FROM ELVIS IN HANNOVER

Am Mittwoch, dem 28.03.2001, war es endlich soweit. Elvis, nicht mehr ganz so live, aber immerhin, in Hannover. Schon im Januar hatte ich mir die Karte bestellt und war überrascht, dass bereits zu diesem Zeitpunkt ein Großteil der Tickets vergriffen war. Die besten Karten, die man zu diesem Zeitpunkt noch bekommen konnte, waren in der dritten Kategorie (von vier). Nachdem die Tournee nun bereits im dritten Jahr in Folge nach Deutschland kam, hätte ich nicht mehr mit einem solchen Interesse gerechnet. Im Vorfeld hatte ich schon jede Menge Kritiken gelesen und die wundersamsten Dinge über diese Konzertereignisse gehört. Von "Wiederauferstehung" und einem "Hochamt für Elvis" war zu lesen, bis hin zu der Frage, ob Elvis der wiedergeborene Jesus Christus sei, war die Rede. Als ein Mensch mit atheistischer Grundeinstellung war mir letzteres relativ egal, aber gespannt war ich nun doch. Würde es eine Wiederauferstehung oder ein (vor)österliches Wunder geben? Mit diesen Gedanken im Kopf und einem Elvis - Tape im Recorder meines Autos machte ich mich auf den Weg nach Hannover. Aufgrund der Ausschilderung war die Halle gut zufinden. Zuerst glaubte ich dennoch, mich geirrt zu haben. Die Stadionsporthalle ist ein alter, hässlicher und leicht heruntergekommen wirkender Bau, der mit allerlei Graffiti beschmiert ist. Von Plakaten, Postern oder sonstigen Ankündigungen war nirgends etwas zu sehen. Der Rundgang um die Halle bestätigte, dass es tatsächlich nicht den kleinsten Hinweis auf auch nur irgendeine Veranstaltung gab. Lediglich ein paar Eisengatter waren vor die abgesperrten Eingänge gestellt worden. Ich ging durch eine Hintertür in die Halle und erkundigte mich, ob "Elvis - The Concert" hier tatsächlich stattfinden solle. Nachdem ich mir die Bestätigung geholt hatte, spazierte ich zunächst noch ein wenig durch den Stadionpark und wartete darauf, dass es 18.00 Uhr wurde und die Tore geöffnet werden. Es wurde 18.00 Uhr, aber die Türen blieben zu. Zusammen mit den Fans, die sich bereits vor der Halle versammelt hatten, wartete ich weiter. Es hieß nun, dass man erst um 18.30 Uhr öffnen würde. Es war kalt, man fror und die Schilder, dass es im verschlossenen Inneren der Halle Glühwein gäbe, bewiesen eine gewisse Ironie des Veranstalters. Nachdem man nun eine weitere halbe Stunde gefroren hatte und die angebotenen Preise, die man für Glühwein zu zahlen bereit gewesen wären, wenn man doch nur in die Halle gelassen würde, ins Unermessliche gestiegen waren, wurde verkündet, dass man wohl erst gegen 19.00 Uhr öffnen werde, da es Verzögerungen gegeben hätte. Der Einlass in den Vorraum war natürlich nicht gestattet und wer es wagte unter der Überdachung Schutz zu suchen, wurde von pöbelnden Ordnern vertrieben. Die Ordnungskräfte legten dabei einen Ton an den Tag, der einem spontan die vielbeschriebene "Servicewüste Deutschland" ins Gedächtnis rief. Zum Glück war ich mit ein paar Fans ins Gespräch gekommen, so dass ich wenigstens etwas von der Kälte abgelenkt wurde. Ein Elvis - Lookalike passierte uns und warf in mir die Frage auf, warum ich nur eine Karte gekauft hatte. Das Presley - Double bot tatsächlich 250 DM für ein Ticket in meiner Kategorie und hätte mir somit einen Gewinn von 150 % beschert. Und gerade als ich aufgrund der Kälte dachte, jetzt sei ich endlich auch wie Elvis - nämlich kalt - wurden die Türen geöffnet und wir konnten in die Halle gehen. Die Halle sah von innen nur unwesentlich besser aus, als es von außen der Fall war, was meinen bisherigen Eindruck von diesem Event auch nicht verbesserte. Die Preise für Souvenirs lagen in Regionen, die ein Telefonat mit meinem Bankberater vorausgesetzt hätten, also beschränkte ich mich auf den Kauf eines Tourprogramms. Das Heft bot nichts wirklich Neues, war aber gut gemacht und von allen Souvenirs mit 20 DM das günstigste Angebot. Ein Gong ertönte, man begab sich in die Halle und nahm seinen Platz ein. Das Licht wurde heruntergefahren und dann kam er...

...der Moderator von NDR 1. Dieser Mensch erzählte uns vom Sponsoring der Veranstaltung durch seinen Sender und lobte Elvis und sich und ebendiesen Sender, das Programm dieses Senders, sich, Elvis und wieder den Sender. Unterstützt wurde er von einem durch die Reihen watschelnden Wahlross, dem Logo des Radiosenders. Dieses Wahlross, bzw. der Mann im Kostüm, winkte ins Publikum und der gesamt Zuschauerblock winkte zurück. Erstaunlich, wie leicht man Menschen zu solchen Dingen animieren kann. Und wieder senkte sich das Licht und dann kam er...

Unter den Klängen von Richard Strauß' "Also Sprach Zarathustra" wurde Elvis auf dem Screen eingespielt, wie er das HIC auf Hawaii betritt. Mit "See See Rider", dem typischen Opener einer Elvis - Show, ging es los und mir fielen fast die Ohren zu. Besonders dann, wenn Band, Orchester und Chor gleichzeitig spielten und Trompeten ertönten, war der Hörsturz nicht mehr fern. Das Lied selbst klang nur geringfügig anders, insbesondere das Solo von Gitarrist James Burton. Nach großem Applaus ging es weiter mit dem 1972'er Hit "Burning Love", ebenfalls aus der "Aloha From Hawaii" Show. Ronnie Tutt haute ein wenig mehr auf die Pauke und verlieh dem Song einen stampfenden Beat - was mir sehr gut gefiel. Der "Steamroller Blues" bekam ein phantastisches Intro verpasst und auch "I Can't Stop Loving You" war sehr gut, da hier auch der Chor zur Geltung kam. Nun stellte der Leinwand - Elvis seine Musiker vor. Besonders an dieser Stelle fiel auf, wie gut die Show gemacht ist. Elvis erwähnte den Namen des Musikers und die Kameramänner auf der Bühne filmten die entsprechenden Musiker. Diese Bilder wurden als Gegenschnitt auf die Leinwände gebracht, so dass der Eindruck einer realen Liveshow entstand. Nach der Vorstellung der Band kam das Highlight: "Johnny B. Goode". Eigentlich sang Elvis in der "Aloha" Show das Lied nur reichlich uninspiriert herunter, aber was man daraus machte, gehört auf eine Single! Nach den ersten beiden Strophen gab es einen Schnitt und die Musiker drehten so richtig auf. Wo früher nur das Gitarrensolo war, gab es nun Gitarre, Schlagzeug und Piano, dann kam wieder Elvis. Ronnie Tutt verlieh dem Song einen Drive, der selbst die Livefassungen aus dem August 1969 wie ein Wiegenlied wirken lassen. Die Halle stand Kopf! That's Rock' n Roll!!! Nach "You Gave Me A Mountain" verließ man das "Aloha" Material und schaltete von 1973 auf 1970 zurück. "Polk Salad Annie" war angesagt! Und wieder gab es Rock vom Feinsten und wieder standen die Leute auf den Stühlen! Nach "You've Lost That Loving Feeling" ging es kurz mit "Proud Mary" in den April 1972. Hier gefällt mir die ursprüngliche Version besser. Es folgten "Just Pretend" und "In The Ghetto" aus dem August 1970. Bei letzterem wurden Aufnahmen von Elvis' Kindheit auf die Video - Wände gelegt. Eine nette Idee, die meine Sitznachbarin zu tränen rührte. Jetzt folgte ein Highlight: Es wurde ein Outtake aus "That's The Way It Is" gezeigt, bei dem Elvis "Are You Lonesome Tonight" singt und sich selbst dazu auf einer E - Gitarre (welch passendes Instrument für eine dezente Ballade) begleitet. Dieser Ausschnitt faszinierte mich besonders, da ich den Clip noch nicht gesehen hatte. Nun traten "The Imperials", bzw. was davon übrig war, hervor und sangen eine grandiose Version des Gospelklassikers "He Touched Me". Die Dame neben mir hatte sich inzwischen beruhigt, doch nun war ich gerührt, wenn auch nicht in gleichem Maße. Sollten die "Imperials" je durch Deutschland touren, so haben sie ein Ticket schon mit Sicherheit verkauft. So muss Gospelmusik klingen, dann klappt`s auch mit dem Pastor (oder so ähnlich). Nach diesem Solo kam nun wieder Elvis, der "How Great Thou Art" sang. Man verwendete die Tonkonserve des Memphis Konzertes vom März 1974 und zeigte dazu Bilder aus dem April 1972, die nicht immer, bzw. eigentlich sogar fast gar nicht, zum Ton passten. Die Nummer wirkte auf mich eher seltsam, aber künstlerisch ist sie bestimmt ungemein wertvoll. Nach dieser Hymne folgte mit "Bridge Over Troubled Water" die nächste. Das lokale Orchester und ein Chor kamen hierbei zum Einsatz und drückten bei meiner Sitznachbarin mal wieder auf die Tränendrüse. Und damit sich die Dame beruhigen und ich mein Gesäß lüften konnte, gab es eine Pause. In der Vorhalle verkaufte ein Angestellter der Elvis - Presley - Enterprises Schallplatten, die mit Echtgold überzogen und mit Eichenholz gerahmt waren. Zusätzlich gab es noch eine Goldplakette, die auswies, wann Elvis den Goldaward für die entsprechende LP bekommen hatte und dass diese Ausfertigung auch garantiert und wirklich ehrlich limitiert ist. Cleverer Weise sprach dieser Verkäufer allerdings kein Wort Deutsch und hatte alle Mühe verstanden zu werden. Die Fans, die ihn verstanden, erfuhren, dass dieses Kleinod (gemeint sind hier die Schallplatten und nicht der Verkäufer) für die Kleinigkeit von 1.400 DM zu erwerben seien. Meine Frage, ob das der Preis nur für die Schallplatten sei, oder ob man damit auch Anteile an Elvis - Presley - Enterprises erworben hätte, wurde überhört. Das Interesse an diesem recht kostspieligen Vergnügen hielt sich dann auch in relativ überschaubaren Grenzen. Ein paar Minuten und einen Hot Dog später ging es dann auch schon zurück zur Show. Der zweite Teil begann mit den "The Sweet Inspirations", die im Gegensatz zu den "The Imperials" in der Originalbesetzung (zuzüglich Portia Griffin) antraten und eine perfekte Fassung von "Sweet Inspiration" brachten. Mit "Trouble" (aus der 1968'er Fernsehshow) meldete sich Elvis mit einem Highlight zurück. Grandios gespielt, grandios gesungen! Verbunden wurde das Lied mit "That's Alright" (1970). Auch dieser Zusammenschnitt aus zwei verschiedenen Shows war sehr gut gemacht. Jetzt kamen die Golden Hits: Sieben 50'er Jahre Klassiker am Stück. Besonders "Don't Be Cruel" gefiel mir gut, da man hier den Take von 1970 genommen hat, bei dem Elvis zwei Textänderungen einbaute, die nicht ganz jugendfrei, dafür aber recht amüsant sind. "Love Me Tender" fand ich fehl am Platze, da sich der virtuelle Elvis hier vor allem mit ebenso virtuellen Frauen am, wer hätte es gedacht, virtuellen Bühnenrand beschäftigt. Ich stand mit dieser Meinung allein auf weiter Flur. Während "The Wonder Of You" wurden Bilder von Elvis zusammen mit Fans,beim Schreiben von Autogrammen, etc. gezeigt. "Suspicious Minds" (1970) rockte wieder richtig und wieder standen die Fans auf den Stühlen und klatschten und johlten, als sei dort tatsächlich der leibhaftige Elvis auf der Bühne. Mit "I'll Remember You" kehrte man zurück zur "Aloha" und wieder gab es Bilder zu sehen, diesmal von Elvis und seinen Musikern. Unter großer Anteilnahme der Zuschauer und einem weiteren Tränenfluss meiner Nachbarin folgten "My Way" und "An American Trilogy" (beide 1973). Auch hier kamen wieder das örtliche Orchester und der Chor zum Einsatz. Dirigent Joe Guercio soll an dieser Stelle lobend erwähnt werden, da er die lokalen Musiker absolut perfekt eingebunden hatte und seinem Ruf als hervorragender Dirigent somit einmal mehr gerecht geworden ist.  Nun kam der typische Closer, "Can't Help Falling In Love" (wieder aus der "Aloha" Show) und das "Exit Theme", bei dem das Logo und ein Zusammenschnitt aus den verwendeten Konzerten über die Monitore lief, ebenso wie die niemals versiegenden Tränen meiner Sitznachbarin. Um nicht in den Stau zu geraten, zog ich es vor, möglichst rasch das Gebäude zu verlassen und den Heimweg anzutreten. Elvis has left the screen, Dirk has left the building and the Musiker were left alone mit einer Horde Autogrammjägern.

Die Show selber hat mir sehr gut gefallen. Auch wenn ich dem Jubel der Presse in dermaßen frenetischer Form nicht zustimmen kann, war es eine technisch außergewöhnlich gut gemachte Show (lediglich ein leichtes Nebengeräusch war auszumachen, sobald die Tonspur mit Elvis' Stimme zugeschaltet wurde). Das Timing zwischen den Livemusikern und dem vorgefertigten Konserven - Elvis war perfekt. Die Musiker schienen nach wie vor Spaß an ihrem Tun zu haben, lediglich Terry Blackwood von "The Imperials" wirkte zuweilen ein wenig lustlos, aber vielleicht sieht der Mann immer so aus. Das Publikum war erstaunlich gemischt. Von den Rentnern, die noch live dabei waren, bis zu Teenagern war alles vertreten. Der größte Teil der Zuschauer mag zwischen 25 und 35 gewesen sein. Krawattenträger wurden ebenso gesichtet wie Menschen, die äußerlich eher an Heavy Metal Fans erinnerten. Auch ein paar Pseudo - Presleys waren da. Die einen hatten schwarze Haartollen und Kotletten bis zum Kinn, die anderen nur Elvis' Bauchumfang. Der große Negativpunkt der Show war der Veranstalter. Selten war eine Show so schlecht vermarktet. Kein Plakat, kein Hinweis auf die Show. Langes Warten, unfreundliche Ordner und schlechte Reaktion auf eine zeitliche Verzögerung. Warum müssen Fans in eisiger Kälte warten und werden nicht in die warme Vorhalle gelassen ? Warum werden Fans, die lediglich an einem Pfeiler lehnen, um nicht dem kalten Wind ausgeliefert zu sein, angepöbelt und von fast handgreiflich agierenden "Ordnern" beschimpft ? Zusammenfassend kann man also sagen: Konzert gelungen! Veranstalter: Sechs, setzten!

 

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