Vor vielen Jahren lebte, als das nordamerikanische Land
noch eine Provinz Großbritanniens war, ein einfacher junger Mann von guter
Art mit Namen Rip van Winkel. Er war ein freundlicher Mann, ein höflicher
Nachbar, doch ebenso als Ehemann ein Pantoffelheld. Gewiss – er stand bei
allen guten Weibern des Ortes in Gunst. Auch die Kinder des Ortes riefen ihm
gewöhnlich zu, wann immer sie ihn sahen. Er half ihnen bei ihren sportlichen
Betätigungen, fertigte ihnen Spielzeug, brachte ihnen bei, wie man Drachen
steigen lässt und erzählte ihnen lange Geister- und Indianergeschichten.
Rip van Winkel war einer jener glücklichen Leute, welche die Dinge leicht nehmen. Wenn er allein war, konnte er vollkommen glücklich sein; doch seine Frau sprach immerfort nur von seiner Faulheit und dass er seine Familie noch in den Ruin führen würde.
Rips einziger Freund zuhause war also nur sein Jagdhund, ‘Wolf’ hieß, der genauso ein Pantoffelheld wie sein Herrchen, denn Frau van Winkel sah in ihnen Kameraden der gleichen Faulheit. Wieder nach oben!
Um das Gezeter seiner Frau los zu werden, pflegte Rip manch
einen Tag seine Jagdflinte zu nehmen und mit ‘Wolf’ zusammen in den Wald zu
wandern. Und eines schönen Tages im Frühherbst war Rip zu einem der höchsten
Örter der Kaatskillberge gestiegen. Er wollte Hirsche jagen und am
Spätnachmittag, als er schon müde war, legte er sich auf einer grünen Matte nieder, von wo aus er über die Täler schauen konnte. Als die Berge anfingen, ihre langen blauen Schatten über die Niederungen zu werfen, da merkte er, dass es dunkel werden würde, ehe er sein Dorf erreicht haben wird, und er seufzte tief, wenn er an Frau van Winkel dachte, die zuhause auf ihn wartete.
Plötzlich hörte er, wie aus einiger Entfernung eine Stimme rief:
„Rip van Winkel! Rip van Winkel!“ Er sah sich um, doch er konnte nichts
erkennen. Er wandte sich schon, um wegzugehen, als er die nämliche Stimme
durch die stillen Abendlüfte hörte, „Rip van Winkel! Rip van Winkel!“ ‘Wolf’ gab ein leises Knurren von sich und starrte einen engen Pfad hinab. Angestrengte spähte Rip in die selbe Richtung, als er eine seltsame Gestalt mit einem Bündel auf seinem Rücken gemächlich die Felsen heraufkommen sah.
Er war überrascht, überhaupt irgendein menschliches Wesen an diesem abgelegenen, einsamen Ort zu erblicken, doch beim Gedanken daran, es könnte jemand aus der näheren Umgebung sein, der seine Hilfe benötigte, eilte er unverzüglich den Hang hinunter. Als Rip näher trat, erstaunte er noch mehr ob der äußeren Erscheinung des Fremden.
Wieder nach oben!
Es war ein kleiner Mann mit dickem grauen Haar und einem langen Bart; seine Kleidung war von der Art der holländischen Kolonisten, und auf seinen Schultern trug er ein Fass, das so aussah, als sei es voll von Branntwein.
Er bedeutete Rip, näher heranzukommen und ihm mit seinem Gepäck zu helfen.
Obgleich er ziemlich schüchtern war, übernahm Rip die schwere Last, und
zusammen erklommen sie den engen Pfad. Nach einiger Zeit, während welcher
Rips Gefährte nicht ein einziges Wort sprach, kamen sie an eine Stätte, die
mit riesigen Bäumen umgeben war. Da sah Rip eine Gruppe spaßig aussehender
Leute, die mit Kegeln spielten. Sie trugen allesamt altmodische Kleidung.
Ebenso waren ihre Angesichter merkwürdig; einer hatte einen riesigen Bart,
ein breites Gesicht und kleine Augen, eines anderen Gesicht hatte eine
scharfe Nase, überragt von einem weißen Hut mit einer außerordentlichen
Feder darauf. Das Erstaunlichste jedoch war, dass dieses Volk, obwohl sie
sich zusammen tüchtig vergnügten, die traurigsten Antlitze hatten, die man
sich hätte vorstellen können. Nichts störte die Stille dieser Szene – mit
Ausnahme der Kugeln, die immer dann, wenn sie in Bewegung versetzt wurden,
wie Donnergrollen tönten.
Als nun Rip und seine Gefährten näher kamen, hörte die Gruppe
auf zu spielen und starrten Rip an. Sein Gefährte öffnete nun das Fass und
schüttete den Inhalt in riesige Krüge; er bedeutete ihn, die Gesellschaft
zu bedienen. Rip tat wie ihm geheißen und sie tranken den Schnaps schweigend
und kehrten dann zu ihrem Spiel zurück. Von Natur war Rip eine durstige Seele
und begehrte bald, von dem Trunke selbst zu kosten. Ein Glas wurde nach dem anderen geleert, zuletzt schwammen seine Augen in seinem Kopfe und er verfiel in einen tiefen Schlaf.
Beim Aufwachen befand er sich wieder auf jener grünen Wiese,
von der aus er den Alten mit dem Branntweinfass zuerst gesehen hatte! Er
rieb seine Augen, sah nach seinem Gewehr – doch statt dessen fand er eine
neben ihm liegende alte Muskete. Auch ‘Wolf’ war verschwunden. Er pfiff nach ihm, rief seinen Namen, doch es kam keine Antwort.
Er war entschlossen, zu dem Platz mit den Keglern vom letzten
Abend zurück zukehren und, so er etliche dieser Gesellschaft vorfinden sollte,
sie zu fragen, was mit seiner Flinte und seinem Hunde geschehen war. Er
hatte einige Schwierigkeiten, emporzukommen, doch nach einiger Zeit fand er
den Pfad, den er und sein Genosse am Vorabend hinaufgeklettert waren. Jedoch
lief zu seiner größten Überraschung jetzt ein Gebirgsfluss dort den Hang
hinab, so dass er gar nicht weitergehen konnte.
Was war nun zu tun? Der Morgen verging, und Rip verspürte
Hunger nach einem Frühstück. Also schüttelte er erstaunt seinen Kopf, ergriff
die Muskete und wandte seinen Schritt heimwärts. Als er zu seinem Dorfe kam,
traf er eine Anzahl Leute an, doch niemanden, den er kannte, ein Umstand, der
ihn einigermaßen überraschte, dachte er doch, er kenne jedermann im Umland.
Auch ihre Kleidung war anders als jene, die er gewohnt war. Die Einwohner
starrten ihn alle mit großem Erstaunen an, und immer wenn sie ihn erblickten,
strichen sie sich übers Kinn. Also entschloss sich Rip dazu, dasselbe zu tun
– doch auf diese Art und Weise entdeckte er, dass sein Bart vierzig
Zentimeter lang geworden war . . .! – Wieder nach oben!
Zuhause erkannte Rip, dass er fast zwanzig Jahre lang fort
gewesen war, und dass die Welt um ihn her sich vollständig verändert
hatte:
Sein Haus lag in Ruinen, Frau van Winkel war vor einiger Zeit gestorben, und statt der Untertan Seiner Majestät Königs Georg III. zu sein, war er nunmehr Bürger der Vereinigten Staaten.
Rip van Winkels Geschichte wurde schon bald erzählt, denn diese
gesamten zwanzig Jahre waren für ihn wie eine einzige Nacht gewesen; doch
erst als Peter Vanderdonk, der älteste Mann der Ortschaft, die Menschen
davon überzeugte, dass Rips Geschichte wahr sei, fingen die Leute an, ihm zu
glauben.
Wie Peter Vanderdonk berichtete, sind die Kaatskill-Berge schon immer von Geistern heimgesucht worden. Und von seinem Vater hatte Peter gelernt, dass der große Hendrick Hudson, der als erster Fluss und Land entdeckt hatte, alle zwanzig Jahre mit seinen Leuten zu den Kaatskill-Bergen zurück kehre, um den Fluss zu bewachen.
Und es wird sogar erzählt, dass dann, wenn man an einem
Sommernachmittag Donnergrollen in den Kaatskills hört, der große Hendrick
Hudson und seine Schar mit ihren Kugeln und Kegeln spielen.