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Alle Medien berichten dieser Tage von der Rückkehr Hong Kongs heim ins chinesische Reich. Wie, wann und warum aber kam England ursprünglich an diese Schatzinsel? Durch gnadenlose Dope-Dealerei in größtem Stil. Opium ohn' Ende. Das britische Empire führte die 'Opium-Kriege' (Kriege für Rauschgift), um den Chinesen gegen deren Willen ihr in Indien er zeugtes Opium aufzudrängen. [Nun, so ganz gegen den Willen der Chinesen geschah das wohl nicht, denn die konsumierten das Zeug schon seit jeher mit großer Begeisterung; richtig ist, daß es gegen den Willen der chinesischen Regierung geschah, Anm. Dikigoros] Dieses perfide Spiel gelang: Das Empire wurde zur beherrschenden Weltmacht und ein Drittel der Chinesen süchtig. Die Festland-Chinesen sind sich dieser größten Demütigung in ihrer Geschichte bis heute sehr bewußt. Nun können die Opium-Kriege endlich für beendet erklärt werden. Seit dem 1. Juli steht fest: Nach 156 Jahren dürfen sich die Chinesen endlich als Gewinner dieser Kriege fühlen. Die Chinesen rauchen sich kaputt, Victoria macht Kasse
Offiziell blieb Opium nach dem 1. Opiumkrieg verboten, doch auch Kaiser Daoguang gelang es nicht, seine Opiumpolitik durchzusetzen. Zu viele Beamte seines Hofes waren am illegalen Handel beteiligt, viele sogar selber süchtig. Vor allem einige Provinzfürsten vergoldeten sich durch diesen Handel ihr Leben. Außerdem bauten sie vermehrt Mohn in China selber an. Geschmuggelt wurde auf Teufel komm raus, wie der folgende Bericht des Sekretärs der Opiumfaktorei Hong Kong, Mr. Chan Sai Ming, beweist: "Der gewöhnliche Chinese schmuggelt Opium in seiner Mütze, unter jedem Arm hat er einen damit angefüllten Beutel, ebenso auf der Hinterseite der Schenkel, die Waden werden damit verstärkt, um den Leib trägt er einen damit gefüllten Gürtel, zwischen den Beinen ein kleines Netz mit Opiumbüchsen. In der einen Hand hat er einen Schirm, der Opium birgt, in der anderen einen Korb mit der Teekanne. Zwischen dem Futter des Korbes und dem Geflecht liegt Opium. Die Frauen - die man nicht körperlich durchsucht - sind die ärgsten Schmuggler: falsche Brüste und ein großer mit Opium gefüllter Beutel, der eine Schwangerschaft vortäuscht, sind bei ihnen besonders beliebt. Aus der Taschenuhr wird das Werk heraus genommen, die Litchi-Früchte völlig ausgehöhlt und beides mit Opium nachgefüllt. Auf den Schiffen versteckt man es unter den Planken und hinter der Täfelung. Oder man wirft es in möglichst unscheinbaren Verpackungen über Bord, um es nachher wieder aufzufischen. Am raffiniertesten sind Behälter, in denen man es über Bord wirft, worauf sie untersinken, aber nach 2-3 Tagen wieder emporsteigen." China mußte kapitulieren.
Diesmal regelte der Friedensvertrag auch die Opiumeinfuhr. Das alte Verbot wurde offiziell aufgehoben und die unbeschränkte Einfuhr gestattet. Sehr günstig für das britische Königshaus, denn die East-India Company war 1857 aufgelöst worden, und das Opiummonopol war ans Königsreich übergegangen - High Britannia! Auch Kowloon mußte 'auf ewig' an die Briten abgetreten werden (die hier ihr staatliches Opiummonopol errichteten, das bis nach dem 2. Weltkrieg bestand!) Das Zollsystem wurde sehr fremdenfreundlich, die Engländer konnten mitbestimmen (und kassieren). Chinesische Arbeiter durften geködert und in überseeischen Kolonien quasi als Sklaven eingesetzt werden [u.a. für den Bau der US-Eisenbahnlinien über die Rocky Mountains, der so gefährlich und schlecht bezahlt war, daß sich dafür nicht mal Iren hergegeben hätten, Anm. Dikigoros]. Von der Erfindung der Injektionsspritze zur 'Soldatenkrankheit'
"In alten Zeiten", so ein Persischer Gelehrter, "pflegte man die Leiden derer, die durch Schwert oder Lanze verwundet worden waren, mit Opium zu stillen. Damals hielten die Menschen den Schmerz für das Gift und das Beruhigungsmittel Opium für sein Gegengift." Bei Rudolf Gelpke heißt es: "Das Opium ist durch und durch unkriegerisch. Friede, Klarheit und Entrüstung, das sind seine immer wiederkehrenden Geschenke. Ich erinnere mich, in Persien eine Karikatur aus der Kriegszeit gesehen zu haben, auf welcher der Nüchternheits-Fanatiker
Hitler neben dem Whisky trinkenden
Churchill
abgebildet war, und darunter stand der Text: 'Ach, wären sie doch opiumsüchtig - wie manches bliebe uns da erspart!" Der Widerstand regt sich
Vor allem in den USA bildeten sich zunehmend Initiativen für ein Opiumverbot. Auch in England, Indien und China entwickelte sich, in Asien meist von Missionaren getragen, der Widerstand. Der Handel erwies sich jedoch als überaus geldsüchtig, der auf diesen Schuß der Opium-Profite in den Geschäftsarm nicht mehr verzichten konnte. Oder wollte. Wie das bei Süchtigen halt so ist. Man warnte, daß auch die gesamte indische Wirtschaft zusammenbrechen würde, falls plötzlich alle Mohnbauern arbeitslos würden. Ungedopete Maden aus Germany
Nicht nur die Portugiesen und Engländer nahmen sich Teile Chinas zur Kolonie, auch die Russen, Franzosen und Deutschen mischten mit. [Anm. Dikigoros: Im Gegensatz zu allen anderen Staaten pachteten die Deutschen chinesische Gebiete aufgrund nicht erzwungener, sondern freiwilliger Verträge, gegen Bezahlung.] Wie andersorten bestimmten Missionare und Kaufleute (Kolonialwarenhändler) die Kriegsroute. Deutsche Offiziere wirkten schon ab 1885 als Militärberater in China. Sie waren den Chinesen im Frankreichkrieg 1870/71 positiv aufgefallen. Noch heute heißt der
Paradeschritt auf chinesisch
'deutscher Schritt'. Ein gutes Image hatten auch die Kanonen von Krupp, für die der chinesische Kaiser geradezu
schwärmte.
Kein Wunder also, daß die berühmten anti-imperialistischen Boxer-Aufstände in Shandong losgingen. In den ersten achtzehn Monaten deutscher Besatzung kam es auf über 1000 Aktionen gegen deutsche Missionare und Händler. Der Opium-Rausch - das unendliche Entzücken"Ich nehme Abschied von der Stadt. Nochmal zum Tempel der Literatur, Dank für die erfolgreiche Recherche in Räucherstäbchen umsetzen. Ein Opiumdöschen erstehen. Und wer sitzt dort? Loni Lip Chen. Er faßt mich an der Hand und führt mich durch verwegene Gassen, Blade Runner Style, in ein, muß man wohl sagen, Kabuff. Viel Rauch um was. Ruhe. Angenehme Stimmung. Liegende Reisende. Mir werden Spielregeln verklickert, die teilweise wie Hippie-Kiffer-Brauchtum anmuten:
Rauchen, Tee trinken, zurück lehnen, die Augen halb schließen & another smoke dream starts. Dafür fehlen mir die Worte, bin hier schließlich Reporter und kein Schriftsteller. Da zitiere ich lieber einen Fachmann mit poetischen Gaben: "Mir schien, das Gesetz der Schwere gelte für mich nicht mehr, und frei flog ich hinter meinen Gedanken her, die reich und weit und überdeutlich klar waren. Eine tiefe, unaussprechliche Wolllust erfüllte mich. Ich war frei von der Last meines Leibes. Mein ganzes Sein fühlte sich der still dahintreibenden Welt der Pflanzen zugehörig, einem beruhigten Dasein und doch voll zauberisch lieblicher Formen und Farben. Mein Leib dachte, mein Leib träumte, er glitt dahin, als sei er befreit von der Dichte und der 1 Schwere irdischer Luft, und flatterte durch eine fremde Welt. Das Opium hatte mir seine Pflanzenseele mit kaum wahrnehmbar trägen Bewegungen eingehaucht, und ich lebte und bewegte mich inmitten der Welt der Pflanzen; ich war selber eine Pflanze geworden. Der Zusammenhalt meiner Gedanken löste sich, und sie mischten sich mit den Farben und Formen einer unbekannten Welt. Ich war in Wellen getaucht von sanftester Zärtlichkeit. Ich konnte das Schlagen meines Herzens hören, das Pochen meines Pulses spüren. Und all dies war voll tiefer Bedeutsamkeit und erfüllte mich zugleich mit einem unendlichen Entzücken." Immer wieder neue Realitäten
Eine letzte Überfahrt mit der Star Ferry nach Kowloon. Sehnsüchtige Gedanken, während die Skyline HongKongs im Dunst verschwindet. Der Turm der Hongkong & Shanghai Banking Co., wie alle wichtigen Häuser Hong Kongs streng geomantisch ausgerichtet, schlägt alle Rekorde. Er ist mit 1,5 Milliarden Baukosten bei Fertigstellung 1986 das teuerste Gebäude der Welt. [Lang lang ist's her, Anm. Dikigoros, der zu diesem Thema
an anderer Stelle
mehr schreibt.] Er sieht aus wie ein futuristisches Schlachtschiff. Man kann unter ihm hindurchgehen und sich von der wohltuenden Kühle, die das Gebäude abgibt, erfrischen lassen. Die beiden großen Drachen/Löwen vor dem Eingang scheinen alles Mißliche von der Bank fernzuhalten. Business boomt. Ihr aktueller Werbespruch: "Your future is our future". You bet! - In Shenzhen, auf chinesischer Seite, wurden zwei Bürger Hong Kongs mit 45 kg Heroin gebustet. Man vermutet eine ähnliche Bande wie die, die man im vergangenen April verurteilt hat. Damals wurden 8 von 40 Angeklagten hingerichtet. - In Vietnam begann der bislang größte Heroinprozeß der Geschichte des Landes. Vietnamesen wurden erwischt, wie sie Heroin nach China schmuggeln wollten. Eine Umkehrung des traditionellen Drogenhandels. Vietnam hatte 1975, als die Amerikaner abzogen, 130.000 Süchtige, denen ihre Sucht aber innerhalb weniger Jahre sozialistisch rigoros ausgetrieben wurde. Inzwischen führte man einen Sanftkapitalismus ein, und die Zahl der Süchtigen hat wieder 130.000 erreicht. Im größten Drogenprozeß der neuen Geschichte des Landes wurde hart geurteilt: 8 mal lebenslänglich und 8 mal Tod durch Kopfschuß.
Das Ende der SchmachVor allem die in den vergangenen zwanzig Jahren zugereisten potentiell neureichen Anwälte und Banker werden verächtlich FILTH (Dreck) tituliert. Diese Abkürzung steht für 'Failed in London, Try HongKong' (In London gescheitert, versuch es in HongKong). Wie die Chinesen nun mit den kapitalistischen Strukturen Hong Kongs umgehen werden, läßt sich heute noch nicht abschätzen. Karmisch angesagt wäre es wohl, wenn sie HongKongs historische Rolle als Drogenumschlagplatz Nr. 1 nutzen würden, wenn auch in umgekehrter Zielrichtung. Die großen Banken haben das Know-how, notfalls im Archiv. Und man muß ja nicht bei Opium bleiben, das man ja allemal erst einführen müßte. Wieso gibt es in HongKong bislang fast nur Ecstasy Tabletten aus Holland? Gerade wurde ein ganzes Schiff voll ähnlicher Tabletten aus Korea in Japan gebustet. Der Drogenrubel rollt überall. Und wenn man schon einmal das Know-how hat... Im Dezember 1984 einigten sich Margaret Thatcher und Deng Xiaoping auf einen Ablauf der Rückgabe. Die Chinesen werden das kapitalistische System in HongKong für weitere 50 Jahren fortsetzen. Das Motto: Ein Land, zwei Systeme. Der scheidende britische Gouverneur Hong Kongs (witzigerweise ein Studienkollege des größten Haschisch-Dealers aller Zeiten, Howard Marks) räumt ein: "Es wäre ignorant und vermessen, wenn wir nicht verstehen würden, warum wir keinen Dank erwarten können. Jeder Chinese, auch die absoluten Anti-Kommunisten, werden angesichts des Endes der für viele Chinesen erniedrigendsten Episode aus dem vergangenen Jahrhundert, rechtmäßig stolz sein. Viele Chinesen werden sich an die kleineren Diskriminationen der Vergangenheit erinnern, oder daran, daß unterqualifizierte Europäer eher Jobs bekamen als qualifizierte Chinesen. All das ist unausweichlich und nachvollziehbar." Viele Chinesen haben auch nicht vergessen, daß es erst vor sechs Jahren, d. h. nach 149 Jahren Kolonialgesetzen, unter dem Druck der Übergabe, erste Wahlen mit einem demokratischen Hauch gab. Peking ist so gesehen erbost darüber, daß die Engländer, kurz bevor sie HongKong verlassen, dort plötzlich eine Art Demokratie einführen, die von den Chinesen laut Vertrag übernommen werden muß. Im Jahr 2007 soll über eine Verfassung abgestimmt werden. Ein wahres Kuckucksei, das die Briten den Chinesen da ins Nest gelegt haben. Aber wer kümmert sich schon um demokratische Stolpersteine, wenn es um das Geschäft geht? Als Kanzler Kohl im Mai in Hong Kong vorsprach, traf er sich nicht mit den demokratische ge wählten Volksvertretern, sondern mit dem von den Chinesen eingesetzten Chef der 'neuen Provinz', Tung Chee-Hwa. "Kohl hat vermieden, hier überhaupt jemanden zu treffen", berichtete die taz.. Das wäre wohl schlecht für künftige Geschäfte mit ganz China. Für alle Chinesen bleiben die Opiumkriege die größte Demütigung, die sie jeh in ihrer langen Geschichte erlitten haben. Entsprechend groß die aktuelle Medienoffensive. Natürlich war HongKong immer chinesisch, es war nur kurz verliehen und kommt nun veredelt und angereichert zurück. Im Sommer kommt der aufwendigste und teuerste Film, der je in China gedreht wurde, in die Kinos. Hoffentlich auch in unsere, damit wir diese Fußnote der Geschichte auch durch die Augen jener sehen können, die, lange unterdrückt, sich nun als Kriegsgewinnler sehen. "Die Kolonialisten, Opiumhändler und westlichen Imperialisten gehen jetzt alle nach Hause," heißt es da naiv propagandistisch geschichtsfälschend, "und Hong Kong wird wieder der Stolz Chinas." [Anm. Dikigoros: Wieder? Wann war es das denn je, bevor die "westlichen Imperialisten" kamen?] Nur: Während wir voraussichtlich auch weiterhin gerne als Geschäftsleute und Touristen in HongKong empfangen werden, bleibt 1,2 Milliarden Landsleuten der Zugang zur "Blume der kapitalistischen Zivilisation" verwehrt. Anderseits haben Hundertausende, wenn nicht gar Millionen Chinesen, die im Laufe der Jahre aus China geflohen waren, Pech. Die Zeit wird zeigen, wie China nun HongKong verändert. Tung Chee-Hwa formuliert es so: "Wir, die 6,5 Millionen Menschen von HongKong, sind endlich Herr im eigenen Haus." (Anm. Dikigoros: So kann man sich täuschen..." :-) Der Autor rauchte und genoß in den 1970er Jahren dreimal Opium und würde dies bis über sein Lebensende hinaus gerne einmal jährlich stilvoll wiederholen. Wenige Wochen vor der Rückgabe des ehemaligen Kriegsgutes an China fuhr er nach Hong Kong und Vietnam und schnüffelte dort keine Drogen, aber 'rum. Eine ausführlichere Fassung dieses Textes, Der größte Drogen-Deal aller Zeiten, mit mehr Illustrationen und Literaturhinweisen, erscheint voraussichtlich im Sommer 97 in der Edition RauschKunde. Ask your local dealer. weiter zu Der Opiumkrieg (Spielfilm) zurück zu Welchen Frieden bringt das Meer? zurück zu 100 Tage - 100 Jahre heim zu Reisen durch die Vergangenheit |