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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Misteln!

-oder-

Küsse und Grünzeug




Vorwort:
Um in Deutschland an einen Mistelzweig zu kommen, muss man nur auf einen bemistelten Baum klettern und einen abschneiden. Eine goldene Sichel, ein bodenlanger, weißer Rauschebad und ein Name mit ix-Endung erhöhen dabei den Kultfaktor, sind aber nicht unbedingt notwendig und nur im näheren Umkreis eines kleinen, gallischen Dorfes gesetzlich vorgeschrieben. Was man in Japan tun muss, um an einen Mistelzweig zu kommen, will ich gar nicht wissen.


19. Dezember, Vormittag: Viscum album

Im Haus herrscht Ruhe. Ein seltener Zustand. Crawford ist in seinem Arbeitszimmer, Omi und Nagi in der Schule, Aya, Ken und Yohji verkaufen im Blumenladen, aus dem nur gedämpfte Geräusche hereindringen. Farfarello sitzt ruhig auf dem Sofa im Wohnzimmer und döst vor sich hin.
Man hört die Tür vom Arbeitszimmer aufgehen und sieht Crawford genau in dem Moment das Zimmer betreten, als das Knirschen eines Schlüssels in der Eingangstür zu vernehmen ist. Als Schuldig das Haus betritt und sich gutgelaunt summend die Jacke auszieht, steht er an die Wand gelehnt da und beobachtet ihn. Auch Farfarello, durch Crawfords Erscheinen aufmerksam geworden, schiebt seinen Kopf über die Rückenlehne und sieht interessiert zu.
Schuldig holt einen undefinierbaren Strunk schon leicht angewelkten Grünzeugs aus einer Tüte und macht Anstalten, ihn mit Klebeband über dem Durchgang zum Wohnzimmer festzumachen. Das Ding hängt, schaukelt raschelnd hin und her, fällt schließlich runter. Schuldig flucht leise, hebt es auf, verlässt den Flur und kommt Sekunden später mit Hammer und Nagel wieder.
Er schlägt sich auf die Finger, weil er auf den Zehenspitzen stehend über seinem Kopf arbeiten muss, dann schlägt er endlich den Nagel ein. Und befestigt den Strunk daran mit Klebeband. Trotzdem hält es. Selbstzufrieden grinsend bringt er den Hammer zurück, kommt dann wieder und betrachtet sein Werk stolz.
Crawford sieht dem Ganzen kommentarlos zu. Farfarello grinst, sagt aber nichts.
„Und?“ Schuldig will offensichtlich Aufmerksamkeit.
„Was soll ich dazu sagen? Du hast keine Chance.“, merkt Crawford lakonisch an.
„Du bist echt verzweifelt, oder?“ Farf.
Schuldig verzieht genervt das Gesicht. Crawford versucht an ihm vorbei zurück in sein Arbeitszimmer zu gelangen. Schuldig lehnt sich an den Türrahmen und versperrt ihm den Weg. Grinsend deutet er nach oben. Crawford baut sich bedrohlich vor ihm auf. Schuldig verschränkt die Arme vor dem Körper, das Grinsen gefriert. Eine Weile starren sie sich stumm an, dann gibt Schuldig seufzend auf und den Weg frei. Crawford geht zurück in sein Arbeitszimmer
Einige Sekunden ist nichts zu hören. Schuldig steht missgelaunt herum und starrt ärgerlich auf das traurige Stück tote Pflanze, das nun wieder sacht hin und her schwingt.
„Feigling.“, merkt Farfarello an, wen er meint, ist unklar.
Schuldigs Gestalt strafft sich, er zuckt mit den Schultern. „Da hat sein Land einen einzigen sinnvollen Brauch hervorgebracht... Ignorant!“, brummt er.
„Du hast das Ding doch nicht wegen ihm da aufgehängt.“
Schuldig zieht die Augenbrauen hoch, grinst dann. „Aber ich ärgere ihn doch so gerne.“


19. Dezember, Abend: Der Brauch

Aya betritt das Wohnzimmer, nachdem sie den Laden geschlossen haben. Ken wurde soeben von seinen Fußballkindern weggeschleift, Nagi und Omi sind seit knapp drei Stunden wieder aus der Schule zurück und sehen jetzt zusammen mit Farf und Schuldig fern. Brad sitzt etwas abseits in einem Sessel und versucht trotz der vielen explodierenden Autos im Film zu lesen, sieht dann aber auf.
Aya sieht den Mistelzweig, stutzt und fragt, was dieses bemitleidenswerte Stück Botanik in der Wohnung macht. Keiner auf dem Sofa zeigt eine Reaktion, bis auf Schuldig, der es fertig bringt, gleichzeitig zu grinsen und beleidigt auszusehen, als er Aya darauf hinweist, das wäre ein Mistelzweig.
„Aha...“ Aya tritt darunter und blickt das Teil skeptisch an. Offensichtlich kann er Schuldigs Geschmack bei der Auswahl von Weihnachtsdekoration nicht nachvollziehen. Vertrocknete, hässliche Pflanzen...
Yohji hatte schon vor zwei Stunden Schichtende und kommt nun gestylt die Treppe herunter wünscht allen Anwesenden noch einen schönen Abend und will gehen. Aya brummt, er solle gefälligst zeitig wieder da sein, er hätte morgen Frühschicht. Yohji grinst, gibt Aya einen Kuss auf die Wange und flüchtet, bevor er Opfer eines „Unfalls“ wird, bei dem ein gewisser Rotschopf und ein gewisses Katana nicht ganz unbeteiligt wären.
Die Tür schlägt zu, der Fernseher läuft, aber niemand interessiert sich mehr dafür. Keiner sagt was. Alle sehen Aya auffällig unauffällig an. In Schuldigs Grinsen mischt sich eine Spur Eifersucht.
Aya steht etwas verwirrt da und zieht fragend seine Augenbrauen hoch. „Hab ich irgendwas nicht mitbekommen?“, fragt er an die konspirative Versammlung beim Fernseher gewandt.
„Ein Mistelzweig.“, meint Nagi erklärend. „Die Darunterstehenden müssen sich küssen.“
Aya erinnert sich vage, von so was bescheuertem schon mal gehört zu haben und entfernt sich schnell zwei, drei Schritte von der Stelle.
„Ist so ein amerikanischer Weihnachtsbrauch.“, setzt Nagi hinzu, weil Aya immer noch nicht viel verständnisvoller dreinschaut.
Aya räuspert sich. „Ja, meinetwegen. Aber warum hängt das Ding hier?“
„Schuldig.“, lautet das dreistimmige Urteil, unterstützt mit optischen Hilfestellungen durch hinweisendes Gestikulieren. „Schuldig hängt jedes Jahr so’n Ding auf. Er liebt diesen Brauch.“, präzisiert Nagi.
Aya sieht Schuldig böse an, der nur liebenswürdig zurückgrinst. „Ich hab dich am Zehnten gefragt, ob ich dekorieren dürfte und du hast ja gesagt.“, nagelt er ihn auf sein Versprechen fest.
Die verschwommene Erinnerung an ein zwischen Tür und Angel geführtes Gespräch kommt in Aya hoch und er beschließt, es gut sein zu lassen. Soll das schrumplige Grünzeug doch da hängen bleiben.


20. Dezember, Morgen: Ritual

Es ist früh am morgen. Farf kommt aus dem Keller hoch und setzt sich aufs Sofa, um das allmorgendliche Konzert mitzuerleben.
Ein leises Piepsen bildet den Anfang der Symphonie. Ayas Wecker. Das Piepsen wird lauter und durchdringender.
Ein kaum vernehmbares Knacken. Brad, der seinen Wecker ausgeschaltet hat, bevor er losgeht.
Das Piepsen von Ayas Wecker wird schneller, hektischer, steigert sich zu einem rasenden Crescendo. Und erstirbt endlich in einem erlösenden Krachen.
Eine Tür öffnet sich, wird leise geschlossen, eine zweite öffnet sich quietschend, wird abgeschlossen. Brad ist im Bad. Die Dusche ist zu hören.
Ein Radiowecker geht an und wieder aus. Das Knarren von Dielen, Stille. Rumpeln auf der Treppe. Ken kommt heruntergejoggt, grüßt wie jeden Morgen Farfarello, obwohl er nicht weiß, warum der immer da sitzt und verlässt das Haus, wobei er die schmalblättrige Pflanze über der Tür nicht weiter beachtet.
Eine weitere Tür öffnet sich knirschend. Farfarello ist froh, dass Aya es wieder versäumt hat, diese Stimme durch Ölen der Scharniere auszulöschen. Die Tür zum Bad wird aufgeschlossen, Brad und Aya begegnen sich auf dem Flur und murmeln sich ein „Guten Morgen“ zu. Die Badezimmertür wird geschlossen. Wieder Wasserrauschen, wieder Dielenknarren. Brad kommt die Treppe leiser herunter als Ken. Er betritt das Wohnzimmer exakt in dem Moment, in dem Nagis Wecker klingelt. Ein alter Wecker mit einem durchdringenden, schrillen Schellen.
Crawford durchquert das Wohnzimmer auf dem Weg zur Küche, Schritte auf gefliestem Boden. Der Wecker geht wieder aus. Crawford schaltet die Kaffeemaschine an. Wieder ein Moment Stille. Zeitungsrascheln aus der Küche. Die Dusche geht aus.
Omis Wecker geht an. Eine Melodie irgendwo zwischen „Für Elise“ und „Evergreen“. Omi lässt ihn zuende spielen, schaltet ihn dann ab. Die Kaffeemaschine beginnt zu gluckern und zu spotzen. Die Badezimmertür öffnet sich. Dielenknarren.
Omis Zimmertür wird geöffnet, schwingt herum und knallt gegen die Wand. Aya murrt, Omi entschuldigt sich und wünscht ihm einen Guten Morgen. Die Badezimmertür schließt sich. Wasserrauschen.
Aya betritt das Wohnzimmer lautlos, geht zur Küche und holt leise klirrend Geschirr aus dem Küchenschrank und stellt es auf den Tisch. Die Kaffeemaschine beendet ihre Stimme mit einem rauschenden Crescendo. Die Dusche geht aus. Kaffee wird ganz leise plätschernd in Porzellantassen gegossen.
Ken kommt laut keuchend zurück und knallt die Tür hinter sich zu. Die Badezimmertür öffnet sich. Ken trampelt lautstark die Treppe hoch. Aya schimpft, Ken wünscht ihm einen Guten Morgen. Omi und Ken rennen auf dem Flur in einander rein und rappeln sich lachend wieder auf. Dielenknarren, als beide in ihre Zimmer gehen. Zwei Türen, die zugeworfen werden. Yohjis Wecker summt und wird umgehend erschlagen.
Kens Zimmertür geht wieder auf, Dielenknarren, die Badezimmertür wird geschlossen, Wasserrauschen.
Omis Tür öffnet und schließt sich, leise Schritte auf der Treppe, Omi erscheint im Wohnzimmer. Er durchquert es, wünscht Farf gut gelaunt einen Guten Morgen und geht weiter in die Küche. Die Kühlschranktür geht quietschend auf und wird mit einem dumpfen Laut wieder zugeschlagen.
Die Dusche wird wieder abgestellt. Omi wühlt in den Küchenschränken und erzeugt dabei ein Rascheln und Rumpeln, klackert als er seine Beute auf dem Tisch ablegt. Er wünscht Crawford einen Gutem Morgen. Das Scharren von Stuhlbeinen auf Fliesen.
Die Badezimmertür öffnet sich und wird zugeknallt. Ken rumpelt die Treppe runter. Nagi wacht zum zweiten Mal auf und flucht leise. Ken durchquert eilig das Wohnzimmer. Stuhlscharren. Nagis Zimmertür öffnet sich nahezu lautlos. Dielenknarren. Die Badezimmertür wird geöffnet und wieder geschlossen. Ken und Omi unterhalten sich über einen Film. Stuhlscharren als Omi aufsteht und sich verabschiedet. Er durchquert das Wohnzimmer, leichte Schritte auf der Treppe.
Die Badezimmertür geht wieder auf. Omi meint, es wäre schon ziemlich spät, Nagi erwidert, dass ihm das klar sei. Beide verschwinden mehr oder weniger leise in ihren Zimmern. Rumpeln und Dielenknarren. Omi kommt die Treppe wieder herunter und steht wartend im Durchgang zum Flur. Nagi rast die Treppe herunter, durchquert das Wohnzimmer auf dem Weg zur Küche, grüßt knapp, schnappt sich irgendwas und stopft es auf dem Weg zum Flur in seine Tasche. Aya schickt Ken, Yohji wecken.
Nagi geht auf Omi zu, guckt entschlossen nach oben. Stuhlscharren in der Küche. Ken taucht im Wohnzimmer auf. Nagi gibt Omi einen Kuss auf die Wange, murmelt was von Mistelzweig und rennt raus. Omi steht einigermaßen verdattert da. Ken bleibt stehen, fragt, ob er auch darf. Omi wird rot und nickt. Ken küsst ihn leicht auf den Mund, wünscht ihm einen schönen Tag und geht die Treppen hoch. Omi bleibt noch einen Augenblick stehen, verlässt dann das Haus.
Klopfen an Yohjis Tür. Stille. Lauteres Klopfen. Stille. Ken brüllt, dass Yohji gefälligst endlich aufstehen soll. Yohji brüllt verschlafen zurück, dass Ken nicht so brüllen soll. Ken brüllt, dass Yohji eben vom Klopfen aufwachen soll oder noch besser von allein. Schuldig brüllt aus dem Nebenzimmer, ob man in diesem verdammten Irrenhaus nicht einmal ausschlafen kann. Ken und Yohji brüllen unisono, er solle die Klappe halten. Aya und Crawford brüllen, dass die drei gefälligst nicht so brüllen sollen.
Farfs irres Lachen unterbricht die Diskussion. Der Höhepunkt der Symphonie ist nun erreicht, es folgt der Streit von Yohji und Schuldig um das Badezimmer. Ken poltert wütend die Treppe hinunter und öffnet den Laden. Zeitungsrascheln. Brad verlässt die Küche, durchquert das Wohnzimmer und verschwindet in seinem Arbeitszimmer. Schuldig und Yohji gehen inzwischen aufeinander los. Aya stellt das Geschirr in den Geschirrspüler und geht in den Laden. Heute verliert Schuldig und taucht wenig später im Wohnzimmer auf.
„Und? Wie war’s heute?“, fragt er an Farfarello gewandt.
„Orchestrale Umsetzung wie immer grandios. Besonders gutes Timing. Virtuoses rezitativisches Finale, brillantes Zusammenspiel. Amüsante optische Zugaben.“
Schuldig grinst.


20. Dezember, Nachmittag: Wie ein Fluss

Das Wohnzimmer ist leer. Yohji und Ken arbeiten im Laden, Aya ist weg, Omi und Nagi in der Schule, Crawford vor einer Stunde irgendwohin gefahren, selbst von Farfarello fehlt jede Spur. Aus Schuldig Zimmer dringt laute Musik herunter. Das Telefon klingelt. Nach einigen Minuten ertönt ein Fluchen, die Musik geht aus, Schuldigs Zimmertür öffnet sich und er kommt die Treppe runter und starrt das immer noch klingelnde Telefon feindselig an.
Er geht nicht ran, ruft stattdessen Richtung Laden, ob die nicht auch mal ans Telefon gehen könnten.
Ken stürmt wütend rein. „Hör mal, es ist bald Weihnachten, wie dir vielleicht aufgefallen ist und wir haben alle Hände voll zu tun, also geh einfach ran, ja?“
Sie streiten noch ein bisschen, bis Ken abnimmt, Schuldig den Hörer in die Hand drückt und wieder verschwindet, um Yohji vor den (unter achtzehnjährigen) Groupies zu retten.
Schuldig guckt ihm ärgerlich hinterher, achtet dann aber auf die Stimme am anderen Ende der Leitung. Er nickt ein paar Mal, sein Gesichtsausdruck wechselt von genervt nach besorgt. Er murmelt ein „Hm, bin gleich da.“ und legt auf.
Schuldig schnappt sich seine Autoschlüssel und seine Jacke und geht.
Mehrere Minuten geschieht nichts. Bis auf die Geräusche die gedämpft aus dem Verkaufsraum dringen, ist es still. Dann öffnet sich die Tür zum Keller und Farfarello steckt den Kopf heraus. Er durchquert das Wohnzimmer, geht in die Küche, kramt und wühlt dort eine Weile herum. Die Kühlschranktür geht auf und wieder zu. Er kommt mit einem Teller mit Essen und einem Arm voll Bücher wieder aus der Küche heraus, durchquert das Wohnzimmer, krümelt auf den hellen Teppich und verschwindet schließlich wieder im Keller.
Wieder vergeht eine viertel Stunde, ohne dass etwas passiert.
Dann hört man draußen ein Auto vorfahren, die Eingangstür öffnet sich und Schuldig betritt die Wohnung, im Schlepptau Nagi, der sich ein Taschentuch vor die Nase hält. Schuldig hat ihm einen Arm um die Schultern gelegt und führt ihn ins Wohnzimmer. Nagis Schultasche, die er in der anderen Hand trägt, wird achtlos im Flur abgestellt. Unter dem Mistelzweig stockt Schuldigs Bewegung, Nagi bemerkt es und stößt ihn den Ellbogen in die Rippen, Schuldig keucht, grinst und geht weiter. Er setzt Nagi auf der Couch ab, drückt ihn runter damit er liegt, nimmt ihm das blutige Taschentuch weg und verschwindet damit in der Küche. Man hört das Plätschern von Wasser und Sekunden später steht Schuldig wieder vor dem Sofa und drückt Nagi, der tatsächlich still auf dem Rücken liegen geblieben ist, ein nasses Handtuch in die Hand. Nagi bedankt sich und tupft sich damit im Gesicht rum, während Schuldig sich einen Sessel ranrückt und sich drauf setzt. Schweigen.
„Was ist...” Schuldig bricht ab, setzt neu an zu sprechen. „Wie geht’s dir?“
Nagi antwortet nicht, sondern starrt weiter wortlos an die Zimmerdecke. Dann geht seine Schultasche auf und ein Blatt Papier fliegt durch das Zimmer und bleibt auf Schuldigs Schoß liegen. Schuldig nimmt es und ließt.
„Aufgabe: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Beurteilen Sie diesen Vergleich unter Zuhilfenahme einer möglichen Auslegung und unter Berücksichtigung der Aktualität!“ Schuldig unterbricht sich und sieht Nagi an, der sich immer noch nicht rührt.
„Der Vergleich des Lebens mit einem Fluss ist in der Geschichte häufig vorgenommen worden, da er recht einleuchtend ist. Die Quelle als Geburt, das Leben als verschlungenen Weg und das letztendliche, notwendige Münden ins Meer als Tod zu sehen ist naheliegend.
Auch heute ist der Vergleich treffend. Wie auch die Flüsse, ist das Leben einzementiert und verbaut. All der Dreck der Zivilisation findet sich darin wieder. Aber die Oberfläche ist trügerisch glatt und schillernd.
Man schwimmt das Leben von der Quelle zur Mündung entlang und die Ufer sind immer gleich und düster, kein Entrinnen. Wer gegen den Strom schwimmt, den verlassen schnell die Kräfte. Er wird von den Strudeln erfasst und geht in den schlammigen Tiefen unter, wo er mit all den anderen toten Körpern dahinvegetiert und nie mehr das Sonnenlicht sieht. Aber auch so gerät man letzten Endes zur Mündung, denn im Tod sind alle gleich.
Wer vom Grund wieder an die Oberfläche kommt, kann sich glücklich schätzen, doch er wird sich hüten, jemals wieder gegen den Strom zu schwimmen. Wer nicht wieder auftaucht, der verfault.
Alle können nur von der Welt jenseits der Ufer träumen. Das ist das Leben.“
Schuldig endet und sieht von dem Blatt auf. Er faltet es sorgfältig zusammen, geht in den Flur und steckt es wieder in Nagis Tasche. Dann kommt er wieder und setzt sich hin.
„Was war das?“, fragt er nach einer Weile.
Nagi zuckt mit den Schultern, dreht den Kopf leicht zur Seite und sieht ihn an. „Eine Schreibübung. Der Lehrer hat mir dafür eine Eins gegeben und mich zum Schulpsychologen geschickt.“ Er lacht leicht.
Schuldig nickt. „Und so fühlst du dich?“
„Meistens nicht.“
„Aber manchmal schon, ja?“
„Ja, manchmal.“
„Und jetzt?“
Nagi seufzt. „Ich hasse die Schule. Was soll ich da? Früher musste ich auch nicht hin.“
„Du weißt, Brad meint, es wäre unauffälliger, jetzt, wo wir hier wohnen.“
„Hm. Das ist das Einzige, was ich daran nicht mag. Ansonsten ist es gut hier. Sie sind... nett. Sogar Aya, auch wenn er mich wie ein Kind behandelt.“
Schuldig grinst. „Besser irgendwie behandelt als gar nicht beachtet.“
Nagi lacht. „Willst du ihn immer noch unter den Zweig locken? Das könnte echt schwer werden. Hast du gesehen, was er immer für einen Bogen um das Ding macht?“
„Ja, streu noch Salz in die Wunden!“, jammert Schuldig kläglich, wird dann wieder ernst. „Und wie ist das passiert.“ Er deutet auf Nagis Gesicht, das innerhalb von Sekunden wieder ausdruckslos wird.
„Das haben sie dir doch gesagt. Ich bin auf dem Eis ausgerutscht und hingefallen.“, antwortet er abweisend.
„Ja klar. Und dabei schaffst du es, dir nicht nur eine blutige Nase zu holen, sondern auch noch eine aufgeschlagene Lippe und ein schönes Veilchen. Den Sturz würde ich mir wirklich gern vorstellen...“, sagt Schuldig im Plauderton.
Nagi wendet sich ab. „Vergiss es einfach, okay!“
Schuldig lehnt sich im Sessel zurück. „Ich mein ja nur, wenn du Probleme hast...“
„Keine, die ich nicht selbst lösen könnte.“
„Siehst du, das ist das tolle an dem Haushalt. Acht Leute und keiner von ihnen hat irgendwelche Probleme, mit denen er nicht selbst fertig wird. Traumhaft.“
Nagi betastet vorsichtig seine Nase, setzt sich dann langsam auf und sieht Schuldig an. „Ist ja schön, dass du dir Sorgen machst, aber du musst dich nicht immer überall einmischen.“, sagt er leise. „Zum Beispiel sind die Fahrräder von den Typen jetzt ziemlich demoliert, das kannst du dir nicht vorstellen. Völlig verbogen. Und keiner hat was gesehen.“
Ein schwaches Grinsen huscht über Schuldigs Gesicht. „Wäre ich ein verantwortungsvoller Erwachsener, würde ich dir jetzt sagen, dass das keine Lösung ist.“
„Und so?“
„So muss ich dir wohl sagen, dass ich stolz auf dich bin, dass sie alle noch am Leben sind.“ Schuldig grinst wieder.
„Das ist nicht komisch.“
„Nein.“
„Ich weiß, dass so was nichts bringt.“
Schuldig schweigt einen Moment, dann lächelt er. „Nein? Also ich fand Sachbeschädigung immer sehr beruhigend.“
„Hm. Man fühlt sich gleich viel besser.“ Nagi steht auf. „Und sag Brad bloß nichts davon, der reagiert da immer so über.“
Schuldig nickt. „Aber wenn du wirklich Hilfe brauchst, sagst du was, ja?“
„Diese Mistelzweigsache ist dir ziemlich wichtig, oder?“, meint Nagi ablenkend und küsst Schuldig auf die Wange, bevor er auf sein Zimmer geht, die Schultasche hinter ihm herschwebend.
„Nagi, du bist so niedlich, wenn du auf etwas nicht antworten willst.“, ruft Schuldig ihm hinterher, wird aber von Nagi ignoriert, der jetzt in seinem Zimmer ist.
Schuldig rutscht im Sessel herum, bis er bequem liegt, den Kopf über der einen Armlehne, die Beine über der anderen und sieht sich nachdenklich die kopfüberhängende Wohnung an. Er gähnt.
Nach einer Weile öffnet sich die Eingangstür und Aya kommt herein. Er betrachtet misstrauisch die Pflanze und geht dann schnell darunter hindurch. Schuldig beobachtet ihn. „Aya, Pflanzen beißen nicht.“
Aya wirft ihm einen kühlen Blick zu. „Hast du nichts zu tun?“
„Nein, du weißt doch, ich mache nie sinnvolle Dinge.“
Aya nickt zustimmend und geht.


20. Dezember, Abend: Sublimierung

Aya kommt die Treppe herunter und geht in die Küche. Crawford ist immer noch nicht zurück, Yohji hat ein Date, die Restlichen sitzen vorm Fernseher. Wenige Minuten nachdem Aya das Wohnzimmer durchquert hat, steht Schuldig auf und geht ihm hinterher in die Küche. Leicht irritiert dreht Aya sich um und sieht Schuldig genervt an. „Was willst du jetzt schon wieder?“, fragte er nicht eben freundlich.
Schuldig sieht sich etwas ratlos in der Küche um. „Den… Tisch decken?“
Aya sieht in leicht perplex an, schüttelt dann aber nur leicht den Kopf und drückt Schuldig einen Stapel Teller in die Hand. Schuldig teilt sie aus. Aya beobachtet ihn aus den Augenwinkeln.
Schuldig grinst. „Was gibt es zu gucken?“
„Wenn du etwas machst, dann solltest du es auch richtig machen.“
„Und das bedeutet?“
„Du verteilst die Teller wahllos über den ganzen Tisch.“
„Ja und?“
Aya stöhnt genervt auf und wirft Schuldig raus. Der bleibt erst mal leicht bedröppelt mitten im Wohnzimmer stehen. Dann geht er wider zu den anderen und setzt sich dort aufs Sofa. „Kann mir das mit dem Tischdecken mal einer erklären?“, fragt er in die Runde.
„Kann man nicht richtig machen.“, meint Ken, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden.
„Ist wirklich schwer, ihm was recht zu machen.“, stimmt Omi zu.
„Gib’s endlich auf.“, kommentiert Nagi.
„Genau, er schimpft sowieso immer nur mit dir.“
„Das ist Sublimierung, Farf.“, verteidigt sich Schuldig.
„Was ist Sublimierung?“
„Millimeter genaues Tischdecken, das ist Sublimierung.“, erklärt Schuldig grinsend.
„Nein, im Ernst, was ist denn jetzt Sublimierung?“, beharrt Nagi.
„Laut Freud ‚die Überführung niederer Triebregungen in höhere Bereiche’.“ Aya hat sich lautlos angepirscht und steht nun hinter dem Sofa, von wo aus er Schuldig tödliche Blicke sendet.
Der legt seinen Kopf in den Nacken und grinst Aya an. „Aber wie hat Freud doch so schön gesagt: Manchmal ist eine Zigarre auch einfach nur eine Zigarre.“
„Soll das eine Entschuldigung sein?“
„Nein, das heißt nur, dass es möglich ist, dass ich mich irre.“ Schuldig hält Ayas Blick einige Sekunden stand, steht dann aber auf und flieht. „Ich denke, ich esse heute auswärts.“
Aya nickt. „Das denke ich auch.“
Die Haustür öffnet sich und Yohji betritt den Flur, im Schlepptau eine junge Dame. Er überblickt die Situation im Wohnzimmer in Sekundenschnelle und macht Anstalten, einfach unauffällig über die Treppe an der Versammlung vorbeizukommen.
Schuldig ist blitzschnell bei ihm, fängt ihn exakt unter dem Mistelzweig ab und steckt ihm die Zunge in den Hals, bevor er ihm eine bühnenreife Eifersuchtsszene macht. Die Frau wird erst rot, dann wütend und verlässt schließlich das Haus, wobei sie die Tür laut hinter sich zuknallt. Yohji weiß nicht wie ihm geschieht, verpasst Schuldig einen sauberen rechten Haken sobald es ihn aufgeht und verschwindet was von „nur Bekloppte“ schimpfend in sein Zimmer. Aya fährt sich mit den Fingern über die Stirn und lehnt sich an die Couch, um dem Spektakel zuzusehen. Schuldig liegt leicht mitgenommen am Boden rum. Die anderen betrachten ihn mit fast wissenschaftlichem Interesse.
„War das jetzt auch Sublimierung?“, fragt Farfarello gespannt.
„Nein, das war eher typisch adoleszentes Trotzverhalten.“ Aya wirft dem auf dem Boden liegenden Schuldig noch einen kurzen Blick zu, wobei er halb mitleidig, halb tadelnd den Kopf schüttelt. Dann löst er sich vom Sofa und verschwindet wieder in der Küche.
Ken steht schließlich auf, hockt sich vor Schuldig hin und mustert ihn prüfend, bevor er ihn an der Schulter anstupst. „Lebst du noch?“
Zuerst schleicht sich ein Grinsen aufs Gesicht, dann schlägt Schuldig die Augen auf. „Eigentlich hab ich ja gehofft, dass Aya Mitleid zeigt...“, murmelt Schuldig. „Aber so… Na komm, gib Küsschen KenKen!“
Ken schlägt sich vor die Stirn. „Stehst du dann wenigstens auf und hörst auf, dich in Selbstmitleid zu baden, bevor noch jemand über dich stolpert?“
„Kann schon sein.“
Ken seufzt, beugt sich tiefer herunter und küsst Schuldig genau in dem Moment, in dem Brad hereinkommt. Der bleibt völlig unbeeindruckt im Flur stehen, schließt die Tür hinter sich und zieht sich den Mantel aus, während Ken wieder hochfährt. Schuldig bleibt einfach liegen, dreht seinen Kopf aber so, dass er Crawford ansehen kann. „Hi Bradley, wir spielen gerade Dornröschen. Willst du auch mitmachen?“
„Ich fürchte fast, nein. Dürfte ich vorbei?“
Schuldig steht murrend auf, während Ken Brad einen Kuss auf die Wange drückt und sich rasch außer Reichweite begibt. „Komm schon Crawford. Brauch ist Brauch, ne?“, sagt er dem leicht entgeistert guckenden Brad lachend.
Der schüttelt den Kopf, rückt sich seine Brille auf der Nase zurecht und murmelt was von „jetzt alle durchgedreht“. Er geht zur Couch, setzt sich und verkündet, dass sie in der Nacht vom Zwanzigsten zum Einundzwanzigsten eine Mission hätten. Nichts Schwieriges, nur Informationen besorgen. Er überhört großzügig alle aufkommenden Proteste von wegen bald Weihnachten und zu kurzfristig und weist noch einmal darauf hin, dass er gesehen hat, dass es klappen würde und dass sie auch mal Geld bräuchten und schließlich nehmen sie an.


21. Dezember, Vormittag: Plätzchen

Wie so oft zu dieser Zeit ist das Wohnzimmer wie ausgestorben. Quietschend öffnet sich die Kellertür und Farfarello taucht auf, unterm Arm die Bücher von gestern. Er geht in die Küche, woher daraufhin eine Menge unterschiedlicher Geräusche ins Wohnzimmer dringen, die aber unbemerkt bleiben. Es ist gerade für eine Weile Ruhe eingekehrt, als Aya vom Laden hereinkommt, und kurz innehält, als er Farf in der Küche entdeckt. Man sieht ihm an, dass er unsicher ist, ob er es einfach ignorieren oder aber eingreifen soll. Schließlich verlässt er aber das Wohnzimmer durch die Eingangstür wieder.
Eine Stunde vergeht, in der sich ein verführerischer Duft in der ganzen Wohnung ausbreitet. Die Eingangstür geht auf und Schuldig kommt herein, schimpft über die verdammte Kälte, während er Schal und Wintermantel an die Garderobe hängt und seine Stiefel in die Ecke feuert. Er stellt ein paar Tüten ab und folgt schließlich dem Geruch in die Küche.
Ein Laut des Entzückens dringt ins Wohnzimmer und wenig später kommt Schuldig wieder heraus, knabbert selig ofenwarme Plätzchen und krümelt den hellen Teppich voll. Er schnappt sich die Tüten und trägt sie auf sein Zimmer, kommt wenig später wieder herunter und geht noch einmal in die Küche.
„Sag mal Farf, weißt du zufällig, ob Aya da ist?“
„Er ist vor etwa einer Stunde weggegangen. Besucht wahrscheinlich seine Schwester.“
„Aha.“
„He! Du kannst nicht einfach alle Plätzchen wegfressen!“
Schuldig taucht wieder im Wohnzimmer auf, die Küchentür wird hinter ihm geschlossen. In der Hand noch eine Handvoll erbeuteter Gebäckstücke setzt er sich im Schneidersitz unter dem Mistelzweig auf die Lauer und wartet.
Etwa eine halbe Stunde später betritt Aya das Wohnzimmer durch den Laden und bleibt stehen, um Schuldig zu beobachten, der immer noch auf dem Fußboden sitzt und die Tür im Auge behält.
„Wartest du auf was bestimmtes?“, fragt Aya ihn interessiert.
Schuldig zuckt ertappt zusammen und dreht sich zu Aya herum. Er steht auf und klopft sich die Kekskrümel von seinen Klamotten. Aya sieht missbilligend zu, wie sie auf dem hellen Teppich landen und in den Fasern verschwinden. Schuldig grinst. „Findest du es nicht ein bisschen albern, durch den Laden reinzukommen?“
Aya zuckt mit den Schultern, während er die Knöpfe seines Mantels öffnet. „Findest du es nicht etwas albern, da rumzusitzen, von dem Grünzeug an sich mal ganz zu schweigen?“
Schuldig schüttelt den Kopf.
Aya zieht sich den Mantel aus und legt ihn über die Sofalehne. „Es riecht nach Plätzchen.“, bemerkt er, ohne noch mal auf diverse Albernheiten einzugehen.
„Jepp, Farf hat welche gemacht. Schmecken großartig. Leider hat er mich nach dem ersten Blech rausgeworfen.“
„Er kann Plätzchen backen?“, fragt Aya erstaunt.
„Natürlich kann er Plätzchen backen, was denkst du denn?“
Aya senkt den Blick. „Na, ich dachte nur, weil...“, meint er entschuldigend.
Schuldig winkt ab. „Ach, na ja, zu Weihnachten verhält er sich immer etwas merkwürdig. An Heiligabend müssen wir aber ein bisschen aufpassen.“
„Wo sind eigentlich die anderen?“, wechselt Aya das Thema.
Schuldig zuckt mit den Schultern. „Weiß nicht genau, aber ich glaube, Yohji und Ken arbeiten und Brad, Omi und Nagi planen die Mission.“
Es klingelt an der Tür und Aya geht hin, um zu öffnen. Ein Pizzabote steht davor und drückt Aya eine warme, leicht durchgefettete Pappschachtel in die Hand. Schuldig sieht seine Stunde gekommen, folgt Aya und bleibt im Durchgang zum Flur stehen, wird dann aber von Omi zur Seite geschoben, der aus Crawfords Arbeitszimmer auftaucht, dem Boten einen Schein in die Hand drückt und die Tür schließt. „Haben wir bestellt, ist Nervennahrung.“, klärt er auf, nimmt Aya die Pizzaschachtel aus der Hand, wobei er ihn ein Stück in Richtung Wohnzimmer mitzieht, gibt ihm einen Kuss und entschwindet wieder dahin, woher er gekommen ist, während sich Aya seiner Unvorsichtigkeit bewusst wird und vor Schuldig in den Blumenladen flüchtet.
Schuldig steht völlig fertig da und sieht immer von der Tür zum Blumenladen zu der zum Arbeitszimmer. Zerstreut nimmt er Ayas Mantel von der Lehne und hängt ihn an die Garderobe. Dann dreht er sich um und trottet wieder zu Farfarello in die Küche.


21. Dezember, Nacht: Heimkehr

Alles ist dunkel und still. Zwei Wagen halten auf dem Hinterhof, das Scheinwerferlicht erhellt für Augenblicke das Wohnzimmer, wird dann ausgeschaltet. Die Tür wird aufgeschlossen und drei Gestalten wanken herein, gefolgt von zwei weiteren, die das Licht anschalten. Alle kneifen geblendet die Augen zusammen. Crawford und Nagi, die Schuldig stützen, erreichen die Couch und legen Schuldig dort ab. Farfarello zieht sich ohne ein Wort in den Keller zurück. Aya tritt zögernd auf die anderen zu, bleibt dann in einiger Distanz abwartend stehen.
„Du hast gesagt, es würde alles gut gehen.“, beschwert sich Nagi bei Crawford.
Der brummt etwas unverständliches, während er Schuldig den rechten Schuh auszieht und dessen Fuß untersucht. „Kann ja keiner ahnen, dass er völlig ohne Grund aus vier Metern Höhe irgendwo runterspringt.“, verteidigt er sich schließlich.
Aya sieht aus, als wolle er irgendetwas sagen, schweigt dann jedoch, als sich Schuldig lautstark zu Wort meldet.
„Ja ja, ist ja gut. Sag mir lieber, was mit dem Fuß ist, anstatt hier Predigten zu halten.“
„Ist nur verstaucht, also kein Grund zu jammern.“
„Ich hab gar nicht gejammert. Und jetzt nimm deine Finger da weg, das tut weh.“
Omi kommt herein, bleibt im Durchgang zum Flur stehen und gähnt mit vorgehaltener Hand. „Und wie geht’s ihm?“
„Ich wette, er jammert.“, meint Yohji gähnend, als er ebenfalls hereinkommt.
„Ich jammere nicht.“, ruft Schuldig beleidigt. „Und ihr steht unter dem Mistelzweig.“
Yohji stöhnt genervt auf, Omi zuckt mit den Schultern, gibt Yohji einen Kuss und wünscht allen eine Gute Nacht, bevor er nach oben verschwindet. Brad geht in die Küche.
„Und wieso hat Brad das nicht vorhergesehen?“, fragt Yohji, offensichtlich gerade sehr streitlustig.
„Er hat’s eben doch nicht drauf.“, mault Schuldig. Brad kommt aus der Küche wieder und packt einen mitgebrachten Kühlakku betont unsanft auf Schuldigs Knöchel.
„Du bist ein Schatz, Braddy.“, zischt Schuldig durch zusammengebissene Zähne.
Brad grinst. „Er kann schon wieder Witze machen, also wird er’s überleben.“
Ken kommt herein, schließt die Tür hinter sich ab und bleibt neben Yohji stehen. „Und? Ist er sehr wehleidig?“
„Ich bin nicht wehleidig!“, brüllt Schuldig. „Und ihr steht unterm Mistelzweig.“, fügt er schon wieder grinsend hinzu.
Brad verdreht die Augen und geht schlafen. Ken grinst, küsst Yohji und poltert die Treppe hoch. Yohji steht noch einen Moment da, stellt dann laut fest, dass Schuldig spinnt und geht ebenfalls.
Nagi hilft Schuldig auf. In Ayas bisher bewegungslose Gestalt kommt Leben, als er sich umdreht und ebenfalls langsam die Treppe hochgeht.
„Hältst du mich auch für wehleidig?“, ruft Schuldig ihm hinterher.
Aya hält inne, einen Fuß schon auf der nächsten Stufe und dreht sich zu den beiden um, die noch immer in der Nähe des Sofas sind und nur langsam zur Treppe kommen. Ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht und er schüttelt den Kopf, dann wendet er sich wieder ab, nimmt die letzen Stufen und ist außer Sichtweite.
Nagi und Schuldig sehen sich an. Nagi mit hochgezogenen Brauen, Schuldig mit einem Grinsen auf dem Gesicht.
„Siehst du?“
„Was?“
„Er mag mich.“
„Hm.“
„Ein bisschen mehr Begeisterung bitte.“
„Hm.“ Diesmal klingt es eindeutig begeisterter.
„Ich hab’s dir doch gleich gesagt.“
„Na ja, du erzählst viel, wenn der Tag lang ist.“
„Aber diesmal hatte ich recht.“
„Na, wenn du meinst.“
„Du bist zu pessimistisch.“
„Hm.“
„Er ist nur schüchtern.“
„Na so kann man das auch nennen.“
Die Worte werden leiser, als die beiden mühsam die Treppe erklimmen, verstummen schließlich ganz, als Nagi Schuldigs Zimmer verlässt und schlafen geht. Bald herrscht im ganzen Haus wieder Stille. Nur das Licht im Wohnzimmer brennt weiter.


22. Dezember, Mittag: Der Weihnachtsbaum

Farfarello kommt aus dem Keller, geht in die Küche. Brad kommt aus seinem Arbeitszimmer, steht im Wohnzimmer, sieht sich um. Farf kommt wieder aus der Küche, einen Topf dampfende Instant Nudelsuppe und Stäbchen in der Hand und geht zur Kellertür.
„Hast du eine Ahnung, wo Schuldig ist?“, hält Crawford ihn auf.
Farfarello dreht sich erstaunt um und mustert Brad, als hätte er ihn noch nie im Leben gesehen, dann dreht er sich ohne eine Antwort um, öffnet die Kellertür und tappt mit langsamen, balancierenden Schritten die Kellertreppe herunter.
Crawford seufzt und schließt die Kellertür. Er geht in den Flur und sieht am Schlüsselbrett nach, ob Schuldigs Autoschlüssel da sind. Die Eingangstür öffnet sich und Nagi kommt herein. Er geht an Crawford vorbei und bleibt im Durchgang zum Wohnzimmer stehen. Brad dreht sich zu ihm um. „Hast du schon Schulschluss?“
„Hab Ausfall.“, murmelt Nagi, während er seine Mappe in die Ecke schleudert und sein Blick immer wieder zum Mistelzweig schweift.
„Hat Schuldig dir vielleicht gesagt, wo er heute hin will?“
Nagi nickt. „Er will einen Weihnachtsbaum kaufen.“
“Klar, wie konnte ich das vergessen.“ Brad schiebt sich die Brille auf die Nase und will an Nagi vorbei ins Wohnzimmer. Nagi bleibt im Weg stehen. Crawford verschränkt die Arme. Nagi sieht ihn von unten mit großen Augen an. Crawford seufzt und beugt sich runter zu Nagi, der ihm um den Hals fällt, ihm einen Kuss auf die Wange drückt und sich dann schuldighaft grinsend auf die Couch fallen lässt und den Fernseher anmacht.
Crawford geht kopfschüttelnd einen Schritt nach vorn, erstarrt aber in seiner Bewegung, als er Yohji sieht, der breit lächelnd die Treppe runterkommt und vor ihm stehen bleibt.
„Das hast du nicht gesehen, klar?“
Yohjis Grinsen wird noch breiter, als er Brad auf die Nasenspitze küsst. „Ich hab keine Ahnung, wovon du redest.“, meint er gut gelaunt, dreht sich um und geht lachend in den Blumenladen. Brad beeilt sich, wieder in sein Arbeitszimmer zu kommen.
Eine Weile läuft nur der Fernseher, dann kommt Aya aus dem Laden herein. „Willst du auch was essen?“
Nagi nickt, ohne den Blick abzuwenden. Aya runzelt ärgerlich die Stirn und geht in die Küche. Die Kellertür öffnet sich, Farfarello kommt mit der leeren Schüssel in der Hand heraus, durchquert das Wohnzimmer zur Hälfte, bleibt wie angewurzelt stehen. Er sieht sich verwirrt im Zimmer um, schüttelt den Kopf, als wäre ihm irgendetwas eingefallen, stellt die Schüssel mitten auf dem hellen Teppich ab und geht ruhigen, gemessenen Schrittes wieder in den Keller zurück.
Aya klappert in der Küche ein bisschen mit Geschirr, kommt dann mit zwei Tellern herein. Er stolpert über die leere Schüssel, verliert allerdings nicht das Gleichgewicht und sieht fluchend zu, wie Suppenreste im hellen Teppich versickern. Nagi dreht sich um. „Das war Farf. Er benimmt sich zu Weihnachten immer etwas seltsam.“
„Hat mir Schuldig schon erzählt.“, brummt Aya schlecht gelaunt und Nagi schweigt.
Aya setzt die Teller auf dem Couchtisch ab und bringt die Schüssel in die Küche. Dann setzt er sich zu Nagi und die beiden Essen. Das Telefon klingelt.
„Fujimiya. ... Ich habe ja auch schlechte Laune. ... Wo bist du denn? ... Und warum sollte ich das tun? ... Idiot!“ Aya legt wieder auf und isst weiter.
„Wer war dran?“
„Schuldig.“ Aya bringt den Teller zurück in die Küche und geht in den Flur, wo er sich seinen Mantel anzieht und sich die Schlüssel des Lieferwagens schnappt.
Nagi sieht ihm hinterher, als er nach draußen verschwindet und isst dann weiter.
Ken kommt vom Laden rein und schaut hungrig auf Nagis Teller. „Ist davon noch was da?“
Nagi zuckt mit den Schultern. „Hat Aya gemacht, musst du mal nachgucken.“
Ken stromert in die Küche und kommt dann tatsächlich mit Nahrung wieder. Zufrieden setzt er sich zu Nagi und fängt an zu essen. „Findest du auch, dass sich Farf komisch benimmt?“, fragt er zwischen durch.
„Tut er immer zu Weihnachten. Aber keine Angst, richtig fies wird er nur an Heiligabend, dann muss ihm irgendjemand seine Tabletten geben.“
„Und Schuldig?“
Nagi sieht von seinem Essen auf, legt die Stäbchen beiseite und lehnt sich satt zurück. „Was ist mit ihm?“
Ken zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht, er benimmt sich auch seltsam.“
„Ach das! Nein, das ist immer irgendwie so. Da ist kein Muster erkennbar.“, winkt Nagi ab. „Zur Zeit ist er sehr weihnachtlich drauf, das macht er fast jedes Jahr. Heute wollte er einen Weihnachtsbaum kaufen.“
Ken runzelt die Stirn. „Hat er sich nicht das Bein verstaucht?“
„Er hat doch ein Automatikauto. Ich weiß nur nicht, wie er damit...“ Nagi stockt kurz, grinst dann. „Okay, dann ist ja klar, warum er eben hier angerufen hat. Aya muss den Baum abholen.“
„Wir kriegen einen Baum?“
„Jepp. Das volle Programm. Ich wette, Schuldig hat schon Geschenke für alle.“ Nagi verschränkt mit leuchtenden Augen die Arme hinterm Kopf.
„Warum Geschenke?“, fragt Ken erstaunt.
„Ach, das macht man in Deutschland so. Da schenkt man zu Weihnachten allen möglichen Leuten was. Besonders Familienmitgliedern.“
„Aha. Meinst du, er erwartet auch Geschenke?“
Nagi schüttelt den Kopf. „Nö, außerdem wüsste ich auch gar nicht, was man ihm schenken kann.“
Von draußen sind streitende Stimmen zu hören und kurz darauf öffnet Aya die Tür, kommt rein und bleibt im Durchgang zum Wohnzimmer stehen. „Kann mal jemand helfen, dass Monstrum irgendwie hier rein zu kriegen? Der Held dahinten meint zwar, er könnte das auch mit Krücken und verstauchtem Knöchel, aber ich will mir das wirklich nicht mit ansehen müssen.“, sagt Aya trocken, während Schuldig hinter ihm in der Eingangstür stehen bleibt und rummosert.
Dann allerdings pirscht sich von hinten an Aya heran, ist aber nicht schnell genug für Ken, der schon bei Aya ist, die Gelegenheit nutzt, ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken und dem entsetzten Schuldig über Ayas Schulter frech zugrinst, während er ihn rauszieht, um sich den Weihnachtsbaum mal anzusehen. Nagi steht auf, bringt die Teller in die Küche und trottet zu Schuldig, der sich selbst bemitleidend immer noch in der Tür steht. „Nagi, das hat der nur gemacht, um mich zu ärgern.“, stellt er in weinerlichem Tonfall fest.
Nagi grinst ihn teils aufmunternd, teils spöttisch an. „Ach nee!“
Schuldig verschränkt trotzig die Arme vor der Brust, soweit das mit Krücke in der einen Hand geht. „Aber er hat keine Chance, Aya mag nämlich nur mich. Er hat mich Held genannt, hast du das mitgekriegt?“
Nagi fasst sich an den Kopf und nickt leicht. „Ist schon gut, ich werd mal nach dem Baum sehen.“
Schuldig lacht über sich selbst und humpelt unter den Mistelzweig, um dort zu lauern, wird dann allerdings wenig sanft von einer schwebenden Tanne angestupst. „Mensch, Schuldig, geh aus dem Weg!“, fordert ihn Nagi auf, der stolz hinter dem Ding her läuft.
Aya kommt herein, wobei er den Weihnachtsbaum geschickt als Deckung ausnutzt. „Ich seh schon, alle deutschen Weihnachtsbräuche laufen auf totes Grünzeug in der Wohnung hinaus...“
Schuldig sieht ein, dass es keinen Sinn mehr hat, weiter im Weg rumzustehen und trottet zur Couch, wo er sich fallen lässt. „Nein, nein, wichtige Punkte sind auch noch, sich langweilige Musik mit nervigen Verwandten anzuhören und sich dabei mal so richtig zu überfressen.“, erklärt er grinsend.
„Klingt ja verlockend.“, meint Ken, der als letzter wieder reinkommt und die Tür hinter sich schließt.
„Ja, ich muss sagen, um Weihnachten rum vermisse ich Deutschland immer ein bisschen.“
Schuldig seufzt theatralisch auf. „Ihr steht übrigens unterm Mistelzweig.“
Aya schüttelt den Kopf. „Du bist echt gestört.“
Ken und Nagi nicken zwar zustimmend, zucken dann aber die Schultern und küssen sich.
Schuldig summt irgendein Weihnachtslied vor sich hin, während er durch die Kanäle zappt.
Aya nimmt ihm die Fernbedienung weg und schaltet ab. „Jetzt wird nicht ferngesehen. Sag mal lieber, ob du beim Kauf dieses Monstrums auch überlegt hast, wo das Ding hin soll.“
Schuldig zieht scharf die Luft ein und sieht Aya beleidigt an. „Beim Weihnachtsbaumkauf geht es nicht um Maße!“ Er spuckt das letzte Wort verächtlich aus. „Es geht darum, dass man durch den Wald... na okay, die Verkaufsfläche läuft und auf einmal vor dem perfekten Baum steht. Man muss sich quasi auf den ersten Blick in ihn verlieben.“
„Na dann sieh mal zu, wo du deinen Geliebten unterbringst.“
„Hör ich da eine Spur von Eifersucht?“
„Schuldig, es ist ein Baum.“
„Es ist der perfekte Baum!“, empört sich Schuldig.
„Na dann werd glücklich, ich gehe.“ Aya wirft dem Baum noch einen kritischen Blick zu, murmelt irgendwas von Deutschen und gestörtes Verhältnis zu Grünzeug und geht in den Laden, um Yohji zu retten, der da ganz allein bei den verrückten Mädchen zurückgelassen wurde.
„Also, ich find ihn schön.“, meint Ken. „Ist aber vielleicht wirklich n bisschen groß...“
„Du brauchst gar nicht schleimen. Du hast verschissen. Und er ist nicht zu groß, er ist perfekt. So.“
Ken verdreht die Augen, tut so, als würde er in Tränen ausbrechen und folgt Aya in den Laden.
„Kann ich jetzt endlich mal wissen, wo ich diesen perfekten Baum abladen kann?“, fragt Nagi genervt. „Ich würd heut auch gern noch was anderes machen.“
Schuldig wedelt vage mit der Hand in der Luft rum. „Na, da in der Ecke würde er sich doch ganz gut machen.“
„Schuldig, da steht ein Schrank.“
„Und da?“ Schuldig wedelt in eine andere Richtung.
„Das Telefon. Bist du blind?“
„Nein, aber ich seh von hier aus nichts. Der Baum ist im Weg.“ Er überlegt eine Weile. „Du könntest ihn einfach in die Mitte des Wohnzimmers stellen. Die Couch kann weiter nach vorn.“
„Und wo soll der Couchtisch hin?“
„Ähm... Stell ihn erst mal vor den Schrank, wir können ihn ja nachher zu Farf runterbringen, der freut sich.“
„Crawford wird ausrasten.“, merkt Nagi noch an, während er schulternzuckend den Couchtisch vor den Schrank räumt, die Couch samt Schuldig weiter nach vorn schweben lässt und den Baum dahinter abstellt. Dann setzt er sich neben Schuldig auf das Sofa.
Der murmelt was von Brad sowieso Weihnachtsmuffel und keinen Sinn für Traditionen und überhaupt Spielverderber und so weiter und so fort, dann schnappt er sich die Fernbedienung und sieht fern.


23. Dezember, Nachmittag: Geburtstag

Nagi und Omi kommen aus der Schule, ziehen ihre Jacken aus und werfen die Schultaschen so weit weg wie es geht. Unter dem Mistelzweig vergessen sie ganz sich zu küssen, denn der Anblick, den das Wohnzimmer bietet, erstaunt sie.
Vor dem riesigen Weihnachtsbaum steht Schuldig, und stützt sich an der Rückenlehne des Sofas ab, während er seine Krücke dazu missbraucht, Kugeln an die obersten Äste zu hängen. Die unteren sind schon über und über mit allem möglichen Zeug behängt, von einigen, wenigen Kugeln, die Schuldig Gott weiß wo aufgetrieben hat über Farfs Plätzchen an Wollfäden bis zu buntem Plunder, der an sich nicht da ran gehört und haufenweise Lametta. „Hey, schön dass ihr da seid. Nagi, kannst du mir mal helfen?“
Nagi nickt nur und stellt sich neben Schuldig, der ihm sagt, wo alles hin muss, während Omi leicht perplex stehen bleibt. Er hatte sich ja gestern schon gewundert, als der Baum plötzlich da war, aber das... „Schuldig, geht’s dir gut?“, fragt er besorgt.
Er geht weiter in den Raum und sieht sich aufmerksam um. Überall sind Kerzen aufgestellt und auf dem Fernseher steht sogar eine wirklich schöne Weihnachtspyramide. Und an den Fenstern – Omi stutzt. „Schuldig, warum hast du einen Hund, der einen Fliegenpilz frisst an die Scheibe gemalt?“
Nagi blickt auf und folgt Omis Blick. „Nein, nein. Das ist eine... Gazelle, die…“, er legt den Kopf leicht schräg und runzelt die Stirn, „aus einem Teller mit Spagetti und Tomatensoße springt.“
„Ey, ihr Banausen, das ist der Weihnachtsmann und sein Rentier.“, verteidigt Schuldig sein Kunstwerk.
„War das das Vieh mit der roten Nase?“, fragt Omi Nagi.
Der nickt. „Ja, Adolf oder wie das Vieh heißt...“
Schuldig starrt sie an, als kämen sie aus dem All. „RUdolf!“, ruft er entsetzt. „Wie kann man nur selbst als Japaner so ein Weihnachtsmuffel sein?“
Omi sieht ihn nur mit großen Augen an. „Und der Weihnachtsmann? War das nicht dieses Maskottchen vom Coca Cola Konzern?“
Nagi nickt.
„Und der sieht aus, wie ein Fliegenpilz mit Tomatensoße?“
Schuldig ist am Verzweifeln. „Tut er nicht! Man erkennt ihn ganz genau. Hey, Aya, sag mal, was ist das?“
Aya, der gerade erst reingekommen ist und sich bei der Lautstärke und dem Niveau dieses Gespräches schon gleich in den Laden absetzten will, starrt einen Moment unschlüssig das Fenster an. „Sublimierung.“, lautet sein Urteil, bevor er in den Laden flüchtet.
Omi und Nagi gehen lachend nach oben und Schuldig sitzt geknickt auf der Couch. Die Kellertür öffnet sich und Farf kommt heraus, sieht sich um, setzt sich zu Schuldig auf das Sofa und starrt das Fenster an. Schuldig startet einen letzten Versuch. „Farf, was siehst du da an der Scheibe?“
„Dieses blöde Rentier. Und den Weihnachtsmann.“, meint Farf ausdruckslos.
Schuldig seufzt erleichtert auf. „Wenigstens einer.“
„Glaubst du an den Weihnachtsmann?“, fragt Farf.
Schuldig grinst. „Klar doch. Immerhin bringt er ja Geschenke, ne? Wenn Gott jedes Jahr was für mich tun würde, würd ich auch an den glauben, aber da sieht es düster aus.“
Farf nickt begeistert. „Ich mag den Weihnachtsmann. Er ist fast so was wie der Teufel.“
„Ach ja? Wieso?“
„Er macht den Kindern Geschenke, damit sie an ihn glauben. Irgendwann werden alle nur noch an den Weihnachtsmann glauben und keiner mehr an Gott. Und keiner wird sich mehr an dieses Geburtstagsding erinnern.“
Schuldig zuckt zusammen. „Apropos Geburtstag. War da nicht heute was?“
Farfarello nickt bedächtig. „Jepp. Ken.“
Schuldig überlegt einen Moment und grinst dann triumphierend. „Ich wollte ihm sowieso Fußballhandschuh schenken. Dann bekommt er einen heute und den anderen morgen.“
Farfarello guckt Schuldig von der Seite her zweifelnd an. „Genial.“
„Nicht wahr?“, erwidert Schuldig ohne jede Spur von Ironie. „Hast du was für ihn?“
„Plätzchen.“
„Aha…“
In dem Moment kommen Yohji, Ken und Aya vom Laden rein und bringen kistenweise Pizza, Knabberzeug und Flaschen mit, die sie neben dem Sofa abstellen. Alle gratulieren Ken und Nagi und Omi kommen vom allgemeinen Geschrei angelockt runter und schreien fröhlich mit. Crawford kommt von draußen rein und wird von einem etwas überdrehten Omi geküsst. Geschenke werden überreicht, unter anderem eine Motorradjacke, eine Armbanduhr und ein einzelner Torwarthandschuh, worauf nicht näher eingegangen wird, da es Schuldigs Geschenk ist.
Dann beschließt man den Abend und die folgende Nacht mit Neun-Stunden-Marathon-Herr-der-Ringe-Life-Karaoke-Neusynchronisieren zu verbringen. Das heißt, eigentlich beschließen das Ken, dessen Idee es war und Nagi, Omi, Schu und Farf, die spontan begeistert sind. Yohji, Aya und Brad werden durch emotionale Erpressung gezwungen und beschließen, dass genug Alkohol da ist, um es zu überleben.
Farf will Gollum sprechen, Brad wird als Gandalf bestimmt. Aya wird einstimmig zum Legolas erklärt, hält aber nicht mit seiner Meinung hinterm Berg, wie er es findet, einen tuntigen Elb zu spielen. Nun entbrennt ein Streit um die Rolle des Aragorn, den das Geburtstagskind Ken für sich entscheidet. Schuldig jammert, dass er keinen Hobbit spielen will und Aya gibt ihm seine Rolle und erklärt sich zum Boromir, ohne auf den Protest der anderen zu achten. Irgendwann sind auch die letzten Streitereien beigelegt und das Spiel kann beginnen. Die fehlenden Rollen werden spontan durch Anschupsen besetzt. Zuerst ist es ein wenig holprig und komisch, aber nach den ersten schmutzigen Witzen von Schuldig und der ersten Kiste Wein, kommt das ganz in Gange und es kommt richtig Stimmung auf. So etwa an der Stelle, an der Boromir stirbt und Legolas ihm unter Tränen seine ewige Liebe gesteht. Allerdings schaffen sie es nicht mehr bis zum Ende des dritten Teils. Zwar kommt bei der Schlacht um Minas Tirith noch mal richtig L
eben in die Bude, aber danach wird es dann stiller, bis früher oder später alle irgendwie weggedämmert im weihnachtlich erhellten Wohnzimmer liegen und Brad als letzter den Fernseher ausschaltet, als Frodo in Itilien wieder zu sich kommt.


24. Dezember, Morgen: Kompatibilität

Es dämmert und bis auf Brad, der in der Küche ist und gerade versucht, die streikende Kaffeemaschine zum Laufen zu kriegen, liegen alle noch so herum, wie sie vor wenigen Stunden umgefallen sind und schlafen.
Dann ist eine Bewegung zu sehen und Farf steht auf, tritt auf Omi, der leise grummelnd weiterschläft, dann auf Aya, der aufwacht, und verschwindet im Keller.
Aya schiebt Schuldigs Arm von sich runter, vorsichtig darauf bedacht, diesen nicht zu wecken und erhebt sich. Seine Sachen sind zerknittert und seine Haare stehen in alle Richtungen ab. Etwas steif und sich den Kopf haltend schleicht er die Treppe hoch und verschwindet im Bad. Etwa eine viertel Stunde später kommt er zurück ins Wohnzimmer, immer noch etwas blasser als sonst, aber wieder so ordentlich wie gewohnt. Er verzieht das Gesicht und reißt die Fenster weit auf.
Die anderen machen nicht den Eindruck, als würden sie irgendetwas mitkriegen und schlafen friedlich weiter. Aya beobachtet sie einen Moment lang, wobei man auf seinem Gesicht ein Lächeln vermuten könnte, würde es sich hier nicht um Aya handeln. Dann wendet er sich abrupt ab und geht raus, um die Zeitung zu holen.
Im selben Augenblick beendet Crawford seinen Kampf mit der Kaffeemaschine, die dröhnend losgeht, aber damit heute niemanden aufweckt und beschließt ebenfalls die Zeitung zu holen.
Er durchquert das Wohnzimmer und trifft Aya, der mit der Zeitung in der Hand gerade von draußen zurückgekehrt ist, im Durchgang zwischen Flur und Wohnzimmer, wo immer noch der Mistelzweig seinen langen Schatten wirft. Sie sehen sich den Bruchteil einer Sekunde lang in die Augen, wenden sich dann prüfend dem Tannenbaum zu, der den Blick auf die hinter der Couch Schlafenden verdeckt.
„Wenn es niemand gesehen hat...“, beginnt Aya.
„…ist es auch nicht passiert.”, stimmt Crawford nickend zu.
Aya setzt seinen Weg ins Wohnzimmer fort und fängt an, den gröbsten Müll aufzuräumen, wobei er keine Rücksicht auf die überall herumliegenden Scheintoten nimmt, während Crawford sich umdreht und in sein Arbeitszimmer verschwindet.
Durch das offene Fenster wird die Luft im Raum kälter und kälter und die nun frierenden Bewusstlosen komme langsam zitternd und murrend wieder zu sich und verschwinden nach und nach auf ihre Zimmer, um entweder weiterzuschlafen oder, sehr viel unwahrscheinlicher aber dennoch möglich, entgültig ins Land der Lebenden zurückzukehren und Aya beim Aufräumen zu helfen.
„Du träumst.”, murmelt Schuldig verschlafen, aber schon wieder grinsend. Er setzt sich vorsichtig auf, fährt sich durch die zerzausten Haare und steht dann ganz auf. Er wird blass, schwankt etwas und lässt sich dann der Länge nach auf die Couch fallen, wo er bewegungslos liegen bleibt. Aya beobachtet sein Verhalten mit vagem Interesse, schließt dann das Fenster und setzt seine Aufräumtätigkeit fort, indem er die leeren Chipstüten und Pizzaschachteln und Flaschen irgendwie in die Kisten stopft, die gestern in einer Ecke gelandet sind.
„Sag mal, was ist eigentlich mit diesem scheußlichen orangen Pullover passiert, den du immer anhattest?“, kommt es unter Gähnen vom Sofa.
Aya schaut auf, verstaut die Kiste wieder in der Ecke und setzt sich in einen Sessel. „Farfarello.“, erklärt er seufzend.
„Ah.“
„Und er war nicht scheußlich.“
„Er war orange...“
Aya wirft einen Blick auf Schuldigs Haar. „Hast recht. Schreckliche Farbe.“
Schuldig öffnet die Augen und verzieht geblendet das Gesicht. „Hey, kein Grund, beleidigend zu werden.“ Er gähnt laut.
„Nein wirklich. Wenn ich noch mal drüber nachdenke, muss ich zugeben, rot und orange beißen sich.“ Ein feines Lächeln schleicht sich auf Ayas Lippen, während er nachdenklich weiterspricht. „Passt einfach nicht zusammen...“
Schuldig hebt seinen Kopf leicht an, um Aya ansehen zu können. „Doch, doch, das passt ganz perfekt. Achte einfach nicht auf das, was ich sage, ja? Es war auch eigentlich gar nicht die Farbe, die scheußlich war, sondern der Schnitt.“
„Ach, der Schnitt?“, fragt Aya fast schon grinsend. „Da siehst du’s, wie man’s dreht und wendet, es passt einfach nicht...“
Schuldig lässt seinen Kopf resignierend wieder zurück aufs Sofa fallen.
„Übrigens wollte ich dir noch danken.“, murmelt Aya nun leise.
Schuldig sieht erstaunt auf. „Wofür?“ Er schaut auf seinen Fuß. „Ach das. Gern geschehen.“ Das breite Grinsen kehrt auf sein Gesicht zurück. „Kannst dich ja bei Gelegenheit mal revanchieren.“, fügt er noch an, wobei es bei ihm eindeutig zweideutig klingt.
„Idiot!“, zischt Aya und verschwindet in die Küche.
Die Tür zum Arbeitszimmer geht auf und Crawford erscheint im Wohnzimmer, ein sicheres Zeichen dafür, dass die Kaffeemaschine jeden Moment ihre Arbeit beendet haben wird. „Hast du ihn wieder verjagt?“
„Sag. Einfach. Nichts.“, grummelt Schuldig schlecht gelaunt.


24. Dezember, Vormittag: Ein wenig seltsam

Schuldig schläft auf der Couch. Aus der Küche dringen Geräusche und Gerüche, die auf das Mittagessen hindeuten. Die Kellertür öffnet sich mit einem leisen Quietschen und schließt sich fast lautlos wieder hinter Farfarello. Er setzt sich vor den Weihnachtsbaum und holt ein Messer hervor.
Aya, der aus der Küche kommt, bleibt wie erstarrt vor ihm stehen. Farf sieht ihn kurz an, bevor er sich mit einem Schrei auf ihn stürzt. Aya ist völlig überrumpelt und stürzt auf den Rücken, schafft es aber mit Mühe und Not, den Irren und vor allem das Messer auf Abstand zu halten.
Durch Farfarellos Schrei und die Kampfgeräusche aufgewacht, sieht Schuldig ärgerlich über die Couchlehne, bevor er die Situation erfasst und Aya zu Hilfe kommt. Er zieht Farfarello von Aya herunter, der sich blitzschnell herumdreht und nun ihn mit dem Messer attackiert. Im letzten Moment kann er ausweichen und gemeinsam gelingt es ihnen, den Iren zu überwältigen.
Schließlich sitzt Schuldig auf Farf, der sich knurrend wehrt und hält ihn am Boden, während Aya ihm endlich das Messer wegnimmt. „Er benimmt sich also ein wenig seltsam, ja?“, bringt Aya keuchend hervor, offensichtlich stinksauer.
„Hey, nun gib mir nicht die Schuld dafür. Ich kann ja auch nichts tun, wenn...“
„Schon gut, tut mir leid.“, unterbricht Aya Schuldigs Rechtfertigungen.
Schuldig sieht ihn perplex an. Farfarello nutzt diese Unaufmerksamkeit, um einen Befreiungsversuch zu starten, der allerdings von den beiden anderen vereitelt wird.
„Okay“, gibt Schuldig gepresst von sich, während er besorgt seine linke Hand betrachtet, die jetzt von Farfarellos Zahnabdrücken geziert wird. „Du gehst so schnell wie möglich hoch und holst seine Medikamente aus dem Bad, ja?“
Aya nickt und will schon losgehen, bleibt dann jedoch stehen. „Und welche genau?“
„Ach Scheiße, keine Ahnung, wie das Zeug heißt. Bring einfach alles mit, was du siehst, vielleicht fällt’s mir ja wieder ein, wenn ich den Namen sehe.“
Wiederum nickt Aya und sprintet dann die Treppe hoch, von wo er nur Sekunden später mit einer Hand voll Schachteln und Fläschchen wieder ankommt. Schuldig sieht sie schnell durch. „Ja. Das da ist es. Das mit der gelben Schrift.“
„Sicher?“, fragt Aya skeptisch.
Farf startet einen erneuten Versuch, Schuldig von sich herunterzuwerfen. „Möchtest du das gern in Ruhe ausdiskutieren?“, fragt Schuldig mit beißendem Sarkasmus, woraufhin Aya mit den Schultern zuckt und sich beeilt, einige von den Tabletten auszupacken.
„Und jetzt?“
„Was und jetzt? Gib sie ihm!“
„Er beißt aber.“, meint Aya mit wenig Nachdruck, während er versucht, Farf irgendwie dazu zu kriegen, das Zeug zu schlucken.
„Ich weiß. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass er von allein damit aufhört.“
Nach einigem hin und her nimmt Farf endlich die Tabletten.
Aya bringt die restlichen Medikamente wieder ins Badezimmer und das Messer in sichere Entfernung von Farfarello. Dann setzt er sich neben Schuldig und Farf auf den Fußboden. „Dein Hemd ist übrigens kaputt.“, merkt er an Schuldig gewandt an.
Schuldig sieht an sich herab und entdeckt einen mehrere Zentimeter langen, gefetzten Schnitt, wo ihn das Messer knapp verfehlt hat. „Scheiße.“, meint er nur. „Farf, das bezahlst du mir, klar?“
Farfarello hat sich inzwischen etwas beruhigt und erlaubt Schuldig somit, seine Aufmerksamkeit wieder auf andere Dinge zu lenken, wie zum Beispiel Aya oder... „Sag mal findest du nicht auch, dass es hier irgendwie angebrannt riecht?“
„Verdammt.“, flucht Aya und springt auf, um von dem Essen zu retten, was noch zu retten ist.


24. Dezember, Mittag: Nebenwirkungen

Ein Auto hält vor der Tür und Augenblicke später öffnet sich die Haustür und Brad steht im Flur und sieht wenig bis gar nicht erstaunt auf Schuldig herab, der von Farf unter dem Mistelzweig festgehalten, geküsst und geknuddelt wird.
„Wo warst du?“, fragt Schuldig mehr als missmutig. „Und sag jetzt nicht, du hast es nicht vorhergesehen.“
„Natürlich hab ich es vorrausgesehen. Aber erstens musste ich ja durch die halbe Stadt fahren, weil du auf Weihnachten bestehst, und zweitens seid ihr doch mit ihm fertig geworden, also wozu sollte ich da etwas tun?“ Misstrauische Blicke auf Farfarello werfend, versucht Crawford so vorsichtig und mit so großen Abstand wie möglich an den beiden vorbei ins Wohnzimmer zu entkommen.
Auf Schuldigs Gesicht schleicht sich ein Grinsen irgendwo zwischen verzweifelt, hinterhältig und schadenfroh. „Farf, lass mich endlich los und nerv Braddy, ja?“
Tatsächlich hört Farfarello und lässt Crawford, in dessen Gesicht sich fast so was wie Entsetzen zeigt, keine Chance zu entkommen. Schuldig macht, dass er verschwindet und rennt in die Küche, in der Aya immer noch am Kochen ist.
„Sag mal, warum hast du mir nicht geholfen?“ Schuldig klingt ganz klar vorwurfsvoll.
„Schuldig, ich hab jetzt echt keine Zeit für so was. Außerdem hat er dir doch gar nichts getan.“
„Doch natürlich, er hat mein Hemd ruiniert.“
Aya zuckt nur die Schultern, während er eine Dose mit Gemüse öffnet. „Da kann man nichts machen.“
„Aber das war mein Lieblingshemd!“ beschwert sich Schuldig nachdrücklich.
„Schuldig, du hast ungefähr acht Lieblingshemden und eines davon sieht fast genauso aus.“
Schuldig sieht etwas verdattert zu, wie das Gemüse in einem der Töpfe auf dem Herd wandert. „Du kennst meine Lieblingssachen?“
Aya beschäftigt sich einen Moment damit, die leeren Dosen zu entsorgen, und entschließt sich dann offenbar dazu, diese Frage zu ignorieren.
„Du kennst meine Lieblingssachen?“ wiederholt Schuldig schon ein wenig begeisterter.
Aya schweigt nur, dann drückt er Schuldig einen Löffel in die Hand, bevor er anfängt, den Tisch zu decken. „Koste mal die Soße. Muss da noch Salz ran?“
Schuldig wirft dem Löffel in seiner Hand nur einen kurzen Blick zu. „Du kennst also meine Lieblingssachen.“ stellt er grinsend fest.
„Die Soße...“
Schuldig kostet sie schulternzuckend. „Nein, ist toll. Aber um wieder aufs Thema zurückzukommen: Warum kennst du meine Lieblingssachen?“
„Dann ist das Essen jetzt fertig. Kannst du bitte die Anderen holen?“
Ein Nicken, dann holt Schuldig tief Luft, um durchs Haus zu brüllen, dass das Essen fertig sei und wer zu spät käme verhungern müsse.
Aya zuckt ob der Lautstärke kurz zusammen und streicht sich dann genervt über die Stirn. „Holen.“ Betont er noch einmal. „Schrei doch nicht so rum.“
Schuldig grinst. „So einfach wirst du mich nicht los. Du kennst meine Lieblingssachen.“
„Himmel! Ja, na und? Ich bin doch nicht blind.“
Schuldig macht es sich breit grinsend auf seinem Platz bequem. „So. Dann kennst du sicher auch Crawfords Lieblingssachen.“ Meint er triumphierend.
Aya nickt nur. „Ja sicher. Sein Armani Anzug.“
„Okay, okay. Das war jetzt nicht schwer.“ Schuldig überlegt einen Moment. „Yohji?“
„Wechselt monatlich.“ Es klingt wie: „Woher um Gottes Willen soll ich das wissen?“
„Und?“
„...“
„Und Omi?“
„...“ Aya sucht nach einer Antwort, findet aber offensichtlich keine.
„Ha!“
„Wie ‚Ha’?“
„Ach nichts...“
„Er ist nur der Meinung, Aufmerksamkeit sei ein Zeichen für Interesse.“, mischt sich Brad ein, der Farf irgendwie entkommen ist.
Aya sieht ihn böse an, Schuldig grinst, Aya sieht Schuldig böse an, Schuldig grinst noch breiter, Aya guckt noch böser, Schuldig grinst noch breiter... Das ganze könnte ewig so weitergehen, wird aber von Yohji unterbrochen, der ruft, dass man ihn doch bitte von dem durchgeknallten Irren befreien solle und was mit dem los sei, dass er sich an arme, nichtsahnende Leute klammern und sie nicht mehr loslassen würde.
Aya steht auf und kommt Yohji zu Hilfe, während Brad nur schulterzuckend Platz nimmt und schon mal zu essen anfängt, weil er weiß, dass das Essen kalt sein wird, wenn die anderen endlich vollzählig erschienen sein werden.
Schuldig sieht Aya hinterher und beobachtet ihn dabei, wie er gemeinsam mit Yohji versucht, Farf zur Vernunft zu bringen und zum Tisch zu holen, möglichst ohne sich weiter wie eine Klette an sie zu hängen. Erfolglos.
Als Nagi die Treppe runterkommt, bleibt er stehen und beobachtet mit distanzierter, fast wissenschaftlicher Neugier das Knäuel Menschen unter dem Mistelzweig. Ein beinah schuldighaftes Grinsen erscheint auf seinem Gesicht.
„Wenn ich euch Farf abnehme... Küsst ihr mich dann?“
Aya und Yohji sehen ihn einigermaßen perplex an.
In der Küche sieht Brad von seiner Zeitung auf. „Das ist allein deine Schuld.“, meint er vorwurfsvoll an Schuldig gewandt, der seinen Blick fragend erwidert.
„Was?“
„Er ist schon genauso kindisch wie du. Das ist nur dein Einfluss.“
„Mein Gott, er ist fünfzehn. Und er hat ja immer noch genug von deinem Einfluss. Ich bin mir sicher, schon in drei Jahren oder so ist er genau so ein kalter, erwachsener Bastard.“
Brad scheint einen Moment nachzudenken. „Gut.“
Im Wohnzimmer gehen Yohji und Aya auf Nagis Vorschlag ein, was Schuldigs Aufmerksamkeit wieder auf sie lenkt. „Glaubst du, mich hätte er auch geküsst, wenn ich ihn vor Farf gerettet hätte?“, meint er mit einem sehnsüchtigen Blick auf Aya.
„Wohl kaum. Ich wundere mich aber, dass du immer noch so um ihn rumschleichst. Du bist sonst nicht so... zurückhaltend.“
Schuldig verzieht das Gesicht. „Direkt hab ich schon vor Monaten versucht und er war... ähm... alles andere als begeistert.“
Crawford zieht eine Augenbraue hoch. „Und seit wann hält dich so was ab?“
„Tja... Sagen wir einfach, etwas stand zwischen uns. Es war lang, metallen und höllisch scharf.“
Brad zuckt nur die Schultern und wendet sich wieder seinem Essen zu, als Aya und Yohji hereinkommen und sich kommentarlos an den Tisch setzen.
„Schuldig, bist du dir ganz sicher, dass wir Farf die richtigen Medikamente gegeben haben?“, fragt Aya nach einigen Minuten, in denen Nagi Farfarello geduldig davon zu überzeugen versucht, dass es besser wäre, jetzt zu essen und dass er auch danach noch den restlichen zwei Bewohnern des Hauses auflauern könne. Eben diese kommen gerade die Treppe runter, sind von Nagis Worten etwas irritiert und beeilen sich, in die Küche zu kommen, was Farf dazu bringt, Nagis Vorschlag zu befolgen.
Schuldig beobachtet das ganze grinsend, sieht dann wieder Aya an, um dessen Frage zu beantworten. „Nö. Aber er ist doch jetzt ganz friedlich, also haben sie ihren Zweck erfüllt.“


24. Dezember, Nachmittag: Bescherung

„I just want you for my own
More than you could ever know
Make my wish come true...
All I want for Christmas is…”
“Schuldig! Hör auf, zu singen!”, rufen Nagi und Omi verärgert, weil sie den Fernseher nicht mehr hören können.
Schuldig hört auf zu singen und summt stattdessen, woraufhin ihm Aya einen bösen Seitenblick zuwirft, dann aber weiter in seinem Buch liest, während die anderen das Weihnachtsprogramm im Fernsehen verfolgen.
Mit der Ignoranz der anderen alles andere als zufrieden, setzt er sich neben Aya auf die Armlehne seines Sessels. Aya stöhnt genervt auf und rutscht ein Stück von Schuldig weg, wobei er ihm fast den Rücken zudreht. Schuldig rückt ein Stück näher. Aya schafft es irgendwie noch ein Stück weiter weg zu rutschen und Schuldig sitzt im nächsten Moment mit auf dem Sessel, halb auf Aya drauf und summt fröhlich weiter.
Aya steht grummelnd auf und setzt sich woanders hin. Schuldig folgt ihm, weiterhin summend. Aya wirft ihm einen Blick zu, von dem andere schon längst tot umgefallen wären, Schuldig grinst ihn nur an. Aya steht auf und geht. Schuldig summend hinterher.
Aya dreht sich mit einer plötzlichen Bewegung zu Schuldig um und starrt ihn mit eisigem Blick an. “Schuldig, wenn ich noch eine Note höre, bring ich dich um.”
“Das würdest du nicht tun.”, behauptet Schuldig.
„Willst du es ausprobieren?“
Schuldig sieht Aya noch einen Augenblick lang prüfend an. „Vielleicht ein andermal.“
Aya nickt und geht zurück zu seinem Sessel, wo er weiterliest.
Farf, der unter dem Mistelzweig immer noch Ken und Omi auflauert, kichert.
„Was?“, fragt Schuldig mit unfreundlichen Blick auf den Iren.
„Menschen sind keine adäquaten Weihnachtsgeschenke. Du weißt doch, am Anfang sind sie immer klein und niedlich und spätestens wenn man im Sommer in den Urlaub fahren will, setzt man sie an der Autobahn aus.“
Schuldigs ganze Gestalt schreit geradezu „Hä?!“, was bei Farfarello einen schweren und langanhaltenden Lachanfall verursacht.
Schuldig runzelt die Stirn und geht kopfschüttelnd wieder zu den anderen. Das ist der Moment, in dem Brad das Zimmer verlässt. Ein lautes Protestgeschrei ertönt, als sich
Schuldig vor den Fernseher stellt und verkündet, dass man in diesem Haus nur Schwierigkeiten hätte, wenn man versuchen würde, mal ein bisschen weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Den Einwand von Yohji, dass es ihm bei dem blöden Lied ja wohl weniger um Weihnachten, als um einen gewissen Subtext gegangen wäre, überhört er großzügig, während er den Fernseher ausschaltet und verkündet, er würde den anderen jetzt mal Weihnachtslieder beibringen.
Nagi, Ken, Omi und Yohji versuchen, die Flucht zu ergreifen und schimpfen über Crawford, der immer einfach verschwindet, wenn er so was kommen sieht.
Omi, der sich bei der Flucht unvorsichtigerweise in Farfarellos Greifweite begibt, wird von diesem an sich gezogen und festgehalten. Während Ken und Nagi bleiben, um Omi vom knutsch- und knuddelwütigen Farf zu befreien, nutzt Yohji die Verwirrung, um die Treppe hoch zu verschwinden und so Schuldigs Gesangsunterricht zu entgehen.
Schuldig redet inzwischen auf Nagi ein, dass ihm langweilig sei und dass ein bisschen Weihnachtlieder singen ja wohl nicht so schlimm sein kann und Nage, der gerade durch die Rettung von Omi und inzwischen auch Ken abgelenkt ist, sagt zu.
„Aber wehe du zeichnest es wieder auf, um uns später damit zu erpressen.“
Schuldig sieht extrem unschuldig unter seinen Haaren hervor Nagi an. „Als ob ich so was jemals tun würde...“
Minuten später sind Ken und Omi befreit und selbst Farf, der sein heutiges Ziel, jeden mal unter dem Mistelzweig zu erwischen ja jetzt erreicht hat, sitzt ruhig, wenn auch etwas abwesend zwischen den anderen und sieht Schuldig dabei zu, wie er Aya, der all das
Chaos völlig ignoriert hat, vergeblich zum Mitsingen zu bewegen versucht.
Nach demonstrativem Gähnen und der Frage, ob sie nicht doch lieber den Fernseher anmachen sollen, wird Schuldig wieder auf die anderen aufmerksam und beginnt mit dem ersten Lied.
Omi, Nagi und Ken machen, wenn auch etwas unbegeistert, mit und bald darauf können sie das erste Lied singen. Es klingt sehr laut und sehr falsch.
Aya sieht genervt von seinem Buch auf. „Schuldig, hör endlich auf, sie irgendwelche Schweinereien auf Deutsch singen zu lassen, und beschäftige dich anders!“
Schuldig sieht irgendwie ertappt aus. „Seit wann kannst du Deutsch?“
„Kann ich nicht, aber wenn sich die Texte nicht reimen, ist das schon ziemlich verdächtig.“
Schuldig zuckt nur mit den Schultern und setzt sich dann wieder grinsend auf die Armlehne von Ayas Sessel. „Und wie möchtest du mich gern beschäftigen?”, fragt er lasziv, während er sich über Aya beugt und ihm das Buch aus den Händen nimmt.
Aya sieht ihn unbewegt an und lächelt dann plötzlich. „Du bist so dreist.“
„Wusst’ ich doch, dass du darauf stehst.“
„Runter von der Lehne, das schadet dem Sessel!“
Zur Überraschung der Anderen, die diese Szene halb neugierig, halb gelangweilt beobachtet hatten, steht Schuldig tatsächlich auf. Er setzt sich zu den Anderen und sieht abwechselnd den Fernseher und Aya an. Der reagiert aber nicht, sondern liest wieder.
Irgendwann, steht Schuldig dann mit einem Blick zur Uhr auf und verkündet, dass es jetzt Zeit für die Bescherung wäre und jemand ihm mal mit dem Reintragen helfen könne. Also verschwindet er nach draußen, weil er die Geschenke offenbar im Auto deponiert hat, und nach einigen Augenblicken, in denen sich niemand angesprochen gefühlt hat, steht Omi auf und folgt ihm neugierig.
Einige Minuten vergehen, ein Freudenschrei ist von draußen zu hören und dann kommen Schuldig und Omi wieder rein, eine große Kiste zwischen sich tragend. „Ihr steht unterm Mistelzweig.“, merkt Aya zur Überraschung der Übrigen an, als sie das Grünzeug gerade passieren wollen. Schuldig grinst und beugt sich über den Karton, um Omi zu küssen, der ist entweder deshalb oder wegen Aya so erstaunt, dass er die Kiste fallen läst und letztendlich ist es dann nur Nagis Geistesgegenwart zu verdanken, dass das Ding keine Bekanntschaft mit dem Boden macht.
Die Kiste schwebt neben den Weihnachtsbaum und Schuldig brüllt durchs Haus, dass Yohji und Crawford auch nachher weitermachen können. In dem Moment quietscht Nagi fröhlich auf, weil ein kleiner, pelziger, braunschwarzer Kopf verschlafen aus der Kiste lugt. Omi hebt den verpennten Welpen, der zu diesem Kopf gehört und neben vielen anderen Rassen auch einen Einschlag Schäferhund erkennen lässt, aus der Kiste und streichelt ihn begeistert. „Ein Hund! Wow, Schuldig, das ist toll! Danke! Wie heißt er denn?“
Schuldig grinst übers ganze Gesicht, weil er sich offenbar über die Begeisterung freut. Auf Omis Frage zuckt er aber nur die Schultern. „Keine Ahnung, den Namen kannst du dir mit Nagi zusammen überlegen. Der ist für euch beide.“
Nagi lächelt und streichelt dem kleinen Hund über den Kopf. „Danke, Schu. Frohe Weihnachten!“
„Oh Gott, ein Hund im Koneko.“, bemerkt Yohji, als er das Zimmer betritt. „Und das hat Aya erlaubt?“
Aya nickt nur. Das Buch hat er inzwischen weggelegt und er sieht lächelnd zu, wie Nagi, Omi und inzwischen auch Ken den Hund knuddeln, der sich das fröhlich mit dem Schwanz wedelnd auch gefallen lässt.
Schuldig reißt sich von dem Anblick, des lächelnden Rotschopfes los und holt noch einige Tüten aus der Kiste hervor, aus denen er nacheinander Geschenke zum Vorschein bringt, die er an die Anderen verteilt.
Yohji hat seine mit Kondomen gefüllte Kaffeetasse, auf der die allseits bekannte Silhouette des Playboybunnys prangt, als erster ausgepackt. „Brauchbar.“, kommentiert er das Geschenk mit mäßiger Begeisterung.
Ken, der nach dem aufrupfen des Geschenkpapiers, den zweiten Handschuh in Händen hält, bedankt sich da schon etwas enthusiastischer. „Das ist toll. Von der Sorte hab ich schon einen und zusammen kann ich sie ja dann auch wirklich benutzen!“, ruft er überschwänglich. Allerdings kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass da ein Hauch von Sarkasmus mitschwingt.
„Witzig.“, meint Brad eindeutig sarkastisch, noch bevor er sein Paket ganz ausgepackt hat. Schuldig nickt nur grinsend, als eine bowlingkugelgroße Kristallkugel zum Vorschein kommt. „Ich dachte, du könntest sie brauchen...“
Brad hebt eine Augenbraue. „Wozu denn?“
„Oh, hättest du doch lieber die Tarot-Karten gehabt? Ich hab schon überlegt, ob ich dir lieber die kaufen soll, aber...“ Schuldig bricht ab, weil Crawford Anstalten macht, mit der Kugel nach ihm zu werfen.
„Doch nützlich.“, meint der Amerikaner daraufhin mit einem anerkennenden Blick auf das potentielle Wurfgeschoss.
Farfarello wirkt zwar immer noch irgendwie abwesend, aber das T-Shirt mit Jesus-Aufdruck, über dem in großen Buchstaben „PREY“ steht, scheint ihm trotzdem zu gefallen.
Für Nagi hat Schuldig noch ein Poster. „Eigentlich, ist ja der Hund auch für dich, aber das hier ist mir so ins Auge gefallen.“, merkt er an. Auf dem Plakat ist eine graue Stadtlandschaft zu sehen, von der aus sich ein breiter Fluss auf den Betrachter zuschlängelt. Hinten bei der Stadt ist er ganz grau, aber nach vorne hin wird er immer farbiger und im unteren Drittel beherrscht sein strahlendes grün das Bild und man kann die Schemen von bunten Drachen oder Fischen ausmachen, die darin schwimmen.
Nagi sieht es sich lächelnd an und umarmt Schuldig zum Dank.
Jetzt ist nur noch Aya übrig, der sein Geschenk noch nicht angerührt hat.
„Na los, mach es auf!“, fordert Schuldig ihn auf. „Ich verspreche auch, dass es nichts Peinliches ist.“
Das scheint Ayas Bedenken zumindest soweit zu zerstreuen, dass er mit dem Auspacken beginnt. Sein misstrauischer Blick, verschwindet aber nicht ganz, während er das Klebeband vorsichtig abzieht und das Papier dann sorgfältig auffaltet. Aber Schuldig hat nicht zuviel versprochen und in dem Päckchen befindet sich ein ganz und gar harmloser oranger Rollkragenpullover aus weicher Wolle.
„Dankeschön.“, meint Aya lächelnd und mit einem Hauch Erleichterung in der Stimme.
Dann fällt sein Blick auf eine Karte, die offenbar aus dem Pullover herausgefallen ist. Er liest sie und lässt sie dann hastig zwischen den Seiten seines Buches verschwinden.
„Was war das?“, fragt Yohji mal wieder unerträglich neugierig.
Aya wirft ihm einen Blick zu, der auf sehr dünnes Eis hindeutet, ignoriert die Frage aber ansonsten.
„Mephistopheles.“, lässt sich Farfarello plötzlich vernehmen, woraufhin ihn alle nur verständnislos ansehen. „Der Name.“, fügt der Ire erklärend hinzu. „Für den Hund. ‚Das also ist des Pudels Kern.’“
Nicht dass die fragenden Blicke dadurch viel verstehender werden.
„Faust.“, merkt Aya kryptisch an.
Omi und Nagi fragen nicht weiter, meinen dann aber, dass der Name nicht schlecht ist, nur ein bisschen zu lang. Der Hund würde von nun an kurz Tophel heißen.
Die Diskussion, ob dieser Name total bescheuert oder kawaii ist, beendet Crawford sehr effektiv mit der Bemerkung, dass er auch ein Weihnachtsgeschenk hätte. Und zwar eine Woche Urlaub auf Hokkaido für die ganze Bande.
„Nein nein, ihr müsst mir nicht danken.“, sagt er in die ungläubige Stille. „Der blöde Ausdruck auf euren Gesichtern ist mir Dank genug.“
Das Sofakissen, das Yohji daraufhin auf ihn wirft, fliegt haarscharf an ihm vorbei.


24. Dezember, Abend: Weihnachtswunder

Draußen ist es dunkel geworden und das einzige Licht, dass ins Wohnzimmer fällt, kommt von der Treppe und aus der Küche, aus der Geschirrklappern und leises Summen zu hören ist. All I want for Christmas...
Alle sind inzwischen auf ihre Zimmer verschwunden, nur Schuldig sitzt auf der Couch und wartet. Als Aya endlich aus der Küche kommt, versperrt er ihm den Weg und hält dann den trockenen Mistelzweig hoch.
Aya runzelt die Stirn. „Das ist Nötigung.“, sagt er dann.
Schuldig zuckt nur die Schultern und küsst Aya. Der wehrt sich nicht mal ansatzweise.
„Was hast du da eben gesummt?“, fragt Schuldig stichelnd, als sie sich nach einigen Sekunden wieder voneinander lösen.
„Dieser Song ist ein fürchterlicher Ohrwurm.“, verteidigt sich Aya lahm. „Und Farf hat vollkommen recht: Menschen sind keine adäquaten Weihnachtsgeschenke.“
„Soll das heißen, du willst dein zweites Geschenk nicht?“, murmelt Schuldig, während er sich an Ayas Hals herunter küsst.
Der schließt lächelnd die Augen. „Hast du denn gar keine Angst, dass ich dich im Sommer an einer Autobahnraststätte aussetzte?“
Von Schuldig ist ein belustigtes Schnaufen zu hören. „Das bringst du nicht übers Herz.“, behauptet er herausfordernd.
„Willst du’s ausprobieren?“, erwidert Aya im gleichen streitlustigen Ton.
Schuldig lacht leise und zieht Aya näher zu sich. „Ja, sicher.“


25. Dezember, Morgen: Variationen

Es ist früh am morgen. Farf kommt aus dem Keller hoch und setzt sich aufs Sofa, um das allmorgendliche Konzert mitzuerleben. Seine Koffer sind gepackt, der Zug nach Hokkaido soll um elf abfahren.
Ein leises Piepsen bildet den Anfang der Symphonie. Ayas Wecker. Das Piepsen wird lauter und durchdringender.
Ein kaum vernehmbares Knacken. Brad, der seinen Wecker ausgeschaltet hat, bevor er losgeht.
Das Piepsen von Ayas Wecker wird schneller, hektischer, steigert sich zu einem rasenden Crescendo. Das erlösende Krachen bleibt aus.
Eine Tür öffnet sich, wird leise geschlossen, eine zweite öffnet sich quietschend, wird abgeschlossen. Brad ist im Bad. Die Dusche ist zu hören.
Ein Radiowecker geht an und wieder aus. Das Knarren von Dielen, Stille. Rumpeln auf der Treppe. Ken kommt heruntergejoggt, grüßt wie jeden Morgen Farfarello, obwohl er nicht weiß, warum der immer da sitzt und sucht sich einige Sachen aus dem Wohnzimmer zusammen, die er noch einpacken muss.
Das penetrante Piepen von Ayas Wecker hat immer noch nicht nachgelassen. Stimmen sind zu hören. Eine Tür öffnet sich, Schritte auf den Dielen, Ayas Tür öffnet sich mit dem gewohnten Knirschen, das hektische Piepsen erstirbt in einem erlösenden Krachen.
Die Tür schließt sich knirschend. Farfarello ist wie jeden Morgen froh, dass Aya es immer noch nicht geschafft hat, diese Stimme durch Ölen der Scharniere auszulöschen. Die Tür zum Bad wird aufgeschlossen, Brad und Aya begegnen sich auf dem Flur und murmeln sich ein „Guten Morgen“ zu. Die Badezimmertür wird geschlossen. Wieder Wasserrauschen, wieder Dielenknarren.
Brad kommt die Treppe leiser herunter als Ken. Er betritt das Wohnzimmer exakt in dem Moment, in dem Nagis Wecker klingelt. Ein alter Wecker mit einem durchdringenden, schrillen Schellen. Ein Hund bellt.
Crawford durchquert das Wohnzimmer auf dem Weg zur Küche, Schritte auf gefliestem Boden. Der Wecker geht wieder aus. Crawford schaltet die Kaffeemaschine an. Wieder ein Moment Stille. Zeitungsrascheln aus der Küche.
Schritte auf dem Flur, die Badtür geht auf und schließt sich wieder.
Omis Wecker geht an. Eine Melodie irgendwo zwischen „Für Elise“ und „Evergreen“. Omi lässt ihn zuende spielen, schaltet ihn dann ab. Die Kaffeemaschine beginnt zu gluckern und zu spotzen. Die Dusche rauscht immer noch.
Omis Zimmertür wird geöffnet, schwingt herum und knallt gegen die Wand. Schritte zum Bad, rütteln an der verschlossenen Tür. Omi kommt herunter und durchquert leicht verpennt das Wohnzimmer auf dem Weg zur Küche und wünscht Ken, der immer noch nach irgendwas kramt einen Guten Morgen.
Die Kaffeemaschine beendet ihre Stimme mit einem rauschenden Crescendo. Kaffee wird ganz leise plätschernd in Porzellantassen gegossen. Die Dusche geht aus.
Ken hat endlich gefunden, wonach er gesucht hat, und hetzt wieder in sein Zimmer. Die Badezimmertür öffnet sich. Schuldig ruft irgendwas aus dem Bad. Ken trampelt lautstark die Treppe hoch. Aya wünscht Ken einen Guten Morgen. Ken erwidert leicht gehetzt, seine Zimmertür schlägt zu.
Dielenknarren, Ayas Tür knirscht, eine weitere geht auf und wieder zu. Yohjis Wecker summt und wird umgehend erschlagen.
Kens Zimmertür geht wieder auf, Dielenknarren, die Badezimmertür wird geschlossen, Wasserrauschen.
Eine Tür öffnet sich. Leichte Schritte und unregelmäßiges tapsen. Nagi kommt mit Tophel auf dem Arm die Treppe herunter, wünscht Farf fröhlich einen Guten Morgen und geht weiter durch zur Küche.
Klappern, das Geräusch des Dosenöffners, begeistertes Bellen und noch begeisterteres Schlabbern.
Zwei Türen gehen fast gleichzeitig auf, Ayas Tür knirscht. Dielenknarren. Stille. Schuldig und Aya kommen die Treppe herunter.
„Und? Wie war’s heute?“, fragt Schuldig an Farfarello gewandt.
„Orchestrale Umsetzung wie immer grandios. Allerdings habt ihr das Timing versaut. Ansonsten brillantes Zusammenspiel und interessante Variationen.“
Schuldig grinst.


ENDE





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© 2004 by Elster

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