Dunkle Wolken am Horizont
ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen
Kapitel 31
Ein Licht in der Finsternis
"Lange ist es her", so dachte sich Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg, "da waren wir an diesem Ort glücklich. "Doch jetzt, so scheint es, ist es ein Ort des Unglücks geworden. Je länger man sich an diesem Ort aufhält, um so schrecklicher würde es werden. Und dabei denke ich überhaupt nicht an mich, sondern an mein treues Personal... und vor allen Dingen an Antonia..."
Sicherlich erlaubte sich der Graf solche Anflüge von Sentimentalität nur, wenn er sich sicher sein konnte, ganz alleine zu sein. Hätten ihn sie Seinen bei diesen Überlegungen gesehen, so wäre ihnen bestimmt das letzte Bisschen Mut abhanden gekommen. Also musste Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg weiterhin die vornehmste Tugend des Adels aufrechterhalten: Zuversicht zu vermitteln, obwohl schon längst alles verloren war. Dass diese Überlegungen keineswegs an den Haaren herbeigezogen waren, konnte der gute Graf nur erahnen. Welch ein Glück für ihn! Hätte er gewusst, was seine Feinde in diesem Moment planten, er wäre der Verzweiflung erlegen.
*
Jene unfreundliche, heruntergekommene Kaschemme, in der sich die weniger feine Gesellschaft von Bröckelberg traf, hatte gewiss schon viele zwielichtige Gestalten in ihren Mauern beherbergt. Aber der heutige Abend sollte alles in den Schatten stellen, was in dieser Hinsicht jemals passiert war.
Es waren sowohl Carl Gustav von Elsterbach anwesend, Initiator jener unheimlichen Verschwörung gegen Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg, als auch sein wohl bester Freund, der aus einer vorigen Folge bereits bekannte Vollstrecker. Sie hatten sich mit einigen anderen kriminellen Subjekten im Hinterzimmer zusammengesetzt, um über ihre finsteren Pläne, die zum Untergang des Hauses Bröckelberg beitragen sollten, zu konferieren.
Es war ein düsteres Tribunal, eine Versammlung, zu der man sicherlich einen Robespierre oder Machiavelli hätte einladen können.
Nachdem die Anwesenden einige Getränke konsumiert hatten, ergriff Carl Gustav von Elsterbach das Wort.
"Meine Herren, ich sehe mit Freude, dass sie alle meiner Einladung gefolgt sind. Jetzt, da wir unter uns sind, kann ich alle Einzelheiten meines Plans auf den Tisch legen. Es geht um den feinen Grafen Bröckelberg, genauer gesagt seinen Besitz. Meine Bemühungen, diesen an mich zu bringen, sind gut voran gekommen. Ich denke, dass in wenigen Monaten - wenn ich das mal so sagen darf - die Zitadelle fallen wird!"
Laute "Bravo"-Rufe waren zu hören. Carl Gustav von Elsterbach rieb sich die Hände. Diese Kreaturen waren sicherlich nicht nur ob der schrecklichen Taten, die sie mit Carl Gustav von Elsterbachs Hilfe zu tun gedachten, so begeistert - nein, es waren eben jene Berufskriminellen darunter, die sich alleine an dem Gedanken, eine frevelhafte Tat zu begehen ergötzten, und in einem Anfall grausamer Vorfreude einem regelrechten Blutrausch verfielen.
"Wenn ich durch meine - sagen wir mal - Manipulationen dafür gesorgt habe, das der feine Herr Graf am Ende seiner Kräfte ist, werde ich ihm ein großzügiges Angebot machen. Na ja, eigentlich ist es nicht so großzügig, wie es sein könnte, aber er wird zustimmen. Denn er wird froh sein, wenn überhaupt noch jemand mit ihm redet. Und Geschäfte machen wird niemand mehr mit ihm... außer mir!"
"Ich werde Schloss Bröckelberg und die umgebenden Ländereien für ein Butterbrot kaufen können! Und dann geht der Spaß erst richtig los. Sie, meine Herren, haben hier und jetzt die Gelegenheit, in eine erfolgreiche Zukunft zu investieren! Damit Sie sich ein Bild von der Größe des Anwesens machen können, habe ich mir erlaubt, eine Informationsmappe zusammenstellen zu lassen. Sie finden darin Pläne, Fotografien und jede Menge gute Ideen!
Schloss Bröckelberg eignet sich durch seine Lage und sein stilvolles Ambiente hervorragend als Luxus-Bordell. Ferner gibt es wundervolle Möglichkeiten, von dort aus ungestört alle Arten von Drogen in dem Umland zu vertreiben. In den geheimen Gängen und Kellerräumen ist Platz für ein Labor mit der Produktionskapazität, die es ermöglicht eine Großstadt zu versorgen. Falls einige der Investoren lieber ein ungestörtes Plätzchen suchen, um ihre Freunde aus Politik und Wirtschaft standesgemäß zu unterhalten, auch das ist möglich."
Jene lichtscheuen Subjekte, welche den Ausführungen des Karl Gustav von Elsterbach laut zujubelten, mochten als Entschuldigung für ihren Lebenswandel noch so gute Argumente vortragen; fest stand ohne Zweifel, dass alle Anwesenden zu den übelsten Vertretern ihrer Zunft gehörten und alleine schon deswegen keine Gnade vor jeglicher Art von Gerechtigkeit verdienten! Doch konnte man wohl nicht erwarten, dass sie Mitleid mit dem Opfer der Intrige des Karl Gustav von Elsterbach hatten. Sie gewährten kein Pardon - und deswegen sollten sie auch keines erwarten. Aber an solche Überlegungen verschwendeten sie keine Zeit. Den scheinbaren Sieg vor Augen, verließen sie sich auf ihre dunklen Künste und eben jenes undefinierbare Glück, dass sie bis jetzt nie verlassen hatte.
Was hatte die reine Seele eines zu Unrecht Verfolgten dagegen aufzubieten?
*
Das Büro des Privatdetektivs sah so unaufgeräumt aus, wie man es erwarten konnte. Adalbert, sozusagen in geheimer Mission unterwegs, fragte sich, wie ein solcher Mensch, der noch nicht einmal seinen Schreibtisch aufräumen konnte, Ordnung in jenes Chaos bringen sollte, welches dem Grafen das Leben zur Hölle machte.
Während Adalbert diese und andere Gedanken in seinem Kopf hin und her wälzte, betrat der Detektiv das Büro. In seinen Händen hielt er zwei reichlich mitgenommene Tassen, in denen sich - dem Geruch nach zu urteilen - ein unmenschlich starker Kaffee zu befinden schien.
"Ah, der gute Herr Adalbert" bemerkte er, stellte die Tassen kunstvoll auf zwei zufällig freie Plätze zwischen den Zeitschriften und Akten, die sich wohl schon seit Ewigkeiten auf diesem Schreibtisch befinden mochten. Adalbert schüttelte den Kopf. "Sie mögen mir verzeihen, aber mein Herz..." meinte er nur und deutete auf den Kaffee.
"Ist schon gut" sagte der Detektiv, "dann bleibt mehr für mich übrig!" Er nahm einen langen Schluck aus der ersten Tasse, dann räusperte er sich.
"Also, Herr Adalbert - und da Sie auf Barzahlung bestanden haben, frage ich auch nicht nach Ihrem Nachnamen - Die Sache ist ganz einfach gewesen. Eine Adresse von einem alten Professor, das schaffe ich doch mit Links!" Und um seine Worte effektvoll zu unterstreichen, überreichte er Adalbert mit der linken Hand einen Zettel. "Hier steht alles drauf. Und schöne Grüße an den Grafen!"
Adalbert war etwas überrascht. "Woher wissen Sie..." wollte er sagen, aber der Detektiv fiel ihm ins Wort.
"Je nun, ich lese den Bröckelberger Lokalanzeiger. Und irgendwo war da so ein Foto. Ich habe es gesehen... Ja, und plötzlich stehen Sie in meinem Büro und wollen eine Adresse herausfinden lassen. Ich vergesse nie ein Gesicht. Sie haben doch mal auf einem Foto hinter dem Grafen gestanden, als er dem Sportverein eine kleine Spende überreicht hat."
Adalbert erinnerte sich an jenen Anlass, und es war ihm irgendwie peinlich. Er, der doch immer so darauf achtete, der gute Geist im Hintergrund zu sein - und dann konnte man ihn in der Zeitung sehen!
"Wissen Sie, mir ist ja eigentlich egal, was so in der Welt passiert," plauderte der Detektiv weiter, "und wenn man mich für eine Sache bezahlt, mache ich die Sache und sonst nichts. Ich meine, was bringt es, sich in alles ´reinzuhängen, man bekommt in dem Job so viele üble Sachen mit... Aber obwohl ich nicht neugierig bin und meine Grundsätze habe, muss ich Ihnen noch etwas sagen. Da läuft etwas. Der Graf sollte vorsichtig sein."
"Was meinen Sie damit?" wollte Adalbert wissen.
"Ganz einfach. Der Graf, ein Vorbild für uns alle, ich meine, der wohl moralischste Mensch auf der Welt, ist plötzlich in alle möglichen Skandale verwickelt. Angeblich soll er geklaut haben. Später stellt sich raus, dass das nicht stimmt. Es tauchen jeden Tag neue Gerüchte auf. Dann laufen hier in Bröckelberg neuerdings jede Menge Typen herum, die man normalerweise nur im Verbrecheralbum sieht. Dann kommt der Butler des Grafen zu mir und will eine ganz simple Auskunft, die er auch bekommen könnte, wenn er mal ein paar Telefonbücher durchblättern würde. Ja, in solchen Momenten fängt das Gehirn zu arbeiten an. Was mag da los sein?"
Adalbert machte aufgrund dieser Ausführungen wohl ein ziemlich betretenes Gesicht, was dem Detektiv ein Lächeln entlockte.
"Ja, sicher, man redet nicht darüber. Aber ich sage ihnen eines, und das meine ich verdammt ernst: Der Graf ist meiner bescheidenen Meinung nach vollkommen unschuldig. Da läuft etwas ganz Übles, und als Profi kann ich Ihnen nur sagen: Sie sollten mich nicht nach Adressen suchen lassen, sondern nach wirklich interessanten Details."
Adalbert räusperte sich.
"Sie mögen mir verzeihen, aber wenn Sie schon so ein intelligenter Mensch sind, dann sollten Sie auch wissen, dass ich nur Aufträge ausführe. Ich selbst habe natürlich jedes denkbare Interesse daran, seine Durchlaucht zu unterstützen. Aber - und bitte glauben Sie mir, es fällt mir nicht leicht, das zu sagen - auch ich kenne nicht die ganze Wahrheit. Manchmal erscheint es mir so, als ob da etwas wäre, wofür sich seine Durchlaucht schämen würde... Es muss etwas wirklich Bedeutendes sein, etwas, dass er nicht zu erwähnen wagt, weil es ihn zu sehr bedrückt."
Der Detektiv nickte. "Ja, ich kenne das, die berühmten Leichen im Keller. Jeder hat sie, keiner will sie. Man glaubt, sie sind weg, für immer verschwunden, aber plötzlich, eines Tages, zum unpassendsten Zeitpunkt, tauchen sie wieder auf. Und dann... gute Nacht."
Adalbert konnte sich eines gewissen Unwohlseins nicht erwehren. Der Detektiv hatte sicherlich Recht, und die Tatsache, dass Graf Wilhelm Xaver Zacharias noch nicht einmal seinem treuesten Diener die ganze Wahrheit über diese Angelegenheit anvertrauen wollte, verunsicherte ihn noch mehr. Was hatte es nur mit jenem bösartigen Hausmeister auf sich? Und warum wollte Graf Wilhelm Xaver Zacharias, sonst ganz und gar ein Mann der Tat, ausgerechnet jetzt nicht so handeln, wie es nötig war? Fragen über Fragen, dachte sich Adalbert.
Ja, Fragen über Fragen! Und diesmal wurden sie freundlicherweise schon von Adalbert gestellt, so dass man auf die Wiederholung verzichten kann. Was der Graf - dem es an Tatkraft ja nicht mangelt, wie der Leser weiß - unternimmt, um die unappetitliche Angelegenheit mit dem Hausmeister zu regeln, erfahren Sie in der nächsten Folge. Und wie vom Schicksal vorausbestimmt, kommt es dann zu einem entsetzlichen Zwischenfall.
Ein entsetzlicher Zwischenfall - das ist auch der Titel der nächsten Folge dieses Fortsetzungsromans, und der Leser sei hiermit gewarnt: Es wird der bis jetzt entsetzlichste Zwischenfall in dieser an entsetzlichen Zwischenfällen sicherlich nicht armen Geschichte!