Dunkle Wolken am Horizont
ein Fortsetzungsroman von Robert Hansen
Kapitel 26
Ein Graf im Knast
Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg hatte in seinem Leben so manch dunkle Stunde erlebt. Aber was er heute erduldet hatte, war zu viel für ihn. Zuerst hatten sich die Gesetzeshüter nicht dazu durchringen wollen, seinen Unschuldsbeteuerungen Glauben zu schenken. Das führte so weit, dass sie ihn, wie sie es nannten, vorläufig festnahmen und in eine Justizvollzugsanstalt einlieferten.
*
Nachdem Wilhelm Xaver Zacharias seine persönlichen Habseligkeiten abgegeben hatte und ohne Gürtel und Schnürsenkel, ein Bündel, bestehend aus einer Wolldecke und Blechgeschirr vor sich her tragend, hinter einem Vollzugsbeamten her schritt, erschien es ihm unmöglich, noch an Gerechtigkeit zu glauben. Der Vollzugsbeamte, der ihm den Weg wies, sagte kein Wort. Vor einer von vielen Türen hielt er an und schloss sie umständlich auf.
"Bitte sehr" sagte er in jenem unverbindlichen Tonfall, den er sich im Laufe vieler Jahre an diesem ungastlichen Ort angewöhnt haben mochte.
Graf Wilhelm Xaver Zacharias betrat eine muffige, düstere Zelle. An einer Seitenwand befand sich ein doppelstöckiges Bett, auf dessen unterer Etage sich ein proletenhaft anmutender Mann, der mit einer zerknitterten Hose und einem grauen Unterhemd bekleidet war, räkelte. Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg bemerkte, dass der Mann etliche Tätowierungen auf seinen Armen hatte, und obwohl er diesen Zelleninsassen nicht kannte und sich auch sonst vornehm, wie es seinem Stand entsprach, mit Vorurteilen zurückhielt, ließ sich ein gewisser Ekel nicht unterdrücken.
"Na, was hast Du angestellt?" fragte das Subjekt - und das, ohne aufzustehen und sich vorzustellen, wie es doch jeder halbwegs gesittete Mensch getan hätte!
"Ich habe nichts angestellt, mein Herr. Ich bin vollkommen unschuldig, und das alles ist ein Versehen..." versuchte Graf Wilhelm Xaver Zacharias zu erklären, was aber im höhnischen Gelächter seines Zellengenossen unterging.
"Klar, ich war auch unschuldig. Weißt Du, Kumpel, die Bank hat ein großer Unbekannter überfallen, und ich war nur zufällig anwesend, als die Bullen īreinkamen. Und die Knarre... ich weiß nicht, wie die in meine Hand gekommen ist!" Sein hässliches Gelächter schallte erneut durch den engen Raum.
"Sicher werden Sie sich dafür eine gute Erklärung einfallen lassen!" bemerkte Wilhelm Xaver Zacharias.
"Na gut, ich hab īne Bank überfallen, na und... aber hier sind wir ja unter uns, und so viele Neuigkeiten gibtīs nicht. Also, was hast Du gemacht? Na, lass mich raten. Du hast was mit Aktien gemacht, oder? Anlagebetrug, so nennt man das doch? Genau so siehst Du aus. Wie viel Kohle hast Du denn gebunkert?"
"Ich muss doch sehr bitten! Ihre Verdächtigungen sind ja noch ungeheuerlicher als die der Polizei!" versuchte Graf Wilhelm Xaver Zacharias zu erklären.
"Das ist gut! Noch ungeheuerlicher als die Polizei! Du bist mir einer! Aber weißt Du, hier ist das nicht so einfach! Draußen hast Du vielleicht Deine Geschäfte machen können, und Du warst īne große Nummer. Aber hier drin zählen andere Sachen. Es gibt hier ein paar echt üble Typen, wenn die rauskriegen, dass Du einen Haufen Kohle hast, dann wollen die bestimmt wissen wo..."
"Mein Herr" entgegnete Graf Wilhelm Xaver Zacharias so energisch wie er konnte, "wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Ich bin Graf Wilhelm Xaver Zacharias von Bröckelberg, und ich habe einige der größten Helden unseres Landes unter meinen Vorfahren! Noch nie hat sich ein Bröckelberg..." weiter kam der Graf leider nicht, denn sein Zellengenosse hatte sich in einen veritablen Lachanfall hineingesteigert. "...Die größten Helden... und Du... Graf von Bröckelberg... Nein, das haltī ich nicht aus!"
Wilhelm Xaver Zacharias, verunsichert durch das Gelächter seines Zellengenossen, versuchte erneut, etwas zu sagen, aber er hatte keine Gelegenheit, zu Wort zu kommen.
"Also, Herr Graf" sagte der inzwischen nicht mehr lachende Mann, nun bedeutend bösartiger, "die Sache ist ganz einfach. Ich will zehn Prozent, dafür hast Du hier drin keinen Ärger!"
Graf Wilhelm Xaver Zacharias brauchte eine ganze Weile, ehe er begriff, was sein "Freund" ihm da vorgeschlagen hatte.
"Mein Herr, Sie verkennen die Lage. Ich habe kein ergaunertes Vermögen, von dem ich Ihnen etwas abgeben könnte!"
Der Mann grinste und stand auf. Wilhelm Xaver Zacharias bemerkte erst jetzt, dass sein Zellengenosse fast einen Kopf größer war als er selbst. Und auch seine sonstige Statur wirkte irgendwie angsteinflößend.
"Ganz einfach" sagte der Mann und bewegte sich auf die Toilette zu, die in einer Ecke der Zelle stand, wo es - zu des Grafen wirklichem Entsetzen - noch nicht einmal einen Sichtschutz gab. Graf Wilhelm Xaver Zacharias konnte nicht glauben, was er jetzt zu sehen bekam. Ungeniert öffnete der Mann seine Hose... zum Glück konnte Wilhelm Xaver Zacharias sich noch rechtzeitig umdrehen, um diese Schamlosigkeit nicht mit ansehen zu müssen. Jetzt erst wurde ihm mit erschreckender Klarheit bewusst, wo er war - nämlich unter Tieren.
"Also, Herr Graf, hier läuft das so..." begann der Mann, während das Plätschern seiner Notdurft zu hören war. "Hier sind so ein paar Typen, die brauchen Geld. Richtig üble Typen, die so einen feinen Pinkel wie Dich locker aus dem Anzug hauen. Natürlich kannst Du denen das erzählen, was Du mir erzählt hast, aber die glauben das nicht, da bin ich mir sicher!" Ein kurzes, bösartiges Lachen unterbrach die Rede des Mannes. "Na gut, die werden aber nicht so amüsiert sein wie ich. Die stecken Dir Deinen Kopf in die Kloschüssel und ziehen ab." Und mit diesen Worten vernahm Graf Wilhelm Xaver Zacharias das Geräusch der Spülung, und es war ihm, als ob das Wasser ihm eiskalt den Rücken herunterlaufen würde.
"Und denen kannst Du auch nichts von Helden erzählen, und die haben auch keine Ahnung von Deinen noblen Vorfahren. Die wollen Dein Geld. Und nicht nur einen Teil davon, sondern alles. Sei froh, dass ich so ein guter Kumpel bin!"
Graf Wilhelm Xaver Zacharias schluckte und drehte sich wieder herum. Der Mann stand immer noch neben der Toilette und hielt die Kette der Spülung in der Hand.
"Na, Herr Graf? Mit dem Kopf in der Kloschüssel macht das Leben nur noch halb so viel Spaß. Und wenn es etwas gibt, das hier im Knast wirklich gut funktioniert, dann die das hier!" und mit diesen Worten betätigte der Mann erneut die Spülung.
"Hören Sie, ihr Angebot mag verlockend sein, aber bitte, glauben Sie mir, ich bin nur das Opfer eines Justizirrtums!"
"Na gut" sagte der Mann und legte sich wieder auf sein Bett, "wir können uns ja nochmal darüber unterhalten. Vielleicht nachher unter der Dusche?"
Wieder musste Wilhelm Xaver Zacharias dieses hässliche Lachen vernehmen.
*
Zum Glück blieb Graf Wilhelm Xaver Zacharias diese Unbill erspart, denn ein gütiges Schicksal in Gestalt von Ralf Rossi holte den Grafen ab.
Als Graf Wilhelm Xaver Zacharias in Begleitung seines Anwalts den langen Weg von der Zelle zum Gefängnistor zurück ging, war es ihm als wäre er aus einem bösen Traum erwacht.
"Wilhelm, wie konnten Sie DAS nur zulassen!" meinte Ralf Rossi mit einem leicht tadelnden Unterton in seiner Stimme.
"Ich war mir keiner Schuld bewusst..." versuchte sich der Graf zu verteidigen.
"Nein, Wilhelm," unterbrach ihn Ralf Rossi, "nein, das sollte kein Grund sein, in einer solchen Situation auf einen anwaltlichen Beistand zu verzichten. Haben Sie gedacht, ich würde diesen Anschuldigungen Glauben schenken?"
Nein, dachte sich Wilhelm Xaver Zacharias, das sicher nicht, aber... - Aber was? Im Nachhinein erschien dem Grafen seine Handlungsweise höchst unlogisch.
"Sie haben Recht, Ralf, und ich muss zugeben, dass ich mich wie ein Idiot benommen habe. Durch meine falsche Selbstsicherheit hätte ich mich beinahe in eine fürchterliche Situation gebracht."
Vor dem Gefängnistor angekommen, wartete schon Adalbert vor dem Bentley, den Graf Wilhelm Xaver Zacharias anlässlich der Hochzeit mit seiner geliebten Antonia Beatrice Cäcilie erworben hatte. Adalbert, der treue Butler! Dem Grafen war es vielleicht nicht bewusst, wie symbolbeladen dieser Augenblick sein mochte, aber er bemerkte wohl, wie ergriffen Adalbert war.
"Euer Durchlaucht! Ich bin ja so froh, Euch endlich wiederzusehen, ich dachte schon..." Adalbert wischte sich verstohlen einige Tränen aus seinem Gesicht, und sowohl Ralf Rossi als auch Wilhelm Xaver Zacharias lächelten Adalbert aufmunternd zu.
"Lassen Sie nur, Adalbert" sagte Ralf Rossi schließlich, "ich werde fahren. Ruhen Sie sich aus, ich glaube, der Tag war sehr anstrengend für Sie!" Mit diesen Worten öffnete er die Türen des Bentley, und Graf Wilhelm Xaver Zacharias und Adalbert nahmen auf der Rücksitzbank Platz.
Auf dem Rückweg konnte sich Graf Wilhelm Xaver Zacharias nicht einer gewissen Neugierde erwehren. Jetzt, wo es so schien, als ob die unmittelbare Bedrohung aus der Welt geschafft wäre, dachte er wieder voll und ganz nur an die Seinen - und vor allem an seine Gemahlin.
"Adalbert, sagen Sie, wie geht es Antonia?"
"Ach..." meinte Adalbert, der noch ganz ergriffen von der seltsamen Wandlung der Dinge war, "Euer Durchlaucht, sie ist am Boden zerstört! Als die Polizei mit Euer Durchlaucht das Schloss verließen, da war sie so voller Trauer und Verzweiflung... es war nicht mitanzusehen! Sie war keines klaren Gedankens mehr fähig! Und so musste ich Ralf Rossi anrufen, denn auch ich wusste nicht mehr weiter. Ich hoffe, Euer Durchlaucht werden mir mein eigenmächtiges Verhalten verzeihen!"
"Adalbert, mein treuer Butler... was wäre ich nur ohne Sie!" Mit diesen Worten nahm Graf Wilhelm Xaver Zacharias Adalberts Hand und umfasste sie mit der seinen.
"Adalbert, erst in Momenten wie diesen weiß man, was echte menschliche Werte sind. Wo wäre ich jetzt ohne sie und ihren rettenden Gedanken! Niemals könnte ich Sie dafür tadeln!"
*
Wieder zurück im Schlosse derer von Bröckelberg, betrat Graf Wilhelm Xaver Zacharias zuerst seine Schreibstube. Liebevoll betrachtete er den Rokoko-Sekretär, ein Geschenk des Fürsten von Thurn und Taxis. Hier hatte er schon als junger Mann gesessen, ein verliebter Student der Agrarökonomie im 8. Semester, der einen Brief an seine Angebetete und spätere Gemahlin schrieb. Und so, als ob das Holz dieses alten Möbels jene wundervollen Erinnerungen in sich aufgesogen hätte, um es nun, in der Stunde der Betrübnis an den Studenten von damals zurückzugeben, fühlte sich Graf Wilhelm Xaver Zacharias gleich viel besser.
Er öffnete eine Schublade, holte gedankenverloren eine Ebenholzschatulle daraus hervor und öffnete diese. Vergilbtes Papier kam zum Vorschein, aber in diesem losen Bündel alter Briefe verbargen sich Wilhelm Xaver Zachariasī Erinnerungen an die schönste Zeit in seinem Leben. Zärtlich öffnete der Graf einen der Umschläge, und als er einen jener alten Liebesbriefe las, die er nun vor 20 Jahren geschrieben haben mochte, konnte er eine kleine Träne nicht zurückhalten.
"Meine über alles geliebte Antonia Beatrice Cäcilie!
Antonia, Du bist die Frau, die mein Herz im Sturm erobert hat. Ohne Dich könnte ich nie wieder leben. Ich liebe Dich, oder wie man es in Indien sagt: "Ami tomAy bhAlobAshi!".
Deine unvorstellbar blau-grünen Augen funkeln schöner als der Sternenhimmel in einer klaren Nacht. Ein Blick von Dir lässt wohlige Schauer über meinen Rücken laufen. Deine dunkelblonden Haare sind einfach engelsgleich. Ich liebe, es über sie zu streicheln. Ich habe noch nie einen Menschen kennen gelernt, dessen Charakter so viele liebenswerte und gutmütige Züge aufweist. Ich bin sehr dankbar, Dich lieben zu dürfen und zu spüren, dass meine Liebe erwidert wird. Keine Frau, die ich kenne, hat so viel Esprit wie Du!
Dein Lächeln ist so schön, wie die Sonne, die mir morgens ins Gesicht scheint. Ich werde es niemals vergessen, wie Du mich zum ersten Mal anlächeltest. Dein Duft ist so wie der Duft einer roten Rose, der mich verzückte. Ich kann nicht mehr weiter, ich möchte Dich küssen, auf Deine wundervollen Lippen, die mich so entzücken. Sie sind wie ein weiches Bett, in das ich fallen möchte.
Johann Wolfgang von Goethe schrieb einmal Worte, die auch ich Dir schreiben möchte: "Wärst Du nur jetzt bei mir! Es sind überall große breite Betten und Du solltest Dich nicht beklagen, wie es manchmal zu Hause geschieht. Ach! mein Liebchen! Es ist nichts besser als beisammen zu sein! ...Behalte mich ja lieb! Denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor, dass Dir ein andrer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst."
Ich möchte meine Gedanken mit Dir teilen. Lass uns in Zukunft alles zusammen tun! Ich kann es kaum erwarten, mit Dir mal wieder eine gute Tasse Tee trinken zu gehen.
Dieser Brief soll Dir all das sagen, was ich Dir vielleicht nie gesagt habe. Meine Liebe zu Dir wird ewig sein.
In tiefster Liebe
Dein Zacharias von Bröckelberg"
Ja, es war gewiss kein Meisterwerk eines großen Poeten, das er damals geschrieben hatte, aber es zählen in gewissen Momenten nicht die Worte, sondern die Gefühle, und auch, wenn man sie unbeholfen zu Papier bringen mag, so sind sie doch rein und ohne Falschheit.
Aber nichts, auch nicht die wundervollsten Gedanken an seine geliebte Gemahlin, konnte den Grafen aus der misslichen Lage befreien, in der er sich jetzt befand. Gewiss hatte Ralf Rossi das Menschenmögliche getan, um seinen Freund und Klienten aus dem Ärgsten herauszuhalten, aber es widerstrebte Wilhelm Xaver Zacharias, als auf Kaution freigelassen zu gelten - alleine der Verdacht, etwas mit den schändlichen Vorkommnissen zu tun zu haben, war unerträglich! Wilhelm Xaver Zacharias wusste, dass die Lösung dieses bizarren Rätsels irgendwo hier im Schloss liegen musste. Einer der treuen Diener, ein Angestellter oder vielleicht sogar ein Freund - welch ein quälender Gedanke! - könnte der Dieb sein, der seine Beute in den Mauern des Schlosses von Bröckelberg verstecken wollte! Und ein launisches Schicksal wollte es so, dass er, Wilhelm Xaver Zacharias, für den Dieb gehalten wurde!
Nein, das durfte nicht sein! Graf Wilhelm Xaver Zacharias stand entschlossen auf und schwor sich in diesem Augenblick, dass er alles tun würde, um diesen Halunken zur Strecke zu bringen, und wenn es sein Leben kosten sollte!
Als er seine Schreibstube wieder verließ und durch die Ahnengallerie schritt, um seine Gemahlin zu trösten, bemerkte er - ganz in Gedanken, wie er war - nicht den Hausmeister, der die Messingbeschläge an den Flügelturen zum Speisesaal polierte. Der Hausmeister bemerkte aber den Grafen, und das sonst immer so friedliche Gesicht des Hausmeisters verwandelte sich für einen winzigen Moment in eine hämisch grinsende Teufelsfratze.
WARUM verwandelte sich das sonst immer so friedliche Gesicht des Hausmeisters für einen winzigen Moment in eine hämisch grinsende Teufelsfratze?
WAS wird Graf Wilhelm Xaver Zacharias tun, um seine Unschuld zu beweisen?
WELCHE enorm geistreiche Antwort schrieb Antonia Beatrice Cäcilie auf den wundervollen Liebesbrief des Grafen?
All dies und viele andere Dinge, die nie ein Mensch zuvor erfahren hat, finden Sie in der Fortsetzung unseres Dramas - die Fortsetzung, die den unheilvollen Titel "Das düstere Geheimnis des Hausmeisters" trägt!