Behindert und selbstbewußt in Ägypten

Als Basis für mein Vorhaben gelten für mich die "Standard Rules" der
Vereinten Nationen. Konkret die Bestimmung 21 "Technische und
wirtschaftliche Zusammenarbeit". Dort heißt es:
1.
Maßnahmen zur Herstellung der Chancengleichheit für Behinderte, einschließlich
behinderter Flüchtlinge, sollen zum Bestandteil der allgemeinen
Entwicklungsprogramme gemacht werden.
2.
Diese Maßnahmen müssen zum Bestandteil der technischen und wirtschaftlichen
Zusammenarbeit gemacht werden, gleichgültig, ob es sich um eine bilaterale oder
multilaterale, staatliche oder nichtstaatliche Zusammenarbeit handelt. Die
Staaten sollen bei Diskussionen über eine solche Zusammenarbeit mit ihren
Verhandlungspartnern Behindertenbelange zur Sprache bringen.
3.
Bei der Planung und Überprüfung von Programmen der technischen und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit soll den Auswirkungen solcher Programme auf die
Lage Behinderter besonderes Augenmerk geschenkt werden. Es ist von größter
Wichtigkeit, dass Behinderte und ihre Organisationen bei jedem
Entwicklungsprojekt, das speziell auf Behinderte abgestimmt ist, beteiligt
werden. Sie sollen bei der Ausarbeitung, Durchführung und Evaluierung solcher
Projekte direkt mit einbezogen werden.
4.
Zu den Schwerpunktbereichen für die technische und wirtschaftliche
Zusammenarbeit sollen gehören:
a) die Erschließung der Humanressourcen durch die Entwicklung der Fertigkeiten,
Fähigkeiten und Möglichkeiten Behinderter und die Einführung
beschäftigungsfördernder Aktivitäten für Behinderte.
b) Die Entwicklung und Verbreitung von geeigneten behindertenbezogenen
Technologien und Fachkenntnissen.
5.
Die Staaten werden außerdem ermutigt, die Gründung und Stärkung von
Behindertenorganisationen zu unterstützen.
6. Die Staaten sollen durch entsprechende Maßnahmen dafür Sorge tragen, dass das mit der Verwaltung von Programmen der technischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit befasste Personal auf allen Ebenen über eine bessere Kenntnis der Behindertenbelange verfügt.
Zur Zeit wird eine UN-Menschenrechtskonvention für Behinderte entwickelt. Die "Standard Rules" von 1993 sollten eine solche zwar ersetzen, haben im UN-Recht aber keinen entsprechenden Effekt gehabt. In der Arbeit der UN-Ausschüsse werden die "Standard Rules" kaum berücksichtigt.
Den Mitgliedsstaaten fehlt ganz überwiegend das Bewußtsein dafür, dass Behinderte Menschenrechtssubjekte sind. Für die überwiegende
Zahl der Staaten gilt: Behinderte Bürger und Bürgerinnen werden bei der
Umsetzung der Menschenrechtsverträge entweder vollkommen ignoriert, oder sie
werden lediglich im Kontext von gesundheits- und sozialpolitischen Maßnahmen
berücksichtigt.
Aus eigener Erfahrung und als wissenschaftliche Erkenntnis
hat sich der Ansatz entwickelt, dass Menschen mit Behinderung Experten in
eigener Sache sind. Sie wehren sich gegen eine Bevormundung durch
nichtbehinderte Experten. Vielmehr verfügen sie selbst über die Kompetenz, ihre
eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und mit eigenen Lösungsstrategien
umzusetzen.
Auch in der Entwicklungszusammenarbeit fehlt es noch sehr an
Experten in eigener Sache, was Menschen mit Behinderungen betrifft.
Zunächst sollte sich das gesamte Vorhaben geographisch auf Kairo beschränken.
Hintergrund:
Während eines 4wöchigen Aufenthalts --hauptsächlich in Kairo- habe ich den
Leiter des SETI Centres kennengelernt. Das SETI Centre ist eine Einrichtung der
Caritas Egypt und arbeitet mit Menschen mit geistiger Behinderung. Herr Franciss
ist bereits knapp 20 Jahre im Behindertenbereich tätig. Durch ihn habe ich
sieben Behinderteneinrichtungen (zum größten Teil mit Menschen mit geistiger,
Hör- und/oder Sehbehinderung) ansehen können. Außerdem konnte ich mich mit einem
Zusammenschluß von hauptsächlich Rechtsanwälten, die sich um Behindertenrechte
kümmern, treffen. Angesehen habe ich mir auch eine Schule für behinderte Kinder,
deren Kontakt ich durch einen Verein bekommen habe, der sich im Norden
Deutschlands gegründet hat und diese Schule unterstützt. Der Initiator dieser
Schule ist Prof. Elsarnagawy. Mit den Leitern, Mitarbeitern und Betroffenen
selbst habe ich mich in allen Einrichtungen intensiv unterhalten.
Mein Eindruck war und ist, dass Familienarbeit notwendig ist. Familien
verstecken ihre behinderten Angehörigen oder schieben sie in Institutionen ab.
Diese Institutionen bzw. Organisationen wiederum machen alle "ihr eigenes Ding".
Meiner Ansicht nach, und Herr Franciss sowie Herr Elsarnagawy sind dergleichen
Meinung, könnten alle Einrichtungen in ihrer Arbeit sehr viel weiter sein, wenn
sie zusammenarbeiten würden.
Bei meinen Besichtigungen und Gesprächen unterstützt haben mich meine Freunde
von "Egypt for all", einem Reiseunternehmen, das sich auf behinderte Touristen
spezialisiert hat.
Zielsetzung:
- Direkte Kontaktaufnahme zu Menschen mit Behinderungen, um Eigeninitiative und Selbstwertgefühl zu fördern und zu stärken
- Zusammenführen
mehrerer im Behindertenbereich tätiger
Organisationen
-
Veranstaltung von 4-5 Events, um das
Bewusstsein von Familien mit
behinderten Angehörigen zu
sensibilisieren
- Identifizierung von Möglichkeiten einer eeffektiven Öffentlichkeitsarbeit
zur Sensibilisierung der
Gesellschaft
Aktivitäten:
Aktivitäten - Ziel 1:
Als Basis möchte ich -neben den Veranstaltungen und den dazu notwendigen
Vorbereitungen- zu den Betroffenen, die in Projekten betreut werden, ihren
Familien und Freunden näheren Kontakt aufnehmen, um die Situation und die
Perspektive der behinderten Menschen kennenzulernen und in meine Arbeit mit
einfließen zu lassen. Um zu sehen, wie Betroffene in bestehende und zukünftige
Projekte einbezogen werden können, möchte ich vertieft mit den Behinderten
selbst sprechen. Aber auch Familienangehörige, Freunde, Projekt- und
Institutionsverantwortliche sollten befragt werden. Ein kurzer Leitfaden mit
Schlüsselfragen wird als Ausgangspunkt am Anfang des Aufenthalts erarbeitet.
Gleichzeitig möchte ich versuchen, den Betroffenen zu vermitteln, dass sie
gleichwertige und gleichberechtigte Menschen sind. Daraus folgend ist
herauszufinden, welche Bedürfnisse und Wünsche sie haben. Diese können dann in
weitergehende Konzepte einfließen. Diese Konsequenz würde die Eigeninitiative
und das Selbstwertgefühl der Betroffenen stärken.
Aktivitäten - Ziel 2:
Viele Institutionen, die in der
Behindertenarbeit tätig sind, könnten an einen Tisch geholt werden. Zusammen
könnten hier dann Konzepte für weitergehende Projekte entwickelt werden.
Natürlich unter der Berücksichtigung aktueller Politik. Dafür sollte mit den
entsprechenden Ressorts in den zuständigen Ministerien Kontakt aufgenommen
werden.
Aktivitäten - Ziel 3:
Während 4-5 Veranstaltungen möchte ich, in Zusammenarbeit mit Herrn Franciss,
Herrn Elsarnagawy und "Egypt for all", an meinem Beispiel zeigen, wie es möglich
ist, dass auch Menschen mit einer schweren Behinderung etwas schaffen können.
Sie benötigen dafür die Unterstützung ihrer Familie und Freunde. Nicht unbedingt
finanzieller, sondern zuerst ideeller Art. Diese Events sollen an verschiedenen
Schulen und Universitäten (DBS-Deutsche Schule für Mädchen usw.; DEO-Deutsche
evang. Oberschule; Deutsche Universität Cairo; AUCAmerican University Cairo;
CAC-Cairo American College) stattfinden.
Vorteilhaft wäre, wenn wir auf diesen
Veranstaltungen einen Kurz-Film über mein bisheriges Leben zeigen könnten. Dazu
könnte ich dann Fragen beantworten.
Aktivitäten - Ziel 4:
Aus den Ergebnissen der Aktivitäten zu den Zielen 1-3 könnten sich Möglichkeiten
herausstellen, die zu einer effektiven Öffentlichkeitsarbeit führen. Diese
Möglichkeiten sollten zusammengetragen werden, um als Grundlage für zukünftige
Aktivitäten zu
dienen.
Zeitplan:
Ø Grundlage und Ausgangspunkt: Direkte Kontaktaufnahme und Befragung von Betroffenen: Menschen mit Behinderungen, Familienangehörige, Freundeskreis und Betreuerinnen - könnte innerhalb von drei Monaten durchgeführt werden
Ø Zusammenführen mehrerer im Behindertenbereich tätigen Organisationen - sollte parallel zur ersten Zielsetzung laufen
Ø 4-5 Veranstaltungen - sollte parallel zur ersten Zielsetzung laufen
Ø Identifizierung von Möglichkeiten einer effektiven Öffentlichkeitsarbeit zur Sensibilisierung der Gesellschaft - sollte parallel zur 1., 2. und 3. Zielsetzung durchgeführt werden.
Rahmen:
Werbung (Plakate, Flyer, Anschreiben
etc.) und ähnliches müsste ich schon anfertigen, bevor ich nach Ägypten ginge.
Jedoch müssten viele Absprachen, auch mit den Veranstaltungsorten, getroffen
werden, wenn ich dort bin.
Auch in der Zeit vor meinem Aufenthalt in Ägypten müsste der Kurzfilm
fertiggestellt werden. Ich versuche, dafür einen Fernseh- oder Rundfunksender
oder eine Medienschule zu gewinnen.
Der aktuelle Stand dieses Projekts wird über eine Website zu erfahren sein, die
von Egypt for all entwickelt wird.