Einer dieser Tage...
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6.30 Uhr
Omis Wecker klingelt. Omi schaltet ihn aus. Er war schon vorher wach, hatte auf der Seite gelegen und aus dem Fenster gesehen und beobachtet, wie der Himmel sich verfärbte. Er hat drei Stunden geschlafen und ist vor einer halben Stunde aufgewacht.
Das ist normal.
Er weiß nicht mehr, was er geträumt hat, das weiß er nie und er versucht auch nie, sich zu erinnern.
Er steht auf und geht zum Kleiderschrank. Eine graue Stoffhose, ein weißes Hemd und ein roter Pullover. An seiner Schule besteht keine Uniformpflicht, trotzdem tragen alle Schüler das Gleiche.
7.38 Uhr
Yue Miyazaki wartet am Schultor. Yues Mutter ist Krankenschwester, sein Vater Angestellter bei einem Kreditkartenunternehmen. Er spielt gern PC-Spiele von der Sorte, wo es für jeden toten Gegner eine bestimmte Punktzahl gibt. Einmal hat er Omi zu sich eingeladen. Er war begeistert als Omi den Highscore geknackt hat. Ab und zu schreibt Yue die Hausaufgaben bei ihm ab und wenn Omi Unterricht versäumt, kann er bei ihm anrufen und sich erkundigen. Das ist praktisch, es wäre lästig, wenn er jeden Lehrer einzeln fragen müsste.
Yue ist kein Freund. Omi denkt, dass er wahrscheinlich ganz okay ist, aber Omi hat keine Freunde an der Schule.
So ist das nun mal. Es geht eben nicht anders. Das ist normal.
10.06 Uhr
Omi zieht sich eine Dose Kaffee aus dem Automaten und geht dann über den Hof, auf die Fahrradständer zu. Einen knappen Meter vor der ersten Reihe steht ein Baum. Rundherum mit einer Absperrung versehen, auf der man mehr schlecht als recht sitzen kann. Hier verbringt Omi die meisten Hofpausen und er ist meistens allein.
Ab und zu kommt es vor, dass sich ein Mädchen zu ihm setzt, manchmal bringen sie ihm ein Bento mit, manchmal wollen sie sich mit ihm verabreden. Er ist ein bisschen zu klein für sein Alter, sieht ein bisschen zu jung aus, aber er ist einer der Klassenbesten und gut im Sport. Er fällt nicht besonders auf, aber er ist recht beliebt bei den Mädchen an seiner Schule. Weil er immer so fröhlich und hilfsbereit ist, hat ihm eines verraten. Weil er freundlich ist und sich trotzdem nichts gefallen lässt, hat ein anderes gesagt. Weil er allein klarkäme, das wäre cool.
Ihm ist das recht. Er weist sie nicht ab und er ermuntert sie nicht. Wenn sie Andeutungen machen, versteht er sie nicht. Wenn sie, frustriert von seiner Naivität, wieder verschwinden, ist er immer ein bisschen erleichtert. Es ist leichter so. Er fragt sich, wie lange die unschuldig-und-ahnungslos-Masche für ihn noch funktionieren wird.
12.37 Uhr
Omi hetzt zur Essensausgabe, wo die Schlange, die sich hier in den Mittagspausen bildet schon lange verschwunden ist. Die Tische leeren sich schon, aber er hat noch gut fünf Minuten zum Essen.
Tokuma-sensei hat ihn aufgehalten. Er sei der letzte, der seinen Fragebogen zur Berufswahl noch nicht abgegeben hätte und die Perspektiv-Woche fange nächsten Montag an.
Er hat ihr versprochen, ihr den Fragebogen morgen zu geben.
Sie mache sich auch Sorgen, weil er in den letzten drei Monaten so oft gefehlt habe. Ja, mit seinen Entschuldigungen sei alles in Ordnung, aber ob er Probleme hätte. Er könne jederzeit mit ihr reden.
Nein, alles wäre in Ordnung. Alles ganz normal.
15.17 Uhr
Omi steht im Blumenladen, lächelt und unterhält sich mit den Kunden. Er ist in keinem der Schulklubs, dazu hat er keine Zeit. Sobald die Schule aus ist, kehrt er zum Koneko zurück. Er bleibt nie weg. Er will nicht, dass die anderen sich Sorgen machen. Manchmal hat er etwas früher Schluss. Auch dann kehrt er so schnell wie möglich zum Koneko zurück. Wenn er von der Routine abweicht, überfällt ihn eine Unsicherheit. Wenn er zurückkommt, so denkt er früher oder später, werden sie fort sein. Dieser Gedanke ist wie eine Stufe. Der erste Schritt hinab. Also kehrt er zum Blumenladen zurück, so schnell er kann.
Wenn er die anderen um sich hat, fühlt er sich mehr wie er selbst. In der Schule ist es, als würde sich eine andere Person in ihn zwängen und all sein Denken in Besitz nehmen. Manchmal glaubt er dann selbst, er sei ein normaler siebzehnjähriger Schüler. Dann hat er das Gefühl, gleichzeitig außerhalb zu stehen, kalt und stumpf, und auf einen Fremden zu sehen.
Wenn er die anderen um sich hat, ist es, als würden die zwei Personen sich übereinander legen. Zwei Formen, die nicht ganz deckungsgleich sind.
17.23 Uhr
Er geht immer eine Weile vor Ladenschluss. Er hat mehr zu tun, als die anderen. Er müsste nicht unbedingt im Blumenladen arbeiten, aber er braucht einige Stunden, in denen er nicht denken muss. Er ist sich nicht sicher, ob die anderen das wissen.
Auf seinem Schreibtisch liegen Blaupausen, Lehrbücher und technische Zeichnungen, daneben Stundenpläne, Blöcke mit Notizen über die Geschichte Europas und den neuen Codes für die interne Korrespondenz.
Er weiß nicht genau, wann er sich an das Durcheinander seiner zwei Existenzen gewöhnt hat. Zu Anfang waren ihm die Schulsachen wie Fremdkörper vorgekommen.
Obwohl alles scheinbar chaotisch ist, macht es für ihn doch einen Sinn. Er muss niemals nach etwas suchen. Er weiß genau, wo er was hingelegt hat. Früher, ganz am Anfang von Weiß, hatte er manchmal Angst gehabt, dass er durcheinanderkommen könnte. Das war, bevor er merkte, dass sich die zwei Personen übereinander legen lassen, wenn auch nicht perfekt.
18.35 Uhr
Omi sitzt mit den anderen am Tisch und isst. Das ist die Zeit des Tages, wo er sich am meisten wie er selbst fühlt. Er versucht sich vorzustellen, wie es wäre, wenn es immer so wäre, aber es gelingt ihm nicht.
Es funktioniert nur manchmal, nur, wenn sie alle da sind. Ohne Yohji kommt kein Gespräch zustande, ohne Ken kann es nicht aufrecht erhalten werden und ohne Aya erscheinen die Worte nutzlos. Ohne Omi würde jede Unterhaltung schnell zu einem Streit werden, das weiß er. Er ist derjenige, der das prekäre Gleichgewicht, dass sich zwischen ihnen gebildet hat, ausbalanciert. Wenn einer fehlt, gerät alles aus den Fugen. Wenn zwei fehlen, ist die Stimmung meist gedrückt. Wenn außer Omi niemand isst, kommt er nicht in die Küche, sondern bleibt auf seinem Zimmer, bei seinen Plänen und Hausaufgaben.
Er sagt nichts über den Fragebogen zur Berufswahl. Er weiß, einer der anderen würde ihm seine Hilfe anbieten, aber letztendlich spielt es ohnehin keine Rolle, was er aufschreibt, also wäre es besser, es den anderen zu ersparen.
19.56 Uhr
Alles ist so weit fertig, nur der Berufsfragebogen liegt noch auf dem Tisch vor Omi. Er seufzt und sieht zu, wie die Zeiger der Uhr sich langsam weiter schieben, wie dieser Tag unaufhaltsam zu Ende und in den nächsten übergeht und manchmal scheinen Omi die Missionen das einzige zu sein, was einen vom anderen unterscheidet.
Es klopft und Yohji kommt herein. Ob alles in Ordnung sei, Omi sei heute so still gewesen. Ob er mal wieder so lange aufgewesen wäre. Das übliche Gerede über die Pornoseiten im Internet, aber Omi kann es ihm nicht übel nehmen.
Dann sieht er den Fragebogen, den Omi unauffällig zu verstecken versucht.
20.12 Uhr
Omi sitzt immer noch an seinem Schreibtisch, aber er hat seinen Stuhl zu Yohji gedreht, der auf dem Bett sitzt. Zusammen bauen sie Luftschlösser. Omi weiß nicht, wie Yohji es macht. Meist scheint er fast zynisch, aber hinter seiner Sonnenbrille ist er ein Träumer, der es beinahe schafft, an das zu glauben, was er sich wünscht.
Omi wird zur Uni gehen. Er kann studieren, was er will. Er könnte Anwalt werden. Oder was auch immer er will. Wenn Yohji es sagt, dann klingt es so, als würde es wirklich alles eines Tages geschehen. Es erscheint nicht mehr völlig unmöglich.
Nur eine weitere Möglichkeit, wie alles sein könnte. Eine weitere Normalität neben der, in der er lebt. Und vielleicht nicht einmal das, sondern nur eine logische Fortführung. Vielleicht ist es erreichbar, in zwei Welten nebeneinander zu leben. Einen Versuch ist es allemal wert.

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© 2006 by Elster |
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