Rip van Winkel

von Washington Irving

Vor vielen Jahren lebte, als das nordamerikanische Land noch eine Provinz Großbritan­niens war, ein einfacher junger Mann von guter Art mit Namen Rip van Winkel. Er war ein freund­licher Mann, ein höflicher Nachbar, doch ebenso als Ehemann ein Pantoffelheld. Gewiss – er stand bei allen guten Weibern des Ortes in Gunst. Auch die Kinder des Ortes riefen ihm gewöhnlich zu, wann immer sie ihn sahen. Er half ihnen bei ihren sportlichen Betäti­gungen, fertigte ihnen Spiel­zeug, brachte ihnen bei, wie man Drachen steigen lässt und erzählte ihnen lange Geister- und Indianergeschichten.

Rip van Winkel war einer jener glücklichen Leute, welche die Dinge leicht nehmen. Wenn er allein war, konnte er vollkommen glücklich sein; doch seine Frau sprach immerfort nur von seiner Faulheit und dass er seine Familie noch in den Ruin führen würde.

Rips einziger Freund zuhause war also nur sein Jagdhund, ‘Wolf’ hieß, der genauso ein Pantof­fel­held wie sein Herrchen, denn Frau van Winkel sah in ihnen Kameraden der gleichen Faulheit. Wieder nach oben!

Um das Gezeter seiner Frau los zu werden, pflegte Rip manch einen Tag seine Jagdflinte zu nehmen und mit ‘Wolf’ zusammen in den Wald zu wandern. Und eines schönen Tages im Frühherbst war Rip zu einem der höchsten Örter der Kaatskillberge gestiegen. Er wollte Hirsche jagen und am Spätnachmittag, als er schon müde war, legte er sich auf einer grünen Matte nieder, von wo aus er über die Täler schauen konnte. Als die Berge anfingen, ihre langen blauen Schatten über die Niederungen zu werfen, da merkte er, dass es dunkel werden würde, ehe er sein Dorf erreicht haben wird, und er seufzte tief, wenn er an Frau van Winkel dachte, die zuhause auf ihn wartete.

Plötzlich hörte er, wie aus einiger Entfernung eine Stimme rief: „Rip van Winkel! Rip van Winkel!“ Er sah sich um, doch er konnte nichts erkennen. Er wandte sich schon, um wegzugehen, als er die nämliche Stimme durch die stillen Abendlüfte hörte, „Rip van Winkel! Rip van Winkel!“ ‘Wolf’ gab ein leises Knurren von sich und starrte einen engen Pfad hinab. Angestrengte spähte Rip in die selbe Rich­tung, als er eine seltsame Gestalt mit einem Bündel auf seinem Rücken gemächlich die Felsen heraufkommen sah.

Er war überrascht, überhaupt irgendein mensch­liches Wesen an diesem abgelegenen, einsamen Ort zu er­blicken, doch beim Gedanken daran, es könnte jemand aus der näheren Umgebung sein, der seine Hilfe benötigte, eilte er unverzüg­lich den Hang hinunter. Als Rip näher trat, erstaunte er noch mehr ob der äußeren Erscheinung des Fremden. Wieder nach oben!

Es war ein kleiner Mann mit dickem grauen Haar und einem langen Bart; seine Kleidung war von der Art der hol­ländischen Kolo­nisten, und auf seinen Schultern trug er ein Fass, das so aus­sah, als sei es voll von Brannt­wein. Er be­deutete Rip, näher heranzukommen und ihm mit seinem Gepäck zu helfen. Obgleich er ziemlich schüchtern war, übernahm Rip die schwere Last, und zusammen erklommen sie den engen Pfad. Nach einiger Zeit, während welcher Rips Gefährte nicht ein einziges Wort sprach, kamen sie an eine Stätte, die mit riesigen Bäumen umgeben war. Da sah Rip eine Gruppe spaßig aus­sehender Leute, die mit Kegeln spielten. Sie trugen allesamt altmodische Kleidung. Ebenso waren ihre An­gesichter merkwürdig; einer hatte einen riesigen Bart, ein breites Gesicht und kleine Augen, eines anderen Gesicht hatte eine scharfe Nase, überragt von einem weißen Hut mit einer außer­or­dent­lichen Feder darauf. Das Erstaunlichste jedoch war, dass dieses Volk, obwohl sie sich zusam­men tüchtig vergnügten, die traurigsten Antlitze hatten, die man sich hätte vorstellen kön­nen. Nichts störte die Stille dieser Szene – mit Ausnahme der Kugeln, die immer dann, wenn sie in Bewegung versetzt wurden, wie Donnergrollen tönten.

Als nun Rip und seine Gefährten näher kamen, hörte die Gruppe auf zu spielen und starrten Rip an. Sein Gefährte öffnete nun das Fass und schüttete den Inhalt in riesige Krüge; er be­deu­tete ihn, die Gesellschaft zu bedienen. Rip tat wie ihm geheißen und sie tranken den Schnaps schwei­gend und kehrten dann zu ihrem Spiel zurück. Von Natur war Rip eine durstige Seele und begehrte bald, von dem Trunke selbst zu kosten. Ein Glas wurde nach dem anderen ge­leert, zuletzt schwammen seine Augen in seinem Kopfe und er verfiel in einen tiefen Schlaf.

Beim Aufwachen befand er sich wieder auf jener grünen Wiese, von der aus er den Alten mit dem Brannt­wein­fass zuerst gesehen hatte! Er rieb seine Augen, sah nach seinem Gewehr – doch statt dessen fand er eine neben ihm liegende alte Muskete. Auch ‘Wolf’ war verschwunden. Er pfiff nach ihm, rief seinen Namen, doch es kam keine Antwort.

Er war entschlossen, zu dem Platz mit den Keglern vom letzten Abend zurück zukehren und, so er etliche dieser Gesellschaft vorfinden sollte, sie zu fragen, was mit seiner Flinte und seinem Hun­de geschehen war. Er hatte einige Schwierigkeiten, emporzukommen, doch nach einiger Zeit fand er den Pfad, den er und sein Genosse am Vorabend hinaufgeklettert waren. Jedoch lief zu seiner größten Überraschung jetzt ein Gebirgsfluss dort den Hang hinab, so dass er gar nicht weitergehen konnte.

Was war nun zu tun? Der Morgen verging, und Rip verspürte Hunger nach einem Frühstück. Also schüttelte er erstaunt seinen Kopf, ergriff die Muskete und wandte seinen Schritt heim­wärts. Als er zu seinem Dorfe kam, traf er eine Anzahl Leute an, doch niemanden, den er kannte, ein Umstand, der ihn einigermaßen überraschte, dachte er doch, er kenne jedermann im Um­land. Auch ihre Kleidung war anders als jene, die er gewohnt war. Die Einwohner starrten ihn alle mit großem Erstaunen an, und immer wenn sie ihn erblickten, strichen sie sich übers Kinn. Also entschloss sich Rip dazu, dasselbe zu tun – doch auf diese Art und Weise ent­deckte er, dass sein Bart vierzig Zentimeter lang geworden war . . .! – Wieder nach oben!

Zuhause erkannte Rip, dass er fast zwanzig Jahre lang fort gewesen war, und dass die Welt um ihn her sich vollständig verändert hatte:

Sein Haus lag in Ruinen, Frau van Winkel war vor einiger Zeit gestorben, und statt der Untertan Seiner Majestät Königs Georg III. zu sein, war er nunmehr Bürger der Vereinigten Staaten.

Rip van Winkels Geschichte wurde schon bald erzählt, denn diese gesamten zwanzig Jahre waren für ihn wie eine einzige Nacht gewesen; doch erst als Peter Vanderdonk, der älteste Mann der Ort­schaft, die Menschen davon überzeugte, dass Rips Geschichte wahr sei, fingen die Leute an, ihm zu glauben.

Wie Peter Vanderdonk berichtete, sind die Kaatskill-Berge schon immer von Geistern heimgesucht worden. Und von seinem Vater hatte Peter gelernt, dass der große Hendrick Hudson, der als erster Fluss und Land entdeckt hatte, alle zwanzig Jahre mit seinen Leuten zu den Kaatskill-Bergen zurück kehre, um den Fluss zu bewachen.

Und es wird sogar erzählt, dass dann, wenn man an einem Sommernachmittag Donner­grollen in den Kaatskills hört, der große Hendrick Hudson und seine Schar mit ihren Kugeln und Kegeln spielen.

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