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Dunkle Wolken am Horizont

ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen

Kapitel 29

Eine grauenhafte Entdeckung

Adalbert, seit über vierzig Jahren Butler im Dienste derer von Bröckelberg, bot ein Bild des Jammers. Zusammengekauert saß er auf der Waschmittelgroßpackung, und man konnte ihm ansehen, dass er lieber tot gewesen wäre, als diesen Tag zu erleben. Walburga hatte sich bereit erklärt, den Grafen in die Waschküche zu geleiten, um dort aus Adalberts Mund die ganze entsetzliche Wahrheit über den Hausmeister zu erfahren.

Adalbert blickte erwartungsvoll auf die Tür, und es schien ihm, als ob er schon Tage in diesem finsteren Gelass verbracht hätte, dabei mochte es gerade erst zehn Minuten her sein, dass Walburga gegangen war, um den Grafen zu holen.

Die Tür öffnete sich, und Graf Wilhelm Xaver Zacharias, gefolgt von Walburga, betrat die Waschküche. Sorgenvoll musterte er Adalbert.

"Adalbert, was tun Sie nur! Ich ängstige mich um Sie... schließlich sind Sie nicht mehr der jüngste!" Diese Worte sollten Adalbert sicher aufmuntern, aber er blickte den Grafen aus unendlich müden Augen an und erwiderte nur: "Nun, Euer Durchlaucht, es geziemt sich nicht, wenn Sie mich in einer Waschküche aufsuchen, doch wusste ich mir keinen Rat... Dieser Anfall von Schwäche wird sicher wieder vorübergehen, dessen bin ich mir sicher. Aber es gab eine Sache, die keinen Aufschub duldete. Es geht um unseren Hausmeister."

Mit diesen Worten richtete sich Adalbert mühsam auf und sah seinem Grafen sorgenvoll in die Augen. "Nun, Euer Durchlaucht, wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Er ist... Nein, unmöglich es zu sagen... lesen Sie selbst!"

Adalbert griff in die Brusttasche seiner Livree und übergab dem Grafen den Brief, den er von Walburga erhalten hatte. Graf Wilhelm Xaver Zacharias konnte nicht verbergen, wie seltsam ihm diese Versammlung in der Waschküche anmutete, doch er nahm den Brief und fing an, ihn zu lesen. Bereits nach wenigen Sekunden wurde er blass und begann zu schwanken.

"Oh Gott... ER ist es... aber das kann nicht sein!" rief er voller Entsetzen.

"Ja, Euer Durchlaucht, ich konnte es auch nicht fassen..." begann Adalbert, und er blickte verzweifelt in Richtung Walburga, der einzigen Person in der Waschküche, die noch eine halbwegs normale Gesichtsfarbe hatte.

"Was sollen wir jetzt tun?" fragte Adalbert, und in des Grafen Gesicht konnte er nichts erkennen, was einer Antwort auf diese Frage gleichkam.

"Ich werde mit ihm reden!" sagte Graf Wilhelm Xaver Zacharias schließlich, nachdem einige schicksalsschwere Sekunden vergangen waren. Er ging festen Schrittes aus der Waschküche, durchquerte die weiten Gänge und Flure seines Schlosses, um schließlich vor der Dienstwohnung des Hausmeisters anzukommen.

Graf Wilhelm Xaver Zacharias atmete noch einmal entschieden durch, dann klopfte er an.

"Tritt ein, bring Glück herein" war von drinnen zu hören. Ja, dachte sich Wilhelm Xaver Zacharias, seinen Humor hat er seit damals nicht verloren...

*

Der Hausmeister saß mit aller Gelassenheit dieser Welt in einem reichlich überdimensionierten Ohrensessel, die Füße weit von sich gestreckt, und er stand auch nicht auf, als Wilhelm Xaver Zacharias den Raum betrat. Dafür bemühte er sich wenigstens um eine gewisse oberflächliche Höflichkeit, indem er einige wohl freundlich gemeinte Worte sagte.

"Oh, Herr Graf, wenn ich gewusst hätte, dass sie es sind, hätte ich nicht..." begann er, doch Wilhelm Xaver Zacharias unterbrach ihn.

"Hör auf mit dieser Heuchelei, ich weiß, wer Du bist!" rief er voller Zorn, und zur Unterstreichung seiner Worte schleuderte er dem Hausmeister den Brief entgegen.

Dieser nahm ihn vom Boden auf und betrachtete ihn. Dann nickte er nur einmal kurz und meinte einfach nur: "Na gut, ich bin es. Na und?"

"Du... Du Unmensch! Du wagst es, hierher zu kommen... nach allem, was Du getan hast..." Graf Wilhelm Xaver Zacharias konnte nicht weitersprechen, weil die Erregung ihn übermannte.

"Ja, ich habe es gewagt. Na und?" Diese betont gelassene Antwort des Hausmeisters brachte den Grafen noch mehr in Rage.

"Carl Gustav von Elsterbach" meinte der Graf, und seine Stimme zitterte vor Erregung, "Oder soll ich Dich bei Deinem richtigen Namen nennen, Herr Eberhard Meisinger?"

"Mein richtiger Name ist Carl Gustav von Elsterbach" entgegnete der Hausmeister gelassen.

"Ja, natürlich. Wie bist Du an ihn gekommen? Hat Dir ein guter Freund eine Geburtsurkunde gefälscht?"

"Nun, Wilhelm," meinte der Hausmeister, und man konnte den Hohn, der aus seinen Worten sprach, nicht überhören, "Du weißt ja, damals an der Universität... Das war eine lustige Zeit. Doch es hielt mich nicht hier, in dieser kleinstädtischen Enge. Und dann, als Du mir Antonia weggenommen hast... Nun ja, Schwamm drüber, wie man so sagt. Ich ging nach Südamerika, wo ich einige lukrative Geschäfte machte."

Der Graf konnte sich einer bissigen Bemerkung nicht enthalten. "Du meinst sicher krumme Geschäfte!"

"Ach, Wilhelm, wenn man zu Geld kommen will, muss man eben gewisse Dinge locker sehen... Du weißt doch, ehrlich zu sein, muss man sich leisten können. Du hattest ja Geld, aber ich? Ein Emporkömmling war ich in euren Augen, ein Bürgerlicher, der es wagt, einer Gräfin den Hof zu machen. Nein, wie unfein!"

"Antonias Abneigung hatte nichts mit Deiner Abstammung zu tun, wohl eher mit Deinen Manieren, und erst recht mit Deinen... Verbindungen... zu diesen Kriminellen!"

"Ja, natürlich" meinte der Hausmeister und winkte verächtlich ab, "aber wir waren bei meiner Geschichte. Jedenfalls konnte ich in Südamerika jede Menge Geld machen, nur, man war hinter mir her, und dann... ja, mir fehlte meine Heimat. Und so beschloss ich, nach Bröckelberg zurückzukehren. Leider war die Polizei in Deutschland nicht so nett wie die in Kolumbien. Also musste ich meinen Namen ändern. Da gab es so eine arme Baronin, die mich für eine kleine Aufwandsentschädigung adoptiert hat. Und auch der Arzt, der mir mein neues Gesicht verpasst hat, konnte sich meiner Dankbarkeit sicher sein. Ja, Geld regiert die Welt."

"Ja, Carl Gustav, und Du hast offensichtlich sehr viel davon. Aber was sollten diese Machenschaften mit dem Diebesgut in meinem Keller?"

"Ich wollte Dich ein Bißchen ärgern, Wilhelm. Und das ist mir doch gut gelungen, oder? Ich meine, Dein guter Ruf ist schon ziemlich angekratzt... Ist doch lustig, oder?"

"Du wirst mein Haus auf der Stelle verlassen. und ich rate Dir, Dich zu stellen. Wenn ein Fünkchen Ehre in Dir ist..."

"Nein!" schrie der Hausmeister da, und so plötzlich und unerwartet, wie sich seine Stimmung geändert hatte, sprang er auf. "Nein, nie werde ich diesen Ort verlassen! Was glaubst du, wer Du bist! Ein feiner Herr, der sich alles erlauben kann? Ein Betrüger bist Du!"

"In meinem Hause wagst Du, mich anzuschreien? Jetzt erst erkenne ich, was für eine Kreatur Du bist!" sagte der Graf voller Abscheu.

"Ja, Herr Graf, ich bin eine Kreatur, die Dir den Spiegel vorhält! Sieh Dich an, Du Betrüger! Doktor der Agrarökonomie! Du hast Dir Deinen Doktortitel erschwindelt!"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias schwankte ob dieser Anschuldigung. "Was... Was sagst Du da..." rief er dem Hausmeister kraftlos entgegen.

"Du hast Deine Doktorarbeit geschrieben, zur gleichen Zeit wie ich. Und auch über das selbe Thema wie ich. So ein Zufall. Und es war bestimmt auch ein Zufall, dass meine Doktorarbeit verloren ging, während Deine in den höchsten Tönen gelobt wurde. Natürlich zufälligerweise, nachdem ich von Antonia eine Einladung zur Semesterabschlussfeier erhalten habe, und nicht Du. Und erst recht zufälligerweise, nachdem Dein Vater ein Forschungsprojekt der Universität mit einer großzügigen Spende bedacht hat!"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias musste sich an die Wand lehnen, so sehr hatten ihn die Worte des Hausmeisters getroffen.

"Ja, sicher, Zufälle... Du glaubst doch nicht..." wollte der Graf sagen, doch der Hausmeister schnitt ihm das Wort ab.

"Was ich glaube, ist egal. Die Zeitungen werden sich darüber freuen. Aber noch haben wir nicht Sommer, noch ist keine Saure-Gurken-Zeit. So lange warte ich noch. So lange habe ich Dich in der Hand. Und danach - danach bist Du ein Nichts in den Augen Deiner noblen Freunde! Davor hast Du doch am meisten Angst, oder? Ja, alle werden das wahre Gesicht des noblen Grafen von Bröckelberg sehen!"

Ein hässliches Lachen entrang sich dem Mund des Hausmeisters. Graf Wilhelm Xaver Zacharias konnte es nicht mehr ertragen, in der Dienstwohnung des Hausmeisters zu verbleiben. Wie ein zu Tode getroffenes Tier stürzte er aus diesen Räumlichkeiten, verfolgt vom höhnischen Gelächter des Hausmeisters.

Wilhelm Xaver Zacharias wusste nicht, wie er dorthin gelangte, aber irgendwann, nachdem er durch das halbe Schloss geirrt war, fand er sich in Antonias Schlafzimmer wieder. Antonia saß vor der barocken Frisierkommode und drehte sich etwas erschrocken um, als ihr Gatte in diesem Zustand das Gemach betrat.

" Wilhelm, was ist mit Dir? Du wirkst in höchstem Maße echauffiert!"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias sah ob dieser Worte seine Antonia unendlich traurig an, so, als ob er wissen würde, was alles auf ihn - und nicht nur auf ihn -zukommen würde. "Ach, Antonia... Ich hatte gerade eine Begegnung mit einem Menschen, den ich schon lange aus den Augen verloren glaubte... Du erinnerst Dich, mein alter Studienfreund Eberhard Meisinger..."

"Nein, Eberhard... lebt er noch?" fragte Antonia, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

"Oh ja, er lebt... genau hier, mitten unter uns!" entgegnete der Graf voller Verbitterung.

"Wie schön! Es gab diese üblen Gerüchte, aber ich mochte sie nie glauben. Ach, der gute Eberhard..." versuchte die Gräfin zu erklären, doch dann bemerkte sie, dass ihr Gemahl sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

" Wilhelm, was ist mit Dir?" fragte sie voller Besorgnis.

"Eberhard ist unser Hausmeister!" erklärte Wilhelm Xaver Zacharias. Doch Antonia verstand immer noch nicht.

"Aber... Nein, das kann nicht sein. Er sieht ganz anders aus, und er - trägt er nicht einen anderen Namen? Wie kann das alles sein? Wilhelm, bitte, erkläre mir das!"

Nach Erklärungen war dem Grafen nicht zumute, doch er raffte noch einmal alle Kraft zusammen und begann, diese unmöglichen Zusammenhänge zu erläutern. "Eberhard hat sich sein Gesicht chirurgisch verändern lassen. Und er hat sich von einer verarmten Baronin adoptieren lassen. Ach, Antonia, es ist wirklich nicht zu glauben... Aber er ist es, ich schwöre es Dir!"

"Warum sollte er so etwas tun? Sag mir, Wilhelm, was hat ihn dazu bewogen, den armen Eberhard..." Antonia konnte nicht zu Ende sprechen, denn Wilhelm erwiderte ziemlich schroff: "Der arme Eberhard ist ein international gesuchter Ganove! Das erklärt doch alles!"

"Nein!" rief Antonia entsetzt aus, "Nein, das kann doch nicht sein! Also stimmen diese Gerüchte? Oh Gott, Wilhelm, Du hast ihn sicher sofort hinauskomplimentiert... So ein Subjekt sollte nicht bei uns wohnen dürfen!"

Graf Wilhelm Xaver Zacharias schüttelte traurig den Kopf.

"Was?" fragte Antonia entsetzt. "Du hast so ein gutes Herz, Wilhelm, aber das geht nicht! Unser guter Ruf... Und ist Dir nicht in den Sinn gekommen, dass er etwas mit den jüngsten Vorkommnissen zu tun haben könnte? Wie kann ich ruhig schlafen, wenn so ein Strolch unter dem selben Dach wohnt!"

"Ach, Antonia... wie soll ich es Dir nur sagen..." bemühte sich der Graf um eine Erklärung. "Nein, es ist zu grausam, doch der Zweifel nagt an mir... könnte es sein..."

" Wilhelm, Du sprichst in Rätseln!" sagte Antonia, und ihrer Stimme war zu entnehmen, wie besorgt sie war. Besorgt, dachte sich der Graf, besorgt um mich oder um das, was dieser Unmensch uns antun wird?

"Antonia, ich muss Dir ein Geständnis machen. Es fällt mir nicht leicht, aber es muss sein. Bitte, ich habe nie etwas von Dir verlangt, das in dieser Größenordnung liegt... Aber versprich mir, dass Du mich nicht verachten wirst!"

Der Graf atmete noch mehrmals tief durch, dann blickte er fest in Antonias liebes, aber verwirrtes Gesicht und suchte die richtigen Worte. Doch sie wollten ihm nicht einfallen.

*

Wird Graf Wilhelm Xaver Zacharias jemals die richtigen Worte finden, oder sucht er sie in der nächsten Folge immer noch? Und was wird Antonia von ihrem Gemahl halten, wenn sie einige der düsteren Geheimnisse aus den lieblichen Studententagen erfährt?

Ja, es scheint, als ob sich dunkle Schatten über dem idyllischen Schloss Bröckelberg und seinen Bewohnern zusammenbrauen. Und wirklich, es werden dunkle Schatten sein, die in den nächsten Folgen die Handlung bestimmen - die Schatten der Vergangenheit. Und so heißt auch die nächste Folge unseres unglaublichen Meisterwerks, das Sie auf gar keinen Fall verpassen sollten:

Die Schatten der Vergangenheit

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