1973 - I've Lost You
Das vergangene Jahr war aus beruflicher Sicht gut gelaufen. Sein Film
"Elvis On Tour", eine Dokumentation der April - Tournee, war im
November in den Kinos gestartet und hatte neben einem guten Einspielergebnis
auch noch die Nominierung als "Bester Dokumentarfilm Des Jahres"
eingebracht. Seine Las - Vegas - Gastspielreihen brachen noch immer alle
Rekorde, die Tournee im November war vollständig ausverkauft gewesen und die
Singles "Burning Love" und "Always On My Mind" hatten sich ebenfalls hervorragend verkauft. Aber nicht nur kommerziell kam Elvis noch immer
an, auch die Kritiker lobten ihn. Man begann, ihn als "Lebende
Legende" und "Mythos" zu titulieren und die Öffentlichkeit sah
in ihm scheinbar die fleischgewordene Ikone der Popkultur. Und am 14. Januar
sollte es daran gehen, dieses Image zu zementieren. Mit der "Aloha From
Hawaii" Show sollte das größte Event in der Geschichte des Entertainment
über die Bühne gehen. Das einstündige Fernsehkonzert würde per Satellit nach
Ostasien und Australien live übertragen
werden. Europa und die USA sollten die
Show später als Aufzeichnung zu sehen bekommen (für die USA sollten noch
nachträglich Songs produziert werden, um dem Special eine Länge zu geben, die
eine dritte Werbeunterbrechung zuließ). Nach dem Fernsehevent würde RCA
weltweit simultan den Soundtrack veröffentlichen, ebenfalls ein Novum. Elvis
hatte schon zum Ende des Vorjahres begonnen, sich körperlich wieder in Form zu
bringen. Mit einem Sportprogramm, einer Menge an Appetitzüglern und
Entwässerungstabletten und intensiver Bestrahlung der Sonnenbank hatte er es
schließlich geschafft. Schlank und braungebrannt sah er besser
aus, als auf seinen Autogrammfotos. Nun ging es daran, ein Konzertprogramm
zusammenzustellen. Da die letzte Live - LP gerade ein halbes Jahr zurücklag,
fielen die meisten Songs der regulären Bühnenshow aus. Man griff daher neben
den neuen Liedern des letzten Vegas - Engagements und Highlights der
Konzertprogramme der letzen Jahre vor allem auf Countrysongs zurück, die sowohl
Elvis, als auch den Musikern geläufig waren, so dass sich auch der Probeaufwand
in Grenzen hielt. Am siebten Januar startete auf Hawaii der Vorverkauf und die
6.000 Tickets waren in Windeseile vergriffen. Sofort nachdem die Show
ausverkauft war, gab man auch die Karten für die Generalprobe zum Verkauf. Auch
dieses Konzert, das für den zwölften Januar angesetzt war, wurde von RCA
aufgenommen und von der NBC gefilmt. Wenn etwas mit der Liveübertragung nicht
funktionieren würde, wollte man auf diesen Auftritt zurückgreifen. Am neunten
Januar traf Elvis auf Hawaii ein und wurde per Helikopter zum Hilton Hotel
geflogen. Die Landung wurde gefilmt und in den Vorspann der Fernsehshow
eingebaut. Elvis probte in den nächsten Tagen die neuen Songs und absolvierte
am 12.01.1973 die Generalprobe. Alles lief bestens und selbst die schweren,
technischen Probleme kurz vor der Liveübertragung der Hauptshow (durch eine
Überlastung der Stromkabel lag ein Brummton über den Aufnahmen)
konnten bis
zur Sendung gelöst werden. Auch die gesendete Show lief recht gut. Elvis zeigte
sich sehr nervös (was angesichts der vorab geschätzten Zuschauerzahl von etwa
einer Milliarde (!) auch nicht sonderlich verwundern sollte), bot aber dennoch
eine gute Show. Die Kritiken waren positiv, die Zahlen überwältigend: Mehr als
1,5 Milliarden Menschen, bzw. ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung (!),
hatte das Konzert am Bildschirm verfolgt. Nie zuvor und auch niemals danach
sollte ein Fernsehspecial eine derartige Resonanz bekommen. Doch all der Glanz
war nur Fassade. Schon am nächsten Tag musste Linda Thompson die Teilnahme von
Elvis an der Besichtigung des Pearl Habor Denkmales für Elvis absagen - der King
hatte dermaßen viele Chemikalien intus, dass er bewegungslos im Sonnenstuhl auf
dem Balkon saß und nur mit Mühe ein paar Worte herausbekam - stoned out of his
skull...
Schon zwölf Tage nach dem Mega - Event (gemeint ist die Fernsehshow,
nicht der Vorfall auf dem Balkon) begab sich Elvis wieder in die
Niederungen der täglichen Arbeit. Ein weiterer Monat in Las Vegas stand an. In
den nächsten vier Wochen standen 57 Konzerte auf dem Plan. Im Wesentlichen
bestand das Konzertprogramm aus dem Repertoire der Fernsehshow, jedoch
verzichtete er auf die meisten der neuen Songs. Als einzige, wesentliche Neuerung blieb der
"Steamroller Blues" im Programm. Elvis selbst zeigte sich, zumindest
zu Beginn der neuen Spielzeit, schlank und bei guter Stimme. Er sang seine
Lieder sehr ernsthaft und bot einen hohen, künstlerischen Standart. Auffällig
war jedoch, mehr als im Vorjahr, wie selten er seine Show variierte. Dieselben
Songs, Abend für Abend, Woche für Woche. Den Zuschauern, die eine, eventuell
auch zwei Konzerte sahen, konnte das egal sein, aber für Elvis schien diese
Stimmung tödlich. Es herrschte Langeweile. Elvis widmete sich mehr und mehr dem
Konsum der verschiedensten Substanzen und da die Tabletten ihre
Wirkung verloren
hatten, mussten stärkere Mittel her. Mehrfach kollabierte der Star in seiner
Suite und musste teilweise sogar wiederbelebt werden. Am 19. Februar
schließlich stürmte eine Horde betrunkener Männer die Bühne. Nachdem sie
schon den ganzen Abend lautstark bestimmte Lieder von Elvis gefordert hatten,
stürzten sie während "Suspicious Minds" auf die Bühne und forderten
Elvis zum Kampf heraus (Elvis untermahlte dieses Lied mit verschiedenen
Karatefiguren) und stellten sich in Angriffspose vor ihn. Durch die zahlreichen
Bodyguards und Wachmänner bedingt, standen die Betrunkenen allerdings nicht sonderlich
lange dort, aber auf Elvis hatte dieser Vorfall verheerende Wirkungen. Er war
der festen Überzeugung, dass Mike Stone, der damalige Freund von Priscilla,
"Karatekiller" geschickt habe, um ihn zu töten. Elvis beauftragte nun
seinerseits seine Bodyguards, einen Profikiller zu engagieren und Stone zu
töten. Erst nach endlosen Tagen, unzähligen Gesprächen und einer ganzen
Anzahl an Beruhigungsmitteln ließ er von seinem Plan ab. Aber nicht nur sein
psychischer, auch sein physischer Zustand war schlecht. Geschwächt von den
vielen Medikamenten, die er täglich konsumierte, zog er sich einen
Grippevirus zu, der ihn sechs Konzerte absagen ließ. Die restlichen Shows
bestritt er mit heiserer und zittriger Stimme. Eine Show unterbrach er sogar
für zwanzig Minuten, da er keinen einzigen Ton mehr herausbekam. Doch trotz
aller Komplikationen waren die Kritiken positiv und die Konzerte ausverkauft.
Rein äußerlich konnte das Bild des perfekten Superstars aufrechterhalten
werden, doch man begann sich ernsthaft zu fragen, wie lange noch.
Nach der Closing Show am 23. Februar blieben Elvis und Linda noch in Las Vegas und besuchten zahlreiche Shows. Im März wurde Elvis auch bei einem Karate - Turnier gesichtet. Ansonsten verlebte er die Tage zurückgezogen in Memphis, besuchte nur hin und wieder das örtliche Kino, das er nachts mietete und sich dort die neusten Filme ansah. Für den 22. April war schon die nächste Tour geplant.
Für Elvis' Verhältnisse waren die Hallen diesmal recht klein (6.400 bis
8.500 Plätze), lediglich in Phoenix, San Diego, Portland und Denver boten die
Arenen Platz für 15.000, bzw. 13.000 Zuschauer. Im Gegensatz zu seinen Vegas -
Auftritten zeigte sich Elvis diesmal in guter Form. Zwar hatte er sichtbar
zugenommen, aber seine Stimme war tadellos. Auch sang er eine größere Auswahl
an Liedern und veränderte seine Show des öfteren. Die Konzerte waren
ausverkauft und auch die Kritiker zeigten sich angetan. Hin und wieder hieß es
zwar, Elvis wirke ein wenig abgespannt, aber der Auftritt selbst fand lobende
Worte. Besonders der "Steamroller Blues" (seine neue Single), sowie
ein Medley aus "Long Tall Sally" und "Whole Lotta' Shakin' Goin'
On" kamen gut an. Am 30. April beendete Elvis die erste Tournee des Jahres
1973 in Denver, aber eine Pause gab es für ihn nicht.
Bereits am 04. Mai war er in "Del Webb' s Sahara Tahoe Hotel" am
Tahoe - See gebucht. Bis zum 16.05.1973 waren 26 Konzerte angesetzt. Die
Auftrittsreihe startete chaotisch. Das Hotel hatte zu viele Reservierungen
angenommen und bereits am ersten Tag fanden sich mehr als 200 Leute, die man
trotz gültigen Tickets nicht in den Saal ließ. Die wütenden Fans demontierten
Promo - Material, und drohten dem Hotel lautstark mit Klage. Die Reaktionen
derjenigen, die schließlich Einlass fanden, waren geteilt. Ein Großteil der
Konzerte war in Ordnung, aber es war recht offensichtlich, dass der Star seine
Energie auf der vorherigen Tournee verbraucht hatte. Die Presse bezeichnete ihn
als blass und übergewichtig und schrieb außerdem, die Auftritte wirkten -
trotz gelegentlicher
dynamischer Anstrengungen- müde und lustlos. Aber dennoch
waren diese Konzerte besser, als viele der Vegas - Shows vom Februar. Neben den
üblichen Songs hatte Elvis diesmal auch ein Rock' n Roll Medley, sowie
"Help Me Make It Through The Night" und "I'm Leavin'" im
Programm. Gegen Ende der Auftrittsreihe verschlechterte sich sein Gesundheitszustand
so stark, dass die letzen acht Konzerte abgesagt wurden. Elvis
klagte über Schmerzen in der Brust und allgemeines Unwohlsein. Im Krankenhaus
stellten die Ärzte eine Lungenentzündung fest, die wahrscheinlich durch den
hohen Temperaturunterschied zwischen Elvis' Hotelsuite, die auf 15 Grad Celsius
heruntergekühlt wurde, und der übrigen Welt, deren Temperatur zu dieser
Jahreszeit in Nevada mehr als das Doppelte beträgt, verursacht worden
war.
Am 29. Mai bekam Elvis noch andere Unannehmlichkeiten, die aber vielmehr seinen Anwälten, als ihm selbst Sorgen bereiteten. Priscilla forderte mehr Geld. Vor Monaten hatte sie einer Einmalzahlung von 1.000.000 Dollar, sowie einer monatlichen Zahlung von 1.500 Dollar zugestimmt. Doch jetzt war ihr klargeworden, dass Elvis' Anwälte sie über den Tisch gezogen hatten. Für einen Mann mit dem Verdienst eines Elvis Presley, waren diese Summen lächerlich gering. Jetzt forderte sie beinahe 15.000 Dollar pro Monat. Die Anwälte beider Seiten gingen in die zweite Runde...
Im Sommer stand die nächste Tournee an. Diesmal waren die Arenen nahezu
doppelt so groß, wie die der Frühjahrstournee. Es ging durch die großen
Zentren der USA, die Hallen fassten zwischen 10.000 und 17.143 Zuschauer und
waren bereits im Vorverkauf komplett ausverkauft. Die Nachfrage nach Tickets war
gigantisch und ein Hallenrekord nach dem anderen wurde gebrochen. Zusätzliche
Werbung erhielt die Tour (wie auch schon das Tahoe - Engagement zuvor) durch die
US Ausstrahlung der "Aloha" Show, die von mehr Amerikanern gesehen
worden war, als die erste Mondlandung. Auf der Tour zeigte sich Elvis in exzellenter
Form und bot phantastische Shows. Presse und Publikum lobten ihn und
bezeichneten seine Konzerte als pures, hochprofessionell dargebotenes
Entertainment. Das Konzertprogramm entsprach dem der Tahoe - Shows. In Nashville
sang Elvis als rare Zugabe noch den Countrysong "Faded Love" und in
New York gab es die für 1973 seltenen Lieder "Don't Be Cruel" und
"All Shook Up". Auch der Beatles - Klassiker "Something" kam
zum Vortrag. Nach dem Ende der Tournee kehrte Elvis am 04. Juli
nach Memphis zurück. Wenige Tage später spendete Elvis einer
Jugendorganisation 1.000 Dollar, da er aus der Zeitung erfahren hatte, dass
deren Zelt - Ausrüstung durch einen Sturm zerstört worden war. Am 11. Juli
traf Lisa Marie in Graceland ein, um die Sommerferien bei ihrem Vater zu
verbringen. Bei "RCA Victor" lief inzwischen einiges schief. Der
Colonel hatte der Schallplattenfirma den gesamten Katalog der Presley -
Aufnahmen bis einschließlich 1972 gegen eine Einmalzahlung verkauft (daneben
kassierte Parker noch erheblich mehr, als Extra - Bonus für
Vermittlungstätigkeiten, Promotion, etc. - in den frühen 80'ern wurde der
Vertrag von der Erbengemeinschaft gerichtlich angefochten). Da noch keine neuen
Musikverlage gegründet worden waren, hatte Elvis auch noch keine neuen Songs
produziert. Somit war der Musikkonzern gezwungen, auf alte, unveröffentlichte
Aufnahmen zurückzugreifen. Bedingt
durch die Krankheit von Elvis' Plattenproduzent Felton Jarvis hatte dessen
"Vertretung", Joan Deary, ein Album zusammengestellt und entsprechende
Infos zu den Schallplattenläden gegeben. Die LP sollte
Songs vom März 1972, sowie eine Liveaufnahme aus dem Madison Square Garden
Konzert vom 10.07.1972 und die zusätzlich angefertigten Aufnahmen der
"Aloha From Hawaii" Show beinhalten. Am Tag nach Bekanntgabe des
Inhaltes war Felton Jarvis zurück und änderte sämtliche Pläne. Alle von Joan
Deary geplanten Livesongs wurden
gekippt und durch Studioaufnahmen vom Sommer
1971 und einem Livetake aus dem Frühjahr 1972 aus Las Vegas ersetzt. Selten
wurde eine neue LP von Elvis Presley so ungnädig aufgenommen. Fans und Kritiker
waren gleichermaßen von dem Produkt entsetzt und beschrieben das Cover als
billig und den Inhalt als planlos zusammengewürfelte Überbleibsel aus den
Archiven. Damit trafen sie den Nagel auf den Kopf, zumal selbst der Titel des
Albums (die LP wurde schlicht "Elvis" genannt) war bereits im Jahre
1956 schon einmal benutzt worden. Entsprechend schlecht verkaufte sich die LP.
Sie erreichte nur den 52. Platz der Charts, konnte sich aber immerhin dreizehn
Wochen unter den ersten 100 halten. Um diesem Dilemma zu entkommen, forderte
"RCA" nun sowohl Colonel Parker, als auch Elvis selbst, dazu auf, noch
im Juli neue Aufnahmen zu liefern, um den vertraglichen Verpflichtungen
nachzukommen. Man erwartete zwei LPs (ein Album mit Popmusic und eine LP mit
Gospelsongs), sowie vier Singles. Ab dem 21.07.1973 hatte Felton Jarvis für
fünf Tage die "Stax" Studios gebucht. Das Studio war zu dieser Zeit
sehr angesagt und zeichnete sich durch eine Vielzahl von Hits aus, die dort
produziert worden waren. Auch die hauseigene Band galt als herausragend. Für
Elvis war allerdings einzig der Umstand entscheidend, dass das Studio nur fünf
Minuten von Graceland entfernt lag. Als der Star am ersten Abend dort eintraf,
waren die Musiker (von denen einige auch bei den legendären 1969'er Memphis -
Sessions mitgewirkt hatten) entsetzt. Elvis wirkte aufgequollen, blass und vor
allem desinteressiert. Er war, wie in den letzen Jahren nur allzu oft,
unvorbereitet und wartete auf die Dinge, die da kommen würden. Leider kam nicht
allzu viel, denn die Lieder, die man ihm vorlegte, fanden nicht gerade seine
Zustimmung - von Begeisterung nicht zu sprechen. Auch das Studio entsprach nicht
seinen Bedürfnissen, da es sich nicht für Liveaufnahmen eignete. Das Equipment
war völlig veraltet und konnte mit den modernen Studios von "RCA
Victor" nicht im geringsten mithalten. In den folgenden Tagen verspätete
sich Elvis von Mal zu Mal mehr und tauchte irgendwann schlicht nicht mehr auf.
Nur acht Lieder waren aufgenommen worden und selbst die waren nicht gerade
Weltklasse. Elvis war oft stoned, sprach undeutlich und sang schlecht. Als
Colonel Parker von den Aufnahmen erfuhr, rief er wutentbrannt bei Elvis an, um
diesen schlicht und ergreifend zusammenzuscheißen und ihm die Auswirkungen
seines Verhaltens klarzumachen. Danach versicherte er "RCA Victor"
hoch und heilig, Elvis werde die Aufnahmen noch im September nachholen, so dass
der November - Termin für die nächste LP gehalten werden könne. Elvis selbst
zog sich wieder hinter die Mauern von Graceland zurück und flog zum Monatsende
nach Las Vegas, um für das nächste "Elvis Summer Festival" zu
proben. Motiviert war er nicht gerade. Vor ihm lag ein weiterer, langweiliger
Monat in Las Vegas. In der Zeit vom 06. August bis zum 03. September lagen 58
Shows vor ihm und danach stand seine Scheidung auf dem Programm. Alles in Allem
keine berauschende Aussicht. Elvis versuchte sich bei den Proben zum neuen
Engagement an vielen, neuen Songs, endete aber immer wieder beim alten Programm.
Zur Opening Night hatte das "Also Sprach Zarathustra" - Intro einen
jazzigen Touch und neben den üblichen Liedern dieser Zeit sang er "My
Boy", "Memphis Tennessee" und ein Medley aus seinem 1958'er
Klassiker "Trouble" und seiner neuen Single "Raised On
Rock". Der Star selbst bot am Eröffnungsabend allerdings kein besonders
positives
Bild. "My Boy" wirkte gänzlich ungeprobt und Elvis bekam
weder den Text, noch die Melodie auf die Reihe. Am nächsten Tag waren alle
Neuerungen aus der Show verschwunden. Lediglich "Trouble" und "My
Boy" blieben im Programm, selbst die neue Single wurde ignoriert. Die
Pressemeldungen über die Qualität der Shows waren sehr unterschiedlich. Die
einen bezeichneten ihn als mehr, als nur etwas aus der Form geraten und
schrieben, es entstünde der Eindruck, Elvis imitiere sein früheres Selbst. Die
andere Fraktion war begeistert und berichtete von unterhaltsamen, kurzweiligen
Auftritten. Und tatsächlich schwankte die Qualität der Konzerte erheblich.
Zumeist wirkte der Star allerdings arg gelangweilt und zog eine Routineshow nach
der anderen durch. Insgesamt gab er das Bild einer satten, angeödeten Rockikone
ab. Zu fett, zu faul und zu berühmt, um sich noch in irgendeiner Art anstrengen
zu müssen - geschweige denn, es zu wollen. Am letzten Abend bot er eine völlig
ausgeflippte Show, bei der er sich über alles und jeden lustig machte. Für die
Fans war es unterhaltsam, die Las Vegas Touristen, die nur mal einen Blick auf
die Legende werfen wollten, ließen sich ihr Eintrittsgeld zurückerstatten. Sie
wollten einen Elvis sehen, der in seinen berühmten Glitzerkostümen auf der Bühne
steht und seine großen Hits singt. Stattdessen wurde Elvis (mit einem
Stoffaffen auf der Schulter) von Lamar Fike auf die Bühne getragen, begoss
Musiker und Publikum mit Wasser und kritisierte auf der Bühne die
Personalpolitik des Hotels. Parker war außer sich. Sofort nach der Show
stürmte er in Elvis' Garderobe und minutenlang war Geschrei zu hören.
Allerdings nur das vom Colonel, der wenig später wutentbrannt aus dem Raum
raste und die Türen knallte. Elvis folgte wenig später, mit gesenktem Kopf.
Später, in seiner Hotelsuite, feuerte Elvis den Colonel und erklärte, er werde
noch am selben Tage eine Pressekonferenz abhalten. Parker kündigte seinerseits
die Geschäftsbeziehung und kündigte ebenfalls eine Pressekonferenz an. Zuerst
aber listete er seine Forderungen gegenüber Elvis auf. Für das Aushandeln des
neuen Vertrages mit dem Hilton Hotel (nach dem Elvis in den Jahren 1974 und 1975
für ca. 160.000 Dollar je Woche zwei Gastspielreihen a' 2 Wochen abhalten
würde) und der Planung der nächsten Tourneen, sowie den Vorbereitungen für
weitere Schallplattenaufnahmen stellte Parker Forderungen, die in die Millionen
gingen. Das Papier ließ er dem stets sparsamen und ängstlichen Vernon Presley,
Elvis' Vater und Finanzmanager, vorlegen. Nachdem Vater und Sohn das Papier
durchgesehen und sich die Gemüter beruhigt hatten, verzichtete man auf die
Entlassung Parkers. Der Colonel hatte gewonnen. Elvis zog sich zurück. Am Tag
seiner Scheidung verließen er und Priscilla das Gerichtsgebäude
händchenhaltend und boten das Bild zweier, enger Vertrauter. Man lächelte für
die Presse und jeder stieg in seine Limousine und fuhr davon. Aber das waren nur
Äußerlichkeiten. Elvis war am Boden zerstört. In seinem Haus in Kalifornien
nahm er weitere Songs auf, um die neue LP fertigzustellen. Statt der geplanten
Lieder, sang Elvis allerdings Balladen, die ein Sänger seiner neuen Gruppe
"Voice" geschrieben hatte. Da es zu diesen Songs keine vorgefertigten
Musikspuren gab, fiel die Instrumentierung mit Gitarre und Klavier sehr
spärlich aus. Parker war außer sich und warf Elvis vor, die Schallplatte zu
ruinieren. Aufgrund des gesetzten Veröffentlichungstermins seien nachträgliche
Overdubbs nicht möglich - die Aufnahmen mussten im Rohzustand veröffentlicht
werden. Elvis schien es nicht zu interessieren. Der Star schien sich aufgegeben
zu haben. Er begann, wahllos Medikamente in sich hineinzustopfen und kollabierte
schließlich. Im Krankenhaus stellte man fest, dass der Entertainer bereits seit
längerem mit Hormonen, Schmerzmitteln und diversen, anderen Substanzen
behandelt worden war. Im Baptist Memorial Hospital machten die Ärzte dem Star
klar, dass er ein Abhängiger war. Zwar leugnete Elvis jedes Wissen über das
Zustandekommen seines desolaten Zustandes, aber niemand glaubte ihm wirklich.
Auch Dr. Nichopolus gab den Gedanken auf, man könne Elvis völlig von den
Medikamenten fernhalten. Und so rationierte er die Portionen und setzte seinen
Patienten auf eine leichte Mischung aus Schlaf-, Schmerz- und
Beruhigungsmitteln. Auch die Muntermacher, die Elvis einnahm, um den übrigen
Mitteln entgegenzuwirken, wurden rationiert. Die übliche Herbst - Tournee gab
es diesmal nicht. Stattdessen zog sich Elvis nach Graceland zurück, um sich zu
erholen. Währendessen verriss die Presse die neue LP und die dazugehörige
Single total. Die allgemeine Feststellung war, dass der künstlerische
Misserfolg allein Elvis' schwacher Interpretation, und nicht dem Liedmaterial
zuzuschreiben war. Auch kommerziell lief es nicht gut. Nicht einmal unter die
ersten vierzig schaffte es die LP und die Verkaufszahlen lagen weit hinter den
Erwartungen.
Trotzdem hatte sich Elvis für die Dezember - Sessions abermals
für das Stax - Studio entschieden. Diesmal ersetzte man die Haustechnik
allerdings durch Hightech - Equipment von "RCA Victor" und auch die
studioeigenen Musiker kamen nicht zu Einsatz. Elvis griff diesmal auf seine
eingespielten Konzertmusiker zurück, die von verschiedenen, anderen Musikern
ergänzt wurden, mit denen der King schon in den Jahren 1970 und 1971
zusammengearbeitet hatte. Auch das Liedmaterial lag Elvis mehr und seine Stimme
klang ebenfalls wesentlich kraftvoller, als im Sommer. Innerhalb von fünf Tagen
nahm er genug Material auf, um zwei LPs zu füllen. Für die Zukunft sah man im
Presley - Clan wieder viel Positives. Die öden, vierwöchigen Vegas -
Engagements waren um die Hälfte gekürzt worden, wobei die Gage dermaßen
erhöht worden war, dass die finanziellen Verluste kaum spürbar waren. Und auch
RCA hatte genug Material, um neue LPs und Singles veröffentlichen zu können.
Da sich auch Elvis' Verfassung immer weiter verbesserte, konnte es nun wieder
bergauf gehen...