Seltene Tierarten in der politischen Landschaft
EXCLUSIV schrieb der große Professor Gimmig, von vielen schon für tot gehalten, diesen Beitrag für das DDM. Erstaunlich, welche seltsamen Kreaturen sich in irgendwelchen Ecken und Winkeln tummeln. Obwohl - viele von uns haben schon mal das eine oder andere Exemplar gesehen...
--Der große schwarze Blähbauch lebt am liebsten in undurchsichtigen Sümpfen, wo er manchmal eine Symbiose mit dem lichtscheuen Geldscheißer eingeht. Von Natur aus eine imposante Erscheinung, hat der Blähbauch keine natürlichen Feinde. Alleine durch seine gewaltige Körpermasse kann er schon jeden Ansatz zur Kritik an ihm unterdrücken. Sollte sich doch einmal ein Artgenosse oder gar ein Angreifer in seine Nähe wagen, dann wird er durch wortschwallartig hervorbrechende Blähungen davongejagt.
Der Blähbauch ist ein typischer Einzelgänger, der auch am liebsten alle Entscheidungen für sich selbst trifft und - bedingt durch sein enormes Gewicht - so gut wie nie von seinem Standpunkt abzubringen ist. Wie ein Felsblock steht er da und sondert immer wieder Blähungen ab, um sich Respekt zu verschaffen, was ihm auch gut gelingt. Erstaunlich ist die hohe Lebensdauer dieser Kreatur: Es soll Exemplare geben, die selbst nach vier Legislaturperioden immer noch frisch und munter aussehen und ehrfurchtgebietende Blähungen von sich geben können. Aber solche Giganten sind wirklich sehr, sehr selten.
--der lichtscheue Geldscheißer ist das einzige Lebewesen, das der Blähbauch in seiner Nähe duldet. Niemand kann genau sagen, wo dieses Tierchen herkommt und was seine genauen Lebensgewohnheiten sind, denn in Gefangenschaft überlebt es nicht lange, und beobachten kann man es so gut wie nie. Man kann sagen, dass der Geldscheißer die wohl rätselhafteste Lebensform überhaupt ist. Auch das genaue Verhältnis zum Blähbauch ist nicht geklärt, und es darf bezweifelt werden, ob die Wissenschaft jemals dieses Rätsel lösen wird.
--die Nörgler treten in verschiedenen Farben und Formen auf. Allen gemeinsam ist aber das große Maul, mit dem sie bei Revierkämpfen ihre Feinde vertreiben, aber auch laut nach Koalitionspartnern schreien. Nörgler können einzeln auftreten, dann sind sie noch erträglich, oder aber in großen Herden - DAS ist dann wirklich sehr bedenklich.
Die roten Nörgler, vor hundert Jahren noch häufig anzutreffen, sind ziemlich selten geworden. Sollte man doch mal einem begegnen, dann ist Vorsicht angesagt - Nörgler können gewalttätig werden! Ein anderer Vertreter ist der gemeine grüne Treter, der vor allem dadurch auffällt, dass er ständig seine Überzeugungen verliert. Der faltige Joschi gibt Rätsel auf: Seinem Verhalten nach, so könnte man meinen, kein echter Nörgler, ist er aber einer der schlimmsten. Seine Nörgeleien kommen ziemlich leise, aber dafür sehr eindringlich daher, und sein dunkelgraues Fell (das oft mit dicken Brocken einer dubiosen Vergangenheit verklebt ist) lässt ihn nobler erscheinen, als er wirklich ist. Die schimmelgrünen Fundis sind mittlerweile in einigen Gegenden zu einer echten Landplage geworden und werden ihren Status als bedrohte Tierart daher bald verlieren. Man kann noch nicht einmal ein paar Brocken Atommüll mit der Eisenbahn spazieren fahren, ohne dass diese Quälgeister in Massen auftreten und alles zum Stillstand bringen. Wie die Lemminge rennen sie von einer Protestveranstaltung zur anderen und demonstrieren ihre Zersörungswut. Braune Nörgler gibt es natürlich auch, aber von denen sieht und hört man zum Glück wenig, denn sie sollen sehr bösartig sein. Eine besondere Gruppe der Nörgler sind die großkopferten Geldsäcke, die, eigentlich ohne Grund, immer nur davon reden, wie schlecht es ihnen geht.
--der Gerdschrötter ist eines der seltsamsten Lebewesen, das in der politischen Landschaft vorkommt. Seine Fähigkeiten, sich zu verstellen, sind noch größer als die des Chamäleons.
Er kann angeblich die unglaublichsten Dinge: Gleichzeitig an mehreren Orten sein, gleichzeitig in verschiedene Richtungen laufen, sich unsichtbar machen und jedes Problem lösen. Ich persönlich glaube das nicht, jedoch gibt es absolut seriöse Forscher, die das schon beobachtet haben wollen.
Andere Wissenschaftler sind aber der Meinung, dass der Gerdschrötter durch irgendwelche Tricks unsere Sinne vernebelt und gar nichts kann. Nach dieser Theorie ist er etwa so beweglich wie der Blähbauch und so intelligent wie der Sockenträger oder ein Nörgler.
Was es also mit dem Gerdschrötter wirklich auf sich hat, werden wir frühestens Ende 2002 erfahren, wenn eine mehrjährige Beobachtungsphase eines freilebenden Exemplars beendet ist.
--der braune Sumpfquäker ist ein von außen possierlich anzuschauendes Tierchen, das aber permanent unverständliche Quäklaute von sich gibt und daher sehr unbeliebt ist. Das Gequake dieser Tierchen ist so unverständlich, dass noch nicht einmal die eigenen Artgenossen es verstehen. So verwundert es nicht, dass die Vermehrung sich in engen Grenzen hält. Dummerweise bevorzugen die brauen Sumpfquäker den selben Lebensraum wie der schwarze Blähbauch, und der duldet bekanntermaßen keine anderen Lebewesen in seinem Revier. Schon oft wurde beobachtet, wie der Blähbauch ganze Kolonien der braunen Sumpfquäker gefressen oder zertrampelt hat. Seltsamerweise imitiert der Blähbauch manchmal die Laute der Sumpfquäker, wohl um sie anzulocken und dann besser fressen zu können.
Neueste Ausgrabungen haben belegt, dass die Vorfahren der Sumpfquäker gewaltige Raubtiere waren, die einst den ganzen Planeten beherrscht haben (oder das wollten). Ein charakteristischer Vertreter dieser untergegangenen Lebensform ist der allseits bekannte Tyrannoquäkus Adolphus. Die jetzt lebenden Sumpfquäker sind - verglichen mit diesem Monstrum - erbärmliche Kreaturen.
--der blaugelbe Optimist wurde in der Vergangenheit immer wieder als ausgestorben bezeichnet, konnte aber jedesmal wieder wie aus dem Nichts erscheinen. Sein jubilierender Gesang erfreut jeden Zuhörer, obwohl er keine sinnvollen Inhalte hat. Aber seien wir ehrlich: Wenn so ein kleines Kerlchen sich auf unsere Fensterbank verirrt und fröhlichen Nonsens verbreitend hin-und her hüpft, sind wir doch alle glücklich.
--der dunkelrote Sockenträger war noch vor etwas mehr als zehn Jahren eine sehr weit verbreitete Lebensform, die aber aufgrund einer kurzfristigen Klimaveränderung fast ihren ganzen Lebensraum verlor. Der Sockenträger ist sehr gesellig, aber dafür nicht sehr gelehrig. Ihm etwas beizubringen ist praktisch unmöglich. Sein äußeres Erscheinungsbild ist ebenfalls nicht besonders ansehnlich, und seine verfilzten Nester können eine blühende Landschaft gewaltig verschandeln.
--die linksgestrickte Schielotter hat in wenigen Exemplaren alleine durch ihre permanente Wandlungsfähigkeit überlebt. Sie kann sich jeder Umgebung bestens anpassen und ist nicht nur auf ein Biotop beschränkt. Heute hier, morgen da, taucht sie immer dort auf, wo man sie nicht vermutet. Dabei zeigt sie ein interessantes Verhalten: Das, was sie gestern nie getan hätte, tut sie heute mit großer Begeisterung - und morgen das genaue Gegenteil davon.
--der rauhe Bedenkenträger ist wohl nur noch in einem einzigen Exemplar vorhanden und daher das seltenste Tier auf unserer Liste. Man sieht den Bedenkenträger sehr selten, obwohl er weder besonders schnell ist noch eine besondere Fähigkeit hat, sich zu tarnen. Eher unscheinbar, fällt an ihm höchstens der ständig erhobene Zeigefinger auf, mit dem er andere Lebewesen in einen hypnotischen Zustand versetzen kann. Der Bedenkenträger hält sich am liebsten in einem alten Gemäuer auf, wo er still und leise in Urkunden blättert und auf den Ruhestand wartet.