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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Nicht verzeihen





Der Himmel sieht so düster und stürmisch aus. Fast schwarz legt sich tiefe, graue Dämmerung über die Stadt, verschluckt alles, macht alles taub. Eine Art Nebel, der doch eher Regen ist. Immer dichter fällt er, durchnässt den Mann, der unter einer viel zu grellen Straßenlaterne steht. Den langen Haaren scheint die Farbe geraubt, das Wasser fließt an ihnen herunter. Zigarettenstummel sammeln sich zu seinen Füßen, beweisen, dass er schon sehr lange hier stehen muss. Unverwandt sieht er zu dem Haus auf der anderen Straßenseite, zu dem Fenster, an dem nun eine schlanke Silhouette erscheint.

Das Zimmer ist nur schwach erleuchtet. Er steht am Fenster, blickt hinaus. Dort steht er, wie in einem Spotlight, denkt er. Wie auf einer Bühne. Das Aufleuchten eines Feuerzeugs erhellt für Sekunden das Gesicht. Der Anblick erfüllt ihn mit Abscheu und Hass. Er hasst ihn. Er hasst ihn. Hasst ihn so sehr, wie keinen anderen Menschen auf der Welt. Ihm fällt keine Strafe ein, die schwer genug, kein Schmerz, der tief genug wäre. Bis auf einen. Ein düsteres Lächeln breitet sich auf seinen schmalen Lippen aus, in seinen Augen flackert etwas wie Wahnsinn auf, als ihm endlich die Idee kommt. Endlich. Endlich hat er begriffen, was es bedeutet. Das Lächeln, immer wenn sie sich begegnen. Dass er jetzt dort draußen im Regen steht... Und er hier oben auf ihn herabblickt. Aber es ist noch nicht genug. Noch lange nicht.

Er denkt zurück an den einen Tag. Er kann nicht anders. Er kann nicht vergessen. Die Erinnerung verfolgt ihn, treibt ihn in den Wahnsinn. Treibt ihn zu dem, was er tut. Was er tun will. Er will es so. Es gibt keinen anderen Weg zu entfliehen. Er wird es immer vor sich sehen. Das Grinsen im Gesicht. Die Haare, die Gestalt. Spottend. Herablassend. Lächelnd über sein Leid. Er soll nicht sterben. Er soll das gleiche erleiden, das gleiche fühlen. Er soll daran zu Grunde gehen. Er soll büßen. Sühnen. Sie wird gerächt werden. Schrecklich gerächt. Blutig, grausam gerächt. Er wird sich nach dem Tode sehnen. Und sie wird es sehen, wo immer sie jetzt ist. Sie wird es sehen und sie wird lächeln.

Er hat erst versucht, ihn zurückzudrängen. Aber der Durst nach Rache wurde immer größer. Es ist das Einzige, was ihn noch aufrecht hält. Jetzt, wo sie nicht mehr da ist. Jetzt, wo seine Tat entgültig ist. Er hasst ihn. Hasst ihn so abgrundtief. Gönnt ihm nicht einmal den Tod. Wie er dort unten steht und zu ihm hinaufblickt. Wie er hofft, es könnte anders sein. Wie er bereut. Noch nicht genug. Noch lange nicht. Jetzt, wo er die Antwort weiß, kann er sich endlich rächen. Endlich. Lange hätte er es nicht mehr ertragen. All die Toten. Überall. Er kann ihnen nicht entkommen, kann ihnen nicht entfliehen. Und er will es nicht mehr. Hat lange genug gewartet. Heute werden sie ihn mit hinabreißen dürfen.


Draußen auf der Straße hat sich nichts geregt. Er sieht immer noch zu dem Fenster auf, an dem seine schwach dunklere Form nun nicht mehr zu sehen ist. Er steht hier. Wartend. Warum? Er weiß es nicht. Oder doch. Er weiß es. Es ist Liebe. Oder Besessenheit. Oder Verlangen. Oder Hoffnung. Alles dasselbe... Eine Tür öffnet sich mit einem leisen Laut, der im Rauschen des Regens allerdings untergeht. Er kommt heraus. Kommt endlich heraus. Nach all der Zeit. Langsam, mit sicheren Schritten kommt er auf ihn zu. Bleibt schließlich vor ihm stehen, sieht ihm ins Gesicht. Er kann dem Blick nicht standhalten, weicht ihm aus. Dem Hass. Diese Augen sind sein Untergang.

Es verschafft ihm Genugtuung, ihn so zu sehen. Wie er es nicht wagt, ihm in die Augen zu sehen. Früher hätte er anders gedacht. Früher hätte er Mitleid gehabt. Früher... Dieses Leben ist vorbei. Sein altes Ich ist so tot, wie auch sein neues es bald sein wird. Und es ist seine Schuld. Einzig seine Schuld. Dafür hasst er ihn. Deshalb reicht es noch nicht. Er ist grausam geworden, er sieht es. Aber es schmerzt ihn nicht mehr. Nichts schmerzt ihn mehr. Es ist besser so, denkt er. Und es wird nur noch von kurzer Dauer sein. Er zieht eine Waffe. Nicht seine Waffe, eine Pistole. Dies ist kein Kampf. Es ist das Ende.

Die Waffe wird auf sein Herz gerichtet. Nun blickt er doch in diese Augen. Sieht, was darin lodert. Nicht mehr die alte Wut. Kein Leben mehr. Nur kalter, eisiger Hass. Fast schon unpersönlich in seinem Wahn. Davor schreckt er zurück, nicht vor der Waffe, nicht vor dem Tod. Er hätte nie in diese Augen sehen dürfen, niemals. Er spürt, wie es ihn zerstört, an ihm nagt. Unaufhaltsam. Tödlich. Krank. Er fasst sich wieder. Wird ruhiger. Wartet. Es ist ihm egal. Wenn er sein Tod ist, ist es gut so. Ein Lächeln legt sich auf seine Lippen, wird von seinem Gegenüber erwidert. Bei ihm ist es grausam und kalt. Ein Zerrspiegel.

Er lässt die Waffe sinken. Nickt, als hätte sich eine Vermutung bestätigt. Das Lächeln bleibt. Lässt ihm den Atem stocken. Lässt ihn erschauern. Er sieht, wie er näher kommt, sich zu ihm beugt. Flüchtig spürt er seine Lippen auf den eigenen. Ein Kuss, der ihn innerlich erstarren lässt. Ein Kuss, wie der eines Toten. Er hat Angst, als er sich wieder von ihm löst, ihn wieder das böse Lächeln sehen lässt. So falsch. Voll grausamem Hohn. Die Waffe hebt sich wieder. Noch bevor er reagieren kann, hallt der Schuss von überall her wider. Das Lächeln ist verschwunden. So, wie der Wahnsinn aus den Augen. Das Gesicht drückt Erleichterung aus, als er fällt. Es ist vorbei. Endlich. Frei...

Er sieht ihn an. Wie er am Boden liegt. Das blutrote Haar umgeben von Blut. Ein Teil des Kopfes ist zerstört, doch man sieht es nicht. Er sieht lebendiger aus, als noch Minuten zuvor. Er fühlt, wie die Angst verschwindet. Er fühlt... Nichts. Taubheit. Unverständnis. Doch er weiß, es wird schlimmer werden. Er spürt sie. Die Schuld. Eine alte Freundin, Feindin, Bekannte. Er liebt und hasst sie. Sie lauert. Und sie wird schlimmer wüten, als die Male zuvor. Vielleicht wird er es nicht überstehen. Er weiß. Er hat es verdient. Aber nun, in diesem Moment fühlt er noch nichts. Er betrachtet dieses Gesicht. Ohne das Lächeln ist es wunderschön. Er wünschte, er hätte es niemals gesehen.

Der Himmel ist stürmisch und düster. Schwarze, tiefe Dämmerung legt sich über die Stadt. Betäubend. Alles verschluckend. Alles ist wie vorher. Keine Zehn Minuten sind vergangen. Der Mann ist nur wenig nasser geworden in der kurzen Zeit. Das Licht der Lampe ist beinah dasselbe. Die Sonne, die hinter den undurchdringlichen Wolken vorborgen ist, ist nur um wenige Zentimeter gesunken. Doch nun liegt die Silhouette am Fenster tot auf der Straße. Auch jetzt nicht mehr als ein Schatten. Und der Mann, der davorsteht weiß es. Es ist eine andere Welt. Es war das Ende und was auch immer in diesem Augenblick neu beginnt, er ist blind dafür.





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