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Interview Orkus

 

LACRIMOSA - DER MORGEN DANACH

Es gibt Neues von Tilo Wolff und Anne Nurmi. Am 06. August veröffentlichen Lacrimosa ihre Single Der Morgen danach. Neben dem straighten, orchestralen Titeltrack in bester Lacrimosa Manier präsentieren die beiden Wahlschweizer Ungewohntes und Unerwartetes. Nach einer zweiten Version von Der Morgen danach erlebt der Hörer mit Nichts bewegt sich erschreckende Tiefen, um danach von Vankina in ungeahnte sphärische Höhen entführt und von Annes Stimme überwältigt zu werden. Abwechslungsreich wie selten zuvor, sind Lacrimosa eben immer für eine Überraschung gut.

Orkus: Jetzt ist es endlich wieder so weit, es gibt neues Material von Lacrimosa. Der Morgen danach, das Titelstück der neuen Single, führt im Grunde ein bisschen das letzte Lied Am Ende stehen wir zwei von Elodia fort.

Tilo: Absolut. Bisher ist es ja immer so gewesen, dass der letzte Track einer Platte jeweils vom ersten Song des Nachfolgealbums fortgeführt wurde. Das verhält sich dieses Mal etwas anders, weil das Album inhaltlich einen harten Schnitt zu Elodia darstellen wird. Aber dafür wird, wie ihr richtig erkannt habt, Elodia mit Der Morgen danach fortgesetzt. Das gab auch den Hauptausschlag, warum wir dieses Lied als Single ausgewählt haben. Es führt nicht nur Elodia und dessen letztes Stück Am Ende stehen wir zwei fort, sondern es schließt eigentlich an eine ganze Tradition von Titeln an, in denen ich mich mehr oder weniger mit dieser Thematik befasst habe; um beispielsweise einen zu nennen: Deine Nähe. Der neue Song unterscheidet sich von den anderen Stücken aber dahingehend, dass wenn man diese ganzen Titel etwas verfolgt und sich dann den Text von Der Morgen danach durchliest, wird man feststellen, dass ich hier einen Schritt weiter gehe. Ich versuche zum ersten Mal, Kontakt aufzunehmen. Da der Track einen offenen Ausgang hat, weiß ich selber noch nicht, wie die Geschichte weitergeht, so ich nochmals ein Stück mit dieser Thematik schreiben werde, sei es positiv oder negativ, ob dieser Kontakt zustande kommt oder nicht. Und das ist auch ein wenig der Grund, warum die Musik so klingt, wie sie klingt. Es ist ein sehr straighter, sehr geradliniger Song, der nach vorne geht, der Aufbruchstimmung hat. Das begründet sich logischerweise in seinem Text. Ohne die Vorgeschichte, die durch die Texte und Songs, die sich mit dieser Thematik befassen, begründet ist, wären weder Text noch Musik von Der Morgen danach möglich gewesen. Wenn ich hin und wieder von einer Weiterentwicklung in meiner Musik spreche, dann meine ich genau diese Momente, in denen mit bewusst wird, dass ein Titel auf dem anderen aufbaut. Die ganze Single ist eigentlich auch nicht nur als Single zu betrachten, sondern eher als EP. Sie ist in sich rund und abgeschlossen. Und vor allem ist sie sehr wichtig, um das Nachfolgealbum verstehen zu können. Wenn man sich nach Elodia direkt in die neue Scheibe hineinstürzen würde, dann wäre man, alleine aufgrund der Thematik, vielleicht etwas vor den Kopf gestoßen. Die Single legt ein wenig die Grundlage, wobei sicherlich das, was auf dem Album enthalten sein wird, wieder überraschend sein dürfte, weil es nicht genau das fortführt, was auf der Single zu hören ist. Die Single bildet einfach die Brücke zwischen den Alben. Ich finde es, um ehrlich zu sein, ein bisschen erschreckend, dass es zum ersten Mal nicht so ist, dass man sich die Platten nacheinander anhören kann, sondern dass man dieses Mal die Single braucht, weil auf dem Album so viel vermittelt wird. Das finde ich dahingehend erschreckend, weil wir, um ehrlich zu sein, den Zuhörern langsam ein bisschen zu viel zumuten. Das wird man dann sehen, wenn das Album veröffentlicht ist. Was die Single anbelangt, ist es uns jedoch wichtig, dies zu betonen. Ich hasse diese Singles, auf denen Remix eins und Remix zwei und Remix drei und so weiter aneinandergereiht sind. Im Grunde bezahlt man für so eine CD fast die Hälfte wie für ein ganzes Album, man bekommt jedoch nur den einen Song in mehr oder weniger beschissenen Variationen. Bisher hatten wir immer einen exklusiven Track, der nur auf der Single veröffentlicht wurde, nebst natürlich noch einer zweiten Version des Titelsongs. Das ist ja sowieso Tradition, wobei wir es stets so gemacht haben, dass es nicht nur ein Remix ist, sondern eine komplett neu aufgenommene Fassung. Auf der aktuellen Single sind Schlagzeug und Gitarren, obwohl sie ähnlich klingen, neu eingespielt, wie auch das Orchester, mit teilweise ganz anderen Passagen, die in der ursprünglichen Version gar nicht vorkommen. Damit es sich auch wirklich abhebt und vor allem, damit es auch ein bisschen diese weitere Facette des Titels darstellt. Am liebsten würde ich die beiden Versionen auch auf dem Album direkt hintereinander anordnen, aber das geht natürlich nicht. Dafür gibt es ja die Single. Dass man zuerst einmal in diesen Song einsteigen kann und dann noch einen draufbekommt, noch einmal dasselbe Stück, aber noch ein bisschen konkreter, in der Stimmung "es passiert etwas". Ich finde es wahnsinnig spannend, diese beiden Fassungen anzuhören. Sie sind ja noch nicht so lange fertig, und wir sind noch immer hin- und hergerissen, welche Version uns besser gefällt. Sie haben alle zwei ihren eigenen Charme und Charakter. Und zum ersten Mal sind auf einer Single zwei exklusive Stücke enthalten, die nicht in den Kontext des Albums passen würden, aber für sich gesehen eine Einheit bilden und vor allem die Vorstufe zum Longplayer sind. Nichts bewegt sich gibt so eine Facette meiner momentanen Situation wieder. Ich habe oftmals gesagt, meine Texte sind wie Tagebucheinträge dann ist Nichts bewegt sich nicht nur ein Eintrag im Tagebuch, sondern eine ganze Kapitelüberschrift. Es ist ein wahnsinnig direkter und vor allem derzeit akuter Song. Auf der anderen Seite ist er natürlich nicht auf Lacrimosa als Band bezogen, denn es gibt ja auch noch einen Tilo neben der Musik. Das muss ich hier dazusagen, denn sonst fragen viele wieder, oh je, hörst du jetzt mit Lacrimosa auf? Das ist ganz und gar nicht der Fall, im Gegenteil. So wie der Text schon anfängt: "Nichts bewegt sich, nichts bleibt stehen". Das ist auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich. Aber wenn man es sich genau anschaut, bedeutet das nichts anderes als: nichts bewegt sich, und die Einsicht, dass sich nichts bewegt, zeigt, dass ich mich doch bewege. Denn wenn ich das nicht erkennen würde, wäre ich tot und abgestorben, und nichts würde passieren. Das ist eigentlich der positivste Satz in diesem ganzen Text. Nichts bleibt stehen, Gott sei Dank, irgendetwas bewegt sich doch. Diese Einsicht zu haben und sich dann bewusst zu werden, ich muss etwas ändern, es kann so nicht weitergehen, das ist im Grunde genommen ein enormer Fortschritt. Musikalisch betrachtet ist es nicht nur ein Ruf nach Erlösung, sondern zugleich dessen unmittelbares Erhört werden.

Der Morgen danach

Orkus: Ich möchte jetzt gerne wieder zum Titeltrack kommen. Der Morgen danach war für mich eigentlich auch eine Fortführung von Elodia, wenngleich der Song sehr straight ist. Was mir ausgesprochen gut gefällt, ist diese akustische Gitarre, die immer dieses eine Thema spielt. Auch das Orchester, das Intro, führt Elodia eigentlich in gewisser Weise musikalisch fort, geht dann aber durch das Straighte ein ganzes Stück weiter. Kannst du vielleicht etwas zu den diesbezüglichen Zusammenhängen sagen, siehst du sie auch, waren sie bewusst oder gewollt?

Tilo: Ja, sehr sogar. Wenn man Musik macht, versucht man ja, eine Sprache zu erlernen. Man kann eigentlich auch sagen, man hat da eine Formel, einen Katalysator, an dem man die ganze Zeit arbeitet, der die Gefühle, die man zum Ausdruck bringen will, in Musik transponiert. Je länger man Musik macht, desto länger schleift man an der Entwicklung dieses Katalysators herum und kann ihn perfektionieren. Da wir ja mit Stille und vor allem mit Elodia Erfahrung gesammelt haben in der Kooperation mit einem Orchester, bin ich ein bisschen relaxter geworden. Weil ich bei der Produktion von Elodia eine sehr große Ehrfurcht vor der Zusammenarbeit mit dem Orchester hatte und sehr viel Wert darauf gelegt habe, dass alles wirklich eins a sein sollte, war das natürlich ein sehr intensives, aber auch sehr angespanntes Umgehen mit dem Ganzen. Mit dieser Erfahrung aus der Vergangenheit kann man danach so einen Titel wie Der Morgen danach entspannter angehen. Es ist zwar viel Orchesterwerk dabei, aber ich habe den Blick für den Song diesmal nicht verloren. Nichts gegen Elodia, aber es war diesmal viel einfacher, den Song im Blickpunkt zu behalten und das Wesentliche an dem Stück und das Orchester als Beiwerk zu sehen, also nicht mehr diesen Hauptfokus auf das Orchester zu haben. Das ist sicherlich eine extreme Weiterentwicklung zu Elodia, eine straighte Rocknummer zu machen, die genauso vom Orchester abhängig ist, aber nicht nur alleine dadurch lebt.

Anne: Das harmoniert miteinander.

Orkus: Ja, es ist stärker miteinander verwoben.

Tilo: Eine Symbiose, die funktioniert. Dank der gesammelten Erfahrung, was auch damit zusammenhängt, dass ich unsere Platten selbst produziere. Ich kann niemandem sagen, das hatte ich mir aber anders vorgestellt. Im Endeffekt bin ich verantwortlich, und das ist natürlich auch ein enormer Druck, wenn man Dinge macht, die man noch nie zuvor getan hat. Jetzt zu sagen, man weiß, was schief gehen kann, man hat das alles einkalkuliert, und sich dann hinzusetzen und so einen Song zu schreiben, ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist der: Ich könnte mir vorstellen, wenn man diesen Text Der Morgen danach durchliest, stellt man sich wahrscheinlich eher vor, da ist etwas sehr Elegisches, sehr Tragendes. Es ist ja doch ein sehr intensiver Text. Sich von diesem oftmals Offensichtlichen nicht beeindrucken zu lassen und dahinter schauen zu können... Ein simples Beispiel: Du siehst jemanden, der weint, und denkst, er ist traurig. Aber es könnten auch Freudentränen sein. Im ersten Moment augenscheinlich Trauer, aber dahinter zu gucken und zu vermuten, dass es auch freudige Rührung sein könnte, das wäre eben der zweite Schritt. So ähnlich bin ich auch an den Liedtext herangegangen. Ich habe versucht, mich nicht zu sehr von den doch sehr inhaltsschwangeren Worten beeindrucken zu lassen, sondern weiterzusuchen, was mir der Text noch vermitteln kann und davon ausgehend den Text in all seiner Energie aufzuspüren und wiederzugeben. Darum fasziniert mich dieser Song auch so gewaltig, weil er bei genauerer Betrachtung nicht das ist, was er oberflächlich betrachtet zu sein scheint.

Orkus: Bezüglich der Zusammenarbeit mit dem Orchester würde mich interessieren, ob sich für dich bei der Komposition etwas geändert hat. Auf mich wirkt es, auch nach dem, was du gerade erzählt hast, ein bisschen so, als hättest du bei Elodia Rocksongs um klassische Lieder herum gebaut. Hast du jetzt im Gegenzug bei Der Morgen danach einen Rocksong als Grundlage gehabt und dahinein das Orchester integriert?

Tilo: Nee, der Witz ist, dass ich hier als Erstes diese Grundmelodie hatte. Das lässt alles offen, man hätte mit dieser Melodie in jede Richtung gehen können. Dieses Einlassen auf die Sprache der Melodie, sozusagen, geschah weder mit der Intention "klassisch" noch "Rock"... Vielmehr verlief das automatisch, ähnlich einem Zug, der auf zwei Gleisen fährt und umkippt, wenn man eines der Gleise wegnimmt. So ist dieser Song entstanden direkt zweigleisig. Das eine benötigt das andere, um existieren zu können. Im Großen und Ganzen muss ich dir allerdings Recht geben, da ist es tatsächlich so, Elodia ist eher Klassik mit Rock und Der Morgen danach vom Gefühl her eher Rock mit Klassik.

Orkus: Bei Elodia war es so, dass ich mir eine zugefrorene Eisfläche vorstellte, deren Eis recht dünn ist. Es trägt einen zwar schon, ist aber noch nicht so dick, dass man sich traut, wirklich feste Schritte zu machen. Jetzt habe ich das Gefühl, das Eis ist viel dicker, das Eis trägt, und ich kann richtig fest auftreten.

Tilo: Ein sehr gutes Bild. Das kann ich nur unterschreiben, und eigentlich fühlen wir uns genau so.

Orkus: Was uns noch aufgefallen ist: Wir haben beide den Eindruck gehabt, dass deine Stimme viel tiefer klingt als bisher. Hast du an dir gearbeitet? War das bewusst oder ist das einfach eine Weiterentwicklung?

Tilo: Was ich mit Freuden selbst feststelle, ist, dass ich von Album zu Album besser mit meiner Stimme umgehen kann, dass sich meine Stimme entwickelt. Ich denke, das ist durch zwei Faktoren bedingt. Zum einen durch die Live Auftritte, wo man die Stimme extrem kennen lernt, und zum anderen, dass ich im Kirchenchor singe. Das sind ja nun zwei unterschiedliche Sachen: live eher impulsiv und direkt, immer als exponiertes Sprachrohr meiner jeweiligen Gefühle, und im Kirchenchor eher klassisch und als Teil eines Ganzen, in dem ich meine persönlichen Emotionen unter die der jeweiligen Kompositionen stelle. Zwei unterschiedliche Herangehensweisen, mit der eigenen Stimme umzugehen und diese kennenzulernen, was sehr viel Freude und Erfahrung bringt. Außerdem bin ich während dieser Produktion um ein Vielfaches entspannter an die Gesangsaufnahmen herangegangen, was sicherlich daran lag, dass ich mit dem Gesang auf Elodia sehr zufrieden bin und dementsprechend weniger Angst hatte, meine Texte nicht entsprechend ihrer Inhalte rüberbringen zu können.

Nichts bewegt sich

Orkus: Sprechen wir über das dritte Stück der Single, Nichts bewegt sich. Dieses Lied war für mich ein wenig überraschend, weil es der düsterste und bedrohlichste Song ist, den ich von Lacrimosa bisher gehört habe. Er hat auch etwas extrem Hoffnungsloses, das man in der Form von euch nicht unbedingt gewohnt ist, denn das hat nichts mehr mit Melancholie zu tun es ist destruktiv.

Tilo: Gewissermaßen. Im Grunde fasst ihr den Song genau so auf, wie wir ihn selbst sehen. Es ist sicherlich ein Titel, der bisher sehr außergewöhnlich ist. Ich kann meine Gefühle nicht unterdrücken oder beschönigen. Ich habe bislang versucht, meine Emotionen in der Musik immer sehr ehrlich zu vermitteln. Ich möchte keine Selbstzensur ausüben. Es gibt zwar viele Texte, die wir nie vertonen, aber wenn so ein Text entsteht, der mir derart aus der Seele spricht, dass ich das tiefe Bedürfnis habe, ihn musikalisch umzusetzen, dann möchte ich mich nicht selbst zensieren. Natürlich hat man ein paar Bedenken, in dem Moment, in dem das Stück aufgenommen ist: Aber unter der Maßgabe, sich selbst nicht zu zensieren und zu sagen, wenn ich bisher immer ehrlich war, dann muss ich das auch hier konsequent durchführen, sonst ist das Gleichgewicht nicht mehr da, haben wir uns dann entschlossen, diesen Song zu veröffentlichen. Das ist jedoch mit ein Grund, warum dieses Stück nicht auf dem Album enthalten ist. Ich denke, dass das ganz enge Publikum sich eher eine Single kauft als die Menschen, die nicht so wahnsinnig viel mit Lacrimosa anfangen können. Und ich sehe das "Single Publikum" ähnlich wie das "Konzertpublikum": das ist ein sehr intimer Kreis. Somit bleibt der Song gewissermaßen in der Familie. Weil sich diese Leute ganz anders mit Lacrimosa befassen, und sie werden auch so einen Text und so ein Lied ertragen können. Musikalisch gesehen war das Interessante an diesem Titel das passiert nur ganz selten dass die Textzeile "ich kann nicht mehr, ich bin so müde" zeitgleich mit der Musik da war. Meistens erarbeitet man ein Stück, man hat eine Idee und weiß aber in diesem Bruchteil einer Sekunde noch nicht, wo man ankommen wird. Bei Nichts bewegt sich war das jedoch von Anfang an mit der Melodie da.

Orkus: Man hört dem Lied an, dass es extrem persönlich ist. Die Ehrlichkeit kennen wir von dir, aber die Schonungslosigkeit, die diesem Stück innewohnt, ist für uns neu. Deshalb kann ich auch verstehen, warum du diesen Song nur auf der Single veröffentlichen wolltest, denn da ist dieses Gefühl, man gibt das Lied in Hände, in denen es gut aufgehoben ist, weil es etwas sehr Tiefes ist. Eine weitere Frage noch zu diesem Song: Machst du dir manchmal Gedanken darüber, was du den Leuten mit einem solchen Stück "zumutest"?

Tilo: Ja, das tue ich. Aber zu spät... In dem Moment, in dem der Song fertig ist. Manchmal schon bei der Produktion, wenn mich jemand darauf hinweist. Ich will mir wahrscheinlich aus dem Grund vorher keine Gedanken darüber machen, weil ich mir das zum einen so angewöhnt habe, dass ich mir beim Komponieren und Produzieren eines Albums keine Fragen stelle, die über das Künstlerische hinausgehen. Es wäre fatal, wenn es anders ablaufen würde. Zum anderen stelle ich mir manchmal quasi als Labelchef diese Frage, wie das auf den Hörer wirkt. Grundsätzlich muss ein Mensch, der etwas in die Öffentlichkeit hinausposaunt, sich auch darüber bewusst sein, dass er es in die Öffentlichkeit hinausposaunt und dass ihn in dem Moment niemand fragt: "Wie hast du das denn jetzt gemeint?" Sprich, er muss das Publikum wirklich seinen eigenen Gedanken überlassen. Nun kann man natürlich sagen, man muss alles erklären, damit nichts passieren kann. Dann würde man allerdings die Menschen für unmündig erklären und für blöd oder bescheuert halten. Ich denke, es ist eine Gratwanderung, beide Extreme sind falsch. Zu allem, was man macht, eine Bedienungsanleitung mitzuliefern, wäre unsinnig, doch zu heftige Dinge unerklärt in den Raum zu stellen, ist genauso gefährlich. Das eine verblödet die Leute, weil sie immer eine Anleitung dazubekommen, das andere überfordert und kann zu falschen Schlüssen führen. Ich denke, der Mittelweg ist richtig, a ber sehr schwer zu finden. Das hängt davon ab, was man selber als richtig und falsch empfindet. Wenn ich zum Beispiel in Sinnkrisen oder Lebenskrisen war, dann hat mich ein Film oder ein Musikstück noch nie dazu bewegt, noch tiefer hineinzurutschen, weil das ein Problem so tief in mir drin war, dass kein Musikstück oder Film jemals an es herangekommen wäre. Weder ein Film noch die Musik könnten mich da herausziehen. Von dem ausgehend, muss ich sagen, dass ich glaube, dass man seine tiefsten Gefühle in der Form wie in Nichts bewegt sich zum Ausdruck bringen kann, wenn man sich erstens dessen gewiss ist, dass es einen Kontext gibt, sei es nun der Kontext einer Gedankenwelt einer Band, wie das bei uns der Fall ist, wo man ja ein bisschen Einblick bekommen hat, wenn man sich mit unseren Texten befasst hat, und was einem eine Hilfe sein kann, diesen Titel zu verstehen. Und zweitens finde ich auch für mich persönlich, dass dieses Lied die positive Textzeile "nichts bleibt stehen" hat. Eigentlich muss man sagen, dieser Text ist schon der erste Schritt zur Besserung, weil in dem Moment, da einen dieses Gefühl in letzter Konsequenz übermannt, man erst mal gelähmt und dann gar nicht fähig ist, Musik zu machen. Und in dem Augenblick, wo man wirklich so tief unten ist, hört man keine Musik mehr, weil einem das alles so oberflächlich und nichtssagend vorkommt. Wenn ich dann aber wieder die Kraft habe, Musik aufzulegen, war mir eigentlich stets geholfen, denn erstens bin ich nicht mehr allein, und zweitens habe ich Einblick in eine andere Welt bekommen. Das Schlimmste an Depressionen ist ja eigentlich, dass du dich immer nur im Kreis drehst und dabei dich selbst und deine Misere anschaust. Und alles, was dich davon ablenkt, ist nur hilfreich und gesund. Unter diesen drei Gesichtspunkten, finde ich, kann man gewisse Dinge dann zur Veröffentlichung bringen. Und ich finde, dieser Track steht unter den genannten Gesichtspunkten. Ganz im Unterschied zu einem Miles Davis, der sich in den Siebzigern auf die Bühne gestellt und gesagt hat, Drogen werden eure Welt verbessern. Punkt - Schluss. Das wäre so eine gefährliche Aussage.

Vankina

Orkus: Kommen wir zum vierten und letzten Song der Single: Vankina. Es ist ein finnischer Titel, der auch finnisch gesungen wird. Als wir ihn vorhin gehört haben, wusste ich sofort, warum er nicht auf dem Album sein wird. Im ersten Moment, in der instrumentalen Eingangspassage, dachte ich mir, das wird das neue Intro für die Tournee. Was mich an dem Stück so fasziniert hat, war einerseits dieser Filmmusikcharakter sehr düster und monumental und auf der anderen Seite, was für Lacrimosa sehr untypisch ist, dass überwiegend mit elektronischen Sounds gearbeitet wurde.

Tilo: Was das anbelangt, ist der Song für Lacrimosa nicht ganz so neu, weil er die Machart von Ruin weiterführt. Ruin war eigentlich der erste Track, bei dem ich nur mit Sounds gearbeitet habe. Vankina vollzieht das allerdings und in Anbetracht der musikalischen Bedürfnisse des Titels im direkten Vergleich zu Ruin soundtechnisch gesehen noch viel perfekter.

Orkus: Der erste spontane Gedanke nach dem Anhören war, Dead Can Dance können einpacken. In dem Zusammenhang wollten wir auf dich, Anne, persönlich eingehen, weil wir dich noch nie so perfekt haben singen hören. Dieses Lied ist einfach rundherum absolut perfekt, es löst schlichtweg ein Gefühl der totalen Befriedigung aus.

Anne: Oh, danke schön...

Tilo: Was Anne anbelangt, und das finde ich auch das Faszinierende an ihr: sie hat mit Titeln wie No Blind Eyes Can See oder The Turning Point bewiesen, dass sie einen wahnsinnigen Ausdruck in ihre Stimme zu legen vermag. Bei Songs wie Dich zu töten fiel mir schwer hat sie gezeigt, dass sie eine absolute Rockröhre ihr Eigen nennt und schreien kann und, um es mal böse zu sagen, mit Rockschlampen mithalten kann. Mit Vankina hat sie zudem bewiesen, dass sie auch mit himmelhoch gelobten Gesangskoryphäen problemlos mitzuhalten in der Lage ist. Das alles vereint in einer Person trifft man selten. Das finde ich sehr bewundernswert.

Anne: Es war auch ein sehr befreiendes Erlebnis, das Stück einzusingen. Denn der Song ist letztlich eine Zusammenmischung von Tilo, Jay P. (Studio- und Live Musiker für Lacrimosa - Anm.d.Verf.) und mir. Er ist mehr oder weniger im Studio entstanden. Ich war immer dabei, als Tilo und Jay P. das Lied komponierten, und das hat mich nach und nach inspiriert. Ich habe darauf gebrannt, es endlich einzusingen. Ich liebe solche Musik wie zum Beispiel Dead Can Dance, wenn ich sie auch selten höre. Und wahrscheinlich hat dieser Song meine finnische Seele wiedererweckt, wie auch meine Vorliebe für keltische, mystische Stimmungen. Der Text ist eigentlich erst während des Singens entstanden. Irgendwie hat einfach alles perfekt zusammengepasst.

Tilo: Zu dem Track muss man eigentlich auch noch sagen, dass wir jetzt schon sehr lange mit Jay P. zusammenarbeiten. Er spielt bereits sehr lange Bass für uns und hat auf dem neuen Album sämtliche Gitarren eingespielt. Wir hatten schon seit langem vor, gemeinsam ein Stück zu schreiben. Je besser wir uns musikalisch und vor allem menschlich kennen gelernt haben, umso größer wurde dieser Wunsch, doch es hat sich nie die Gelegenheit ergeben. Dieses Mal hatten wir eine sehr lange Produktionsphase eingeplant, und wir sagten uns, jetzt oder nie, denn der Wunsch war schon am Überkochen. Es war dann eine relativ spontane Sache, dass wir uns einfach mal zusammengesetzt haben. Das Faszinierende dabei ist, Jay P. stammt aus der Metal Ecke, während wir vom Gothic kommen, und wir haben weder eine Metal noch eine Gothic Nummer produziert. Dass wir uns beide so weit von dem entfernt haben, was wir eigentlich tagtäglich tun, fand ich eine total faszinierende Erfahrung. Zudem hat sich auch Anne bei ihrem Gesang weit von dem wegbewegt, was sie bisher gemacht hat, so dass es wirklich eine Arbeit zu dritt in neuen Gefilden war.

Anne: Es war einfach sehr befreiend.

Orkus: Was ich noch zu diesem Song sagen wollte: Ein solches Lied hätte ich einfach nie von Lacrimosa erwartet. Könntet ihr abschließend noch einen ganz kurzen Blick in die Zukunft wagen...?

Tilo: Wir befinden uns jetzt gerade mitten im Abmischen der Platte, die Single ist erst seit drei Tagen fertig. Wie gesagt, man darf auf das Album gespannt sein...

Orkus: Vielleicht noch eine kurze Anmerkung, ob es eine Tournee geben wird?

Tilo: Voraussichtlich werden wir ab Oktober auf Tour sein, wobei die Konzerte in Deutschland wohl im November stattfinden werden.

Bettina Glas und Stefan Walther, Orkus

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