Liebt er Sie wirklich?
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Brad Crawfords Büro war ein Sieg der Chrom-Glas-und-Leere-Architektur. Sein Schreibtisch war von einem den rechten Winkel verachtenden Designer im Drogenrausch entworfen worden. Die nierenförmige schwarze Tischplatte teilten sich ein Computermonitor, eine Lampe, die auch in jeden Science-Fiction-Film eine gute Figur gemacht hätte, und staubfreie Leere.
Der Stuhl hinter dem Schreibtisch war ein Monstrum aus schwarzem Leder, eher ein drehbarer Sessel als ein Bürostuhl und mit Abstand das bequemste Sitzmöbel, auf dem Schuldig je gesessen hatte. Leider gab es dazu aber nur sehr wenige Gelegenheiten, weil Brad offenbar ähnlicher Ansicht war.
Die Sessel vor dem Schreibtisch waren tatsächlich Sessel, wenn auch erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar und Auswürfe desselben gequälten Geistes. Sie hatten sicher einen künstlerischen Wert, waren aber noch unbequemer als der Schreibtisch und der Grund, aus dem Schuldig eines Tages ein zu Brads Sessel passendes schwarzes Ledersofa ins Büro hatte liefern lassen.
Auf eben dieses Sofa ließ er sich jetzt fallen.
„Hast du viel zu tun?“, fragte er, nachdem Brad ihn zwei Minuten lang ignoriert hatte.
Fortgesetztes Tippen auf der Tastatur antwortete ihm.
Schuldig ließ seinen Blick träge durchs Zimmer streifen; über die taubengrauen, glatten Vorhänge hinweg, die weißen Wände entlang, bis zum einzigen Farbklecks im ganzen Raum, einem Blutklecks von einem Dalí. Der Kunstdruck zeigte eine skizzenhafte Gestalt, schmerzhaft verrenkt, schwarze Striche auf weißem Grund, einen rot explodierenden Kopf, Blutflecken auf weißem Papier.
Er betrachtete das Bild eine Weile versonnen. Wenn irgendetwas in diesem Raum auch nur entfernt etwas mit Brad zu tun hatte, dann dieses Bild. Die Leere war nur Zweckmäßigkeit, die futuristischen Möbel nur Ausdruck von Brads Bereitschaft, lästige Aufgaben wie das Einrichten eines Büros von überbezahlten Innenarchitekten ausführen zu lassen... Aber dieses Bild hatte Brad ausgesucht. Es war verstörend, gewalttätig, grausam - und nicht was es zu sein schien. Don Quichottes Kampf gegen die Weinschläuche. Ein makabrer Witz.
„Hast du die Passwörter geholt?“, riss ihn Brads Stimme aus seinen Gedanken.
„Zu nachtschlafender Zeit um zehn Uhr in der Früh und unter Einsatz meines Lebens.“, sagte Schuldig gelangweilt.
„Hast du sie Nagi mitgeteilt?“
Schuldig verdrehte die Augen. „Sofort und unverzüglich.“
Ein kurzes Kopfnicken, das Schuldig nur aus den Augenwinkeln wahrnahm und er hatte Brads Aufmerksamkeit wieder verloren.
Er seufzte laut genug, damit Brad es auch sicher wahrnahm und zerrte eine Zeitschrift unter sich hervor, die zusammengerollt in seiner hinteren Hosentasche gesteckt hatte. Er blätterte gelangweilt darin und experimentierte, auf welche Weise man beim Umblättern einer Zeitschrift das lauteste Geräusch erzeugen konnte. Ah, Brauntöne und pflaume waren die neuen Farben der Saison. Danke, aber nein danke. Und seit wann war Pflaume überhaupt eine Farbe?
„Gibt es irgendwas zu tun?“, rang er sich nach einer Weile zu einer sehr gefährlichen Frage durch.
Eine kurze Pause unterbrach das Tastaturklappern. Brad sah kurz auf. „Für dich im Moment nicht.“, sagte er abwesend.
Schuldig seufzte.
„Wolltest du nicht zum Friseur gehen?“
„Wolltest du nicht zum Optiker gehen?“, fragte Schuldig ärgerlich zurück.
Brad unterbrach sichtlich genervt seine Arbeit und ließ sich dazu hinreißen, Schuldig tatsächlich anzusehen. „Was ist passiert? Bist du nicht rangekommen?“
Schuldig beschloss, dass diese Frage keiner verbalen Antwort würdig war, und beschränkte sich auf eine unmissverständliche Geste.
„Sie sind dunkler, ja?“, fragte Brad geduldig.
„Ja genau. Es ist Sommer, die Sonne scheint, sie bleichen aus. Es war schrecklich, ich war fast blond.“
Brad nickte und wandte sich mit einem „Aha.“ wieder dem Monitor zu.
Schuldig blätterte weiter durch die Zeitschrift.
...wenn Make-up für eine Saison, wie hier stand, - er überschlug - ungefähr 150 Dollar kostete und eine Saison höchstens vier Monate dauerte... wie kam es, dass nicht mehr Frauen Auftragskiller waren? Wie konnten die sich das leisten?
Er blätterte weiter und sein leicht irritierter Gesichtsausdruck hellte sich mit einem Schlag auf. Ein Test! Oh, er liebte schlecht gemachte, einfach durchschaubare und mit populärwissenschaftlichem Blabla gespickte Pseudo-Persönlichkeitstests!
„Brad? Wenn ich eine Grippe kriege, was tust du?“, fragte er begeistert.
Das Tippen brach ab. „Ich würde dich mit Antibiotika vollstopfen, bevor du krank wirst. Wenn du krank bist, bist du noch unerträglicher als sonst. Einmal und nie wieder.“
Schuldig schüttelte den Kopf. „Ich werde krank. Was tust du?“
„Ich hätte dir am liebsten eine Kugel durch den Kopf gejagt.“
„Das steht hier nicht.“, stellte Schuldig lapidar fest. „Du kannst mitleiden, mich trösten, mir Medikamente bringen oder kurz reingucken und wieder gehen.“
„Das letzte klingt gut, aber wenn du krank bist, leiden prinzipiell alle mit.“
„Meinst du, man kann beides ankreuzen?“
„Meinst du, dass das einen Unterschied macht?“
Schuldig zuckte die Schultern. „Werden wir ja bei der Auswertung sehen.“, stellte er grinsend fest. „Hast du einen Stift?“
„Hast du nichts besseres zu tun?“
„Nein.“
„Soll ich darüber noch mal nachdenken?“, fragte Brad.
„Das kannst du tun. Aber was auch immer es ist, ich kann es erst dann machen, wenn ich hiermit fertig bin.“ Schuldig wedelte mit der Zeitung und fing einen massiven Edelstahlkugelschreiber kurz vor seinem Gesicht ab.
„Ich kreuze jetzt an, dass du darunter leidest, wenn ich krank bin.“, informierte Schuldig.
„Was auch immer.“, sagte Brad zur Tastatur und tippte einige Worte ein.
Schuldig drehte sich auf den Bauch, damit er die Zeitschrift auf die Armlehne der Couch legen konnte. „Wieviele äußere Eigenschaften magst du an mir?“
„Was?“
„Äußere Eigenschaften eben. Magst du meine Haare?“
Brad gab ein unbestimmtes Brummen von sich und versuchte, Schuldig zu ignorieren.
„Das war ein Ja, oder? Also Nummer eins. Die Art, wie ich mich kleide?“
Brad warf Schuldig einen ungläubigen Blick zu.
„Zwei also...“, fuhr Schuldig unbeirrbar fort. „Du hast mal gesagt, du magst meinen rechten Haken. Ob das auch zählt? Ah, ich weiß: Meine Augen!“ Er warf einen misstrauischen Blick zum Schreibtisch herüber. „Brad? Welche Farbe haben meine Augen?“
Crawford machte einen sehr langen Atemzug. „Grün?“, fragte er dann genervt.
Schuldig runzelte die Stirn und schwieg einen Moment. „Ich werd das mal gelten lassen.“, sagte er dann säuerlich, während er ein Kreuz ins Heft zeichnete.
Er las einen Moment ruhig, ließ dann den Stift mit geschlossenen Augen über der nächsten Frage kreisen und kreuzte mit einem abfälligen Schnauben an. „Du bringst mir nie Rosen mit.“
Brad warf ihm einen langen Blick zu. „Von wo?“
„Ist nicht so, als ob wir keine Floristen in der Bekanntschaft hätten... Oh, die nächste ist gut: Schulnote für Zärtlichkeit.“, sagte Schuldig fröhlich. „’Befriedigend’“, prustete er.
Brad wandte sich kommentarlos dem Computer zu und zog ernsthaft in Erwägung, den Sicherheitsdienst zu rufen.
Schuldig hakte ein paar Fragen allein ab, dann wandte er sich wieder Brad zu. „Wenn ich dein Auto schrotten würde, würdest du keine Bemerkungen über Frauen am Steuer machen, du würdest mit Sicherheit keine Worte benutzen, die ich nicht bereit bin, wiederzugeben... Wärst du sauer oder froh, dass mir nichts passiert ist?“, fragte Schuldig grinsend.
„Ich würde dich eigenhändig töten.“, sagte Brad dumpf.
„Aha, eigenhändig!“, sagte Schuldig enthusiastisch. „Du wärst also froh, dass mir nichts passiert ist!“
„Was ist das für eine Zeitschrift?“
Schuldig zuckte die Schultern, während er sein Kreuz malte. „Hab sie beim Friseur geklaut.“ Er warf einen desinteressierten Blick aufs Cover. „Wie kommt es eigentlich, dass auf Männerzeitschriften Frauen sind und auf Frauenzeitschriften auch Frauen?“
Von der Straße, zwölf Stockwerke unter ihnen, wehte ein lang gezogenes Hupen zu ihnen herauf.
„Welcher Spruch passt zu ihm?“, las Schuldig die nächste Frage vor, als eine Antwort ausblieb. Er schüttelte den Kopf. „Es geht um Frauen und Ehe... irgendwie passt nichts zu dir. Würdest du mich vermissen, wenn ich mit deiner Frau durchbrenne? Hm... Und würdest du uns als beste Freunde bezeichnen... - im weitesten Sinne?“
„Kann ein Sinn so weit sein?“, murmelte Brad und sah stur auf den Monitor vor sich.
„Aber die anderen passen noch schlechter...“, wandte Schuldig ein.
Brad schloss einen Moment lang die Augen. „Wieviele Fragen sind das noch?“
„Neuntens: ‚Wie steht es mit seinem Selbstbewusstsein?’ Schade, von Gottkomplexen steht hier nichts. Hättest du lieber Minderwertigkeitskomplexe oder - Gott bewahre! - Schwächen?“
„Wie kommst du darauf, ich könnte Minderwertigkeitskomplexe haben?“
„Ich hab dir schon tausend Mal gesagt, stell mir keine Fragen, auf die du die Antworten nicht hören willst.“, sagte Schuldig gequält. „Also Schwächen! Wow, das kommt überraschend!“
„Du lebst noch, oder?“, zischte Brad.
Schuldig richtete sich auf und lächelte Brad an - oder fletschte die Zähne, so genau konnte man das bei ihm nicht sagen. „Du sagst die süßesten Sachen.“
„Das Ergebnis!“, verkündete Schuldig. „Neun tiefschürfende Fragen, um alles über eine Beziehung zu erfahren und... wow! sogar drei ganze Ergebnismöglichkeiten. Der menschliche Geist ist voll erschlossen, das Wissen der Psychologie ausgeschöpft!
Vierundzwanzig Punkte. Brad, wir hatten Glück! Drei Punkte mehr und es wäre Liebe. Schreckliche Vorstellung, was meinst du? Zwei Punkte weniger und es wäre...“, Schuldig blätterte um, „auch Liebe! Wer hätte das gedacht? Du könntest es nur nicht so zeigen. Aber du hast es geschafft, das winzige Egoistisch-und-manipulativ-Feld zu treffen. Ich bin so stolz auf dich!“
Brad verdrehte die Augen. „Heißt das, ich kann jetzt weiterarbeiten?“
Schuldig las und grinste. „Nein, ich soll einen Liebesbeweis fordern und dir ein Ultimatum stellen, weil ich eine liebenswerte Frau bin.“
„Das wäre mir neu.“
„Es steht hier. Es muss stimmen.“

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