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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Das Märchen vom verzauberten Kaninchen

-oder-

Der falsche Märchenprinz



Fortsetzung von
Das Märchen vom verzauberten Porsche



Es war einmal ein Pärchen mit einem Porsche, das lebte glücklich und zufrieden in einem weit, weit entfernten Land. Bis eines Tages ein schrecklicher Schicksalsschlag ihrem Glück ein jähes Ende zu setzen drohte...

„Wie konntest du das tun?“, rief Ran nicht zum ersten mal, aber immer noch außer sich vor Trauer und Enttäuschung.
„Da stand ein Reh auf der Straße.“, verteidigte sich Schuldig.
„Da weicht man nicht aus. Da fährt man drüber.“
Schuldig sah ihn entsetzt an. „Du hast bestimmt gelacht als Bambis Mutter gestorben ist.“
„Scheiß auf Bambi, du hast den Porsche getötet!“
Schuldig, der neben ein paar kleineren Blessuren eine Halskrause und den linken Arm in einer Schlinge trug, verzog das Gesicht. „Es ist immerhin noch mein Auto.“
„War.“, meinte Ran betont.
„War, meinetwegen. Könntest du jetzt aufhören von dem blöden Auto zu reden und mich ein bisschen bemitleiden?“, forderte Schuldig.

Ran verschränkte die Arme vor der Brust und warf ihm einen bösen Blick zu. Als eine Krankenschwester das Wartezimmer, in dem sie sich befanden, durchqueren wollte, rauschte er auf sie zu. „Entschuldigen Sie, wir warten hier schon seit fast einer Stunde auf die Röntgenbilder, ob sich darum wohl mal jemand kümmern könnte? Er hatte immerhin einen schweren Autounfall und es wäre schön, wenn wir heute noch nach Hause könnten. Er braucht Ruhe!“, schnauzte er sie an.

Die arme Schwester zog den Kopf ein und stammelte verschüchtert eine Antwort, bevor sie wieder weghastete.
„Es ist unglaublich, dass sie dich hier so warten lassen.“, murmelte er vor sich hin, als er wieder seinen Platz neben Schuldig einnahm.
„Danke.“, sagte Schuldig lächelnd, entlockte Ran damit aber nur ein genervtes Schnauben. „Du kannst auch schon gehen, wenn du willst.“
Ran sah ihn böse an. „Kommt gar nicht in Frage. In spätestens zwanzig Minuten sind die ersten Paparazzi hier. Glaubst du ernsthaft, ich lass dich allein?“

Schuldig sah ihn dankbar an. „Oh ja, es ist schon eine Last so berühmt zu sein.“, seufzte er dann..
„Oh ja, wahnsinnig berühmt.“, brummte Ran.
„Was meinst du damit?“
„Gott, heutzutage kann doch jeder berühmt sein. Angebot und Nachfrage. Die Leute wollen Promis zum Anhimmeln. Jeder Idiot kann berühmt werden, man muss dazu nicht einmal Talent haben.“
Schuldig sah ihn verwirrt an. „Kann es sein, dass du eifersüchtig bist?“
„Nein!“
„Okay, dann bin ich beleidigt.“
Ran verdrehte die Augen. „Ich werde jetzt nicht sagen, dass deine Filme gut sind. Sie sind es nämlich nicht, bis auf einen oder zwei.“

Schuldig nahm sich die schon zur genüge bekannte Kritik nicht zu Herzen und wartete geduldig auf die Ergebnisse der Röntgenuntersuchung.
Sie schwiegen.
„Wie konntest du das tun?“, fragte Ran nach einer Weile.

~*~

Natürlich tauchten die Paparazzi auf, bevor sie unauffällig verschwinden konnten und Ran hatte alle Hände voll zu tun sie zusammen mit dem Krankenhauspersonal wieder zu verjagen.
Schließlich kamen auch die Röntgenbilder. Schuldigs Arm war glatt gebrochen, es wurde ein Gips angelegt, ein Rezept für Schmerzmittel mitgegeben, die sie gleich in der Krankenhausapotheke abholten und dann waren sie endlich in ihrer Wohnung. (Eigentlich war es Schuldigs Wohnung, aber Ran würde früher oder später einsehen, dass er dort mehr Zeit verbrachte, als in seiner eigenen und könnte dann möglicherweise mit viel Überzeugungsarbeit und Fingerspitzengefühl zu deren Aufgabe gebracht werden. - Soweit zumindest Schuldigs Plan.)
Natürlich fuhren sie mit einem Taxi, was Rans Trauer nur noch verschlimmerte.

Es war schon spät am Abend und Schuldig war dösig von den Schmerzmitteln, also gingen sie sofort schlafen.

Aber etwa um Mitternacht wurde Ran durch ein seltsames Geräusch geweckt. Ein Zischen, das leise in ihr Schlafzimmer drang. Ran drehte sich zu Schuldig um, der unruhig weiterschlief. Er sah im Dunklen die ungefähren Umrisse von Schuldigs Kopf neben sich und schlich sich ganz vorsichtig aus dem Bett, darauf bedacht, Schuldig nicht aufzuwecken und damit einen neue Flut von Quengeleien über den unbequemen Gipsarm heraufzubeschwören.

Vom Schlafzimmer aus führte ihn das Geräusch ins Wohnzimmer und von dort auf den Balkon, auf dem, so schien es, Hunderte und Aberhunderte von Wunderkerzen zischten, knisterten und funkelten.
„Nicht schon wieder.“, murmelte er beklommen, öffnete aber nichtsdestotrotz die Balkontür.

Aus dem undurchdringlichen, qualmenden Lichtermeer tauchten hustend und spuckend zwei Gestalten auf, hasteten an Ran vorbei ins Wohnzimmer und schoben die Tür eilig wieder zu, bevor noch mehr von dem beißenden Rauch in die Wohnung wehte.
„Guten Abend. Wir sind hier wegen der Reklamierung.“, sagte Crawford nachdem er ein wenig frische Luft geschnappt hatte. Farfarello neben ihm nickte abwesend und sah sich dann interessiert im Wohnzimmer um.

„Reklamierung?“, fragte Ran entgeistert.
„Die Reklamierung.“, bestätigte Crawford geschäftsmäßig, aber als Ran ihn nur verständnislos ansah, fuhr er fort. „Die Reklamierung deines Wunsches vom August letzten Jahres. Standardwunsch #1. Ballausrüstung, Märchenprinz, du erinnerst dich?“
„Man kann einen Wunsch reklamieren?“

„Sag mal, für wie schlecht hältst du unseren Service?“, fragte Crawford verächtlich.
„Natürlich kann man einen Wunsch reklamieren. Innerhalb der gesetzten Frist von exakt sieben Monaten, sieben Wochen und sieben Tagen.“
„Sind das nicht genau neun Monate?“, fragte Ran, der ein ziemlich guter Kopfrechner war.
„Nein.“, widersprach Farf. „Es kommt auf die Siebenen an.“

„Die Reklamation erfolgt darüber hinaus automatisch“, fuhr Crawford fort, „sobald die vertraglich festgelegten Bedingungen nicht mehr erfüllt werden, wie in deinem Fall.“
„Was soviel heißt wie?“, wollte Ran wissen.
„Aus irgendeinen uns unbekannten Grund ist Schuldig seit vier Stunden und dreiundfünfzig Minuten nicht mehr dein Märchenprinz. Eure Chance für eine glückliche Zukunft fiel von dreiundsechzig Prozent auf zweiunddreißig Prozent.“
„Ja und? Spielt das irgendeine Rolle?“

„Selbstverständlich. Er ist nicht mehr dein Märchenprinz. Und deshalb-“
„Natürlich ist er nicht mein Märchenprinz. Es ist Schuldig.“, sagte Ran, dessen Geduld sich langsam aber sicher ihrem Ende neigte. „Er raucht, zerquetscht sein Essen zu Brei, bevor er es isst, er ist eitel, obwohl er einen furchtbaren Geschmack hat, was Kleidung angeht, er lässt seine nassen Handtücher auf der Couch liegen, ist nicht einmal ansatzweise in der Lage Ordnung zu halten und gelegentlich hört er ‚Wham!’.“

Ran wollte keine schwachsinnigen Diskussionen mit bürokratischen Glücksfeen darüber führen, was Schuldig war oder nicht war, er wollte wieder schlafen gehen und zwar auf der Stelle.

„Was ich sagen wollte, bevor du mich unterbrochen hast“, meldete sich Crawford wieder zu Wort. „Es spielt durchaus eine Rolle, dass er nicht mehr dein Märchenprinz ist. Durch diese Änderung der Umstände innerhalb der Garantiezeit wird der Vertrag gebrochen und die Wunscherfüllung automatisch ungültig.“

Ran wollte gerade fragen, was das nun wieder heißen sollte, als sich die Schlafzimmertür öffnete und ein sehr verschlafener Schuldig müde in die Runde blinzelte. „Was ist hier los, Ran?“, fragte er. „Oh, sind das Freunde von dir?“
„Wir sind wegen der Reklamation da.“, sagte Farfarello.
„Seid ihr von der Autoversicherung?“ Schuldig schien verwirrt.
„Versicherungen machen keine Reklamationen.“, murmelte Ran genervt.

„Ja schon gut, Ran.“, überging Schuldig die Zurechtweisung routiniert und sah Farf genauer an. „Haben wir uns schon mal irgendwo gesehen?“
„Ja.“, bestätigte dieser. „Ich bin Farfarello, Glücksfeen-Azubi der WünscheTräumeHoffnungen Incorporation und das ist Crawford, leitende und derzeit einzige Glücksfee.“
„Aha.“, sagte Schuldig nur und schien sich diese Informationen erst einmal gründlich durch den Kopf gehen zu lassen. „Und was macht ihr hier mitten in der Nacht?“

„Wir sind wegen der Reklamation hier.“, sagte Crawford, inzwischen schon leicht verärgert.
„Reklamation?“, fragte Schuldig.
Crawford stöhnte. „Könnten wir das jetzt endlich hinter uns bringen?“, fragte er verzweifelt an Ran gewandt.
„Ich weiß immer noch nicht, was ‚Wunscherfüllung automatisch ungültig’ heißen soll.“, sagte Ran, der es mit solchen Verklausulierungen sehr genau nahm.

„Nun, üblicherweise gehen wir so vor, dass wir die Zeit zu einem Zeitpunkt vor der Wunscherfüllung zurückdrehen und dem Kunden einen gleichwertigen Ersatzwunsch einräumen.“
Ran starrte ihn an. Er hatte doch von Anfang an geahnt, dass die Sache mit dem Wunsch einen Haken hatte. Und tatsächlich, da war er. „Ich würde ihn aber gern behalten.“, sagte er trocken.
Crawford sah ihn aus dem Konzept gebracht an. „Wie bitte?“

„Schuldig. Ich will ihn behalten. Er ist nicht perfekt, aber ich mag ihn.“, beharrte Ran.
„Du kannst ihn nicht behalten.“, sagte Crawford als wäre es unerhört von Ran, das zu fordern. „Eure dreiundsechzigprozentige Erfolgschance hat unsere Erfüllungsquote schon runtergezogen. Zweiunddreißig ist inakzeptabel. Willst du unser Unternehmen in Verruf bringen? Außerdem wäre das dein zweiter Wunsch und hast du schon mal davon gehört, dass jemand mehr als einen Wunsch erfüllt bekommen hat?“
„Ja“, sagte Ran triumphierend, „Drei.“

Crawford winkte nur ab. „Das war die Konkurrenz, die sind damit pleite gegangen.“
„Soll das heißen, ihr bringt uns erst zusammen und jetzt trennt ihr uns wieder?“, fragte Ran wütend.
„Nein, das wäre unprofessionell. Wir drehen die Zeit zurück. Das heißt, ihr wärt nie zusammen gewesen.“, stellte Crawford richtig.
„Gut, dann wünsche ich es mir eben als diesen gleichwertigen Ersatzwunsch.“
„Hast du nicht zugehört? Wir drehen die Zeit zurück. Du wirst nicht mal wissen, dass es Schuldig gibt.“
„Aber... aber das ist unfair.“, meinte Ran unglücklich.

„Könnte ich mir nicht vielleicht wünschen, dass wir zusammenbleiben?“, mischte sich jetzt Schuldig ein.
Crawford sah ihn überrascht an. „Theoretisch... ja.“, gab Crawford widerwillig zu. „Aber du müsstest drei Aufgaben erfüllen.“
„Warum das?“, wollte Schuldig wissen.
„Ja genau, warum das? Ich hatte meinen Wunsch auch umsonst.“, stimmte Ran zu.
„Du hattest einen Wunsch frei. Weil du ein guter Mensch bist.“, stellte Crawford richtig. „Er dagegen nicht.“, fügte er mit einem Seitenblick auf Schuldig hinzu.

„Ich hab das Reh nicht überfahren.“, wandte Schuldig ein. „Und ich hab bei dieser Antidrogenkampagne fürs Fernsehen mitgemacht.“
„Schon.“, sagte Farf plötzlich. „Aber du hast drei Jahre deiner Lebenszeit an den Teufel verkauft, wofür du die Rolle in deinem ersten großen Kinofilm bekommen hast.“
„Oh. Das war der Teufel? Er kam mir so seriös vor...“, murmelte Schuldig betreten. „Na meinetwegen. Was sind das für drei Aufgaben und was passiert, wenn ich sie nicht erfülle? Sterbe ich oder so?“

Crawford stöhnte und murmelte was von Extrawünschen. „Theoretisch schon. Praktisch hat der Verbraucherschutz durchgesetzt, dass niemand durch Wunschaufgaben zu Schaden kommen darf und die Zeit zurückgedreht wird, solltest du an einer der Aufgaben scheitern.“
„Das heißt im Klartext, ich hab nichts zu verlieren, oder?“, fragte Schuldig gutgelaunt.
„Doch. Den Anspruch auf einen Wunsch nach Erfüllung dreier Aufgaben.“, brummte Crawford missmutig.

„Okay, dann mach ich es.“ Schuldig grinste.
„Aber wenn die Möglichkeit bestände, dass dir was passiert, würdest du es nicht machen oder was?“, fragte Ran säuerlich.
Schuldig warf ihm einen verletzten Blick zu. „Weißt du, du bist wirklich fies manchmal.“
„Haltet endlich die Klappe!“, rief Crawford, nahm seine Rolex ab, schwenkte sie durch die Luft und alles versank in funkelndem Glitzern.

~*~

Schuldig fand sich plötzlich auf einer Wiese in der Nähe eines stillen Wäldchens wieder. Von Ran oder Crawford weit und breit keine Spur. Nur Farf stand neben ihm und sah konzentriert zum Horizont, an dem eine leuchtend rote Sonne aufging.
„Okay.“, sagte er. „Das hier ist Formblatt 4a. Betreffend Art des Wunsches, Haftungsausschluss, Vollbesitz der geistigen Kräfte blah, blah... Du musst hier und dort unterschreiben.“ Farf hielt ihm einen Stift und den Bogen unter die Nase, den Schuldig schnell unterschrieb.

„Gut“, fuhr Farf fort, während er das Formblatt wieder in dem Nichts verschwinden ließ, aus dem es gekommen war und ein zweites heraufbeschwor. „Dies ist Formblatt 4b. Das nimmst du und gibst es dem alten Mann, der im Wald in der Hütte lebt.“
„Ist das meine erste Aufgabe?“, fragte Schuldig hoffnungsvoll.
„Nein. Deine erste Aufgabe bekommst du von ihm, wenn du das Ding abgegeben hast.“
„Und warum bin ich dann nicht gleich bei dem gelandet und muss erst durch den Wald latschen?“, beschwerte sich Schuldig, aber Farf ließ ihn nicht einmal ganz ausreden, bevor er in einer zischenden, glimmernden Wunderkerzenwolke verschwand.

Der Weg durch den Wald zur Hütte war nicht besonders weit, aber es war ein schmaler, mit Gestrüpp und Unterholz fast vollständig überwucherter Pfad und so ließ Schuldig sich Zeit.
Hatte ja keiner was von Zeitlimit gesagt, oder?
Bei der Hütte angekommen, klopfte Schuldig und trat nach einem heiseren Herein ein, gab dem alten Mann das Blatt und wartete ungeduldig, während dieser eine Brille hervorkramte, eine Kerze auf seinem Schreibtisch entzündete und schließlich anfing, sich den Bogen durchzulesen.

„Sososo... Sie wollen also einen Wunsch für drei Aufgaben. ‚Rettung der Dame des Herzens’, ist das richtig?“, fragte der alte Mann nach.
Schuldig sah ihn leicht verwirrt an. „Ähm... nein?“
„Nicht?“ Der Mann ließ seinen Blick noch einmal übers Blatt wandern. „Es steht aber hier... Na schön, vielleicht hat man sich geirrt. Wie lautet also die Art des Wunsches?“
„Was?“, fragte Schuldig verständnislos.

„Hm, also gut. Wir gehen die Möglichkeiten durch.“, sagte der alte Mann hilfreich. „Wollen Sie die Königstochter heiraten und die Hälfte des Königreiches?“
„Welches Königreiches?“
„Das müssen Sie wissen, junger Mann.“
„Ich denke nicht, dass ich das will.“, meinte Schuldig unsicher.
Der alte Mann nickte. „Na schön. Dann gäbe es noch ‚unermesslichen Reichtum’.“
„Wie unermesslich?“, fragte Schuldig nach. „Wieviel ist das?“
„Nun ja... unermesslich eben. Viel jedenfalls...“
„Nein, ich bin eigentlich reich genug.“, meinte Schuldig.
„Suchen Sie den heiligen Gral?“
„Nein.“
„Möchten Sie eine Fähigkeit erlernen?“
„Was für eine Fähigkeit denn?“
„Nun... das Fürchten vielleicht, das war eine Zeit lang sehr beliebt...“
„Nein.“

Der alte Mann sah Schuldig ein wenig ratlos an. „Damit hätten wir alle Wunscharten. Sind Sie sicher, dass Ihre nicht dabei war?“
„Uhm, aber Ran ist...“ Schuldig unterbrach sich und zuckte dann die Schultern. Wer wusste schon, wie lange das hier noch dauern könnte und Ran würde es schließlich nie erfahren... „Na gut, ich denke, ‚Dame des Herzens’ ist schon okay...“

„Gut“, lächelte der alte Mann freundlich. „Dann können wir uns jetzt also den Aufgaben zuwenden. Es ist jeweils eine aus den Kategorien ‚mythische Bestie’, ‚hoffnungslose Suche’ und ‚unlösbare Aufgabe’.“, erklärte er.
„Hoffnungslos? Unlösbar?“, fragte Schuldig beunruhigt. „Bestien?“
„Ach, das heißt nur so.“, antwortete der Mann beruhigend. „Hm... bis auf die Bestien jedenfalls. Das ist übrigens deine erste Aufgabe.“

„Soll ich etwa gegen Drachen kämpfen?“, fragte Schuldig mit einem unechten Lachen. Ihm wurde das hier langsam wirklich unheimlich.
Der alte Man sah ihn entsetzt an. „Nicht doch! Drachen... also wirklich. Die stehen unter strengstem Naturschutz. Nein, nein. Früher hat man noch mit Einhörnern und Drachen gekämpft, ja, aber die Zeiten sind vorbei. Die meisten wirklich gefährlichen Tiere sind ja inzwischen so selten... Nein, du kannst dir aussuchen, gegen was du antreten möchtest: Harpyien oder Cyborgs?“

„Cyborgs?“, fragte Schuldig perplex.
„Ja, Killerroboter. Wie gesagt, es gibt nicht genügend mythische Bestien. Die Harpyienpopulation ist zwar stabil, aber die Abschussquote fällt auch von Jahr zu Jahr niedriger aus und wir mussten Ausweichmöglichkeiten finden.“
„Aha.“, sagte Schuldig. „Wie groß sind Harpyien?“
„Nicht besonders groß. Nur fünf sechs Meter Flügelspannweite. Das Problem ist, dass sie ziemlich clever sind und ihren Opfern für gewöhnlich zuerst die Augen ausreißen.“

Schuldig unterdrückte ein Schaudern. „Aber die Cyborgs können nicht fliegen, ja?“
„Nein, können sie nicht. Aber das ist eine sehr gute Idee, die werde ich an die Entwicklungsabteilung weitergeben.“, antwortete der Alte fröhlich.
„Hm ja... dann nehme ich den Cyborg.“, sagte Schuldig nervös.
Der Alte nickte und schrieb etwas auf das Formblatt 4b. „Gute Wahl, sehr schön.“, murmelte er.

„Gut.“, sagte der alte Mann geschäftsmäßig und richtete sich wieder auf. „Dort drüben liegt ein Schwert, dass Sie sich gerne ausleihen dürfen. Wenn Sie sich am Wegkreuz vor der Hütte nach rechts wenden, können Sie dem Weg bis zur Höhle des Cyborg folgen. Und wenn Sie fertig sind, kommen Sie mit dem Kopf zurück.“, erklärte er fröhlich.

Schuldig nahm sich also das Schwert, obwohl er keine Ahnung hatte, was er damit anfangen könnte. Vielleicht hätte er dieses Rollenangebot für den Lanzelot-Streifen letztes Jahr doch nicht ausschlagen sollen? Na, jetzt war es jedenfalls zu spät für solche Erkenntnisse und er machte sich auf den Weg, indem er der Wegbeschreibung des Alten folgte. Die Sonne schien vom Himmel, sein Gipsarm juckte, das Schwert war verdammt schwer, der Weg weit und Schuldig konnte es auch wirklich erwarten, anzukommen, also ging er ziemlich langsam.

Nach einer Weile setzte er sich für eine Verschnaufpause an den Wegesrand und sah ein paar Schritte von sich entfernt etwas im Gras blitzen. Als er es aufhob, gab sich das Etwas als schöner Rubinring zu erkennen und Schuldig steckte ihn ein, weil nirgendwo ein Besitzer auszumachen war und er glitzernde Dinge mochte. Dann ging er weiter.

Er hatte wirklich kein gutes Gefühl bei der Sache. Er war es nicht gewohnt, schwierige oder gefährliche Sachen zu machen und gegen einen Cyborg zu kämpfen, schien ihm ziemlich gefährlich zu sein. Was er nicht alles für Ran tat... Der sollte ihm ruhig mal dankbar sein.
Schade, dass er nie davon erfahren würde. Schuldig war nämlich überzeugt davon, dass die Ereignisse hier alles andere als real waren und hatte sich in seinem Kopf schon eine recht plausible Erklärung zusammengelegt, die vor allem auf wirren Träumen nach Einnahme von Schmerzmitteln basierte.

Trotzdem ging er weiter, denn Träume, in denen er Ran retten musste, waren in der Regel eine gute Sache. Oder wurden es zumindest, sobald er Ran dann erst mal gerettet hatte. Lohnende Aussichten.

Einige Minuten später sah er eine Felswand, vor der der Weg abbog oder endete (das konnte er nicht erkennen) und als er näher kam, konnte er auch den dunklen Eingang der Cyborghöhle sehen.
„Hallo?“, rief er in der undeutlichen Hoffnung, der Cyborg würde herauskommen, damit er nicht in die Höhle gehen musste. „Ist da jemand?“
Ein eigenartiges Geräusch im Wald hinter ihm ließ in herumfahren, aber es war nichts verdächtiges zu sehen.

Also wieder zurück zur Höhle...
Der Eingang war Gott sei Dank nicht besonders hoch, was implizierte, dass der Cyborg auch höchstens zwei Meter groß sein konnte. Es sei denn, er konnte sich sehr klein machen... zusammenfalten vielleicht... Schuldig seufzte und unterließ alle weiteren amateurhaften Versuche, sich Mut zu machen. „Augen zu und durch!“, murmelte er und betrat die Höhle.

Dunkel. Als sich seine Augen ans Licht gewöhnten, machte er einen großen Schatten weiter im Höhleninneren aus und ging schnell in Deckung. Er wartete, aber es passierte nichts. Er riskierte einen Blick über seinen Deckungsfelsen hinweg. Großer unheimlicher Schatten immer noch da. Nichts passierte. Keine Bewegung, nichts. Stille.

Schuldig richtete sich vorsichtig auf. Nichts geschah.
Schuldig trat zögerlich hinter dem Felsen hervor. Keine Veränderung.
Schuldig betrachtete den großen unheimlichen Schatten, aber der rührte sich nicht.
So weit, so gut.
Schuldig warf einen Stein. Das metallische ‚Klonk!’ schepperte durch die Höhle, aber nichts geschah. Schuldig warf einen größeren Stein. Mit dem selben Ergebnis.

Vielleicht schlief es... Schliefen Roboter? Oder sie hatten vergessen, es anzuschalten oder... na ja, Schuldig hatte immer vermutet, dass er sich das nur einbildete, aber die meisten technischen Geräte gaben in seiner Gegenwart früher oder später ihren Geist auf.
Er warf zur Sicherheit noch einen Stein. Nichts geschah.
Guti!

Er näherte sich dem Ding vorsichtig und blieb misstrauisch davor stehen. Es griff immer noch nicht an. Er trat einmal dagegen und machte sicherheitshalber gleich noch zwei Sätze zurück zu seiner Deckung, stolperte dabei über einen Stein und stieß sich die Schulter an einem Felsvorsprung. Er fluchte laut, verstummte aber schnell und warf dem Roboter einen langen, prüfenden Blick zu.

Dann beschloss er, dass das Ding tot war und ging wieder rüber. Mit Hilfe seinen Schwerts hatte er den Kopf schnell abgehauen, was mit einem Arm in einer Schlinge nicht so leicht ist, wie es sich anhört.
Prima. Die erste Aufgabe hatte er also gelöst. Auf zur zweiten.

Als er wieder beim alten Mann ankam, begrüßte der ihn freundlich und nahm kommentarlos den Roboterkopf und das Schwert entgegen. „Deine zweite Aufgabe ist es, den Ring der fast beinahe unendlichen Macht zu finden.“, erklärte er dann. „Er soll in einem Fels eingeschlossen ruhen, irgendwo, ähm... hier oder so.“
Schuldig sah ihn zweifelnd an.
„Nein, mehr Hinweise gibt es nicht. Deshalb heißt es ‚hoffnungslose Suche’. Mach dich auf den Weg.“

„Wie sieht das Teil denn aus?“, fragte Schuldig.
„Woher soll ich das wissen? Er ist in einem Felsen eingeschlossen, also kann man ihn ja wohl schlecht sehen. Ein Rubinring, soviel ich gehört habe.“
Schuldig kramte den Ring, den er vorhin gefunden hatte aus der Tasche und hielt ihn dem Alten hin. „Ist es der hier?“

„Hm...“ Der alte Mann sah sich den Ring prüfend an. „Naja, das könnte er schon sein.“, sagte er unsicher. „Hast du ihn denn aus einem Felsen?“
„Ja.“, sagte Schuldig ohne zu zögern. „Beim Kampf mit dem Cyborg sind Felsen zerbrochen und in einem davon war er drin.“
Der Alte sah Schuldig prüfend an, aber dieser verzog keine Miene. „Hm... Gut, dann hast du diese Aufgabe wohl ebenfalls gelöst. Erstaunlich schnell sogar...“ Er vermerkte irgendwas auf 4b und sah dann wieder auf. „Gut. Als letztes gehen wir zur Hexe. Für das Rätsel.“

~*~

Im selben Augenblick, in dem Schuldig auf der Wiese erschien, fand sich Ran in einem runden Raum wieder, an dessen steinernen Wänden mittelalterliche Wandteppiche hingen. Die restliche Einrichtung des Raums bestand aus einem Bett, einem Kamin und einer Truhe. Es gab ein großes Fenster, durch das man einen phantastischen Fernblick hatte, aber keine Tür, weder eine konventionelle noch eine Falltür im Boden oder an der Decke.

Ran ahnte schlimmes. Als er zum Fenster ging und heraussah, fand er nicht nur seine Ahnung bestätigt, dass er sich in einem Turmzimmer befand, ihm fiel auch noch auf, dass er ein bodenlanges Kleid trug. Wenn Crawford so dumm sein sollte, ihm in diesem Leben noch einmal unter die Augen zu treten, war er so tot. Der einzige Trost war, dass das Ding nicht rosa war, sondern tiefrot und schwarz und dass er wenigstens seine eigenen Schuhe trug.

Ran sah nach unten auf den Waldboden (der Turm stand natürlich mitten im Wald), der sich schätzungsweise zwanzig Meter unter ihm befand und dachte über Fluchtmöglichkeiten nach. Alles was sich in dem Zimmer befand, Teppiche, Bettzeug, das bisschen Zeug in der Truhe, würde nicht bis zum Boden reichen und zudem zweifelte er die Belastbarkeit solcher improvisierter Seile prinzipiell an.

Es schoss ihm durch den Kopf, dass er sich die Haare wachsen lassen könnte, bis sie lang genug wären, um daran hinunterzuklettern, aber das war erstens sowieso unsinnig, weil Haare nur so lang werden, wenn man einen Gendefekt hat und es zweitens ewig dauern würde. So lange konnte er nicht warten, um hier wegzukommen. Er musste so schnell wie möglich Schuldig finden und ihm bei diesem Schwachsinn helfen, denn er zweifelte keinen Augenblick daran, dass sein Freund mit seinen drei Aufgaben kläglich scheitern würde, zumal mit gebrochenem Arm und Schleudertrauma. Schuldig war schon so nicht gerade ein Held. Er konnte höchstens einen Helden spielen.

Als Ran den Kopf aus dem Fenster steckte, um die Wand des Turmes genauer auf Vorsprünge und ähnliches zu prüfen, hörte er von unten eine Stimme.
„He du, ich bring dir Essen.“, rief ein brauner Haarschopf hinauf. Soweit Ran das von hier oben erkennen konnte, gehörten die Haare zu einem Jungen, der sich jetzt an einem Seil am Fuß des Turmes zu schaffen machte.

Rans Blick folgte dem Verlauf des Seiles und ihm fiel ein Flaschenzug ins Auge, der seitlich vom Fenster angebracht war, sodass man ihn beim einfachen Hinausschauen nicht bemerkte. Das Seil reichte bis zum Waldboden und zurück und an einem Ende war ein Korb angebracht.

„Wer bist du?“, rief Ran hinunter zu dem Jungen, der gerade Essen in den Korb packte und dann anfing, ihn hoch zu ziehen.
„Nagi“, sagte der Junge. „Ich mache mein Praktikum bei der Hexe. Eigentlich möchte ich Alchemist werden, aber egal. Hauptsache ich muss nicht den Familienbetrieb übernehmen. Wünsche... ein Scheiß...“, setzte er murmelnd hinzu.

„Warum bin ich hier?“, fragte Ran weiter.
Der Junge sah auf. „Na, du bist die Dame des Herzens, nicht? Deshalb der Turm.“
„Ich bin ein Mann!“, rief Ran hinunter.
„Ja ja, meinetwegen...“, antwortete Nagi genervt. „Dornröschen auch und von dem kommen keine Beschwerden. Mein Gott, erwartest du jetzt, dass wir deswegen sämtliche Traditionen ändern? Drei Aufgaben werden für die Dame des Herzens gelöst. Fertig. Die Formulierung mag ein bisschen veraltet sein, aber das ist kein Grund, sie zu ändern. Sei ein bisschen flexibel, ja?“

Ran nahm den Korb entgegen und Nagi ließ das leere Seilende wieder runter und band es unten fest. Dann drehte er sich um und verschwand wortlos wieder im Wald.
Mit einem Blick auf den Speiseaufzug stellte Ran fest, dass er seine Fluchtmöglichkeit gefunden hatte. Perfekt. Musste er nur noch rankommen, ohne aus dem Fenster zu fallen.

Er löste dieses Problem mit Hilfe des Schürhakens, den er beim Kamin gefunden hatte und der verwendungsgemäß gut geeignet war, Gegenstände heranzuziehen. Eine gute Stunde und einen Beinaheabsturz später hatte er sich abgeseilt, sah noch einmal am Turm hinauf und stellte etwas verärgert fest, dass dieser von unten nicht ganz so hoch wirkte. Das Kleid hatte aus praktischen Gründen mehr als die Hälfte seiner Länge einbüßen müssen und er konnte nur hoffen, dass er niemandem begegnete.

Rans Laune war also mehr als nur angeschlagen, als er sich vom Turm entfernte. Als er nach weniger als zehnminütigem Fußmarsch auf eine scheinbar undurchdringliche Rosenhecke stieß, war er mit der Geduld entgültig am Ende und schwor allen übernatürlichen Kräften blutige Rache. Es blieb ihm nicht viel anderes übrig, als dem Verlauf der Hecke zu folgen, um vielleicht doch noch eine passierbare Stelle zu finden.

Es dauerte nicht lange und er stieß auf ein Haus, das war ganz aus Pfefferkuchen und weil er sich halbwegs mit Märchen auskannte, schlich er sich vorsichtig näher heran, immer darauf bedacht, nicht gesehen zu werden. Und tatsächlich verließ nach einigen Minuten eine alte Frau das Häuschen und verschwand in die Richtung, in dem der Turm über den Baumwipfeln aufragte.

Ran zögerte nicht lange und ging in das nun leere Haus, um etwas zu suchen, mit dem er die Rosenhecke bezwingen könnte. Und eine Hose, wenn möglich. Nach einigem Suchen fand er zwar nicht das ersehnte Kleidungsstück, aber immerhin eine gigantische Sense, die seinen Ansprüchen an einen Unkrautvernichter genügte. Also machte er sich eilig daran, sich einen Weg durch das Grünzeug zu bahnen.

Die Rosen schienen kein Ende zu nehmen. Sie waren zäh und stachlig. Als er auf der anderen Seite wieder herauskam, hasste er Pflanzen im Allgemeinen und Rosen im besonderen und dachte ernsthaft über einen Berufswechsel nach. Florist hatte ohnehin nie wirklich zu ihm gepasst, aber vielleicht könnte er als Chauffeur arbeiten, immerhin mochte er Autos...

Er riss sich von seinen Gedanken los und sah sich etwas ratlos um. Wo war er hier und wohin wollte er eigentlich? Er hatte wirklich die Nase voll von diesem Mist. Er stampfte wütend mit dem Stiel der Sense auf den Boden und staunte nicht schlecht, als sich dort, wo er getroffen hatte, feine Risse bildeten. Interessant. Er versuchte es ein zweites mal mit mehr Kraft und ungleich größerem Ergebnis. Ein dritter Versuch führte zu einem kleineren Erdbeben. Ran lächelte angesichts so großer Zerstörungskraft.

Er stieß den Stab noch öfters für den reinen Unterhaltungswert auf den Boden, während er einen Weg einschlug, der direkt entgegengesetzt zu Hecke, Hexe und Turm war. Bald darauf kam er in felsigeres Gebiet und registrierte mit Freuden, dass die Wirkung der Sense auf Felsen zwar nicht größer, aber spektakulärer war und er es nach ein paar Versuchen schaffte, riesige Brocken mit einem Schlag zu zerbröseln.

Einer dieser Felsbrocken unterschied sich von den anderen, indem er nicht nur zersprang, als er von der Sense getroffen wurde, sondern auch noch einen schönen Rubinring freigab. Ran hob ihn auf und besah ihn sich, dann steckte er ihn ein, weil er keinen Besitzer ausmachen konnte und Schuldig glitzernde Gegenstände mochte.

Er ging weiter und trat schließlich aus dem Wald heraus auf einen Weg. Gerade überlegte er, in welcher Richtung er diesem Weg folgen sollte, als er ein Geräusch hinter sich hörte und herumfuhr. Er sah in die glühenden Augen eines - Roboters? Es musste sich ganz schön was geändert haben seit er das letzte mal Märchen gelesen hatte...

Das Äußere des Dings war zugegebenermaßen eher exotisch. Es bewegte sich auf sechs spindeldürren Beinen, was es etwas spinnenhaft aussehen ließ, hatte aber im Zentrum dieser Beine einen menschenähnlichen Oberkörper, während sein Kopf drachenartig wirkte und seine vier Arme entfernt an einen Kraken erinnerten. Alles in allem also ein Wesen, dem man nicht unbedingt begegnen wollte.

Der Roboter kam näher und Ran bemerkte, dass er vor Schreck die Sense fallen gelassen hatte. Tja, für soviel Dummheit hat man den Tod verdient, dachte er niedergeschlagen. Der Roboter hob die Sense auf, bevor Ran einen Versuch starten konnte, sie selbst wieder zu bekommen und schickte zwei seiner Greifarme Ran hinterher. Dieser wich aus so gut er konnte, suchte Deckung hinter einem Baum und schaffte es, ein oder zwei weitere Angriffe des Monsters abzuwehren, dann aber packte der Roboter seinen Arm in einem stählernen Griff und zog ihn einfach mit sich.

Während Ran sich beeilen musste, um mit dem sechsbeinigen Ungetüm Schritt zu halten, dachte er darüber nach, wie typisch es war, dass ausgerechnet er im Märchenland von einem Robotermonster entführt wurde. Warum passierte ihm immer so schwachsinniges Zeug? Es war nicht so, dass er viel Pech im Leben hatte, das würde er so nicht formulieren. Er hatte nur die Tendenz in Situationen zu geraten, die ihm Kopfschmerzen verursachten.

Er stolperte über einen Stein und rappelte sich eilig wieder auf, dann durchbohrte er das klappernde, quietschende Mistvieh vor sich mit einem tödlich Blick. „Was soll das werden? Wohin bringst du mich?“, fragte er nicht unbedingt freundlich.
Der Roboter drehte den Kopf um hundertachtzig Grad, ohne langsamer zu werden und antwortete mit einer bliependen, surrenden Stimme: „In meine Höhle.“
„Ah. Und was machen wir, wenn wir da sind?“, wollte Ran jetzt wissen.
„Ich fresse dich.“, bestätigte der Roboter die Ahnung, die Ran, pessimistisch wie er war, schon von Anfang an gehegt hatte.

„Warum sollte ein Roboter Menschen fressen?“, beschwerte sich Ran lautstark. Er fand die Vorstellung nicht gerade angenehm, völlig sinnlos von einer Maschine verspeist zu werden.
„Ich kann nichts dafür. Meine Programmierung beinhaltet das Entführen und Fressen von Jungfrauen.“, informierte der Roboter sachlich.
„Jungfrauen?“, echote Ran ungläubig.
„Du trägst ein Kleid und erfüllst damit die einprogrammierte Definition.“
Ran versuchte erst gar nicht, mit dem Haufen Altmetall darüber zu diskutieren, ob er eine Jungfrau war oder nicht. Hatte ja eh keinen Sinn. Dumme Maschine. Verflixtes Kleid. Crawford sollte tot umfallen.

Erst als sie den Eingang der Höhle erreichten, fiel Ran eine Möglichkeit ein, sich zu retten und das Vieh loszuwerden. Tatsächlich hatte ihn die lausige Definition des Wortes Jungfrau auf die Idee gebracht, dass die Programmierer überall so schlampig gearbeitet hatten. „Ich kann mich doch sicher retten, indem ich eine Aufgabe erfülle oder so?“, fragte er hoffnungsvoll nach.

„Hm...“, summte die Maschine. „Na gut. Du müsstest mich in einem Wettkampf schlagen.“
„Kopfrechnen?“, schlug Ran vor und der Roboter stimmte natürlich sofort zu, immerhin hatte er ein unschlagbares, magisch verstärktes Computerhirn, das ein Mensch niemals besiegen könnte.
„Du fängst an.“, sagte die Maschine. „Wir stellen uns solange abwechselnd Aufgaben, bis einer von uns eine falsche Antwort gibt.“

Ran nickte und begann: „Acht mal sieben?“
„Sechsundfünfzig. Elf mal dreizehn?“
„Hundertdreiundvierzig. Wurzel aus fünfhundertneunundzwanzig?“
„Dreiundzwanzig. Wurzel aus hundertneunundsechzig?“
„Dreizehn.“, sagte Ran und beschloss, dass es an der Zeit war, das Spiel zu beenden, bevor der überdimensionale Taschenrechner ernst machte. Er hoffte nur, dass der Trick bei diesem Model funktionierte. „Drei durch null?“

Der Roboter piepte nervös, dann erschien auf dem Display auf seiner Stirn ein großes ERROR-Zeichen und er kippte leicht zur Seite als seine Beine unter ihm nachgaben und der schwere Körper zu Boden sank. Dann kam nichts mehr von dem Schrotthaufen.
Ran hätte nicht gedacht, dass das Ergebnis so spektakulär ausfallen würde, aber er war sehr zufrieden mit sich, als er sich beeilte, um aus der Höhle herauszukommen. Wer konnte schon wissen, ob das Ding sich permanent abgeschaltet hatte?

Ran beschloss nun, die Wege zu meiden, da einem da scheinbar alles mögliche über den Weg laufen konnte und wandte sich wieder in Richtung Wald.
In dem Augenblick jedoch, in dem Ran zwischen den Bäumen verschwunden war, hörte er plötzlich Schuldigs Stimme hinter sich rufen und drehte sich schnell um.
Doch er kam nicht einmal dazu, Schuldig auf sich aufmerksam zu machen, denn er hörte auf einmal die Stimme einer alten Frau hinter sich. „Ach, da bist du ja. Ich suche dich schon die ganze Zeit.“ Er erkannte gerade noch die Hexe aus dem Pfefferkuchenhaus, die ihren Zauberstab auf ihn gerichtet hatte, bevor es ein lautes Knistern gab und er verwandelt wurde.

~*~

„Oh, diese Schneise in der Rosenhecke ist neu.“, bemerkte der alte Mann. „Erstaunlich. Ich sage ihr seit Jahren, dass sie das Ding mal stutzen soll, weil man riesige Umwege laufen muss, aber sie hat immer was von ‚größter Hecke des östlichen Königreichs’ erzählt und dass sie irgendwann die südliche Hexe schlagen würde, was riesige unzerstörbare Dornenhecken angeht...“

Schuldig folgte dem Alten durch den Tunnel im Rosengehölz und verfolgte den Monolog mit einem halben Ohr. Bis jetzt war die Sache mit den Aufgaben ja ganz gut gelaufen. Wünsche zu bekommen schien doch nicht so schwierig zu sein, wie allgemein angenommen wurde. Oder die Leute ließen sich einfach zu leicht abschrecken. Oder Schuldig war einfach sehr gut im Wunschaufgaben lösen. Ein Naturtalent. Ja, das wäre gut möglich...

Sie traten aus der Rosenhecke und auf eine Lichtung. Nicht weit entfernt stand eine Hütte aus... na ja, Keksen oder so. Schuldig war sich da nicht so sicher. Er dachte darüber nach, ob es nicht schwere Wasserschäden gab, sobald es mal regnete und wie schwierig es sein musste, eine Diät zu halten, wenn man in einem essbaren Haus lebte. Er kam zu dem Schluss, dass Lebkuchenhäuser dicke Obdachlose hervorbrachten, wurde aber von weiteren Überlegungen abgehalten, als ihn der Alte aufforderte weiter zu gehen.

Als sie um das Haus herum gegangen waren, kamen sie zu einem abgezäunten Stück saftig grüner Wiese, auf dem mindestens ein Duzend rosa Kaninchen im Sonnenschein spielten.
„Rosa Kaninchen?“, fragte Schuldig irritiert.
Der alte Mann zuckte nur lächelnd die Schultern. „Ja, die sind dieses Jahr ganz groß in Mode. Letztes Jahr waren es fluoreszierende Eidechsen, aber die wurden alle von den Eulen gefressen, weil sie im Dunklen so gut zu sehen waren...“

„Ah...“, antwortete Schuldig. „Was ist jetzt die dritte Aufgabe?“
„Ach ja, die Aufgabe.“, sagte der Alte. „Ja, eines der Kaninchen ist die Dame Ihres Herzens.“, erklärte er.
„Mussten Sie das so laut sagen?“, fragte Schuldig gequält. „Er kann so was gar nicht leiden.“
„Was denn?“
„Ach, vergessen Sie es...“ Schuldig näherte sich dem Gehege und kletterte über den Zaun. Genau genommen war klettern wohl nicht das richtige Wort... Also, Schuldig machte einen großen Schritt über das Zäunchen und blieb dann in der Mitte des Geheges stehen.

Hm. So spontan hatte er keine Ahnung, welches von den flauschigen rosa Puscheln Ran sein könnte. Er hatte im Grunde sogar Probleme, sich Ran überhaupt als rosa Kaninchen vorzustellen... Also schön. Wenn er Ran wäre und ein rosa Kaninchen... was würde er dann tun? - Wenn gerade keine scharfen Gegenstände in der Nähe wären, natürlich.

Er sah sich um. Zwei der Kaninchen jagten einen Schmetterling und schieden somit aus. Ein paar rosa Wollknäuel lagen in der Sonne und unterbrachen ihr Dösen nur, um sich dann und wann gegenseitig zu putzen, während einige andere scheinbar sinnlos hin und her hoppelten. Drei waren näher an ihn herangehoppelt und beschnüffelten seine Schuhe.

Er hob eines hoch und sah es prüfend an. Na ja, es sah... rosa aus. Er setzte es seufzend wieder auf den Boden und trat nach einem anderen, das angefangen hatte, seine Designerlatschen anzufressen. Mist, das konnte Ran sein, der konnte seine neuen Schuhe auch nicht leiden... andererseits würde er sie nicht fressen.

Dann fiel Schuldigs Blick auf ein Kaninchen, dass ganz allein am äußersten Rand des Geheges im Schatten lag und ihn so böse ansah, wie einen ein flauschiges rosa Kaninchen nur ansehen konnte. Also nicht sehr böse, aber es war bekanntlich der Gedanke, der zählte.
Schuldig grinste das Kaninchen an und kam näher. Das Kaninchen verdrehte die Augen. Schuldig lachte darüber, das Kaninchen fauchte. Schuldig hatte nicht gewusst, dass Kaninchen fauchen können.

Er griff sich das Kaninchen, das ihm dafür aus seinen glänzenden schwarzen Knopfaugen einen weiteren bösen Blick zuwarf. „Bist du mein Ranniebunny?“, fragte Schuldig gut gelaunt. Das Kaninchen biss zu.
„Okay, der ist es.“, rief er dem alten Mann zu, während er das Ran-Häschen von seinen anderen, noch unversehrten Fingern fernzuhalten versuchte.

Der alte Mann winkte ihm lächelnd zu und trug etwas auf dem Formblatt 4b ein, dann wurde alles heller und Schuldig und Ran fanden sich im von Wunderkerzen erleuchteten Wohnzimmer wieder und versuchten hustend dem Qualm zu entkommen. Ran riss erst mal die Balkontür auf, um frische Luft hineinzulassen, dann drehte er sich zu Schuldig um und funkelte den wütend an. „Ranniebunny?“, fragte er bedrohlich.

„Also, objektiv gesehen...“, setzte Schuldig an, brach aber ab, als Rans Blick sich weiter verfinsterte. „Hey, hör auf damit, ja? Ist doch alles gut geworden, oder? Ich habe meinen Wunsch gekriegt, hab dich gerettet... Könnten wir jetzt einfach schlafen gehen?“
„Du hast mich gerettet? Wovor bitte?“, fragte Ran.
„Öhm... du warst ein Kaninchen...“
„Das ist typisch. Ich werde wegen deinen bescheuerten Aufgaben zum Kaninchen und dann soll ich mich auch noch darüber freuen, dass du mich rettest!“

„Ich habe für dich gegen einen Cyborg gekämpft.“, versuchte es Schuldig.
Ran stutzte. „War das zufällig in einer Höhle? Und hat er zufällig schon bewusstlos auf dem Boden gelegen?“, fragte er dann lauernd.
„Hm... na ja, gelegen würde ich nicht sagen, eher so was wie an der Wand gelehnt...“
Ran knurrte nur zur Antwort und verschwand mit einem Türknallen im Schlafzimmer.
„Ran?“, fragte Schuldig.
Die Tür ging auf und ein Kissen und eine Decken kamen auf ihn zu geflogen.

„Ra~n! Ich bin verletzt.“, jammerte Schuldig mitleiderregend und wartete dann einige Sekunden. „Und ich verstehe, dass du schlecht gelaunt bist, weil du in ein Kaninchen verwandelt wurdest, aber dafür kann ich wirklich nichts, oder? Ra~n.“ Schuldig zog einen Moment lang in Erwägung, Ran zu sagen, dass er ein ganz entzückendes Häschen gewesen war, merkte aber von ganz allein, dass das eine schlechte Idee wäre.

„Lass mich rein.“, klagte er noch mal niedergeschlagen. „Wir fahren auch gleich morgen los und kaufen uns ein neues Auto, ja?“, schlug Schuldig schließlich hoffnungsvoll vor.
Und tatsächlich: Die Tür öffnete sich und Ran kam grummelnd heraus, um Schuldigs Bettzeug wieder hineinzutragen.

Und so kam es, dass Schuldig nicht auf der Couch schlafen musste und sich die beiden am nächsten Tag ein neues Auto kauften. Alles war wieder so, wie es sein sollte:
Ran hatte einen Porsche und Schuldig, und Schuldig hatte Ran und die Gewissheit, dass dieser ihn im Zweifelsfalle behalten wollte (während er die Trauer um den alten Wagen ja mit geradezu kaltherzig anmutender Schnelligkeit zugunsten des nagelneuen Porsche abgelegt hatte). Und so lebten die drei also glücklich für immer und ewig und wenn sie nicht gestorben sind (oder Schuldig mal wieder einem Reh begegnet ist), dann leben sie noch heute.



ENDE





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© 2006 by Elster

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