GRASS' SPÄTES EINGESTÄNDNIS

Eine zeitgeschichtliche Pointe

von Frank Schirrmacher (FAZ, 12. August 2006)

(mit einer Nachbemerkung von N. Dikigoros)

Tätowiert wurde er nicht. Im Herbst 1944 hatte die Waffen-SS, die bis dahin jedes ihrer Mitglieder mit einer Blutgruppen-Tätowierung kennzeichnete, offenbar keine Zeit mehr für derartige Prozeduren. Aber die Uniform trug er. Er war siebzehn. Und er, der in Fragen der historischen Schuld zum womöglich wichtigsten Auskunftgeber der Deutschen wurde, hat darüber bis heute geschwiegen.

Niemand wußte davon, nicht einmal seine Kinder; nur seine Frau. Alle Biographien - zuletzt die aus unzähligen Gesprächen über die Jugend des Schriftstellers im Dritten Reich schöpfende von Michael Jürgs - verzeichnen den Günter Grass des Jahres 1944 als Flakhelfer.

Verschweigen als Lebensthema

Zweiundsechzig Jahre sind seither vergangen. Jetzt offenbart der fast Achtzigjährige in seinen Erinnerungen die Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Grass war Panzerschütze der 10. SS-Panzerdivision „Frundsberg“. Einer ihrer Kommandeure - er verließ die Division im Herbst 1944 - war Karl Fischer von Treuenfeld, berüchtigt, weil er nach dem Mord an Heydrich die Vergeltungsmaßnahmen in Prag leitete.

Warum jetzt, warum überhaupt? Im Gespräch mit der F.A.Z sagt Grass: „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das mußte raus, endlich.“ Wer die Rhetorik der Nachkriegs-Entschuldigungen und -Beschuldigungen kennt, glaubt, nicht recht zu hören. Der Autor, der allen die Zunge lösen wollte, der das Verschweigen und Verdrängen der alten Bundesrepublik zum Lebensthema machte, bekennt ein eigenes Schweigen, das, folgt man nur seinen eigenen Worten, absolut gewesen sein muß. Mit keinem seiner Kollegen hat er je darüber geredet, und auch in den großen Debatten der Nachkriegszeit hat er in diesem Punkt geschwiegen.

Das Mal trug er bis heute

Was wäre gewesen, wenn Franz Schönhubers Waffen-SS-Traktat „Ich war dabei“ auf seine Gegenstimme gestoßen wäre, unter der Überschrift „Ich auch“? Wie wäre die Bitburg-Debatte verlaufen, wenn er sich damals erklärt hätte - und sei es im selbstbezweifelnden goetheschen Sinne, daß er noch nie von einem Verbrechen gehört habe, das er nicht auch selbst hätte begehen können? Statt dessen nannte er den Besuch von Reagan und Kohl auf dem Soldatenfriedhof, wo, wie wir nun wissen, womöglich Angehörige seiner eigenen Division lagen, „eine Geschichts-Klitterung, deren auf Medienwirkung bedachtes Kalkül Juden, Amerikaner und Deutsche, alle Betroffenen gleichermaßen verletzte“. Mag sein, daß es so war - aber wäre die Debatte nicht wahrhaftiger gewesen, wenn man gewußt hätte, daß aus einem verblendeten Mitglied der Waffen-SS (so stellt Grass selber sich dar), einem der Jugendlichen, die da lagen, einer wie er hätte werden können - nicht nur ein Verteidiger, ein Protagonist von Freiheit und Demokratie? Grass wurde nicht tätowiert, gewiß, aber das Mal trug er bis heute.

Das ist, um es deutlich zu sagen, keine Frage von Schuld und Verbrechen. Grass war ein halbes Kind. Auch später hat er sich nie zum Widerstandskämpfer stilisiert. Daß er bis zum Nürnberger Prozeß an Hitler geglaubt und den Holocaust für eine Erfindung der Alliierten gehalten habe, hat er immer wieder erklärt. Der Film „Kolberg“, im Januar 1945 als Durchhaltefilm in die Kinos gekommen, hat ihn stark beeindruckt. Auch hatte die Waffen-SS, in die Grass als Kriegsfreiwilliger 1944 eintrat, bereits Züge des letzten Aufgebots.

Zurückgeworfen in den Mahlstrom von 1945

Immer wieder ist von den Angehörigen dieser Generation überliefert, wie sie sich über die jungen Leute wundern, die sie einst gewesen sind - die Beschäftigung mit der eigenen Jugend wird zu einem Akt der Selbsterziehung, und es ist kein Wunder, daß fast alle ihre Erinnerungsbücher in dem Augenblick aufhören, da die Jugend vorbei ist. Alle diese Achtzigjährigen, von Grass bis Joachim Fest, der ebenfalls in diesem Herbst Jugenderinnerungen vorlegt, sind in allen Erfolgen gleichsam festgefrorene, gebannte Jugendliche geblieben - wie unerlöst und immer wieder zurückgeworfen in den Mahlstrom des Jahres 1945, trotz aller Bewältigungsversuche der Nachkriegszeit.

Es ist eine zeitgeschichtliche Pointe, wie kein Romanschriftsteller sie sich ausdenken könnte, daß die große Nachkriegserzählung der Deutschen von Schuld und Scham, die Galerie der Täter, der Verstrickten und Mitläufer, jetzt - denn es ist jetzt wohl das Ende - mit Günter Grass und seinem Eingeständnis endet. Grass ist der letzte, der sagt: Ich habe zu lange geschwiegen. Und: Es hat mich belastet. Grass!

Die erklärende Stimme fehlte

Im Licht dieser Selbstoffenbarung werden Kritiker und Germanisten das Leben des oft beneidenswert selbstgewissen, das Schaffen des oft genialen Mannes einer behutsamen Revision unterziehen. Noch im Gespräch mit der F.A.Z. beklagt er das Fehlen von „Bewältigung“ und ist nun doch selbst zum Symbol der Schwierigkeiten solcher Bewältigung geworden.

Grass wird im nächsten Jahr, hoch geehrt, seinen achtzigsten Geburtstag feiern. In den fast fünftausend Seiten politischer und autobiographischer Prosa umgeht er, was nun auf ein paar Seiten seiner Erinnerungen angesprochen wird. Aber verständlich wird heute die fast unmäßige Wut auf die Eltern- und Großelterngeneration, in seinen Augen symbolisiert durch Adenauer und Kiesinger.

Als vor einigen Jahren bekannt wurde, daß der Romanist Hans Robert Jauß mit achtzehn in die Waffen-SS eingetreten war, beschädigte dies irreversibel sein wissenschaftliches Renommee. Damals hätte eine erklärende Stimme gutgetan. Keine, die beschönigt, was die SS gewesen ist, sondern eine, die klarmacht, daß kaum jemand für sich als Siebzehn- oder Achtzehnjährigen garantieren kann. Es geht nicht, schon gar nicht im Jahre 2006, um Schuldzuweisungen, sondern um jenes Gran von Skepsis und Selbstverunsicherung, die einem beibringen, daß das Leben kein Hollywood-Film ist, in dem man immer auf seiten der Guten das Kino verläßt.


Nachbemerkung
Nun hat also auch den G.G. der lange Schatten seiner Vergangenheit eingeholt. wir wissen jetzt, daß auch er der Blechtrommel gefolgt war und daß er mit seinem Publikum Katz und Maus spielte. War es schlimm, daß er in der Waffen-SS war? Na kaum, das war eine Truppe wie andere auch - nur besser. All die "Kriegsverbrechen", die man ihr nach dem Zweiten Weltkrieg angehängt hat, beruhten auf frei erfundenen "Geständnissen", welche die Henkersknechte in Nürnberg und anderswo mit bestialischen Foltern ihren Gefangenen abpreßten, um die ungeheuren Kriegs- und Nachkriegsverbrechen der Alliierten später einmal "aufrechnen" zu können. [All das könnt Ihr, liebe nicht-deutsche Leser, in den Werken der Bardèche, Faurisson, Rassinier und anderer Franzosen (!) nachlesen, die in der BRD unter dem Vorwand, daß ihre Verfasser "Holocaust-Leugner" seien, verboten sind, obwohl das eine mit dem anderen schwerlich etwas zu tun hat; aber sie enthalten zu dem Thema, um das es hier geht, mehr unangenehme Wahrheiten als alle heutigen deutschen Geschichts- und Märchenbücher zusammen.] Man kann es also Grass nicht im Ernst verübeln, daß er seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS so lange verschwieg - unmittelbar nach dem Krieg drohte ihm Folter und Tod, und danach (bis heute!) Vernichtung seiner beruflichen und gesellschaftlichen Existenz durch die politisch-korrekten Gutmenschen, die von der Gnade ihrer späten Geburt profitieren. Nun ist umgekehrt auch kein Mitleid mit Grass angebracht. Dikigoros hält ihn für einen grottenschlechten Schriftsteller und politisch für den allerletzten A... Was an seinem Handeln verwerflich ist, ist seine lebenslange Hetze gegen Menschen, die in keiner anderen Situation waren als er selber, und die nach dem Krieg diffamiert wurden, weil sie genau das gleiche getan hatten wie er - nur im Gegensatz zu ihm erwischt worden waren. Und schlimmer noch, seine widerwärtige Hetze gegen solche, die lediglich die Toten ruhen lassen wollten. Was regte sich Grass doch auf, Reagan und Kohl - der im Gegensatz zu ihm wirklich nur Flakhelfer gewesen war - es wagten, den Soldatenfriedhof in Bitburg zu besuchen, wo neben Angehörigen der US-Army und der Wehrmacht auch solche der Waffen-SS begraben liegen. Er beschimpfte sie darob als "Nazis" - das ist, wie man so schön sagt, "unterste [Ka]Schublade"! Dikigoros meidet bewußt das Wort "Untermensch", weil es heute falsche Assoziationen wecken könnte und weil gerade die Waffen-SS mit dem, was die Nazis (einschließlich der "regulären" SS!) so nannten, keine Berührungsängste hatten. Was Schirrmacher hier nicht thematisiert ist, daß Grass sich bereits zwei Jahre vor seinem Eintritt in die Waffen-SS als Freiwilliger bei der Reichsmarine gemeldet hatte (was lag näher für einen Danziger?!) und abgewiesen worden war. Gut möglich, daß man den häßlichen Kaschuben dort als "rassisch minderwertig" und "wehrunwürdig" eingestuft hatte. Die Waffen-SS nahm dagegen im Herbst 1944 so ungefähr jeden, der noch ein Gewehr halten oder einen Panzer fahren konnte, egal woher er kam. Bei Kriegsende dienten mehr "Ausländer" als "Deutsche" in der Waffen-SS, einschließlich Muslime, Juden u.a., die in der "ordentlichen" Wehrmacht nicht angenommen worden wären. (Die Waffen-SS war zu dem Zeitpunkt keine "Elite" mehr, sondern mehr Ausschuß als Auswahl.) Was will nun Grass mit diesem seinem späten "Geständnis" bewirken? Na was wohl: Werbung für sein neues Buch! Tun wir ihm nicht den Gefallen, und verbrennen wir das Zeug bloß nicht auf irgendwelchen moralischen Scheiterhaufen (denn das wäre, wie die Erfahrung lehrt, Reklame durch die Hintertür!), sondern lassen es dort verstauben, wo es hingehört: In die Regale der "modernen Antiquariate" und Remittenden-Verramscher! N.D.

Und um noch einen Nachtrag kommt Dikigoros nicht herum, da er diese Seite als Anhang zu "Herzliche Grüße aus Italien", und insbesondere zum Absatz über Frundsbergs Italienfeldzug, verlinkt hat: G.G. hat auch behauptet, daß er zusammen mit einem gewissen Josef Ratzinger in Kriegsgefangenschaft war. Wenn das stimmt (Dikigoros weiß es nicht, und der Vatikan schweigt hartnäckig - vielleicht aus gutem Grunde?) und wenn man weiß, daß die Alliierten ihre Gefangenen für gewöhnlich sorgfältig separierten, d.h. Angehörige der Wehrmacht von solchen der Waffen-SS trennten, dann muß man nur noch zwei und zwei zusammen zählen, um zu dem Schluß zu gelangen, daß knapp fünf Jahrhunderte nach dem Tode ihres Namensgebers und sechs Jahrzehnte nach ihrem Untergang an der Ostfront einer der ihren Rom erobert hat. Was eine solche "Entdeckung" für Konsequenzen hätte, ist noch nicht abzusehen - es dürfte vom Zeitpunkt abhängen: Wenn "Benedikt" zuvor das Zeitliche segnet, dann wird man ihn lediglich aus den Annalen der Päpste streichen (Präzedenzfälle dafür gibts genug), sonst wird man ihn wohl zum Rücktritt zwingen. Wie auch immer - ein Trost bleibt: Man wird G.G. nicht zum Gegenpapst machen!

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