, dass sie, sollte sie gefunden werden, als Spielzeug durchgehen konnte. Omi zog den winzigen Pfeil aus der Hülse und legte ihn ein. Die Rede hatte begonnen, niemand achtete auf das Kind, das etwas abseits der Bühne allein neben einem der Buffettische stand.
Dann der Schuss, den niemand bemerkte. Dann Yamaguchi, wie er kurz in seiner Rede stockte, irritiert als habe ihn ein Insekt gestochen.
Omi ging zur Toilette, wo er die Waffe zerbrach und herunterspülte. Als er zurückkehrte, herrschte Hektik im Saal: Yamaguchi, einer der größten Konzernchefs Japans und Anwärter aufs Ministeramt war auf der Bühne zusammengebrochen.
Omi sah sich um und entdeckte Manx. Ihr Gesicht war angespannt, aber als ihr Blick dem von Omi begegnete lächelte sie kurz und nickte ihm zu.
Wie im Training. dachte Omi. Einfach.
Aber er fühlte sich nicht wohl, er konnte nicht richtig atmen.
Als ob die Luft schwerer geworden war.
(120_minuten, "Erstes Mal")
~*~
Schlechter Traum
Aya konnte sich noch erinnern, ganz kurz nach dem Unglück, da hatte er das absurde Gefühl gehabt, wenn er nur die Augen schließen und einschlafen könnte – wenn sie ihn ließen – dann würde er aufwachen und nichts von all dem wäre jemals geschehen.
Aber die Nacht nach dem Unglück war eine durchwachte Nacht. Er konnte sich nicht mehr gut daran erinnern. Leute hatten auf ihn eingeredet, er hatte sich gefühlt, wie unter Wasser, war hin- und hergetrieben worden und war schließlich im Krankenhaus gewesen.
Und dann hatte er gewartet.
Zuerst darauf, dass es wieder so werden würde wie früher. Wie das funktionieren sollte, wusste er selbst nicht.
Dann darauf, dass es besser werden würde, jede Besserung wäre willkommen. Und er war sich sicher, wenn seine Schwester nur die Augen öffnen würde, wäre das das Zeichen.
Irgendwann war da jemand – irgendjemand vom Krankenhauspersonal, an das Gesicht konnte er sich nicht mehr erinnern – der hatte ihm gesagt, dass man irgendwann aufgeben müsste, aufhören zu warten und einfach da weitermachen, wo man war.
Ran hatte schon immer geahnt, dass die Leute einfach keine Ahnung hatten, wovon sie sprachen.
(120_minuten, "Warten")
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Kleine Dinge
Schuldig ließ sich in der Badewanne tiefer sinken bis nur noch sein Gesicht über der Wasseroberfläche lag. Seine Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Lächeln, als er sich vorstellte, wie sie ertranken. Das Wasser roch seltsam nach Kräutern und Chemie. Das Brummen der Waschmaschine dröhnte unter Wasser. Er schloss die Augen und wartete.
Zwei Minuten... ob sie schon tot waren? Er tauchte wieder auf und verteilte eine weitere großzügige Portion des Shampoos in seinen Haaren. Wenn diese Biester sich mit ihm anlegen wollten, bitte sehr.
Es erschien ihm Ewigkeiten her zu sein, seit er das letzte mal Läuse gehabt hatte. Ja, dachte er bissig, das waren die kleinen Dinge, die einem zeigten, wie sehr sich das Leben verbessert hatte.
Wenig später stand er im Bademantel vorm Spiegel und versuchte fluchend, diesen beschissen winzigen Kamm aus seinen Haaren zu bekommen. Aber der steckte fest in einer inzwischen schwer verfilzten Stelle knappe fünf Zentimeter hinter Schuldigs rechtem Ohr, da wo er ihn nicht mal im Spiegel sehen konnte.
Zeit für Plan B. „Braaa~d!“
Natürlich kam keine Reaktion, also ging Schuldig hinüber ins Wohnzimmer, wo Brad mit einem Buch auf der Couch saß. Er sah auf und hob eine Augenbraue, ein gutes Zeichen eigentlich.
„Du bist schuld.“, sagte Schuldig so vorwurfsvoll wie möglich.
Brad legte sein Buch weg. „Warum das?“, fragte er leicht amüsiert.
„Du hättest mich warnen können. Die Hellseher sind immer schuld.“ Schuldig setzte sich, ein Bein untergeschlagen, seitlich auf die Couch, sodass er Crawford den Rücken und die Haare zuwandte.
„Du könntest sie abschneiden lassen.“, sagte Brad stirnrunzelnd, als er das wüste Knäuel sah, ihn dem sich der Kamm verheddert hatte. Schuldig quittierte die Bemerkung nur mit einem giftigen Blick über die Schulter und Brad machte sich an die Arbeit und versuchte die Haare zu entwirren. „Selbst wenn ich es gesehen hätte, wäre es nicht leicht gewesen, dich davon zu überzeugen, dass der Müllcontainer die bessere Wahl ist als die Altkleider.“
„Es wäre toll gewesen, Brad“, antwortete Schuldig bissig, „wenn mir gar nicht erst dreißig Yakuza auf den Fersen gewesen wären. Dann hätte ich mich nämlich nicht im Müll verstecken mü- Au! Nur weil du grau wirst, musst du mir keine Glatze- Au!“
„Vielleicht solltest du weniger reden und einfach stillhalten?“, schlug Crawford lächelnd vor.
Es dauerte nicht lange und Brad hatte den Kamm befreit. Er wandte sich ab und hielt ihn wortlos über Schuldigs Schulter. Der sah ihn ungläubig an. „Willst du nicht weiter machen?“
„Weiter?“ Brad unterbrach die Bewegung, mit der er nach seinem Buch greifen wollte.
„Ja, kämm mir die Haare!“
„Soll ich dir auch Zöpfe flechten und Make-up-Tipps geben?“, fragte Brad leicht genervt.
Schuldig lachte. Brads Humorlosigkeit war mitunter belastend, aber wenn er versuchte Witze zu machen, dann war sein klägliches Scheitern sehr amüsant. „Wenn’s dich anmacht...“
Brad seufzte ein schicksalsgeprüftes, spezielles Schuldig-Seufzen und fing an, die Haare durchzukämmen. Er war nicht besonders vorsichtig, aber er machte es geduldig und methodisch, wie er alles machte.
„Fertig“, sagte er eine ganze Weile später und legte den Kamm weg.
Schuldig sah sich etwas bedauernd um. „Sicher?“, fragte er. Brad brummte und er ließ sich nach hinten fallen und legte seinen Kopf auf Brads Schulter. „Wir könnten das öfter machen, weißt du?“
„Du willst öfter Läuse haben?“
Schuldig seufzte. „Wenn’s sein muss.“
„Deine Haare riechen schrecklich.“
„Ich weiß.“
Es war eigentlich ganz schön so. Die Läuse und die Yakuza waren tot und er konnte hier liegen und Brad davon abhalten ein Buch über Börse und Demoskopie zu lesen. Das, dachte Schuldig schläfrig, waren doch die kleinen Dinge, die zeigten, wie sich das Leben verbessert hatte.
~*~
Spielverderber
Es ist wunderbar, wenn Crawford weg ist, denkt Schuldig. Er sitzt auf Crawfords Stuhl in Crawfords Büro und dreht sich. Es ist der bequemste Stuhl in der ganzen Wohnung, bequemer sogar als Schuldigs überdimensionaler roter Sessel, den er sich aus einer Laune heraus gekauft hat und in dem jeder winzig wirkt. In Crawfords lederbezogenem Drehsessel wirkt man nicht winzig. Eher im Gegenteil. Man wirkt mächtig. Zumindest Crawford. Schuldig vielleicht nicht.
Mit einem ärgerlichen Schnauben steht Schuldig auf und geht um den geschwungenen Schreibtisch herum aus dem Zimmer. Brad kann einem auch jeden Spaß verderben. Selbst wenn er nicht da ist.
~*~
Zeitvakuum
Manchmal, wenn er im Zwielicht seines Zimmers saß und durch das offene Fenster zusah, wie der Himmel dunkler wurde und die rotglühende Spitze seiner Zigarette ein schwacher Abglanz der letzten Sonnenstrahlen war, dachte er über die Zeit nach.
Wenn man zusah, sah, wie Augenblicke sich zu Momenten verdichteten, wie das Fallen der Sonne und das Dunkelwerden des Himmels und die Kühle der Luft unaufhaltsam die Nacht ankündigten, dann spürte man, dass die Zeit eine Macht war, der der Mensch nichts entgegensetzen konnte.
Gegen die Zeit wurde alles bedeutungslos. Jede Heldentat, jeder Fehler, jede Sünde, jedes Leben wurde bedeutungslos gegen die Masse an Zeit, die vergangen war und vergehen würde. Der Tod wurde bedeutungslos.
Rauch stieg von der Spitze seiner Zigarette auf und löste sich auf. Ein Leben formte sich, verwirbelte und verschwand spurlos in der Zeit.
Es war ein trauriger Gedanke, aber für ihn war er beruhigend.
Wenn man verzweifelte und aufgab, war es die Zeit, die einen erbarmungslos weiter trieb. Und auch wenn man nicht verzweifelt war trieb einen die Zeit, aber wenn man es nicht erlebt hatte, wie einem alles entglitt und wie alles weiterging, auch ohne dass man sich für irgend etwas entschied oder irgend etwas wollte, dann merkte man es nicht. Dann war es nicht seltsam, dass die Zeit verging, weil man nie das Gefühl hatte, dass sie still stand.
Er hatte das erlebt.
Die Zeit hatte aufgehört und erst Monate später hatte sie wieder angefangen zu vergehen. Oder sie war da gewesen und er hatte sie erst Monate später wieder wahrgenommen. Sein Leben aber war weiter gegangen, so seltsam ihm das auch erschien. Er hatte sich für nichts entschieden und gegen nichts, war ein Zuschauer gewesen, der nicht zuschauen wollte.
Das passierte. Wenn der Schmerz zu groß war, hörte die Zeit auf. Als wäre sie beleidigt über die Bedeutung, die man dem eigenen Schicksal beimaß oder als sei der Schmerz eine Macht, der selbst die Zeit nichts entgegensetzen konnte.
Aber meistens dachte er nicht über die Zeit nach oder über den Schmerz. Meistens waren sie einfach da, wie die Dämmerung und die länger werdenden Schatten und der dunkler werdende Himmel. Sie waren da, aber sie waren nur eine Kulisse und nicht einmal eine interessante.
Meistens, wenn er in seinem Zimmer am Fenster saß und der neuen Nacht das Glimmen einer Zigarette entgegensetzte, nicht sicher, ob er sie vertreiben oder begrüßen wollte, dachte er an Asuka.
(400 Worte; für Rei, Tsumi und Nyx; 110-het-Chellange)
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Ever Sunny Yohji
Villa Weiß. Auszeit. Weiß hat versagt. Omi gibt sich die Schuld. Schlechte Recherche. Blödsinn. Manchmal scheitern Missionen einfach. Manchmal geht alles schief und man weiß nicht warum. Manchmal verliert man eben.
Aber wegen ihm fällt Weiß jetzt aus. Wochen bis er wieder einsatzbereit ist. Alles verzögert sich. Aya geht nach draußen, wo alles grün ist und die Sonne scheint als gäbe es keine Dunkelheit.
Yohji liegt im Gras, alle Viere von sich gestreckt, die Augen hinter der Sonnenbrille geschlossen.
„Was machst du da?“
„In der Sonne liegen.“
„Wozu?“
Der Kopf bewegt sich. „Schwer zu erklären.“ Ein Blick über den Rand der Sonnenbrille hinweg. „Leg dich hin.“
Er steht da, zögert. Setzt sich dann neben Yohji auf den Rasen.
„Liegen.“
Schwachsinn, denkt er und legt sich hin.
Die Sonne steht hoch am Himmel und er muss die Augen schließen. Ein leichter Wind weht und das Laub in den Bäumen raschelt. Irgendwo krächzt ein Vogel. „Und?“
Ein genervtes Seufzen. „Das ist alles.“
„Hn.“ Es riecht nach trocknendem Gras und Wald. Eine Hummel fliegt vorbei. Die Sonne scheint warm auf sein Gesicht und heiß auf sein schwarzes T-Shirt. Als wäre das Leben leicht. Die Zeit schmilzt und für einen Moment ist das alles.
(200 Worte, für Aabunai)
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Happiness
Aya Fujimiya war kein sentimentaler Mensch. Er mochte es nicht, Erinnerungen nachzuhängen. Nostalgie war ihm zuwider, genau wie jede Art von Idealisierung und Naivität. Wenn man in dieser Welt leben wollte, überleben wollte, musste man sie so sehen wie sie war.
Und sie war nun mal kein schöner Ort.
Er mochte auch keine Hollywoodfilme und eigentlich lehnte er die gesamte amerikanische Kultur als solche ab. Pursuit of happiness. Was sollte das? Als wäre über die Wiege eines jeden kleinen Amerikaners eine Fee geschwebt und hätte ihm ein Leben voller Glück versprochen.
Schwachsinnig! Was sollte es bringen, solche Erwartungen zu schüren?
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Life and Videogames
Von einem Tag auf den anderen war Mello weg und Matt wusste nicht, was er tun sollte. Es war wie im Videospiel, wenn man in einem Level fest hing, weil man nicht wusste, wie man ins nächste kam.
Er verglich sein Leben oft mit einem Videospiel. Es schnitt nicht einmal mittelmäßig ab. Der Anfang war nicht besonders gut gelaufen, dann war es leidlich amüsant aber fürs Ende sah er schwarz... eigentlich müsste man neustarten. Außerdem keimte mehr und mehr die Befürchtung in ihm auf, dass nicht er, sondern Mello die Hauptfigur war.
Das war ziemlich armselig, wirklich.
Es war nun auch nicht so, dass Matt nicht allein klar kam. Im Gegenteil: Er konnte das ganz gut, es war eher Mello, um den man sich Sorgen machen musste. Das Problem war eher, dass ohne Mello nichts zu passieren schien.
Wammy’s zum Beispiel. Matt war sich sicher, dass er es verlassen würde, aber eigentlich hatte er sich immer vorgestellt, dass er es mit Mello verlassen würde. Weil Mello eigentlich für alles den Anstoß gab. Jetzt war er verschwunden und schaffte es trotzdem irgendwie, der Grund dafür zu sein, dass auch Matt ging.
Nur von da aus wusste er nicht weiter. Was stellt man mit einem Leben an? Das war doch das große Manko an der Storyline. Dass nirgendwo ein verlässlicher Hinweis kommt, was zum Teufel man eigentlich tun soll. Mello schien immer irgendwas einzufallen, was zu tun war. Oder er fand jemanden, den er unbedingt besiegen wollte. – Und verschwand dann in irgendeinem Sidequest.
Also hing Matt in seinem lästigen Level fest (vielleicht war das das Sidequest, der Verdacht ließ ihn nicht los) und es gab keine Komplettlösung. Matt hatte eine Taktik für solche Situationen entwickelt: er trainierte seine Fähigkeiten und wartete auf den Hinweis. Er hatte auch so eine Ahnung, in wessen Gestalt dieser Hinweis kommen würde.
(120_minuten, "Warten")
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Abschiedsgeschenk
Mello hatte am Abend zuvor beschlossen, dass er das Wammy’s verlassen wollte. Er war wie alle anderen schlafen gegangen, dann aber um vier Uhr aufgestanden und hatte alles gepackt, was er mitnehmen wollte.
Es blieb nur noch eine Sache zu erledigen.
Er stand vor Matts Bett und betrachtete Matt oder besser den vagen Umriss, der unter der Bettdecke und im blaugrauen Licht zu erkennen war.
Er überlegte, ob er Matt aufwecken sollte. Eigentlich würde es sich nicht lohnen. Ihm fielen keine überwältigenden Abschiedsworte ein, er hatte Matt nichts besonderes zu sagen, erklären müsste er ihm auch nichts. Matt hatte wahrscheinlich eine ungefähre Vorstellung davon, dass Mello sich eher die Zunge auf eine Tischplatte nageln lassen würde (oder etwas ähnlich unangenehmes) als mit Near zusammenzuarbeiten.
Und nachher würde Matt noch mitkommen wollen, was so gar nicht eingeplant war, denn das hier war Mellos persönlicher Ihr-könnt-mich-alle-mal-Moment und es würde den Eindruck versauen, wenn er da Ausnahmen machte.
Er war ja auch nicht hier, weil Matt so toll war oder so, sondern eben nur, weil Matt der einzige war, mit dem er hier überhaupt redete.
Eine Abschiedsszene war sowieso bekloppt. Matt würde das auch nicht zu schätzen wissen, nicht um vier Uhr morgens und nicht, wenn Mello ihn nicht mitnehmen wollte.
Also wecken kam nicht in Frage. Vielleicht könnte er ihm was da lassen. Nicht, dass er viel hatte, was er hätte verschenken können. Er überlegte ein bisschen hin und her. Kleidung?
Alles was er hatte, stand ihm selbst so viel besser, als es Matt jemals stehen könnte. Und überhaupt konnte er nichts entbehren, immerhin ging er hier weg und hatte kaum Geld. Er würde alles brauchen, was er kriegen konnte, wenn er Kira fangen wollte.
Eigentlich wäre es fair, wenn Matt ihm etwas zum Abschied schenken würde. Aber nein, der Kerl lag da seelenruhig und schlief. Sah ihm ähnlich.
Mello sah sich im Zimmer um. Was könnte er mitgehen lassen? Vielleicht etwas, was Matt nicht allzu sehr vermissen würde. Oder andererseits... vielleicht lieber doch gerade etwas, was er sehr vermissen würde?
Sein Discman? Nein, das wäre zu gemein. Das Ding war das einzige, um das sich Matt jemals geprügelt hatte. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Kopfhörer quasi operativ entfernt werden mussten, wenn normal mit ihm reden wollte.
Einen von den Ringelpullis? Davon hatte Matt mehr als genug, aber Mello wollte eigentlich etwas mitnehmen, was er dann auch tatsächlich benutzen würde.
Mellos Blick fiel auf den Schreibtisch. Er war aufgeräumt, was in Matts Zimmer schon ein wenig seltsam wirkte.
Auf der freien Fläche lagen ein schwarz-weiß geringelter Schal und drei Tafeln Schokolade.
(120_minuten, "Abschied")
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Clueless
Ootori Kyouya war niemand, den man leicht aus der Bahn werfen konnte. Er war stoisch, erwartete das Schlimmste von der Welt (im Bereich der schlimmen Dinge, die einem mit einem monatlichen Einkommen im fünfstelligen Bereich in einer der einflussreichsten und möglicherweise meist gefürchteten Familien Japans passieren konnten) und er hielt sich an Fakten.
Und genau die schockierten ihn jetzt ganz erheblich, denn Tamaki hatte schwarze Haare. Das war einfach falsch. Tamaki hatte keine schwarzen Haare zu haben. Warum hatte Tamaki schwarze Haare?
„Tamaki, warum hast du schwarze Haare?“, fragte Hani, der als erster die Sprache wiederfand.
Tamaki fiel in eine tragisch-melodramatische Pose, was in gewisser Weise sehr beruhigend war. „Ich werde ab heute ein anderer Mensch sein!“, verkündete er, ohne auf die Frage einzugehen. „Ernsthaft, scharfsichtig, informiert.“
„Okay“ sagte Haruhi desinteressiert und ging weg, um einigen der Mädchen, die tuschelnd und auf Tamakis Haare deutend an den Tischen saßen, Tee einzuschenken.
„Glaubst du wirklich, dass du mit schwarzen Haaren schlauer wirst?“, fragte Hikaru feixend.
„Wer weiß, nachher fällt er nicht mehr auf jeden dummen Streich rein.“, gab Kaoru ängstlich zu bedenken. Die Zwillinge sahen sich erschrocken an – und brachen in Gelächter aus.
Tamaki räusperte sich. „Ich werde also ein neuer Mensch.“ Von irgendwoher holte er eine Brille hervor und setzte sie auf.
„Aber deine Augen sind doch fabelhaft.“, sagte Kaoru etwas ratlos. Im Gegensatz zu Hikaru wirkte er inzwischen leicht besorgt.
Ein paar der lauschenden Mädchen quietschten. ‚Support Tamaki/Kaoru’, notierte sich Kyouya.
„Irgendwo muss man anfangen.“, erklärte Tamaki und rückte die Brille zurecht.
Kyouya sah mit einer Mischung aus Entsetzen und Neugierde von seinen Notizen auf. „Und wo soll das enden?“
„Ich werde ein neuer Mensch!“ Tamaki warf sich wieder in Pose.
Kyouya wurde nicht ungeduldig. „Warum?“
Eine handvoll beschriebener Blätter wurden Kyouya unter die Nase gehalten. „Er schreibt, meine Argumentationen wären unlogisch, unzusammenhängend, weltfremd und bar jeder Grundlage.“
„Das ist sicher sehr hart formuliert.“, sagte Kyouya vorsichtig.
Tamakis Augen wirkten hinter den Brillengläsern noch größer und trauriger als sonst. „Was soll das heißen? Hältst du mich etwa auch für weltfremd?“
Haruhi, die gerade mit einem Tablett vorbeiging, warf ihnen einen genervten Seitenblick zu. Kyouya könnte schwören, dass sie gerade „Sind das hier nicht alle?“ gemurmelt hatte.
„Und dumm.“, warf Hikaru hilfreich ein.
Tamaki jaulte auf und fing einen seiner längeren Leidensmonologe an, während Kyouya überlegte, ob das vielleicht der Wahrheit entsprach. Er hielt Tamaki nicht für dumm, es war nur so, dass Intelligenz eben nicht seine hervorstechendste Eigenschaft war.
Tamaki hatte Charisma und eine arglose Freundlichkeit, die zwar einerseits furchtbar nervte, aber andererseits irgendwie liebenswert war. Tamaki war übersprudelnd kreativ, optimistisch und voller Energie. Er konnte andere spielend für den größten Blödsinn begeistern – gerade weil logische Argumentation von vornherein nicht zu seinem Repertoire gehörte.
Und Tamaki durfte einfach keine schwarzen Haare haben. Nicht, dass es schlecht aussah, aber Kyouya konnte auch vor sich selbst zugeben, dass er durchaus oberflächlich genug war, dass es ihn störte. Ach ja, und Renge würde Tamaki umbringen, wenn sie ihn so sah. Ganz sicher. Immerhin brachte Tamaki mit dieser Aktion das gesamte Charakterkonzept des Host Clubs durcheinander.
Vielleicht hätte er besser zuhören sollen, als Tamaki ihm vor einigen Wochen am Telefon begeistert von der Arbeit über die Regierung Ludwigs XIV. erzählt hatte. Vielleicht hätte er ihn auf das schlechte Ergebnis des Aufsatzes vorbereiten können. Aber um Himmels Willen, es war um zwei Uhr Nachts gewesen.
Es blieb also nur zu hoffen, dass diese Phase, wie so viele ihrer Art vor ihr, schnell und spurlos vorübergehen würde.
(120_minuten, "Blondinen bevorzugt")
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Von den Bienchen und den Blümchen
"Mein Name ist Umeda, ich bin an dieser Schule seit mehreren Jahren Schularzt - oder vielleicht eher Krankenschwester und Kummerkastentante, obwohl ich wirklich nicht weiß, womit ich das verdient habe...
Ich denke mal, die meisten von euch werden mich inzwischen sicher kennen. Bis auf dich da hinten. Wer bist du? Hitoshi? Hiboshi. Bist du neu hier? Nein? Du hast dich noch nie verletzt? Noch nicht krank gewesen? An ner Jungenschule? Respekt. Als ich das letzte Mal in einem Wohnheimzimmer war, habe ich mich gewundert, dass hier keine schwereren Seuchen grassieren als Schnupfen.
Na ja, die nächste Magen-Darm-Grippe kriegt dich auch noch.
Wie auch immer. Ich wurde von der Schulleitung gebeten, die nächsten zwei Stunden Aufklärungsunterricht zu betreiben. Da so was nicht im Lehrplan steht, ist kein Lehrer zuständig, keiner wollte, aber wie ihr seht, haben sie ja doch einen Dummen gefunden. Ist aber nur gut für euch, denn wenn die Gesetze der Wahrscheinlichkeit und des guten Geschmacks noch wirken, hatte die Hälfte des Lehrkörpers zuletzt vor zehn Jahren Sex.
Wenn überhaupt.
Warum Aufklärung, werdet ihr euch fragen. Habt ihr schon mal von Abtreibung gehört? Ja, doch, einige. Wunderbar. Wenn ihr mehr dazu wissen wollt, bemüht das Internet. Nur soviel, die offiziellen Zahlen stehen weit hinter der Realität zurück, wie ich euch versichern kann, seit ich im Rahmen meiner Ausbildung in einem Privatkrankenhaus gearbeitet habe. Ich kann von mir immerhin sagen, dass ich an diesen Zuständen keinen Anteil hatte oder haben werde, aber vielleicht hat ja nicht jeder von euch soviel Glück.
Ich wollte euch nur über die Existenz von Kondomen informieren. Sie sind nicht nur ein Gerücht. Es gibt sie in allen möglichen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. In anderen Ländern auch in unterschiedlichen Größen. Zur Not müsst ihr sie euch importieren lassen. Informiert euch übers Internet.
Es gibt auch noch Antibabypillen, darum müsst ihr auch zwar nicht kümmern, ihr solltet euch aber auf keinen Fall drauf verlassen, dass die Frauen es tun.
Eine weitere Verhütungsmethode ist die Sterilisation und nein, das ist nicht dasselbe wie Kastration. Der Koitus Interruptus ist keine so gute Idee, ich stell mir das so ähnlich vor wie Bungeejumping, wo das Seil nur hält, wenn man genau eine Zehntelsekunde vor dem Aufprall auf einen Knopf drückt. Wenn alle Stricke reißen, empfehle ich Oralsex.
Und ihr müsst mich jetzt gar nicht so angucken. Wie alt seid ihre eigentlich? Fünfzehn? Sechzehn? Eigentlich viel zu spät, ich hör die Hormone schon aus den Ohren tropfen. Eigentlich solltet ihr das meiste schon selbst rausgefunden haben, aber mit der Jugend heutzutage ist ja nichts anzufangen.
Okay, ich denke mal, genauere Informationen zur weiblichen und männlichen Anatomie, kann ich mir stecken. Wer völlig ahnungslos ist und genaueres wissen will, soll im Internet nachsehen. Aber bitte auf den halbseriösen Seiten, nicht auf den Hentaiseiten. Und kommt nicht auf die Idee, dass irgendwas in Mangas mit der Realität zu tun hat. Das kann böse Überraschungen geben. Und nein, ihr möchtet die Geschichte nicht hören.
Nächstes Thema: Geschlechtskrankheiten. Sehr unschön. Kondome helfen auch hier in den meisten Fällen. Genauere Informationen im Internet. Ihr könnt damit auch zu mir kommen, aber bitte so früh wie möglich. Was erstmal abgefallen ist, kann nicht mehr angenäht werden. Nicht, dass ich mich drum reiße, aber ich bin nun mal dafür zuständig. Und es ist allemal besserer Klatsch als verstauchte Knöchel. Nein, Unsinn, ich kann so was für mich behalten.
Womit geht’s weiter: Liebe. Hat mit Sex nicht viel zu tun. Weiter kann ich dazu nichts sagen. Glaubt niemandem, der meint, euch dazu etwas sagen zu können. Die lügen. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber die Geschlechtskrankheiten nehmen, aber das soll euch nicht abhalten. Tut es sowieso nicht. Macht meinetwegen eure private Soapopera, aber begebt euch umgehend in psychologische Behandlung, wenn ihr das Bedürfnis habt, euch umzubringen.
So, dann ein weiteres Thema, was zwar nicht auf dem Plan steht, mir persönlich aber sehr am Herzen liegt: Masturbation. Tut das ruhig, man wird nicht blind davon oder sonst irgendwas. Macht es auch gern zu zweit oder in größeren Gruppen. Hauptsache der ganze sexuelle Frust staut sich nicht auf. Das belastet nur die Atmosphäre, beeinträchtigt die Lernleistung und geht mir auf die Nerven. Wissenschaftliche Studien belegen übrigens, dass Sex gut für die Gesundheit ist, also tut es, dann hab ich weniger zu tun und kann an meiner eigenen Gesundheit arbeiten.
Damit bin ich dann erst einmal fertig und geb euch den Rest der zwei Stunden Zeit für Internetrecherchen. Wer Fragen hat, darf sie mir auch stellen, wenn es unbedingt sein muss."
(120_minuten, "Masturbation")
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Kinder!
„Würde mir mal bitte einer erklären, was das soll?“, fragte Umeda verstört.
Er war nur kurz auf der Toilette gewesen und schon lagen sein Freund und sein Neffe ineinander verschlungen auf der Couch. Minamis Hand war unter Akihas T-Shirt und Akihas Hand- war zu schnell weg, als die beiden sich hastig wieder ordentlich hinsetzten.
„Es ist nicht so, wie es aussieht.“, stellte Akiha mit ernster Stimme fest, während er sich etwas aus dem Gesicht wischte, das aussah wie Schlagsahne und an seinem T-Shirt herumzupfte, woraufhin rötliche Krümel auf seinen Schoß fielen.
„Er hat mir mein Eclair weggefressen.“, beschwerte Minami sich.
„Ich dachte, er wollte es nicht mehr.“
„Ich hab nur eine Sekunde nicht hingesehen.“
„Er hat mir Chips unters T-Shirt gesteckt.“
„Nur, weil du es nicht rausrücken wolltest.“
„Ich hätte es ausspucken müssen.“
„Siehst du! Er gibt es sogar zu.“
„Chips! Dieses fettige Zeug. Das ist so eklig.“
„Na und? Jemand in deinem Alter sollte anderen keine Süßigkeiten klauen.“
Umeda ließ die beiden weiterstreiten, drehte sich um und verließ seine Wohnung. Das einzige, was in so einer Situation half, war ein langer Spaziergang.
(120_minuten, "Würde")
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Todesstrahlen
„Tut das-“
„Au, verdammt! Bist du wahnsinnig?!“
„-weh?“
Akiha zog hastig die Hand zurück und sah Umeda mit einem herzzerreißenden Blick an. Einem Blick, wie man ihn vielleicht einem ausgesetzten Welpen zuwerfen würde oder einem toten Robbenbaby. Umeda knurrte.
„Das sieht sehr schmerzhaft aus“, sagte Akiha unnötigerweise, während er versuchte, Umeda das T-Shirt auszuziehen, ohne dass es dessen Rücken berührte. Er war nicht sehr erfolgreich und Umeda zog ernsthaft in Erwägung, ihm eine Schere anzubieten. Ja, es war von Calvin Klein, aber das hier waren Schmerzen und letztendlich sah das schwarze Armani-Shirt fast genauso aus.
Und dann war es plötzlich weg und Umeda stellte fest, dass sich Luft nicht wesentlich besser anfühlte als Baumwolle. Akiha gab ein Geräusch von sich, das jeder Schularzt kannte. Ein scharfes Einziehen von Luft, wie in: „Oh Gott, seht euch sein Bein an, da guckt der Knochen raus!“
Das bedeutete entweder, dass ihm gerade ein Alien aus dem Rücken wuchs, oder dass sein Sonnenbrand in etwa so schlimm aussah, wie er sich anfühlte.
„Soll ich Creme raufschmieren oder irgendwas? Kalte Umschläge?“
„Das ist alles deine Schuld!“, behauptete Umeda. Und es war teilweise wahr, weil Akiha ihn an den Strand geschleppt hatte, obwohl er eigentlich vorgehabt hatte, den Sonntag zu verschlafen, wie es sich für die arbeitende Bevölkerung gehörte.
„Es tut mir so Leid. Aber du hast so friedlich geschlafen und ich dachte nicht, dass die Sonne schon so- Es tut mir so Leid. Wirklich, wirklich, wirklich Leid.“
„Ja, mach kalte Umschläge... irgendwas.“
Das scheußliche an Akiha war, dass man sich nicht mit ihm streiten konnte, wenn man Recht hatte. Er leistete dann einfach keinen Widerstand. Und sich mit ihm zu streiten, wenn man Unrecht hatte, brachte Umeda nur dazu, sich hinterher mies zu fühlen. Sich mit ihm zu streiten, wenn man nur ein bisschen Recht hatte und einen Sonnenbrand aus der Hölle, war einfach zu anstrengend.
Während Akiha also ins Badezimmer verschwand, stakste er zum Bett und ließ sich der Länge nach darauf fallen. Nicht, dass sein Rücken so weniger weh tat als im Stehen, aber so könnte er in Ruhe in Ohnmacht fallen.
„Ich hab eine Après-Sun-Lotion gefunden. Meinst du, das hilft?“, drang Akihas Stimme aus dem Badezimmer.
Eine Kugel in den Kopf würde helfen, dachte Umeda resigniert. Dann dachte er darüber nach, welche Schmerzmittel sich im Haus befanden und wie er sie kombinieren müsste, um möglichst lange möglichst wenig von seinem Rücken mitzukriegen.
(120_minuten, "Sonnenbrand")
~*~
Umeda und Weihnachten
I
Die Weihnachtszeit kündigt sich auf die seltsamsten Arten an. Zum Beispiel dadurch, dass plötzlich alles noch ein wenig heller ist, weil überall Lichterfiguren herumstehen, die ausreichen, einem bunte Schatten auf die Netzhaut zu brennen. Oder durch die Schüler, die noch schlimmere kleine Hormonschleudern sind als sonst.
Und wenn Umeda in seiner Wohnung auf Akiha stößt, der auf den Knien auf dem Fußboden rumrutscht und Fotos von der Katze macht, die ein blinkendes Plastikrentiergeweih auf dem Kopf hat (Wie hat Akiha das da festgemacht?), dann weiß Umeda, dass er jetzt einfach nur die Tür wieder schließt und einen langen Spaziergang macht.
II
Akiha erzählt Umeda, was er Umedas Eltern zu Weihnachten schenken wird. Und seinen Schwestern. Und Minami. Es macht Umeda nichts aus, dass Akiha ein besserer Sohn, Bruder, Onkel, freundlicherer Mensch und überhaupt viel liebenswürdigere Gesellschaft ist als er. Wirklich nicht. Und wenn Akiha wie ein kleines Mädchen stundenlang kichernd mit Rio am Telefon hängt, dann findet er das gar nicht befremdlich. Es wäre nicht rational, sauer auf Akiha zu sein, weil er immer so verdammt nett ist. Genauso, wie es nicht fair wäre, ihn für verrückt zu erklären, weil er fallendes Herbstlaub oder Hundebabys fotografiert. Also tut Umeda das nicht.
III
Umeda spendet für wohltätige Einrichtungen, auch wenn er das niemals zugeben würde. Aber er will nicht auf der Straße von Männern mit billigen Synthetikbärten oder Frauen mit Plastikflügeln angesprochen werden. Er will nicht, dass Leute in seiner Nähe mit Glocken läuten, mit Schellen klimpern oder Weihnachtslieder singen. Er will nicht zusehen, wie Akiha eine ganze künstlichpinke Erdbeertorte alleine aufisst. In unter einer halben Stunde. Er will keine Flyer von Love Hotels in die Hand gedrückt bekommen, auf denen weihnachtliche Kostüme als Extra angeboten werden. Allein der Gedanke verursacht ihm Übelkeit. Liebe, Frieden und all der Mist können ihm gestohlen bleiben.
IV
Ehrlich, Umeda hat kein Problem, ein Geschenk für Akiha zu finden. Nicht im herkömmlichen Sinn. Nach einer Shoppingtour mit Akiha und Rio (Nie. Wieder.), kann Umeda mindestens dreißig Gegenstände aufzählen, die Akiha gern hätte. Er kann sich nur nicht entscheiden. Dazu müsste er herausfinden, wie man Akihas spontane Begeisterungsausbrüche klassifiziert, relativiert und ordnet. Ist zum Beispiel „Guck mal! Guck mal, ist das nicht entzückend!“ besser oder schlechter als unartikuliertes Herumspringen vor dem Schaufenster? Schlussendlich ist Umeda sich ziemlich sicher, dass Akiha sich über die Disney-DVD-Box am meisten freuen würde, aber dann müsste er sich den Mist ja mit ihm ansehen.
V
Umeda hasst Neujahr aus vielen Gründen. Der wichtigste ist die alljährliche Neujahrsfeier für alle Angestellten der Ohsaka Highschool. Es ist im Grunde ein kollektives Besäufnis mit Leuten, die Umeda schon nicht leiden konnte, als er hier Schüler war und schlimmerem Abschaum. Die Teilnahme ist freiwillig, aber nach seinem Fernbleiben letztes Jahr wurde er vom Direktor persönlich gebeten, dieses Mal zu kommen. Die betrunkene Sekretärin wird wieder mit ihm flirten und Umeda wird in einer Ecke mit seinem alten Mathelehrer enden, der ein noch größerer Misanthrop ist als er und daher die beste vorstellbare Gesellschaft, um über die anderen zu lästern.
~*~
Warum Sam Bonnie ist
Zuerst war es einfach überraschend gewesen. Und amüsant. Sam und er, ein schwules Paar. Das war schon witzig. Auf verdrehte Weise.
Und dann passierte es öfters und es war immer noch amüsant. Etwas, womit er Sam aufziehen konnte. (Denn natürlich war es Sams Schuld. Die Klamotten, die Mädchen-Frisur, die Californication…) Aber das war schon immer das Gemeine an seinem kleinen Bruder: Du ärgerst ihn und er sagt nichts, sondern schmollt nur, aber irgendwann kommt er mit einem fiesen Gegenschlag. Und mal im Ernst: Was für ein hirnrissiger pseudopsychologischer Unsinn war denn diese Kompensations-Sache wieder? Kalifornien hatte Sammy verdorben.
Also konnte Dean Sam nicht mehr damit aufziehen, wenn sie mal wieder gefragt wurden, ob sie zwei Einzel- oder ein Doppelbett wollten (mit einem höflichen Lächeln) oder ob sie ihr Essen getrennt oder zusammen bezahlen wollten (mit einem hintergründigen Lächeln), und das nahm den ganzen Spaß aus der Sache. Der Witz wurde alt.
Und dann stellte sich Dean manchmal vor, wie es wäre, mit einer Frau unterwegs zu sein. Keine Frage, der Sex wäre ein Plus. Aber ganz abgesehen davon, dass Frauen dazu neigten, ihn für wahnsinnig und/oder einen Serienkiller zu halten, wenn sie ihn länger kannten, war der Gedanke absurd. Frauen waren nicht geeignet für das Vagabundenleben, das er führte. Frauen wollten Sicherheit, ein Heim mit weißem Gartenzaun, geregelte Mahlzeiten, die nicht aus der Tüte kamen, und sich mehr als alle drei Tage waschen.
Hm. Sam wollte das auch. Witzig.
Frauen musste man beschützen. Elementare Wahrheit des Lebens, gegen die auch die Emanzipation nichts ausrichten konnte. Da konnte Sam meckern solange er wollte und mit seiner Politischen Korrektheit und Gleichberechtigung und dem ganzen Yoga-Psycho-Gewäsch über Deans seiner Meinung nach völlig steinzeitliches Frauenbild herziehen. Was er tat. Bisher hatte sich noch keine Frau beschwert, gerettet zu werden.
… Bis auf diese durchgeknallte esoterische Hippie-Braut, die überzeugt gewesen war, Elvis beschworen zu haben, der sie heimholen würde…
Und Leute hielten ihn für verrückt…
Okay, Sam musste man auch beschützen. Allerdings konnte der auch auf sich selbst aufpassen. Meistens. Manchmal. Im Zweifelsfalle. Wenn nicht gerade irgendwelche Kabel in der Nähe waren…
Nein, er war schon ganz froh, mit seinem Bruder unterwegs zu sein. Frauen waren toll, aber sie waren auch kompliziert. Sie wollten immer die langweiligen Filme gucken und mochten seine Musik nicht und wollten über Gefühle reden und sie wollten immer Recht haben und hatten fiese Tricks beim Streiten und…
Hm. Witzig.
Dean runzelte die Stirn. Zusammenfassend konnte er also sagen, er hatte all die Freuden einer Beziehung. Bis auf den Sex. Mit seinem Bruder.
Vage deprimierend.
Wenigstens hatte Sam nicht seine Tage.
Andererseits. Wenn Sam nur einmal im Monat launisch und/oder deprimiert wäre, wäre das eine Verbesserung.
„Ich tausch’ dich bei der nächsten Gelegenheit gegen eine Frau ein“, sagte Dean plötzlich.
Sie waren seit einigen Stunden ohne ein Wort gefahren. Sam brummte nur, ohne den Blick von der vorbeirasenden Landschaft zu nehmen. „So, wie du mich in der vierten Klasse gegen Davie Dallons Gameboy eingetauscht hast?“, fragte er dann träge.
Dean grinste. „Das war was anderes. Ich hatte dir vorher gesagt, du sollst weglaufen, sobald ich weg bin. Außerdem hätten seine Eltern ihm nicht erlaubt, dich zu behalten.“
(120_minuten, "Bestandsaufnahme einer nichtexistenten Beziehung")
~*~
Tea for Two
Im Büro für den Nachwuchs der Izumo Kai brannte noch Licht. Das konnte eigentlich nur Kobota-san sein, dachte Komiya erfreut. Klar, er war nicht scharf darauf, den ganzen Abend allein da rumzuhängen.
Als er eintrat, kam Kubota aus der Kaffeeküche, eine dampfende Tasse in der Hand. „Oh, Komiya. So spät noch Arbeit? Ich habe mir gerade Tee gemacht. Irgendwas mit Aprikose und Limone. Möchtest du auch?“
Einmal mehr war Komiya verblüfft von dem Rätsel, das sein Boss war. Wie er da groß und dunkel im Schatten des Türrahmen stand, in einem Yakuza-Büro und sich über eine neue Teesorte freute. „Gern“, brachte er schließlich heraus. Er zog das Jacket aus und hängte es über die Lehne des Sofas.
„Mir war langweilig in meiner Wohnung“, hörte er Kubotas Stimme von nebenan, „und die ganzen Spielekonsolen sind noch hier...“
„Meine Mutter hat Besuch.“
„Hier, bitte.“ Kubota reichte ihm eine Tasse und setzte sich neben ihm aufs Sofa. Nicht so, wie es die anderen aus der Izumo-Jugend gemacht hätten, ans andere Ende der Couch, sondern direkt neben ihn. Wie Kubota-san eben. Er trank einen Schluck und lächelte. „Der ist wirklich gut. Viel besser als der mit Waldbeere und Ingwer letzten Monat.“
Komiya beeilte sich, auch etwas zu trinken und verbrannte sich die Zunge. Trotzdem nickte er zustimmend.
„Wie wär’s mit ein paar Runden?“ Kubota stellte seine Tasse auf den Boden und stand auf, um den Fernseher einzuschalten und die Controller zu holen. „Wie immer: wenn du gewinnst, darfst du dir was wünschen.“
Die Tasse wurde schnell abgestellt und durch den Controller ersetzt. Komiya mochte es, gegen Kubota-san zu spielen. Wenn man sich erst einmal mit der frustrierenden Erkenntnis, keine noch so kleine Chance zu haben, abgefunden hatte, war es schön. „Und wenn Sie gewinnen? Es ist keine Wette, wenn nur Sie den Einsatz bringen, oder?“
Kubota sah ihn einen Moment mit einem undurchdringlichen Gesichtsausdruck an. „Ich gewinne immer, deswegen bekomme ich nie etwas dafür.“
Sie spielten Autorennen und in einer besonders engen Kurve riss Komiya die Tasse um, deren Inhalt auf Kubotas Fuß schwappte. Sein Auto durchbrach die Leitplanke und stürzte von der Klippe.
„Du hast gewonnen“, sagte Kubota, während er sich den nassen Socken auszog.
„Ach was, das war...“, er stockte. „Okay, wir könnten mal wieder in den Park und Eis essen und so... und ich werd den Jungs nichts sagen, ich will ja die Legende nicht zerstören.“
„Es gibt ein neues Sahne-Mokka-Eis. Kennst du das? Aus der Werbung mit den-“
„Ja.“
Und dann beugte sich Kubota auf einmal vor und Komiya küsste ihn. Nur kurz, aber auf die Lippen.
Kubota krempelte sich das nasse Hosenbein hoch, Komiya starrte ihn an. „Entschuldigung, ich dachte...“ Komiya brach ab und räusperte sich. „Ich sollte vielleicht nach Hause gehen und nach meiner Mutter sehen. Die Flaschen einsammeln und so...“
„Schade, ich dachte eigentlich an eine Revange“, sagte Kubota mit einem dunklen Lächeln.
„Ich ähm... klar jederzeit, aber ich muss jetzt los, also...“
„Wir können morgen in den Park gehen.“
„Ja klar, super. Bis morgen dann.“
Kubota sah vom Sofa aus zu, wie Komiya hinausstürzte. Nervöser Typ irgendwie. Er hob die unversehrte Tasse vom Boden hoch und trank einen Schluck.
Wirklich ein sehr guter Tee.
(120_minuten, "Kiss the Boy!")
~*~
Eine vernünftige Frage
Du kennst das vielleicht, wenn man plötzlich an etwas denkt, was einem vorher nie in den Sinn gekommen wäre, völlig absurd und doch hat man es gedacht und da ist es dann und will nicht verschwinden, wie es mit diesen Gedanken eben so ist, denen man aus dem Wege gehen will und die, wenn man sie zu vertreiben versucht, nur immer bizarrer werden, sodass einem schließlich als einziger Ausweg bleibt, darüber nachzudenken und dann merkt man, dass es
sich um eine von diesen Ideen handelt, die man auch - oder gerade - durch Nachdenken nicht los wird, also... darf ich dich küssen?
(100-Worte-1-Satz-Challenge)
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Wir haben entdeckt, dass Drabbleschreiben Spaß macht,
deswegen ein Angebot an die Freunde der hundert Worte:
Schreibt uns eure Wünsche und wir schreiben euch den
Drabble (oder etwas ähnliches) innerhalb von einer Woche
(ohne Gewähr...)
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