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Dunkle Wolken am Horizont

ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen

Kapitel 30

Die Schatten der Vergangenheit

 

"Gott ist mein Zeuge" rief Graf Wilhelm Xaver Zacharias, und Tränen liefen ihm über die Wangen, "Ich war mir nie einer Schuld bewusst!"

Antonia sah ihren Gemahl mit einer Mischung aus Mitleid und Verzweiflung an. "Oh, Wilhelm, Du bist kein Agrarökonom..." hauchte sie mit letzter Kraft in ihr Taschentuch, bevor sie ihr Antlitz in den Kissen des barocken Himmelbetts vergrub.

"Es kann nicht sein, Antonia, es kann einfach nicht so sein, wie er sagt, niemals hätte mein Vater mir einen Doktortitel gekauft... Nicht mein Vater, dieser gute, ehrenvolle Mensch!"

Auch Graf Wilhelm Xaver Zacharias übermannten nun die Gefühle, und gemeinsam ergaben sich die beiden gräflichen Herrschaften in die hemmungslose Trauer, welche jetzt, in dieser Stunde des tiefsten menschlichen Elends, wie ein zäher Nebel im Schlafgemach Antonias hing.

"So eine Schande..." begann Antonia von Neuem, "Man wird mit Fingern auf uns zeigen!" Wieder begann sie herzzerreißend zu schluchzen.

Ja, dachte sich Graf Wilhelm Xaver Zacharias, und er gönnte sich diesen winzigen Moment der Vernunft, der wie ein rettender Strohhalm auf diesem Ozean der Bitterkeit schwamm, und er klammerte sich daran fest, obgleich er wusste, dass er untergehen würde... Ja, sie werden mit Fingern auf uns zeigen! Sie werden hinter unserem Rücken tuscheln, und noch schlimmeres tun...

"Oh nein, Antonia, NIE werde ich dies zulassen!" rief der Graf mit tränenerstickter Stimme, bevor er, wie von Furien gehetzt, das Gemach verließ, um sich zu seiner Schreibstube zu begeben.

*

Eine Woche später erinnerte sich Graf Wilhelm Xaver Zacharias an diese Begebenheit, so wie jeden Tag. Und jeder Tag seit diesem war ein trüber Tag gewesen, das wusste der Graf wohl; und er wusste ebenfalls, dass er nichts dagegen tun konnte. Wie oft hatte er so wie jetzt dagesessen, alle Möglichkeiten erwogen und war doch zu keinem Ergebnis gekommen! Wie oft hatte er die trügerische Hoffnung besessen, dass alles wieder gut werden könnte, und dass er den dämonischen Hausmeister loswerden würde... Und wie oft hatte er nach stundenlangem Grübeln endlich zu einem unerquicklichen Schlaf gefunden, in dem er träumte, dass alles sich in Wohlgefallen auflösen würde!

Oh, armer Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg, dachte er dann beim Aufwachen, du bist sicherlich einer der ärmsten Menschen auf dieser Welt, denn du hast keine Hoffnung mehr. Der Ehre beraubt bist du, ein Schandfleck lastet auf deiner Vergangenheit, und deine Feinde haben sich deines Hauses bemächtigt...

Und niemand war da, der hätte helfen können! Adalbert war immer noch nicht ganz von jenem Schock genesen, den er bei der Enttarnung der wahren Identität des Hausmeisters bekommen hatte, Walburga war sicherlich nicht die Person, die ein solch ungeheuerliches Geheimnis für sich behalten hätte, und Antonia... Oh nein, Antonia war ein solch zerbrechliches Wesen, und was hatte sie alles ertragen müssen!

So saß Graf Wilhelm Xaver Zacharias also in seiner Schreibstube, wohl wissend, dass er alleine, und nur er alleine diesen Kampf ausfechten müsste, aber er war weit von jener Siegesgewissheit entfernt, die Graf Carolus Magnus Honorius, ein verwegener Kürassier und einer der Besten Offiziere Wallensteins, bei der Erstürmung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg hatte.

Doch aus diesen finsteren Gedanken wurde er von Adalbertīs bekanntem Klopfzeichen gerissen, und als er, wohl noch etwas mürrisch, "herein" rief, freute er sich zum ersten Mal seit einer Woche, und mit Adalbert betrat auch wieder eine gewisse Hoffnung die Schreibstube.

"Ach, Euer Durchlaucht, wie schlecht sind doch die Zeiten..." begann Adalbert, was des Grafen Hoffnungen auf gute Nachrichten leider wieder zunichte machte.

"Adalbert, wir haben den Feind in unseren Mauern, und wir werden ihn nicht mehr los. Und er weiß es, dass wir es wissen. Und alleine die Tatsache, ihm die Genugtuung zu geben, ihm seine primitiven Bedürfnisse nach Rache zu erfüllen, Angst vor ihm zu haben... Nein, zum ersten Mal im Leben werde ich von einer Situation sichtlich überfordert!"

"Sicher wäre es vorteilhaft, wenn Euer Durchlaucht mir gewisse Details nicht vorenthalten würden..." versuchte Adalbert sich vorzutasten, aber des Grafen Gesicht war versteinert.

"Nein, Adalbert, das ist eine Angelegenheit, mit der ich ganz alleine fertigwerden muss. Es ist eine gewisse Problematik in der jetzigen Situation, die mich leider zwingt, die Ereignisse auf mich zukommen zu lassen. Die Möglichkeiten, jetzt die Initiative zu ergreifen, sind praktisch nicht vorhanden. Ach, Adalbert, sie mögen eine Stütze sein, aber unter dieser Last würden sie zerbrechen... Ich kann Ihnen nicht sagen, worum es geht!"

Adalbert machte ein betretenes Gesicht.

"Ach, Euer Durchlaucht, was soll nur werden... Ich wage nicht, Euer Durchlaucht mit solch trivialen Dingen zu belästigen, da ich sehe, in welchem Zustand sich Euer Durchlaucht befinden, jedoch muss es gesagt werden. Der Hausmeister wird immer unverschämter! Wo soll das noch enden, er sät Zwietracht unter dem Personal, mischt sich in alles ein... Gott helfe uns, wenn das so weitergeht!"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias kannte seinen Feind.

Sicher, er würde sich, so lange es ginge, nur mit Nadelstichen begnügen. Hier und da eine kleine Demütigung, ab und zu eine Frechheit... Und er, Graf Wilhelm Xaver Zacharias, der Herr des Hauses, müsste sich zum Narren machen lassen. Zum endgültigen Todesstoß würde er nicht so schnell ausholen, der gute Hausmeister, denn er würde sein Opfer am liebsten endlos lange leiden sehen. Ja, das Leiden-lassen war wohl die Idee, die hinter den Plänen des Hausmeisters steckte, denn auf eine Erpressung hatte er es nicht angelegt - er hatte ja genug Geld.

"Adalbert" begann der Graf, "irgendwie gibt es eine Lösung für unsere Probleme. Es hat bis jetzt für jedes Problem eine Lösung gegeben. Und ich bin mir ganz sicher, dass die Lösung dicht vor unserer Nase liegt. Irgendwie werden wir diesen Parasiten loswerden, aber wir müssen es perfekt machen. Wenn wir uns nur einen Fehler erlauben, dann werden wir an seiner Stelle leiden und alle Schande auf uns nehmen müssen..."

"Verzeihung, Euer Durchlaucht" erwiderte Adalbert, der ja von der ganzen peinlichen Geschichte mit der Doktorarbeit nichts wissen konnte, "aber ich verstehe leider nicht, worum es geht. Was ist so kompliziert an dieser Sache?"

Innerlich musste der Graf lachen. Ja, was ist denn so kompliziert? Könnte man nicht einfach alles erzählen, Adalbert würde doch sicher nicht denken, dass ein Bröckelberg es nötig hätte, sich einen Doktortitel zu kaufen. Aber alleine der Verdacht, dass es doch so gewesen sein könnte, war zu ungeheuerlich! Nein, es darf nicht sein, dass der gute, alte Adalbert auch noch diese Dinge erfährt, weniger wegen seiner Loyalität... Aber die Peinlichkeit eines solchen Verdachts... Nein, Adalbert sollte nicht auch noch damit belastet werden, denn immerhin lastete auf ihm jetzt die komplette tägliche Routine, denn weder Antonia, noch der Graf waren in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

Adalbert war nicht mehr der Jüngste, und alle Kraft, die in ihm steckte, musste den täglichen Aufgaben und der Verwaltung des Schlosses und der Ländereien zukommen. Es wäre eine Katastrophe, wenn er sich auch noch alle möglichen Gedanken über die Teufeleien eines Ganoven im Hausmeistergewand machen würde, gleichsam ein letzter Triumph des Bösen über die wohlgeordneten Zustände in Bröckelberg.

Und so fasste der Graf schweren Herzens den Entschluss, Adalbert nicht einzuweihen.

*

Auch Antonia Beatrice Cäcilie, Gräfin von Bröckelberg, hatte ihre Gemächer seit jener letzten Unterhaltung mit ihrem Gemahl nicht verlassen. Einsam, wie in einer Klosterzelle, vegetierte sie dahin, nur ab und zu durch einen Besuch eines Dienstboten aufgeheitert.

Aufgeheitert? Nein, das wohl kaum. Der Zweifel zernagte ihre unschuldige Seele, denn sie liebte Wilhelm doch so sehr, und nun sollte er eines ungeheuerlichen Betrugs schuldig sein?

Sie mochte es sich nicht eingestehen, aber da gab es Zweifel, aber sie waren weniger durch die Fakten, als durch Wilhelms schreckliche Verfassung bedingt. Ach, könnte Wilhelm doch etwas sagen... Aber auch er verschloß sich, sagte kein Wort... Und so würde die Klärung der unhaltbaren Zustände nie zustande kommen.

Antonia war immer noch in Tränen aufgelöst, als ihr ein Gedanke kam, ein Gedanke, der vielleicht die Wahrheit in diesen Sumpf der Lügen bringen könnte.

Wenn ein Mensch wissen konnte, was es mit Wilhelms Doktorarbeit auf sich hatte, dann der alte Professor Sauerbrey. Wenn es in dieser verrückten Welt eine moralische Autorität gab, dann ihn. Nur - Professor Sauerbrey lebte schon lange im Ruhestand, und er mochte bestimmt schon über achtzig Jahre alt sein. Es gab aber keine andere Löung, sie musste ihn finden und ihn fragen. Nur aus dem Mund des Professors konnte die endgültige Wahrheit kommen, das spürte Antonia in diesem Moment, und sie war sich sicher, dass sie alles tun müsste, um diese Wahrheit herauszufinden. Denn nur die Wahrheit konnte die Unschuldigen retten und die Missetäter bestrafen!

Also läutete sie nach Adalbert, der auch prompt erschien. Sein Erstaunen, Gräfin Antonia Beatrice Cäcilie in solch gefestigtem Zustand zu sehen, wo sie doch vor ein paar Stunden noch beklagenswert traurig war, war so groß, dass er nicht ein Wort herausbekam.

"Adalbert, Sie erscheinen mir höchst erstaunt, wie das?" fragte die Gräfin, und beinahe kam es ihr so vor, als ob die Situation einer gewissen Komik nicht entbehrte.

"Euer Durchlaucht mögen mir verzeihen, aber hat sich in meiner Abwesenheit eine Besserung der Situation eingestellt?" brachte Adalbert schließlich heraus, immer noch sichtlich verlegen ob seiner Verwunderung.

Gräfin Antonia Beatrice Cäcilie lächelte gequält. "Ach, Adalbert, wenn Sie wüssten... Nein, sicher wird es, wenn wir uns glücklich schätzen dürfen, nur die Möglichkeit einer Besserung geben! Aber die müssen wir nutzen, das sind wir uns und den Unseren schuldig!"

Adalbert verstand den Sinn der Worte noch nicht ganz, wurde aber gleich darauf von der Gräfin genauestens instruiert.

"Adalbert, Sie kennen doch sicherlich einen Privatdetektiv. Ich möchte Sie jetzt nicht mit allen Details meines Planes verunsichern, ich bin mir schließlich selbst nicht sicher, ob der gewünschte Erfolg sich einstellen wird... Jedoch müssen wir etwas tun! Auch wenn ich hier in meinen Gemächern sitze, kommt mir doch genug zu Ohren, welch teuflische Pläne der Hausmeister gegen uns schmiedet. Und bitte, Adalbert, behandeln Sie den Auftrag, den ich Ihnen jetzt gebe, mit größtmöglicher Diskretion! Es mag Ihnen seltsam erscheinen, aber gehen Sie zu einem Privatdetektiv, und lassen Sie Professor Sauerbrey ausfindig machen, den alten Professor für Agrarökonomie an der Universität Bröckelberg!"

Adalbert räusperte sich verlegen. "Bei allem Respekt, Euer Durchlaucht, was für einen Sinn hätte es, in der jetzigen Situation einen alten Professor hier erscheinen zu lassen. Wenn Euer Durchlaucht auf meinen Rat hören wollen, dann würde ich empfehlen, mit eisernem Besen auszukehren!"

"Ach, Adalbert" erwiderte die Gräfin, "wenn es so einfach wäre. Stellen Sie sich vor, dass es Details gibt, die zu delikat sind, um sie an die Öffentlichkeit geraten zu lassen. Noch dazu, wenn diese Details nicht der Wahrheit entsprechen könnten... Oder wenn es nur üble Gerüchte wären... Würden Sie nicht auch zuerst die ganze Wahrheit wissen wollen, bevor Sie ernsthafte Schritte gegen Ihren Feind unternehmen?"

Adalbert atmete tief durch, bevor er antwortete.

"Euer Durchlaucht, sicher geziemt es sich nicht für mich, derartige Fragen zu stellen. Jedoch bin ich schon viel zu lange im Dienste derer von Bröckelberg, um einfach nur als gegeben zu nehmen, was man mir sagt. Euer Durchlaucht mögen mir glauben, die Weisheit meines Alters wurde von Graf Wilhelm Xaver Zacharias schon des Öfteren genutzt. Es liegt mir auch fern, mich aufzudrängen, aber es erscheint mir, als ob sowohl Seine Durchlaucht als auch Euer Durchlaucht sich in letzter Zeit zu sehr in Rätseln ausdrücken, gleichsam so, als ob die tiefe Traurigkeit über ein schockierendes Ereignis sich in die Seelen eingegraben hätte. Und Euer Durchlaucht mögen mir glauben, dies kann einem, der schon so lange diesem Hause dient, nicht gleichgültig sein!"

Gräfin Antonia Beatrice Cäcilie musste über Adalberts Rede schmunzeln. Ja, er hatte es geschafft, die Sorgen zu vertreiben - gewiss, nur für einen kleinen Moment - aber dieser Moment war so unendlich kostbar, und deswegen sagte Antonia zu Adalbert:

"Adalbert, ich bin mir jetzt so sicher wie nie zuvor, dass Sie der Einzige sind, dem ich hier noch vertrauen kann, selbstverständlich abgesehen von meinem Gemahl... Und deswegen versichere ich Ihnen: Was hier passiert, ist eine Schund - und Schmutzkampagne gegen den armen Wilhelm..." Die Gräfin schneutze sich verlegen in ihr Spitzentüchlein, bevor sie weitersprach.

"Nein, Adalbert, es gibt Dinge, die sind noch viel ungeheuerlicher, als alles, was Sie und ich bis jetzt erleben mussten. Und diesen Dingen müssen wir die Sirn bieten, und Sie, Adalbert, sind uns dabei viel zu wichtig, als dass wir Sie mit diesem Schmutz in Berührung kommen lassen. Wenn wir uns auch scheinbar in unser Schicksal ergeben, Sie müssen einen klaren Kopf behalten, damit sich alles zum Guten wendet. Denn ohne einen treuen und loyalen Menschen an unserer Seite wären wir sicherlich verloren. Aber Sie besitzen nicht nur Treue und Loyalität, sondern auch noch andere Eigenschaften, die uns sicherlich helfen werden, aus dieser misslichen Lage herauszufinden. Sie sind also ein zu wichtiger Mitstreiter, als dass wir Sie ebenfalls dem lähmenden Entsetzen, dass diese falschen Anschuldigungen gegen uns verbreitet, anheimfallen lassen könnten. Bitte, Adalbert, sehen Sie das als die einzige im Moment mögliche Erklärung an!"

Adalbert sah die Gräfin ratlos an. Nein, Zweifel an dem Sinn der Handlungen seiner Herrschaften hatte Adalbert nicht gehegt, aber vielleicht - wenn er ganz tief in seine Seele blickte - sah er dort eine kleine Enttäuschung, dass man ihn nicht so sehr ins Vertrauen zog, wie er es wohl gerne gehabt hätte.

*

WELCHEN Sinn haben die düsteren Andeutungen der Gräfin?

WAS soll der alte Professor tun, um den Betrüger, der sich auf Schloss Bröckelberg so schamlos aufführt, zu vertreiben?

Und: WARUM können die Folgen dieses Machwerks nicht endlich in regelmäßigen Abständen erscheinen?

Auf alle Fragen (bis auf die erste und die letzte, die mittlere wurde ja schon in dieser Folge beantwortet...) wird es in der nächsten Folge eine Antwort geben. Denn die nächste Folge wird Aspekte beleuchten, die bis jetzt ganz und gar im Dunkeln lagen... So wie Ein Licht in der Finsternis.

EIN LICHT IN DER FINSTERNIS - so heißt auch die 31. Folge unseres Meisterwerks, welches wie immer EXCLUSIV im DDM erscheinen wird. Nur fragen Sie nicht wann!

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