DIE ZEITMASCHINE MIT DEM NASENMOTOR
DIE ZEITMASCHINE MIT DEM NASENMOTOR
Reisen in die Vergangenheit sind ohne 9Volt - Batterien und andere
Stromquellen
möglich, weil man keine technischen Geräte einsetzen muß.
Alles was man braucht
ist eine erkältungsfreie Nase und einen guten Zufall.
Er hatte sich vergebens damit beschäftigt, Halb und Supraleiter
zu einem funktions-
fähigen Gebilde zusammenzufügen, mit dem man in der Zeit
reisen konnte. Er
wußte, so oder so war die Zeit gekommen, der Natur ein neues
Gesetz aus den
Händen zu nehmen, um es mit einem anderen Gesicht zu versehen.
Mit vielen
Dingen hatten seine Artgenossen herumgespielt und experimentiert, bis
es ihnen
gelungen war, die elektrische Urkraft in einen kleine Unterhaltungsgeber
rer zu pressen und daraus ein synthetisches Moskitogesumme in die öffentlichen
Verkehrsmittel zu leiten. Längst hatte man den Mars besucht und
einen Weg ge-
funden, darauf spazieren zu gehen, als sei man auf einem Rummelplatz.
Er spitzte seine Lippen und saugte eine helle Flüssigkeit aus
seinem Handstoff-
wechsler. Die Limonade schmeckte intensiv nach einem wirklich guten
Apfelschampoo.
Er starrte auf das sperrige, fremdartige Gebilde, das sich vor ihm
auf dem Tisch aus-
streckte und aus dem sich Drähte in allen Regenbogenarben dehnten.
Das Gerät
war der Entwurf für ein Zeitmoped, einer Maschine, mit der man
bis zu einer Woche
in die Vergangenheit reisen wollte. Das Problem war nur wie das seiner
8 Vorgän-
ger - sie funktionierte nicht. „Es funktioniert nicht.“ Grummelte er
zu seiner schwar-
zen Katze Sapho Emtptyplate, die zwischen seinen Füßen herummoserte
und auf ihr
Frühstück wartete, obwohl es eben erst Mitternacht geschlagen
hatte.
Die Katze hobste auf den Arbeitstisch und steckte ihren Kopf in das
Draht-
gewirr, das zu ihrem großen Glück mit ungefährlichen
Spannungen nicht funk-
tionierte. Sie streckte ihren Allerwertesten in Richtung seines Gesichtes,
wobei
sie angeregt schnurrte. Die hin und herwabernde Schwanzspitze kitzelte
in seiner Nase
und verursachte einen kurzen Augenblick von Unkonzentriertheit, denn
er mußte
niesen. In jenem Moment zwischen den Momenten in denen sich das „Ha“
in ein
„Psschü“ verwandelt, streckte die Katze ihr linkes Pfötchen
aus und
bewirkte, daß somit je ein Bündel roter mit einem Bündel
weißer Drähte in Kontakt
kam. Der Mann kam nicht dazu, seine vom Niesen tränenden Augen
zu wischen,
denn es ertönte ein knisternder Peitschenschlag, es blitzte blau
und einige Katzen-
pfotenhaare verwandelten sich in Folge spontaner Hitzeentwicklung in
Katztenpfoten-
haartrioxyd. Wir alle kennen die Fähigkeit der Katzen, bei Gefahr
nicht nur pfeil-
schnell den Platz zu wechseln, sondern notfalls die Dimension. Genau
solch einen Dimen-
sionswechsel durchlebte die kleine Katze in diesen Augenblicken. Der
Schmerz und
der Schreckt lösten einen Urmechanismus in ihr aus und betätigten
ihren Schalter:
GEGENWART GEFÄHRLICH ANDEREN ZEITPUNKT AUFSUCHEN UND DORT
VERSCHWINDEN Das tat sie ohne lange darüber nachzudenken. Und
so verschwin-
tet sie aus dem Anfang dieser Geschichte. Übrig bleibt ein Mann,
dessen Augen
immer noch tränen, obwohl er sich mehrmals mit seinem Taschentuch
übers Gesicht
gewischt hat. Er putzt sich die Nase und beugt sich nach vorn, um die
ver-
brannten Schaltungsteile in seinem Zeitmoped zu inspizieren. Weißer
Rauch stößt
noch immer aus einem der Bauelemente hervor, das zum Wochenaggregat
gehört.
Ohne Zweifel würde er das Ganze noch einmal auseinandernehmen
müssen. Er
schiebt sein Gesicht noch weiter in die Maschine und saugt vorsichtig
ein halbes
Nasenloch voll Vernistorrauch in seinen Geist. Es ist der Geruch einer
schlechten
Erfahrung, eines Mißerfolgs, zu dem eine ganze Kette ähnlicher
Erlebnisse ge-
hörte. Der Geruch tut etwas überraschendes mit seinem Geist,
er berührt sein
Nervensystem so direkt, als läge jemand seine in Gummihandschuhe
eingesperrten
Finger auf die offene Stelle eines Schienbeins, kurz nachdem man gemerkt
hat, daß einen
der Einkaufswagen, dem man eben noch durch einen hilflosen Sprung zurück
aus-
weichen wollte, doch noch erwischt hat. Eines war klar, dieser Geruch
kennt ihn
un er kennt den Geruch.
Er lehnt sich zurück, um einige kleine Bruchstücke aus seinem
Erinnerungsvermö-
gen zu einer Episode zusammenzufügen. Um sich besser konzentrieren
zu können,
sieht er zum Fenster und jetzt wundert er sich, weil es draußen
hell ist, obwohl
er eine Stunde vor Mitternacht mit dem Basteln begonnen hat. Etwas
stimmt
nicht mit der Welt jenseits seines Zimmers, denn die Uhr an seinem
Handgelenk
und die seines vestorbenen Großvaters, die er mit einem Nagel
an seiner Pinwand
befestigt hat, zeigen dieselbe Urzeit an. In seinem Zimmer ist es gerade
0Uhr zwanzig Minuten geworden. Er steht auf und kämpft einige
kurze Augen-
blicke gegen einen Anfall von Schwindel. Jemand rührt das Innere
seines
Kopfes mit einem kleinen Plastiklöffel um. Ihm ist kalt, also
geht er
ins Bad, um sich ein wenige warmes Wasser über die Hände
laufen zu lassen.
Dann taumelt er in die Küche und rupft am oberen Schubfach des
Geschirr-
schränkchens, in dem er kleine Belohnungshäppchen aufbewahrt.
Mehrmals ruft er
den Namen des Kätzchen in sechs verschiedenen Tonlagen,
von denen die ersten drei klingen, als würde ein Trupp Eunuchen
um Hilfe rufen.
Dazu bedient er sich einer Aussprache, mit der man kleinen Kindern
Märchen vorliest.
„Wo shteckt denn mein schüchesch Kätzchen, Papa hat Bommchens
für Dich.“
Er knistert er mit der Tüte, die weiße, tablettenähnliche
Gegenstände enthält, deren
Geschmack dem getrockneter Kaffesahne ähnelt. Er kommt sich selbst
bescheuert
vor, die Katze mit derart verstellter Stimme zu rufen und beinahe hat
er das
Gefühl, der Katze geht es genauso. Jedenfalls ist sie nirgens
zu finden, wir wissen,
warum. Sapho Emtyplate hatte die Zeit gewechselt. Er geht hinaus vor
die Tür,um
herauszufinden, warum es um diese Nachtzeit so hell ist. Und jetzt
kommt ihm
zum ersten mal in den Sinn, diese Nacht sonderbar zu finden, denn draußen
vor
seiner Haustür ist es nicht nur hell, es herrscht auch eine vollkommen
verkehrte
Jahreszeit. Schon seit mehr als fünf Jahren ist er an einen sehr
armseeligen Wech-
sel der Jahreszeiten gewöhnt. Man hatte sich damals demokratisch
dafür ent-
schieden endlich zu akzeptieren, daß es in diesem Land nicht
mehr nötig sei,
Namen für vier Jahreszeiten auf die Kalender zu drucken. Man fand,
es überflüssig,
noch irgendeinen Jahresabschnitt Winter zu nennen, weil es schon seit
langem
nicht mehr schneite. Auch den Frühling schaffte man ab, weil es
keine zusammen-
hängenden drei Tage pro Jahr gab, an denen sich das Wetter mild,
hoffnungsvoll und
pflanzlich zeigte. Kurzerhand hatte man die Jahreszeiten Sommer und
Herbst bei-
behalten. Der Sommer war eine kurze, trockene und ausgesprochen heiße
Phase,
der eine lange Herbstperiode von Regen und Matsch folgte, die dreiviertel
des Jahres
ausmachte.
Gegenwärtig müßte sich sein Leben in der Sommerperiode
befinden und genau
das scheint nicht mehr zu stimmen. Draußen liegt Schnee und es
ist heller Tag. Er geht die drei
Stufen hinunter auf den Fußweg, weicht einem Haufen Hundescheiße
aus und
tritt dabei auf ein Stück Kuchen, das irgendein Jemand fallengelassen
hat. Die einzigen
Menschen, die er im Augenblick sehen kann, sind ein ganzes Stück
von ihm ent-
fernt und fahren eben in einem Auto auf eine Kreuzung. Zu dumm, daß
er sich
entschieden hat, das Haus am Ende des Dorfes zu beziehen, denn, um
irgendje-
manden zu fragen, was los ist, muß er sich die Straßenschuhe
anziehen und zur
Kreuzung laufen. Er schnauft und macht sich auf den Weg.
Der erste Mensch, in dessen Nähe er gelangt ist ein Bauarbeiter,
der in einer Grube
am Straßenrand steht und ein Glasfaserkabel durch ein Rohr schiebt.
Glasfaser-
kabel? Du meine Güte, vor wenigen Wochen hat er selbst noch in
seinem Garten
gestanden, in einem genauso großen Loch, wie das von dem Bauarbeiter
hier und
hatte fluchend an einem Stück Glasfaserkabel gezogen, weil die
Kommunikation jeg-
licher Art und Weise längst nicht mehr über Kabel lief. Erst
im letzten Jahr hatte
es eine große Kampagne gegeben, in der alle Stadtbewohner aufgefordert
wurden,
die letzten freien Flächen, auf denen noch Bäume wachsen
konnten, nach Kabeln
abzusuchen und sie auszugraben. Er beugt sich hinunter in die Grube
des Bauar-
beiters und sein Herz setzt einen Takt aus. Er erkennt genau das Kabel,
das er
vor nicht mal einem Monat aus seiner Gartenerde geschaufelt hat. Der
Arbeiter in
der Grube bemerkt plötzlich seinen Schatten und dreht sich um.
Er geht
rasch weiter, die letzten 150 Meter bis zur Kreuzung und hier fällt
ihm auf, daß
es hier Straßenschilder und einen Laden gibt, in dem man etwas
großes, unhand-
liches, faltbares aus Papier kaufen kann, daß er nur aus einem
durch Zufall oder
Schlampigkeit nicht gelöschten Informationsblock seiner Wissenseinheit
kennt.
Zeitungen. Zeitungen und Schilder, auf denen die Straßennamen
geschrieben
stehen. Schrift, wie lange war das her? Schon seit langen war es unmöglich
ge-
worden, sich zu verirren, seit man gelernt hatte, den Gedanken und
Gefühlsaustausch der Menschen, Tiere und Pflanzen untereinander,
von elektro-
nischen Verbindungen zu trennen und wieder mit dem zu verbinden, was
es schon
seit Beginn der Zeit gab. Den direkten, unbeirrten Kontakt zueinander.
Wer Gefahr
lief, sich zu verirren, bekam einfach rechtzeitig ein merkwürdiges
Gefühl. Dieses
merkwürdige Gefühl wurde von der nächstbesten organischen
Zellformation auf-
genommen und mit einer Mitteilung versehen, die einem zeigte, wo man
sich befand.
Diese uralte Möglichkeit, miteinander verbunden zu sein, wann
immer man es wollte,
machte natürlich jeder Art von Kabeln, Luftlinien und Geräten,
die Strom verbrauch-
ten vollkommen überflüssig. Das Energiezeitalter war entgültig
vorbei.
Er wundert sich, daß ihn irgend etwas hindert, seine Verwunderung
über die Verän-
derung seiner Umgebung zu teilen. Er spürt das Leben um sich,
aber er fühlt, daß
es nur Fragen absondert, ohne auf die seinen zu antworten. Er geht
noch ein
Stückchen weiter zu einem Haus, das er nicht kennt. Ein kleines
Mädchen sitzt
vor der Tür und spielt mit einem blauen Kästchen aus einem
ihm unbekannten
Material. Es ist Plastik. Aus dem Kästchen dringen Geräusche,
die wie die To-
desschreie zerbrechender Glasflaschen klingen. Er will an ihr vorbeigehen
und
hört sie aufgeregt ein Wort das er kennt schnauben. Sie hat „KACKE“
gesagt
und das blaue Teil mit einer unkonzentrierten Bewegung in ihre Tasche
gestopft.
Als sie aufsteht um mit den Augen die Richtung zu suchen, in der sie
gleich ver-
schwinden wird, spricht er sie an. „Bitte, wieviel Uhr ist es und welches
Jahr haben wir?
Wollen sie mich sexuell belästigen?“ fragt das Mädchen zurück
und greift drohend in ihre
Tasche. „ Ich habe nämlich meinen Beißkäfer bei, wenn
ich den freilasse und
er wittert jemanden in seiner Umgebung der nicht ich ist, wird er sauer
und beißt.
Er ist nämlich eifersüchtig.“ „Nein, bitte wie spät
ist es und welches Jahr haben
wir, sags mir einfach und dein Käfer wird mich nur noch von der
Rückseite se-
hen.“ „Na ja, ich hatte sowieso keine Angst vor ihnen.“ meint sie und
sieht kurz
auf ihre Uhr „ Es ist genau fünfzehnuhrneunzehnhundertvierundachzig,
fünf Mi-
nuten mehr oder weniger.“ Sie dreht sich um und hobst aus seinem Leben.
Richtig erschüttert ist er nicht, jetzt, wo er weiß, daß
er irgendwie in einem an-
deren Zeitabschnitt gelandet ist. Er hat sich so oft mit dem Gedanken
befaßt,
wie es sein würde, wenn er die ersten kurzen Sprünge mit
seinem Zeit-
moped wagte. Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit der Möglichkeit
sich einfach garnicht zu fühlen. Er faßt sich ans Kinn und
setzt sich auf die Stelle,
wo das Mädchen gesessen hat. Was war passiert? Vor nicht einmal
einer drei-
viertelstunde hatte er noch mit dem Lötlaser in der Hand an seinem
Zeitmoped ge-
sessen. Kurz vorher war er schon einmal auf die Straße gegangen,
um die Katze
hereinzulassen. Da war noch alles in Ordnung, die Straße war
dunkel und sogar
der Frost schien zu frieren. Konnte es sein, daß seine Maschine
funktioniert hatte?
Damals, als er vor seinen Leuten damit angegeben hatte, er würde
das Problem
der Zeitkurzreisen elektronisch lösen, hatten sie sich abgewand
und waren einfach
gegangen. Nur der schmierige Hargs meinte, eine solche Augabe mit etwas
so veral-
teten, wie elektronischen Modulen lösen zu wollen, tauge nicht
einmal als mittel-
mäßiger Witz. Er geht die Straße zurück, wo sein
Wohnmodul steht. Jetzt bemerkt
er, wie wenig dessen Äußeres dem ähnelt, was er vor
nicht einmal einer halbe Stunde
verlassen hat. Es hat ein Dach mit roten Ziegeln und einen Briefkasten
bekommen.
Der Garten hat sich verändert, es gibt mehr Bäume, an denen
gelbe, beulige Gebilde hän-
gen. Jetzt fängt sein Herz an, einen unangenehmen Rhythmus zu
schlagen, denn
er sieht, wie ein eiförmiges, metallisch schimmerndes Gebilde,
in dem große und
kleine Menschen sitzen, direkt vor sein Wohnmodul fahren und dort aussteigen.
Der größte von ihnen steckt ein bischen Metall in ein Loch
in der Tür und dreht ein
Weilchen sein Handgelenk. Er schließt die Tür auf, aber
woher soll der Held unser-
er kleinen Geschichte Schlösser kennen? Er konzentriert sich auf
seine Atmung,
die so ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist. “Nur die Ruhe“ denkt er
und fragt sich
gleichzeitig, ob es angesichts seines Problems, obdachlos in der Vergangenheit
herumzuirren, nicht vollkommen gleich ist, ob er die Fassung behält
oder beispiels-
weise panisch aufschreit und mit rasender Brust und kochenden Blut
in der Gegend
umherhüpft. Das Innere seines Körpers entscheidet sich
für ein Mittelding. Er teilt sich
in zwei Hälften, von denen sich die eine in gefrorenen Pudding
verwandelt, wohingegen
die andere die Munterkeit kochenden Quecksilbers erreicht. Sein Haus
kann er nicht betreten,
nicht in dieser Zeit. Wozu auch, das Äußere des Hauses hatte
sich verändert, also
war vermutlich auch dessen gesamter Hausrat in Gegenstände verwandelt
worden,
die ins Jahr 1984 paßten. Er geht noch ein paar hundert Meter,
denn es ist immer
besser, bei aufkommender Panik zu laufen, um die Suggestion aufrechtszuhalten,
man könne fliehen. Er kommt an einem Blumengeschäft vorbei,
dessen Verkäuferin,
eine junge dunkelhaarige Frau mit kurzem Zopf, gerade die Tür
des Geschäftes
abschließt, um zur Mittagspause zu gehen. Vor dem Laden häuft
sich eine kleine
Kollektion geköpfter Blumen, von denen die meisten gelb sind.
Der Anblick der
Blumen verursacht bei ihm den Ausstoß eines Schwermutshormons
und da er wie
viele Menschen dazu neigt, auch noch den fragwürdigsten Trip zu
steigern, faßt
er in den Haufen sterbender Pflänzchen und greift nach dem Kopfeines
sehr gelben
Blümchens. Er schließt die Augen und seine Nase stielt der
Blumenblüte ihren letzten Kuß.
Der Duft des Pflänzchens macht gar nicht erst den Umweg durch
sein Analyse-
zentrum. Ehe er sich fragt, woran ihn der Geruch der schmelzenden Pflanzenseele
erinnert, hat sein gesamtes Ich einen weiteren Sprung in der Zeit gemacht.
Er ist
auf einem riesigen Sonnenblumenfeld und es scheint die Mitte einer
sehr milden Jahreszeit zu sein.
Diesmal kann er niemanden nach Urzeit und Datum fragen,
denn es ist niemand in der Nähe. In allen vier Himmelsrichtungen,
die ihn umgeben,
das gleiche gelbe duftende Nichts. Er ist sich sicher, einen weiteren
Zeitsprung
gemacht zu haben, denn wie sonst kann es ihn in diese Umgebung verschlagen
haben? Noch etwas ist ihm klar geworden. Die Zeitsprünge sind
nicht durch ein
plötzliches Funktionieren seines Zeitmopeds passiert, denn um
hierher zu gelangen,
hatte er das Moped nicht benutzen können. Er hatte nur an etwas
gerochen, an
dieser Blume. Konnte es sein, daß das bloße Auftreten bestimmter
Gerüche eine
solche Kraft hatte? Er würde einfach ein paar Experimente machen,
doch zuvor
mußte er herausfinden, wohin es ihn verschlagen hatte und wann.
Er streift mehrer hundert
Sonnenblumen, die sich wiederwillig vor ihm verneigen, dann hat er
das Feld ver-
lassen und ist auf einem festgetrampelten Sandweg. Ehe er sich für
eine Richtung
entschließen kann, in die er jetzt gehen soll, klingelt es hinter
ihm und er springt
erschreckt zur Seite. Es ist ein ungefähr siebzehn Jahre alter
Radfahrer auf einem
scheppernden Ungetüm von Fahrrad. Es ist schwarz und fleckig und
zu seiner
Überraschung ist an dessen Lenker eine richtige Karbidlampe geschraubt.
Das
kennt er aus dem Museum. Der junge Mann trägt ein kariertes Hemd.
Die Ärmel
sind hochgekrempelt auf seinen Unterarmen haben sich Schweißperlen
gesammelt.
Über seiner Schulter hängt eine Ledertasche die ziemlich
schwer aussieht. Noch
ehe der Radfahrer ganz an ihm vorbeigewischt ist, kann er einen ausführlichen
Blick
auf die Tasche werfen. Reichspost steht darauf. Du meine Güte,
von allem mög-
lichen Zeitpunkten hatte ihn der Geruch der gelben Blume ausgerechnet
mitten in
die dreißiger Jahre gelotst.Er würde sich vorsehen müssen.Leute
die sich hier zu auf-
fällig benahmen, verschwanden leicht, das wußte er aus Büchern,
für die er trotz
deren Angestaubtheit immer eine schwer zu erklärende Zuneigung
gehegt hatte.
Der Radfahrer war noch nicht ganz aus seinem Blickfeld verschwunden,
da hörte
er einen leisen dumpfen Aufschlag. Etwas war zu Boden gefallen und
er beschleu-
nigt seine Schritte, um dannach zu sehen. Es ist eine braune, lederne
Geldbörse
mit Messingverschluß. Ein großer Geldschein steckt drin
und noch ein ziemlich
schwerer Haufen großer und kleiner Münzen. Er überlegt,
ob er es sich angesichts
des unerwarteten Geldbetrages leisten sollte, in das nächstgelegene
Dorf zu gehen
um etwas zu essen. In Gedanken schätzt er ab, welchen Eindruck
er mit seinen
unzeitgemäßen Klamotten machen wird und einigt sich mit
sich selbst darauf,
sein grünlicher Daratex - Überall, den er immer bei seinen
Bastelarbeiten trägt,
weil sich das Material selbst reinigt, wird wohl hier eher etwas unmodern
wirken. Wahr-
scheinlich werden ihn alles für einen Handwerker halten, nur vor
Ausweiskontrollen
muß er sich vorsehen. Nach etwa einer Viertelstunde Fußweg
landet er auf dem
Marktplatz vor einer Kirche. Hier gibt es ein paar Bretterbuden, in
denen dicke,
hutzlige Frauen alles mögliche feilbieten. Probeweise kauft er
eine saure Gurke in
Papier eingeschlagen und dazu ein Brötchen mit Schmalz. Während
er genüßlich
in das triefende Papier beißt, klopft ihm jemand auf die Schulter.
„Wennse fertig mit
essen sin, jense doch gleich ma ins Pfarrerhaus, dort ist die Wasserleitung
schon
wieder undicht.“ Der ihn angesprochen hat, ist ein dicklicher Polizist
mit Pickelhaube,
einem dazu passenden Gesicht und ziemlich blanken Stiefeln. Sein Gesicht
versteckt sich
in einem buschigen Vollbart, nur die rote, gesprenkelte Nase ragt um
einiges an Zentimetern
daraus hervor. „Ich hab aber kein Werkzeug bei“ teilt er dem dicken
Polizisten mit und
überlegt dabei, ob ihn irgendetwas im Klang seiner Stimme verraten
könnte.
Der Polizist sieht keineswegs verwundert aus, nur eben sehr entschlossen,
etwas
gutes für die Familie Pfarrer zu tun. Immerhin hat er sich in
deren Tochter Gertrud
verguckt und die scheint sich auch für ihn zu interessieren. „Jense
wenigstens ma
kiecken, n Hamma und ne Zange wernse im Hause haben.“ Er wagt nichts
zu er-
widern, also steckt er sich das letzte Stückchen Schmalzschrippe
zwischen die
Lippen und geht die Treppe des Pfarrhauses hinauf. Wie schlimm kann
es schon
sein? Er klopft an eine manierlich gestrichene Tür und seine Ohren
fühlen sich
angelächelt, weil er jetzt die wohlklingende Stimme der Pfarrerstochter
hört.
Sie bittet ihn herein und setzt ihm eine Tasse frisch gemachten Kaffe
vor.
„Sind Sie der neue Hausmeister? Ihr Gesicht kommt mir überhaupt
nicht bekannt
vor.“ „Nein nein, ich war nur zufällig in der Nähe und da
hat mich dieser Polizist an-
gewiesen, mal hier nach der Wasserleitung zu sehen.“ Er sieht in ihr
Gesicht und
kann es nicht verhindern, daß sich sein Körper strafft und
sein Gehirn nach irgend-
welchen besonders geistreichen Bemerkungen sucht. „Die undichte Stelle
ist hier
in der Küche. Seit gestern abend tropft es fast ununterbrochen,
wenn ich das
Wasser aus dem Becken lassen will.“ Er bückt sich und sieht unter
dem Spültisch
nach. Gebogene Abflußrohre dieser Bauart kennt er bisher auch
nur aus einem
seiner ältesten Bücher. Mit ein paar Handgriffen baut er
die primitive Vorrichtung
auseinander und hält das ausgebaute Rohrstück das ungewöhnlich
schwer ist
ans Licht. Braunes, krümliges Wasser läuft an seinem Handgelenk
hinunter in
seinen Ärmel. Das Rohrstück sondert eine schweflige Aura
aus. Vorsichtig dreht
er seine Nase von seinen Händen weg zum Fenster. Er möchte
nicht riskieren,
jetzt durch den Geruch des Abflußrohrs wieder in einen anderen
Zeitabschnitt gepulst
zu werden, noch nicht. So holt er ein Büschel Haare aus dem Rohrende
und dreht
die Konstruktion behutsam wieder zusammen. „So, jetzt geht’s wieder.“
Sagt er
und nimmt noch einmal einen langen Schluck aus seiner Kaffetasse. Sie
geht
rüber ins Schlafzimmer, um ein bischen Trinkgeld für ihn
aus dem Sparstrumpf
des Herrn Pfarrer zu holen. Er jedoch schüttelt, als sie ihm die
silberne Münze in
die Hand rollen will, den Kopf und verabschiedet sich. Sie bittet ihn,
noch einen
Augenblick zu warten und geht in ihr Zimmer. Ganz ohne Abschiedsgeschenk
wird
sie ihn auf keinen Fall gehen lassen. Vor einigen Tagen ist sie draußen
im Wald
gewesen und hat sich beim herumflitzen zwischen den frisch abgeholzten
Bäumen
mit dem unbeschuhten Fuß an etwas gestoßen. Zornig hatte
sie sich gebückt, um
den schmerzhaften Gegenstand aufzuheben und angemessen zu bestrafen.
Der
Gegenstand war etwas metallisches, unbekanntes, das zudem ständig
seine Form
zu ändern schien. So wie die Dinge lagen, gehörte dieses
Ding entschieden nicht
nach Deutschland. Vielleicht schon hatte es ein Engländer mit
dem Flugzeug abgeworfen.
Andererseits schien der Gegenstand keine Gefahr abzusondern, er hatte
nicht
das hinterhältige Lauern einer mit Sprengstoff gefüllten
Hülse.“ Sie hatte sich mit
sich selbst geeinigt, einen Glücksbringer gefunden zu haben und
jetzt wollte sie
das Ding dem netten Handwerker schenken. Diesmal nimmt er an und bedankt
sich bei ihr. Den Glücksbringer in der ausgestreckten Hand verläßt
er das Haus
und macht sich auf den Weg irgendwohin. Es ist ganz egal, wohin er
läuft, es
wird schon das richtige passieren. Nur verhaften lassen will er sich
nicht.
So tappst er noch einen Kilometer in die Richtung, in die der Wind
bläst. Zumal
es leicht hügelab geht, hat er jetzt das Gefühl, sein Schicksal
führt ihn diesen
Weg entlang. Es ist aber nur der leichteste von insgesamt fünf
möglichen Wegen
Ein dreirädriger Lastwagen klappert an ihm vorbei. Auf der Ladefläche
sitzen zwei SA - Männer und rufen ihm irgend etwas zu. Er versteht
kein Wort,
schreit aber sicherheitshalber etwas zurück, was sich wie „Hrresrreä“
anhört,
um nicht unhöflich zu wirken. Die Männer auf dem Wagen scheinen
zufrieden zu
sein, denn jetzt lachen sie laut und winken ihm zu. Angesichts der
Uniformen macht
er sich Sorgen. Was hier in der nächsten Zeit geschehen wird,
das kennt
er aus Übermittlungen. Ganz kurz denkt er auch, jetzt, wo er einen
Weg gefunden
hat, in der Zeit zu reisen, kann er das alles nachträglich verändern.
Doch dazu
würden Experimente nötig sein und die würde er am besten
zu Hause anstellen.
Sein zu Hause war sein Haus zu seiner Zeit, im Augenblick ein Ort,
zu dem er nicht
einfach mit dem Taxi fahren kann. Er braucht den richtigen Geruch.
Mal sehen, der
erste Geruch, der ihn in der Zeit verschoben hatt, war der eines verbrennenden
Vernistors. Es ist allerdings unmöglich, in den Tagen, in denen
er sich jetzt be-
findet einen Vernistor zu finden. Noch nicht einmal der Transisitor
ist erfunden.
Er durchsucht seine Taschen nach einem Geruchsträger, der ihn
in seine Gegen-
wart zurückbefördern kann. Außer der Geldbörse,
die er hier gefunden hat
und dem Glücksbringer der Pfarrerstochter hat er nichts bei sich.
Er kauert sich
hin und dreht den Glücksbringer in seiner Hand. Wonach würde
das Metall riechen?
Einen Augenblick später weiß er es. Es ist kein ihm bekannter
Geruch. Dieser Ge-
ruch ist neu für ihn, so ganz außergewöhnlich neu.
„Nein“ denkt er, „das ist kein Me-
tallgeruch.“ Es riecht fruchtig, aber doch synthetisch, mild im Grundboukett
aber
wiederum sticht ihm auch etwas in der Nase, so daß er niesen
muß. Und während
sich das Ha in ein Pschü verwandeln will, spürt er einen
weichen, seidigen,
mosernden Körper an seinem Unterarm. Er sieht nach unten und
blickt in das
beleidigte, gelbäugige Gesicht seiner Katze Sapho Emptyplate.
Und wenn er ihre
Sprache besser verstehen würde, würde er jetzt ihrem Gemautze
entnehmen kön-
nen, daß sie sich nun in der fernsten Zukunft befinden und
auf ihr längst fälliges Frühstück wartet.