Zurück

Dunkle Wolken am Horizont

ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen

 

Kapitel 33

Der Triumph des Hausmeisters

 

 

"So ist das also. Ein Mensch baut sich seine eigene kleine Welt, und alles, was er will, ist dort in Ruhe und Frieden zu leben. Aber was man nicht bedenkt, sind die Missgünstigen dieser Welt, die einem das Leben zur Hölle machen, nur, weil man selbst jene Ruhe und jenen Frieden in sich trägt, den sie niemals finden werden!"

Ja, es waren bittere Worte der Anklage, die Graf Wilhelm Xaver Zacharias über die Lippen kamen, und sein einziger Zuhörer, Ralf Rossi, musste sich einerseits auf die Straße konzentrieren, andererseits überlegte er sich, wie er seinen Freund und Klienten dazu überreden könnte, ihm endlich die Hintergründe der seltsamen "Zufälle" der letzten Wochen zu offenbaren. Zu viel, das sich nicht anders erklären ließ, wies auf eine Verschwörung gegen den Grafen hin, aber wer sollte Klarheit in diese Angelegenheit bringen, wenn nicht der Graf selbst?

"Ich schwelge in Selbstmitleid" bemerkte Graf Wilhelm Xaver Zacharias als Entgegnung auf Ralf Rossi´s Schweigen. "Ich jammere über mein Schicksal, aber ich vergesse die, die mir anvertraut sind. Was sagt das Personal über diese neuerliche Demütigung des guten Namens, unter dem es dient? Und was ist mit Antonia? Was ist überhaupt mit allem, was mit einst lieb und teuer war?"

Ralf Rossi bemerkte eine Einfahrt zu einem Feldweg. Es kam ihm wie ein göttlicher Fingerzeig vor, und diesen gedachte er zu nutzen. Wenn nicht hier und jetzt, dann sollte und würde sein Freund Wilhelm eben mit seinem Geheimnis untergehen! Ohne Vorwarnung bremste er scharf und bog in den Feldweg ein.

"Oh, eine Abkürzung... Aber Ralf, Du weißt doch, wenn Du eine Abkürzung fährst..." Der Graf bemühte sich, einen Scherz zu machen, obwohl er tief in seinem Innersten schon wusste, was sein Freund vorhatte. Ja, das war also die Stunde der Wahrheit - so bedeutend, und doch so banal.

Ralf Rossi stellte den Motor ab und zog den Zündschlüssel. Er hielt ihn kurz vor die Nase des Grafen, dann steckte er ihn in eine Tasche seiner Jacke.

"Mein lieber Wilhelm, glaub es oder nicht: Wir fahren hier nicht eher weg, bis ich die Wahrheit kenne. Und wenn ich WAHRHEIT sage, dann meine ich nicht eine Geschichte von einem Besuch bei einem alten Freund, der dann zufälligerweise einen Herzinfarkt hatte. In letzter Zeit ist zu viel passiert, und Du würdest meine Intelligenz beleidigen, wenn Du mir erzählen würdest, dass all diese Dinge zufällig passiert sind!"

Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg schwieg. Er wusste in diesem Moment noch nicht einmal, warum. Ralf Rossi war sein Anwalt, und was nun zu dieser Angelegenheit zu sagen gewesen wäre, hätte niemand mitbekommen. Nicht nur die anwaltliche Schweigepflicht, sondern auch das Wort eines Freundes standen dafür. Aber wie sollte man all diese Peinlichkeiten in eine logische Reihenfolge bringen? Wie sollte man überhaupt erklären, worum es ging? Die Ehre des alten Grafen von Bröckelberg war kein juristisches Gut, konnte Ralf Rossi deswegen überhaupt verstehen, worum es ging? Würde er seinen Freund am Ende nicht für verrückt halten?

"Wilhelm, ich muss schon sagen: Deine Schweigsamkeit macht mich überaus betroffen. Sollte die Sache, um die es hier geht, mein anwaltliches Können überfordern, so magst Du Dir einen anderen Anwalt suchen. Aber frage Dich einmal, ob Du einen anderen Freund finden wirst, dem Du so vertrauen kannst wie mir!"

Ja, Vertrauen. Das war das Stichwort. Er hatte Ralf Rossi schon immer als Anwalt vertraut - aber als Freund vertraute er ihm noch viel länger.

"Aller Anfang ist schwer" begann der Graf, um sich gleich der Oberflächlichkeit seiner Worte bewusst zu werden. Nein, der Anfang war noch das Leichteste!

"Vor einiger Zeit stellte ich einen neuen Hausmeister ein. Du erinnerst Dich bestimmt. Ich war richtig froh, einen so - wie soll ich sagen - genialen Hausmeister zu finden, der seine Arbeit gewissenhaft erledigte und auch die menschlichen Qualitäten aufwies, die ein Hausmeister von einem Schloss eben haben sollte..."

"Wilhelm, wollen wir uns hier über Hausmeister unterhalten?" unterbrach Ralf Rossi den Grafen.

"Nein, natürlich nicht." Der Graf lächelte etwas verwirrt. "Ich mache es kurz, auch wenn es Dich verwirren wird... Aber der Hausmeister ist niemand anderes als unser alter Freund Eberhard Meisinger!"

"Was" entfuhr es dem Anwalt, als er das hörte, "dieser alte Gauner! Na ja, als Hausmeister kann er wenigstens keinen Schaden anrichten!"

"Er kann, und wie er das kann!" entgegnete Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg. "Er steckt hinter dem Diebesgut, das man im Schloss fand. Aber das ist nur eine Kleinigkeit gewesen, sozusagen ein Scherz, ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt..."

"Wilhelm, nun rede nicht in Rätseln! Warum hast Du diesen Unmenschen nicht der Polizei übergeben?"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg sah seinen Freund und Anwalt mitleidig lächelnd an.

"Wenn Du wüsstest, was er in der Hinterhand hat. Er behauptet, mein Vater hätte mir damals den Doktortitel erkauft, weil meine Doktorarbeit sehr zu wünschen übrig gelassen haben soll. Er hat angeblich Beweise. Deswegen war ich bei Professor Sauerbrey. Als ich ihm diese Ungeheuerlichkeit erzählte, hat er sich das - im wahrsten Sinne des Wortes - zu sehr zu Herzen genommen. Ach, der arme Professor... Wie sehr hätte er es verdient, noch einige Jahre die Früchte seines Lebens zu genießen... Und wegen mir kann er das nun nicht mehr!"

Es folgten einige Minuten betretenes Schweigen.

Ralf Rossi gingen etliche gute Worte durch den Kopf, mit denen er seinen Freund aufzumuntern gedachte; allerdings erschien es ihm pietätlos, gute Laune verbreiten zu wollen. Trotzdem, er musste wissen, was es mit diesen unglaublichen Verstrickungen auf sich hatte.

"Wilhelm, ich verstehe sehr wohl, dass der Verlust Dich schwer trifft, aber als Anwalt stelle ich mir da eine ganz bestimmte Frage. Es steht für mich ausser Zweifel, dass Deine Doktorarbeit ohne Tadel war, und Gerüchten über gekaufte Diplome würde ich niemals Glauben schenken. Deswegen nur diese eine Frage: Wenn Du weißt, dass das alles nur üble Gerüchte waren, wenn Du weißt, dass Meisinger lügt und seine Beweise gefälscht sein müssen... Warum scheust Du die Auseinandersetzung?"

Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg dachte lange nach, bevor er antwortete.

"Ja, warum? Weil ich Angst habe, dass vielleicht doch etwas von dem Unrat, den man über mich auszuschütten gedenkt, an mir haften bleibt? Oder an meinem Vater? Es ist eine Frage der Ehre, solche Gerüchte gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich dachte, dass mein Hausmeister sich vielleicht eines Tages mit einer Geldforderung zufrieden gibt. Er sagte zwar, dass er mich einfach nur aus Gründen der persönlichen Rache vernichten will, aber letztendlich geht es ihm doch nur um Geld. Diese Kriminellen sind alle gleich!"

"Will er denn Geld? Und wenn er wirklich kein Geld wollen sollte... Was dann?" fragte Ralf Rossi.

"Wir beide kennen ihn doch noch aus Studienzeiten. Er wollte immer nur Geld. Er wollte, dass die Menschen ihn bewundern und für seine großen Taten lieben. Er machte sich beliebt - so glaubte er jedenfalls - indem er von geliehenem Geld irgendwelche Feste veranstaltete. Wie oft hat er Dich um juristischen Rat gefragt, wenn ihm das Wasser bis zum Hals stand. Sag selbst, Ralf, was kann so einer schon wollen?"

Ralf Rossi schüttelte den Kopf. "Er war schon damals bereit, große Risiken einzugehen. Ich würde ihn nicht unterschätzen. Hast Du jemals überlegt, ihn überwachen zu lassen?"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias verneinte. "Bröckelberg ist doch so ein kleiner Ort, da kennt jeder jeden, und ein Zugereister wie mein Hausmeister kann sowieso nichts unternehmen, ohne dass man es sofort überall herumerzählt. Du kennst doch die Leute in Bröckelberg."

Ja, die Leute in Bröckelberg... Sie mochten Gerüchte und freuten sich immer, wenn sie etwas zu erzählen hatten. Das war eine nicht ungefährliche Eigenheit dieser ansonsten freundlichen Leute. Das, was einerseits liebenswert war, konnte aber schnell ins Gegenteil umschlagen. Und so konnte auch der Graf und seine Familie, von den bröckelberger Bürgern geliebt und verehrt, sehr schnell ein Opfer von Klatsch und Tratsch werden. In dieser Angelegenheit war tatsächlich viel Fingerspitzengefühl notwendig, das erkannte Ralf Rossi in diesem Augenblick.

"Wilhelm, wir werden über dieses Thema noch ausführlicher reden. Ich werde absolutes Stillschweigen bewahren, das dürfte klar sein, aber Du solltest dringend überlegen, wo dieser seltsame Hausmeister seine Schwachstelle hat. Ich möchte auch nicht an eine offene Wunde rühren, aber ohne den Professor, der Dir sicherlich ein paar Hinweise über den wahren Sachverhalt mit der Doktorarbeit hätte geben können, sieht es für eine diskrete Lösung Deines Problems sehr schlecht aus. Du solltest auf die Wahrheit vertrauen, auf Deinen guten Namen und darauf, dass die Fälschungen des Hausmeisters sich als solche leicht entlarven lassen!"

Mit diesen Worten holte Ralf Rossi die Wagenschlüssel hervor. "Wir fahren jetzt nach Hause. Überlege Dir, was Du tun willst."

*

 In seinem Schloss angekommen, überlegte Graf Wilhelm Xaver Zacharias als Erstes, was er tun könnte. Seine Vorfahren waren hervorragende Strategen und verwegene Krieger gewesen; er selbst hatte seine Verdienste auf dem Schlachtfeld der Agrarökonomie erworben. Aber die Geradlinigkeit und Ehrlichkeit, die das Haus derer von Bröckelberg schon immer ausgezeichnet hatte, führten in dieser Auseinandersetzung mit einem ehrlosen Marodeur zu nichts. Dazu kam diese schreckliche Niedergeschlagenheit, die der Tod des guten Professor Sauerbrey mit sich gebracht hatte. Und was das Schlimmste war: Jeden Tag musste Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg in das hämisch grinsende Gesicht des Hausmeisters sehen. Unter diesen Umständen war es unmöglich, einen Schlachtplan zu entwerfen. Man musste Abstand gewinnen. Man musste - auch wenn es noch so schwerfiel - dem Gegner ein Stück des eigenen Terrains überlassen, um ihn dann, wenn er durch diesen vermeintlichen Sieg leichtsinnig geworden war, zu vernichten.

Und dann war da noch Antonia, die man unmöglich mit diesem Unmenschen zusammen unter einem Dach wohnen lassen konnte. Wer weiß, wozu das führen würde!

Der Entschluss war nicht leicht zu fassen, aber es musste sein.

Und so verließ Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg mit seiner Gemahlin noch am selben Abend sein geliebtes Schloss. Er tat es im Bewusstsein, dass es nur ein Abschied auf Zeit war. Aber wie lange würde diese Zeit dauern? Und was würde der Hausmeister anstellen, während er - vermeintlich als neuer Hausherr - im Schloss schalten und walten konnte, wie er wollte?

Wie gesagt, es war kein leichter Abschied, als das gräfliche Paar am Abend dieses ereignisreichen Tages verreiste. Und die Tatsache, dass das Personal über die Dauer der Abwesenheit im Unklaren gelassen wurde, sorgte für erneuten Gesprächsstoff.

 

Wird der Graf von Bröckelberg jemals wieder in sein Schloss zurückkehren? Oder wird der schreckliche Hausmeister die nächste, tödliche Intrige vorbereiten, die dem Grafen dann endgültig das Genick bricht?

Und was wird der tapfere Graf Wilhelm Xaver Zacharias tun, um sich sein rechtmäßiges Eigentum und seinen guten Ruf zu erhalten? Wird er geduldig und zielstrebig - und im Vertrauen auf das Recht und die Gerechtigkeit - in diesen Kampf gehen, oder wird er am Ende das Recht auf Rache fordern?

Das Recht auf Rache - so heißt auch das nun mehr 34. Kapitel unseres Fortsetzungsromans, und wir wollen hoffen, dass sich darin endlich das Schicksal des Schurken erfüllt!

 

 Zurück

Hosted by www.Geocities.ws

1