WZ Donnerstag, 5 Mai 2011 , http://www.wz-newsline.de

Mit Freude bei der Arbeit


Dr Michael Weber Werkstatt Nettetal-Breyell

BEHINDERTE Neun Werkstätten unterhält das HPZ. Menschen mit Handicap finden hier eine Aufgabe.

Von Werner Dohmen und Roland Busch
Niederrhein. Corina Schroers sortiert Aufträge, ordnet Rechnungen zu und heftet die Papiere ab. „Die Arbeit macht Spaß", sagt sie. Dass die junge Frau im Bürobereich der Werkstatt „Impuls" in Kempen arbeitet, ist nicht selbstverständlich. Denn Corina ist behindert. Sie leidet unter Spina Bifida, im Volksmund offener Rücken genannt, und ist an den Rollstuhl gefesselt. Zudem leidet sie unter Hydrocephalus — ihr Gehirnwasser kann nicht abfließen, muss künstlich abgeleitet werden.

„Die Mitarbeiter sollen die Mauern der Werkstätten hinter sich lassen."
Michael Weber, Geschäftsführer HPZ

Dass Menschen mit solchen Behinderungen dennoch ihren Platz finden und sogar eine Arbeit ausüben können, verdanken sie in Krefeld und dem Kreis Viersen dem Heilpädagogischen Zentrum. Neun Standorte unterhält das vor 40 Jahren in Tönisvorst gegründete HPZ, beschäftigt rund 2000 Menschen. Die meisten von ihnen sind geistig behindert, der Anteil der schwerstmehrfach Behinderten nimmt zu. Dies gilt auch für den Anteil von psychisch Kranken. Für dieses Klientel plant das HPZ für 2012 eine vierte Werkstatt im Westen des Kreises Viersen zu eröffnen.

„Unser Motto lautet: Chancen eröffnen", sagt Michael Weber. Und so versucht man, den behinderten Menschen einen Lebensinhalt zu geben, sie an geregelte Tagesabläufe heranzuführen. Das bedeutet zumeist Arbeit in einem zwölfköpfigen Team mit einem Gruppenleiter.

Mit der Finanzkrise brachen plötzlich die Aufträge für das HPZ weg
Die Palette der Arbeiten ist dabei groß. So unterhält das HPZ eine Wäscherei in Uerdingen, die unter anderem für Altenheime arbeitet, aber auch eine Tischlerei, die zum Beispiel Paletten baut, oder eine Gärtnerei, die Grünanlagen pflegt.

Doch Aufträge zu finden, ist nicht immer leicht für das HPZ. „Die Finanzkrise hat uns schwer zu schaffen gemacht", sagt Weber. Plötzlich blieben die Aufträge und damit das Geld aus, die Mitarbeiter mussten aber beschäftigt werden. Das allein ist schon schwierig genug. Schließlich ist nicht jeder Behinderte werkstattfähig, sagt Weber. Die Verletzungsgefahr ist groß, Maschinen müssen behindertengerecht umgebaut werden, die Betreuungsintensität darf nicht zu groß werden.

Ohnehin gibt es einen ständigen Spagat zwischen Betreuung und Leistungsdruck. Denn die Auftraggeber erwarten Arbeit von ordentlicher Qualität. Schließlich sind,darunter Unternehmen wie die Post, die ihre gelben Fahrräder von der HPZ-Werkstatt in Tönisvorst warten lässt.

Aus der Finanzkrise hat Weber gelernt. Er wirbt stärker für die Arbeit des HPZ, zum Beispiel auf der Rheinischen Landesausstellung und der Krefelder Gartenwelt. Jetzt hat man sogar einen Film gedreht, der die Tätigkeiten in den Behindertenwerkstätten darstellt. Der wird im Patienten-TV des Lobbericher Krankenhauses gezeigt. Dort arbeiten HPZ-Mitarbeiter schon in den Grünanlagen und werden bei "Schiebediensten (Transportwagen auf dem Krankenhausgelände) eingesetzt. Solche Außenarbeitsplätze sollen ausgebaut werden, „die Mitarbeiter sollen die Mauern der Werkstätten hinter sich lassen", so Weber.

Die Alternative zur Arbeit wäre die Betreuung in einer Tageseinrichtung
Die Bezahlung der Mitarbeiter ist nicht sonderlich üppig, gesteht Weber ein. Rund 2000 Euro pro Jahr bekommt ein Behinderter, der für das HPZ arbeitet. Schließlich ist der Betreuungsaufwand hoch, und „unsere Konkurrenten sind die Billiglohnländer", sagt Weber.

Das Geld ist für die Behinderten auch nicht so wichtig. Sie brauchen einen geregelten Tagesablauf mit einer sinnvollen Tätigkeit und „arbeiten einfach gerne", so Weber. Die Alternative wäre eine Betreuung in einer Tageseinrichtung. Aber das wäre nichts für Corinna Schroers. Schließlich wird sie im Büro der Werkstatt "Impuls" in Kempen gebraucht.


HEILPÄDAGOGJSCHES ZENTRUM

EINRICHTUNG Das Heilpädagogische Zentrum wurde 1971 gegründet. Träger sind die Stadt Krefeld, der Kreis Viersen sowie die Lebenshilfe und der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte.

KINDER In der ehemaligen Lungenheilstätte am Standort Hochbend werden in der Heilpädagogischen Tagesstätte über 80 behinderte Kinder im Alter von drei Jahren bis zur Einschulung gefördert. Außerdem bietet das HPZ die interdisziplinäre Frühförderung an. 50 Kinder aus Krefeld und 65 aus dem Kreis Viersen werden derzeit betreut.

STANDORTE Zentrale des HPZ ist im Hochbend in Tönisvorst. Es ist mit neun Werkstätten in Krefeld und dem Kreis Viersen vertreten.

ARBEITSPLÄTZE 2000 Menschen finden in den Werkstätten Arbeit. Sie werden von etwa 450 Mitarbeitern, vom Handwerksmeister bis zur heilpädagogischen Fachkraft, betreut.

http://www.hpz-krefeld-viersen.de


    Fotos
  1. freude.jpg , Der ganze Zeitungsartikel als Bild (488.673 Byte)
  2. nettetal.jpg , Ein Blick in die Werkstatt in Nettetal-Breyell. Neun solcher Einrichtungen unterhält das HPZ. Foto: Reimann (112.169 Byte )
  3. weber.jpg , Behinderten Menschen eine Aufgabe geben: HPZ-Geschäftsführer Michael Weber (28.531 Byte)

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