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Dunkle Wolken am Horizont

ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen

Kapitel 27

Das düstere Geheimnis des Hausmeisters

Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg saß in der Schreibstube und las in den alten Liebesbriefen, die er am gestrigen Abend aus der Hand gelegt hatte, um sich um seine geliebte Gemahlin Antonia Beatrice Cäcilie zu kümmern, die sich von dem unfreiwilligen Ausflug ihres Gatten in eine Justizvollzugsanstalt noch immer nicht erholt hatte, zu kümmern. Graf Wilhelm Xaver Zacharias wusste wohl, dass in dieser Angelegenheit noch nicht alle Hürden genommen waren, aber heute, an diesem wundervollen Morgen, wollte er sich nicht mit diesen bösen Gedanken quälen.

Ja, diese alten Liebesbriefe schienen ihm Kraft zu geben, nach diesen fürchterlichen Ereignissen zu einer gewissen Normalität zurückzukehren.

"Mein herzallerliebster Wilhelm Xaver Zacharias!

Willi, Du bist der Mann, auf den ich mein Leben lang gewartet habe. In meinem Herzen ist nur Platz für Dich allein. Ich liebe Dich, oder wie man es auf kenianisch sagt: "Tye-mela´ne!".

Deine wunderbar braun-grauen Augen sind für mich wie ein Ozean, in dem ich ertrinken möchte. Deine Blicke elektrisieren mich. Deine blonden Haare sind einfach exorbitant erotisch. Ich liebe es, über sie zu streicheln. Du liest mir alle Wünsche von den Augen ab. Deine Geschenke machen mich sehr oft sehr glücklich. Deine Großzügigkeit ist überwältigend. Kein Mann, den ich kenne, ist so hinreissend wie Du!

Oft sehne ich mich nach Dir und wünschte Du wärst hier. Oft sehne ich mich danach, Dich zu berühren, einfach Deine Nähe zu spüren. Oft wäre ich dann zufrieden, nur in Deinen Armen zu liegen. Oft denke ich an Dich und frage mich ob Du auch so fühlst wie ich. Denn ich liebe Dich!!!!

Rosa Luxemburg, deren Ansichten ich nicht teile - wohl aber deren Gefühle - schrieb einmal: "O Liebling, wie sehne ich mich danach, dass Du Dein Wort einlöst... Unser eigenes Zimmerchen, eigene Möbel, eine Bibliothek für uns, ruhige, regelmäßige Arbeit, Spaziergänge zu zweit... ein kleiner - wirklich kleiner Kreis von Freunden... Und vielleicht sogar ein kleines, ganz ein kleines Baby?"

Die Nähe zu Dir ist für mich ein Lebenselexier. Wenn Du nicht da bist, weint mein Herz. Wir werden sicher bald mal wieder die Möglichkeit haben ein Glas Saft trinken zu gehen.

Ich habe in diesem Brief all meine Gefühle zu Dir auszudrücken versucht. Ich werde Dich ewig lieben.

In ewiger Liebe

Deine Cäcilie von und zu Rozz"

 

Graf Wilhelm Xaver Zacharias vernahm ein Klopfen an der Tür zu seiner Schreibstube. Es war dieses leise, aber vernehmliche Klopfen, welches unter tausenden zu erkennen war.

"Treten Sie ein, Adalbert" rief der Graf mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

"Euer Durchlaucht, ich bin immer wieder erstaunt, dass Sie mein Anklopfen erkennen..." versuchte Adalbert eine höfliche Konversation aufzubauen, aber Graf Wilhelm Xaver Zacharias war heute nicht danach zumute. Ungewohnt schnell kam er auf den Punkt.

"Der neue Hausmeister besitzt auch noch einen Kellerschlüssel. Ich habe es vergessen, weil er erst seit einem Vierteljahr bei uns arbeitet."

Adalbert machte ein betretenes Gesicht.

"Euer Durchlaucht meinen, dass seine Hochwohlgeboren, Baron Carl Gustav von Elsterbach, ein Dieb sein könnte?"

Adalbert konnte förmlich spüren, welch ungutes Gefühl Graf Wilhelm Xaver Zacharias plötzlich hatte. Er wusste, dass die Elsterbacher jahrhundertelang Raubritter waren, hatte dem aber bei der Einstellung des Hausmeisters keine Bedeutung beigemessen. Ausserdem hatte der Mann beste Referenzen vorweisen können, so zum Beispiel von der Uni-Klinik Hinterzarten, der Jugendherberge in Bröckelberg oder der Baumschule in Krakelfeld. Natürlich hatte er etwas Seltsames an sich, aber gleich das Schlimmste zu denken, war weder die Angewohnheit von Graf Wilhelm Xaver Zacharias, noch von Adalbert.

"Euer Durchlaucht erwähnen es hoffentlich nicht, weil es einen konkreten Verdacht gibt..." versuchte Adalbert zu fragen.

Graf Wilhelm Xaver Zacharias dachte kurz nach.

"Aber nein, ich denke nicht, dass es sich um einen Dieb handelt, auch wenn er aus verarmtem Adel stammt und nichts auf die Traditionen seiner Vorfahren gibt. Außerdem ist er ein kunstsinniger Mensch, er liest gerne, und er liebt Tiere und Pflanzen."

"Verzeihung Euer Durchlaucht," erwiderte Adalbert, "auch ich schätze die freundliche Art unseres Hausmeisters, aber er hört sich immer diese schreckliche... Musik... an, euer Durchlaucht wissen schon, dieses Getöse. Und dann diese Filme, die er sich immer ansieht... ich weiß nicht, ob man das gutheißen sollte."

"Ja, Adalbert, aber denke daran: als Hausmeister ist er unübertroffen!" erwiderte der Graf.

Trotzdem - es hatten sich Zweifel ob der Lauterkeit des Hausmeisters eingeschlichen. War ein Mensch, der zwar immer freundlich und korrekt war und alle seine Arbeiten gewissenhaft erledigte, der aber andererseits schon oft in einem zwielichtigen Etablissement mit ebenso zwielichtigen Gestalten beobachtet worden war, wie Walburga, die Waschfrau einmal berichtet hatte, wirklich so ein harmloser Mensch wie man von ihm dachte oder denken sollte?

Nein, dachte sich da der Graf, niemand darf nur aufgrund von seinen seltsamen Vorlieben zum Verbrecher abgestempelt werden. Es entsprach auch nicht der Tradition derer von Bröckelberg, einen Menschen vorschnell zu verurteilen.

***

Zur gleichen Zeit fuhr Carl Gustav von Elsterbach mit seinem Peugot-Rennrad mit Shimano Biopace/Light Action Schaltung langsam durch die Altstadt des lieblichen Städtchens Bröckelberg. Vor einem Computergeschäft hielt er an und stieg vom Fahrrad. Interessiert musterte er die Auslagen im Schaufenster und sah sich dann die Tür des Geschäfts an. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, aber es war kein freundliches Lächeln. Dann fuhr er weiter, bis er in einer schäbigen Seitengasse vor einer üblen Kaschemme ankam. Ohne sein wertvolles Fahrrad abzuschließen betrat er das Etablissement und steuerte zielstrebig einen Tisch an, wo ein bösartig wirkender Mann mit schwarzem Vollbart saß.

"Hallo, Du alter Gauner" sagte Carl Gustav, und der bösartige Mann mit dem schwarzen Vollbart erwiderte grinsend: "Selber alter Gauner!"

Carl Gustav von Elsterbach setzte sich zu dem Mann an den Tisch und bestellte ein Bier.

"Also, ich glaube, die Bullen haben nichts gemerkt. Schade nur, dass unser Kapital beschlagnahmt wurde. Was denkst Du, sollen wir heute das Ding mit dem Kurierfahrer drehen?"

Der Mann mit dem schwarzen Bart, in gewissen Kreisen von Bröckelberg auch als "Der Vollstrecker" bekannt, dachte kurz nach.

"Na klar, wir machen das. Aber wir können das Zeug nicht mehr im Schloss lagern. Das war eine riesige Pleite. Und wenn der Graf erst mal merkt, dass Du dahinterseckst... Auweia!"

Carl Gustav von Elsterbach´s Gesicht verdüsterte sich. "Der feine Herr Graf! Er wird schon sehen, was er davon hat! Und dahinterkommen wird der nie, so vertrottelt wie der ist! Ich sage Dir eins: Gärtner mögen gute Mörder sein, aber wenn Du ein echtes Charakterschwein suchst, dann musst Du zu einem Hausmeister gehen! Hausmeister sind schon immer die besten Schurken gewesen."

Der Vollstrecker kraulte seinen Bart. "Mein lieber Carl Gustav, Dein Privatkrieg gegen den Grafen nimmt langsam gefährliche Dimensionen an. Man soll nie Geschäftliches und Privates vermengen, das gibt nur Ärger!"

Carl Gustav von Elsterbach winkte verächtlich ab. "Nein, ich werde ihm alles heimzahlen! Alles, was er mir angetan hat! Dieser Mistkerl glaubt, weil er einen Haufen Geld und feine Manieren hat, kann er sich alles erlauben! Aber nicht mit mir! Ich habe nichts vergessen..."

"Ist ja gut, ich kenne die Geschichte!" rief der Vollstrecker. "Du hast mir das alles schon tausendmal erzählt. Trink noch einen, und dann gehen wir und drehen unser Ding!"

Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass die beiden kriminellen Subjekte sich noch länger und sehr ausgiebig über ihre düsteren Pläne unterhielten. In dieser Umgebung nahm auch niemand Anstoss daran; jene Kaschemme war in Bröckelberg als Ganoventreffpunkt bekannt.

***

Zwei Stunden später saßen Carl Gustav von Elsterbach und der Vollstrecker in einem schäbigen, alten VW Passat, der gut versteckt an der Einfahrt zu einem Waldweg stand, und beobachteten interessiert die Landschaft. Der Vollstrecker gähnte. Carl Gustav von Elsterbach streichelte seine Flinte. Alles in allem schien nichts Besonderes los zu sein.

Plötzlich erschien ein weißer Lieferwagen am Waldrand. Der Vollstrecker hörte auf zu gähnen und griff nervös nach seinem Fernglas.

"Du hast recht, Carl Gustav! Da ist er!" rief er voller Begeisterung.

"Klar, wenn ich was sage, trifft das auch zu. Ich habe diesen Idioten lange genug beobachtet. Der macht hier immer seine Mittagspause. Also, schlagen wir zu?" Carl Gustav von Elsterbach strich über seinen Patronengürtel und setzte sein gemeinstes Grinsen auf.

"Ich weiß nicht, ich habe ein ungutes Gefühl..." meinte der Vollstrecker.

Carl Gustav nahm eine Patrone von seinem Gürtel und begann, sie liebevoll zu streicheln. "Ja, mein süßes Baby, du darfst gleich 'ran" flüsterte er. "Wir knallen jetzt einen ab. Das wird ein Spaß..." Der Vollstrecker schien nervös zu werden.

"Davon war nicht die Rede. Wenn Du einen umbringen willst, dann mach das, aber ohne mich!" "Du verstehst auch gar keinen Spaß mehr" erwiderte Carl Gustav von Elsterbach und steckte die Patrone in den Gürtel zurück. "Wir gehen einfach hin und überfallen diesen Paketboten. Der wehrt sich nicht. In einem Kilometer Umkreis ist hier kein Haus, und bei dem Sauwetter ist auch kein Spaziergänger unterwegs. Also, los geht's!" Carl Gustav stieg aus und ging zum Waldrand, wo er ein Fahrrad hinter einem Gebüsch hervorholte. Er versteckte seine Waffe unter einem Regenumhang.

"Hast du dein Funkgerät?" Wollte der Vollstrecker wissen.

"Ja!" rief Carl Gustav von Elsterbach zurück und radelte auf den Paketdienst-Lieferwagen zu. Der Vollstrecker sah ihm mit gemischten Gefühlen hinterher. Was wäre, wenn der Paketbote sich wehren würde? Carl Gustav von Elsterbach war nicht so verrückt, wie er manchmal tat, aber würde er ohne weiteres einen Menschen töten, wenn es sein müßte?

Andererseits - was sollte ein wehrloser Paketbote schon tun, wenn ein Krimineller mit einer Schrotflinte vor ihm stand?

Carl Gustav von Elsterbach erreichte den Lieferwagen. Der Fahrer war ein jüngerer Mann, wahrscheinlich noch nicht mal 30, also in einem Alter, in dem man zu unlogischen Handlungen neigen könnte. Er sah den vermeintlich harmlosen Radfahrer ankommen und nahm einen großen Schluck aus einer Thermosflasche. Carl Gustav von Elsterbach tat so, als ob er ein verirrter Tourist wäre. Wenn es etwas gab, das Carl Gustav von Elsterbach konnte, dann war es den Harmlosen zu spielen. Er stieg von seinem Fahrrad und ging auf den Lieferwagen zu. "Entschuldigung, ist das hier der Weg nach Bröckelberg?" rief er dem Fahrer zu.

Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und sah Carl Gustav an. "Was? Bröckelberg? Ich bin selbst nicht von hier. Ich fahre diese Strecke nur aushilfsweise."

"Haben sie vielleicht eine Karte?" wollte Carl Gustav wissen.

"Moment!" Der Fahrer wühlte in seinem Handschuhfach. Dann öffnete er die Tür und wollte Carl Gustav von Elsterbach eine Landkarte überreichen, was er aber nicht mehr konnte. Man sah ihm förmlich die Angst an, als er in den Lauf der Schrotflinte blickte.

"So, du Pappnase, jetzt wollen wir mal kassieren!" rief Carl Gustav von Elsterbach. Dann warf er dem Fahrer Handschellen zu. "Anlegen und ans Lenkrad ketten, los!" Der Fahrer gehorchte. Sein Gesicht war weiß wie eine frisch gekalkte Wand. Carl Gustav von Elsterbach überzeugte sich von dem festen Sitz der Handschellen und kletterte zu dem Fahrer in die Kabine.

"Keine Angst. Ich klebe dir jetzt nur die Augen und den Mund zu." sagte er und zog eine Rolle Klebeband aus seinem Umhang. "Das Geld ist in der Tasche..." konnte der Fahrer gerade noch sagen, bevor er den Mund zugeklebt bekam.

"Das Geld? Ach so, das kann man immer brauchen..." lachte Carl Gustav von Elsterbach. Dann griff er zum Funkgerät. "Los, Vollstrecker, Erntezeit!" sagte er nur und kletterte aus der Kabine. Er öffnete den Laderaum und begann ihn zu durchsuchen. Auf dem Feldweg kam der alte Passat angerumpelt. Der Vollstrecker schüttelte ungläubig den Kopf. Er hatte schon oft erlebt, wie kaltblütig Carl Gustav von Elsterbach in gewissen Situationen sein konnte, aber er war trotzdem überrascht. Carl Gustav stand im Laderaum und warf einige Päckchen hinaus.

"Los, einladen!" rief er dem Vollstrecker zu. Der begann sofort, den Kombi vollzuladen. Dabei sah er immer wieder nach Carl Gustav von Elsterbach, der mit seiner Schrotflinte im Laderaum des Lieferwagens herumturnte und ab und zu ein Paket herauswarf. Der Vollstrecker geriet ins Schwitzen, ließ sich aber nichts anmerken. Als das letzte Paket im Passat verschwunden war, sah er auf die Uhr. "Noch nicht mal 5 Minuten!" rief er Carl Gustav zu. Carl Gustav von Elsterbach sprang aus dem Lieferwagen und setzte sich auf den Beifahrersitz des Kombis. "Los, ab nach Hause!" sagte er ungehalten.

In der Wohnung des Vollstreckers angekommen, staunten die beiden Ganoven nicht schlecht. 8 Notebooks hatten sie bis jetzt ausgepackt, und das war noch nicht alles. Jede Menge teure Elektronik-Artikel stapelten sich in der Garage des Vollstreckers. Dazu kam das Geld, das der Fahrer eingenommen hatte, fast 6000 Mark. Der Tag hatte sich gelohnt, das stand fest!

 

Ja, für die kriminellen Subjekte schien es ein guter Tag gewesen zu sein. Was aber passiert zu dieser Zeit auf Schloss Bröckelberg? Wird die Handlung sich endlich zum Guten wenden? Und wird das schändliche Spiel des Hausmeisters bald entlarvt? Das sind Fragen, die uns keine Ruhe lassen! Und sie werden garantiert beantwortet - in der nächsten Folge, die den vielversprechenden Titel "Der Ruf der Gerechtigkeit" trägt.

 

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