Intermezzo Teil 1 und Teil 2
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Es ist nun schon �ber ein Jahr her, dass es ausf�hrliche Neuigkeiten aus dem Hause Lacrimosa gab. Ausser einigen Live-Berichten konnte man seit der Ver�ffentlichung des letzten Albums und Meisterwerks "Elodia" kaum etwas �ber die Wahlschweizer Tilo Wolff und Anne Nurmi lesen. Grund genug f�r uns, ein sehr spontanes, kurzfristiges Interview mit Tilo zu f�hren, der auch prompt im Vorfeld zu diesem Interview zu verstehen gab, dass es eigentlich gar nichts Neues zu berichten g�be. Aus diesem "gar nichts Neuen" wurde dann doch wieder ein sehr langes Gespr�ch �ber die Band Lacrimosa, die Person Tilo und noch einiges mehr. Doch lest selbst: Beginnen wir doch einfach mit einem R�ckblick auf die Zeit der "Elodia"-Tour. "Elodia" war ein Album, das euch auch pers�nlich sehr "mitgenommen" hat. Wie habt ihr die Tour und den Stress verkraftet, zumal ihr die einzelnen Songs nicht nur spielt, sondern richtig durchlebt? In erster Linie ist es die schlimmste Tortur, die man durchmachen kann, wenn man ein so pers�nliches Album macht und dann damit sofort auf Tour geht. Auf der anderen Seite ist aber auch die beste Therapie, da man die einzelnen Songs selbst nochmals neu, sogar von anderen Seiten kennen lernt, weil man ja doch dermassen in der Produktion steckt, wie es bei und �ber einen extrem langen Zeitraum der Fall war. Man ist sehr stark im Technischen involviert, und wenn man auf der B�hne steht, ist das wieder komplett vergessen. Im Studio denkt man nur noch daran, welcher Effekt an welcher Stelle noch eingesetzt werden k�nnte. Auf der B�hne geht es letztendlich nur noch darum, das Gef�hl r�berzubringen. Dann schliesst sich der Kreis wieder. Wenn man sich hingesetzt hat, um einen Song zu komponieren, ist zun�chst mal ein Gef�hl vorhanden. Dann macht der Song verschiedene Stadien durch, sei das nun das Arrangemen oder die Planung, und hinterher, auf der B�hne, kommt er wieder zu seinem Ursprung zur�ck. In dieser Situation hat man alles andere durchexerziert, Freude oder Leid daran gehabt, und auf der B�hne kommt man wieder zum Gef�hl zur�ck. Und das hat doch noch als zweiten Effekt etwas Gutes; es klingt zwar etwas ambivalent, aber man bekommt etwas Abstand zu den Liedern, weil man sich jeden Abend neu auf sie einlassen muss. Das kann man vielleicht damit vergleichen, wenn dir ein Freund vertraut wird. Am Anfang ist man noch ein wenig nerv�s und aufgeregt, weiss noch nicht genau, wie man mit der Person umgehen kann. Man hat sie sehr gerne, und weil man sie so gerne hat, m�chte man sie nicht verletzen und ist deshalb noch sehr vorsichtig. Man ist innerlich einfach etwas angespannt. Dann lernt man die Person besser kennen, und man wird ruhiger. Man kann ein ruhigeres, entspannteres Verh��tnis zu der Person aufbauen und man gewinnt auch etwas Abstand zu ihr, weil man ein St�ck Sicherheit bekommt. Und so ist das auch mit den Songs. Man beginnt, eine Freundschaf zu ihnen aufzubauen, sie wachsen einem damit nat�rlich noch mehr ans Herz. Man hat auch nicht mehr so grosse Angst vor ihnen beziehungsweise vor der Beziehung zu ihnen. Und, um nun den Gegenschluss zu dem zu ziehen, was ich vorhin sagte, ist eine Tour das Beste, was einem nach solch einem Album passieren kann, weil man dadurch genau dieses Verh�ltnis zu den Songs aufbauen kann. Und um die Frage jetzt abschliessend zu beantworten: ich bin jetzt gl�cklicherweise schon wieder auf dem Standpunkt, der mich bisher bei jeder Platte nach gewisser Zeit ereilt hat, nur dieses Mal hatte ich Angst, ob das �berhaupt passieren w�rde, wenn ich mir gewisse Songs anh�re und mir denke: super, wundersch�n, aber es muss weitergehen. Wie soll ich sagen, ich f�hle mich nicht mehr so zuhause in "Elodia". Das ist jetzt f�r mich schon ein St�ck weit abgeschlossen. Das ist einfach das Beste, was einem Musiker passieren kann, denn dann kann er nichts anderes machen, als weiter zu komponieren; und zwar weil er will, nicht weil er weiss, er sollte mal wieder. Das ist jetzt auch wieder etwas sehr Ambivalentes: ich bin jetzt zwar nicht mehr hundertprozentig mit dem Album zufrieden, aber ich weiss, dass ich es einmal zu einem gewissen Grad war. Man hat das Album in allen Phasen durchlebt, eben auch auf der B�hne, und wenn dann eintritt, dass man sagt: so, und jetzt muss es weitergehen, dann ist das einfach das sch�nste Gef�hl. Dann bleibt also nur noch das Gef�hl �brig, dich selbst und deine Musik weiterzuentwickeln. Ja, genau. Ich bin neulich nach Hause gekommen, als Anne gerade f�r die Konzerte geprobt hat. Ich muss dazu sagen, dass ich jetzt eine ganze Weile keine St�cke mehr von "Elodia" geh�rt habe. Und da dachte ich bei mir, sch�n, sch�n, dass es so vertraut klingt. Es ist einem so vertraut, dass man auch zu etwas Neuem gehen kann, man ist nicht mehr so darin gefangen. Dann gehe ich einmal davon aus, dass ihr mit der Tour auch sehr zufrieden wart? Absolut. Ich kann ohne Zweifel und ohne Nachdenken sagen, dass das die sch�nste Tour war, die wir bisher gemacht haben. Es gab noch nie einen so intensiven Kontakt zum Publikum, und das bei fast jedem Konzert. Esist mir teilweise so vorgekommen, dass wir, das Publikum und die Band, zu einer Familie zusammengeschweisst worden waren. Das war nat�rlich schon genial. Und das habe nicht nur ich so empfunden, das ging allen auf der B�hne so, und das ging auch allen aus dem Publikum so, mit denen ich gesprochen hatte. Was auch noch klasse war, ist, dass wir mit Love Like Blood und Lacuna Coil zwei absolut geniale Supportbands hatten. Aber jetzt muss ich nochmals auf das Publikum zurpckkommen: selbst wenn hinter und auf der B�hne alles super funktioniert, das Publikum das aber nicht so aufnimmt, dann wird eine Tour immer einen bitteren Beigeschmack haben. Und zum gr�ssten Teil war das Publikum daf�r verantwortlich, dass die "Elodia"-Tour so grossartig abgelaufen ist. Ehrlich gesagt, habe ich sogar ein wenig Angst, wiedr auf Tour zu gehen, weil ich nicht weiss, ob das vielleicht etwas einzigartiges war. Arbeitet ihr schon an neuem Material? Bei mir ist es eigentlich so, dass ich konstant schreibe und nur wenig Pause dazwischen mache. Ich habe sogar schon mit dem Komponieren angefangen, als "Elodia" noch sehr aktuell f�r mich war, weil ich einfach komponieren muss. Das ist f�r mich schon eine Art Droge und Sucht geworden. Wennich eine Zeit lang nicht komponieren kann, weil ich zum Beispiel auf Tour bin, dann kann ich schon sehr nerv�s werden. Von daher fange ich auch schon oft damit an, wenn ch emotional noch gar nicht dazu in der Lage bin. Das f�hrt dann oft zu sehr interessanten Kompositionen. Hierzu vielleicht ein Beispiel aus der Vergangenheit: Das Intro zu "Inferno" habe ich zu einem Zeitpunkt geschrieben, als "Satura" noch gar nicht in trockenen T�chern lag. Das ist auch ein Grund daf�r, warum ein Album so nahtlos an das andere ankn�pft. Also, e gibt schon einige neue Sachen, die mich selbst... sehr �berraschen... Man darf gespannt sein... Jetzt m�chte ich aber nochmals ein wenig auf das Publikum eingehen. Hier w�rde mich im Speziellen interessieren, wie du pers�nlich die Szene siehst, aus der du kommst, die du jetzt aber dadurch, dass du so bekannt bist, nennen wir es einmal "Star", pers�nlich gar nicht mehr so miterleben kannst, wie das fr�her der Fall war. F�r euch wird es wahrscheinlich sehr schwierig sein, abens mal in eine Discothek zu gehen oder ein Konzert zu besuchen. Wie kommt ihr damit klar? Es tut schon ein bisschen weh, sogar nicht nur ein bisschen. Das ist klar, denn das sind meine Wurzeln, und lange bevor ich Musik gemacht habe, war ich schon tief in der Szene verwurzelt. Ich hatte auch schon eine Fanzine gemacht, bevor ich mit der Musik begonnen habe. Ich war also auch damals aktiv. Die Idee zu dem Fanzine erkl�re ich einfach kurz: wir hatten hier in der N�he eine Szene-Disco, da gab es eine enge Clique von recht vielen Leuten, sehr gemischt, mit Electro- und Gitarrenmusikfans, was heute sehr getrennt abl�uft, aber damals noch gemeinschaftlicher war. Diese Disco hat dann irgendwann zugemacht, und weil ich eine so extreme Angst hatt, dass sich alles verl�uft, habe ich das Fanzine gemacht und kam auch auf die Idee, sebst Musik zu machen. Dadurch, dass ich versucht habe, unsere Clique in unserem Raum zusammenzuhalten, habe ich mich selbst etwas aus der Szene herauskatapultiert, weil ich eben nicht mehr so oft auf Partys gehen konnte und kann. Ich habe weiterhin versucht, auf Partys zu gehen, aber es war nicht mehr m�glich, einen relaxten Abend zu haben. Es gab dann immer Trubel, und alles, was man macht, wurde aufs Genaueste beobachtet. Das schlimmste war einmal - ich m�chte jetzt nicht sagen, wo -, als ich in einer Disco war und dort sehr lange mit jemandem gesprochen habe, der in der dortigen Szene nicht so angesehen war. Dann habe ich ein paar Wochen sp�ter in einem Fanzine aus dieser Region gelesen, dass ich mit diesem "Typen" geredet h�tte. Der Artole� war ewig lang und besch�ftigte sich nur damit, was die beiden denn so lange zhu bereden gehabt h�tten. Das hat mich dann doch sehr erschreckt. F�r mich war an diesem Abend einfach ein sehr interessanter Mensch, mit dem ich mich sehr gut unterhalten habe, und Punkt Schluss. Dass dann daraus so eine riesige Staatsaff�re gemacht wurde, fand ich schon sehr komisch. Und solche Sachen sind eben schon ein paarmal passiert. Das st�rt mich nat�rlich sehr. Auf der anderen Seite bin ich sehr froh, dass ich gen�gend Abstand zur Szene habe, um nicht zu merken, welchen Stellenwert Lacrimosa tats�chlich hat; das bekomme ich eigentlich nur in Interviews mit. Wenn ich hier zuhause in meinem K�mmerlein sitze und Musik mache, dann ist das f�r mich nach wie vor dieselbe Geschichte wie fr�her, weil ich aussen vor stehen kann. Das hat seinen Reiz, weil man nach wie vor sehr unbelastet und unbefangen seine Musik machen kann. Wobei ich schon ab und zu mal auf Konzerte gehe und trotzdem einen relaxten Abend habe. Es hat sich jetzt inzwischen gut eingependelt, dass ich einen gesunden Abstand zur Szene habe, um arbeiten zu k�nnen, aber auch nach wie vor noch einen gesunden Kontakt habe, so dass meine, um es mal krass zu formulieren, "Gruftigef�hle" trotzdem noch befriedigt werden. Bist du dir der Verantwortung bewusst, dass du in der Szene eine gewisse Vorbildfunktion innehast? Ich finde, jeder Mensch, der in irgendeiner Art und Weise in der �ffentlichkeit t�tig ist, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein, egal ob er zehn, 10.000 oder eine Million Platten oder B�cher oder was auch immer verkauft. Er gibt etwas von sich selbst, etwas von seinen Emotionen und seiner kleinen Weltanschauung an die Aussenwelt und an Menschen, die aus anderen Verh�ltnissen kommen, die eine andere Erziehung bekommen haben und die dadurch vor den Kopf gestossen sein k�nnen. Weil sie gewisse Hintergr�nde dessen, was man nach aussen gibt, weder verstehen noch nachvollziehen k�nnen. Es gibt zu viele K�nstler, die ihre Macht nicht als etwas Gef�hrliches sehen, sondern als etwas Geiles empfinden, mit dem sie jetzt spielen k�nnen. Ganz schlimm finde ich diejenigen Menschen, die mit erhobenem Zeigefinger daherkommen und bestimmen, was man tun muss und was nicht, oder Menschen, die auf die B�hne gehen und dort ihre eigenen Ansichten propagieren. Da sollte jeder K�nstler aufpassen, was er von sich gibt. - Teil II - Bereits in der letzten Ausgabe konnte man im ersten Teil des ausf�hrlichen Gespr�chs mit Tilo Wolff so einiges Neues erfahren. Inzwischen konnten wir auch in Erfahrung bringen, dass das f�r Ende des Jahres angedachte LiveVideo zum zehnj�hrigen Jubil�um nun konkrete Formen annimmt und dass noch ein kleines Special in Planung ist, �ber welches aber noch nicht gesprochen werden soll. Doch fahren wir mit dem Interview fort: Wie siehst du die Szene heute im Vergleich zu fr�her? Da m�chte ich noch etwas vorwegnehmen. Auch wenn man den Kontakt zur Szene ein wenig verliert, so wie ich es beschrieben habe, ist es ja doch so, dass die Szene und das Gedankengut in einem selbst leben. Man kann das vielleicht mit einer Wochenendbeziehung vergleichen, man sieht seinen Partner zwar nicht jeden Tag, aber die Liebe und die Verbundenheit zu diesem Menschen begleiten einen tagt�glich. Und so �hnlich ist es mit der Szene bei mir. Ich mache die Szene f�r mich pers�nlich selbst aus, weil ich Bestandteil der Szene bin. Jeder, der in der Szene ist pr�gt die Szene auch selbst mit und sie lebt in einem selbst. Jetzt aber dazu, wie ich die Szene heute sehe: die Szene ist heutzutage, was ich sehr schade finde, in verschiedene Segmente aufgesplittet. Da gibt es die Leute, die eher auf DarkWave stehen, dann gibt es die Menschen, die eher auf Gitarren, also auf Gothic Rock oder heutzutage Gothic Metal stehen, die Electros, und selbst im EIectro gibt es ja schon eine Aufspaltung. Das finde ich sehr, sehr schade. Ich fand das fr�her einfach sch�ner, als die Szene noch eine gro�e Gemeinschaft war, wo es nat�rlich auch verschiedene Tendenzen gab, aber man hat sich gegenseitig akzeptiert, hat sich f�r den Anderen interessiert, konnte mit ihm diskutieren, was ihn denn so an einer Tendenz interessiert, konnte sich mehr austauschen. Heute ist das eher eine gewisse Ablehnung, so nach dem Motto was, du bist Fan von der und der Band, das ist schei�e! Das ist schade, vor allem, wenn man sieht, dass die Szene ja nicht unbedingt gr��er geworden ist. Sondern im Vergleich zu den Achtzigern kleiner geworden ist. In den Achtzigern war das ja fast schon eine Jugendbewegung, die sich auch in diesen - ich hasse dieses Wort - kommerziellen Bereich erstreckt hat. Heutzutage ist die Szene fast nur noch im Underground und dass sich die Szene trotzdem aufgespaltet hat verstehe ich nicht so ganz. Es ist heute leider sehr viel Intoleranz dabei. Und ich denke, das kommt daher, dass sehr viele Leute versuchen, sich abzugrenzen, weil sie selbst noch sehr ungefestigt sind. Sich hinzusetzen und zu sagen jetzt lass uns mal drei Stunden �ber deinen Bezug zur Szene reden, ist schwierig. Erstens muss man zuh�ren k�nnen, zweitens brauchst du Argumente, sprich: du brauchst eine eigene Meinung, die du dem Anderen erkl�ren musst, so dass dieser sie aufnehmen kann. Viele stellen sich dann lieber auf den Standpunkt, dass sie sagen das ist schei�e, das mache ich nicht mit, weil meine Clique das so findet. Und wenn da jetzt jemand bohrt und l�chert, kommt man darauf, dass eigentlich gar nicht so viel dahintersteckt. Das f�hrt nat�rlich zu einer gewissen Intoleranz, und darum fehlt die Kommunikation in der Szene, was dann zu dieser Aufspaltung f�hrt. Was ich auch ein bisschen schade finde, ist, dass die Wurzeln heute nicht mehr so gesehen werden. Zum Beispiel, eine Band, bei der ich das gerade miterlebe: Love Like Blood. Hin und wieder kommt da von j�ngeren Leuten ein gewisses Naser�mpfen, dahingehend, was das denn mit Gothic zu tun habe, weil sie nicht wissen, dass das, was Love Like Blood machen, ein bisschen der Ursprung der Gothic-Bewegung ist. Da hat sich der Gothic Rock aber ehrlich gesagt auch selbst etwas ins Off man�vriert. Weil viele Bands einfach nur immer dasselbe gespielt haben, was man schon aus den Siebziegern und fr�hen Achtzigern kannte. Es gab eine Fields oder Sisters-Band nach der anderen. Und es gab nur sehr wenig innovative Bands, die neuen Spirit reinbringen und den mit den alten Idealen verbinden und somit f�r ein Wachstum und f�r ein Leben verantwortlich zeichnen. Es ist ja immer so, Leben hei�t Entwicklung, und wenn sich etwas nicht entwickelt, dann stirbt es ab. Und da sind die Grundelemente von der Bewegung, zum einen der Gofhic Rock, zum anderen der EBM, beide ein bisschen tot. Weil EBM zum Beispiel, um mal auf die Elektronik-Ecke zu kommen, gibt es ja in der Form auch nicht mehr. Und viele wissen heute auch nicht mehr, was Electronic Body Music eigentlich ist oder wof�r das steht. Und dann gibt es heute Bands, die von fr�her her aus der Szene kommen und heute ganz andere Musik machen und sagen wir machen EBM. Und pl�tzlich steht fett in der "Bravo": EBM, der neue Stil in den Neunzigern! Da f�nde ich es prima, wenn sich heute die Menschen etwas mehr mit den Wurzeln und den musikalischen Wurzeln auseinandersetzen w�rden. Klar, es ist inzwischen wirklich eine alte Szene, eine Szene mit einer gro�en Vergangenheit, und da ist es nicht einfach, sich da durchzupfriemeln, aber es gibt ja in den Zeitschriften immer wieder die M�glichkeiten, hier�ber etwas zu finden. Aber da muss nat�rlich auch in der Szene eine Akzeptanz da sein. Oftmals habe ich das Gef�hl, dass manche Leute thematisch, inhaltlich nicht mehr wissen, wof�r denn die Szene �berhaupt steht und was die Grundgedanken der Szene waren. Und wenn ich dann so Spr�che h�re wie, jetzt einmal auf Lacrimosa bezogen, schlie�lich machen wir ja hier ein Lacrimosa-Interview, dann kann man auch kurz �ber Lacrimosa reden: eure Texte sind mir viel zu pers�nlich, da geht es mir viel zu sehr um die menschliche Psyche. Da denke ich mir dann einfach, aber hallo, �ber welche Szene reden wir denn hier? Ich denke, das ist aber auch ein allgemeines Problem unserer Gesellschaft, also nicht nur in der Szene, dass die Menschen eher dazu neigen, alles sehr oberfl�chlich zu betrachten in dieser wahnsinnigen Informationsflut, die �ber die Leute heutzutage hereinbricht, die mit den Informationen gar nicht mehr klarkommen Ja, da hast du absolut Recht. Ich habe neulich mal einen genialen Satz geh�rt, der hier klasse reinpasst: Was mein Gro�vater in einem Jahr an Informationen bekommen hat, hat mein Vater in einem Monat bekommen, und das bekomme ich an einem Tag. Und ich finde, das trifft es einfach auf den Punkt. Um das mal konkret an einem Beispiel zu zeigen: fr�her, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger, gab es Bands wie Bauhaus, Joy Division, Siouxsie & The Etanshees, Sisters Of Mercy, Play Dead... was gab es sonst noch... sagen wir mal, so zehn Bands, plus noch ein paar Ableger. Heutzutage kommen im Monat so viele Ver�ffentlichungen heraus, da kann man gar nicht mehr alles kennen. Fr�her konnte man mit jedem �ber jede Band reden, das geht heute gar nicht mehr. Egal ob das jetzt Hobby oder Beruf ist, du bekommst heute so viele Informationen, man muss einfach eine Auswahl treffen, und da ist es nur logisch, dass sich auch eine gewisse Oberfl�chlichkeit breit macht. Das merke ich teilweise sogar an mir selbst, was mich dann aber tierisch �rgert. Diese Unf�higkeit, alles aufzunehmen, sollte aber niemals zu einer Gleichg�ltigkeit oder Ignoranz f�hren. Wenn jetzt jemand zu mir herkommt und mich fragt: h�r mal, was denkst du denn dar�ber, und ich sage hey, tut mir leid, da kenne ich mich �berhaupt nicht aus. Dann gibt es entweder die M�glichkeit zu sagen kenne ich nicht, kl�r, mich daruber auf, oder ich kann sagen finde ich schei�e, interessiert mich nicht, n�chstes Thema. Apropos anderes Thema... Mich w�rde noch dein pers�nlicher Musikgeschmack interessieren. Man kann dich ja doch zuweilen auf eher ungew�hnlichen Konzerten treffen, bei denen man es nicht unbedingt erwarten w�rde. Oh, das ist sehr breit gef�chert. Das Fundament meines Musikgeschmacks ist auf jeden Fall der Gothic Rock der Achtziger beziehungsweise der sp�ten Siebziger, sprich Bands wie Bauhaus, Joy Division und �ltere Sachen aus Randbereichen, wie zum Beispiel alte Hazel O'Connor-Sachen, also das, was sie in den fr�hen Achtzigern gemacht hat. Inzwischen ist da in den letzten Jahren noch sehr viel Death Metal dazugekommen, was ja leider wieder sehr schnell abgeebbt ist. Viel Gothic Rock und Gothic Metal, also die ganzen Metal-Bands, die sich eher in der D�ster- Ecke sehen, da gibt es gewaltig gute Bands. Dann auch teilweise Thrash Metal, wie man auch an einer Kooperation sehen kann. Das letzte Testament-Album finde ich zum Beispiel auch eine Hammerscheibe. Ich h�re aber auch Synthiepop, so Sachen wie Alphaville oder Depeche Mode, die immer noch einer meiner absoluten Faves sind, aber auch teilweise so genannte Kommerzsachen wie Madonna. Ich fnde es genial, wie sie es schafft, �ber so viele Jahre immer wieder mit guten Platten pr�sent zu sein, immer wieder neue Trends zu kreieren. Ich bin auch ein riesig gro�er David Bowie Fan, was man ja eigentlich schon wieder zum Gothic Rock z�hlen kann, was zwar viele Leute bestreiten aber ich w�rde ihn auch als Mitbegr�nder des Gothic Rock z�hlen. Dann kommt aber auch noch viel Klassik hinzu, logischerweise Mozart, Vivaldi mag ich sehr gerne, in gewissem Ma�e auch Bach. Also eigentlich h�re ich so ziemlich alles mit Schwerpunkt auf Gothic Rock, Death und Thrash Metal. Es gibt drei Stilrichtungen, mit denen ich �berhaupt nichts anfangen kann, das sind Hi Hop, Techno und Reggae. Mich w�rde interessieren, wo du dich heute sehen w�rdest, wenn du Lacrimosa nicht gemacht h�ttest. Da ich immer vom Schlimmsten ausgehe, und zwar nicht, weil ich ein Pessimist bin, sondern weil alles andere �berheblich w�re, denn wenn ich nie in einer Situation gewesen bin, kann ich das nicht besser einsch�tzen als das Schlimmste, das ich von mir kenne, w�rde ich sagen ich w�rde eventuell in einem besetzten Haus leben, am absoluten Existenzminimum, und w�rde wahrscheinlich noch mehr Texte schreiben, als ich es heute tue. Das, denke ich einmal, w�re so der Werdegang gewesen. Ich habe zwar mal eine gewisse Zeit in einem ann�hernd b�rgerlichen Job gearbeitet, um Lacrimosa zu finanzieren, aber ich kann nicht mein Leben lang in einem b�rgerlichen System eingeschlossen sein. Das funktioniert bei mir einfach �berhaupt nicht. Wahrscheinlich w�rde ich ganz still und leise gegen das System aufbegehren, aber so still, dass ich wahrscheinlich selbst dabei den K�rzeren ziehen w�rde. Die andere M�glichkeit, wenn ich jetzt nicht vom Schlimmsten ausgehe, w�re, dass ich in der Filmbranche arbeiten wurde, weil das einfach immer ein Fernziel von mir war und auch immer noch ist. Also nicht die Filmbranche im Allgemeinen, sondern das Filmemachen. Wie siehst du dich selbst in zehn Jahren? Da kann ich nahtlos an das Vorige ankn�pfen. In zehn Jahren sehe ich mich entweder als nach wie vor Lacrimosa-Machender, weil das einfach ein Kind von mir ist das ich nicht zur Adoption freigeben m�chte, das ist einfach ein Teil von mir, den ich nicht so einfach absterben lassen will. Auf der anderen Seite hoffe ich, dass ich in zehn Jahren die M�glichkeit gefunden habe, dass ich als Filmemacher und als Filmkomponist Fu� gefasst oder zumindest einen Fu� in der T�re habe. Das ertr�ume ich mir. K�nntest du dir vorstellen, mit 65 oder 70 noch im Rollstuhl als Lacrimosa auf die B�hne zu fahren. Hmm, wenn ich �berhaupt noch so lange lebe, was ich bei meinem Lebenswandel bezweifle, denke ich schon. Wenn das Gef�hl noch da ist, wenn ich immer noch denke, da kommt jetzt noch was, ich habe immer noch etwas zu sagen, egal ob mir jemand zuh�rt oder nicht dann denke ich schon. Und wenn ich 65 bin und noch singen kann... na ja, singen sagen wir wenn ich noch T�ne auskriege, dann w�rde ich das wahrscheinlich nach wie vor noch machen. K�nntest du dir vorstellen, ein durchschnittsb�ngerlches Leben zu leben, oder schlie�t du das f�r dich ganz aus? Ich hoffe, ich kann es ausschlie�en. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das bewerkstelligen k�nnte, weil ich mein ganzes Leben so darauf abgestimmt habe, um da nicht hineinzukommen. Und ich hoffe, dass das auch weiterhin so sein wird. Ich wei� nicht, wie ich damit umgehen k�nnte. Ich h�tte diesen Lebensweg wahrscheinlich nicht gew�hlt, wenn ich ein b�rgerliches Leben bew�ltigen k�nnte. Aber dazu scheine ich nicht in der Lage zu sein. Darum habe ich diesen Weg gew�hlt und bin damit supergl�cklich. Es h�tte auch ganz anders ausgehen k�nnen Ich sch�me mich jetzt schon fast die n�chste Frage zu stellen, aber das w�rde mich einfach interessieren: w�rdest du gerne einmal Kinder haben? Ja, eigentlich schon. Als ich j�nger war, wollte ich immer einen ganzen Stall voll Kinderhaben. Ich h�tte nach wie vor gerne noch Kinder, aber es ist ein bisschen in weite Ferne ger�ckt, wenn ich meinen Lebenswandel anschaue. Das Kind sollte ja auch eine sch�ne Kindheit haben. Also, ich w�rde schon gerne, aber ich glaube, es ist derzeit einfach nicht m�glich. M�chtest du den Lesern noch etwas sagen? Zwei Sachen m�chte ich noch abschlie�end sagen, was im Versauf des Interviews einige Male erw�hnt wurde: erstens, das ist unser zehntes Jahr. Zweitens, das klingt jetzt sehr pathetisch, ich bin dem Publikum sehr, sehr dankbar, dass es sich f�r Lacrimosa entschieden hat, und ich habe diesem Publikum extrem viel zu danken. Und auf diesem Weg m�chte ich mich ganz herzlich beim Publikum bedanken, f�r zehn Jahre Geduld, Toleranz f�r eine doch sehr widerspenstige Gruppe und muskalische Richtung, und ich hoffe, dass es mir dann dieses Jahr noch zeitm��ig reicht noch ein kleines Dankesch�n zu realisieren, was ich gerade vorhabe. copyright: Stefan Walther, Orkus
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