Tag X

 

 

Der Winter war mittlerweile auf Eternia eingekehrt. Das weite Land war mit einer seichten Schneedecke zugedeckt. Sonnenlicht strahlte nur ganz zaghaft zwischen den schweren Winterwolken hindurch.

„Es ist ein schöner Winter, dieses Jahr.“ bemerkte Teela, als sie zu Adam in den zugeschneiten Palastgarten trat. Der blonde Prinz lehnte hier am Geländer und ließ seine Blicke über das Land wandern. Er sah sich kurz zu ihr um und lächelte. Er freute sich, dass sie zu ihm kam.

Teela hatte einen tannengrünen langärmligen Mantel übergezogen, der ihr nur bis zur Hüfte reichte. Die junge Frau lehnte sich neben Adam an das bullige Marmorgeländer, das aus mehreren runden niedrigen Säulen bestand, die einen langen Tresen trugen, auf dem man sich bequem abstützen konnte.

Teela schaute Adam gar nicht an, ihr Blick widmete sich gleich dem fabelhaften Ausblick über das Land. Sie sahen über etliche Häuserdächer hinweg, auf weiße Wiesen bis hin zum Beginn der verschneiten Wälder.

„Es sieht alles so schön friedlich aus, finde ich.“ fuhr Teela nach einigen Minuten der stillen Betrachtung fort. „Als ob das Böse gar nicht existiert...“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann rieb sie sich die Hände, um sie ein wenig zu wärmen, denn es wehte schon seit Wochen ein eisiger Wind über Eternia.

Adam drehte sich zu der langjährigen Freundin um, stützte sich mit dem linken Ellbogen auf dem Marmor ab. „Hoffen wir, dass uns dieser Frieden noch ein wenig bleibt.“

Sie nickte. Zurzeit gab es glücklicherweise keine besonderen Anzeichen für einen erneuten Angriff Skeletors. „Er verhält sich erstaunlich ruhig.“

„Wer?“ fragte Adam nach. „Skeletor?“

Teela nickte ein zweites Mal. „Wahrscheinlich hat er bei diesem Wetter auch keine große Lust, einen Fuß vor die Tür zu setzen.“ ergänzte sie sich selbst. Dann genoss sie wieder den wunderschönen beruhigenden Panoramablick. Sie atmete tief ein und spürte die saubere kalte Luft in ihren Körper strömen. Ein wohliges Gefühl, dachte sie. „Kommst du mit rein?“ fragte sie nach ein paar besinnlichen Minuten Frische-Luft-Schnappens. Adam drehte seinen Kopf wieder zu ihr herum und nickte. Nebeneinander schlenderten sie durch den großzügigen Palastgarten. Alles war mit einer weißen Schicht bedeckt, die Pflanzen, die Wege, die Bänke... Ein wahrhaft traumhaftschöner Anblick. Und für diesen Moment vergaß Adam sogar Skeletor und seine Kämpfer – er genoß einfach den friedlichen Augenblick mit einer guten Freundin und die strahlende Schneeidylle lullte ihn in ein Gefühl der Sicherheit. Doch Adam wusste, dass ein solches Gefühl nicht lange anhalten würde...

„Guten Morgen!“ schallte es hinter einem der hochgewachsenen Bambusbüsche hervor. Adam und Teela drehte sich verwundert um und blickten ins Gestrüpp. Schon im nächsten Augenblick erschien der kleine Trollaner. „Na ihr zwei? Wie geht’s euch?“ erkundigte sich Orko in einem extrem fröhlichen Tonfall. Er schwebte zwischen dem Gestrüpp hervor und wirbelte ein paar Male um seine Freunde herum. Adam stoppte ihn mit den eindringlichen Worten: „Hast du etwa wieder gelauscht, Orko?“ Er sah den kleinen Kerl an, der da so munter vor seinem Gesicht in der Luft pendelte. Orko schüttelte sofort den Kopf. „Ich?“ fragte er unschuldig. „Adam! Was denkst du von mir! Ich würde niemals lauschen.“ Er versetzte seiner quirligen Stimme eine gekünstelte Empörtheit.

„Das glauben wir dir aufs Wort.“ grinste Teela und schritt an Orko vorbei. Adam lächelte ihr hinterher und setzte sich dann auch wieder in Bewegung. Der kleine Trollaner kicherte frech in sich hinein und schwebte den beiden dann auch hinterher. „Ist das nicht ein toller Winter? Suuuper, dass wir Schnee haben! Ich liebe Schnee!“ freute er sich und machte einen Salto in der Luft. „Nachher bau ich noch einen ‚Schnee-Man-at-Arms’. Wer will mir helfen?“

Adam drehte sich im Gehen verwundert zu seinem Freund um. „Einen ‚Schnee-Man-at-Arms’?“ wiederholte er. Orko nickte fröhlich. „Sicher! Einen normalen Schneemann, das kann ja jedes Kind!“ Er holte Adam ein und machte es sich auf dessen rechter Schulter bequem. „Aber einen ganzen Waffenmeister aus Schnee – das kann nur ich!“ Er rieb sich voller Tatendrang die kleinen blauen Händchen und klopfte sich den pulvrigen Schnee vom Hemd.

„Na, da bin ich ja sehr gespannt, Orko.“ lachte der Prinz. „Sag mir bescheid, wenn dein Meisterwerk vollendet ist.“ Er sah dein auf seiner Schulter thronenden Zauberer lächelnd an. „Oh, und Man-at-Arms sollte du das dann auch unbedingt zeigen!“

Orko nickte zuversichtlich.

 

Teela stieß die breite Glastür auf, die direkt vom Garten aus in einen der Aufenthaltsräume des Schlosses führte. Sie schritt gemächlich die zwei breiten, niedrigen Stufen hinunter und ging auf einen antikaussehenden dunklen Kleiderständer aus Holz zu, der wunderbar verziert am anderen Ende des großzügigen Raumes aufgestellt war. Die Befehlshaberin der königlichen Leibwache streifte den grünen Mantel ab und hängte ihn an einen der Holzarme. Gerade betraten auch Adam und Orko das Zimmer. Orko schüttelte sich den restlichen Schnee vom Hut und Adam zog die Türe zu.

Der Aufenthaltsraum war ein geräumiger, halbkreisförmiger und sehr niedriger Raum. Der Boden war mit einem flauschigen weinroten Teppich bezogen. Die runde Wand bestand komplett aus großen Fensterscheiben, die vom Boden bis an die Decke reichten. So hatte man jederzeit einen fantastischen Blick aufs Land und auf einen Teil des Palastgarten. Die andere, gerade Wand des Zimmers war ebenfalls mit dem dunklen Teppich bezogen und mit farbenfröhlichen Gemälden und Wandleuchtern bestückt, dazu kam noch ein großer Kamin aus roten Backsteinen. Vor der Fensterwand erstreckte sich eine lange bullige beige Couch, die mit dicken roten, gelben und orangefarbenen Kissen dekoriert war. Mehrere kleine runde kniehohe Marmorblöcke waren vor der gemütlichwirkenden Couch aufgestellt und dienten als Tische. Ansonsten standen noch drei blaue Ohrensessel im Raum verteilt, dazu noch einige Aquarien und ein edler goldener Kronleuchter, der von der Decke strahlte und das gemütliche Zimmer in ein gedämpftes Licht tauchte.

Teela zog die Stiefel aus, stellte sie neben den Kleiderständer und schlenderte zur Couch. Dort ließ sie sich matt in die Kissen sinken und streckte sich.

Adam beachtete den Kleiderständer nicht und schmiss seine Weste einfach über einen der Sessel. Dann setzte er sich ebenfalls aufs Sofa, allerdings zwei Meter neben Teela. Orko schwebte derweilen um den Leuchter herum und betrachtete die zwei aus der Luftperspektive.

„Gut, dass der König diesen Raum hat umbauen lassen.“ meinte Teela und klopfte eines der Kissen auf. „Man hat einen tollen Blick und kann sich mal ein paar Minuten ausruhen. Und das gleich neben den Gärten.“

Adam nickte. Der Aufenthaltsraum war vor ein paar Wochen noch drei Abstellkammern gewesen, in denen alte Möbel und unbrauchbares Zeug aufbewahrt worden war. Doch da der Schlosskeller um ein gutes Stück vergrößert worden war, hatte der König der Idee seiner Frau zugestimmt, die drei Kammern zu einem gemütlichen Ruheraum umzubauen. Eine gute Idee. Bei der Einrichtung des Zimmers hatte die Königin einmal mehr ihren guten Geschmack bewiesen, vor allem an den etlichen Aquarien in den verschiedensten Formen erkannte man ihre Handschrift. Naja, als ein großer Fan von exotischen Fischen richtete Marlena überall ein Aquarium ein, wo sie nur konnte.

„Willst du etwas schlafen?“ fragte Adam, als er seine Freundin so in die Kissen gemummelt daliegen sah. „Dann geh ich nämlich besser raus, will dich ja nicht stören.“ Er lächelte. Doch Teela hob sogleich ihren Kopf und schüttelte ihn: „Nein, nein, ich will mich nur eben ein paar Minuten hinlegen, dann muß ich zum Kampftraining und später wollte ich noch bei den Renovierungsarbeiten am Westflügel mithelfen, der ist immer noch nicht fertig.“ Sie ließ den Kopf zurück in das dunkelblaue Kissen sinken und schloß die Augen. Adam sah von ihr ab und blickte sich um. Irgendetwas fehlte... genau! Er erhob sich und schlenderte zum Kamin. Dort lag ein Korb voller frischer Holzscheite. Nacheinander legte der Prinz drei Stück davon in den Kamin, nahm ein Streichholz aus einer kleinen Schachtel, die auf dem Sims lag und entzündete es. Als er es in Richtung Holz geworfen hatte dauerte es nur wenige Sekunden, bis die Flammen langsam größer wurden und eine wohlige Wärme aus der Kaminöffnung entwich. Das bereitgelegte Holz war sehr trocken und brannte daher auf Anhieb bestens. Noch vor dem Kamin kniend rieb sich Adam zufrieden die Handflächen aneinander. 

„So, ich geh jetzt nach draußen.“ bemerkte Orko, der es sich auf dem Kronleuchter mehr oder weniger bequem gemacht hatte.

„Ach ja, dein ‚Meisterwerk aus Schnee’ wartet ja auch dich.“ antwortete Prinz Adam. „Na, dann beeil dich mal lieber.“ Er grinste.

Orko kam von der Decke geschwebt. „Genau das tu ich.“ kicherte der quirlige Zauberer ganz eifrig. „Bis später!“ Er winkte noch – und dann ging er in kleinen weißen Sternchen auf. Er hatte sich nach draußen auf eine weite Wiese nahe dem Waldanfang gebeamt, wo er auch gleich damit begann, Schneekugeln zu rollen...

 

Skeletor hatte nicht vor, den gesamten Winter über in seiner Festung zu sitzen. Er war erfüllt von Tatendrang, die letzten Kämpfe um Eternia waren furchtbar blamabel für ihn gelaufen, nicht ein einziges Mal in den vergangenen vier Monaten hatten sie ernsthafte Chancen auf einen Sieg gehabt – das nagte an Skeletor.

Gerade schritt der Herr des Bösen gemächlich durch die düsteren Räumlichkeiten seines Snake Mountains. Er rieb sich den Unterkiefer und grübelte. Begleitet wurde er von seiner mysteriösen Hexe. Evil-Lyn hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sagte kein Wort - wenn Skeletor nachdachte, sollte man ihn besser nicht stören, das wusste sie nur zu gut.

Sie durchquerten gerade einen der feuchten engen unterirdischen Gänge, die zu Gefängniszellen, Laboren und Abstellkammern führten, als Skeletor abrupt stehen blieb. Evil-Lyn wunderte sich, sah ihren Meister fragend an. Und endlich brach er das lange Schweigen: „Der nächste Kampf wird unser Sieg sein.“ grummelte er nur.

Evil-Lyn sah ihn verdutzt an. Sie hatte jetzt eigentlich was anderes erwartet. So brachte sie nur ein verwundertes „Das hoff ich doch.“ heraus. „Hast du einen Plan?“

Skeltor neigte den Kopf, sah in die Dunkelheit, die vor ihm lag. „Nun, sagen wir’s mal so...“ antwortete er ruhig. „In meinem Schädel kreisen etliche neue Ideen umher... Jetzt gilt es, sich die vielversprechendsten herauszugreifen – und sie geschickt miteinander zu einer teuflischen Falle zu verknüpfen...“ In seinen Augenhöhlen zuckte ein gieriges Blitzen auf.

„Hört sich gut an...“ gab Lyn dazu, wußte aber nicht so recht, was sie davon halten sollte. „Und nun?“ Sie mußte jetzt einfach nachhaken.

Skeletor drehte sich energisch zu ihr um und blitzte sie an. „Jetzt? Jetzt entsteht unser Plan zum Sieg! Die Eternier haben ausgedient.“ Ein böses Lachen hallte durch den Gang, dann fuhr Skeletor fort: „Sag sofort eine Hauptversammlung für heute Nacht an!“ Seine Miene wurde wieder ernster. Als die Hexe hastig nickte ließ er wieder von ihr ab und stapfte sich die Krallen reibend den Gang weiter entlang, in die Dunkelheit hinein, bis er verschwunden war. Evil-Lyn blieb völlig verdutzt zurück. Sie war ja eine sehr hartgesottene Persönlichkeit – aber manchmal konnte er sogar ihr Angst einjagen...

 

Der Tag verstrich ohne besondere Ereignisse. Im Königspalast in Eternis herrschte eine wohltuende Ruhe, über die sich jeder freute. Mittlerweile hatte ein leichter Schneefall wieder eingesetzt, kleine weiche Flocken schwebten vereinzelt aus den dicken schweren Wolken am Horizont hinunter. Adam hatte den halben Tag im neuen Aufenthaltsraum verbracht, hate ein bisschen gelesen, ein bisschen gedöst.

Teela war nur kurz bei ihm geblieben, war dann zu ihrem Kampftraining verschwunden. Mittlerweile war es spät geworden und sie stand gerade bei Mr. Hover, der die Wiederaufbauarbeiten am Westflügel des Royal Palaces leitete. Ein ganzes Stück war bereits geschafft, doch es würde wohl noch einige Wochen dauern, bis alles repariert sei, versicherte Hover Teela. Sie nickte und sah sich um: Beschäftigt rannen Arbeiter umher, trugen Balken und Marmorfliesen von A nach B. Es war ein tolles Durcheinander, dachte Teela, doch auf Mr. Hover und seine Mannschaft war bisher immer Verlass gewesen. Sie fragte rasch, wo sie mit anpacken könnte, was Hover erst strickt ablehnte – doch sie überzeugte ihn schließlich. Sie wollte einfach mithelfen. Tatenlos zusehen und warten, bis alles erledigt war – nein, das war nun überhaupt nicht ihr Ding! Außerdem hatte sie momentan eh nichts anderes zu tun.

Prinz Adam dagegen hatte sich mittlerweile in die Badelandschaft des königlichen Palastes verzogen. Der weite weiß-geflieste Raum beinhaltete nicht nur mehrere Pools, sondern auch noch eine geräumige Sauna, Massageräume und noch so einiges mehr. Dekoriert war der hell erleuchtete Wellnessbereich mit vielen wuchtigen saftgrünen Pflanzen und verschieden großen Findlingen.

Nach einer knappen Viertelstunde Sauna hatte es sich der blonde Prinz jetzt in einem der runden Whirlpools gemütlich gemacht. Entspannt lehnte er sich zurück und genoss das Sprudeln an seinem Körper. Er wäre fast dabei eingeschlafen, wenn Orko nicht plötzlich direkt über dem kleinen Becken erschienen wäre. „Hi Adam! Ui, lässt du’s dir aber gut gehen!“ kicherte der kleine Trollaner aufgekratzt. Dann schwebte er zus einem Freund hinunter, Adam setzte sich auf, rieb sich die Augen, strich sich einmal durchs nasse strähnige Haar. „Orko...“ er mußte einmal gähnen. „Du bist wieder da? Und, ist dein Schneewaffenmeister fertig?“

Orko schüttelte den Kopf. „Nein, also – noch nicht ganz. Fast!“ Er setzte sich an den Rand des sprudelnden Pools und planschte mit den Händen ein bisschen im Wasser herum. „Fast fertig! Mir fehlt nur noch der Helm.“ schob Orko rasch hinterher. „Ich will hier auch gar nicht lange bleiben, ich beam mich gleich wieder hin! Wollte mich nur mal kurz aufwärmen.“

Adam nickte verständnisvoll. „Aber bald ist mein Meisterwerk komplett – und morgen früh, wenn’s wieder hell ist, kann ich’s euch dann allen zeigen... und dann könnt ihr staunen, und mich bewundern, und mich loben...!“ grinste Orko. Dann beamte er sich wieder zu seinem Schneemann.

Adam stieg aus dem Whirlpool und streckte sich. Dann schritt er an palmenartigen Pflanzen vorbei und stellte sich an den Rand des hundert Meter langen Schwimmbeckens. Es war das längste von allen. Mit einem sportlichen Kopfsprung tauchte er in das glasklare Wasser ein, tauchte die Hälfte der Strecke und kraulte den Rest.

 

Währenddessen war die von Skeletor ausgerufene Hauptversammlung in vollem Gange. King Hiss, Trap Jaw, Evil-Lyn, Scare Glow, Webstor, Beast-Man und sogar Mer Man hatten in dem nicht gerade geräumigen düsteren Thronsaal ihres Meisters Platz genommen, sich um den steinernen Tisch in der Mitte des Raumes versammelt. Skeletor selbst saß selbstsicher in seinem aus hunderten von feinen und gröberen Knochen bestehenden Thron am Kopf der Tafel. Es war eine rege Diskussion entbrannt, viele Fragen, dutzende von Kommentaren, manche angebracht, manche völlig überflüssig... Der Grund für die erhitzten Diskussionen waren Skeletors Ideen, die er die letzten Wochen über in seinem Kopf entwickelt hatte, um Eternia zu übernehmen und die er seinen Mitstreitern jetzt offenbart hatte.

„Das ist doch kein vernünftiger Plan, Skeletor!“ rief King Hiss enttäuscht aus und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Genau!“ plapperte Mer Man dazwischen. „Es sind lediglich ein paar Ideen, die noch nicht einmal besonders abgerundet sind!“

„Was sollen wir damit anfangen?“ fragte Evil-Lyn wütend.

Ein paar Minuten lang hörte sich der Herr des Bösen das Gekeife seiner Monster an, sah schon beinah vergnügt zu, wie sie sich gegenseitig ins Wort fielen. Doch dann machte er dem Ganzen ein Ende: Er hob die Hände und blitzte in die Runde. Allmählich verstummte das Geplärre seiner Kämpfer. Sie hielten inne und starrten in seine Richtung. Skeletor grinste in sich hinein – er liebte es, Macht zu haben.

„Freunde...“ begann er. „Wir sind heute Nacht hier zusammengekommen, um eine Möglichkeit zu finden, Eternia in unsere Krallen zu bringen.“ Er machte eine kleine Pause. „Ihr habt jetzt einige meiner Überlegungen gehört – und ihr habt recht: Sie sind nicht vollständig, es sind nur Ansätze.“

„Mit Ansätzen kann man keinen Kampf gewinnen, Skeletor!!“

„Ruhe, Hiss!“ schnaubte Skeletor. „Ich will auch nicht mit solchen Ansätzen gewinnen, ich weiß es am besten, dass man für den Sieg einen klugen Plan braucht! Und deshalb sind wir heute ja hier! Zusammen!“

Seine Leute starrten ihn etwas verwirrt an. Noch nicht einmal Lyn schien schlau aus den Worten ihres Meisters zu werden.

Skeletor erhob sich von seinem Thron und beugte sich vor, stützte sich auf der kalten unebenen Tischplatte ab. „Hört mir zu!“ Seine Stimme wurde sehr ernst, sehr bestimmt. „Heute Nacht entsteht der Eroberungsplan, der He-Man zum Verhängnis wird. Wir werden jetzt meine Ansätze diskutieren, ihr werdet eure eigenen Ideen mit einbringen, wir werden die einzelnen Vorschläge mit einbeziehen, werden versuchen, die vielversprechendsten Ideen miteinander zu verbinden – und so wird ein Netz gesponnen, ein Netz, das letztendlich unser Sieg sein wird! Diesmal wird es keinen unüberdachten Schwachpunkt geben, diesmal wird Eternia fallen!“ Ein bösartiges Grinsen zeichnete sich in Skeletors knöchrigem Gesicht ab. Diesmal sollte nichts schief gehen. Er wollte diesmal einen Schlachtplan entwerfen, der kein Versagen durchließ, der keine Niederlage mit sich bringen konnte.

Skeletors Monster saßen erst noch stumm herum. Sie hatten jetzt zwar kapiert, was Skeletor wollte – aber es war so ungewöhnlich: Er wollte ihre Ideen hören? Der Meister der Dunkelheit wollte sich tatsächlich ihre Vorschläge anhören und sie mit einbauen? Skeletor muß sehr verzweifelt sein, dachte Webstor nur so bei sich und sah in die Runde.

Unsicheres Schweigen.

„Habt ihr etwa keine Vorschläge?“ entfuhr es Skeletor schließlich laut. Es war dann schließlich Evil-Lyn, die das leicht verstörte Schweigen durchbrach: „Skeletor, ist das dein Ernst?“ Sie sah ihn schräg an.

Skeletor nickte selbstsicher. „Ich habe lange gegrübelt, wollte einen neuen Schlahtplan entwerfen – ich hatte genug Ideen, aber keine war perfekt. Und ich dachte mir, dass ihr sicherlich auch solche Ansätze in euren Köpfen ausgebrütet habt – was weiß ich, aus Langeweile, aus Hass auf die Eternier oder wegen sonst was... Und ich will diese Ideen hören! Hier und jetzt!“ Er beugte sich vor und blitzte seine Kämpfer an. „Aus den vielversprechendsten Ideen, Gedanken werden wir ein tödliches Netz spinnen... vorausgesetzt ihr habt überhaupt irgendwelche Einfälle.“ Stichelte er sie an. Skeletor wusste, wie er mit seinen Leuten umzugehen hatte, wenn er etwas von ihnen wollte. Und es sollte klappen: Nach und nach meldeten sich King Hiss, Lyn und Webstor noch etwas zaghaft zu Wort, dann breiteten immer mehr der Anwesenden ihre Gedanken vor Skeletor aus – bis schließlich eine lautstarke Diskussion entbrannt war. Es gab tausende von Kritiken, von Verbesserungsvorschlägen, sie verwarfen etliche Ideen wieder – doch es kamen sogleich neue nach... 

Skeletor lehnte sich grinsend zurück in seinen Thron und sah dem aufgebrachten Runde zufrieden zu, dann mischte er sich energisch mit in die handfesten Diskussionen ein – das Netz wurde stärker und stärker und stärker...

 

Eine sehr frostige Nacht war vorüber. Adam war auf einer der eleganten hölzernen Liegen neben dem Salzwasserbad eingeschlafen, das Plätschern der künstlichen kleinen Wasserfälle, die in die Badelandschaft mit eingebaut worden waren, war einfach so beruhigend gewesen – und überhaupt war der ganze vergangene Tag ein reiner Faulenztag gewesen.

Schließlich schwebte Orko durch die breite Türe hinein und sah sich suchend um. Er schwebte rasch zu Adam hinüber und rüttelte ihn an dessen starken Schulter. „Adam?“

Adam rührte sich nicht, drehte nur schlaftrunken den Kopf zur anderen Seite.

„Also gut, du willst es nicht anders.“ schmollte Orko entschlossen, hob die Hände und fuchtelte wild in der Luft herum. „Oh Orko aus dem Zauberland, reiche mir deine helfende Hand – Adam, ich bestehe drauf, du wachst jetzt sofort auf!“ Zwei dürre weiße Blitze zuckten aus Orkos Händen – und im nächsten Augenblick fand sich der Prinz mitsamt seiner Lieg im Wasser wieder! Prustend tauchte er auf, rieb sich die Augen. „Orko... bist du verrückt?“ Sich schüttelnd stieg er aus dem Pool und schnappte sich sein dunkelrotes Handtuch mit dem königlichen Goldmuster drauf, das am Boden lag. Orko konnte sich ein lautes Kichern nicht verkneifen.

„Warum weckst du mich?“ fragte Adam, als er sich abgetrocknet hatte und das Handtuch auf einem der großen Felsen zum Trocknen ausgebreitet hatte. Er sah kurz in den Pool: Die hölzerne Liege lag quer auf dem Grund des circa drei Meter tiefen Beckens.

„Hihihi, lass nur, ich zaubere das Ding da gleich wieder raus. Du solltest dir jetzt lieber rasch was überziehen, Man-at-Arms hat nach dir gerufen – und er klang irgendwie... weiß nicht, so nervös, ein bisschen hibbelig.“

Adam sah Orko erschrocken an. „Ist was passiert??“

Doch Orko schüttelte nur das Köpfchen. „Keine Ahnung.“ Er schwebte über das türkisfarbene Wasser und begann wieder, mit seinen hellblauen Händchen in der Luft herumzuwirbeln. „Aber du solltest dich beeilen, Adam.“

So ließ Adam rasch von Orko ab. In Eile hastete er über die weißen breiten Fliesen. Im kleinen Vorraum waren Haken an der Wand angebracht, an denen seine Sachen hingen – doch Adam wollte sich beeilen. Was konnte Arms von ihm wollen? War tatsächlich etwas passiert?? Würde ihn nicht wirklich wundern, Skeletor war schon zu lange ruhig geblieben...

Also schnappte er sich eilig nur sein weißes Hemd, zog es im Laufen über und hastete die marmorne Treppe hinauf.

Fünf Minuten später war der Prinz bei Man-at-Arms, der ihn schon ungeduldig in der Waffenkammer erwartete. Bereits von weitem erkannte Adam die besorgten Züge in des Waffenmeisters Gesicht.

„Adam, da bist du ja endlich!“

Adam kam zum Stehen. Er atmete hastig aus und ein. „Was... was ist los, Waffenmeister? Ist was passiert?“ Er hoffte auf ein ‚Nein’ – aber dann hätte Man-at-Arms ihn wohl kaum rufen lassen...

Man-at-Arms ging ein paar Schritte zurück und setzte sich auf eine metallne, lange Bank, die an einer der Wände stand. Adam setzte sich rasch neben ihn. Über ihren Köpfen hingen Kabel von der Decke herab, waren alte Maschinen und Waffen befestigt, prangten kompliziert aussehende Baupläne an der Wand, auf denen wüst mit roten und schwarzen Stiften herumgekritzelt war. Der Prinz sah den alten Freund nervös an. „Sag schon!“

Man-at-Arms blickte zu ihm herüber. „Adam, keine Panik.“ beruhigte er ihn. „Noch ist nichts geschehen. Aber das dauert nicht mehr lang.“

„Was meinst du?“

Arms fuhr sachlich fort: „Nun, unsere Leute haben heute Morgen bereits einige von Skeletors Monstern durch die Wälder streifen gesehen. Es sieht so aus, als hätte unser alter ‚Freund’ seine Spione losgelassen.“

„Kein gutes Zeichen.“ nickte Adam und sah grübelnd zu Boden. „Sieht so aus, als plane der Mistkerl was.“ gab er noch hinzu.

„Natürlich!“ bestätigte ihm der Waffenmeister. „Aber was? Und wann?“ Er stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab und faltete die Hände. „Es scheint sich etwas zusammenzubrauen – wir sollte uns rasch auf einen Angriff vorbereiten, ich denke, heute Nachmittag oder irgendwann gegen Abend wird es mal wieder so weit sein.“

Adam seufzte.

Vorbei war’s mit der wohltuenden Ruhe.

Verdammt!

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Ich werde sofort bescheid geben, sie sollen sich bereit machen und besonders wachsam bleiben. Wir werden Skeletor wärmstens empfangen!“ Man-at-Arms schein relativ sicher. Das beruhigte Adam zumindest ein kleines bisschen. Er nickte und stand auf. „Dann wird ich lieber noch ein wenig trainieren...“ meinte er ernst und schritt durch die Halle in die Richtung, in der die breite elektronische Schiebetür mit der weißen Aufschrift „Exit“ lag. Er drückte drei Knöpfe an einem kleinen Pult an der Wand und die Tür schob sich quietschend zur Seite.

 

Teela stand konzentriert auf einem der Wachplätze auf der dicken Schlossmauer. Um sie herum wuselten Wachen in erhöhter Alarmbereitschaft. Sie schaute in die Ferne und versuchte, etwas zu erspähen. Doch bisher war von hier aus noch nichts zu sehen gewesen.

„Hier! Damit ist’s leichter!“ hörte sie einen der Wachmänner sagen, der ihr gerade ein graues Fernglas hinhielt. Teela nahm dankend an und sah durch die Gläser.

Auch nichts.

Sie seufzte.

Sie hasste diese Ungewissheit! Sie hasste es, wenn sie wusste, dass Skeletor zuschlagen würde – nur nicht, wann und wie! Es war unheimlich, es war so... so zermürbend! Sie war nervös und wusste gar nicht, wodrauf sie alles achten sollte... Was hatte der Herr des Bösen sich diesmal wohl einfallen lassen?

Man-at-Arms trat gerade zu ihr. „Und? Was neues?“ fragte er hastig. Teela sah ihn nur an und schüttelte den Kopf. „Nix.“

Der Waffenschmied sah besorgt über das verschneite Land, die Wälder... er konnte auch nichts erspähen. „Sobald ihr einen von ihnen seht, wie er sich auch nur einen Schritt dem Palast nähert, schnappt ihr ihn euch.“ sagte Arms. Teela musste grinsen: „Vater, ich weiß! Ich mach das hier nicht zum ersten Mal.“ Sie zwinkerte ihm zu. Er mußte auch lächeln. „Weiß ich, Schatz.“ Dann verzog er sich hastig zurück in seine Werkstatt. Er hatte einen neuen Laser in Arbeit, den er noch nicht ganz komplettiert hatte – vielleicht wurde er doch noch rechtzeitig fertig, um seine Dienste in einem nahenden Fight gegen Skeletor unter Beweis stellen zu können. Der Laser hatte vorn drei kleine Öffnungen, konnte also drei schmerzende Laserstrahlen auf einmal abfeuern. Der Waffenmeister sah auf das Gerät hinab, das da auf seinem metallnen Arbeitstisch lag, und nahm einen kleinen Schraubenschlüssel zur Hand.

 

Der restliche Vormittag verlief ruhig. Es gab keine Zwischenfälle, keiner der Dämonen wurde gesehen. Hinter den dicken schneebeladenen Wolken blitzte von Zeit zu Zeit die Sonne schüchtern hervor. Allmählich setzte auch der Schneefall wieder ein, allerdings nicht besonders stark. Sie können sich uns nicht allzu unbemerkt nähern, der weiße Schnee lässt sie uns schnell erkennen, dachte Teela selbstsicher. Sie lag immer noch auf der Lauer, hatte sich auf die Mauer gelegt und das Fernglas neben sich stehen.

Adam dagegen trainierte in der großzügig ausgestatteten Fitnessanlage des Palastes. Er stemmte kiloschwere Hanteln, hatte schon über vierhundert Sit-Ups hinter sich gebracht, machte Dehnübungen... Er wollte bereit sein, bereit für den Kampf gegen seinen größten Feind. Er war relativ gut in Form, dachte Adam so bei sich, während er auf einem Gerät saß und mit den Beinen Gewichte stemmte. Seine Stirn war nass vor Schweiß. Als He-Man hätte er nicht wirklich Probleme gehabt, diese Übungen auszuführen – doch er wollte auch in der Person Adams einigermaßen gut trainiert sein – konnte ja nicht schaden.

Fisto kam gerade zu ihm hinunter. Der Mann mit der stählernen Faust wollte gerade ebenfalls trainieren – als er Adam an den Geräten sah, blieb er allerdings verwundert stehen. „Adam?“

Erschrocken ließ Adam die Gewichte zu Boden rasen. Mit einem dumpfen Rumsen prallten sie zu Boden.

„Was machst du denn hier? Seit wann trainierst du?“ Fisto kam verwundert grinsend zum Prinzen hinüber.

Adam stand rasch auf und meinte nur verlegen: „Ach... trainieren, ach was... ich, ähm – ich wollte einfach nur mal die, die teuren Geräte ausprobieren!“ Er nickte sich selber zu und schielte schief zu Fisto rüber. Was, wenn er Verdacht schöpfte...?

Zum Glück für Adam hatte Fisto keinen blassen Schimmer. Er grinste nur, nickte verständnisvoll und begab sich zu den schwereren Geräten. Adam nutzte die Gelegenheit und verschwand hastig – er mußte besser aufpassen.

Er stieg die Treppen hinauf und fragte eine der herumstehenden Palastwachen, wo er Teela finden könne. Zehn Minuten später stand er an der schützenden Palastmauer. „Na, was entdeckt?“ fragte er mit merkbarer Besorgnis in der Stimme.

Teela wandte sich gar nicht erst zu ihm um, behielt den Wald im Blick. „Ach, Adam, geh lieber wieder Gedichte schreiben. Das hier interessiert dich doch eh nicht.“ gab sie konzentriert monoton zurück.

Adam mußte grinsen. „Wie kommst du darauf?“ Er setzte sich zu ihr auf die felsige Mauer. „Natürlich interessiert’s mich! Bin doch schließlich der Königssohn. Komisch, wie du mich manchmal einschätzt...“ Er sah sie von der Seite an. Sie hatte ein schönes Gesicht – besonders die Augen gefielen ihm besonders, auch wenn die ihn gerade nicht ansahen.

„Adam, wir werden wahrscheinlich heute noch angegriffen,“ zischte sie „ich hab jetzt wirklich keine Zeit!“ Sie nahm das Fernglas auf und sah hindurch. Sie suchte systematisch die Umgebung mit ihren scharfen Blicken ab – aber wieder nichts. Vor einer halben Stunde etwa hatte irgendjemand Stinkor am Waldrand rumschleichen sehen, doch sie hatten ihn nicht zu fassen gekriegt. Die Wachen des Royal Palaces standen bereit.

 

„Und? Wie sieht’s aus?“ fauchte Skeletor, als Evil-Lyn vor seinen Knochenthron trat. Er beugte sich vor und blitzte sie ungeduldig an.

„Sie haben ein paar unserer Spione gesehen – jetzt werden Palast und Stadt noch extremer bewacht als vorher. Über all stehen sie rum, beobachten den Wald und die nähere Umgebung. Auch einige Wind Raider und Jet Sleds düsen pausenlos über die Wälder hinweg und halten Ausschau nach Leuten von uns!“ berichtete Evil-Lyn muffelig. Das lief alles nicht so wie geplant – und so was hasste sie.

Auch ihr Meister bekam einen grimmigen Gesichtsausdruck und schlug mit der Faust auf die Lehne. „Verdammt!!“ Er warf sich wütend in seine Knochen zurück. „Können diese Idioten nicht aufpassen, dass sie keiner sieht? Verdammt, womit hab ich das verdient!“ Er kratzte mit seinen spitzen schwarzen Nägeln an der unebenen Lehne entlang. Ich bin mit einer Meute unorganisierter, unprofessioneller Deppen geschlagen, dachte Skeletor wütend bei sich und grübelte.

Einige stille Minuten verstrichen.

Dann schnippte er mit den Fingern.

Evil-Lyn sah auf.

„Egal,“ raunte er. „Wir werden uns nicht zurückziehen. Sie wollen vorbereitet sein? Bitte. Aber das wird uns nicht hindern... Sag aber den Vollidioten, sie sollen jetzt gefälligst besser aufpassen!“

Lyn nickte stumm.

Sie drehte sich um und ließ ihren Meister allein in dem düsteren Thronsaal kauern. Sie schritt eilig durch die unebenen kühlen Gänge und verließ schließlich die Festung durch eine Geheimtür in der Wand. Snake Mountain hatte etliche dieser Ausgänge. Draußen im kniehohen verdorrten Gras stapfte Teela auf Hiss zu, der gerade im Begriff war, in den Wald zu laufen, um nach Eternis zu sehen. „Hiss?“ hielt ihn die Hexe auf. Er drehte sich zu ihr um. „Wenn du die anderen siehst, sag ihnen, sie sollen gefälligst besser aufpassen! Die verdammten Eternier haben schon einige von euch ausgemacht.“

Der Schlangenkönig nickte, ohne eine Miene zu verziehen. Dann rannte er in den dichten Pflanzendschungel. Lyn sah ihm nach – erschrocken blickte sie gen Himmel, als ein lautes ratterndes Motorengeräusch über ihrem Kopf ertönte. „Jet Sleds!“ grummelte sie erbost, machte rasch kehrt und eilte in den Schlangenberg zurück...

 

Drei Stunden waren vergangen. Die Verteidiger des königlichen Palastes wurden nervöser – warum geschah nichts? Warum ließen die Dämonen jetzt plötzlich so lange auf sich warten?? Hatten sie es sich doch wieder anders überlegt...?

Im Gegenteil! Aus Skeletors Sicht war bereits eine Menge passiert. Denn während die Eternier nur mühsam Ausschau nach den Kämpfern der Dunkelheit hielten, hatten Skeletors Leute bereits wesentlich mehr unternommen, als zu spionieren. Oder eher gesagt: Sie hatten es versucht...

 „Warum habt ihr ihn nicht geschnappt?“ wütete Skeletor, als Beast Man, Trap-Jaw und Stinkor ihm beichteten, dass sie den Prinzen Eternias noch nicht hatten gefangen nehmen können.

„Er war heute noch nicht einmal im Freien! Er hat sich, wie die anderen auch, im Palast verschanzt, Herr!“ stotterte Beast Man reumütig und schielte etwas verängstigt zu seinen Kollegen hinüber.

„Verdammt! Warum habt ihr euch auch so leicht entdecken lassen? Wenn die dummen Eternier nichts mitbekommen hätten, dann wär das alles viel einfacher gewesen!“ murrte Skeletor enttäuscht, ließ sich wieder in seinen Thron zurücksinken. Das war kein guter Tag! „Na los, geht wieder raus und haltet weiter Ausschau – vielleicht ergibt sich ja doch noch ’ne Möglichkeit...“ Mit einer hastigen Handbewegung machte er seinen Kämpfern klar, dass sie sich verziehen sollten. Die drei gehorchten und trotteten aus dem Thronsaal. Skeletor fuhr sich entnervt mit der Hand durchs Gesicht. Der ganze Plan war ins Wasser gefallen... Aber die Sache verschieben? Nein, niemals, dachte er sich verärgert. Er wäre nicht der Herr des Bösen, wenn er das nicht würde hinbiegen können...

 

Vor dem Eingangstor, der in das Palastgelände führte, standen etliche Wachen, bis an die Zähne bewaffnet, und sahen wachsam in die Gegend, ob sich irgendwo etwas ungewöhnliches tat. Hier kommt jedenfalls keiner durch, dachte Adam, als er aufs Tor zutrat.

„Darf ich?“ fragte Adam freundlich. Die Wachen erschraken, als sie seine Stimme hörten, einige zückten sogar sofort ihren Laser – doch als sie sahen, dass es nur der Prinz war, lächelten sie erleichtert, entschuldigten sich und ließen ihn passieren.

„Wollt Ihr jetzt wirklich da raus gehen, Prinz Adam?“ fragte einer der Wachposten sofort. Adam nickte. „Allerdings.“

Er sah den Männern an, dass sie nicht so recht wussten, was sie sagen sollten. So kam dann auch nur ein zögerndes: „Aber die Stadt ist in Alarmbereitschaft... vielleicht solltet Ihr...“

Doch Adam wehrte ab. „Alles in Ordnung, Jungs! Ich komme klar.“

„Wir können Euch nicht schutzlos gehen lassen, Skeletors Horden streifen durchs Unterholz!“ verwehrte ihm schließlich ein mutiger Soldat den Weg. Doch Adam ging lächelnd an ihm vorbei. „Ihr macht eure Arbeit sehr gut, Jungs. Aber keine Sorge, ich... bin nicht schutzlos, He-Man wird mich begleiten – ja, er wartet schon dort hinten am Waldrand.“ Log Adam und lachte sich innerlich eins ins Fäustchen.

„He-Man?“ wiederholte einer der Männer, sah in Richtung Waldrand. „Ach so, alles klar.“ Er schien rot zu werden, ließ von Adam ab und stellte sich wieder zu seinen Kollegen.

Adam schritt unter dem edlen Torbogen hindurch und ging den sandigen Weg hinab, Cringer trottete ihm hinterher. Prinz Adam drehte sich um und sah sich den Royal Palace einmal von hier aus an: Es sah schon beinah bedrohlich aus, wie der Gebäudekomplex bewacht wurde, fand Adam. Überall standen die Wachmänner herum, schwere Kanonengeschütze waren ausgefahren worden... der fallende weiße Schnee, der gemütlich vom Himmel prasselte, passte da so gar nicht ins Bild.

„Warum müssen wir überhaupt in einer solchen Situation raus? Ich wär viel lieber drinnen geblieben, vielleicht in der Küche...“ maulte Cringer verängstigt und schlich eng an Adam gehalten über den verschneiten Sandweg.

Der Prinz schritt selbstbewusst nebenher. „Weil ich nach Grayskull will. Vielleicht kann uns die Zauberin weiterhelfen.“ Dann blieb er abrupt stehen und schaute kurz zurück. „Verdammt! Ich hätte mich im Palast verwandeln sollen! Im Wald ist es zu riskant für Adam, wenn Skeletors Leute da tatsächlich noch herumlungern...“ Adam wollte gerade zurücktrotten, da hörte er es über sich aufbrausen, der Schnee um ihn herum wirbelte auf! Im nächsten Augeblick sank ein Wind Raider einige Meter neben ihm kraftvoll zu Boden, Adam hörte, wie der Motor abgestellt wurde. „Adam?“

Das war Teela.

Der Prinz rieb sich hastig den Schnee von den Klamotten. „Teela? Wo kommst du denn her?“ fragte er, als sie ausstieg und auf ihn zu marschierte. „Ich wollte gerade los, zu einem kleinen Erkundungsflug über die Wälder.“ Sie sah an ihm hinunter, und dann wieder herauf. „Und du? Was machst du hier?“ Ihre Stimme wurde noch ernster, als sie ohnehin schon war, ihre Augenrauen zogen sich verärgert zusammen. „Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen! Was glaubst du, wozu die Wachen dort überall rumstehen! Zur Zierde?“ Sie stemmte energisch die Fäuste in die Hüften. „Und du latschst hier so mir nichts, dir nichts umher Adam, das ist nicht der richtige Zeitpunkt für einen Spaziergang!“

Adam versuchte, sich rauszureden, doch irgendwie viel ihm nichts gescheites ein. „Ich hab so was kommen sehen.“ meinte Cringer nur ängstlich.

„Hach, ihr zwei seid so naiv...“ seufzte die Befehlshaberin der königlichen Leibwachen, bevor sie die beiden in Richtung Wind Raider scheuchte. „Was ist...?“ fragte Adam verwundert. Teela sprang ans Steuer: „Ihr wollt unbedingt an die frische Luft – jedenfalls nach deiner mehr oder weniger glaubhaften Ausrede?“ Sie sah ihn schief an. „Dann kommt mit mir mit, das ist um einiges sicherer.“ Sie ließ den Motor aufheulen. Eigentlich wollte Adam nicht einsteigen, da er sich in Teelas Nähe ja nicht in He-Man verwandeln konnte. Doch sie schien ziemlich geladen zu sein – und das wollte er lieber nicht noch überspitzen! Also ließ er Cringer in das bullige Fluggerät hüpfen und stieg ebenfalls ein. Teela startete barsch und zog die Maschine gekonnt in die Höhe.

„Luft schnappen... ts, ts, ts.“ Teela schüttelte genervt den Kopf. „Was besseres ist dir nicht eingefallen?“ Sie sah kurz zu Adam rüber. „Ach, ich frag gar nicht erst weiter, was ihr draußen wolltet, warum ihr euch in Lebensgefahr begeben habt...“ Sie machte eine abfällige Handbewegung, fasste dann das Steuer wieder fester an.

Adam mußte ein schelmisches Grinsen unterdrücken. „Nein, nein, frag lieber nicht...“

Teela mußte noch einmal verständnislos den Kopf schütteln: „Wenn ich das deinen Eltern erzähl – das wird denen nicht wirklich gefallen.“

Adam verdrehte die Augen. Warum mußte sie sich immer an so was aufziehen? Warum konnte sie bestimmte Dinge nicht einfach so stehen lassen? Manchmal hatte er das Gefühl, es machte Teela Spaß, so etwas immer wieder hervorzukramen. Er schwieg lieber. Sie düsten über die verschneiten Wälder hinweg, sahen sich aufmerksam um.

„Schon was entdeckt?“ fragte Adam schließlich. Diese Stille war ja unerträglich!

„Nein, nur Rehe, Hirsche und so was...“ gab Teela abwesend zurück. Sie schien in Gedanken wo ganz anders zu sein...

Cringer lugte vorsichtig aus dem dahingleitenden Raider – und zog sofort wieder den Kopf ein, quetschte sich ängstlich an die Polsterung. „Beim Fliegen wird mir immer so – schlecht...!“

Adam lehnte sich zurück und strich ihm liebevoll über das struppige Fell. „Ach Cringer... du brauchst keine Angst zu haben – hier oben kann uns nichts passieren!“

„Doch, kann es...“ hörte er Teela nur noch erschrocken murmeln, da schoss direkt neben ihm ein roter Laserstrahl in das schwere Metall des Wind Raiders! Der harte Strahl glitt fast wie durch Butter und trennte in Sekunden den linken Flügel der Maschine ab! Scheppernd stürzte das Metall hinunter, landete in einem Busch. Der Schnee wirbelte auf - jetzt konnten die drei Skeletors Monster erkennen, wie sie aus allen Richtungen angerannt kamen!

„Oh ihr Götter... Eternias...“ rief Teela panisch aus. „Ich kann die Maschine nicht mehr halten...!!“ Adam sah verstört zu ihr herüber – und da krachten sie auch schon mit voller Wucht in die Baumkronen! Die daraufsitzenden Schneemassen wurden auseinandergerissen und man konnte die Hand vor Augen nicht mehr erkennen... Der Wind Raider schob sich rasendschnell durch die Büsche, zwischen starken Bäumen hindurch, begann an etlichen stellen, Funken zu sprühen... Adam hielt sich schützend den Arm vor die Augen, als neben ihm einige Kabel aufblitzten...

Dann war das schwere Gerät endlich zum Stehen gekommen. Hinter ihnen zog sich eine Schneise der Verwüstung entlang. Das eigentlich recht robuste Fluggerät war völlig zerschrottet, steckte mit der Nase im Schnee, sprühte Funken, qualmte aus allen Öffnungen.

Hustend taumelte der Prinz von Eternia aus dem Wrack und ging zu Boden. Er stützte sich erschöpft auf der kalten Erde ab und versuchte, sich zu fangen. Er sah rasant atmend auf: Es war keiner zu sehen – noch nicht...

Er rappelte sich auf und kletterte auf die völlig verbeulte Motorhaube des einst so stattlichen Wind Raiders. „Teela?“ Er erschrak, als er sie da bewusstlos am Steuer liegen sah. Ihr Kopf hing schräg auf ihrer rechten Schulter, die Augen geschlossen. Cringer war nicht zu sehen – war er bei dem Absturz hinausgeschleudert worden...? Adam durfte gar nicht dran denken – konnte er auch gar nicht, denn schon in der nächsten Sekunden wurde er von hinten brutalst gepackt und zu Boden gestoßen!

„Na endlich! Hat sich der Tag ja doch noch gelohnt!“ hörte er eine ihm bekannte Stimme zischen – Hiss. Adam versuchte vergebens, sich zu währen – doch: Keine Chance. Beast Man hielt ihn fest im Griff, seine Oberarme schmerzten höllisch. Doch aus dem harten Griff der Bestie konnte er sich nicht befreien.

Hiss kam zu ihm herum, kniete vor ihm nieder. „Na, da kenn ich aber jemanden, der sich über deinen Besuch in Snake Mountain freuen wird. Muahahaha!“

„Scheißkerl!“ entfuhr es Adam laut – doch der Schlangenkönig zeigte sich herzlich wenig getroffen. „Na los, weg mit ihm! Wir haben, was wir brauchen!“ Er klatschte auffordernd in die Hände. „Zack, zack! Skeletor hasst es, zu warten!“

Die Monsterkämpfer schleppten sich zurück durch den Schnee, schleiften Adam mit sich, dessen Arme immer noch von der felligen Bestie auf dem Rücken brutal zusammengedrückt worden. Adam zog ein schmerzverzerrtes Gesicht, versuchte sich stets, zum Wind Raider umzudrehen...

„Hör auf, rumzuzappeln!“ fauchte Beast Man.

Die Horde entfernte sich.

King Hiss und Stinkor blieben noch zurück, begutachteten den zerstörten Wind Raider. Hiss stieg auf das Vorderteil der Maschine, kniete nieder und betrachtete Teela. Dann drehte er sich zu Stinkor um, der wartend etwas abseits stand, und meinte: „Los, nimm sie mit! Wer weiß, wozu sie uns noch nützlich sein kann – Skeletor hat gern den Kerker voll.“ Er sprang gelenkig ab und schritt durch den Schnee, den anderen hinterher. Stinkor beeilte sich, hob die im Koma gefallene junge Frau aus dem zerquetschten Sitz und schmiss sie über seine Schulter. Rasch hastete er King Hiss hinterher...

 

In Snake Mountain herrschte reges Treiben. Etliche der dämonischen Helfer Skeletors huschten zwar durch die Wälder und spionierten die Eternier aus – doch trotzdem waren immer noch einige der Monster übrig, die in der Festung bleiben sollten, wie der Herr des Bösen ihnen befohlen hatte. So sammelten die Dämonen Waffen zusammen und brachten sie in den großen Saal. Laser, Schwerter, Keulen und einige weitere Waffen lagen auf dem feuchten Felsboden bereit. Skeletor sah sich das Treiben an und mußte grinsen. Es lief alles gut.

Sehr gut, denn Hiss hatte ihn per Funk über die Gefangennahme Adams informiert.

Sein Plan ging allmählich doch noch auf...

„Haltet euch bereits, Männer!“ rief er in die düstere Halle. „Die dummen Eternier könnten uns jederzeit versuchen, anzugreifen... vor allem, wenn sie erfahren, dass wir ihren verweichlichten Prinzen haben, hahaha...“

Teuflisches Grinsen.

Skeletor verließ die Halle, die immer mehr einem Waffenlager glich, und steuerte in einen engen, dunklen Seitengang. Er stapfte vorsichtig über den unebenen steinigen Boden, hielt sich an der Wand. Einige Meter vor ihm stachen plötzlich grelle Lichtstrahlen aus der Wand, als diese vorrückte und sich grollend schob.

King Hiss duckte sich und kam durch den Geheimgang hindurch. Er sah Skeletor kurz mit einem dämonischen Lächeln an, dann ging er einen Schritt zur Seite und Beast Man schleppte einen sich wild windenden Prinz Adam hinein. Bei diesem Anblick leuchteten Skeletors schwarze Augenhöhlen unheimlich auf, er schlurfte hastig auf die Zurückgekommenen hinzu. Auch Stinkor, der Teela auf den Armen hielt, und ein paar andere Monsterkämpfer kamen durch den Gang, bevor sich dieser wieder verschloß.

Skeletor kniete zu Adam nieder und hielt seinen Kopf am Kinn zu sich hoch. „So trifft man sich wieder – wie klein die Welt doch ist!“ Ein hässliches Grinsen.

Durch die vergeblichen Versuche, sich aus Beast Mans schmerzenden Griffen zu reißen, war Adam erschöpft, seine Atemzüge kamen kurz und hastig herüber, sein Haar war völlig zerzaust, seine Kleider teils zerrissen und er hatte etliche Abschürfungen. Dazu kamen noch die Brandverletzungen durch den vorigen Absturz. So brachte er nur ein keuchendes: „Teela... Sie braucht einen Arzt, vielleicht – ist sie – ernsthaft...,“ Er schluckte. „verletzt...“

Skeletor richtete sich siegessicher auf, sah auf seinen Gefangenen herab und lachte höhnisch: „Jahahaa, na, das wollen wir doch hoffen...“

Und wieder dieses hasserfüllte Blitzen in seinem Gesicht.

Adam wollte seinem Erzfeind noch einiges an Beschimpfungen und Drohungen an den Kopf werfen – doch er war zu geschafft. Er brachte wahrlich keine einzige Silbe mehr heraus... Er schwitzte, ihm tat alles weh, er konnte nicht mehr stehen, nicht mehr reden... Nur keuchen. So sank er völlig entkräftet zu Boden, als Beast Man ihn auf Skeletors Befehl hin aus seinem starken Griff entließ.

„Bringt den Schwächling nach unten, in eines der Verliese... und stellt Wachen auf!“ befahl der Herr des Bösen emotionslos. King Hiss, Beast Man und drei weitere Dämonen schleppten den Königssohn den Gang entlang und verschwanden in der Finsternis. Stinkor hatte Teela immer noch auf dem Arm und stand etwas irritiert im Gang herum.

„Skeletor...?“

„Oh ja... die Befehlshaberin der königlichen Leibwache - höh!!“ Skeletor trat zu ihm und blickte auf Teelas rußiges Gesicht hinab. „Ja ja... jetzt muß Randor wohl ohne dich auskommen.“ lachte er. Dann befahl er Stinkor, sie ebenfalls in eine Zelle zu werfen – allerdings in eine andere als Adam. Er wollte nicht, dass sie wieder Kontakt bekamen.

Einsame Gefangenschaft, dachte der Herr des Bösen bei sich, das ist die wahre Folter...

 

Man-at-Arms stand ratlos vor seinem breiten Metalltisch, auf dem einige seiner neuesten Erfindungen, die sich allerdings noch sichtlich im Entwicklungsstadium befanden, herumlagen – auch der neuartige Laser. Vier rot-gelb gestreifte Kabel hingen aus einer eckigen Öffnung aus dem unfertigen Gerät heraus. Der Waffenmeister sah enttäuscht auf seine neue Waffe herab und kratzte sich am Helm.

„Was ist  falsch...“ grübelte er kopfschüttelnd. Dann nahm er den Strahler auf, sah ihn sich genauer an, drehte ihn.

Wo war der Fehler?

Er legte das schwere Gerät behutsam wieder ab und verschränkte die Arme. Er hatte gedacht, er sei fertig gewesen, war schon froh, dass die Waffe sie im aufkommendem Kampf mit Skeletor unterstützten hätte können... Doch nach den ersten Probeschüssen in seiner Testkammer hatte der klobige unhandliche Laser angefangen zu stottern - und schließlich keinen Mucks mehr von sich gegeben.

Man-at-Arms war wütend. Normalerweise hätte ihm das alles nicht wirklich etwas ausgemacht: Er hätte sich in seiner Werkstatt eingeschlossen und rumgetüftelt, bis alles einwandfrei funktionierte. Doch heute, heute überrollte seine Nervosität seinen Verstand. Die Angst vor dem Ungewissen, was der Erzfeind wohl ausgeheckt hatte, hatte ihn eingefangen. Es waren schon Stunden vergangen und Skeletor hatte immer noch nicht angegriffen! Das beunruhigte Arms, denn das war nicht die normale Handschrift des Knochengesichts. Es braute sich etwas über Eternis zusammen – sehr langsam, aber es konnte jede Minute umschlagen in eine Katastrophe. Sicher, sie waren gut bewaffnet, sie waren vorbereitet – aber auf was? Und für wann??

„Waffenmeister?“ Eine raue Stimme hatte Man-at-Arms aus seiner Gedankenwelt gerissen. Er drehte sich zur Tür um und erkannte Mossman, den Herrn der Wälder. Hastig atmend und sichtlich nervös stand er in der Tür und rief: „Wir haben Teela verloren! Ist sie bei dir?“

Ein kalter Schauer floss Man-at-Arms augenblicklich den Nacken entlang. Sein Blick wurde starr und glasig, plötzlich überkam ihn ein Schweißausbruch. „N... nein... Warum - ?“ stotterte er verstört.

Mossman winkte ihn hinaus. Sie stürmten einige weitere enge Treppen hinauf und standen einige Minuten später direkt an der hohen Palastmauer. Die Wachen waren auch hier in Massen postiert. „Sie ist mit einem Wind Raider losgeflogen, wollte sich umsehen...,“ berichtete Mossman in Windeseile „...und plötzlich ist der Funkkontakt zu ihr abgebrochen – wir kriegen keine Signale mehr!“ Der Herr der Wälder reichte Arms das dunkelblaue Funkgerät. Mit zitternden Händen nahm der Waffenmeister es entgegen, drückte einige Knöpfe, horchte:

Nichts.

Er verstellte die Frequenzen und horchte erneut:

Wieder nichts.

„Sie wollte – die Wälder überfliegen...?“ fragte er schließlich, legte das Funkgerät auf die Mauer. Mossman nickte stumm, wusste nicht so recht, wie er sich verhalten sollte. „Wir vermuten...“ begann er zurückhaltend. „Wir – wir vermuten, dass...“

„Ich weiß, was ihr vermutet!!“ brüllte Arms aufgebracht, trat nervös auf der Stelle, griff sich an die Stirn, schloß die Augen. In Gedanken betete er, dass es ihr gut ging. „Ich... ich muß sie suchen...“ murmelte er, strich sich eine Träne aus den Augen und hastete so schnell er konnte die Treppen hinunter. Auch, wenn die Palastwachen bereits einige Suchtrupps losgeschickt hatten, wollte Arms nicht untätig bleiben. Er ließ nach He-Man rufen – doch der war nicht auffindbar. Fluchend und besorgt wie selten zuvor schnappte sich Man-at-Arms einen Jet Sled und startete in Richtung Wald. Das Schneetreiben war stärker geworden, ein eisiger Wind fauchte über das Land, dicke Schneemassen stürmten vom Himmel und schlugen wild um sich. Der kleine Jet Sled wurde immer wieder von kräftigen Böen erwischt – doch der Waffenmeister konnte hervorragend mit den technischen Gerätschaften des Palastes umgehen, hatte er doch immerhin an der Entwicklung von vielen von ihnen entscheidend mitgewirkt. So steuerte er sich relativ erfolgreich durch den aufkommenden Schneesturm und beobachtete, so gut es bei dem Flockentreiben eben ging, die Wälder unter sich.

 

Mittlerweile waren die meisten von Skeletors Dämonen wieder in Snake Mountain angelangt. Lediglich ein paar von ihnen hatte Skeletor angewiesen, weiterhin den Palast und die Stadt in den Augen zu behalten. Er wollte sofort informiert werden, wenn sich dort etwas tat – denn er wusste ja, dass die Eternier relativ schnell bemerken würden, dass der Königssohn und die Befehlshaberin der königlichen Leibwache verschwunden waren – und er wuße auch, dass der Verdacht natürlich als erstes auf ihn fallen würde.

Seine Monster waren jedenfalls vorbereitet: Die Waffen waren verteilt und sie hatten sich alle im und um die Festung des Bösen aufgestellt. Skeletor bot alles, was er hatte: Selbst Spidor, die überdimensionale Monsterspinne, wartete nahe des Schlangenberges auf die Feinde. Der Herr des Bösen wollte diesmal keine bösen Überraschungen erleben – er wusste, was er da für einen Goldschatz in seinen Kerkern hatte! Das war sein Ass gegenüber den Eterniern – und es war klar, wie er es ausspielen würde. Damit sie auch wirklich nicht den kleinsten Hauch einer Chance hatten, eventuell doch, wie auch immer, aus Snake Mountain auszubrechen, hatte Skeletor Evil-Lyn und King Hiss vorhin beauftragt, den Gefangenen eine Spritze, gefüllt mit einem starken Schlafmittel, zu verpassen. Das wirkte zwar nur ein paar Stunden – doch jetzt würde es eh nicht mehr lang dauern, bis man ihm Eternia übergeben würde, grinste Skeletor in sich hinein.

„Dieses Mal... dieses Mal kann mich selbst He-Man nicht mehr aufhalten!“

Er wusste ja gar nicht, wie recht er damit hatte...

 

Fassungslos stand Man-at-Arms derweilen an dem zerstörten Wind Raider. Er war einige Male sich an den Kopf greifend um die in den Boden gebohrte qualmende Maschine geschritten, verstört hatte er nach Teela gesucht. Es war ihr Raider gewesen – Nr. 2-16. Und jetzt war sie wie vom Erdboden verschluckt! Der Besorgte hatte auch die nähere Umgebung rasch durchforstet – doch nichts gefunden. Entweder war sie bereits auf dem Weg, sich zurück durch den Wald zum Palast zu schleppen – oder...

Sie ist garantiert verletzt, dachte Arms verstört, so, wie das Fluggerät zugerichtet ist... Er befürchtete, dass die Dämonen sie mitgenommen hatten, denn es war mehr als offensichtlich, dass der Wind Raider abgeschossen worden war. Er konnte es nicht fassen, die nackte Angst überfiel ihn und er konnte sich schließlich nicht mehr auf den Beinen halten. Zitternd brach er zu Boden. Da der Waffenmeister zwar völlig fertig war, aber dennoch Erfahrung mit Krisensituationen hatte, rappelte er sich einige Minuten nach seinem Schwächeanfall wieder auf und zog mühsam in Richtung Jet Sled. Der Schnee peitschte ihm um die Beine und er mußte sich die Hand vor die Augen halten. Sein Gesicht fühlte sich eiskalt an, bemerkte er dabei.

Er fror höllisch.

Angst und Kälte waren keine gute Kombination.

Er musste etwas unternehmen. Aber alleine und in dieser Verfassung hatte er absolut keine Chance. Der Waffenmeister erreichte gerade den Jet Sled. Er musste seine Männer alarmieren – doch ein Funkgerät hatte er in der Eile nicht mitgenommen.

„Ich verdammter Idiot!“ beschimpfte er sich selbst. Dann begann er, sich das Fluggerät umzuschnallen. Der Schnee tobte. Dicke glänzende Flocken strömten aus den dunklen schweren Wolken am Himmel. Der eisige Wind peitschte sie umher, Man-at-Arms musste immer wieder die Augen zusammenkneifen und sein Gesicht schützend hinter den Handflächen verbergen.

„Startklar...“ murmelte er zu sich und trat ein paar Schritte vor, wollte gerade starten – da fiel sein Blick nach links, dorthin, wo einige wuchtige zugeschneite Büsche nebeneinander wucherten. Der Waffenmeister neigte den Kopf – sollte er nachsehen? Er hatte eigentlich keine Zeit... Hastig näherte er sich diesem moosgrünen Etwas, das dort zwischen den weißen Büschen lag. Arms zuckte zusammen, als er den rotgefärbten Schnee erkannte, in dem dieses Etwas lag – und noch geschockter war er, als er erkannte, was da eigentlich lag... oder besser, wer...

„Cringer...?“

Augenblicklich warf Duncan den Jet Sled ab und stürzte in den Schnee. Das weiße Pulver wirbelte auf und wurde vom Wind mitgetragen. Arms strich durch das zerzauste, eisige Fell des Katers. Das Tier lag regungslos da, schon fast zugeschneit. Arms stockte der Atem. Er erkannte einige übel aussehende Wunden unter dem steifen Fell...

Konnte der Jet Sled sie beide tragen?, überlegte Arms nervös, strich sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Eigentlich waren die metallne Flügel nur für eine Person konstruiert worden – doch was sollte er tun? Laufen kam nicht in Frage... er musste es versuchen! Entschlossen schnallte sich Man-at-Arms den Jet Sled wieder auf den Rücken und packte das schwere Tier. Er hielt es mit beiden Armen. Keuchend startete er. Anfangs schien das Gerät nicht so recht hochzuziehen, stieg lediglich einige Meter in die Höhe. Doch nach einigen Minuten funktionierte es besser. Nicht so gut wie sonst, stellte Arms unruhig fest, aber es würde funktionieren. Ich muß die Dinger unbedingt neu überarbeiten – in solchen Notsituationen sollten sie auch problemlos zwei Personen tragen können, dachte Arms bei sich, wütend darüber, dass er da nicht schon früher dran gedacht hatte.

 

Adam lag bewusstlos in seiner kalten feuchten Zelle. Der unebene spitze Steinboden war bedeckt mit einer dunklen Flüssigkeit, die Teer glich. Es stank, es war stockdunkel und es tropfte von der Decke.

Es war unmenschlich.

Aber was erwartete man von Skeletor schon anderes.

Das Schlafmittel machte seine Arbeit gut. Der Prinz von Eternia lag mit geschlossene Augen in der stinkenden Flüssigkeit. Sein Atem war gedehnt und kaum hörbar. Seine Kleider waren zerrissen, zeigten die offenen Wunden am ganzen Körper.

Teela lag in einer anderen Zelle, einige Meter von der Adams entfernt. Auch bei ihr hatte die Spritze gut gewirkt – doch allmählich ließ die Wirkung schon wieder nach. Teela war eine durchtrainierte junge Frau, das Mittel hatte sie nicht allzu lange ruhigstellen können. Nun lag sie da, in dieser übelriechenden dunklen Pampe, konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen und ihr Magen drehte sich beinah um, als sie den Gestank wahrnahm, der seine Bahnen hier unten durch die Gänge zog. Teela rappelte sich auf. Sie zitterte noch, war doch alles so schnell gegangen. Was war geschehen?

„Oh mein Gott,“ stieß sie entsetzt aus „was ist das für ein Gestank?“ Sie bemerkte den feuchten Boden. „Und wo sitz ich hier drin...?“ Sie fuhr mit dem Zeigefinger durch das dickflüssige Nass. „Uah, das ist ja widerlich!“

„Schnauze, dadrin!!“ ertönte eine markante raue Stimme. Teela blickte sich um – doch es war ja alles stockfinster. Der aggressiven Stimme nach war es allerdings Tri-Klops, der sie angefaucht hatte. Verdammt, dachte sie bei sich, gefangen! Wie war das nur passiert? Und ausgerechnet ihr...

Teela stöhnte erschöpft und wollte sich aufrichten. Doch bei diesem Versuch machte sie ein stechender Schmerz im Knöchel auf ihre Verletzungen aufmerksam. Sie sah die Wunden nicht – doch jetzt fühlte sie sie, jede einzelne. Und es waren scheinbar nicht wenige... Doch Teela war hart im Nehmen. Ihre Gedanken schweiften sofort wieder von ihren Verletzungen ab und wandten sich anderen Dingen zu. Das letzte, an das sie sich erinnerte, war, dass sie abgestürzt waren... Und nun fand sie sich im Kerker Skeletors wieder. Im Kopf versuchte Teela, die Geschehnisse nachzuvollziehen. „Erst abschiessen, dann verschleppen...“ Murmelte sie. Ihre Gedanken wandten sich nun ihren Begleitern zu. Erschrocken entfuhr es ihr: „Adam?!“ Sofort rauschte sie Tri-Klops Stimme erbost an: „Halt dein Maul, hab ich gesagt!!“

Teela stand auf und humpelte umher – bis sie gegen einen Widerstand stieß. Sie tastete. Es fühlte sich an wie ein großes Gitter. Muß wohl der Zelleneingang sein, dachte Teela. „Adam? Bist du hier?“

Teela presste sich ans Giter. Im nächsten Augenblick spürte sie die Nähe von Skeletors Kämpfer. Sie konnte Tri-Klops’ Atem hören, sogar fühlen. Er musste direkt vor ihr stehen, auf der anderen Seite des feinen Gitters. „Hey, du bist hier nicht mehr im Palast, klar?“ ertönte seine grimmige Stimme erneut, nur diesmal lauter. „Also hör gefälligst auf mich!“ Er senkte seinen Ton wieder etwas. „Ansonsten... ich hab hier einen Laser, klar?“

Stille.

„Gut...“ knurrte der Wächter, man hörte ihn sich wieder schlurfend von der Zelle entfernen. Teela sank zu Boden. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie grübelte – doch es schien ihr hoffnungslos! Sie konnte nichts sehen, hatte keine einzige Waffe, bis auf ihr kleines Taschenmesser, das ihr Arms vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Doch das nützte ihr hier und jetzt wohl auch nicht wirklich viel...

„Zickt sie rum?“ fragte Evil-Lyn, die gerade den Gang betrat. Niemand hatte sie kommen hören. „Alles unter Kontrolle.“ gab Spikor aus einer Ecke zurück, der gemeinsam mit Tri-Klops Wache hielt. Plötzlich wurde der lange Gang von einem zarten grünen Licht erhellt. Erschrocken blickte Teela auf. Sie erkannte schemenhaft das hohe Gitter vor ihr, dahinter Spikor. Vorsichtig kroch sie vor und spähte zwischen den Eisenstäben hindurch. Aha, da kommt also das blasse Licht her, dachte sie, als sie Evil-Lyn erblickte, die in ihrer offenen Handfläche eine kleine grüne Flamme trug. Die flamme schwebte einige Zentimeter über ihrer ausgebreiteten Hand.

Lyn nickte den beiden bulligen Kämpfern zu und sie verschwanden gehorsam. Sie huschten den langen gang entlang und wurden von der Dunkelheit verschluckt. Lyn wandte sich wieder den Verließen zu, sah sich suchend um – und steuerte schließlich auf Teelas Zelle zu. Vor dem Gitter blieb sie stehen und kniete nieder. „Naa, wen haben wir denn da?“ Ihr Stimme kam eisig herüber. Kühl und emotionslos. „Welch seltener Besuch.“ Höhnisch grinste die Hexe durchs Gitter. Teela hasste diese Visage. Die Befehlshaberin der königlichen Leibwache versuchte aber auch, möglichst ruhig und gefasst zu bleiben. Rumbrüllen und wilde Beschimpfungen auszustossen, das brachte nichts, das wusste sie. Nicht in ihrer momentanen Situation. „Du sagst nix?“ Die Zauberin blickte tief in Teelas Augen. „Naja, brauchst auch nicht, es reicht schon, wenn du schön brav in deiner Zelle sitzt. Du und dein Prinz, ihr seid Gold wert!“ Ihr entfuhr ein gehässiges Lachen.

„Adam? Ist er hier??“ entsprang es Teela besorgt. Lyn sah sie wieder an. „Klar. Und weißt du was?“ Ihre giftgrünen Augen blitzten. „Er hat schlimme Verletzungen, überall am Körper... und niemand wird ihm helfen.“ Ein breites, überhebliches Grinsen zog sich über ihr knochiges Gesicht. Teela bekam große Augen und sprang erbost ans Gitter. Als die undurchschaubare Hexe die Tränen in den Augen ihrer Gefangenen sah, musste sie laut auflachen. Sie erhob sich und stellte sich dicht ans Gitter. Teela tat es ihr gleich, presste ihren Körper energisch ans kalte Gitter. Sie sah der Feindin tief in die glasigen Augen. Es erschien ihr, als könne sie das unsagbar Böse direkt in diesen giftigen Pupillen erkennen. Sie wollte es herausreissen! „Was willst du hier eigentlich?“ knurrte die Brünette. Evil-Lyn antwortete nur: „Skeletor wollte nur mal wissen, ob ihr schon aufgewacht seid, Kleine. Glaub man nicht, dass ich aus Sympathie oder Mitleid hier runtergestiefelt bin.“ Die Flamme in ihrer Hand flackerte auf.

„Keine Angst, hab ich auch nicht erwartet...“ zischte Teela zurück. Sie hatte Angst. Klar! Doch sie hatte auch Erfahrung. Und aus diesen Erfahrungen hatte sie erkannt, dass man auch in schwierigen Situationen die Nerven behalten musste und möglichst kühlen Kopf bewahren sollte – jedenfalls, so gut es eben ging...

Was keine der beiden Damen bemerkte war, dass das Schlafmittel mittlerweile auch bei Adam nachließ – langsam, aber sicher. Er saß gerade an die Wand gelehnt in seiner Zelle und rieb sich die Stirn. Er hatte die Augen geschlossen und versuchte, all seine Sinne wieder zu ordnen. Dann vernahm er diese Stimmen... Teela? Oh nein... Sofort begriff er die Situation. Man hatte sie beide verschleppt, er erinnerte sich! „Teela?“ rief er, kroch an das feste Gitter und sah in den Gang. „Teela! Bist du verletzt?“

„Oh, da ist noch einer aufgewacht!“ fauchte Lyn, wollte gerade zu ihm rübergehen, als Teela sie grummelte: „Lass ihn, du Miststück! Verdammt!“ Lyn stoppte, machte auf dem Hacken kehrt und presste sch wieder gegen das Gitter: „Was meinst du...?“

„Ich meine, du sollst dich endlich verziehen, Lyn!“ Teela sah sie eindringlich an. „Lass uns in Ruhe!“

Lyn lachte auf: „Hey Kleine – ich glaub nur, du bist grad nicht in der Position, Wünsche zu äußern!“

Adam sah zu ihnen herüber. Er konnte wenig erkennen, nur Umrisse, sehr blass. Die kleine Flamme über Evil-Lyns Handfläche gab nur ein spärliches Licht von sich und beleuchtete nur eine geringe Fläche. Der blonde Prinz rieb sich die Augen... er erkannte, dass Teela irgendetwas in der Hand hielt...

„Pass auf, Girlie: du hälst jetzt mal schön dein Mundwerk oder ich geb dir noch’ne Spritze!“ knurrte Lyn und presste sich demonstrativ gegen das metallne Gitter. „Du hast verloren, merk’s dir einfach!“

Plötzlich zeichnete sich auf Teelas Gesicht ein bedrohliches Grinsen ab: „Falsch – du!“ Evil-Lyns Gesichtsausdruck verzerrte sich plötzlich. Ihr Mund stand offen, ihre Augen waren weit aufgerissen! Adam erschrak – was war da hinten los...? Er sah nur noch, wie Teela ihren Arm zurückzog und die Hexe schlaff zu Boden sank. „Dieses Ding ist immer wieder nützlich.“ meinte Teela leise und betrachtete das offene Taschenmesser. Sie blickte durch das Gitter auf den Boden.

„Was hast du getan...“ Adam konnte nichts mehr erkennen, denn die lichtspendende Flamme war erloschen, als die Magierin zusammengesackt war. „Teela...?“

Teela schob das Messer wieder zusammen und klemmte es zurück unter ihren Gürtel. Dann kniete sie nieder und schob ihre Arme durch das Gitter – es ging, es war eng, doch es ging. „Alles in Ordnung, Adam...“ Ihre Hände tasteten nach dem Körper, der da irgendwo am Gitter liegen musste. „...gleich sind wir hier raus...“ Da stieß sie an etwas. Das war sie, die Hexe... Teela fühlte und stellte fest, dass sie gerade Evil-Lyns Schulter betastete. Sie glitt mit ihren Händen weiter am Körper entlang, bis zur Hüfte, an den Gürtel. Sie spürte etwas warmes, flüssiges, als sie den daliegenden Körper in Bauchnähe betastete... Dann hatte Teela den Schlüsselbund entdeckt, der an dem blauen Gürtel der Zauberin hing. Der Körper bewegte sich nicht, Teela konnte auch keine Atemzüge ausmachen – nichts desto trotz war sie vorsichtig, hielt angestrengt den Atem an und wagte nicht mehr, ein Geräusch von sich zu geben. Die Befehlshaberin der königlichen Leibwache versuchte nun, den Ring mit den Schlüsseln vom Gürtel abzutrennen, doch das war gar nicht so leicht in der Dunkelheit. Schließlich nahm sie ihr Taschenmesser erneut zu Hilfe.

Adam war leicht verstört. Er wusste nicht, was hier geschah – es war dunkel, sie saßen in einem Verließ Skeletors – und was hatte Teela da getan? Sie schwebten in Lebensgefahr... Da er von Teela keinen Mucks hörte, wagte auch er nicht, etwas zu sagen. Er kauerte an seinem Gitter und atmete schwer. Die nackte Angst stieg in ihm auf. Sein Schwert... Er fasste sich in den Nacken... es war nicht mehr da. Wunderte ihn nicht. Skeletors Kämpfer hatten es wahrscheinlich gleich in ihre Waffenkammer mit aufgenommen. Plötzlich zuckte Adam zusammen: Was war, wenn Skeletor das Schwert wiedererkennen würde...? Der Prinz fuhr sich entnervt mit der Hand durchs Gesicht und stöhnte. Dann vernahm er ein klirrendes Geräusch – und Schritte! „Wer...?“

„Keine Panik.“ hörte er Teela. „Ich hab nur aufgeschlossen... warte, ich komm rüber...“ Er hörte ihre zaghaften Schritte zu ihm herüberkommen. Dann vernahm er das Klirren der Schlüssel am metallnen Gitter, das daraufhin hastig aufgezogen wurde. „komm jetzt, Adam, wir sollten hier unten keine Wurzeln schlagen.“ flüsterte sie und entfernte sich. Adam rappelte sich auf und tapste durch die Dunkelheit. „Wo... wo bist du...“ Er konnte absolut gar nichts sehen. Plötzlich spürte er ihre Hand an seiner. „Bleib bei mir. Es ist nur ein langer Gang, wir müssen also nur geradeaus – und halt dich an der Wand!“ flüsterte sie kühl. So schoben sie sich langsam durch die Gänge. Nach einigen Minuten fragte Adam zaghaft: „Ist sie...“

„Tot?“ Teela vollendete seine Frage kalt. „Weiß ich nicht – und es ist mir ehrlich gesagt auch scheißegal, Adam!“ Ihre Stimme klang wütend – und irgendwie auch ein bisschen ängstlich. Adam sagte lieber nichts mehr. Der Schweiß rann ihm über sie Stirn, als er an Cringer dachte.

 

Der große bullige Kater lag regungslos auf einem metallnen großen Tresen in der Praxis der Tierärztin. Dr. Marlyn war bereits seit drei Jahren am Hofe des Königs beschäftigt. Hauptsächlich kümmerte sie sich um die Pferde und Hunde des Königs. Ihre Praxis war im Palast integriert, an der Ostseite. Die Pferdeställe waren nicht allzu weit. Ihre hellbraunen, schulterlangen Haare waren unter einer weißen Kappe versteckt. Die junge Frau hatte sich transparente enge Handschuhe übergestreift und sah sich jede Wund genauestens an. Immer wieder schob sie dabei ihre kleine Brille mit den runden rosa Gläsern zurecht. Man-at-Arms war nicht dabei, er hatte den Freund bei ihr abgegeben und war zu den Truppen gestürmt, um allen zu berichten, was vorgefallen war.

Dr. Marlyn schüttelte den Kopf. Sieht übel aus, dachte sie bei sich. Dann ließ sie sich von ihren zwei Assistenten alles zum Nähen bereitlegen. Sie musste sich beeilen...   

Die Truppen des Royal Palaces waren längst alarmiert. Sie boten alles, was sie hatten, all ihre Waffen und Gerätschaften. Der königliche Palast war in allen Winkeln mit Wachen besetzt – jeder von ihnen war zum äußersten bereit. Einige zusätzliche Suchtrupps waren bereits geschickt worden, sie sollten sich vorsichtig Snake Mountain nähern und die Feinde beobachten – und herausfinden, was sie mit Teela gemacht hatten. Gerade nahm Arms persönlich per Funkgerät mit einem Hauptmann Kontakt auf, der mit seinen Leuten in den verschneiten Wäldern umherschlich. „Winston? Kannst du mich hören...?“ Arms drückte ein paar kleine Knöpfe und horchte.

Rauschen.

Dann ertönte die Stimme des Hauptmanns, zwar furchtbar verzerrt und undeutlich – dennoch einigermaßen verständlich: „Kontakt hergestellt!“

„Wie sieht’s bei euch aus, Winston?“ brüllte Man-atArms mit zitternder Stimme in das kleine schwarze Gerät. Dann hielt er es an sein rechtes Ohr und wartete ungeduldig im Kreis umhergehend auf eine Antwort. Winston war der Mann, dem er von allen Wachmännern am meisten vertraute. Er hatte mittlerweile eine der höchsten militärischen Positionen am Hofe des Königs erklommen, war extrem fleißig, mutig und sehr draufgängerisch. Arms’ fand ihn manchmal etwas unvorsichtig – doch er verstand seinen Job wie kein anderer. Die jungen Neulinge hatte Respekt vor Winston Maloe und dieser hatte auch schon genug Erfahrung: vor über fünfzehn Jahren war er ganz klein bei den königlichen Truppen angefangen. Mittlerweile war er älter und reifer geworden – aber kein bisschen ruhiger! Mit seinen dreiundfünfzig Jahren war er einer der Dienstältesten am Königshof. Und auch einer der Besten. Der König setzte auf ihn... und Duncan ebenfalls.

Endlich eine Antwort!

„Wir haben schwere Verluste erlitten, einige der Monster haben uns überrascht... Der Schneesturm behindert uns außerdem zu sehr... Skeletors Monster haben uns schon zum wiederholten Male angegriffen... Von Teela keine Spur...“ Rauschen übertönte seine Stimme. „...treten jetzt den Rückzug an... Ende...“ Wieder Rauschen.

„Verdammt!“ knirschte Arms und legte das robuste Funkgerät zur Seite. Dann wandte er sich an einen der Wächter, die um ihn herum standen. „Habt ihr Adam jetzt gefunden?“ Die Männer schüttelten die Köpfe. „Als Sie vorhin unterwegs waren, hat der König bereits etliche Suchtrupps losgeschickt, Sir! Er glaubt, sein Sohn sei irgendwo da draußen...“ meinte schließlich einer der jungen Männer kühl. Arms zuckte zusammen.

 

Es vergingen einige Stunden.

Der Sturm ließ wieder nach und die dicken Schneeflocken fielen nun weitaus ruhiger vom Himmel. Und noch immer keine Lebenszeichen von Teela. Mittlerweile war jeder auf den Beinen. Gerade betrat Man-at-Arms die Praxis der Tierärztin. „Und?“ fragte er zögernd und sah die junge Frau an. „Kommt er...“ er schluckte. „...kommt...“

„...er durch?“ vollendete sie seine Frage, während sie einige Utensilien zurück an ihren Platz räumte. Dann schloß sie den Schrank und trat zu ihm herüber. „Hoffen wir das beste. Er ist immer noch nicht aus seinem Koma erwacht – ich habe seine Wunden genäht...“ Sie senkte den Kopf zur Seite. Sie hasste es, solch schlechte Nachrichten auszubreiten. „Aber, wissen Sie... ich kann nichts mehr für ihn tun. Wenn er nicht bald aus dem Koma erwacht... ach, ich denke, Sie wissen schon...“ Sie fasste sich an die Stirn. Arms fühlte sich nicht sonderlich behaglich. „Natürlich.“ meinte er schließlich, kaum hörbar. Dann drehte er sich zur Tür und legte die Hand auf den silbernen Griff.

Die Tür fiel ins Schloß. Dr. June Marlyn blieb allein in ihrer hell erleuchteten Praxis. Manchmal überlegte sie, ob sie überhaupt stark genug für diesen Beruf war.

 

Teela und Adam hatten es tatsächlich geschafft, unbemerkt aus den Verließen zu kommen. Sie hatte eine halbe Ewigkeit nach einem Ausgang aus der undurchschaubaren Burg gesucht. Der Erfolg blieb jedoch bisher noch aus...

Jetzt kauerten sie gerade in einer dunklen Ecke und beobachteten zwei von Skeletors Dämonen dabei, wie sie durch einen Geheimgang in der Wand von draußen in die Burg hinein stapften. Als sich das Loch in der Wand wieder schloß und die zwei Kämpfer an ihnen vorbeigewatschelt waren, ohne sie zu entdecken, sah sich Teela um und huschte gebückt vorwärts. Es war relativ düster. Sie tastete an der Wand entlang. „Komm schon... wo ist der Knopf...“ murmelte sie und fuhr mit den Fingern über den kalten Stein. Adam kam zu und wollte helfen. Er betastete die Wand.

„Hör auf! Du machst mich nervös, Adam!“ zischte sie ihn an. „Pass lieber auf, dass keiner kommt!“ Einige Minuten später trat die junge Frau fluchend wieder von der Wand ab. „So ein Dreck! Wo ist der Schalter?“ Im nächsten Moment hielt sie sich die Hände vor die Lippen und sah sich erschrocken um. Im Flüsterton meinte sie dann zu Adam: „Komm, wir müssen einen anderen Ausgang suchen.“ und schritt an ihm vorbei. Doch Adam hielt sie an der Schulter.

„Was ist?“ Sie sah ihn verständnislos an. Er kniete nur grinsend nieder und zeigte auf einen runden Felsbrocken, etwa faustgroß, der mitten im Gang lag. „Du suchst doch den Schalter...“ antwortete er ihr, drückte den Stein in die Erde. Im nächsten Moment schob sich ein kleiner Teil der Wand hoch und ein enger Durchgang wurde sichtbar. Das saubere Weiß des Schnees blitzte von draußen herein. „W-woher wusstest du...“ stotterte Teela, als er sie am Arm mit hinaus zog. „Ist doch egal! Komm lieber!!“ gab er hastig zurück. Er konnte ihr ja schlecht erzählen, dass er als He-Man einmal hier gewesen war und ebenfalls durch diesen Gang geflohen war...

Zuerst kauerten sie noch mit den Rücken an der Außenwand des Schlangenberges. Sie sahen sich ängstlich um, ob sie jemand entdecken könnte. Doch hier draußen waren zurzeit erstaunlicherweise nur wenige Wachen postiert. „Skeletor wiegt sich in Sicherheit...“ murmelte Teela und sah Adam an. „Komm.“ Hastig huschten sie über eine schmale steinerne Brücke über den weinroten See, der die Schlangenburg einschloß. Plötzlich blieb Adam abrupt stehen: „Halt! Ich muss noch mal zurück!!“ Das Schwert!

„Was?“ Teela hielt inne und blaffte ihn verärgert an. „Bist du bescheuert? Warum??“ Sie sah ihn verständnislos an – und Adam fiel nichts ein, was er ihr hätte antworten können. „Weißt du, ich... ähm...“ stotterte er, verzweifelt nach einer Ausrede kramend. „Ich...“

„Da sind sie!!!“ hörten sie plötzlich ein grässliches Grölen hinter sich! Im nächsten Moment stürmten Spikor, Webstor, Beast-Man, Hiss und Rattlor auf sie zu! „Schnappt sie euch!“

„Verdammt!“ fluchte Teela und rannte los, in Richtung Wald. Der weiße pulvrige Schnee wirbelte auf. „Lauf, Adam!“ schrie sie – da versperrte ihr plötzlich Stinkor den Weg. Teela reagierte blitzschnell, warf sich zu Boden und rutschte zwischen den Beinen des bulligen Kämpfers hindurch. Sie schlug eine gekonnte Rolle und landete wieder auf den Füßen, rannte weiter. „Ihr Deppen, holt sie euch!!“ zeterte Hiss. Adam rannte Teela hinterher, konnte ebenfalls seinen Verfolgern geschickt ausweichen. Endlich hatte er sie eingeholt. „Was... nun...?“ hechelte der blonde Prinz. „In den... in den Wald?“ Sie nickte, wagte nicht, sich umzusehen...

Doch schon in der nächsten Sekunde stürzte sich Ninjor von der Seite auf Teela, riss sie zu Boden, rollte mit ihr einige Meter im aufwirbelnden Schnee, bis sie liegen blieben und er ihre Arme brutal zu Boden drückte. Er war sehr stark – und sie konnte sich seinem Griff nicht entziehen. „Adam! Lauf!!“ schrie sie verzweifelt. Ninjor sah auf – Adam sprintete gerade in die verschneiten Wälder und verschwand hinter dichten Büschen und großgewachsenen Bäumen und Sträuchern. „Er entkommt uns!!“ brüllte der in Schwarz gehüllte Schwertkämpfer. Teela wehrte sich heftigst – doch sie konnte nichts ausrichten. Die Monster der Unterwelt hasteten Adam hinterher in den Wald, nur Webstor blieb bei Ninjor, kramte eine kleine Metalldose hervor und öffnete sie. Heraus ließ er zwei gelbe Pillen in seine geöffnete Handfläche fallen. Mit der anderen Hand hielt er Teelas Kiefer ruhig und verabreichte ihr die Tabletten. Sekunden später lag sie regungslos im Schnee, Webstor nahm sie über die Schulter. „Los jetzt, lauf den anderen nach!“ blitzte der unheimliche Spinnenmensch den Ninjakämpfer an. „Adam darf nicht entkommen!“ Stumm nickend erhob sich Ninjor und rannte in die Wälder, Webstor trottete langsam zurück nach Snake Mountain.

Adam war gerannt, ohne die kleinste Pause. Und in Gestalt des Prinzen war das ganz schön anstrengend gewesen! Jetzt hatte ihn die Kraft in seinen Beinen allmählich verlassen und er trottete keuchend durch den dicken Schnee. Er hatte seine rosa Weste ausgezogen und unter einem Busch versteckt. So trug er nur sein weißes Hemd – eine gute Tarnung im weiß glitzernden verschneiten Wald. So fiel er nicht sofort auf...

 

Teela lag bereits wieder in ihrer Zelle. Doch diesmal hatte Skeletor gleich sechs Wachmänner aufgestellt – so eine peinliche Pleite sollte sich nicht wiederholen. Immer noch mit der Droge vollgepumpt lag die Befehlshaberin der königlichen Leibwache schlaff in ihrem düsteren Verließ. Evil-Lyn war hochgetragen worden, in einen kleinen runden Saal, ohne Fenster, beleuchtet nur mit fünf an der Wand befestigten Fackeln. In der Mitte stand eine Art Altar aus Steinen, bewachsen von verdorrt aussehenden Lianen. Skeletor stand regungslos da. Seine Mimik zeigte allerdings keinerlei Gefühlsregungen auf, sie blieb starr wie immer – doch tief, ganz tief in ihm, da tat sich etwas. Etwas unheimliches, dachte er bei sich, als er sie da so liegen sah. Der Herr des Bösen wusste nicht, wie ihm geschah – er blickte auf den ruhenden Körper hinab...

Und plötzlich wich er erschrocken zurück, sein Blick verfinsterte sich, entgeistert starrte er zum Altar hinüber – er spürte etwas! Was war es?

Mitleid?

Nein.

Angst?

Nein, erst recht nicht.

Es war etwas völlig anderes – es war Trauer. Tiefste Trauer...

 

Adam war selten so derbe kraftlos. Er schob sich schon seit über einer Stunde durch den Schnee und hatte mittlerweile das Gefühl, gar nicht mehr die Stadt zu erreichen. Keuchend lehnte er sich gegen einen starken Baumstamm, sah sich erschöpft um. Seine Verfolger waren wohl abgehängt. Aber er durfte deshalb hier keine Wurzeln schlagen! Sie würden ihn suchen – und wenn er sich nicht beeilte, auch finden. Früher oder später. Also verlor der vor Kälte zitternde Prinz keine Zeit und stapfte weiter und weiter und...

Wie erging es Teela jetzt? Er wollte am liebsten gleich zurück und sie holen – aber bei all der Panik und der Wut blieb Adam seinem Realismus treu: er hatte null Chancen, nicht allein gegen so viele Dämonen, nicht in Gestalt des Prinzen... Er musste sich beeilen!

Es dauerte noch ungefähr eine weitere halbe Stunde, bis Adam das Ende des Waldes erreichte und vor ihm weite Wiesen und Felder lagen. Dahinter konnte er bereits die Umrisse der Stadt erkennen - - ein erfreulicher Anblick. Doch nun verließ ihn die Kraft komplett. Adam brach zusammen, schlug hart auf dem vereisten boden auf und blieb dort regungslos liegen. Minuten später öffnete er die Augen, sah sich verzweifelt um. Ein übler Eiswind hatte eingesetzt, wirbelte das weiße Pulver auf und ließ Adams Körper erstarren. Der blonde Königssohn spürte, wie sich die Kälte mehr und mehr in seinen Körper fraß und drohte, ihn zu zerstören... Adam sah keinerlei Ausweg, er konnte sich nicht aufraffen.

Es ging einfach nicht –

- so sehr er auch wollte.

Plötzlich erspähte er etwas! Etwa dreihundert Meter von ihm entfernt. Da schwebte etwas Weinrotes zwischen den weißen vom Wind umhergepeitschten Schneemassen... oder bildete er sich das nur ein...? War es schon so weit mit ihm...

„Orko...“ stotterte er, halb erfroren da liegend. Er konnte sich nicht mehr bewegen, seinen Körper spürte er nicht mehr. Und seine Stimme klang zerbrechlich dünn, kaum hörbar.

„...Orko...“

Er versuchte verzweifelt, lauter zu werden – doch seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr. Er lag einfach nur da, wurde langsam aber sicher mit einer weißen Decke bedeckt... Seine Augen fielen zu... und plötzlich erschien ihm Teelas Gesicht vor dem inneren Auge!

„Orko!!“ brüllte er mit einem Mal laut heraus! Er durfte nicht aufgeben. Niemals – und schon gar nicht, wenn Teela in Skeletors Verließen schmorte und wer-weiß-was zu erwarten hatte. Adam beobachtete den Trollaner, der sich jetzt umdrehte und in die Gegend schaute... das war auch das letzte, was Adam beobachten konnte – denn nun wurde ihm einfach schwarz vor Augen...

 

Skeletor stand im Gang zwischen den Zellen. Er war umringt von King Hiss, Rattlor, Spikor und Webstor. Vor ihm auf dem felsigen kalten Boden kniete die Befehlshaberin der königlichen Leibwachen. Das Mittel hatte nachgelassen und sie war wieder wach – doch sie sah nur sehr verschwommen und zitterte am ganzen Körper. Was war los? Sie kapierte die Situation erst gar nicht – nur langsam. Ihr war so kalt... Teela erschrak als sie merkte, dass sie nur in ihrem weißen Unterkleid dasaß. Ihre Handgelenke waren von dicken Eisenringen umschlossen, von denen jeweils eine Kette ausging, die wiederum im Boden an zwei Ringen verankert war. Ihre Tiara thronte nicht mehr auf ihrem Kopf sondern lag vor ihr. Direkt zwischen ihr und Skeletor. Er hatte ein durchbohrendes Blitzen in seinem Gesicht, das Teela Angst machte. Sie sah sich Schutz suchend um... natürlich erfolglos.

Skeletor sah auf sie herab. Dann trat er langsam, aber sehr energisch, auf die golden funkelnde Tiara. Als er seinen Fuß wieder zurück nahm, lag sie matt schimmernd und verbeult da. Teela sah verstört an ihm hoch.

Der Herr der Dunkelheit verschränkte die Arme. „Wie ist es so, ganz ohne Stolz?“

Teela konnte nicht antworten. Sie bekam innerlich Panik, sie wollte hier weg! Was hatte er vor?? Seine Monster sahen ernst auf sie hinab, sie konnte sich nicht von der Stelle rühren...!

„Befehlshaberin der königlichen Leibwache... hört sich gut an...! Nicht wahr? So... edel...“ grummelte Skeletor mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme und schlich um sie herum. „Aber all deine Eleganz, all dein Stolz, dein Selbstbewusstsein – das wirst du hier und jetzt verlieren! Deine Zukunft! Deine Kraft - - all dies wird dich verlassen, innerhalb der nächsten Minuten!“ Er beugte sich grinsend zu ihr herunter. „Glaub mir...“ Dann richtete er sich wieder auf und schnippte mit den Krallen. Teela erkannte die Umrisse von Blade – und er hatte irgendetwas metallnes in der Hand...

Skeletor trat einen Schritt zurück und blitzte sie an. „Heute Nacht wirst du für Lyn büßen – und zwar so, dass du dein Leben lang daran erinnert wirst...!“

 

Prinz Adam fand sich in seinem Schlafgemach wieder, im Royal Palace. Er lag in seinem übertrieben-protzigem Himmelbett, zugedeckt mit zig Decken und etwa einen Meter über dem Bett schwebte eine kopfgroße Kugel, die in einem hellen Licht erstrahlte und das ganze Zimmer in ein leuchtendes Orange tauchte. Von der Kugel ging eine unglaubliche Hitze aus, Adam liefen Schweißperlen über die Stirn. Er fasste sich an den Kopf und stieg aus dem Bett, torkelte etwas unbeholfen in sein kleines Bad nebenan und spritzte sich erst einmal kühles Wasser ins Gesicht. Dann stützte er sich am Becken ab.

Furchtbar.

Adam kramte hastig ein paar wärmere Klamotten heraus, die er über seine Boxer-Shorts zog. Dann trat er aus dem Zimmer, sah links und rechts den Gang hinunter. Als er seine Tür hinter sich zuzog, bemerkte er das kleine rote Schild am Türknauf: „Do not disturb“ Er riss es ab, warf es zerknüllt gegen die Wand und hastete, so schnell es eben ging, den Gang hinunter.

Der Waffenmeister stand auf den Mauern des Schlosses, umgeben von Wachmännern, die steif da standen, ihre Laserwaffen bereit haltend, die Augen überall. Mit einem glasigen Blick sah Arms über das weite verschneite Land. Die Schneestürme und der eisige Wind hatten nachgelassen, nur vereinzelt fielen noch ein paar kleinere Flocken zu Boden. Plötzlich interessierte Duncan der scheinbar anstehende Angriff Skeletors nicht mehr – er wusste, dass das nicht richtig war, doch das Wohl seiner Teela beschäftigte ihn einfach viel mehr. Nach außen gab er immer den „Mann, der in allen Situationen einen klaren Kopf behält“ – doch in Wirklichkeit sah es anders aus. Tief in ihm drin, da schlummerte ein unglaublich gefühlbeladener Charakter, warmherzig und sensibel. Doch der Waffenmeister wusste, dass er in seiner Position am Hofe eben diesen Charakter nicht immer, und vor allem nicht jedem, offenbaren durfte.

„Arms?“

Duncan fuhr erschrocken herum, Adam stand vor ihm. „Adam... Gott sei Dank, du bist wieder auf den Beinen!“ Arms’ väterliche Gefühle kamen wieder durch. Er sah den Prinzen prüfend an. „Wie geht’s dir?“

Adam nickte. „Wird schon.“ Er sah sich um – die vielen Wachen machen ihn nervös. Und noch nervöser machten ihn die wiederkehrenden Erinnerungen an die Geschehnisse in Snake Mountain. Doch da zog der Waffenmeister ihn auch schon zur Seite, in eine kleine Ecke, in der keine Wachen standen und sie alleine waren. Man-at-Arms flüsterte: „Warst du also mit in Teelas Raider?“ Adam nickte: „Sie haben uns abgeschossen! Und als wir unten waren, da kamen sie auch schon.“

Arms sah den langjährigen Freund besorgt nickend an. „Ich war dort, habe Cringer gefunden.“

„Oh mein Gott - - was ist mit...“

„...er ist verarztet, liegt jetzt noch in der Praxis...“ Arms brach ab. Er erzählte Adam nicht, dass es ziemlich schlecht um den Kater stand – er wollte ihn jetzt nicht noch stärker belasten. So gab er nur noch ein „Der Doktor sagt, morgen ist er wieder fit“ dazu – auch wenn er es hasste, Tatsachen zu verdrehen. Die Situation erforderte es. Er erkannte die Besorgnis in Adams Gesicht – aber auch die Erleichterung. Besorgnis überwog allerdings...

„Arms?“ Adam sah zur Seite. Der Waffenmeister blickte wieder auf und sah in aufmerksam an. „Ja, Adam?“

„Teela ist...“ Der blonde Prinz hob wieder den Kopf, sein Blick schien plötzlich so – so starr. „...sie ist in großer Gefahr, fürchte ich...“

„Natürlich!! Sie ist Gefangene des Schlangenberges, oder?“

Doch Adam schüttelte den Kopf. „Es ist nicht nur das, Arms! Sie hat...“

Duncans Augen weiteten sich, sein Körper spannte sich dramatisch an. „Was hat sie, Adam...?“

„Ich denke, sie hat Evil-Lyn auf dem Gewissen.“ Jetzt war es raus! Adam hatte es vorher nicht mehr gewagt, Teela auf diese Sache anzusprechen, die da in den Kerkern Snake Mountains vorgefallen war. Endlich, jetzt konnte er es endlich jemanden erzählen. Er sah, wie Arms’ Gesichtszüge entgleisten. Was würde Skeletor mit ihr anstellen...? Sie bestrafen... sie foltern?? Der Waffenmeister knickte um, Adam hielt ihn. „Wir holen sie da raus!“ versprach der blonde Prinz. Arms fühlte, wie er einem Nervenzusammenbruch nahe war – doch er musste sich zwingen, er musste sich zwingen durchzuhalten. So schlimm die Situation auch zu sein schien, er musste jetzt die Zähne zusammenbeißen... doch das sagt sich so leicht...

Da schwebte der kleine Trollaner zu ihnen herüber. „Wie geht es dir, Adam?“ fragte er mit spürbarer Besorgnis in der Stimme. Adam nickte ihm zu. „Was ist eigentlich passiert...? Mir wurde plötzlich schwindelig und schwarz vor Augen...“ Er fasste sich an die Stirn – ihm war immer noch etwas seltsam.

„Du lagst plötzlich da, mitten im Schnee. Da hab ich mich schnell mit dir in den Palast gebeamt – du warst ganz schön schwer.“ Er konnte sich ein kichern nicht verkneifen. „Die leuchtende Kugel in deinem Zimmer, die kommt übrigens auch von mir! Sie strahlt wohltuende Wärme und gleichzeitig auch noch magische Dämpfe aus, die deinem Körper helfen, sich zu regenerieren.“

„Danke, Orko... ohne dich wäre ich jetzt wohl nicht hier.“ Adam tippte dem quirligen Zauberer auf die Hutkrempe und versuchte zu lächeln. „Arms? Ich werde nach Snake Mountain zurückgehen, ich brauche mein Schwert. Vielleicht solltest du dir lieber eine Auszeit können und dich hinlegen...“

Man-at-Arms sprang auf. „Spinnst du, Adam? Ich leg mich doch jetzt nicht hin ! Ich werde meine Pflicht erfüllen – mehr als das!“

„Warum willst du jetzt schon wieder nach Snake Mountain?“ schaltete sich Orko ängstlich ein. „Was ist mit deinem Schwert?“

Adam wandte sich zu ihm und erklärte: „Nach dem Absturz hatte ich es nicht mehr bei mir – also haben Skeletors Monster es mir wahrscheinlich gleich abgenommen!“ Adam schien sichtlich aufgewühlt, doch er konnte das geschickt überspielen.

„Vielleicht aber auch nicht, Adam.“ unterbrach ihn der Waffenmeister. „es könnte genauso gut noch beim Wrack liegen. Durch den Aufprall könnte es hinausgeschleudert worden sein.“ Er machte Anstalten, zu gehen. „Orko? Du schaust nach – und nimm ein Funkgerät mit! Ich werde dem König bescheid geben und mit den Zuständigen einen neuen Verteidigungsplan erstellen.“ Ohne weitere Worte verschwand Duncan.

Orko ließ sich von einem der Wachmänner ein Funkgerät geben und sah dann Adam an. „Willst du mitkommen?“ Adam nickte, gab dem Magier die Hand und schon lösten sie sich in nichts auf.

 

„Es ist nicht hier!!“ stöhnte Adam. Nun musste er doch nach Snake Mountain... „Ich hab’s doch gesagt! Diese Bastarde haben es mitgenommen - - und wenn Skeletor nun Verdacht schöpft??“ Er setzte sich auf die verbeulte Nase des Wind Raiders, der noch immer still vor sich hinqualmte und zog eine verzweifelte Miene, blickte gen Himmel: dunkle, schwere Wolken zogen sich wieder zusammen, bald würde wohl wieder ein ordentlicher Schneefall anstehen – vielleicht auch Hagel...

„Nun jammer nicht!“ meinte Orko, der einige Meter von dem Fluggerät entfernt über dem Schnee schwebte. „Ich probier mal was...“ Der kleine Zauberer hob die Hände, schloss die Augen murmelte: „Oh Orko aus dem Zauberland, reiche mir deine helfende Hand...“ Als Orko seinen Spruch ausgesprochen hatte, sah er sich um. Unter ihm, im weißen Schnee, erschien eine dünne golden-schimmernde Linie, die sich wie eine Schlange blitzschnell durch den Schnee zog. Orko folgte ihr gespannt. Sie endete an einem dichten Busch. „Adam...“ Orko schwebte nieder und tastete im Schnee um den Busch herum. Tatsächlich fühlte er sehr bald etwas hartes, schob das weiße Pulver zur Seite und – „Du hast es gefunden!“ rief Adam erleichtert aus und hob das schwere Schwert auf.

Keine Zeit verlieren!

„Bei der Macht von Grayskull...“ Silberfarbene Blitze umschlossen Adam. Seine Kraft kehrte zurück, er spürte förmlich, wie sie in ihm rasendschnell anwuchs. Sein ganzer Körper wurde durchströmt von einer wohltuenden Wärme. Die Energie Grayskull sprang in ihn über und als He-Man sein Schwert zurück in die Scheide auf seinem Rücken schob, meinte er: „Komm, Orko, lass uns schnell zurück zum Palast, wir dürfen keine Zeit vergeuden – oh, warte, die Zauberin nimmt Kontakt auf...“ He-Man schloss die Augen. Er spürte plötzlich die Nähe der Sorceress, wie sie schützend ihr Federkleid um ihn legte...

„Planänderung!“ rief der Beschützer Eternias zu Orko hinüber, als er seine Augen wieder geöffnet hatte. „Erst geht’s nach Grayskull, danach zurück zum Palast.“ Orko nickte, schwebte zum Freund hinüber...

 

Skeletor war wütend.

Sein ganzer Plan... – was nun? Er hatte Adam nicht mehr, das bedeutete, dass er den König Eternias nicht wie geplant erpressen konnte. Der Herr des Bösen sank immer tiefer in seinen Knochenthron, es knackte. Seine Miene wurde immer düsterer. Er starrte geradeaus ins dunkle Nichts. Keine Fackel brannte in seinem kleinen engen Thronsaal.

„Und nun?“ ertönte eine zischende Stimme aus der Dunkelheit.

„Nun?“ wiederholte Skeletor grummelnd. „Nun gar nichts... ich muß nachdenken, ob wir unseren Plan umlenken können...“

Kurze Stille.

„Wir haben immerhin Teela.“

„Na und?“ schnaubte er. „Glaubst du, der König wird seine gesamte Macht für Teela aufgeben??“

„Er ist sehr sensibel und sehr stark mit seinen Helden verbunden!“

„Weiß ich, Hiss! Aber er muß nun einmal Prioritäten setzen, als König. Das weiß er, das weiß Teela, das weiß ich – nur du scheinbar nicht!“

Wieder beherrschte eine unheimliche kühle Funkstille die spürbar angespannte Situation. Skeletor grub sich tief in seine Gedanken ein. King Hiss blieb lieber vorerst ruhig – er wusste mittlerweile, wann er den Mund zu halten hatte. So schlug er die Beine übereinander, lehnte sich zurück und schloß die Augen, geduldig abwartend... doch er hätte es sich gar nicht erst gemütlich machen brauchen, denn schon wenige Minuten später ergriff Skeletor wieder das Wort. Hiss öffnete die Augen und sah in Richtung Thron – obwohl es eh stockfinster war.

„Warum sind wir da eigentlich nicht schon früher drauf gekommen? Dabei liegt es doch so verdammt nah...“ murmelte der Herr des Bösen.

„Was meinst du?“

„Ganz einfach, Hiss... wenn wir den König nicht mit seinem vermaledeiten Sohn erpressen können... wieso benutzen wir nicht einfach Teela, um unseren guten alten He-Man in die Knie zu zwingen...?“ Skeletors Stimmlage entwickelte sich hörbar zu einem grollenden Lachen. Hiss neigte den Kopf. „Aber meinst du nicht, dass He-Man auch Prioritäten setzt?“

„Natürlich!! Aber andere als der König, dieser Schlappschwanz... He-Man würde alles dafür tun, seine Freunde zu retten – ganz egal, um was es dabei noch geht! Das ist seine Achilles-Verse! Ha, dieser Idiot wird nichts gegen uns tun können, solange wir Teela in unseren Klauen haben...“

„Logisch.“ stimmte King Hiss nüchtern zu. „Aber vielleicht ist er bereits auf dem Weg nach Snake Mountain?“

Skeletor grübelte. „Jaa, ich habe mich auch schon gewundert, warum er nicht schon längst gesichtet wurde... aber das soll uns jetzt nicht weiter interessieren, Hiss – denn jetzt statten wir dem Palast erst mal einen kleinen Besuch ab, wenn man es so nennen will, aber diesmal greifen wir nicht an. Das haben wir nicht nötig, nicht heute...nicht heute...“ Das grollende Lachen wirkte nun bedrohlicher als vorher. Skeletor erhob sich aus seinem Thron, schritt aus dem Saal. Der Anführer der Schlangenmenschen tat es ihm gleich – trotzdem konnte er nicht aufhören sich darüber zu wundern, dass He-Man die ganze Zeit nicht aufgetaucht war...

 

Der weiße Nebel umgab die Zauberin wie eine seichte Wolke. Er schlängelte sich um ihre Beine und kroch vertraut an ihrem Körper entlang. Doch der Gesichtsausdruck der Sorceress Grayskulls war in einen schon fast depressiven Zustand zerfallen. Der Blick der hübschen Frau in dem edlen Federgewand war glasig, erfüllt mit Angst. Angst, die sie eigentlich nicht zeigen durfte. Sie durfte niemals Schwächen zeigen – denn erkennbare Schwächen ihrerseits wären den Dämonen Eternias nur allzu willkommen. Doch in dieser Situation, in der es um ihre Tochter ging, überkamen sie einfach die Emotionen - - und selbst die Zauberin Castle Grayskulls war nicht mächtig genug, ihre Gefühle einfach zu unterdrücken.

So stand die sonst so stolze junge Frau vor He-Man und Orko und machte einen schon fast zerbrechlichen Eindruck.

„Ich spüre... spüre, wie sie leidet, wie sie unter ihrer Gefangenschaft leidet...“ stammelte die Sorceress, fasste sich an die Stirn. Schweißtropfen kullerten über ihre Wangen zum Kinn hinunter und tropften dann still zu Boden.

„Wir holen sie da raus!“ entgegnete ihr He-Man mit entschlossenem Blick. Orko blieb still. Er wusste nichts zu sagen, denn er hatte die Zauberin vorher noch nie in einer solchen Verfassung gesehen. Leicht verunsichert hielt er sich dezent im Hintergrund.

„Keine Sorge, Zauberin, ich würde niemals meine Freunde im Stich lassen, ich fühle genau wie du! Aber...“ Er machte eine kleine Pause, sah sie leicht schräg an. „...hast du uns nur deshalb hergerufen...?“

Sie tupfte sich mit ihrem Ärmel die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nein, He-Man. Ich möchte euch warnen...“ Die Sorceress versuchte, wieder gefasster zu wirken, zupfte ihren Kragen zurecht. „Hör mir zu: es ist mir klar, dass du Teela helfen willst – und natürlich ist dies auch deine Aufgabe. Doch gleichzeitig musst du auch Eternia schützen, vergiss das nicht.“

„Das werde ich niemals vergessen, Zauberin!“ antwortete ihr He-Man verdutzt. Die Sorceress setzte ein seichtes erschöpftes Lächeln auf. „Weiß ich. Aber du musst dir auch darüber im Klaren sein... dass es nicht immer einfach ist, all dies auf einmal zu tun...“ Sie machte eine kleine Pause und trat einen Schritt auf ihn zu, der weiße Nebel folgte ihr gehorsam. „He-Man? Skeletor weiß, wie du denkst. Er weiß, dass du Teela helfen wirst, er weiß, dass du keine Zeit verlieren wirst. Von daher bitte ich dich nur... bitte ich dich einfach nur, dass du dir darüber im Klaren bist. Und vergiss es nicht.“

„He-Man sah sie an. „Zauberin... ich weiß, dass ich in eine Falle laufe, wenn ich Teela jetzt retten will – aber es ist mir egal. Ich werde es tun, koste es, was es wolle.“

„Es ist deine Entscheidung, Adam...“ nickte sie ihm zu, dann stieg der Nebel um sie herum empor und verschluckte sie. He-Man und Orko blieben allein in dem großen düsteren Saal zurück. Einige Minuten verstrichen, ohne dass sich einer der beiden auch nur rührte. Orko wurde immer unwohler zumute. Doch dann sah He-Man entschlossen auf, drehte sich um und schritt den Gang entlang, Richtung Tor.

Orko, erleichtert, dass sie die Burg verließen, schwebte ihm hinterher. „Willst du jetzt wirklich ganz alleine nach Snake Mountain...?“

He-Man nickte.

„A-aber... aber wir könnten doch auch unsere Leute holen und gemeinsam -“

He-Man brach ihn ab. „Ich werde keinen Anderen in Gefahr bringen, hörst du?“ Seine Stimme klang ernst. „Du brauchst auch nicht mit, Orko.“

Empört tippte der kleine Trollaner dem Freund auf die Schulter. „Ts, natürlich komm ich mit! Einer für alle und alle für einen.“ Dann ließ er sich auf He-Mans Schulter nieder. Der blonde Kämpfer musste lächeln. „Schöner Spruch.“

Als He-Man und Orko draußen in Richtung Snake Mountain starteten und sich das schwere hölzerne Tor der magischen Burg hinter ihnen von selbst schloss, vernahmen sie plötzlich ein schrilles Piepsen. „Was ist das?“ erschrak He-Man. Orko kramte das kleine bullige Funkgerät hervor, an dem eine kleine rote Lampe immer wieder aufleuchtete. „Das Funkgerät – jemand versucht uns zu erreichen...“ Er drückte einen Schalter an der Seite des Gerätes hinunter und horchte.

„Orko?“

Der Empfang war sehr schlecht, es rauschte.

„Orko, bist du da?“

„Ja, Waffenmeister, ich bin hier!“ antwortete Orko. „Was gibt’s?“

„Orko, hast du das Schwert?“

„Ja, wir haben es! He-Man ist hier, bei mir – keine Sorge, Man-at-Arms, es ist alles in Ordnung!“ Er horchte wieder dem Rauschen.

„In Ordnung, in Ordnung... wäre schön, wenn’s so wäre! Hör mir zu: Skeletor hat sich im Palast angemeldet!“

„Angemeldet??“ Orko ließ fast das Funkgerät fallen. „Was ist los?“ fragte He-Man und nahm Orko das Gerät aus der Hand, blieb stehen. „Arms? Was ist passiert?“

Nach einem etwas länger andauernden Dauerrauschen antwortete Duncan, hörbar verunsichert: „Skeletor... er hat sich vor einigen Minuten im Palast angemeldet! Er sagte...“ Rauschen. „...er sagte, er würde mit einigen seiner Dämonen direkt zum Royal Palace kommen und wir sollten doch bitte keinen Ärger machen...“

„Dreht der jetzt durch?!“ meinte Orko entrüstet.

„He-Man? Es sieht nicht gut...“ Da brach der Kontakt ab, nur ein endloses Dauerrauschen blieb. He-Man warf das Funkgerät wütend in den Schnee. „Scheiße!“ schnaubte er, änderte seinen Weg. Er versuchte, sich wieder zu fassen, Ruhe zu bewahren – aber es gelang ihm nicht so recht, Auch Orko hatte die Lage erkannt und gab keinen Mucks mehr von sich. Er saß ruhig auf He-Mans Schulter und versank in seinen Gedanken. Wir laufen ihm direkt in die Arme, dachte He-Man bei sich. Doch es hielt ihn nicht davon ab, weiter in Richtung Königspalast zu hasten.

Angst verspürte der junge Mann nicht -

- vielmehr war es Hilflosigkeit...

 

Fassungslos starrten die Beschützer des Palastes von den schützenden Mauern, hinunter auf den Sandweg, der zum Tor führte: tatsächlich rückte Skeletor mit seinen Monstern an. Er schritt siegessicher, seinen Widderstab wie eine Trophäe bei sich tragend, und mit düsterer Miene voran, hinter ihm folgten etliche seiner Kämpfer. Stinkor, Trap-Jaw, Beast-Man, Spikor, Jitsu, Clawful und einige andere mehr. Mitten in der Horde trottete Panthor – über seinem Sattel lag eine an Hand- und Fußgelenken gefesselte Teela, in ihrem weißen, zerrissenen Unterkleid, mit zotteligen Haaren, die ihr strähnchenweise ins Gesicht hingen. Sie schein matt und erschöpft.

Arms erschrak, als er sie ad so sah. Er wollte am liebsten sofort die meterhohen Mauern hinunterstürzen und die Dämonen zur Seite schlagen... Tränen erfüllten seine Augen, nervös zitternd wischte er sich mit der Handoberfläche über die Stirn.

Skeletor blieb vor dem verschlossenen Tor stehen. Er blickte an den Mauern hoch, sah all die ängstlichen, verunsicherten Gesichter und musste grinsen. „Na? Will keiner aufmachen?“ rief er auffordernd empor.

Einer der jungen Wachmänner drehte sich zu Arms um und sah ihn an. Doch der Waffenmeister zuckte nur mit den Schultern.

Skeletor sah die Verwirrung gern. Er genoss das Schauspiel der Hilflosigkeit für einige Minuten. Dann trat er einige Schritte zurück und wurde wieder etwas ernster: „Was ist? Worauf wartet ihr? Habt ihr etwa Angst?“ Er musste wieder grinsen. Ach, es war doch noch ein herrlicher Tag geworden...!

„Was willst du, verdammt?“ brüllte ein übermütiger Soldat hinunter. Skeletor blickte zu ihm hinauf und meinte nur kopfschüttelnd: „Diese Frage war überflüssig.“ Da erschien He-Man an der Mauer. Er schob zwei der jungen Männer zur Seite. Hinter ihm erkannte Skeletor auch noch Randor, umringt von Leibwächtern, die bis an die Zähne bewaffnet schienen.

„Skeletor!“ rief He-Man, stützte sich auf der kühlen Mauer ab. „Lass Teela gehen und verschwinde!! Du weißt, dass du keine wirklich realen Chancen hast!“

„Ich muß mich wundern, He-Man, dass du deine Freundin so im Stich lässt!“ Der Herr des Bösen wusste, wie er seinen Gegner in dieser Situation verrückt machen konnte. Doch He-Man würde anbeißen, ganz sicher. Sein ewiger Beschützerinstinkt würde ihn niemals verlassen.

„Ich lasse niemanden im Stich!“ verteidigte He-Man lautstark. „Aber ich werf dir garantiert auch nicht Eternia vor die Füße!!“

Skeletor blitzte ihn an. „Nunja - - aber, beides gleichzeitig zu beschützenn – das könnt ein bisschen schwierig werden, nicht wahr?“

He-Man zuckte zusammen.

Er drehte sich um zu König Randor. Der sah ihn nur völlig verstört an. „Wir können den Palast nicht einfach in seine Krallen fallen lassen... die Befreiung Teelas darf nicht den Verlust der Herrschaft über das Land mit sich ziehen...“ Er senkte den Kopf, schwitzte. Man-at-Arms hätte am liebsten laut losgeschrien – doch er wusste, dass Randor recht hatte. So schrie er eben nur innerlich.

„Übrigens wird mir hier allmählich langweilig, wisst ihr?!“ hörten sie Skeletor sich wieder melden, He-Man drehte sich wieder um und sah hinunter. Der Herr der Dunkelheit hatte sich gegen die Mauer gelehnt, seine Mitstreiter warteten sichtlich ungeduldig ab. „Warum sprengen wir das Tor nicht einfach?“ fragte Beast-Man, sicha m Kopf kratzend.

„Du Idiot!“ schnaubte ihn sein Meister an. „Als ob wir das nicht früher schon probiert hätten – natürlich ist das verdammte Tor viel zu stabil – setz bei der nächsten Frage dein Hirn gefälligst ein!“ Grummelnd ließ Skeletor von dem Tier ab. Allmählich wurde er ungeduldig. Sie gingen nicht auf seine Forderungen ein... er grübelte kurz. Dann sah er die Reihen der auf sie hinuntergaffenden Schlossbewohner und Verteidiger durch – den Prinzen konnte er nicht ausmachen.

Entweder mache ich mich jetzt völlig lächerlich – oder Prinz Adam ist wirklich nicht da, warum auch immer... dann würde es funktionieren... aber wenn der Feigling doch nur irgendwo in einer Besenkammer hockt...? Skeletor dachte angestrengt nach. Sollte er diese List wirklich angehen? Wenn er daneben lag, so würde er an Glaubwürdigkeit verlieren und der Respekt, der sich um ihn durch diese Situation aufgebaut hatte, würde höchstwahrscheinlich sinken... Aber Adam ist ein Schlappschwanz und er ist allein in den Wald gelaufen. Wahrscheinlich ist er längst irgendwo zusammengebrochen, liegt im Schnee und ist nie im Palast angekommen... er ist ja schließlich ein absoluter...

„Ich hätte da übrigens auch noch einen Königssohn im Angebot!!“ brüllte er mit ernster Miene hinauf. Seine Unsicherheit bei dieser List ließ er sich nicht anmerken. Er blickte in die Gesichter.

„Adam...?“ stammelte der König. „Aber... aber Orko hatte ihn doch vorhin erst...“ Verstört sah er sich um. Orko nickte.

He-Man wandte sich sofort zu Randor: „Eure Majestät, Adam geht es gut! Skeletor blufft!“ Der heroische Kämpfer hatte Skeletors List natürlich sogleich durchschaut, er kannte die Wahrheit – umso mehr erschrak er, als der König befahl, den gesamten Palast nach Adam abzusuchen. Auch Skeletor zuckte zusammen. Was, wenn Adam doch auf seinem Zimmer wäre? Oder in der Bibliothek? Oder überhaupt irgendwo im Palace... Er biss die Zähne zusammen und hoffte, Adam würde wirklich bei seiner Flucht irgendwo in den verschneiten Wäldern zusammengebrochen sein.

„Eure Hoheit, es ist wirklich nicht nötig, ich weiß, dass Euer Sohn sicher im Palast ist!“ versuchte He-Man, die Situation zu retten. Orko nickte ihm eifrig zu – doch Randor fuhr ihn nur nervös an: „Woher willst du das wissen? Was, wenn du Unrecht hast? Was, wenn dieses Monster da unten ihn doch sonst wie zu fassen gekriegt hat??“ He-Man erkannte die Furcht in den Augen seines Vaters. Und er erkannte, dass Skeletor diesen Zug gewonnen hatte, denn Adam würde nicht auftauchen. Trotzdem redete er auf den König ein – doch erfolglos. Und ehe er sich’s versah, schmiss sich Randor an die Mauer und rief: „Skeletor! Lass meinen Sohn in Ruhe!! Lass meine Familie in Ruhe...“ Seine Leibwächter zogen ihn erschrocken von der Mauer.

Das Tor wurde geöffnet.

 

Es war eine beschissene Situation.

He-Man wollte sich gerade noch wegschleichen, sich rasch einmal kurz in den Prinzen verwandeln, um dem König zu zeigen, dass der Herr des Bösen bluffte - - doch jetzt, wo Skeletor und seine Monster bereits im Palast waren, traute er sich nicht mehr. Für Adam könnte die Situation zu heikel werden, sie könnten ihn festnehmen. Außerdem wollte He-Man nicht verschwinden, während Eternias Erzfeind in der Nähe seiner Freunde und Eltern war.

 

Im Thronsaal hatten sie sich versammelt. Der König, seine Frau, He-Man, Orko, Duncan und etliche Wachmänner und weitere Verteidiger der Freiheit Eternias. Ihnen gegenüber standen die Monster des Bösen, allen voran Skeletor.

„Wo ist mein Sohn? Ich will ihn sehen!“ rief Marlena, mit Tränen in den Augen. Ihr Mann hielt sie zurück, sie senkte den Kopf und lehnte ihn zitternd an seine Brust. Er streichelte ihr mit zitternder Hand durchs lockige Haar.

„Ihr werdet ihn wiedersehen – vorausgesetzt ihr macht jetzt keine Dummheiten!“ antwortete Skeletor selbstsicher. „Sollte auch nur einer von euch ach so mutigen Soldaten meinen den Helden spielen zu müssen und mich anschiessen oder sonst was – dann werdet ihr den Prinzen niemals wieder sehen! Und diese junge hübsche Dame auch nicht!“ Er deutete auf Teela, die von Jitsu mit einer Hand im Klammergriff gehalten wurde. In der anderen Hand hielt er eine Art Dolch, der bedrohlich aufleuchtete.

„Keine Helden!“ wiederholte Skeletor energisch.

„Du Monster!“ brüllte Arms. „Lass sie gehen!“

„Warum sollte ich?“ lachte der Herr der Finsternis und zuckte munter mit den Schultern.

„Teela!“ Der Waffenmeister sah verzweifelt zu ihr hinüber. Sie erwiderte seinen Blick. In ihren Augen erkannte er klar den Willen zum Widerstand – doch sie hatte natürlich keine Chance.

Skeletor sah den verängstigten König an – dann wandte er sich zu He-Man. „Mit dem König wird ich jetzt auch allein fertig...“ Der Herr des Bösen blieb vor He-Man stehen. „Aber du...? Du störst mich immer, das missfällt mir.“

„Glaubst du im Ernst, dass mich das interessiert?“ schnaubte He-Man aufgebracht. „Du kannst froh sein, dass ich mich beherrschen kann, sonst würde ich dir jetzt eine reinhauen!“ He-Man merkte selbst, wie er langsam aber sicher eben diese Selbstbeherrschung verlor. Die Situation machte ihn verrückt, er fühlte sich in die Ecke gedrängt, ziemlich hilflos. Für solche Situationen hatte er nie trainiert – weil man sie nun einmal nicht trainieren konnte.

„Kleines Geschäft gefällig, He-Man...?“

„Ich mache keine Geschäfte mit Feinden.“ entgegnete ihm der heroische Verteidiger, nachdem er sich wieder einigermaßen gefasst hatte.

„Schade – dann muß diese wunderschöne brünette Dame hier leider für deine Dummheit büßen...“

„Nein, warte!!“ rief He-Man. Grinsend drehte sich Skeletor wieder zu ihm um. Es war alles so vorausschaubar.

„Was...“ He-Man blickte schräg zu ihm herüber. „Was für ein Geschäft?“ Die Anderen wagten nicht, zu reden. Sie gaben keinen Mucks von sich, hielten den Atem an – niemand wollte etwas tun, was die ohnehin schon unter Strom stehende Situation zum Explodieren bringen könnte. So sahen sie nur gebannte auf die zwei sich gegenüber stehenden Erzfeinde.

„Jaa, das mag ich. Warum bist du nicht immer so brav kooperativ? Dann hätten wir sicherlich eine viel bessere Beziehung!“ grinste Skeletor ihn an.

„Quatsch nicht!“ blockte ihn He-Man ab, sah ihm konzentriert ins Gesicht.

„Also gut, hier der Deal“ fuhr Skeletor sachlich fort. „Ich lasse Teela frei, den verweichlichten Königssohn auch – dafür musst du mir nur einen kleinen, klitzekleinen Gefallen tun, nichts großartiges...“ Er schielte seinen Feind an und musste grinsen, als er die Verletzlichkeit He-Mans erkannte, der immer wieder sichtlich nervös zwischen ihm und der festgehaltenen Teela hin und her schaute.

„Du verdammter Lügner!“ fauchte Orko ängstlich dazwischen. „Du wirst doch eh niemanden frei lassen!! Warum solltest du ein Versprechen halten?“ Arms zog den Trollaner erschrocken zurück.

„Mag sein - - aber habt ihr eine Wahl?“ grummelte der Herr des Bösen siegessicher. Er wusste, er hatte so gut wie gewonnen.

Schließlich schaltete sich He-Man wieder ein: „Was für einen Gefallen, Skeletor?“

Skeletor blitzte ihn an, trat näher. Er musterte den Krieger – diesen Krieger, der ihm schon allzu oft einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Dieser Krieger, dem er es verdankte, dass er sein Leben damit verbrachte, pausenlos Niederlagen einstecken zu müssen. Doch jetzt endlich machte sich diese Ausdauer bezahlt. „Nur ein kleiner... Gefallen...“ murmelte er zu He-Man herüber. Dieser wiederum versuchte krampfhaft, eine relativ sichere Ruhe nach außen auszustrahlen – aber vergebens. Man merkte ihm an, wie aufgewühlt er war. Er blickte wieder zu Teela hinüber, die matt in den Armen Jitsus hing. Sie war schmutzig, hatte etliche Abschürfungen am Körper, machte einen erschöpften müden Eindruck. Sie konnte nicht mehr.

He-Man hielt sein Schwert verkrampft in der Faust, es hing mit der Spitze voran zu Boden. Er konnte es in dieser Situation eigentlich überhaupt nicht einsetzen – doch das Klammern an diesen energiegeladenen mystischen Gegenstand gab ihm Kraft, diese Situation durchzustehen – das glaubte er zumindest. Tatsächlich war er mit den Nerven so ziemlich am Ende. Er nickte Skeletor zu. „Und...?“

Der Herr des Bösen sah ihm tief in die Augen: „Du legst für die nächsten vierundzwanzig Stunden deine gesamte Kraft ab – dafür lasse ich deine Freunde laufen.“

Ein erschrockenes Aufjaulen ging durch die Reihen der Anwesenden. He-Man riss die Augen auf. „Was verlangst du da... ich...“

„Was ich da verlange??“ fuhr Skeletor ihn aufgebracht an. „Du hast überhaupt keine Zeit, auch nur darüber nachzudenken!! Deine Freundin“ er deutete auf Teela, „sie hat Evil-Lyn auf dem Gewissen! Und dafür wirst du bezahlen – und nicht nur dafür! Auch für all die Niederlagen der vergangenen Jahre!“ Er kam näher, tippte He-Man mit seinen Krallen auf die Brust. „Jetzt bin ich am Drücker!“ flüsterte er ihm grollend zu.

„He-Man, das kannst du nicht...“ rief Randor aus dem Hintergrund.

„Ruhe!!“ fauchte Skeletor erbost, der König zuckte zusammen, drückte seine Frau wieder fest an sich, die Leibwächter um das Pärchen rückten noch dichter zusammen. Für einen kurzen Moment herrschte Stille im Saal. He-Man blickte zu Boden. In seinem Kopf schwirrten plötzlich so viele Dinge herum...

„Du lässt sie frei?“ fragte He-Man schließlich leise, ohne seinen Feind dabei anzusehen. Sein Blick blieb auf Teela haften, die nervös den Kopf schüttelte. „Mal sehen...“ lachte Skeletor. „Ich denke, du hast keine Wahl, stimmt’s oder hab ich Recht?!“

Natürlich hatte er keine Wahl! Das wusste He-Man sehr wohl... Es war eine Zwickmühle. Er konnte nicht die Wahrheit über Adam sagen, er hatte aber auch in dieser Situation keine Chance, Teela aus den Klauen Jitsus zu befreien. Er fühlte sich selten so hilflos, irgendwie so verdammt nutzlos...

„Also gut.“ meinte He-Man entschlossen. Er sah seinem schlimmsten Feind ins grinsende Antlitz. „ Du hast recht – ich habe keine Wahl.“ Er trat einen Schritt vor. „Vierundzwanzig Stunden...“

Skeletor nickte erfreut. Er wusste, He-Man würde einwilligen. „Tu’s nicht, Skeletor wird dich umbringen!“ rief Orko, doch He-Man ignorierte das.

„Aber Orko?“ Skeletor tat entrüstet. „Wie denkst du von mir? Vielleicht wird er auch nur auf ewig in meinen Kerkern schmoren?“ Sein kratziges Lachen ertönte, Orko versteckte sich ängstlich hinter Man-at-Arms, der dem Treiben panisch entgegensah.

Keine Sorge, Orko, das wird nicht passieren..., dachte He-Man bei sich, als Skeletor ihm gegenübertrat und die Hand ausstreckte. Der mutige Krieger sah auf die Hand, auf diese blaugraue Kralle, die ihn aufforderte, einen Pakt einzugehen, der sie alle ins Verderben reißen würde – aber nun einmal nicht zu verhindern war. Er konnte ihm Teela nicht überlassen...

He-Man blickte auf, trat vor – und reichte Skeletor zögernd die zitternde Hand. Der griff energisch zu - - und in diesem Moment glühte es zwischen ihren beiden Händen auf, ein helles blaues Licht stach hervor, strahlte hinaus, durch den gesamten Saal! Das Zauberschwert fiel klirrend zu Boden. Die Strahlen wurden immer breiter, immer stärker, hüllten den kompletten Raum in ein unerträglich helles Blaulicht - - Skeletor hielt He-Mans Hand krampfhaft fest, blickte höhnisch grinsend auf ihn. He-Man selbst schmerzte die Hand – es fühlte sich an, als würde sie brennen! Er kniff die Augen zu, schrie aus voller Kehle – und spürte, wie seine Kraft ihn rasendschnell verließ, sie strömte förmlich zusammen mit den blauen Strahlen zwischen seiner Hand hindurch...! Der einst so übermächtige Krieger sank vor Schmerzen auf die Knie, er wollte seine Hand schon zurückziehen – doch der Herr des Bösen hielt fest. Sein Griff wurde immer härter, schien es He-Man, dabei war es er, der einfach nur schwächer wurde...

Schließlich zogen sich die Strahlen von einer Sekunde auf die nächste zurück, waren verschwunden. Skeletor ließ He-Mans Hand los und sah genüsslich, wie sein Feind schlapp zu Boden ging und regungslos liegen blieb, hastig atmete.

„Danke, He-Man! Haha, vielen Dank...“ Skeletor wandte sich von ihm ab, blickte den König an. „Nehmt sie fest! Nehmt sie alle fest!“ Im nächsten Augenblick stürmten die Monster Skeletors auf das Königspaar, eine wilde Rangelei entstand, die der Herr des bösen erfreut verfolgte.

Arms und Orko hatte He-Man mittlerweile aufgeholfen. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, zitterte. „He-Man! Wie geht es dir?” Duncan tätschelte seine Wange, der Freund öffnete die Augen. „Es war... es... war als wäre ein Blitz in mich...“ Doch He-Man hatte trotz all der Schmerzen und der Kraftlosigkeit nicht die Gesamtsituation aus den Augen verloren. Mühsam rappelte er sich auf, seine Knie zitterten, doch er hielt sie unter Kontrolle. Keuchend rief er, so laut es eben noch ging: „Hey, Skeletor...“ Er hustete. „Lass Teela jetzt gehen! Sie nützt dir doch nichts mehr!“

„Und meinen Sohn!!“ schrie Marlena, die mittlerweile von den Kämpfern des Bösen überwältigt worden war. He-Man nickte ihr zu.

Skeletor sah erst Marlena an, dann He-Man, der sich trotz aller Erschöpfung und Kraftlosigkeit, dank seines eisernen Willens, noch einigermaßen auf den Beinen halten konnte – dennoch machte er auf Skeletor den Eindruck, als würde ein einziger leichter Schubs an die Schulter ihn zum Umstürzen bringen. „Mein Freund...“ begann der Herr der Dunkelheit und trat vor He-Man. „Ob sie mir nützt oder nicht... das ist mir völlig egal – wie Orko schon sagte: warum sollte gerade ich ein Versprechen halten? Hö!“ Er musste loslachen. Seine Dämonen stiegen sogleich mit in ein verhöhnendes Gelächter mit ein. Dann gab Skeletor He-Man einen harten Schlag mit dem Ende seines Widderstabs direkt in die Magengegend. Der sonst so widerstandsfähige Mann sank prustend auf die Knie.

„Du Mistkerl!“ brüllte Teela, Jitsu hielt ihr sofort den Mund und grinste nur überheblich. Sie versuchte sich zu wehren, aber natürlich ohne Erfolg.

„Und jetzt...“ tönte der Herr des Bösen. „...jetzt bricht eine neue Zeitrechnung an, Freunde!“ Er breitete die Arme aus und sah dem König in die Augen. Dann ließ er sich von Stinkor einen kleinen Laserstrahler geben und schoss Randor mit einem gezielten Schuss die gold-blinkende Krone vom Kopf. Schweißgebadet starrte ihn der ehemalige König Eternias an. „Das... das kannst du nicht...“ stammelte er fassungslos. Skeletor aber bückte sich, hob das Metall auf und setzte es sich aufs Haupt. „Ab jetzt kann ich alles...“ grinste er. „Und nun werden wir erst mal all unsere Zuschauer hier in die Kerker verfrachten.“ Erfreut sah er, wie die Verteidiger Eternias und die Wachmänner wild durcheinander rannten – doch die starken Monster Skeletors stellten sich ihnen brutalst in den Weg. „Und den da nehmt ihr natürlich auch mit, ich wird mir noch überlegen, was wir mit dem machen.“ Skeletor zeigte auf He-Man. Energisch schubste der neue Herrscher einige Männer zur Seite und stieg zum Thron hinauf. Er ließ sich bequem hineinsinken und blickte in die Halle. Er genoss die Aussicht.

Doch seine Freude wurde sogleich getrübt, als er mit ansehen musste, wie He-Man einmal quer durch die Halle rannte, sichtlich mühevoll – und sich dann auf eines der bis an die Decke hochgezogenen Fenster stürzte! Ein lautes Klirren ertönte, alle sahen auf, tausende von Scherben, große und kleinere, prasselten auf den blanken Marmorboden. Skeletor war völlig verwirrt – er konnte gar schnell genug „Schnappt ihn!!“ brüllen. Er stand auf und sah sich um. Einige seiner Monster stürmten sofort aus den Türen, andere führten die Gefangenen ab. Teela wurde von Jitsu mitgeschleppt. Sie warf noch einen entsetzten Blick auf das zersplitterte Fenster...

Man-at-Arms, der gerade von Beast-Man angesprungen wurde, rief Orko noch zu, der sich oben an der Decke an einen Kronleuchter klammerte: „Orko, schnell, beam dich zu ihm...“ Da wurde der Waffenmeister auch schon hart zu Boden geworfen, sein Helm sprang scheppernd über den Marmor. Beast-Man hielt ihn brutal am Boden, blickte an die Decke: „Der Trollaner!“ schnaubte er – doch zu spät, Orko hatte sich bereits aufgelöst.

 

Ein total kraftloser He-Man lag inmitten von zig Scherben auf einem schmalen Weg, der am Garten entlangführte. Er war etwa fünf Meter gestürzt, sein Körper war zerkratzt von dem gesplitterten Glas. Der erschöpfte Mann lag keuchend auf dem Bauch, hörte bereits das Gegröle der Monsterkämpfer, die immer näher kamen.

Er konnte nicht mehr.

So stark sein Siegeswille auch war – er konnte nicht! Er spürte seinen Körper kaum noch, konnte nicht aufstehen.

Ein spürbar nervöser Trollaner erschien über ihm, sank zu ihm hinunter. „He-Man? He-Man!“ Er rüttelte ihn – doch der treue Freund brachte keinen Ton heraus. “He-Man, komm schon!! Skeletors Biester kommen doch gleich...!“ Er blickte zur Seite, das Gejohle wurde rasch lauter, erschrocken vernahm Orko das übermütige Gebrülle. Hastig sah er wieder auf den daliegenden Freund hinab. „Okay, gib mir deine Hand!“

Doch He-Man rührte sich nicht. „Alles muß man selber machen!“ stöhnte Orko nervös, griff nach der Hand des Freundes, packte sie ganz fest und schloss die Augen. Das wilde Kampfgeschrei wurde lauter, Orko drückte die Hand He-Mans an sich und murmelte angespannt vor sich hin. „Bitte, bitte...“

 

„...und bevor wir sie packen konnten, haben sie sich beide in Luft aufgelöst!“ berichtete Webstor, leicht zurückhaltend, fürchtete er doch einen Wutausbruch seines Meisters. Doch der blieb, zu seiner Überraschung, aus. Skeletor machte eine leichte Handbewegung, Webstor stieg die Treppe vorm Thron hinunter und reihte sich wieder bei seinen Monsterkollegen ein.

Der Herrscher Eternias war in dem Thron versunken, die Krone hing schief auf seinem Schädel. Er kratzte an der Lehne entlang. Dann sah er auf seine Mitstreiter hinunter. „Ihr habt vierundzwanzig Stunden, um ihn zu finden!“ brummte er. „Vierundzwanzig, verstanden?“

Sie nickten voll übertriebener Ehrfurcht.

„Und... wenn wir ihn nicht finden...?“ Hiss zögerte, musste diese Frage aber stellen. Skeletor sah ihn an. „Es wäre besser für euch - - allerdings ist er jetzt allein und allein wird er mir auch nicht mehr allzu gefährlich werden können, nicht jetzt, da ich hier die Oberhand und dazu noch seine Freunde in der Hand habe...“ Er grinste in sich hinein. Hiss nickte.

Eigentlich bin ich recht zufrieden, dachte der Herr des Bösen so bei sich. He-Man ist mir zwar entwischt – ein Fehler, der nicht hätte passieren dürfen, aber was soll’s... Randor ist vertrieben – und nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch He-Man in meiner Hand ist... auch den allerletzten Widerstand kann man zerschmettern...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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