Wölfe

 

 

Es mag nicht unbedingt zu einer wahren Heldin passen – aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass jeder Mensch krank werden kann. Da macht das Schicksal keinen Unterschied, ob da nun ein Supergirl oder eine Obstverkäuferin betroffen wird. Es passiert jedem einmal, jeder hat irgendwann einmal gegen eine Krankheit zu kämpfen – vor allem gegen eine handfeste Erkältung, die wohl jeden Mensch schon etliche Male befallen hat. Bis auf Adora. Bisher blieb sie erstaunlich oft verschont. Glimmer, Madame Razz, Bow, Castaspella und all die anderen Freunde waren schon oft erkältet im Bett gelandet. Aber sie – nein, sie eigentlich nicht. Jedenfalls nicht so oft. Adora erklärte sich dies immer damit, dass sie schließlich auch heilende Hände hatte – jedenfalls half diese Behandlung immer bei Tieren. Vielleicht schützte sie diese wichtige Kraft auch vor solchen Unannehmlichkeiten. Im Gegensatz zu ihr hatte Glimmer allerdings immer nur gemeint, sie habe lediglich viel Glück.

Nun: Glück oder nicht, heilende Hände hin, heilende Hände her – nun war sie definitiv nicht verschont geblieben, diesmal hatte es sie gehörig erwischt. Flutterina hatte damit angefangen: Sie war beim übelsten Wetter immer wieder auf Erkundungsflug gegangen. Das Wetter auf Etheria war in den letzten Tagen nicht so berauschend gewesen, Niederschläge ohne Ende. So hatte Flutterina zuerst nur Peekablue angesteckt, und die schließlich Adora und Kowl. Anfangs hatte sich Adora ja noch gewundert, dass Kowl tatsächlich eine stinknormale Erkältung bekommen konnte. Doch mittlerweile hielt sie es für unnötig darüber weiter nachzudenken. Kowl war zwar kein Mensch – aber er war halt auch kein Wunderwesen, das gegen sämtliche irdische Krankheiten immun war.

Seit zwei Tagen lag Adora nun schon im Bett. Sie hatte einen dicken, rosa Wollschal um den Hals gewickelt und ihr Nachthemd mit den langen Ärmeln angezogen. Sie hasste es, krank zu sein. Man wurde gezwungen, im Bett rumzuliegen, man konnte nichts richtiges tun außer lesen, schlafen oder nachdenken. Und zum Nachdenken hatte sie momentan absolut keinen Nerv! Wann war diese ätzende Erkältung endlich vorbei? Das konnte doch nicht ewig dauern...!

Madame Razz betrat das Zimmer. Sie hielt eine große, dunkelgrüne Flasche in den Händen, die bis zur Hälfte mit einer glitzernden Flüssigkeit gefüllt und mit einem dicken Korken verschlossen war.

„Und? Wie geht’s uns heute?“ säuselte die kleine Hexe grinsend.

„Nicht gut.“ Knurrte Adora, schielte auf die Flasche. „Was ist da drin?“

Madame setzte sich an das Fußende des Bettes und legte die Flasche quer auf ihren Schoß: „Das ist ein Maramjan-Trank. Ein uraltes Rezept. Es stammt von den alten Magiern Eternias. Ich habe das Rezept in einem meiner Bücher gefunden – weiß der Teufel, wo ich das her habe!“ Sie lächelte wieder. „Jedenfalls soll es prima gegen Erkältungen, Masern und allergische Reaktionen auf Brennesseln wirken.“

„Egal wo’s herkommt – her damit!“ keuchte Adora genervt und ließ den Kopf erschöpft zurück ins harte Kissen fallen. Ihre Haare waren völlig zersaust, ihre Augen träge und ihre Hautfarbe war leicht käsig.

„Langsam, langsam, Kindchen.“ beruhigte sie Madame lächelnd. Sie nahm ein kleines Glas und gab nur einen kleinen Teil der Medizin hinein. Beim Eingießen zischte es. Sie reichte Adora das Glas.

Die Prinzessin der Macht setzte es hastig an die Lippen und leerte es in einem kräftigen Schluck. Erschrocken fasste sie sich sofort darauf an den Bauch. „Mir ist – äh, extrem heiß!“ Sie sah Madame leicht verstört an: „Ist das richtig so?“

„Ja, ja, Kindchen, keine Panik. Das geht gleich vorüber.“ Die Zauberin lächelte.

„Sehr gut. Dann gib mir gleich die ganze verdammte Flasche.“ Adora streckte den Arm aus. Doch Razz schüttelte nur den Kopf. „Nein, nein, nein. Wie sagt das berühmte Sprichwort? Weniger ist mehr.“ Sie erhob sich und ging auf den Ausgang des geräumigen, festen Zeltes zu. Sie sah noch einmal zurück. Adora lag dort, halb sitzend, die linke Hand immer noch auf dem Bauch. Sie starrte geradeaus – es schien so, als warte sie gerade darauf, dass die Medizin gleich irgendeine Wirkung zeigen würde – außer der Hitze in ihrem Magen.

„Na, so schnell geht’s nun auch wieder nicht, Adora. Da musst du schon bis morgen früh warten.“ erklärte sie.

Adora schien sichtlich enttäuscht: „Jaa, okay. Danke.“

„Schlaf schön.“

„Kann ich nicht. Ich hasse es, krank zu sein. Ich hasse es gezwungen zu sein, im bett zu bleiben!“ Sie sank wieder zurück, die Augen halb geschlossen.

„Ach, Adora. Entspann dich einfach. Leg dich hin, schlaf durch und morgen früh sieht die Welt schon ganz anders aus.“ Ermutigte sie die Magierin ein letztes Mal.

„Hoffen wir’s.“ knurrte die Prinzessin der Macht. Dann blinzelte sie Madame noch einmal zu, bevor sie die Augen schloß und mühsam versuchte, einzuschlafen.

Es wurde dunkel. Die Sonnen waren schon untergegangen, der Schleier der Nacht legte sich über Etheria nieder. Schnell war es finstere Nacht – und Adora war tatsächlich relativ schnell eingeschlummert. Von was sie träumte? Nun, das ist wohl eher Privatsache...

 

Während weit weg im Lager der Rebellen Adora in ihre Träume versunken war, rannte Pya um ihr Leben! Sie hechtete schluchzend durch die Wälder, stolperte über Äste und Wurzeln, krachte fast gegen die im Weg stehenden Bäume! Sie hatte Panik, hatte Angst sich nur einmal umzudrehen – denn ihre Verfolger waren schneller, das wusste sie! Aber glücklicherweise hatte das Mädchen von Anfang an einen, wenn auch kleinen Vorsprung. Außerdem hielten die eng aneinander wachsenden Gestrüppe, Bäume und am Boden liegende Äste und Felsbrocken die Verfolger zumindest ein kleines bisschen auf.

Das junge, zwölfjährige Mädchen hastete umher, immer geradeaus, ohne ein Ziel vor den Augen zu haben! Es wollte einfach nur weg! Weg von diesen Viechern mit den glühenden Augen und den riesigen, messerscharfen Krallen! Pya keuchte und prustete. Sie war völlig außer Atem! Und überfüllt mit Panik...! Sie hörte das Rascheln meterweit hinter sich, ihre Verfolger kamen immer näher, sie spürte sie schon geradezu im Nacken! Den kalten Atem. Pya raste weiter. Sie konnte zwar nicht mehr, aber sie musste weiter! Das Mädchen sprang über eine aus dem Erdboden ragende dicke Baumwurzel. Trotz der Hast musste sie sich jetzt auf den Weg konzentrieren – sollte sie stolpern, wäre alles zu spät, binnen Sekunden wäre sie verloren!

Doch aller guten Vorsätze zum Trotz stolperte sie über eine der kleineren Felsbrocken am Boden! Plötzlich riss es das Mädchen zu Boden, sie krachte in den Schlamm! Es war stockdunkel, sie konnte nichts erkennen. Aber eines realisierte sie augenblicklich: Sie war verloren. Denn schon im nächsten Moment hörte sie ein ohrenbetäubendes Fauchen, das sich gerade auf sie stürzen wollte!  Pya sah die roten engen Augen aufblitzen, plötzlich riss sich vor ihr ein scheinbar riesiges, mit unzähligen spitzen Zähnen bestücktes Maul auf, Pya kreischte auf, hielt schützend den Arm vors Gesicht – da fiel ein Schuss!

Für ein paar Sekunden herrschte Totenstille.

Dann wurde wieder ein Knurren lauter, aber diesmal kam es nicht nur von einem der Viecher – dieses Mal schienen es hunderte zu sein! Pya hatte erschrocken das Gesicht zum Boden gedreht und krampfhaft die Augen geschlossen.

Plötzlich zischten zwei gleißend-helle Laserstrahlen durch die Dunkelheit. Ein Jaulen, dann ein lautes Rascheln und Trappeln. Die Viecher schienen sich zu verziehen. Ein Glück, dachte Pya bei sich, trotzdem sah sie aber noch nicht auf. Sie hielt den Kopf zu Boden gedreht und atmete hastig.

Wenige Sekunden später richtete sie sich dann aber doch auf. Vorsichtig spähte das Mädchen umher, blieb aber an ein und derselben Stelle stehen. Sie traute sich nicht von der Stelle. Zaghaft fragte sie schließlich: „H-hallo...? W-w... wer ist – da?“ Ihre Stimme klang verängstigt und vorsichtig. Ihre Klamotten waren dreckig, da sie im nassen Schlamm gelegen hatte.

Da huschten auch schon zwei leuchtende Lichtkegel um sie herum, Pya kniff die Augen halb zu. In diesem kleinen bisschen Licht traten zwei unheimliche Gestalten auf sie zu: Eine Frau mit langen, dunkelblauen Haare und einem kalten Grinsen im Gesicht und ein metallner Roboter! „Sei froh, dass wir da waren...!“ zischte Catra kühl...

 

Tja, Adoras Traum war wohl doch nicht so wunderschön. Jedenfalls wälzte sie sich unruhig von einer Seite auf die andere, immer wieder. Sie hatte einen ziemlich unruhigen Schlaf – aber vielleicht lag das ja auch einfach nur an der ungewohnten Hitze in ihrem Magen, die Madame Razzs Mixtur verursacht hatte.

Egal, woran es lag – schließlich wachte die Prinzessin schweißgebadet auf. Sie saß steif im Bett, starrte erschrocken an die Zeltwand vor ihr. „Oh mann.“ stieß sie leise aus. „Scheiße, ist mir schlecht!“ Adora steig träge aus dem Bett und richtete sich die Hände in die Hüften gestemmt auf. Dann sah sie sich um. „Okay – ich brauch frische Luft, sonst muß ich mich gleich übergeben.“ Es lag wohl doch an dieser üblen Wärme in ihrem Bauch.

Adora trat aus ihrem Zelt heraus. Es war stockdunkel. Mondstrahlen waren das einzige, was die Gegend, das Lager der Rebellen, ein wenig erhellte. Die junge Frau schlurfte zitternd durch das knöchelhohe Gras. Sie hatte die Arme eng um ihren Körper geschlungen und sich eine Wolldecke über die Schultern geworfen. Adora sah gen Himmel und musste an ihren Bruder denken. Was machte er jetzt wohl gerade? Lag er friedlich in seinem großzügigen Himmelbett oder unterhielt er sich noch mit Teela, Orko oder sonst wem? Oder trug er vielleicht gerade einen halsbrecherischen Kampf gegen Skeletor aus? Sie wusste es nicht – woher auch?! Und diese Ungewissheit machte sie nervös. Manchmal hatte Adora diese Gedanken, manchmal musste sie einfach an diese Dinge denken. Neben ihrer unnormalen Magenwärme hatten wohl auch diese Gedanken heute Nacht dazu beigetragen, dass sie mit einer solchen Übelkeit aufgewacht war. Sollte der Herr des Bösen jetzt, in diesem Moment, tatsächlich gegen ihren Bruder und seine Freunde kämpfen? Dann würde sie gerne helfen – aber sie konnte ja nicht wissen, was gerade auf Eternia geschah.

„Hach, diese Unwissenheit macht mich voll wahnsinnig!“ keifte sie leise in sich hinein. Dann wurde sie wieder ruhiger, blieb vor einigen Büschen stehen und starrte stumpf in die Dunkelheit. Ihr gingen so viele Sachen durch den Kopf.

Plötzlich hörte sie ein Keuchen. Ein erschöpftes Keuchen, es kam von links. Adora drehte sich ruckartig um, der Beschützerinstinkt kam sofort wieder durch! Besonders viel konnte Adora nicht in der Dunkelheit erkennen, aber es reichte. Aus den Büschen trampelte ein junges Mädchen heraus, ließ sich erschöpft ins Gras fallen, stützte sich mit den Armen ab und prustete erschöpft. Natürlich sprang Adora sofort zu ihr hin, erschrocken kniete sie vor dem Mädchen nieder. „Oh Gott, was ist passiert?“

Das Mädchen schluchzte nur, ohne jegliche Erklärungen fiel es Adora in die Arme. Pya klammerte sich krampfhaft an Adoras Oberarmen fest. Die Prinzessin spürte, wie sehr das Mädchen zitterte. Beruhigend redete sie auf die Kleine ein, streichelte ihren brünetten Lockenkopf liebevoll. Doch so beruhigend die Prinzessin auch klang – auch sie zitterte und bekam es mit der Angst zu tun. Denn sie wusste nicht, wovor das Mädchen solche Angst hatte – und da war sie wieder: Diese Ungewissheit, die Adora so verabscheute...

 

Catra war mittlerweile zurück in der Fright Zone. Sie sah ziemlich fertig aus – na ja, wie man halt aussieht, wenn man stundenlang durch die Wälder schlurft und nach diesen Biestern Ausschau hält. Jetzt war sie zerzaust, nass, dreckig – aber nicht müde. Catra war durchtrainiert, sie hatte sich stets voll unter Kontrolle.

Jetzt stand sie erschöpft vor der steilen Treppe, die zu Hordaks Thron hinaufführte. Sie hielt einen Zipfel ihres blauen Umhangs in den Händen und kratzte gerade den festgewordenen Schlamm ab, als Hordak oben erschien. Er setzte sich nieder und sah auf die Katzenfee hinab. „Und?“ fragte er erwartungsvoll.

Sie kratzte sich kurz am Hinterkopf, antwortete dann kühl-sachlich: „Es sind Bestien. Wir haben sie nicht zu fassen bekommen.“ Sie sah ihn mit ihren eisigen Augen an.

„Ihr Nieten! Kriegt ihr denn rein gar nichts gebacken!?“ brüllte er los. „Noch nicht einmal das! Ihr könnt noch nicht einmal einen harmlosen Wolf einfangen!“ Er stand verärgert auf, setzte sich aber sofort wieder.

„Hordak, das sind keine normalen Wölfe, verdammt! Das sind – Bestien!“ unterbrach Catra ihn nervös. Sie stampfte ein paar Male ordentlich auf, damit der Dreck unter ihren Stiefeln abfiel.

 „Warum? Warum? Was ist passiert, Catra?“ Hordaks Laune verschlechterte sich mit jeder Minute immer mehr. Catra sah von ihm ab, auf die roten Stufen vor ihr. Sie zog ein paar Blätter aus ihrem dichten Haar und zerknüllte sie in ihrer kräftigen Hand.

Dann sah sie wieder zu ihm auf: „Hordak – diese Viecher sind doch zu stark, sogar für uns. Wir haben ein Mädchen nur knapp vor ihnen retten können...“

„Was für ein Mädchen?“ Hordak spitzte die Ohren.

„Ach, irgend so ein Gör, keine Ahnung. Wir haben sie laufen lassen.“

„Warum?“

„Naja – laufen lassen, ist wohl etwas falsch ausgedrückt... vielleicht trifft es ‚sie hat sich losgerissen’ doch noch besser...“ Catra sah kleinlaut wieder gen Boden.

Hordak wollte gerade erbost aufspringen, doch er hielt sich zurück, auch wenn es ihm schwer fiel. Er wollte beim Thema bleiben. „Also gut, vergessen wir das. Erzähl mir lieber schnell, was Ihr über die Viecher rausbekommen habt. Können sie uns nun nützlich sein oder nicht?“

Catra blickte sich kurz verstohlen um. Sie und Hordak waren allein – na ja, bis auf die Wachen, die Trooper der Horde, die überall in der Zone versteckt waren.

„Also, sie sind gefährlicher als wir dachten. Hätten wir keine Laser gehabt, hätten sie uns wohl erwischt. Aber selbst mit Laserstrahlen lassen sie sich lediglich erschrecken. Es sind auf Dauer zu viele, wir hätten keine Chance. Sie sind schnell, wahnsinnig schnell.“

„Hört sich doch gut an... genau die richtige Waffe, die wir gegen die nervigen Rebellen brauchen.“ Hordak lehnte sich zurück, grinste und rieb sich die Hände. Doch Catras Augen weiteten sich erschrocken, und mit hörbarem Nachdruck in ihrer kratzigen Stimme gab sie wieder: „Was? Hordak, es sind Bestien! Es sind längst keine normalen Wölfe, es sind Bestien! Ich weiß nicht, wo sie herkommen und ich weiß nicht, was sie so rasend macht – aber eines weiß ich ziemlich sicher: Sie lassen sich nicht zähmen, sie werden nicht mitmachen! Wie willst du sie dazu kriegen?“

„Catra – du weißt, ich bin jemand, der siegen will – um jeden Preis! Und deshalb will ich diese Viecher, ehe Adora sie entdeckt, verstanden? Fangt sie, betäubt sie, wie auch immer – bringt sie hierher! Sie werden mir helfen, Adora und diese lästigen Rebellen endgültig aus dem Weg zu räumen.“ Hordak kniff die Augen gierig zu. Man sah ihm deutlich an, dass seine Gedanken bereits mit dem Sieg über die Great Rebellion spielten.

Catra neigte den Kopf nach links, blickte zu ihm hinauf. „Das ist unmöglich.“

Hordak sah zischend zu ihr hinunter: „Das – hoffe ich nicht, meine Liebe...“

 

Die Nacht schien ewig anzudauern, denn noch immer war absolut noch nichts von den Sonnen zu sehen – im Gegenteil. Die Dunkelheit lag unruhig über der Landschaft. Im Lager der Rebellion war mittlerweile jedoch ein Lagerfeuer entzündet worden, die meisten Mitstreiter waren jetzt erwacht, hatte sich rasch bewaffnet und behielten die nähere Umgebung im Auge. Flutterina hatte sich wieder zu einem Erkundungsflug aufgemacht – obwohl sie immer noch hustete wie nichts gutes! Aber nachdem was Pya da erzählt hatte, mussten sie heute Nacht äußerst wachsam sein. Das Mädchen war mittlerweile vor lauter Erschöpfung vom vielen Laufen eingeschlafen, Adora hatte sie in ihrem Zelt vorsichtig in die Wolldecke eingepackt. Und obwohl man auch ihr geraten hatte, sie solle sich jetzt besser kurieren, war Adora aufgeblieben. Im Nachthemd und mit ihrem dicken Schal um den Hals saß sie mit einigen anderen am Feuer.

„Netter Anblick.“ Scherzte Bow, als er die Prinzessin der macht in ihrem seidenen, orangefarbenen Nachtkleid musterte. Er sah sie frech an.

„Gleichfalls.“ gab Adora grinsend zurück, da Bow auch nur in Shorts und einem weißen Shirt da saß. Glimmer beobachtete das Spiel zwischen den beiden Freunden, schließlich meinte sie trocken, Bow ansehend: „Ach bOw, dieses alte Shirt hast du immer noch? Das muß doch schon mindestens drei Jahre alt sein!“

„Vier.“ ergänzte er.

„Echt? Uah, Bow! Kauf dir mal ’n neues!“ Adora tat angeekelt.

„Warum? Zum Schlafen ist es gerade noch gut genug -“

„Und zum Schuhe putzen.“ Adora lachte, zwinkerte ihm zu.

„Okay, Spaß beiseite.“ Castaspella setzte sich im Schneidersitz zu ihnen. „Was machen wir wegen diesen angeblichen Monstern?“ Sie sah auffordernd in die Runde.

„Wieso angeblich?“ fragte Glimmer leicht verdutzt.

Sie hob die Hände. „Naja, kommt schon, Leute! Pya ist zwölf! Ihr wisst doch auch, dass sich Kinder alles mögliche ausdenken. Ihre Fantasie geht manchmal mit ihnen durch. Vielleicht – vielleicht hat Pya einfach nur ein Rascheln gehört, eventuell von einem Eichhörnchen! Und dann hat sie Angst bekommen.“

„Glaub ich nicht. Sie erzählte von glühenden Augen und einem großen maul, gespickt mit spitzen Zähnen das sich auf sie stürzte. Das klingt eher nicht nach nem Eichhörnchen.“ Adora neigte den Kopf. Casta stöhnte: „Wer weiß, was ihre Angst ihr da alles reininterpretiert hat.“

„Also, für mich klang die ganze Story nicht wie ein Streich ihrer Fantasie.“ Schaltete sich Bow an. „Sie hatte wirklich Angst, war völlig erschöpft – und dann noch die Sache mit Catra... hm, nein, das war keine ausgedachte Story.“

Adora warf ein Ästchen ins Feuer: „Also, ich stimme Bow zu. Wir müssen der Sache auf alle Fälle auf den Grund gehen. Was mich aber auch interessiert: Was machen Catra und ein Trooper mitten in der Nacht in den Wäldern?“ Sie blickte die anderen fragend an.

„Vielleicht wollten sie uns ausspionieren – oder sie hatten einen Überfall geplant!?“ gab Glimmer überlegend ein. Grübeln.

Die Ruhe, die durch das gemeinsame Grübeln entstanden war, wurde durch Flutterina gestört, die gerade einige Meter hinter Adora landete. Auch sie trug einen Schal – allerdings war der wesentlich schöner als Adoras, dachte sich die Prinzessin. Aber schon im nächsten Moment überlegte sie: Was denk ich eigentlich über Schals nach??

Flutterina strich sich einige Haarsträhnchen aus der Stirn, zupfte ihre Kostüm zurecht und ging dann zum Lagerfeuer. Erwartungsvoll blickten die anderen zu ihr auf. Flutterina setzte sich zwischen Glimmer und Casta.

„Und?“ Bow brach die erwartungsvolle Stille.

Flutterina sah ihre Freunde an. Dann meinte sie achselzuckend: „Nix.“

Casta stutze: „Wie nix?“

„Nichts! Keine Spur von irgendwelchen Monstern oder ähnlichem.“

Casta schlug sich mit der flachen Hand auf ihr Knie: „Na, was hab ich euch gesagt?!“ Doch die anderen blieben ruhig, sahen Flutterina an, die gerade fortfuhr: „Also, ich habe wirklich keine gesehen – aber dafür konnte ich einige von Hordaks Leuten entdecken. Unter anderem Catra, Scorpia, Leech, Grizzlor und einige Trooper. Sie streiften sichtlich vorsichtig durch die Wälder.“

„Haben sie dich bemerkt?“

„Nein nein, keine Sorgen, haben sie nicht.“

„Glück gehabt.“

Adora setzte sich auf: „Okay, Leute, was ist heute Nacht los? Fassen wir zusammen: Ein Mädchen kommt völlig erschöpft hier an und erzählt irgendetwas von gefährlichen Monstern mit glühenden Augen, dann musste sie sich noch von Catra losreißen, Flutterina entdeckt die Hordes mitten im Wald rumstreuen – und wir sitzen im Pyjama um ein Lagerfeuer. Wie beurteilt ihr die Situation?“

„Bis auf die Sache mit den Pyjamas hört sich’s nicht so gut an.“ scherzte Casta grimmig. Adora nickte: „Fest steht, dass da was im Busch ist. Was auch immer. Und ich hab keine Lust, dass Hordak uns am Ende überrascht – ich will’s jetzt wissen!“ Sie stand entschlossen auf.

„Wo willst du hin?“ fragte Glimmer verdutzt.

„Ich geh jetzt in den Wald und seh mir das Spektakel mal genauer an. Wer kommt mit?“ Adora stemmte die Hände in die Hüften und blickte ihre Freunde auffordernd an. Ein übles Husten entfuhr ihr.

„Du bist noch krank, Adora! Bleib lieber hier, wir machen das schon!“ Glimmer stand auf und klopfte ihr auf den Rücken. Doch die Prinzessin der Macht war kein Mensch, der sich von einer Erkältung zurückhalten ließ. Sie schüttelte den Kopf, hustete noch einmal kräftig und rieb sich dann erschöpft die Augen. Ja, sie bräuchte jetzt eine ordentliche Mütze voll Schlaf, das merkte sie. Aber es gab Dinge, die waren nun einfach wichtiger. Und sie wollte jetzt einfach keine Zeit verlieren.

„Also – ich werde gehen, Leute. Es ist mir egal, ob ich krank bin oder nicht, es muß halt sein.“ Wieder ein kleines Husten. „Ich geh mich nur noch schnell umziehen – im Nachthemd Monster jagen kommt nicht so gut.“ Sie verschwand in ihrem Zelt.

„Aber den Schal behälst du bitte um, Adora!“ rief Madame ihr noch grinsend hinterher.

Gerade trat die Prinzessin wieder aus ihrem Zelt heraus. Sie hatte sich angezogen – allerdings nicht gekämmt, dafür war ihr die Zeit scheinbar wieder einmal zu kostbar gewesen. Allerdings stand sie jetzt da, neigte den Kopf zur Seite und fragte leicht verärgert: „Okay: Wer kommt jetzt mit?“

In diesem Moment hörten sie laute, schrille Aufschreie! Männer brüllten los und man konnte ein haarsträubendes Knurren und Fauchen aus der gleichen Richtung wahrnehmen! Erschrocken drehten alle ihre Köpfe in die Richtung, aus der der plötzliche, panisch-klingende Lärm zu hören war. Ohne weiter zu überlegen rannte Adora los, ihre Freunde kamen hinterher.

Als Adora ans Ende des Lagers kam, bot sich ihr ein schauriger Anblick, der sie sekundenlang erstarren ließ: Wölfe! Etliche Wölfe fielen soeben über einige der aufgestellten Wachen her, stürzten sich mit ihren messerscharfen Krallen und Zähnen auf die Männer und knurrten zähnefletschend! Ihre Augen glühten rot, Speichel tropfte ihnen aus dem Maul, ihr dunkles Fell war zerzaust und schmutzig, verfilzt und struppig. Was Adora aber am meisten erschreckte war die unheimliche Tatsache, dass diese Tiere doppelt so groß waren wie sie eigentlich hätten sein dürfen! Und sie bewegten sich unberechenbar rasant, huschten blitzschnell von A nach B, das menschliche Auge konnte kaum so schnell folgen!

Doch schon hatte Adora sich wieder gefangen: Egal, was es für Viecher waren, egal wie groß – sie musste den Männern helfen! Also stürzte sie sich entschlossen in die Schlacht. Mit gekonnten Fußkicks schleuderte sie einige der Bestien von sich, konnte auch ein paar durch die Gegend schleudern – aber die Biester waren schwer! Verdammt schwer! Und sie war nicht so stark wie sonst, sie müsste ja jetzt eigentlich noch im Bett liegen und sich kurieren...! Ihre Freunde und der Rest der Rebellion waren mittlerweile auch angekommen und hatten sich mutig – aber gleichzeitig auch sichtlich verängstigt – in die Schlacht geworfen. Einige der Kämpfer hatten Fackeln geholt, in der Hoffnung, dass das die übergroßen Wölfe verscheuchen würde – aber die Biester reagierten nicht! Sie bissen um sich, schnappten nach allem und jedem und konnten nur schwer im Zaum gehalten werden. Adora war verzweifelt – denn kaum schienen einige der Viecher k.o. zu sein, da sprangen schon einige neue aus den Büschen! Es wurden immer mehr und die Rebellen wurden immer schwächer, die meisten konnten sich nicht mehr auf den Beinen halten! Adora bekam panische Angst, dass jemandem etwas Ernstes passieren könnte – diese Panik gab ihr einen letzten Energieschub: Energisch schlug sie einen der mysteriösen Wölfe zur Seite und packte einen anderen am Schwanz, schleuderte ihn mit letzter Kraft in eines der Zelte! Erschöpft wischte sich Adora den Schweiß von der Stirn – plötzlich brüllte Bow: „Adora, pass auf! Hinter dir!!“ Sie drehte sich augenblicklich um – doch da riss sie auch schon eines der Ungetüme barsch zu boden! Seine harten Krallen bohrten sich in ihre Arme. Ein zweiter und ein dritter Wolf stürmten sofort herbei, zischten sie gefährlich an. Einer von ihnen riss nun sein Maul weit auf, kam gefährlich näher! Adora kniff ängstlich die Augen zusammen – da wurde der Wolf von ihr weggeschleudert, die anderen blickten erschrocken auf!

„Bow!“ rief Adora erleichtert, rappelte sich auf, hielt sich den Arm. Bow kam kurz zu ihr und ratterte rasch herunter: „Pass besser auf – wir haben dir ja gesagt, du hättest im Bett bleiben sollen!“ In diesem Moment stürmten zwei der Biester auf sie zu! Eines davon riss Bow nieder, doch er konnte ihn abwerfen! Der andere krachte in Adoras Taille, die Prinzessin der Macht wurde weggeschleudert, etwas weiter ab vom Geschehen, sie rollte ruppig durch das hohe gras und schlug mit der Schulter gegen einen dicken Baum. Kurze Zeit blieb sie liegen, dann aber rappelte sie sich auf: Sie sah ziemlich mitgenommen aus, bemerkte sie erschrocken. Noch erschrockener wurde sie, als sie rüber zum Geschehen blickte: Die Viecher waren skrupellos und gefährlich!

„Okay – es ist Zeit für eine gute Freundin...“ murmelte sie sofort, rannte noch ein Stückchen weiter in den Wald hinein. Rasch sah sie sich noch einmal um, ob ihr jemand zusah. Als sie sich sicher war, dass sie alleine war, hob sie das Schwert in die Höhe, blickte zu seiner Spitze. Dann öffnete sie den Mund und begann:

„Bei der Ehre von Grayskull... uuh!!“ Im nächsten Moment lag sie bewusstlos am Boden, ihr Schwert gleich neben ihr. Einer der Wölfe hatte sie entdeckt und warf auf sie zugerast – und hatte sie mit einem deftigen Zusammenprall zum Sturz gebracht! Das Tier saß neben ihr, einige Minuten lang starrte es sie mit seinen leuchtenden Augen an. Dann blickte es gen Himmel, hinauf zu den Monden und begann zu knurren – es war ein extrem lautes Knurren! Dann blickte der große Wolf wieder rüber zum Lager der Rebellen, wo der Kampf tobte, fauchte laut hinüber. Daraufhin hielten alle übrigen Tiere sofort inne, richteten die Ohren auf, blickten zu ihm herüber – und huschten zu ihm! Blitzschnell waren sie alle im Wald verschwunden – zusammen mit der bewusstlosen Adora! Einige der Wölfe hatten sie mit ihren Zähnen gepackt und schleiften sie nun mit...

Es dauerte einige Zeit, bis die Rebellen sich wieder komplett aufgerappelt hatten. Zuviel Kraft hatte es sie alle gekostet, sich die Viecher vom Hals zu halten. Dennoch mussten die meisten verarztet werden. Zwei Krankenschwestern und Doktor Chess kümmerten sich im Erste-Hilfe-Zelt um die Verletzten. Casta und Peekablue boten sofort ihre Hilfe als Aushilfskrankenschwestern an, die Chess dankbar annahm.

In der Zwischenzeit machten sich diejenigen, die bereits wieder auf den Beinen waren, daran, die drei Zelte, die während des Kampfes zerstört worden waren, wieder aufzubauen. Bow und Glimmer setzten sich völlig erschöpft auf eine der Holzbänke nieder, wischten sich den Schweiß ab und keuchten im Takt. Sie waren bereits im Krankenzelt gewesen und hatten sich verarzten lassen – jedenfalls das gröbste. Bow hatte es schwer am Bein und an der Brust getroffen, die Biester hatten verdammt scharfe Krallen. Glimmer war es wie vielen anderen ergangen: Einer der Wölfe hatte sie von hinten angesprungen und niedergerissen. Außerdem hatte sie sich während des rasanten Fights den linken Knöchel verstaucht. Vorsichtig griff sie sich nun an den schmerzenden Knöchel.

Bow ergriff als erstes das Wort wieder: „Mann... in Unterhosen hab ich auch noch nie gekämpft...“ er lächelte Glimmer zu, zwinkerte.

„War doch mal was neues.“ sie versuchte zu lachen, doch es kam sehr verkrampft herüber. Bow legte seinen Arm auf ihre Schulter, atmete kräftig aus und ein. Glimmer fasste sich an den Bauch: Oh mann, da hatte sie also auch einer erwischt! „Bow?“

„Ja, Glimmer?“

Sie stand auf: „Ich – ähm – ich muß noch mal eben zu Doktor Chess. Hab was übersehen.“ Wieder ein krampfhafter Versuch zu lächeln – aber die Schmerzen kamen wieder durch. Glimmer fühlte sich, als hätte man ihr einen Felsbrocken in die Magenkuhle geworfen. Prustend torkelte sie in Richtung Erste-Hilfe-Zelt. Bow blickte ihr hinterher. Dann lehnte er sich zurück, sah zu den Sternen hinauf. Und plötzlich kam ihm ein furchtbarer Gedanke: Wo war Adora??

 

Auch Catras Suchtrupp war von den Wölfen überfallen worden. Sie war gemeinsam mit Mantenna, Imp, vier Troopern, Leech und Grizzlor aufgebrochen um Hordaks wahnwitzigen Befehl auszuführen: Er war mittlerweile versessen auf diese Tiere. Seitdem Catra sie vor zwei Tagen das erste Mal durch den Wald streifen gesehen hatte, war Hordak darauf aus, diese Tiere zu seiner Armee zu machen. Immer, wenn Catra ihm erzählte wie unberechenbar und gefährlich-skrupellos diese übergroßen Wölfe waren, war Hordak zufriedener geworden! Er fand das herrlich: Gefährliche Bestien! Die konnte er gebrauchen, in Massen! Er wollte die Tiere einfangen und einsperren lassen. Und irgendwie würde er sie auch schon noch dazu bringen, ihm zu gehorchen. Er hatte Shadow Weaver bereits aufgetragen, eine Möglichkeit zu entwickelt, um die Wölfe auf seine Seite zu ziehen. Mit solchen furchteinflößenden Raubtieren würde er den Rebellen Beine machen!! Also sollten Catra, Leech und die anderen jetzt Ausschau nach den Tieren halten. Auch wenn auch sie siegen wollte – Catra hatte längst kapiert, wie gefährlich diese Wölfe tatsächlich waren. Und dass sie sich nicht von ihnen fangen lassen würden, das war ihr auch schon längst klar geworden. Anfangs war sie begeistert von Hordaks Idee gewesen. Doch nachdem einer der Biester sie angefallen hatte und sie eine üble Verletzung am rechten Oberschenkel davongetragen hatte, hatte sie kapiert, dass dieser Plan Hordaks nicht durchzusetzen war. Aber was sollte sie machen? Er war schließlich der Boss – und früher oder später würde auch er es einsehen. Jetzt musste sie einfach nur diese Nacht überstehen und am Morgen wieder heile zurück in die Fright Zone kommen.

Den kurzen Überfall eines kleineren Wolfrudels hatten sie erfolgreich entgegenhalten können, der Kampf hatte nur wenige Minuten gedauert, dann waren die Wölfe blitzschnell wieder weggehuscht. Catra war heilfroh gewesen, dass das so glimpflich abgelaufen war. Wenn es mehrere Tiere gewesen wären, dann wäre das Ganze sicherlich nicht so rasch über die Bühne gegangen...

Jetzt streiften sie weiter durch das kniehohe Gras. Catra war muffelig. Sie ärgerte sich, dass Hordak so verdammt stur war und ihre Bedenken nicht ernst nahm. Dabei war er doch noch nicht einmal draußen gewesen und hatte noch keine Begegnung mit einem dieser Monster gehabt – sie schon, und sie wurde trotzdem erneut rausgeschickt! Warum konnte er nicht einsehen, dass auch andere einmal recht hatten? Sie schüttelte genervt den Kopf.

 

Bow, Glimmer, Kowl und Casta hatten sich mittlerweile aufgemacht, Adora zu suchen. Nachdem das ganze Lager und die nähere Umgebung nach der Prinzessin der Macht abgesucht worden war, ohne Erfolg, hatten sie sich dafür entschieden, einen kleinen Suchtrupp loszuschicken. Alle anderen wurden im Lager gebraucht – für den Fall, dass die Wölfe zurückkommen wurden.

Sie waren schon eine halbe Stunde unterwegs. Wenige Worte hatten sie bisher gewechselt, jeder hing noch seinen Gedanken nach.

„Wo könnte sie sein?“ brach Castaspella schließlich das unangenehme Schweigen. Glimmer schüttelte nur den Kopf: „Ich weiß es nicht! Ist sie weggelaufen? Wenn ja – wohin?“

„Weggelaufen?“ Bow sah sich kurz zu den Frauen um, schüttelte auch den Kopf. „Niemals. Adora ist kein Typ, der wegläuft. Irgendetwas muß ihr passiert sein!“

„Aber was nur?!“ Kowl zitterte. Diese Nacht war außerordentlich kühl. Es regnete zwar nicht, aber dennoch war der Erdboden matschig und feucht.

„Ich hatte ihr noch geholfen, als sich drei von den Biestern über sie hermachten. Aber danch hab ich sie aus den Augen verloren...“ grübelte Bow halblaut.

Glimmer gab noch dazu: „Aber sie kann ja nicht einfach so verschwinden!“ Dann sah sie wieder zu Boden um nicht in einem Schlammloch zu versinken, denn sie kamen gerade an ein Moorgebiet.

 

Als Adora die Augen öffnete, sah sie nur einen großen, runden felsigen Raum vor sich. Es war feucht, von der Decke tropfte es teilweise hinunter. Alles war nur Fels, nur Stein, links von ihr führte eine kleine Treppe mit breiten Stufen zu einem steinernen Thron. Dieser seltsame Thron war mit in Stein geschlagenen Wolfsfiguren verziert und sah zum Fürchten aus. Rechts von ihr führte ein langer breiter Gang ins Dunkel. Adora musste erst mal ihre Gedanken sammeln. Was war passiert? Ach ja: Sie war von irgendetwas umgeworfen worden als sie sich gerade in She-Ra verwandeln wollte. Wohl einer dieser Wölfe, vermutete sie. Wer sonst konnte eine solche Wucht drauf haben?! Und dann? Sie muß bewusstlos gewesen sein. Aber wieso wachte sie dann hier in einer scheinbar verlassenen unheimlichen, nur mäßig mit Fackeln beleuchteten Höhle auf? Als Adora gerade losgehen wollte, um sich näher umzusehen und einen Ausgang zu finden, merkte sie erst, dass sie an die felsige unebene Wand gefesselt worden war. Drei gelbleuchtende Energieringe umschlossen ihren Körper und drückten sie energisch an die Wand. Es nützte nichts, sich dagegenzustemmen – die Ringe gaben nicht nach.

„Aaaaah... du bist aufgewacht, wie ich sehe?!“ hörte Adora plötzlich eine Stimme von rechts hallen. Sie wandte den Kopf und erspähte anfangs noch gar nichts. Ihre Augen mussten sich erst mal an diese schlechten Lichtverhältnisse hier drinnen gewöhnen.

Die Stimme, die auf jeden Fall einem Mann gehörte, fuhrt fort – und schien sich zu nähern: „Ich hoffe, meine Jungs haben dir nicht zu sehr zugesetzt...“

Es wurde ihr zu bunt. Adora war kein Mensch, mit dem man seine Spielchen treiben konnte. Sie rief: „Wer bist du? Und was mache ich hier? Wär toll, wenn ich das erst mal erfahren könnte...“ Sekundenlange Stille.

„Dein Sarkasmus hat sich nicht sonderlich geändert.“ Lachte die Stimme, doch es war kein sympathisches Lachen, eher ein unheimliches. Einige weitere Fackeln, die mit Metallringen an den Felswänden angebracht waren, wurden angezündet, der Raum erhellte sich langsam. Und endlich konnte Adora etwas erkennen. Da ging ein muskulöser, bulliger Mann, so etwa in ihrem Alter, auf den Thron zu. Er trug Fellstiefel, eine olivegrüne Shorts mit einem silbernen Metallgürtel, der mit Wolfsmotiven verziert war. Sein Oberkörper war nicht bekleidet, dafür aber mit etlichen dunklen Motiven versehen, zum Beispiel Tatzenabdrücke, Wolfsköpfe und noch einiges mehr. Er hatte kinnlanges braunes Haar und trug einen Fellumhang, der auf dem Boden schleifte. Er nahm auf dem Thron Platz. An beiden Seiten des Thrones standen saßen zwei der gruseligen Monsterwölfe und blitzten sie mit ihren glühenden Augen an.

Adora erschrak leicht. Dann sammelte sie sich aber rasch wieder: „Nette Show.“

„Danke.“ Gab er falsch grinsend zurück.

„Was hast du mit diesen Monstern zu tun?“ fragte sie direkt heraus und blickte ihm dabei böse in die Augen.

„Wie kommst du darauf, dass ich etwas damit zu tun habe?“ fragte er zurück.

Sie verdrehte die Augen: „Ist offensichtlich. Soll ich dir sagen, was ich bis jetzt für einen Eindruck habe?“

„Bitte.“

Adora fuhr fort, so gelassen wie es in dieser Situation nur ging: „Für mich, und sag mir wenn ich falsch liege, sieht das hier so aus: Ein Verrückter, der seine Bestien auf andere loslässt – entweder, weil er einfach nur bekloppt ist, oder weil er für Hordak arbeitet.“

Der Mann winkte sofort angewidert ab. „Hordak? Niemals würde ich mit diesem Wahnsinnigen zusammenarbeiten!“ Er blickte ihr wieder in die Augen. Adora gefiel das nicht, sie weichte seinen Blicken aus: „Dann sag mir jetzt bitte, warum ich hier bin.“ Sie versuchte es mit ein bisschen Freundlichkeit in der Stimme, bezweifelte aber, dass das was bringen würde.

„Nun, meine Jungs hast du ja wohl schon kennen gelernt?!“ Er deutete auf die zwei mysteriösen Wölfe an seinen Seiten.

„Mehr als genug.“ nickte Adora daraufhin nur. „Deine Jungs?“

Er grinste: „Ja! Sie gehorchen mir – denn ich bin der Einzige, der sich ihrer annimmt. Ich behandle sie gut und gebe ihnen obendrein eine Aufgabe. Sie mögen das.“

„Welche Aufgabe?“

„Dich hierher zu bringen, Adora!“

Die Prinzessin der Macht erschrak: „Woher weißt du meinen Namen?“

Der Mann mit dem Fellumhang erhob sich von seinem Thron und stieg gemächlich die kleine Steintreppe hinunter. Dann schlenderte er grinsend zu Adora hinüber und baute sich bedrohlich vor ihr auf. Ein tiefer Blick in ihre Augen, ein Blick, dem sie diesmal nicht mehr ausweichen konnte. „Aber Adora – kennst du mich etwa nicht mehr?“ Sein Grinsen fror ein, wurde zu einem wahrlich bedrohlichen, aggressiven Zähneaufeinanderbeißen. Seine grünen Augen blitzten gefährlich. Adora wusste nicht, was sie tun, geschweige denn sagen sollte. So entfuhr ihr nur ein verunsichertes „Wohl nicht – würd ich sonst fragen?“ Doch als sie ihm ebenfalls ganz tief in die Augen sah – erschrak sie furchtbar: „Eric...?“

Er klatschte in die Hände: „Bravo! Endlich haben wir’s!!“ Er trat einige Schritte zurück. Die Wölfe neben seinem Thron knurrten leise. „Ruhig, Jungs!“ befahl er ohne sie anzusehen. Das Knurren verstummte.

Adora verstand die Welt nicht mehr. Sie blickte verstört um sich, suchte nach Worten – fand aber keine. Endlich ergriff Eric, dieser seltsame Mann mit dem braunen Haar das Wort wieder: „Ja, genau, ich bin’s Adora! Ich, Eric! Du erinnerst dich also doch?!“

Jetzt hatte sie ihre Sprache wiedergefunden: „Sicher. Wie könnte ich den Mann vergessen, der mich um jeden Preis vor den Altar schleppen wollte? Jaa, das warst ja du, der Verrückte. Und da nennst du Hordak einen Wahnsinnigen – sieh dich mal an!“ Sie deutete auf seine Shorts. „Übrigens: Olivegrün ist ‚out’.“

Er setzte wieder sein falsches Lächeln auf: „Ha... du hast nichts von deinem beißenden Charme verloren. Ich bin nicht verrückt, Adora – nur gekränkt. Dank dir!“

„Also entschuldige bitte, Eric, aber ich habe dich nie gemocht, geschweige denn geliebt! Und es ist jawohl mein gutes Recht, dir das auch ins Gesicht zu sagen!“ Sie wurde wütend. Mußte er jetzt mit diesem alten Kram ankommen? Damals, als sie gerade erst der Rebellion beigetreten war, war Eric aufgetaucht. Er hatte beim alten Grogner eine Ausbildung als Hufschmied angefangen und sich in Adora verliebt. Doch Adora mochte ihn schon damals nicht besonders – er war einfach nicht ihr Typ gewesen! Und das hatte sie ihm dann auch schließlich deutlich gesagt! Doch er war ihr trotzdem immer wieder hinterhergelaufen und hatte sie genervt. Das ging damals so weit, dass er ihr andauernd Anträge machte. Diese Aufdringlichkeit ging ihr immer mehr auf die Nerven – und auch ein Gespräch unter vier Augen konnte da nichts dran ändern. Er war halt schon immer ein verbohrter Holzkopf gewesen, fand Adora. Schließlich verwies Queen Angella ihn aus der Gegend, sagte ihm, er solle gehen und woanders ein neues Leben als Hufschmied anfangen und Adoras Entscheidung akzeptieren. Verärgert war Eric damals abgehauen, wohin wusste niemand. Er war über Nacht verschwunden und Adora hatte ihn schon längst vergessen – bis heute.

„Eric – was treibst du hier? Lebst du etwa hier, hier in dieser Höhle?“ fragte sie verärgert weiter. Er nickte: „Ja, ich lebe hier, seitdem ich Euch verlassen habe... Die Wölfe waren die einzigen, die mich aufnahmen. Das lag wohl daran, dass sie ebenfalls einsam waren – und sich ausgegrenzt fühlten, da die ganze Welt sie nur als bösartige Monster ansah... Wir haben uns verbündet...“ Er ging im Kreis.

Adora warf einen kurzen Blick zu den Tieren hinüber. Dann fragte sie weiter: „Eric? Warum... warum bin ich hier? Noch dazu gefesselt?“

Er drehte sich ruckartig zu ihr um: „Nun – ich möchte dir heute eine Frage stellen, Adora! Glaub nur nicht, ich hätte dich vergessen – oh nein! Du mich vielleicht – aber nicht ich dich.“

„Wenn du mir die Frage gestellt hast, und ich sie beantwortet habe – darf ich mich dann verziehen? Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass ich mich hier nicht gerade wohl fühle! Immerhin haben deine ‚Jungs’ wie du sie nennst, meine Freunde angegriffen, nur um mich zu suchen!“

„Jaja, manchmal sind sie ein bisschen unvorsichtig.“ lachte er. „Also gut, meine Liebe, die Frage des Tages...“ Er trat nahe zu ihr, sah sie an. Seine Augen funkelten schon wieder so seltsam, bemerkte Adora...

Eric fuhr fort: „Adora...“ Zu ihrer Überraschung fiel er vor ihr auf die Knie. „ Adora? Ich kann dich nicht vergessen, ich kann nicht ohne dich leben! Du bist meine Atemluft!“ Adora verdrehte die Augen – sie konnte sich in ungefähr schon vorstellen, was jetzt für eine Frage kam. Wie konnte er nur? Nach all den Jahren – die Sache war erledigt, jedenfalls für Adora. Warum war Eric nur ein solcher Vollidiot? Er musste lernen, die Meinungen anderer zu akzeptieren und sein Leben auch danach auszurichten.

„Willst du dein Leben mit mir verbringen?“

Sie überlegte keine Sekunde: „Nein!“ Das Wort kam scharf zwischen ihren Zähnen herausgezischt. „Eric! Ich habe es dir damals gesagt und ich sage es dir heute: Nein!! Ich will nicht, ich möchte nicht, ich werde nicht! Verdammt – kannst du das nicht akzeptieren?“

Er schüttelte den Kopf: „Nein, Adora, das kann ich nun einmal nicht. Der Gedanke, dass du nicht an meiner Seite bist, bricht mir das Herz. Die Jahre ohne dich waren die schmerzhaftesten meines Lebens, verdammt!“ seine Stimme hob sich.

Adora versuchte krampfhaft, Ruhe zu bewahren: „Eric. Ich möchte aber nicht. Weißt du, ich fühle – mich nicht zu dir hingezogen, verstehst du? Ich meine: Du hättest ein ganz normales Leben führen können, wenn du damals Angellas Rat verfolgt hättest. Stattdessen lebst du bei diesen riesigen Wölfen, bist ja scheinbar ihr König, gratuliere! Wenn es dich glücklich macht: Bitte. Aber hetze sie nicht gegen uns auf, Eric! Die Tiere gehören in den Wald. Und ich möchte einfach nicht – mit dir zusammen sein. Ich habe mein eigenes Leben.“ Sie sah ihn an, in der Hoffnung, er würde es jetzt endlich kapieren. Konnte ein Mensch denn wirklich so extrem verbohrt sein?, überlegte sie angespannt. Weiterhin versuchte sie sich aus den Ringen, die sie an die Wand drückten, zu befreien – hoffnungslos. Erst jetzt kam in ihr die ängstliche Frage auf, wo ihr Zauberschwert war. Kurz blickte sie sich um: Nichts. Das Schwert des Schutzes war nicht hier. Was um alles in der Welt war hier los?

„Adora...?! Meinst du das ernst?“ fragte Eric ungläubig. Sie nickte. Dann musste sie es einfach fragen: „Wo ist mein Schwert, Eric?“

Uninteressiert fragte er zurück: „Was für’n Schwert?“ Aha, dachte sich Adora. Es lag wohl noch im Wald. Sie stöhnte. Dann beobachtete sie Eric. Er zog seine Kreise in der Höhle. Die zwei Wölfe waren mittlerweile vom Thron weggetapst und wuselten im Raum umher.

Dann wandte sich Eric wieder zu dir: „Adora... ich – ich weiß nicht weiter! Was soll ich ohne dich hier noch tun?“ Sie neigte den Kopf, sah ihn schräg prüfend an. Seine Augen schienen seltsam zu funkeln, er sah so seltsam aus...

„Was meinst du, Eric?“ fragte sie, leicht irritiert.

Er sah sie wieder an und meinte trocken: „Ich will damit sagen: Ich will nicht ohne dich leben. Was soll ich ohne dich noch hier? Und... wenn du nicht zu mir gehörst, dann – dann solltest du auch niemand anderem gehören, Adora.“

„Was?“

„Glaub mir, es – es ist besser so.“ Er gab ihr einen Kuß auf die Stirn. Dann wandte er sich von ihr ab und trottete den dunklen Gang entlang. Adora versuchte, bei klaren Gedanken zu bleiben: „Hey, Eric!! Was soll das heißen?“ brüllte sie ihm hinterher. Doch er verschwand in der Dunkelheit. Einige Minuten lang herrschte Totenstille. Die zwei Wölfe schlichen vor ihr umher, ihre Augen glühten. Doch dann erschrak Adora furchtbar: Eine ganze Meute dieser Viecher kam plötzlich aus dem düsteren Gang in die Höhle. Böse fletschten sie die scharfen Zähne, der Speichel tropfte ihnen hinunter, ihr Knurren klang bösartig.

„Eric, du Wahnsinniger!“ fluchte Adora leise, als die übergroßen Wölfe langsam auf sie zukamen...

 

Währenddessen lag das magische Schwert Adoras unweit vom Lager im Gras. Der glattgeschliffene Diamant blinkte und funkelte. Es lag immer noch an der Stelle nahe dem Rebellenlager, an der es Adora aus der Hand gefallen war, als der Wolf sie umgestoßen hatte.

Im Lager: Peekablue und Flutterina, die ja ebenfalls immer noch an einer Erkältung litten, lagen matt gegeneinander gelehnt an einer Zeltwand. „Ist dir auch so übel?“ fragte Flutterina lasch. „Was soll die Frage? Du hast mich doch angesteckt!“ kam es leicht entnervt von Peekablue zurück. Sie husteten.

„Oh, Kinder. Fühlt ihr euch immer noch nicht besser?“ Madame kam gerade vorbei und blieb vor ihnen stehen. Die beiden schüttelten schlaff die Köpfe. „Haben sie Adora gefunden?“ fragte Peekablue besorgt. Madame schüttelte noch besorgter den Kopf: „Nein, Kinder, leider noch nicht. Ach, ich hoffe sie finden sie bald... na ja, zum Glück ist aber momentan auch nichts von diesen unheimlichen Wölfen zu sehen.“

„Was sind das nur für Tiere?“ Flutterina grübelte, schloß dabei die Augen.

Madame Razz antwortete: „Nun, ich habe in meinen Büchern nachgesehen. Es sind sogenannte Jude-Wölfe. Sie leben in riesigen Rudeln in den tiefsten Tiefen der Wälder. Außer auf Etheria gibt es sie auch noch auf Eternia, Deeder und dem zweiten Mond. Aber eigentlich halten sie sich von Menschen fern...“

„Vielleicht hat irgendjemand sie angestachelt...“ brachte Flutterina ein und stöhnte erneut erschöpft. Madame Razz fühlte ihre Stirnen. Dann erschrak sie leicht: „Oh, Kinder, ihr glüht ja noch! Ihr geht sofort in eure Betten!“

Die beiden Heldinnen schüttelten die Köpfe: „Nein, Madame. Wir müssen aufpassen...“

Die Hexe stemmte die Hände in die Hüften: „Ich sag euch beiden was: Wenn ihr euch jetzt nicht ausruht, dann seid ihr auch nicht in der Lage uns vernünftig zu verteidigen. So, und jetzt ab in die Zelte!“ Sie hatte ja recht, dachten sich die zwei. Langsam trotteten sie auf ihre Zelte zu – ihr Gang war eher torkelnd, fand Razz. „Ich werde euch gleich einen Heiltrunk vorbeibringen!“ rief sie ihnen hinterher. Dann blieb sie stehen und überlegte: „Hach, da muß ich dann ja noch ein paar Kräuter sammeln. Der Rest ist für Adoras Drink draufgegangen...“ Also schnappte sich die quirlige Hexe einen geflochtenen Korb und rannte ein Stückchen weiter in den Wald. Dort zupfte sie die nötigen Kräuter für die Maramjan-Medizin.

Während sie zupfte, dachte sie verzweifelt: „Adora... was machst du für Sachen...?“ Sie rupfte eine Heegahn-Wurzel aus der Erde – die war gut für das Aroma. Sie stapfte durch das saftige Gras. Doch was war das?

„Oh – das Zauberschwert...?!“

 

Währenddessen brüllte Adora sich die Seele aus dem Leib. Die Wölfe kamen immer näher, das Knurren wurde lauter. Da sich die Prinzessin der macht nicht von der Stelle rühren konnte, war sie total nervös.

„Eric!! Eric!“ Sie drückte sich gegen die leuchtenden Ringe – keine Wirkung. „Verdammt! Dieser Hirni!“ Verzweifelt scheuchte sie die Wölfe mit hektischen Bewegungen ihrer Beine von sich. Doch diese Viecher ließen sich nicht so leicht verschrecken! Und was war mit Eric? Hatte er wirklich das vor, was Adora vermutete...?

„Dieser verdammte Querkopf... Kusch! Weg von meinem Stiefel!!“ Der Wolf knurrte. Was sollte sie tun? Nur ein Wunder konnte ihr aus dieser bedrohlichen Lage helfen! Jetzt hatten die ersten Tiere angefangen, an ihren Beinen zu schnuppern. Adora bereitete sich innerlich schon auf einen schmerzenden biss vor. Sie sah absolut keinen Ausweg. Sie rief erneut um Hilfe – natürlich keine Antwort. Drei der Wölfe stellten sich auf die Hinterbeine und kratzten an ihren Armen. Mit ruckartigen Körperbewegungen innerhalb der magischen Ringe versuchte sie, die Tiere abzuschütteln – vergebens.

„Okay, was mach ich jetzt? Brüllen? Scheint nichts zu nützen. Was bleibt da noch übrig?“ Wieder rief sie verzweifelt durch die Höhle. Gerade sprangen ihr zwei Wölfe entgegen, sie schloß die Augen – da wurden sie plötzlich zur Seite gedrückt und landeten wieder in der Menge! Ein junger Mann stand dort in der Herde. Er hatte kurzes, dunkelblondes Haar, Fellstiefel, trug dunkelbraune Fellshorts und ebenfalls braune Handschuhe. Auf der Brust prangte ein faustgroßes Symbol, das einen Wolfskopf darstellte. Außerdem war ein dunkelrotes Stirnband um seinen Kopf gebunden, die zwei Enden hingen bis zu seinen Schultern herunter. Er zückte ein kleines Schwert – und zerschlug die leuchtenden Ringe um Adora! Sie zuckte erschrocken zusammen, es ging alles so schnell! „Kommen Sie schon – oder wollen Sie hier bleiben?“ fragte er hastig, reichte ihr die Hand. Sie wusste nicht, was hier gerade passierte – aber erst mal musste sie hier raus! Sie reichte ihm ihre Hand und sprang aus der Meute. Die Wölfe schienen sichtlich verdutzt, sahen sich an. Der junge Mann und Adora rannten Hand in Hand durch die Höhle, hinein in den dunklen Gang! Sie rannten so schnell sie konnten. „Danke! Wer bist du?“ rief sie.

„Ich bin A.J. – aber ich glaub, das ist im Moment eher unwichtig!“ keuchte er, sah sich kurz um: Die ersten Wölfe hatten die Verfolgung aufgenommen! Draußen, vor der Höhle, kletterten sie sofort auf einen starken Baum – der einzige greifbare Ort, an dem sie die Wölfe nicht erwischen konnten. Sie saßen oben auf einem dicken Ast und keuchten erschöpft. Einige Minuten Stille, unten um den Baum herum versammelten sich die großen Wölfe. Ihr Augen glühten wieder rot.

Adora ergriff als erste wieder das Wort: „Okay – ich bedanke mich recht herzlich!“ Sie lächelte ihn an. „Ohne dich wäre ich verloren gewesen!“

„Ach was – du bist doch stark...“ auch er lächelte sie jetzt an, immer noch schweißgebadet.

„Mag sein, ja – aber jeder braucht mal Hilfe.“ antwortete sie zufrieden. Dann stockte ihr Atem: Eric! „Ich muß los!“

„W – was? Nicht bemerkt? Da unten ist alles voller Wölfe!“ stotterte er.

Adora drehte sich zu ihm um: „Hör zu: Ich glaube, dass Eric gerade eine große Dummheit begehen will! Ich muß ihn finden! Aber – wo könnte er sein?“ Sie knabberte nervös an ihren Nägeln.

„Die Carvan-Schlucht! Da gibt es unweit von hier einen Platz, direkt an der Schlucht, da war er öfters! Sein Lieblingsplatz, zum Nachdenken.“ meinte A.J. unruhig.

„Woher weißt du das?“ Adora stutzte.

A.J. antwortete gelassen: „Ich war sein einziger Freund.“ Adora blickte ihn an: „Darüber reden wir später. Wo ist dieser Platz?“

A.J. zeigte in eine Richtung. Er erklärte rasch, dass an besagtem Platz eine äußerst seltsame, brusthohe Blume wachse, die A.J. sehr verehrte. Darum sei er öfters dort gewesen. Adora hatte genug gehört – die Zeit drängte! Zu Boden konnte sie sich hier nicht lassen, die aufgeregten Wölfe fletschten schon wieder die Zähne! Also schwang und sprang sie mühsam von Baum zu Baum. Das machte sie nicht so oft – deshalb rutschte sie auch einige Male fast ab! Doch es gelang ihr, so die Wölfe abzuschütteln. Als keines der Tiere mehr zu sehen war, sprang die mutige Blonde zu Boden. Sofort rannte sie los und erreichte schon bald die Carvan-Schlucht. Die Schlucht war nicht besonders lang, oder breit, aber extrem tief! Ganz unten verlief der Swyp River, ein breiter reißender Fluß. Carvan war eine tiefe Felsspalte, die sich mitten in den Tiefen des Waldes kurz entlangschlängelte. Adora blieb abrupt stehen.

„Oh – vorsicht!“ ermahnte sie sich selbst und trat einige Meter zurück. Sie sah sich hastig um. Da! Eric! Er stand nur einen Meter vom Abgrund entfernt, vor ihm diese seltsame große Blume. Adora rannte zu ihm. Als sie hinter ihm stand, begann sie vorsichtig: „Eric?“ Er drehte sich erschrocken um. „Was machst du hier, Adora?“

„Ich lasse mich nicht unterkriegen – ganz im Gegenteil zu dir! Was tust du hier? Läufst du weg?“ ihre Stimme klang kühl. Irgendwie wusste sie auch nicht, wie sie sich verhalten sollte.

„Weglaufen? Sicher!“ antwortete er.

„Aber warum, Eric? Es gibt so vieles was du tun kannst! Und dazu brauchst du mich nicht!“ Doch er schüttelte nur den Kopf: „Doch, Adora, doch! Ich brauche dich!“

„Rede dir solchen Mist nicht ein, du verbohrter Holzkopf!“ fuhr es ihr heraus. Vielleicht war es aber sogar gut, dass ihr das so drastisch herausgerutscht war, denn Eric blickte sie jetzt deutlich aufmerksamer an: „Ich bin wohl wirklich ein Idiot...“

„Könnte man so sagen, ja!“ gab sie ihm recht. „Ich verstehe nicht, warum du dich so benimmst! Weißt du noch damals, als du zu uns kamst? Da hattest du doch einen Plan für deine Zukunft! Du wolltest Hufschmied lernen, dann nach Kylington gehen und dort eine eigene Schmiede aufmachen! Warum hast du das alles aus den Augen verloren?“

Er erinnerte sich: „Ich weiß nicht, Adora... ich hatte mich so in dich verliebt... Du...“

„Aber Eric! Ich habe dir ein klares ‚Nein’ gegeben! Du musst das akzeptieren! Aber du darfst nicht zulassen, dass dich so was aus der Bahn wirft!“ schob Adora schnell ein. Er nickte. Dann sah Adora auf die große Blume zwischen ihnen: Sie blühte wunderschön in goldenen Farben. „Was ist das für eine?“ fragte sie.

„Ich habe sie gezüchtet. Ich habe sie ‚Adora’ genannt.“ erklärte er mit gesenktem Kopf.

Adora musste stöhnen, verdrehte die Augen. Dann nahm sie seine Hand und drückte sie: „Hör zu, Eric... was hälst du davon, wenn wir sie umbenennen?“ Sie blickte ihn an. Würde er es jetzt endlich kapiert haben? Sie schwieg, war innerlich aber ziemlich aufgewühlt.

Erleichterung stieg in ihr auf als er nickte und sagte: „Wie wär’s mit ‚Goldrush’?“ Sie lächelte. „Adora – es... es tut mir leid. Ich – ich habe mich in etwas festgebissen! Aber du hast mir die Augen geöffnet...“

„Endlich hast du’s!“ freute sie sich. Und er scheinbar auch – trotzdem blickte er beschämt zu Boden.

„Weißt du was, Eric?“ fuhr sie ruhig fort. „Früher fand ich dich immer ziemlich ätzend, ziemlich nervig. Aber seit eben – mag ich dich ein Stückchen mehr.“ Sie lächelte ihn sanft an. Er lächelte zurück. „Gehen wir.“

In diesem Moment rutschte Eric auf dem Kies aus, kippte nach hinten und rutschte über die Klippe! Blitzschnell schmiss sich Adora nach vorne und hielt seine Hand fest! „Eric!“

„Adora... Adora!“ Verdammt, warum war sie ausgerechnet heute krank? Dieser verdammte Erkältung ließ nicht zu, dass sie ihre volle Kraft benutzen konnte! Und ihr Schwert hatte sie auch nicht dabei! Verkrampft hielt sie Erics Hand. Er baumelte über dem Abgrund, Steinbrocken fielen schon hinunter. Je länger Adora ihn festhielt, desto mehr rutschte sie dem Abgrund näher.

„Adora! Hör zu...“ rief Eric von unten zu ihr hoch. „Lass mich los! Sonst stürzen wir beide hinunter, hörst du? Bitte!! Bring dich in Sicherheit!“

Sie keuchte: „Vergiss es, Eric! Ich lasse dich nicht los! Das ist nicht – mein – Stil!“ Mit allerletzter Kraft richtete sie sich auf und zog Eric mit einem Ruck zu sich hoch! Er klammerte sich ängstlich an den Fels und stemmte sich ab. Als er wieder oben neben ihr auf der Felskante kniete, sah er sie erschöpft an und sagte: „Du bist wirklich eine starke Frau – in jeder Hinsicht...“ Sie winkte prustend ab, mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen. Dann fiel ihr A.J. ein! Der arme Kerl!! Ohne ein Wort rannte sie zurück in den Wald – sie musste ihm auch noch helfen, egal wie erschöpft sie war! Wie sollte er ohne ihre Hilfe jemals da weg kommen, wo doch diese mysteriösen Wölfe den Baum belagerten?

Adora hastete durch das Dickicht. Plötzlich prallte sie fast mit Madame Razz aneinander! „Madame?! Was – was machst du denn hier?“ fragte Adora verdutzt.

„Ich habe dich auf eigene Faust gesucht, Kindchen, denn habe etwas gefunden, das dir gehört... und ich dachte, es würde mich vielleicht zu dir leiten...?!“ Madame Razz zog das Zauberschwert hervor. Adoras Augen leuchteten bei diesem Anblick! „Danke, Madame!“ jauchzte sie und hob das Schwert sogleich gen Himmel – keine Zeit verlieren! „Bei der Ehre von Grayskull...“ Goldfunkelnde Blitze zuckten um sie herum auf, ein Schleier aus blauen Sternchen umhüllte Adora! „Ich bin She-Ra!!“

 

Als She-Ra den Baum erreicht hatte, auf dem sich A.J. immer noch in Sicherheit befand, war die Meute Wölfe immer noch dort! Sie hatten den Baum komplett umzingelt und wuselten auch noch in der näheren Umgebung herum.

„Hey, Jungs!“ rief She-Ra in das Gewusel hinein, die Tiere drehten sich sofort zu ihr um, einige kamen ihr bereits schnappend entgegen! Okay, jetzt musste es klappen, dachte She-Ra. Es musste einfach! Sie schloß die Augen und berührte einen der Wölfe am Rücken. Sie legte ihre Hände auf sein struppiges Fell. Zu ihrer Erleichterung glühten ihre Finger auf, der Wolf griff sie nicht weiter an, sondern blieb ganz ruhig stehen, senkte sogar den Kopf. Ihr braucht keine Angst vor uns Menschen zu haben, dachte She-Ra. Ihre Gedanken beruhigten den Wolf. Sie spürte, wie sich seine negative Energie allmählich in positive umwandelte. Er schien genau diesen beruhigenden Satz gebraucht zu haben! Wir werden euch nicht stören, dachte She-Ra noch weiter. Dann öffnete sie die Augen. Und sie stellte mit Freude fest, dass das rote Leuchten in den Augen des Wolfes erloschen war. Das Tier wandte sich um, blickte die anderen an. Sie schienen sich per Gedanken und per Mimik untereinander zu verständigen dachte She-Ra, als auch das Rot in den Augen der restlichen Wölfe verschwand. Plötzlich verhielten sie sich ziemlich friedlich.

Sag ich doch, dachte She-Ra erleichtert bei sich: Sie brauchten nur jemanden, der ihnen ihre Angst nimmt...

A.J. sprang vom Baum. „Danke – wer immer du auch bist!“ Er lächelte.

She-Ra stellte sich rasch vor, erklärte, Adora habe Eric beruhigen können und wäre mit ihm schon längst im Lager der Rebellen. Doch als die beiden dort ankamen, hatte niemand Eric gesehen (einige wussten allerdings auch nicht mehr, wer das überhaupt war). She-Ra ging in ihr Adoras Zelt. Pya schlief noch immer. Morgen würde sie sie an die Hand nehmen und nach Hause bringen. Doch was war das? Ein Brief?

She-Ra nahm den sorgfältig gefalteten Zettel vom Nachttisch. Sie faltete ihn auseinander und las ihn aufmerksam:

Liebste Adora. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Durch dich habe ich erkannt, endlich erkannt, was ich für ein Trottel gewesen bin. Ich weiß nicht, ob du mir verzeihen kannst. Ich werde deinen Rat befolgen, ich werde mein eigenes Leben leben. Aber dafür muß ich weg von hier. Ich werde vielleicht noch einmal eine Hufschmiedlehre beginnen – aber vielleicht werde ich auch Gärtner, oder so was... Ein Wort noch: Ich liebe dich immer noch – aber jetzt auf eine völlig andere Weise. Leb wohl.

Eric

Eine winzig kleine Träne floss ihr über die Wange, die sie sofort abwischte. Dann lächelte sie. Eric hatte ihr bewiesen, dass er sich ändern konnte, denn: Als er über dem Abgrund hing, wollte er, dass sie ihn losließ, um sie zu retten. Das zeigte ihr, dass er erkannt hatte, wie falsch seine Entscheidung gewesen war, sich an etwas festzubeißen. Er sollte sein Leben jetzt neu beginnen. Aber auch nach dieser Erkenntnis hoffte She-Ra, dass sie ihn nicht wiedersehen müsste...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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