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he couldn't believe how easy it was
he put the gun into his face
bang!
(so much blood for such a tiny little hole)
aus "The Downward Spiral" von Nine Inch Nails
Er konnte immer noch nicht glauben, wie einfach es war.
Das Aufblitzen von Metall, ein Schrei, ein Fluch, dieser Ausdruck in den Augen des Opfers. Und das war es dann. Mission erfüllt, Rückzug, Abyssinian over.
Rot glänzendes Metall. Der Geruch von Blut, der von Mal zu Mal vertrauter wurde. Hotelflure, nur von einem schwachen Nachtlicht erhellt. Das Schlagen des eigenen Herzens. Target eliminiert, exekutiert... abgeschlachtet - was auch immer. Ein Opfer auf Seiten der Dunkelheit.
Mission erfüllt. Mission erfolgreich. Das Weiß hatte gesiegt, erstrahlte in seiner Reinheit, seiner Rechtschaffenheit. Es war ganz einfach. Das Aufblitzen von Metall, ein Schrei, ein Fluch und wieder war die Welt weißer. Der Preis war auch nicht hoch, nur ein Stück seiner Seele, nur ein Stück Unschuld. Energie, die geopfert werden musste, in Licht umgewandelt, um die Dunkelheit zu erhellen.
Er verließ das Hotel durch einen Seiteneingang, stützte sich an der Hauswand ab und kämpfte mit der Übelkeit, verlor, übergab sich. Er war schwach. Langsam sollte er sich daran gewöhnt haben.
"Abyssinian? Probleme?" Die Stimme kam nicht aus dem Headset, sie kam vom anderen Ende der Gasse, wo sich Balineses Silhouette groß und schmal gegen das Licht der belebteren Straße abzeichnete.
"Nein. Keine Probleme." Seine Stimme schwankte nicht, sie war tief und fest und sicher, drückte all die Kälte aus, die er empfinden wollte. Er wischte sich verstohlen über den Mund, war sich aber fast sicher, dass Balinese von seinem Standpunkt aus nicht mehr sehen konnte, als eine Bewegung in den Schatten zwischen den Häusern. Dann verließ er die Gasse, folgte seinem Teammitglied zum Wagen. Auch seine Schritte waren sicher und fest, kein Schwanken, keine Schwäche.
Rückzug. Balinese fuhr, Tokyo glitt am Fenster vorbei. Eine Hotelgegend, glitzerndes Touristen-Tokyo. Helle Lichter mitten in der Nacht. Hier wurde es nie dunkel. Hier war keine Armut, kein Verbrechen. Hinter der Fassade vielleicht, zwei Straßen weiter ganz sicher. Aber hier nicht. Hier war die weiße Welt, eine hektische, vergnügungs- und konsumsüchtige Welt für Kinder, für Touristen, für ein paar unschuldige Nachtaktive. Für all die Leute, die es geschafft hatten, sich von der Dunkelheit fern zu halten.
Er hatte einmal dazu gehört. Es war gar nicht so lange her, nur ein paar Morde.
Jetzt passte er nicht mehr in diese Welt. Sie stieß ihn ab, oder er sie. Wie gegensätzlich gepolte Magnete, deren Felder sich überschneiden, die in einem gewissen Abstand voneinander liegen können, sich aber nur mit erheblichem Kraftaufwand annähern können.
Vielleicht war dieses Gefühl, diese Abstoßung schon immer da gewesen und er hatte sie nur nicht bemerkt, weil es Kräfte gegeben hatte, die ihn mit dieser Welt verbanden. Seine Eltern, seine Schwester, der Alltag, die Normalität, von der er geglaubt hatte, sie wäre unumstößlich.
Nun, das war sie nicht. Es gab viele Normalitäten, man konnte sich an alles gewöhnen. Es war ganz einfach. Alles konnte Alltag werden; es kostete nur ein wenig Kraft, ein wenig Disziplin, ein wenig Überwindung. Aber das machte nichts, es war sowieso nicht mehr sein Leben.
Er führte sich die Bilder dieser Nacht noch einmal vor Augen.
Ein Schritt, ein Hieb.
Blank weißes Metall - matt rotes Metall.
Zerknitterte Kleidung - blutgetränkte Kleidung.
Es war eine Übung. Es ging um Stärke, um Gewöhnung, um Normalität.
Ein Fluch - ein Röcheln.
Hassende Augen - leere Augen.
Die Übelkeit kam zurück. Er war schwach. Aber nicht so schwach, dass eine Regung nach außen gedrungen wäre. Nicht so schwach, dass er die Kontrolle verloren hätte.
Dieser Blick, dieser Ausdruck in den Augen. Abscheu, Hass, trotziger Unglaube, selbst wenn der Blick sich schon trübte. Aber Reue? Er hatte die Akte von diesem Mann gelesen, kannte das Leben dieses Mannes, wie er die Leben all seiner Opfer kannte. Reue wäre zweifellos angebracht gewesen, aber vielleicht wäre das zuviel verlangt von einem Sterbenden.
Würde er seinen Mörder auch so ansehen?
Er war sich ziemlich sicher, dass sein eigener Tod ihn nicht besonders überraschen würde. Er dachte viel über den Tod nach in letzter Zeit. Über den Tod anderer Menschen, über seinen eigenen Tod... Der Tod würde ihm irgendwann so alltäglich sein, wie der Schlaf, war es fast schon. Also kein Unglaube.
Vielleicht Trotz, Trotz gegenüber seiner Schwäche, Trotz gegenüber der Stärke seines Mörders. Trotz gegenüber dieser Welt, für die er kämpfte, für die er starb, obwohl - oder gerade weil sie ihn abstieß. Trotz also. Das war nicht schlecht. Trotz war kalt, gefühllos, verriet nichts. Trotz konnte Stärke sein, wenn man darüber nicht das Nachdenken vergaß.
Und der Trotz würde die Reue verdecken. Er war sich sicher, dass da Reue wäre. Er ging nicht davon aus, dass Kritikers Akten die Leben der Zielpersonen besonders vollständig beschrieben, war sich sogar sicher, dass bestimmte Informationen Weiß vorenthalten wurden. Trotzdem gab es sie in jeder Akte. Wortgruppen, Sätze, Stichpunkte, die das Monster zum Menschen werden ließen.
Der da hatte einen Sohn, mit dem er alle zwei Wochen einen Ausflug machte, wobei er weniger Bodyguards mitnahm. Der eine war seit dem Unfalltod seiner Frau Alkoholiker, der andere spendete große Summen schmutzigen Geldes an das Waisenhaus, in dem er aufgewachsen war. Das machte ihre Verbrechen nicht kleiner, nicht verzeihlicher. Es half den Opfern nicht und machte die Täter nicht zu besseren Menschen - aber es machte sie zu Menschen.
In dieser anderen Welt, zu der er nicht mehr gehörte, gab es die Theorie von den guten und den schlechten Menschen. Es war eine Theorie, die es einem leicht machte in der hellen Welt zu leben. Man zählte sich zu den Guten und konnte für jede Verfehlung Absolution erhoffen. Denn man war ja kein schlechter Mensch, hatte nur einen Fehler gemacht.
Früher hatte er auch geglaubt, zu den Guten zu gehören. Früher war es ihm leicht gefallen, Gut und Böse zu trennen. Früher war da eine Grenze gewesen, die jetzt vom Blut seiner Opfer überdeckt war. Früher war vorbei. Die Welt von früher stieß ihn jetzt ab und es gab kaum noch etwas, was dieser Kraft entgegen wirkte.
Aber die Theorie gab es immer noch und sie war tief in seinem Denken verwurzelt. Wer nicht zu der hellen Welt gehörte, war keiner der guten Menschen. Wer keiner der Guten war, konnte nicht auf Absolution hoffen. Wer nicht auf Absolution hoffte, verlor jede Berechtigung zur hellen Welt zu gehören.
Es war simpel und es war einleuchtend, also musste er es akzeptieren. Und dieses Akzeptieren fiel ihm nicht schwer, weil ihn eben nichts mehr hielt, weil der einzige Faden, der ins Licht führte in einem Krankenhaus schlief und eben zu einer Welt gehörte, die nicht mehr die seine war.
Das Brummen des Motors erstarb und er wurde sich bewusst, dass sie angekommen waren. Diese Gegend war nicht so hell ausgeleuchtet wie die Straße vorhin, wirkte aber in ihrer verschlafenen Unschuld noch unwirklicher auf Aya.
Hier waren die Gehwege sauber und die Läden vergleichsweise klein. Über den Läden, hinter den dunklen Fenstern, schliefen die guten Menschen. Sie hatten einen ruhigen, friedlichen, tiefen Schlaf mit angenehmen Träumen. Sie waren zufrieden mit sich, mit ihren Sorgen und ihrem Leben, weil sie wussten, wo sie hingehörten, weil sie sich sicher sein konnten, für ihre Vergehen - so klein sie auch sein mochten - bestraft zu werden und daraufhin Absolution zu erhalten.
Sie gehörten nicht zu den Menschen, die dieses Prinzip in Frage stellen würden, weil sie es für unfehlbar hielten. Sie kannten nichts anderes als diese helle Welt, in der sie lebten, und konnten sich nicht vorstellen, aus ihr heraus zu fallen. Berichte von Verbrechen schockierten sie, denn es wurde von den anderen, den schlechten Menschen berichtet. Allein dass es diese schlechten Menschen gab, war schockierend.
Der Blumenladen, der mit seinen dunklen Schaufenstern schlafend zwischen den anderen Häusern lag, war einer dieser kleinen, sauberen Läden, und der Gehweg vor dem Koneko wurde jeden Morgen von einem von ihnen gefegt. Die Fassade, der Verkaufsraum und sogar die Wohnung über dem Laden gehörten auch zu dieser Welt der Sicherheit. Sie gehörten so vollkommen, so absolut dazu, dass es manchmal schwer auszuhalten war, dass es einem den Atem nahm, einem die Luft abdrückte vor Heimweh nach dieser Welt.
Aber es gab kein Zurück, egal wie sehr man sich verstellte. Und er hatte ja sogar den Versuch aufgegeben, weil das Scheitern so weh tat...
Er wollte jetzt schlafen. Seine Gedanken waren heute wieder gegen ihn. Ohne sich wirklich umzusehen, flüchtete er zu seinem Zimmer. Es war ein kahles, leeres Zimmer, das nichts mit den Zimmern hinter den dunklen Fenstern der schlafenden Leute gemein hatte. Dort gab es nur die wenigen Sachen, die er besaß und die wenigen Möbel, die er brauchte. Es war kein Heim, kein Zuhause. Trotzdem fühlte er sich in diesem Zimmer am wohlsten. Er hatte dort nicht das Gefühl der Abstoßung.
"Gute Nacht, Aya."
Er hatte bemerkt, dass Omi ihm gefolgt war, aber er hatte nicht darauf geachtet. Jetzt drehte er sich zu dem Jungen um, der da stand und lächelte, und kämpfte gegen das Gefühl, nicht atmen zu können. Gute Nacht, Aya. Seine eigene Stimme hatte vor wenigen Jahren auch so jung geklungen und sie hatte dieselben Worte geformt, Abend für Abend. Gute Nacht, Aya. Er hatte damals unbesorgter geklungen, weil es keinen Zweifel gab, dass die Nacht gut werden würde, dass alles irgendwie gut werden würde. Und es hatte auch keinen Zweifel an der Antwort gegeben.
Gute Nacht, Aya. - Gute Nacht, Ran.
Er verwarf die Erinnerung an müde, braune Augen. Es war nur ein Sekundenbruchteil gewesen. Ein anderes Leben. Omi war real, Omi hatte blaue Augen, Omi nannte ihn Aya. Omi war nie ein Kind wie er gewesen, auch wenn er es schaffte, so zu wirken. Omi hatte nie in der hellen Welt gelebt, wofür Aya ihn abwechselnd bemitleidete und beneidete. Omi brachte es fertig, nach einer Mission eine Gute Nacht zu wünschen - der Tonfall nicht wirklich unbesorgt, aber ohne einen Hauch von Ironie.
Es wäre fair gewesen zu antworten. Drei Worte nur, und Omi wäre glücklich gewesen. Aber Aya brachte sie nicht zustande. Er hatte plötzlich das Gefühl, Glasscherben verschluckt zu haben, konnte nur schwach nicken, bevor er in sein Zimmer verschwand.
Gute Nacht, Omi. Da waren immer noch Blutspritzer auf seinem Mantel, auf seinem Schwert. Gute Nacht, Omi. Da war immer noch der Geschmack nach Schwäche und der Geruch von Blut, den er sich nur einbildete. Gute Nacht, Omi. Da war immer noch der Blick aus den leeren Augen, der Mord, den er vor nicht einmal einer Stunde begangen hatte, in dieser Nacht.
Gute Nacht? Das war so unfassbar, so normal, so freundlich, so liebenswert - und es fühlte sich an wie Säure. Alles, was früher Wärme und Gefühl gewesen war, fühlte sich jetzt an wie Säure. Nur Kälte war erträglich.

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