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Dunkle Wolken am Horizont

ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen

Kapitel 28

Der Ruf der Gerechtigkeit

 

Man könnte meinen, dass in der Geschichte des Geschlechts derer von Bröckelberg schon manch schicksalhafte Wendung eingetreten ist, die so unglaublich erscheinen mag, dass sie ohne Weiteres aus einem schlechten Roman stammen könnte. So erschien es Adalbert, als er eine Woche nach den Ereignissen, die im letzten Kapitel beschrieben wurden, erneut den Besuch der Polizei bei Graf Wilhelm Xaver Zacharias melden musste. Diesmal kam allerdings nur einer der Gesetzeshüter, der lediglich den Grafen sprechen wollte, wie er sagte.

Graf Wilhelm Xaver Zacharias empfing den Polizisten in seiner Schreibstube. Überflüssig zu erwähnen, wie ungehalten er wegen dieser erneuten Belästigung war. Er bot dem Polizisten förmlich, aber ohne jede Herzlichkeit einen Sitzplatz an. Er selbst setzte sich ihm gegenüber an seinen Rokoko-Sekretär.

"Nun, Herr Graf, ich habī zuerst einmal eine gute Nachricht für Sie..." begann der Polizist, wurde aber von dem Grafen etwas unwirsch unterbrochen.

"Nun, Herr - wie auch immer Sie heißen mögen - ich erwarte keinesfalls eine persönliche Entschuldigung von Ihnen. Sie haben sicher im Rahmen ihrer beruflichen Möglichkeiten gehandelt. Aber ist es nicht so, dass Sie der Gerechtigkeit dienen? Und ist das, was mir wiederfahren ist, Gerechtigkeit?"

Des Grafen Worte wirkten auf den Polizisten wohl anklagender, als es gemeint war. Er machte ein betretenes Gesicht und sah sich verlegen in der Schreibstube um.

"Ja, das ist leider ein Versehen gewesen... Also, Herr Graf, es war ja nicht so, dass wir absichtlich einen Unschuldigen einsperren wollten... Aber die Fakten, die letzte Woche vorlagen, sahen wirklich übel aus... Inzwischen wissen wir aber, dass Sie mindestens drei Einbrüche nicht begangen haben können. Wir haben Ihre Alibis überprüft..."

Wieder schnitt Wilhelm Xaver Zacharias dem Polizisten das Wort ab.

"Sie haben meine Alibis überprüft? Ich entnehme Ihrer Äußerung, mein Herr, dass Sie mich für einen Kriminellen halten, der sich allerlei lustige Geschichten einfallen lässt, um der Polizei etwas Arbeit zu verschaffen. Nun, vielleicht lernt man auf der Polizeischule keine höflichen Umgangsformen mehr. Aber soviel ich weiß, ist ein Mensch so lange unschuldig, bis ihm vor Gericht das Gegenteil bewiesen wurde. So gesehen, nehmen Sie sich viel heraus, mein Herr!"

Dem Polizisten war dieser Vortrag sichtlich unangenehm.

"Herr Graf, sehen Sie, wir machen nur unseren Job. Es ist mir klar, wie unangenehm das alles für Sie sein muss, aber wir müssen uns an Gesetze halten, und wenn ich Ihnen jetzt sagen würde, dass es mir leid tut, was da gelaufen ist, dann würde das auch nichts mehr ändern. Na gut, vielleicht waren wir zu voreilig. Aber das habe ich nicht zu verantworten, sondern der Staatsanwalt, der uns zu diesen Schritten autorisiert hat. Also bitte, Herr Graf, wir können noch stundenlang über diese Sache streiten, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Was ich Ihnen mitteilen wollte, ist, dass kein dringender Tatverdacht mehr gegen Sie besteht, und dass wir noch ein paar Fragen haben, an Sie, an Ihren Butler, und natürlich an Ihren Hausmeister. Ich würde mich freuen, wenn Sie ein Bisschen konstruktiver wären."

Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg sah den Polizisten verächtlich, aber auch ein wenig mitleidig an.

"Schön, mein Herr, fragen Sie!"

Der Polizist räusperte sich verlegen. Sicher war er von des Grafen knapper Antwort etwas aus dem Konzept gebracht.

"Also, Herr Graf, haben Sie noch mal nachgesehen, ob nicht noch einer Ihrer Angestellten einen Schlüssel haben könnte, auch einen Nachschlüssel, meine ich?"

Wilhelm Xaver Zacharias nahm einen Brieföffner zur Hand, ein Geschenk von Papst Urban IV. an Graf Roberto Umberto Rodrigo von Bröckelberg, das dieser entfernte Vorfahr von seiner Heiligkeit persönlich für überdurchscnittliche Leistungen bei einem Kreuzzug bekommen hatte. Verlegen drehte er den Brieföffner in der Hand hin und her, denn er war ein Symbol der Unermüdlichkeit, mit der die Grafen von Bröckelberg stets für Recht und Ordnung eingetreten waren. "Sicher," so dachte sich Wilhelm Xaver Zacharias, "jener, der mir gegenüber sitzt ist nur ein einfacher Polizist, ein kleines Rädchen in einem großen Uhrwerk, und sicher steht er nicht in dieser jahrhundertelangen Tradition wie ich, aber wir kämpfen beide für das selbe Ziel." Und so beschloss der Graf, die vornehmste Tugend derer von Bröckelberg zum Zuge kommen zu lassen, nämlich die Großmut, die sich am trefflichsten dann zeigt, wenn es ums Verzeihen geht.

"Herr Graf, bitte..." drängte sich der Polizist in Wilhelm Xaver Zachariasī Gedanken.

"Nun, mein Freund..." begann Wilhelm Xaver Zacharias, wohl das Erstaunen des Polizisten ob dieser vertraulichen Anrede bemerkend, "Es ist so, dass diese Schlüssel von seltener Machart sind, man kann sie nicht einfach so kopieren, wie das bei heutigen Massenprodukten der Fall sein mag. Sie kommen geradewegs von einem Meisterschmied aus Toledo, der sie vor dreihundert Jahren für meinen Vorfahren Jakob Marcusius Johannes anfertigte. Durch die Jahrhunderte hat sich dieses Meisterwerk der Feinmechanik bewährt, und niemals gab es Schwierigkeiten. Nein, undenkbar, dass ein solcher Schlüssel kopiert wurde. Nur die von mir genannten Personen besitzen einen solchen Schlüssel."

"Hmmm..." meinte der Polizist, "Wir haben ja schon alle vernommen, bis auf den Hausmeister. Ist er jetzt anwesend?"

"Ja," erwiderte der Graf, "Sie werden ihn höchstwahrscheinlich im Westflügel des Schlosses finden. Er ist mit der Wartung der Beleuchtung beschäftigt. Befragen sie ihn nach Herzenslust."

*

Der Polizist machte nach einigen Minuten des Suchens tatsächlich den Hausmeister ausfindig. In jener langen und hohen Wandelhalle, die den ganzen Westflügel durchzog, wirkte dieser einzelne Mensch auf seiner Leiter irgendwie verloren und auf eine seltsame Art unschuldig. Und genau dieser Einduck täuschte, das wusste der Polizist, als er diese seltsame Szenerie mit seinem kriminalistischen Scharfsinn analysierte.

Der Hausmeister befand sich also oben auf einer Leiter, von wo aus er an einer historischen Wandleuchte, die irgendwann einmal von Gas auf Elektrizität umgestellt worden war, herumhantierte.

"Guten Tag, Herr Hausmeister" rief der Polizist hinauf, "ich hätte da mal ein paar Fragen an Sie!"

"Fragen Sie nur!" erwiderte der Hausmeister, ohne mit seiner Arbeit aufzuhören.

"Würden Sie bitte mal von der Leiter herunterkommen, ich finde, man kann sich so nicht so gut unterhalten" rief der Polizist nach oben.

"Ich habī zu tun!" kam es ungehalten aus des Hausmeisters Mund.

"Also, Herr Hausmeister, wir können Sie auch auf das Präsidium bestellen, wenn sie das wollen. Es wäre doch besser, sich hier mit mir zu unterhalten!" meinte der Polizist, wohl auf seinen Status als Respektsperson vertrauend.

"Ich will mich ja mit Ihnen unterhalten, nur habe ich hier noch was zu erledigen. Und wenn Sie mich auf das Präsidium bestellen könnten, dann hätten Sie das schon getan, oder? Also, machen Sie Sich nicht so wichtig!"

Der Polizist konnte ob dieser Erwiderung erst einmal nichts sagen. Dann beschloss er, es so kurz wie möglich zu machen. Dieser Mensch war offensichtlich ein ziemlicher Ignorant, und die konfrontierte man am besten mit Fakten.

"Sie besitzen einen Schlüssel zum Keller..." sagte der Polizist.

"Ja und?" fuhr ihm der Hausmeister ins Wort. "Ich bin nicht der Einzige, der hier einen Schlüssel hat!"

"Ja, aber Sie sind der Einzige, den wir noch nicht befragt haben" konterte der Polizist.

"Dann fragen Sie mal!" meinte der Hausmeister mit einem süffisanten Grinsen.

"Also gut. Ist Ihnen jemals aufgefallen, dass jemand Gegenstände in den Keller gebracht hat?"

"Meinen sie das im Ernst?" fragte der Hausmeister. "Was glauben Sie eigentlich, wer hier alles in den Keller geht, um dort was zu holen oder... also wirklich!"

Der Polizist beschloss, seine Taktik zu ändern.

"Was haben Sie eigentlich am 22.5. dieses Jahres, so zwischen 22 Uhr und Mitternacht, gemacht?"

Der Hausmeister kletterte die Leiter herunter. Er sah den Polizisten mit einem Kopfschütteln an und erwiderte: "Wenn ich ein kleines Mädchen wäre, und ich würde ein Tagebuch führen, dann könnte ich jetzt da hineinsehen und es ihnen sagen! So ein Schwachsinn! Woher soll ich wissen, was ich vor zwei Monaten gemacht habe! Und wenn Ihnen diese Antwort nicht gefällt, dann verhaften Sie mich doch... Unglaublich, was für einen Blödsinn heutzutage veranstaltet wird, um ehrliche Bürger zu belästigen! Und das alles von Steuergeldern!"

Der Polizist lächelte. Irgendwas, das sagte ihm seine Erfahrung, war mit dem Hausmeister nicht in Ordnung.

"Entschuldigen Sie, aber wir haben eben unsere Vorschriften, und da kann man nichts machen..."

"Ja, Vorschriften! Damit redet ihr euch immer īraus, wenn ihr nicht mehr weiterwisst..."

"Haben Sie schon einmal schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht?" fragte der Polizist - betont harmlos, aber das schien den Hausmeister erst recht wütend zu machen.

"Wie kommen Sie denn auf so was! Ich bin ein ehrlicher Mensch, und ich mag es nicht, wenn ich verdächtigt werde! Das ist doch ganz natürlich!"

"Ja, entschuldigen Sie..." meinte der Polizist, "Aber es hörte sich so an, als ob Sie schon einmal Probleme mit der Polizei gehabt hätten. Das soll natürlich keine Unterstellung sein."

Der Hausmeister winkte ab. "Sparen Sie Sich Ihre Entschuldigungen. Ich will nur klarstellen, dass ich mit diesen Dingen, die hier gelaufen sind, nichts zu tun habe. Es ist auch eine ziemliche Frechheit gewesen, den armen Herrn Grafen zu verhaften!"

"Ja, dafür habe ich mich schon im Namen der gesamten bröckelberger Polizei entschuldigt. Ich werde Sie dann auch nicht weiter behelligen. Machen Sie Ihre Arbeit, und ich mache meine!" Mit diesen Worten ging der Polizist und ließ den etwas irritierten Hausmeister zurück.

Dieser trug die Leiter ein Stück weiter, um sie bei der nächsten Lampe an die Wand zu lehnen. Gerade, als er hochklettern wollte, kam der Polizist zurück.

"Entschuldigen Sie, ich habe da noch eine Frage..." sagte er, und er machte einen ziemlich zerstreuten Eindruck.

"Fragen Sie!" erwiderte der Hausmeister, und er wirkte irgendwie nervös.

"Wo waren Sie eigentlich letzte Woche, am Mittwoch, gegen Mittag... sagen wir mal, zwischen 12 und 14 Uhr? Es wäre schön, wenn Sie das wenigstens beantworten könnten!"

"Ich... ich war... ja, ich war einkaufen, und dann bin ich in eine Kneipe gegangen, ja, das war es wohl..." meinte der Hausmeister, und er konnte eine gewisse Unsicherheit nicht verbergen.

"Danke" sagte der Polizist und verschwand nun endgültig, den auf die nächste Frage wartenden Hausmeister zurücklassend.

*

Unbemerkt von den beiden Kontrahenten hatte Adalbert die Unterhaltung belauscht. Sicher, so sagte er sich, war es nicht richtig, was er tat. Doch war es für ihn sehr wichtig zu wissen, was der Hausmeister tun oder sagen würde, denn erst gestern hatte Walburga, die Waschfrau, einige seltsame Andeutungen über den Hausmeister gemacht.

Adalbert suchte sie deswegen in der Waschküche auf. Sicher, Walburga war eine tüchtige Angestellte des gräflichen Haushalts, aber sie neigte auch zu Übertreibungen, was sicher an ihrem gewaltigen Konsum von Groschenromanen lag.

Kaum hatte Adalbert die Waschküche betreten, da stürmte Walburga ihm auch schon entgegen. Sie sah sich erst mehrmals um, ob nicht ein Fremder in der Waschküche sei, und dann sagte sie zu Adalbert mit einem verschwörerischen Unterton in der Stimme:

"Das hier habe ich gestern in der Jacke des Hausmeisters gefunden! Sehen Sie, Adalbert, ein Brief!"

Adalbert sah Walburga entsetzt an. "Walburga, Sie können doch nicht einen Brief lesen, der..." dann aber bemerkte er das verschmitze Lächeln der Waschfrau, und er meinte nur noch: "Na gut, was steht denn drin?"

"Lesen sie selbst, Adalbert, lesen Sie es, und Sie werden es nicht glauben!"

Adalbert faltete den Brief auseinander und überwand seine letzten Bedenken, eine fremde Privatsphäre zu verletzen.

Als er die ersten Zeilen gelesen hatte, wurde er blass.

"Das ist ja schrecklich!" konnte er nur noch sagen, bevor er sich auf eine Großpackung Waschpulver setzen musste, da er sich offensichtlich vor Entsetzen nicht mehr auf den Beinen halten konnte.

*

WAS muss der getreue Adalbert in dem Brief lesen, den Walburga ihm zugesteckt hat? WAS für schreckliche Dinge werden wir noch über den Hausmeister erfahren müssen? WARUM werden die Leser dieses Romans immer mit so dummen Fragen am Schluss eines Kapitels gequält?

Natürlich gibt es fast alle Antworten im nächsten Kapitel unseres Fortsetzungsromans. Es trägt den Titel "Eine grauenhafte Entdeckung". Ja, und man kann ohne dem Größenwahn zu verfallen sagen: DIESE Entdeckung wird mit Sicherheit grauenhafter als alles, was unseren Lesern jemals zugemutet wurde! Verpassen Sie daher auf keinen Fall die nächste Folge dieses dramatischen Meisterwerks, und machen auch Sie, genau wie der arme, alte Adalbert

EINE GRAUENHAFTE ENTDECKUNG!

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