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Dunkle Wolken am Horizont

 

ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen

Kapitel 32

Ein entsetzlicher Zwischenfall

 

Eine Woche war es nun her, dass der getreue Adalbert, einer der wenigen echten Freunde in dieser Zeit, dem Grafen jenen Zettel mit der Adresse des alten Professors gegeben hatte. Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg war darüber so erstaunt, dass er Adalbert nur ansehen und nichts mehr sagen konnte. Aber irgendwann, im Laufe der sich entwickelnden Unterhaltung, musste Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg erfahren, dass seine geliebte Antonia die Idee mit dem Privatdetektiv gehabt hatte. Adalbert, der eigentlich immer so stolz auf seine Diskretion gewesen war, hatte seltsamerweise durch die Vernachlässigung eben dieser so sehr an ihm geschätzen Eigenschaft daran erinnert, wie stark das Band der Symphatie zwischen den gräflichen Herrschaften war. Gerührt von so viel Fürsorge, suchte Wilhelm Xaver Zacharias seine Gemahlin auf. Niemals, so schwor er sich, würde er vergessen, was sie dann zu ihm sagte:

"Wilhelm, als wir heirateten, da schwor ich in guten Zeiten genau so zu Dir zu halten wie in schlechten Zeiten. Und nun, da die schlechten Zeiten uns heimsuchen... Sollte ich Dich tatsächlich in Deinem Kummer alleine lassen?"

Und nun saß Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg - sozusagen inkognito - in einem Nahverkehrszug, der ihn nach Zipfelstein bringen sollte, jenem Ort, an dem der alte Professor Sauerbrey seinen Ruhestand zu genießen dachte. Was würde jener gutherzige alte Mann wohl sagen, wenn er plötzlich mit den Ungeheuerlichkeiten, die Graf Wilhelm Xaver Zacharias ihm mitzuteilen gedachte, konfrontiert würde?

*

Der Professor - so schien es jedenfalls - verlebte seinen Ruhestand in Bescheidenheit und Wohlstand, gerade so, wie er es verdient hatte. Er wohnte in einem geräumigen Altbau, den er sich mit einem Versicherungsinspektor, einem Chorleiter, dem Direktor der Zipfelsteiner Porzellanmanufaktur und dem Schornsteinfegermeister teilte. Alles honorige Nachbarn, die sich bestimmt ab und zu einmal die Ehre gaben, mit dem Professor eine Partie Schach zu spielen - seine heimliche Leidenschaft.

Graf Wilhelm Xaver Zacharias war ein großes und gepflegtes Anwesen gewohnt, aber er blickte trotzdem bewundernd auf den gepflegten Vorgarten und die polierten Messingschilder der Klingeln und die akkurat in einer Reihe angeordneten Briefkästen an dem Hauseingang. Die Haustür war offen, und so betrat der Graf das Treppenhaus, wo er im ersten Stock die Wohnung des Professors fand. Er klingelte.

Ein kleiner, alter Mann öffnete die Tür. Ach, wie lange war es her, dass Graf Wilhelm Xaver Zacharias seinen alten Professor nicht mehr gesehen hatte! Und trotz dieser langen Zeit, die vor dem Professor nicht halt gemacht hatte, gab es plötzlich wieder diese Vertrautheit. Der Professor wirkte kleiner, sein Haar war ergraut und sein Rücken gebeugt; aber etwas gab es noch, dass die lange Zeit unbeschadet überdauert hatte, gleichsam so, als ob es sagen wollte: "Ich mag älter geworden sein, aber ich bin immer noch Professor Sauerbrey von der Universität Bröckelberg!" Waren es die guten, väterlichen Augen, die Graf Wilhelm Xaver Zacharias nicht zweifeln ließen, dass der Professor ihn sofort erkannte?

"Wilhelm! Aber das kann doch nicht wahr sein, Wilhelm von Bröckelberg, mein bester Student!" rief der Professor erfreut, und das mit einer Lautstärke, die man diesem kleinen Mann überhaupt nicht zugetraut hätte.

"Herr Professor Sauerbrey, Sie erkennen mich noch?" erwiderte Wilhelm Xaver Zacharias voller Rührung.

"Natürlich! Kommen Sie doch in mein bescheidenes Heim, oder haben Sie es so eilig?" fragte der Professor mit einem Augenzwinkern.

Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg, der ob der bösen Gerüchte, die über ihn in Umlauf waren, schon damit gerechnet hatte, dass der Professor ihn nicht sprechen wollte, sah sich angenehm enttäuscht. Aber wenn der Professor tatsächlich nichts von den schrecklichen Ereignissen der letzten Wochen gehört haben sollte, dann stellte sich die Frage, wie man ihm das alles schonend beibringen könnte. Immerhin, der Professor war nicht mehr der Jüngste, nach Wilhelm Xaver Zachariasī Rechnung mochte er weit jenseits der Achtzig sein.

"Wilhelm, mein Musterstudent, was führt Dich zu mir?"

Die Frage des Professors riss den Grafen aus seinen Überlegungen.

"Herr Professor, da gibt es etwas, das lange zurückliegt. Können Sie sich noch an meine Doktorarbeit erinnern?

"Aber Wilhelm, wie sollte ich das vergessen! Noch nie sah ich eine so - inhaltlich wie formal - perfekte Doktorarbeit. Lassen Sie mich nachdenken... Es ging um den Dickmaulrüssler, stimmtīs?"

Wilhelm Xaver Zacharias nickte. "Herr Professor, Ihr Gedächtnis ist phänomenal. Allerdings belastet mich da eine Kleinigkeit. Es hängt mit den Dingen zusammen, die... Wie soll ich sagen... seit einiger Zeit... Gerüchteweise kursieren. Haben Sie davon gehört?"

Der Professor setzte sich in einen seiner altertümlichen Ohrensessel und bedeutete Wilhelm Xaver Zacharias, auch Platz zu nehmen.

"Wilhelm, man hört so Einiges. Ich wollte Sie nicht darauf ansprechen, weil ich auf Gerüchte und das Geschreibsel, was man mittlerweile dauernd in irgendwelchen Revolverblättern lesen kann, nichts gebe. Aber jetzt, da Sie persönlich davon sprechen: Ja, ich hörte einige unglaubliche Dinge. Wollen Sie mit mir darüber reden?"

Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg rutschte verlegen in dem Sessel hin und her. "Herr Professor, deswegen bin ich hier. Und es hängt alles mit meiner Doktorarbeit zusammen. In gewisser Weise liegt mein Schicksal in Ihren Händen. Das soll aber nichts bedeuten. Ich will die Wahrheit wissen, und nicht nur ich will sie wissen... Alle sollen, ja müssen sie kennenlernen. Aber nur Sie kennen diese Wahrheit!"

"Wilhelm, Sie sprechen in Rätseln..." entgegnete der Professor.

"Ja, mich verwirrt es auch" meinte Wilhelm Xaver Zacharias, "aber alles reduziert sich auf eine einzige Frage. Meine Doktorarbeit, sie ist der Schlüssel zu den Ereignissen, die unseligerweise über mich hereingebrochen sind. Herr Professor, ich frage Sie: Ist meine Doktorarbeit wirklich die, die ich geschrieben habe? Wurde sie verwechselt, oder gab es andere Einflüsse, die vielleicht dafür gesorgt haben könnten, dass ich meinen Doktortitel der Agrarökonomie mit besonderen Auszeichnungen erhalten habe?"

Professor Sauerbrey wirkte sichtlich irritiert. "Selbstverständlich war es Ihre Doktorarbeit, was denn sonst! Mir scheint, hier liegt einiges im Argen!"

"Ach, Herr Professor, ich werde versuchen, es zu erklären, aber es ist nicht leicht!" versuchte sich der Graf für seine verwirrenden Fragen zu entschuldigen.

"Immer mit der Ruhe, Wilhelm!" sagte der Professor, der sehr wohl bemerkte, dass sein Gast sich sichtlich echauffiert hatte.

"Nun, Herr Professor" begann Wilhelm Xaver Zacharias, "Stellen Sie sich vor, dass ich vor einiger Zeit einen ungebetenen Gast auf Schloss Bröckelberg willkommen geheißen habe. Dieser... Gast, anders kann ich ihn nicht bezeichnen, war nicht der, für den er sich ausgegeben hat. Aber das soll jetzt noch nicht interessieren, immerhin ist die Geschichte schon kompliziert genug. Jedenfalls hat dieser Gast behauptet, dass... Entschuldigen Sie, wenn es unglaublich klingt, aber ich habe es selbst kaum verstehen können... Eben jener Gast behauptete, dass mein Vater der Universität Geld gegeben hätte, damit meine Doktorarbeit mit der seinigen verwechselt werden sollte."

Der Professor schüttelte den Kopf. "Wilhelm, was reden Sie denn da! Wer würde denn eine Doktorarbeit verwechseln! Das kommt doch nur in irgendwelchen Schundromanen vor! Ich bitte Sie!"

Wilhelm Xaver Zacharias atmete tief durch. "Herr Professor, auch ich habe mir das schon gedacht. Aber nun weiter in jener seltsamen Geschichte: Sie können sich vorstellen, dass mein guter Ruf alleine schon von einem solchen Gerücht beschädigt werden könnte. Ach, was rede ich da, nicht nur mein guter Ruf, auch der meines seligen Vaters! Ich mag mich ja noch wehren können, aber mein Vater..."

"Ich verstehe Sie sehr gut, Wilhelm!" Unterbrach ihn der Professor.

"Danke, Herr Professor" erwiderte der sichtlich gerührte Wilhelm Xaver Zacharias. "Ich kann nur sagen, dass die Angst vor dem Skandal, wenn diese angeblichen Beweise für meine gefälschte Doktorarbeit an die Öffentlichkeit kämen, mich zum Schweigen verurteilt haben. Der gute Ruf meiner ganzen Familie stand auf dem Spiel, man stelle sich vor, mein Vater besticht die Universität, damit ich einen Doktortitel bekomme... Und alleine deswegen habe ich auch zu den anderen Ungeheuerlichkeiten geschwiegen. So auch zu dem Diebesgut, dass jener Unmensch mir untergeschoben hat, um einen Skandal zu verursachen!"

"Wilhelm, ich bin empört!" rief der Professor, und man sah ihm an, dass er meinte, was er da lauthals von sich gab. "Selbstverständlich werde ich vor allen Gerichten dieser Welt jeden Eid schwören, um Ihre Aussagen zu bekräftigen und diesen Scharlatan seiner gerechten Strafe zuzuführen. Aber wer ist dieser Unmensch, der Sie so in den Schmutz ziehen will? Wer könnte solch ungeheuerliche Dinge tun?"

Wilhelm Xaver Zacharias wusste, dass er dem Professor die Wahrheit schwerlich verweigern konnte. "Kennen Sie noch Eberhard Meisinger?" fragte er knapp.

Dem Professor schoss die Zornesröte ins Gesicht. "Oh, dieser Betrüger, dieser Hochstapler! Ich hätte es mir denken können, dass dieser Verbrecher dahintersteckt! Schon als Student tat er sich mehr durch seine Streiche hervor als durch seine Leistungen! Ich bin mir sicher, dass sein restliches Leben genau so verpfuscht..." plötzlich stockten des Professors Worte.

"Was ist mit Ihnen, Herr Professor?" wollte Wilhelm Xaver Zacharias wissen.

"Ach" krächzte Professor Sauerbrey, und alleine der Klang seiner Stimme ließ nichts Gutes erahnen, "es ist nur mein Herz. Die Aufregung... Holen Sie bitte ein Glas Wasser..."

Wilhelm Xaver Zacharias wusste wohl, dass es damit nicht getan sein würde. Sicherlich hätte er in einer passenderen Situation einen Scherz wie "Ich bin Agrarökonom und kein Arzt" in den Raum geworfen, aber das schien jetzt nicht angebracht. Schweigend, aber voller Sorge suchte er die Küche, durchstöberte den Geschirrschrank, bis er ein Glas gefunden hatte und füllte es mit Wasser. Dabei dachte er voller Sorge an den Professor, der schließlich nicht nur ein väterlicher Freund war, sondern auch der Einzige, der all diese Verstrickungen um die seltsame Geschichte mit der Doktorarbeit aufklären konnte. Wenn jetzt nur dem guten, alten Professor Sauerbrey nichts passierte!

Die dunklen Vorahnungen bestätigten sich, als Graf Wilhelm Xaver Zacharias mit einem Glas Wasser erneut das Wohnzimmer des Professors betrat. Das Gesicht des alten Mannes erinnerte an eine graue Maske, und seine Stimme war nur noch schwer zu verstehen, als er röchelte: "Ach, Wilhelm... Einen Arzt... Schnell... Das Telefon..."

Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg ließ vor Schreck das Glas fallen, als er den Professor so vor sich sah. Aber nach einer Sekunde des Erschreckens stürzte er hinaus, um das Telefon, welches sich im Arbeitszimmer des Professors befinden musste, zu erreichen. In seiner Panik bemerkte er nicht, dass das Telefon im Wohnzimmer stand. Er stolperte über das Kabel, riss es aus der Wand und bemerkte im selben Moment, was er getan hatte. Was sollte er jetzt tun? Die weit aufgerissenen Augen des Professors starrten ihn an, anklagend, wie es ihm schien... Aber das war jetzt nicht das Schlimmste. Was wäre jetzt das Beste? Plötzlich hatte er eine Idee.

"Ich werde von den Nachbarn aus telefonieren!" rief er dem Professor zu, dann stürmte er aus der Wohnung.

*

Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg hätte viel darum gegeben, sich nicht in solch einer Situation zu befinden. Er erinnerte sich noch verschwommen an die Nachbarn des Professors, die ihn entgeistert anstarrten als er, verzweifelt wie er war, darum bat, zu telefonieren. Er erinnerte sich an das Eintreffen des Notarztwagens, wenig später der Polizei, und schließlich - für ihn das Schlimmste, was in der momentanen Lage passieren konnte - des Leichenwagens.

Welch eine niederschmetternde Ironie des Schicksals, so kurz vor dem Erkennen der Wahrheit und der Möglichkeit, das Schicksal zum Besseren zu wenden, durch den Tod, jenen ultimativen Vernichter jeglicher Hoffnung, in die Finsternis der Unwissenheit zurückgeworfen zu werden. Wie sollte nun die gesellschaftliche Reputation des Vaters von Graf Wilhelm Xaver Zacharias gerettet werden? Wie sollte man die Verleumdungen des Hausmeisters entkräften? Aber das war nicht das Schlimmste. "Nein," dachte sich der Graf, "wie kann ich nur so egoistisch sein. Da stirbt einer der besten Freunde der Familie, und ich denke nur an mich. Welch ein Zyniker bin ich geworden..."

"Herr Graf! Ich warte auf eine Antwort!"

Die laute und unfreundliche Stimme des Kommissars riss Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg aus seinen Gedanken.

"Entschuldigen Sie bitte, Herr Kommissar, aber ich war in Gedanken. Der Professor war ein guter Freund der Familie. Ich trauere sehr um ihn."

Der Kommissar grinste süffisant. "Ach was. Ein guter Freund. Deswegen haben Sie die Telefonleitung aus der Wand gerissen, damit er auch sicher an seinem Herzinfarkt stirbt. Haben Sie ihn vorher zu Tode erschreckt oder wollten Sie ihn vergiften? Sie wissen, dass unser Labor herausfinden wird, was in dem zerbrochenen Glas war, das man neben dem Sessel, in dem der tote Professor saß, gefunden hat. Sie wissen auch, dass wir den ominösen Grund, weswegen Sie den Professor besucht haben - und den Sie uns nicht sagen wollen - schon herausfinden werden!"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg musste all seine Fassung aufbieten, um dem Kommissar etwas zu entgegnen. "Bei allem Respekt vor den Pflichten ihres Amtes... Ich möchte Sie bitten, sich etwas gewählter auszudrücken. Sie unterstellen mir hier nicht weniger als einen Mord. Der Professor war mein Freund!"

Der Kommissar nickte. "Das mag schon sein, aber auch unter Freunden kommt es manchmal zum Streit und zu Handgreiflichkeiten. Und was die Nachbarn, bei denen Sie telefoniert haben, zur Aussage brachten, war auch nicht gerade entlastend für Sie. Sie sollen einen ziemlich verwirrten Eindruck gemacht haben!"

Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg atmete mehrmals tief durch. "Herr Kommissar, ich möchte zu bedenken geben, dass ich freiwillig mitgekommen bin, um ebenso freiwillig eine Aussage zu machen. Und jetzt unterstellen Sie mir, dass ich einen der besten Freunde, meinen alten Lehrmeister, Professor Sauerbrey... Auf heimtückische Weise... Umgebracht habe. Mir fehlen die Worte!"

"Deswegen haben Sie auch gleich Ihren Anwalt angerufen" entgegnete der Kommissar. Na, was sollīs. Ich gebe zu, ich habe Ihnen ziemlich stark eingeheizt, aber - wie Sie schon sagten - ich mache nur meinen Job. Also, Herr Graf, ein konkreter Tatverdacht besteht nicht, schließlich haben Sie ja auch dafür gesorgt, dass der Notarzt - und damit auch ich - benachrichtigt wurde. Wenn Sie den Professor umgebracht hätten, hätten Sie es wahrscheinlich klüger angestellt. Trotzdem, bis zur endgültigen Klärung der Angelegenheit sollten Sie keine Auslandsreisen unternehmen, Sie verstehen schon, was ich meine, oder?"

Ja, der Graf verstand diese Bemerkung. Schon wieder hatte er mit der Polizei zu tun. Das erste mal geschah es wegen der Intrige eines kriminellen Hausmeisters, und nun, auf der Suche nach der Wahrheit, wegen einem unbarmherzigen Schicksal. Wo sollte das noch enden?

Der Kommissar räusperte sich. "Wenn Sie wollen, können Sie im Flur auf der Bank Platz nehmen, bis Ihr Anwalt Sie abholt. Ich brauche Sie hier nicht mehr."

Wortlos verließ Graf Wilhelm Xaver Zacharias das Büro und begab sich auf den düsteren Flur, wo eine unbequeme Holzbank, von der schon vor langer Zeit der Lack abgeblättert war, seine Heimstatt für die nächsten Stunden wurde.

*

Auf dem Flur des Polizeireviers sitzend, erwartete Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg seinen Freund und Anwalt, Ralf Rossi. In jenem fortgeschrittenen Stadium der inneren Selbstentfremdung, in dem er sich seit dem Tod des Professors befand, war es ihm nicht möglich, seine Umgebung wahrzunehmen. Immer wieder spielten sich die selben Szenen vor seinem geistigen Auge ab; wie eine Achterbahnfahrt durch einen Höllenschlund kamen ihm die Ereignisse seit dem ersten Auftauchen des Hausmeisters vor. Und was konnte er tun? Nichts! Alles, was er in dieser Sache unternahm, brachte eine noch größere Katastrophe hervor als die, in der er sich schon befand. Und nicht genug damit, dass er darunter leiden musste - nein, es litten Unbeteiligte, Unschuldige, Menschen, die nichts dafür konnten, dass ihm sein persönliches Unglück heimsuchte.

Bedrückt von solchen Gedanken, fiel der Graf von Bröckelberg in einen unerquicklichen Schlaf, in dem sich die Hintergrundgeräusche aus den Büros des Polizeireviers mit seinen bleischweren Gedanken zu einem bizarren Traum vermischten. Der letzte bewusste Gedanke, den sich Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg abringen konnte, war:

"Ach, wie wundervoll wäre es jetzt, den Tod begrüßen zu dürfen!"

Aber es war nicht der Tod, der den müden Grafen bedachte, sondern sein Anwalt.

Die Freude, Ralf Rossi zu sehen, der ihn durch ein leichtes Rütteln an der Schulter weckte, riss den Grafen ein Wenig aus seinen depressiven Gedanken.

"Mein lieber Wilhelm," begann Ralf Rossi mit kaum zu überhörendem, tadelndem Unterton, "ich glaube, diese Besuche in den Polizeistationen der näheren Umgebung werden langsam zur unliebsamen Angewohnheit!"

Der Graf wusste nicht so recht, wie er darauf antworten sollte. "Ich denke, das erfordert eine Erklärung, aber ich kann zu diesen Angelegenheiten nichts sagen..." entgegnete er, sich immer noch in einem schlechten Traum wähnend, seinem Freund. Ralf Rossi machte eine hilflose Geste, und er erwiderte nach einigen Sekunden des Nachdenkens: "Ich habe alle Formalitäten erledigt. Ich denke, wir fahren jetzt nach Hause, Wilhelm. Dort wird sich dann alles zum Besseren wenden."

Wusste Ralf Rossi, wie befremdlich seine Worte auf den Grafen wirken mussten? Sicherlich nicht. Ein gequältes Lächeln des Grafen war die einzige, aber auch vielsagende Antwort auf diesen Versuch, die Situation zu entschärfen.

Auf dem Weg zum Ausgang begegnete den beiden ein Polizist in Zivil.

Zuerst erkannte Graf Wilhelm Xaver Zacharias den Mann gar nicht - doch dann wurde es ihm bewusst: Es war einer jener Polizisten, die damals bei der Auffindung der gestohlenen Gegenstände auf Schloss Bröckelberg anwesend waren. Der Polizist sah den Grafen, und fast klang es wie der erstaunte Ruf eines guten Freundes, als er sagte: "Na sowas, Herr Graf - was machen Sie denn hier?"

 

Es scheint wirklich sehr schlimm um den armen Grafen von Bröckelberg zu stehen. Wird dieses Unglück, das ihn heimsucht, denn niemals aufhören? Wie wird es nur weitergehen? Und was wird der dämonische Hausmeister zu den neuesten Verstrickungen seines Feindes in jener Affäre sagen? Wird es am Ende zum Triumph des Hausmeisters kommen?

Der Triumph des Hausmeisters - so heißt auch die neueste Folge unseres Fortsetzungsromans, der wie immer irgendwann im DDM erscheinen wird!

 

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