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Fanfiction  

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Nachtrot




Und wenn das alles sein soll..., dachte er während er das Ende des Stiels abschnitt und die Rose nach rechts legte. Zu der anderen, die schon da lag.
Wenn das alles ist, reicht es vielleicht nicht. Dann sollte es vielleicht lieber weniger sein.

Das Licht schien hell durch die Schaufenster und er war allein im Laden. Wieder fuhr die Klinge durch einen Stiel und wieder gesellte sich eine Rose zu den anderen.

Ja, rote Rosen... Liebe... Das ist schon richtig, dachte er. Dafür hätte man ja keine dornenlose Pflanze aussuchen können.

Wieder ein Schnitt und wieder war eine Rose kürzer.
Aber sie sind recht widerstandsfähig. Das ist vielleicht gut.
Vorgestern waren sie gekommen, gestern voll aufgeblüht. Wenn man die Enden beschnitt, hielten sie sich noch. Man musste sie nur kalt stellen über Nacht.

Giftig sind sie nicht, dachte er. Vielleicht sollten sie das sein, aber sie sind es nicht. Nur falsch irgendwie. So voll und schön und blutrot und innen sitzt vielleicht schon der Rosenkäfer und nur noch die äußersten Blätter leben. Das könnte sein.

Er legte die Rose auf den kleinen Stapel zu den anderen. Links lag der größere Stapel. Er nahm eine der Rosen und betrachtete sie, betrachtete die Blüte. Es war ein sehr dunkles Rot.
Wie Blut in der Nacht, dachte er und schnitt den Stängel kürzer. Rot wie Liebe, Blut und Schmerz, aber das ist ja gleich. Das ist alles, aber vielleicht sollte es weniger sein.

Die Stacheln sind schon ab, wenn man sie verkauft. Ist das nicht zu einfach? Aber wenn die Stacheln zuviel sind, dann ist es wohl gut, dass sie ab sind. Er dachte darüber nach, betrachtete die harmlosen Stiele mit einem Stirnrunzeln.
Aber jetzt sind die Rosen falsch, dachte er. Mit Dornen waren sie richtiger, man hätte die Warnung nicht wegnehmen dürfen.

Wieder ein Schnitt und wieder einer. Der rechte Stapel wurde größer.
Vielleicht sollte man auch keine Rosen verkaufen. Es bringt nichts. Wenn keine Dornen dran sind, ist es doch sinnlos. Rosen sind Blut und Dornen, dachte er, und ohne sind sie nur Blut, das von innen von einem Käfer gefressen wird.

Der Stahl blitzte in der hellen Sonne. Wenn es so hell war, konnte eine kleine Klinge genauso blitzen, wie eine große im Nachtlicht.
All die Schönheit, die bewunderte Eleganz der fein geschwungenen Blätter, all die Leichtigkeit, das Leben - nur blutige Fassade. Alles nur Trug und Hoffnung, und was bleibt ist ein glatter, nichtssagender Stiel. Und das ist dann alles, wenn es weniger ist. Dann doch lieber mehr und die Dornen und die blutige Schönheit, dachte er, und meinetwegen auch die Käfer.

Er blinzelte, sah auf den Stiel in seiner Hand und die Blüte, die abgeschnitten auf den bräunlichgrünen Enden der Stiele lag.
Ja, ohne Blüte ist es doch nur ein Stiel ohne Dornen, dachte er und schnitt ihn in viele kleine Stücke, die neben der nachtroten Blüte auf die Tischplatte fielen. Und ein Stiel ohne Dornen ist nichts. Ein Stiel muss nur irgendetwas halten und da ist ja dann nichts mehr. Mit Dornen wäre es vielleicht noch etwas, aber ohne ist es nur ein toter grüner Strunk.

Die Blüte lag da, jetzt ganz ohne Stiel und Dornen und irgendwie schutzlos. Vielleicht saß ein Käfer drin, das konnte man nie wissen. Vielleicht waren die leicht geäderten dunkelroten Blütenblätter nur noch außen schön. Vielleicht sollte er nachsehen.
Aber wenn ich die Blüte zerschneide, ist sie nicht mehr schön, dachte er. Weder von außen noch von innen. Und dann ist der Käfer vielleicht auch tot und nicht einmal da ist mehr Leben.

Er nahm eine weitere Blume vom linken Stapel und ließ die Blüte liegen wo sie war, achtete darauf, sie nicht mit dem grünbraunen Strunk der anderen Rose zu treffen. Sie sah schön aus und irgendwie schutzlos. Vielleicht sollte er sie in eine Schale mit Wasser legen und dort schwimmen lassen, statt sie einfach wegzuschmeißen.
Vielleicht geht sie auch unter, dachte er. Wenn der Käfer zu schwer ist, schwimmt sie vielleicht nicht und er ertrinkt.
Er schnitt weiter, die Klinge blitzte neben nachtroten Blüten.

Vielleicht ist es einfach zu viel, dachte er jetzt und war nahe daran, das Messer einfach hinzuwerfen, die Rosen und die hellen Schaufenster sich selbst zu überlassen, einfach zu gehen, für Stunden, am liebsten für ein ganzes Leben.
Vielleicht ist es viel zu viel und nicht zu wenig. Vielleicht sollten die Blüten nicht so rot und die Stiele nicht so glatt und tot sein. Vielleicht sollten da Dornen sein, als Warnung und zur Verteidigung und dann wären die Blüten noch weiß oder allenfalls zart rosa. Dann wäre es vielleicht genug. Ohne nachtrotes Blut und Messer wäre vielleicht alles schön und einfach.
Nicht so falsch.

Wenn das alles ist..., dachte er.

Der linke Stapel war verschwunden und er stand noch einen Moment da, bevor er den rechten vorsichtig hoch nahm und die gestutzten Rosen in den Krug mit dem frischen Wasser stellte.
Es sah hübsch aus, das dunkle Rot im hellen Sonnenlicht. Zwischen all den anderen Blumen war es gar nicht Blut, nur Rosenblüten, fein geschwungen und mit einem fast samtig weichen Glanz auf den zarten Blütenblättern.
Wenn das alles war, war es vielleicht gut.

Einen Tag würden sich die Rosen sicher noch halten und dann könnte man ja noch die Blütenblätter abmachen und so verkaufen. Dann wären sie noch falscher, so ganz ohne Grün und ohne eine Ahnung von Stacheln, nur noch die zarten blutroten Blätter.

Er ging zurück zur Arbeitsplatte und schob die braungrünen Strünke zusammen, um sie wegzuwerfen. Dann spülte er das Messer ab. Das Wasser glitzerte auf der Klinge und als er sie umdrehte hing da ein kleines rotes Blütenblatt wie Blut an dem blanken Stahl. Das Messer fiel herunter.

Es ist vielleicht wirklich zuviel, das alles, dachte er als er das kleine Messer aus der Spüle fischte und neben die kleine schutzlose Blüte legte. Es ist vielleicht zuviel und es dauert nicht mehr lange und alles ist hin. Und wenn das alles ist, dann kann es auch nicht mehr lange dauern, weil dann einfach nicht mehr viel übrig ist. Es ist ja jetzt kaum noch was da. Die Dornen sind schon so lange weg und die Blüten sind auch kaum noch zu sehen.
Irgendwie ist alles zu einem glatten, toten Stiel zusammengeschrumpft, der nichts mehr hält.

Er stand einen Moment nur da, im hellen Sonnenlicht, das durch die blanken Schaufenster fiel und sah mit unbewegtem Gesicht auf die kleine Klinge neben der schönen, kleinen Blüte.
Eigentlich sind sie nicht mehr da, dachte er. Die Blüten sind eigentlich gar nicht mehr zu sehen. Eigentlich sind da nur noch die roten Nächte und die hellen Klingen und wenn man nach mehr sucht, wird klar, dass das alles ist. Und es ist zu wenig und viel zu viel. Und die Dornen sind zwar weg aber immer noch da und spießen die zarten, fein geäderten Blütenblätter auf und alles ist falsch und krank, auch das helle Licht und die harmlosen bunten Blumen und jedes Lachen und jede gerettete Blüte.

Er stand da und sah unbewegt auf die blutrote Blüte und die Klinge und dann schüttelte er den Kopf. Er nahm die Blüte hoch, die so schutzlos und zerbrechlich neben dem blanken Stahl lag, füllte eine kleine Glasschale mit Wasser und setzte sie darauf. Sie schwamm oben und ein Wassertropfen, der auf die Blütenblätter gespritzt war, glitzerte im hellen Licht. Es war sehr schön und er sah lange auf die Blüte und das klare Wasser.

Nein, man könnte sie nicht einfach wegschmeißen, dachte er. Sie wird noch früh genug verwelken und dann ist es immer noch zu spät, aber bis dahin ist sie noch eine Lüge und blutige Schönheit und mehr als ein toter Stiel und weniger als stählerne Dornen. Und wenn das alles ist, kann man auch nichts machen. Dann ist es eben so. Und falsch und schön ist es dann, und man kann es nicht besser machen und nicht schlimmer.

Wenn das alles ist...






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