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Fanfiction  

Flugrouten ~ Gästebuch ~ Elsterhöhle  

 



Bilder von Dir




Sightseeing


Er sah friedlich aus, wenn er schlief. Nicht glücklich, nicht zufrieden, nicht erschöpft. Nur friedlich. Ausgeglichen und ruhig. Das Gesicht war genauso kühl wie sonst. Er lächelte nicht im Schlaf, er runzelte nicht die Stirn, er bewegte sich nicht. Eigentlich sah es so aus, als würde er nicht wirklich schlafen. Es war, als hätte er sich entschieden, so und nicht anders da zu liegen bis er am Morgen die Augen aufschlagen würde. Es war, als ob er jeden Moment die Augen aufschlagen könnte.
Aber er schlief definitiv. Es war kurz nach vier, er lag in seinem Bett, atmete ruhig, hatte sich seit einer knappen halben Stunde nicht bewegt, also schlief er. Sicher, er könnte nachsehen, aber das würde ihn vielleicht wecken. Auf jeden Fall würde er es bemerken. Er würde vielleicht nicht davon aufwachen, aber er würde es spüren. Er spürte es immer. Er nahm es nicht bewusst wahr, aber wenn man die Zeichen zu deuten wusste, war es ganz deutlich.
Also kein Blick auf seine Träume. Nicht heute.

Das Fenster lag zur Straße hin und hatte keine Vorhänge, sodass trüb gelbes Licht sich wie feiner Nebel im Zimmer verteilte. Die Straßenlaterne, die dem Fenster am nächsten stand, war erst vor einigen Minuten wieder angegangen. Sie flackerte und erlosch ab und zu, um dann unbestimmte Zeit später wieder aufzuleuchten. Wenn sie aus war, war es hier noch dunkler. Nur ein wenig fahlblaues Halbmondlicht, schlierig durchmischt mit diffusem Großstadtlicht. Dann konnte man das Gesicht nur erahnen in dem hellen Fleck in der Dunkelheit. Aber jetzt war es deutlich zu erkennen.

Er sah schön aus, wenn er schlief. Er war auch schön, wenn er nicht schlief, aber wenn er schlief, hatte man Zeit, ihn sich anzusehen, ohne bemerkt zu werden. Außerdem sah er friedlich aus, nicht so angespannt wie im wachen Zustand. Sein Mund wirkte weicher, sein ganzes Gesicht jünger, wenn sich seine Züge nicht in grimmiger Entschlossenheit verhärteten. Seine rechte Hand lag anmutig und weiß vor dem Gesicht, verdeckte es aber nicht.
Er sah schön aus, wie er da lag. Wie aus Marmor gehauen. Aber nicht zerbrechlich, im Gegenteil. Er sah unzerstörbar aus, wie er da reglos lag. Dauerhaft. Als wäre er vom Himmel gefallen und die Zeit könne ihm nichts anhaben.

Ein Auto fuhr vorbei, das weiße Licht der Scheinwerfer stach durchs Fenster wie das Signal eines Leuchtturms. Er sah andächtig zu, wie das Licht Schatten über das Gesicht und die ganze Gestalt huschen ließ und lauschte darauf, wie das Motorenbrummen leiser wurde und mit dem monotonen Rauschen des nächtlich gedämpften Stadtlärms verschmolz.
Er würde die feinen Linien dieses Gesichts gern nachzeichnen, mit seinen Fingern, mit seinen Lippen, bis er sie auswendig kennen würde, bis er dieses Gesicht im Dunkeln erkennen könnte. Er würde diese matt glänzenden Haare gern berühren. Sie wären kühl und weich und würden die Wärme seiner Hand annehmen, sich an seine Haut schmiegen. Er würde diese schöne, weiße Hand gern küssen, die seidige Haut am Handgelenk. Er würde diese Lippen gern küssen. Sie wären zart und fest und warm. Er fragte sich, wonach sie schmecken würden.

Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt, saß immer noch im Schneidersitz vor dem Bett. Das Geräusch des vorbeifahrenden Autos hatte den Anderen nicht geweckt, hatte nur ein minimales Stirnrunzeln ausgelöst, ein winziges Zusammenziehen der Augenbrauen. Jetzt war das Gesicht wieder ruhig. Schön und friedlich, wie das Gesicht eines Engels. Es war nur schade, dass man die Augen nicht sehen konnte.
Er hob die Digitalkamera, kontrollierte noch einmal, dass der Blitz ausgeschaltet war, und machte in schneller Folge einige Fotos. Fast lautlos - aber nur fast. Einige Augenblicke erstarrte er mit angehaltenem Atem und erwartete fast, dass sich die Augen jeden Moment öffneten. Aber es passierte nichts.
Das Gesicht eines Engels - die Augen eines Dämons. Die Attraktion des Widerspruchs, die Anziehungskraft des Paradoxen - irgend so etwas musste es wohl sein. Er konnte es sich nicht wirklich erklären. Nun ja, vielleicht war es auch die Faszination der Gefahr.
Oder der Reiz des Verbotenen.

Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Crawford würde ihn umbringen, wenn er von diesem Ausflug wüsste. Natürlich nur bildlich gesprochen. In Wirklichkeit wusste Crawford mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von diesem Ausflug oder würde zumindest in den nächsten Stunden davon erfahren. Und er würde ihn auch nicht umbringen. Er würde toben und er würde das Wort Inkompetenz' mindestens fünfundzwanzig mal sagen. Er würde ihm haufenweise unliebsame Aufgaben aufhalsen, auf die Schuldig sowieso ein Abo zu haben schien, er würde mit Mord und Folter drohen. Aber solange die Telepathen auf dieser schönen Erde nicht dutzendweise herumsprangen, würde es dabei bleiben.

Trotzdem. Es wurde Zeit zu gehen. Der Himmel war schon nicht mehr schwarz, nicht einmal mehr dunkelblau, sondern hatte schon ein kränklich fades Grün angenommen. Er hatte die Zeit ganz vergessen. Wie lange war er hier gewesen?
Es war kalt auf dem Boden und als er aufstand taten ihm seine Gelenke weh und die Sehnen und Muskeln in seinen Beinen protestierten schmerzhaft gegen das lange, unbequeme Sitzen.
Er wartete einige Augenblicke bis das Ziehen und Pochen nachließ und er sich lautlos zum Fenster bewegen konnte. Es war nur angelehnt, damit Luft ins Zimmer kam und die Regenrinne war in Reichweite. Ein Stück daran herunter geklettert, ein Sprung - und schon schlenderte er die Straße entlang, die im gelben Licht zwischen den dunklen Häusern hing. Mit der kleinen Kamera, die an seiner rechten Hand baumelte, sah er aus wie ein Tourist.





Morgenrot


Das heisere Piepen des Weckers bohrte sich in sein Bewusstsein. Es ließ die Traumgebilde zerreißen, ohne mehr als einen flüchtigen Blick zu erlauben, bevor sie wie Seifenblasen in schillernde Tröpfchen zerstoben.

Mit einem unterdrückten Seufzen, das sich fast augenblicklich zu einem Gähnen wandelte, richtete er sich auf und schaltete den Alarm aus.
Dann saß er still in seinem Bett und ließ seinen Blick aufmerksam durch sein Zimmer wandern. Das rötliche Sonnenlicht, dass durch das angelehnte Fenster ins Zimmer fiel, ließ die schmucklos weißen Wände in einem hellen Orange glühen und malte goldene Reflexe auf die hellbraunen Tatamimatten. Kupferner Staub tanzte vor dem Fenster.

Er lauschte. Von außen das gleichmäßige An- und Abschwellen des Verkehrsrauschens und aus dem inneren des Hauses die verzerrten Laute eines Radios und das Brausen der Dusche.

Er ließ sich zurückfallen und starrte stirnrunzelnd an die Zimmerdecke, die das Licht in einem warmen Gelb zurückwarf. Was war da? Irgendetwas war...

Ein Fetzen seines Traumes blitzte auf und ließ ein Lächeln über sein Gesicht huschen. Er hatte von seiner Familie geträumt. Keiner der Träume, in denen er durch endlos dunkle Labyrinthe lief und ihren entschwindenden Schatten hinterher jagte, oder in denen er träumte, blind zu sein und nur ihre Stimmen hörte, die sich immer weiter von ihm entfernten –
Er schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben. Nein, dieser Traum war gut gewesen. Mehr eine Erinnerung. Es war im Grunde nichts passiert, sie waren nur zusammen gewesen, irgendetwas ganz normales...

Einige Augenblicke lag er reglos da und konzentrierte sich auf den Traum und auf die Erinnerungen. Jetzt, in einem sonnendurchfluteten Zimmer, in einem warmen Bett, war es sehr leicht, sich an Geborgenheit und Zuversicht zu erinnern, und er wollte das ausnutzen, solange er konnte. Noch ein paar Minuten, dann würde er aufstehen und Aya Fujimiya sein und später Abyssinian – wenn das nicht schon ein und dasselbe war...

Der Geruch!

Er setzte sich wieder auf, schloss die Augen. Der allgegenwärtige Großstadtgestank Tokyos, in diesem, eher ruhigen Stadtviertel nur eine schwache Note, darüber der dunkle, feuchte Geruch nach Blumenerde, der mit schwachem Blumenduft zusammen von unten zu seinem Zimmer hinaufwehte.
Und dazwischen... irgendetwas. Rauchig und herb, aber flüchtig... oder ein wenig süß... entfernt nach Minze...? – Das ergab keinen Sinn.

Mit einem Kopfschütteln öffnete er die Augen und stieß einen frustrierten Seufzer aus. Was sollte das überhaupt? Nur weil er sich einbildete, dass irgendetwas nicht stimmte, erfand er irgendwelche Gerüche. Das war völlig abwegig.
Alles war wie gewohnt. Alles an seinem Platz und er selbst sollte auch endlich aufstehen und mit den Albernheiten aufhören. Kühl und gelassen musste er sein, und sich auf seine Aufgaben konzentrieren.

Kühl und gelassen, dachte er mit einem langen Blick auf den schmalen, goldenen Ohrring auf seinem Nachttisch und seine Augen nahmen einen harten Ausdruck an, als er ihn sich ansteckte.

~*~

Sechsundzwanzig Mal, wenn man das Adjektiv ‚inkompetent’ mitzählte. Damit hatte Brad seinen eigenen Rekord gebrochen. Sechsundzwanzig Mal ‚Inkompetenz’ und drei Morddrohungen. Und dabei war es mit knapp 13 Minuten eine seiner kürzeren Standpauken gewesen...

Schuldig beeilte sich, in sein Zimmer zu kommen. Er war so müde, dass er meinte, im Stehen einschlafen zu können. Sein Kopf brummte und seine Augen juckten, aber er hatte noch etwas wichtiges zu tun.
Er ließ sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen und startete den Computer. Während der Rechner hochfuhr, driftete sein Blick zum Fenster, durch das helles Sonnenlicht in sein Zimmer fiel, noch einen Hauch rötlich. Er hatte den Sonnenaufgang gesehen, als er hergekommen war, zu Fuß, obwohl es kein kurzer Weg war. Aber er hatte es nicht allzu eilig gehabt, Crawford in die Arme zu laufen. Wie konnte man am frühen Morgen schon so schlecht gelaunt sein?

Ihm konnte es egal sein, entschied Schuldig mit einem Schulterzucken. Heute war ein guter Tag und kein nörgeliger Amerikaner der Welt konnte ihn verderben. Und dass es ein guter Tag war, hatte er schon gewusst, als er das angelehnte Fenster aufgeschoben hatte und im dämmrig gelben Licht ihn gesehen hatte, wie er in seinem Bett lag. Schön und schlafend, marmorn, lebendig, perfekt.

Es war jetzt kurz vor sieben. In wenigen Minuten würde sein Wecker klingeln und er würde aufwachen. Er würde sich in seinem Bett aufsetzen, um den Wecker auszuschalten und dann würde er sich vielleicht, wie an diesem einen Morgen vor drei Wochen, wieder auf sein Kissen zurückfallen lassen, um einige Momente lang einfach nur dazuliegen und in das leicht rötliche Morgenlicht zu blinzeln. Und vielleicht würde es in diesem eigenwilligen Licht, das der Realität die Kanten nahm, auch heute Morgen wieder so aussehen, als würde er lächeln.

Vor drei Wochen hatte es so ausgesehen, aber vielleicht hatte Schuldig sich geirrt, er hatte schließlich nur durchs Fenster hinein gesehen. Vielleicht war es wirklich nur dieses seltsame Licht gewesen. Jedenfalls war es schade, dass er damals keinen Fotoapparat dabei hatte...
Oh, Fotos! Er riss sich von seinen Träumereien los, diese Sache musste er noch erledigen, und dann könnte er schlafen gehen.

Der Computer war inzwischen hochgefahren. Schuldig schloss die Kamera an und lud die Fotos hoch. Nach wenigen Klicks fand er auch einen Fotoservice im Internet, der für einen gesalzenen Aufpreis schon in vier Stunden liefern würde. Egal.
Er schickte die Bestellung ab, schaltete den Computer wieder aus und warf sich rückwärts auf sein Bett.

Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, sah er zu dem Bild hinauf, das an der Decke hing. Es war nur ein Ausdruck vom Bild einer Überwachungskamera. Die grobe Auflösung ließ kaum Einzelheiten erkennen und der Farbkontrast war so niedrig, dass selbst die blutroten Haare sich nur schwach von den umgebenden Grautönen abhoben. Das Gesicht war nicht zu erkennen - so unvorsichtig wäre er nie -, aber im Grunde konnte man ihn schon an der Körperhaltung erkennen – angespannt, zielstrebig, kampfbereit. Der länglichen Schatten des Katanas in der Hand.

Im Grunde mochte er das Bild nicht besonders.

Dann fielen ihm die Augen zu und ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er, ganz kurz vor dem Einschlafen, daran dachte, dass er es bald gegen ein besseres austauschen konnte.



...wird fortgesetzt...




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