Wurden nicht gerade im nordpolnischen Jedwabne folgende
Wörter gesprochenen? - "Wegen dieses Verbrechens lastet auf uns die
Pflicht, die Schatten der Opfer und deren Familien um Vergebung
anzuflehen. Als Bürger und Staatspräsident bitte ich deshalb heute um
Verzeihung. Ich bitte darum im eigenen und im Namen all jener Polen, deren
Gewissen durch dieses Verbrechen aufgerüttelt ist; im Namen jener, die der
Meinung sind, dass man auf die Größe der polnischen Geschichte nicht stolz
sein kann, ohne zugleich Schmerz zu empfinden und eine Scham für das Böse,
das von Polen anderen Menschen angetan wurde ..."
So Polens
Staatspräsident während der Gedenkfeier an einem Ort, an dem vor genau 60
Jahren Kinder, Frauen und Greise, die Juden waren, von ihren Nachbarn
grausam ermordet wurden. Ja, das hat Aleksander Kwasniewski gesagt und
noch einiges mehr. Nämlich, dass die Pogromopfer wehrlos waren und dass
dieses Verbrechen unentschuldbar sei. Es war nicht nur ein Verbrechen an
jüdischen Nachbarn, betonte der Präsident, auch an den Traditionen der Rei
Publicae. "Wir sprechen heute Worte der Reue und der Bitterkeit nicht
deswegen aus, weil der normale menschliche Anstand es verlangt. Auch nicht
aus dem Grunde, weil dies von uns erwartet wird und eine Genugtuung für
die Ermordeten ist oder die Welt uns heute hört. Wir selbst brauchen dies
am Nötigsten. Die Wahrheit!"
Das Thema ist damit auf keinem Fall
"abgehakt". Im katholisch-nationalen Radio Maryja äußerte einen
Tag später Bischof Stanislaw Stefanek, der Oberhirte der
römisch-katholischen Diözese in Lomza, dass mit der Rede Kwasniewski eine
internationale Verschwörung angespornt wurde, die "den Polen ihren guten
Namen zu rauben" gedenke. Mir fällt dazu folgendes Zitat ein: "Doch gibt
es Höllen, aus deren Haft / Unmöglich jede Befreiung; / Hier hilft kein
Beten, ohnmächtig ist hier / Des Welterlösers Verzeihung.
Heines Wintermärchen (Caput XXVII), bezogen vor über 150 Jahren auf das
damalige Deutschland, schreit mit diesen Versen unsere Verzweiflung
gewaltiger heraus als die These Alexander Mitscherlichs vom Unvermögen zur
wahren Trauerarbeit. Ich will hier keinesfalls pathetisch werden, aber das
Wort des Dichters über unsere Hilflosigkeit gegenüber dem Unwillen, "der
Wahrheit ins Auge zu schauen", verbleibt als selbsterhaltende "Tugend" in
der "politischen Terminologie" unserer Tage. Über die Amerikaner nach Son
My in Vietnam oder nach dem Wüstensturm von 1991 will ich mich
nicht äußern. Über die Deutschen nach 1945 nicht mehr. Die "chirurgischen
Schnitte" der NATO in Serbien 1999 gehören schon länger zum Diskurs.
Brandaktuell sind aber vor allem die Debatten, die jetzt in meinem Polen
(nicht nur über Pogrome wie in Jedwabne, auch über Verbrechen im
"realsozialistischen System") stattfinden oder auch die Konfrontationen in
Deutschland über die "Mauer" und ihre Opfer.
Welchen Sinn hat es,
einfach "Entschuldigung" zu sagen? Ist es eine Frage nach Sippenhaft und
Kollektivschuld? Nach Reue und Demut? Nach Schuldgefühl und Bekenntnis zur
Mitverantwortung? Ich weiß keine Antwort darauf. Ich bin befangen durch
meine eigene Mitgliedschaft in einer Partei, die bei uns von nicht wenigen
Leuten als "verbrecherische Organisation" gebrandmarkt wird. Ich selbst
kann mich - bei aller Ambivalenz gegenüber Werturteilen zur Vergangenheit
- nicht einfach aus der Geschichte abmelden und behaupten: Das waren die
Anderen! Auch wenn die es tatsächlich gewesen sind. Und weil in jedem von
uns die Sehnsucht nach Verdrängung steckt, muss jeder Mensch mit sich
selbst ins Reine kommen, wenn er es kann und will. Das sind zweifellos
triviale Wahrheiten, aber treffen die nicht den Kern der Kontroversen in
Deutschland, in Frankreich, in Polen, Russland und anderswo? Die Wahrheit
wollen, darauf kommt es an! Aleksander Kwasniewski hat dies in seiner
Jedwabne-Rede gewollt. Was daraus wird, steht dahin.
Nachbemerkung. Es fällt schwer, die Aufregung nachzuvollziehen, welche die Ereignisse von Jedwabne ausgelöst haben. Verglichen mit dem, was die Polen ihren Minderheiten - Millionen Deutschen, Juden, Ukraïnern, Litauern und Weißrussen - angetan haben - sowohl vor dem Zweiten Weltkrieg als auch während desselben und danach -, sind die Juden von Jedwabne doch allenfalls die Spitze vom Eisberg. Jenen Berg aufzudecken, der immer noch unter dem Mantel der politisch-korrekten Zensur der herrschenden "Gutmenschen" verborgen liegt, wagt der Autor nicht einmal ansatzweise - man darf also bezweifeln, ob ihm die Wahrheit wirklich so wichtig ist wie er das Kwasniewski in den Mund legt. N. Dikigoros
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