Ghetto-Style

Ich hatte gerade an der Halte Goltz- Ecke Grunewaldstraße angelegt und war bester Laune. Nach drei Stunden Arbeit hatte ich bereits 78 Euro in der Kasse und da es Freitagabend war, konnte ich noch mit so einigen Touren rechnen. Normalerweise brauchte man für so einen Umsatz die doppelte Zeit, also war ich ziemlich entspannt und hatte mich, ohne viel darüber nachzudenken, an besagten Taxihalteplatz gestellt, obwohl neun Uhr abends nicht unbedingt die beste Zeit für diesen Ort war.

Vor mir stand noch ein Berlin-Taxi vom Innungsfunk als ein etwa 30-jähriger Türke aus der Goltz um die Ecke bog und zielstrebig auf meinen Wagen zuging. Es war nichts ungewöhnliches, daß manche Fahrgäste Großraumtaxen verschmähten, außerdem konnte es ja auch sein, daß der Wagen vor mir ein Nichtraucher war oder daß sein Fahrer finster dreinblickte. Also nahm ich an, daß meine Glücksträhne sich nun fortsetzen würde. Bevor er einstieg, richtete er mit fragendem Blick den Zeigefinger auf mich und ich winkte ihn heran. 

Anhand seiner Kleidung und seiner Gestik war mir gleich klar, daß es sich um einen ziemlich "coolen" Typen handeln musste. Die Coolen zeigten sich nicht immer von ihrer freundlichsten Seite, um besonders hart rüberzukommen. Auch fuhren sie meistens nicht besonders weit, aber so lange Zeche prellen nicht angesagt war, war mir das egal, zumal an einem Tag wie heute. Der Türke setzte sich auf die Rückbank. Ich begrüßte ihn freundlich, ließ ihn antworten und erkundigte mich dann nach dem Fahrziel. Er erwiderte mit gesenkter Stimme: " Hmmmmmm, gute Frage. Fahr erstmal los!". Er deutete geradeaus. Eigentlich sollte man sich sowas als Taxifahrer nicht gefallen lassen und solche Leute gleich wieder rausschmeissen. Ich erwartete ja eh nicht viel von meinen Fahrgästen, aber wissen, wo sie hinwollen, sollten sie schon.

Aber wie schon gesagt, hatte ich an diesem Abend beste Laune und fuhr wie befohlen los und zwar Richtung Bayerischer Platz. Ich vermutete zunächst, daß es zu seiner coolen Masche gehörte, nicht gleich sein Fahrziel preiszugeben. Ecke Martin-Luther wollte er dann rechts abbiegen. Nach einigen Minuten bat er mich, das Radio auf Kiss FM um zustellen. Das war auch so ein cooler Sender und ich glaubte bereits zu wissen, wie die Fahrt weiter verlaufen würde. Alle Anzeichen sprachen für eine Ghetto-Rundfahrt, wie ich diese Touren gerne bezeichne: Ein obercooler Türke, kein festes Fahrziel und dann noch Kiss FM! Ich hatte schon einige von diesen Ghetto-Rundfahrten gemacht. Ausländische Jugendliche fahren Zichten paffend durch ihren Kiez, machen krasse Sprüche, kontrollieren irgendwelche Gangtreffpunkte, rufen gutaussehenden Mädchen Anmachen hinterher und hören dabei Kiss FM. Meistens kommen sie sich dann vor wie üble Gangster aus Rap-Videos. Und siehe da, just in diesem Moment steckte sich mein Fahrgast eine Zigarette an. Allerdings war er eigentlich ein bißchen zu alt für so eine Ghetto-Tour und außerdem noch ganz alleine. Trotzdem stand mein Urteil fest und ich beschloß mitzuspielen, denn wenn man die Musik nur laut genug drehte und sich unbeeindruckt von ihrem Benehmen zeigte, hatte man mit solchen Fahrgästen nur selten Probleme. 

Ein wenig überrascht war ich schon, als er an der Urania nicht links abbiegen wollte. Ich hatte eigentlich fest mit einer Ku´damm-Tour gerechnet. Erst als wir kurz vorm Großen Stern waren, bequemte er sich zu einer neuen Anweisung: „Fahr mal Richtung Beusselstraße!", brummte er, weil er wohl keine Lust mehr hatte, an jeder größeren Kreuzung "Geradeaus!" zu sagen und besonders schnell fuhr ich bis dahin ja auch nicht, um jederzeit für einen Kurswechsel bereit zu sein. Ich umkurvte also die Siegessäule und fuhr auf der Altonaer Richtung Moabit weiter. Moabit war zwar auch ein Ghettopflaster, aber irgendwie glaubte ich nicht mehr an eine Rundfahrt dieser Art.

Als wir hinterm Hansaplatz waren, fragte er auf einmal: "Sach mal, die Funkzentrale, weiß die eigentlich immer, wo sich jedes Taxi befindet?" . Ein wenig Neugier klang aus seiner Frage hervor, aber er sprach natürlich sehr cool und es hörte sich fast schon ein bißchen bedrohlich an. Irgendwie wurde mir der Typ auf einmal sehr unsympatisch. Was sollte ich darauf antworten?

"Ja!", sagte ich einfach und fügte noch hinzu: "Die weiß das immer ganz genau.". Die Antwort schien ihm nicht auszureichen, denn er hakte nach: "Und woher wissen die das? Musst Du Dich immer melden?" Warum zum Teufel stellte der Hund bloß solche Fragen? Falls er mich überfallen wollte, wären Fragen dieser Art ziemlich bescheuert gewesen. Aber es gibt ja ´ne Menge bescheuerter Leute. "Das Fahrzeug wird über Satellit überwacht.", gab ich gelassen zurück. "Außerdem muss ich hin und wieder eine bestimmte Nummer anrufen." Das stimmte zwar nicht ganz, aber ich wollte ihm unmißverständlich mitteilen, daß es schon jemand bemerken würde, falls bei mir im Taxi etwas nicht stimmte. Und da ich während der Fahrt schon einige Male mit meinem Telefon herumgefummelt hatte, um mich bei der Auftragsvermittlung an- und abzumelden, bei der ich seit kurzem teilnahm, klang die Geschichte mit dem Telefon obendrein noch recht plausibel. 

Schweigend fuhren wir weiter zur Beusselstaße und diese dann in ihrer gesamten Länge hinauf. Als wir Höhe Sickingenstraße waren, fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen: Das war ein Knacki! Der wollte bestimmt nach Plötzensee und traute es sich nicht zu sagen, damit ich ihn überhaupt mitnahm. Ich hatte schon mal einen Freigänger hierhergefahren und zwar einen Asiaten, der am Forumhotel eingestiegen war. Der hatte zwar schon vorm Losfahren gesagt, wo er hinwollte, allerdings war er auch ziemlich extrovertiert, denn er hatte mir die ganze Fahrt erzählt, was für ein gefährlicher Messerstecher er sei. Und vor kurzem hatte ich einen langhaarigen Biker-Türken, was an sich schon was besonderes ist, von Charlottenburg nach Spandau gebracht. Er wollte in irgendeine Winzstraße in Hakenfelde, deren Namen ich noch nie gehört hatte und erst kurz vorm Ziel rückte er mit der Sprache raus, daß er eigentlich zu einer JVA um die Ecke wollte. 

Na ja, so einer war das bestimmt auch. Mein Verdacht erhärtete sich: Wir überquerten die Beusselbrücke und näherten uns gerade der Kreuzung mit dem Goerdelerdamm. Na also! Zum Flughafen wollte der Typ bestimmt nicht. Und sonst war hier doch nichts außer dem Knast. Nach dem Überqueren der Autobahn wollte ich schon links rüber, um in den Friedrich-Olbricht-Damm abzubiegen, da tönte es von der Rückbank: "Dreh mal hier um. Ich hab noch was an der Tankstelle zu erledigen.". Meine Güte, der Typ machte es wirklich spannend. "Dann fahr ich zu der Tanke an der Ecke hier, ja?" Ich nickte mit dem Kopf in Richtung der Freien Tankstelle, die direkt hinter uns lag. "Nein, Nein. Fahr mal zur BP in die Beusselstraße!"

Also wieder zurück! Na ja, vielleicht will man ja als Freigänger jede Sekunde Ausgang nutzen. Möglicherweise fehlten ihm noch ein paar Minuten bis Toresschluß. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, daß es kurz nach halb Zehn war. Ich war fest davon überzeugt, daß er nach dem Tankstellenbesuch wieder nach Plötzensee wollte. Also fügte ich mich in mein Schicksal und kehrte zur Tankstelle Ecke Wittstocker Straße zurück. Ich stellte mich direkt vor die elektrischen Schiebetüren des Tankstellenshops. Dort stand ich zwar ein bisschen im Weg herum, aber ich konnte zumindest meinen Fahrgast im Auge behalten. Immerhin waren mittlerweile schon fast 15 Euro auf der Uhr. Der Türke sprang wortlos aus dem Wagen und verzog sich in die Tankstelle. Nach einigen Minuten kam er wieder und wirkte sehr beschäftigt. 

Er hielt etwas in der Hand und fummelte angestrengt daran herum. Als er näher kam, konnte ich erkennen, daß er mit einem Springermesser herumhantierte. Auf einmal wurde mir etwas mulmig angesichts dieses seltsamen Verhaltens. Was hatte der bloß vor? Als Freigänger sollte man diese Art von Spielzeugen eigentlich nicht mit sich herumtragen dürfen. Ich musste wohl ein bisschen komisch geguckt haben, jedenfalls fragte er mich beim Türöffnen mit provozierendem Blick und frechem Unterton: "Alles klar bei Dir?" "Klar", erwiderte ich ohne zu zögern und mit festem Blick in seine dunklen ausdruckslosen Augen.  Er flezte sich auf die Rückbank und meinte nur: "Dann können wir ja weiter."

"Wohin willst Du eigentlich?", fragte ich so beiläufig wie ich nur konnte. Warum sollte es einen Taxifahrer auch interessieren, wohin sein Fahrgast möchte? "Ach weißt Du, es gibt hier irgendwo in Moabit so einen Nachtclub, heißt Tabu-Bar. Da muss ich hin." Also doch kein Freigänger! Aber immerhin wusste ich schon mal ein wenig mehr. Vielleicht hätte ich einfach früher nachfragen sollen? "Tja, den kenn ich nicht. Die Coco-Bar in der Turmstraße meinst Du nicht zufällig?" "Nein, Nein. T-A-B-U-B-A-R!" Er sagte das, als würde ich kein deutsch verstehen. "Ich könnte ja mal über Funk nachfragen.", bot ich hilfsbereit an. "Vielleicht weiß die Zentrale ja..." "Nein, Nein.", unterbrach er mich. "Laß mal, wir finden das schon. Fahr mal hier links hoch und dann nachher an der Ampel rechts rein." Der Gedanke, daß ich Kontakt zur Zentrale aufnahm, schien ihm nicht zu gefallen. Das machte ihn mir noch verdächtiger. Der Typ strapazierte meine Geduld, aber bis jetzt war er ja relativ friedlich geblieben. Also kein Grund, die Nerven zu verlieren. Ich tat, wie mir befohlen wurde und bog wieder in die Beusselstraße Richtung Norden und nach ein paar hundert Metern rechts in die Siemensstraße. Von wegen Knacki! in den Puff wollte er. 

Nun fing er wieder damit an, mit seinem Springermesser herumzufummeln. Ich konnte nicht genau erkennen, was er da auf der Rückbank trieb, aber solange er an den Sitz gelehnt blieb und sich nicht nach vorne beugte, sah ich keinen Grund, etwas zu unternehmen. Aus den Augenwinkeln sah ich nur, wie er eine Plastikverpackung mit seinem Spielzeug öffnete. Irgendwas stimmte mit dem nicht. Möglicherweise hatte er vor, mich zu überfallen und wollte mich mit seinen Spielchen nervös machen. Aber wäre es nicht besser, sein Opfer in Sicherheit zu wiegen, um dann überraschend zuzuschlagen? Bis jetzt war er extrem gelassen geblieben, also tat ich es ihm gleich, zumindest äußerlich. Wer zuerst lacht, hat verloren! 

Trotzdem beschloss ich, auf Nummer Sicher zu gehen und griff nach meinem Portemonnaie im Ablagefach der Fahrertür. Mein Fahrgast beschäftigte sich sehr ausgiebig mit seinem Mobiltelefon und beachtete mich kaum. Ohne meine Geldbörse aus dem Fach zu nehmen, fingerte ich einen Fünfziger und einen Zwanziger heraus und ließ die Scheine in meiner Hosentasche verschwinden. Falls er wirklich hinter meinen Kröten her sein sollte, würde ich ihm einfach das geleerte Portemonnaie übergeben und hätte zumindest meine Tageseinnahmen gerettet. Anscheinend hatte er meine Aktion nicht bemerkt und tippte noch immer auf seinem Handy herum. "Wo soll denn die Bar hier sein?", fragte ich ruhig und mit einem fast herablassendem Unterton. Das konnte ich mir jetzt, da ich mein Geld in Sicherheit gebracht hatte, leisten. "Fahr hier einfach rechts!", murmelte er gelangweilt. und ohne von seinem Telefon aufzuschauen. Ob er sein Springermesser wieder eingesteckt hatte, vermochte ich nicht zu erkennen, dazu war es zu dunkel. 

Also bog ich in die nächste Straße ab. Es war die Emdener. Aber auch dort keine Spur von der Tabu-Bar. Als wir an die Turmstraße kamen, murmelte er wieder was von rechts, was ich gerne befolgte. Ich war froh, wieder in einer etwas helleren und belebteren Straße unterwegs zu sein, auch wenn das einen nicht unbedingt vor einem Überfall schützte. Nach einer Minute waren wir wieder an der Beusselstraße und ich bremste ein wenig, um neue Instruktionen abzuwarten. Doch mein Passagier schien das nicht zu bemerken, sondern konzentrierte sich voll auf das Telefon in seinen Händen. Was trieb er da bloß? "Und wo geht´s jetzt lang?", riss ich ihn aus seiner Trance. "Kennst Du Mierendorffplatz?", warf er mir entgegen.  "Ja."  "Dann fahren wir dahin!"

Zum Mierendorffplatz fuhr man um diese Zeit vier oder fünf Minuten. Aber Moabit war das nicht mehr. Einerseits war ich froh, klare Anweisungen zu haben und nicht an jeder Kreuzung blöd nachfragen zu müssen. Andererseits schien mein Fahrgast auch nicht so genau zu wissen, was er am Mierendorffplatz eigentlich sollte und auch ich kannte in Charlottenburg-Nord kein Etablissement, das ihn hätte zufriedenstellen können. Außerdem führte der Weg dorthin durch eine ziemlich verlassene Industriegegend. Die Möglichkeit, daß er finstere Absichten hegte, hatte ich noch nicht ganz ausschließen können. Der Taxameter zeigte gerade 20 Euro an. Ich hoffte nur, daß der Kollege auch zahlungswillig war. Also ging die Reise ins Ungewisse weiter: Huttenstraße, Neues Ufer, Sickingenstraße, Gaußstraße, Lise-Meitner-Straße. 

Mir kam es wie eine Ewigkeit zum Mierendorffplatz vor. Jedesmal, wenn wir eine Stelle passierten, die mir günstig für einen Überfall erschien, machte ich mich bereit, einen Angriff von hinten abzuwehren. Doch er rührte sich überhaupt nicht. Es machte den Eindruck, als sei es ihm völlig egal, wo ich hinfuhr. Als er am Mierendorffplatz immer noch nichts sagte, bog ich kurzer Hand rechts ab und fuhr einfach die Osnabrücker bis zum Tegeler Weg entlang, um dort abermals rechts abzubiegen. Als die S-Bahnbrücke am Bahnhof Jungfernheide in Sicht kam, sagte er endlich wieder etwas: "Fahr mal hier rechts!" Den Spruch kannte ich schon. Also kurvte ich in die Olbers. 

Falls er versuchte, mein Nervenkostüm zu zerstören, war er auf einem ganz guten Weg dahin. Wollte er mich überfallen, oder mich einfach nur verarschen und am Ende seiner mittlerweile 25 Euro langen Rundfahrt die Zeche prellen? Vielleicht hatte er auch zu viel Geld und wollte sich die Zeit vertreiben? Ich hatte noch nie was von dieser Bar, zu der er wollte, gehört und langsam zweifelte ich ernsthaft daran, ob sie überhaupt existierte. Darüberhinaus kamen wir nun wieder in eine recht verlassene Gegend. Wenn er ernst machen wollte, dann wurde es langsam Zeit. Ich konnte die Ungewissheit kaum ertragen. Ich lauschte angestrengt nach hinten, um auch nur die kleinste Regung meines Fahrgastes mitzubekommen. Plötzlich bewegte er sich hektisch. Ich rechnete mit dem Schlimmsten.

Doch er grunzte nur erleichtert und sagte: "Mann, ich bin doch echt zu blöd, diese Telefonkarte anzumelden. Dabei steht doch drauf, wie es geht." Das war also des Rätsels Lösung. Mir fiel ein Stein vom Herzen. "Und? Hat es geklappt?", heuchelte ich Interesse. "Ja, ja. Jetzt funktioniert es." Ich hatte den Eindruck, daß er so langsam von seiner obercoolen Welle runterkam. Er schaute orientierungslos aus dem Fenster. Jetzt, da seine Telefonkarte angemeldet war und er wieder Verbindung zu seinen Brüdern hatte, wandte er sich erneut der Suche nach unserem Fahrziel zu. Hoffte ich zumindest. Und ich hoffte auch, daß er sein Messer wirklich nur für die eingeschweißte Telefonkarte rausgeholt hatte. 

"Wo sind wir hier?", fragte er streng. "In der Sickingenstraße.",gab ich gelassen zurück. "Soll ich wieder Richtung Beusselstraße fahren?" "Ja, ja. Dann gucken wir da noch mal." So nahm unser kleiner Ausflug nach Charlottenburg ein Ende und wir kehrten wieder nach Moabit zurück. Ich wusste immer noch nicht, ob ich den Typen als gefährlich einstufen sollte, oder nicht. Da riss er mich aus meinen Gedanken: "Hast Du schon mal so einen Fahrgast wie mich gehabt? Einen, der nur so durch die Gegend fährt und was sucht?" Was sollte das denn jetzt? Eigentlich machte er nicht den Eindruck, an meinen Fahrgasterfahrungen interessiert zu sein. Ich vermutete eher, daß er jetzt ein wenig Selbstbestätigung haben wollte. Ich entschied mich für eine möglichst coole Antwort: "Jaaa, ist schon ein paar Mal vorgekommen.", gab ich gelangweilt zurück. Er sollte sich nur nichts einbilden auf seine blöde Masche! Aber irgendwie musste ich noch seinem Gangster-Ego schmeicheln. Zu gewöhnlich sollte er sich ja auch nicht vorkommen, sonst fühlte er sich noch provoziert, weitere Messerspielchen zu veranstalten. Also fügte ich noch hinzu: "Aber nicht besonders häufig!". Ich hoffte, das stellte ihn zufrieden.

Er fing schon wieder an, unruhig herumzukramen. Während ich durch die Sickingenstraße Richtung Beusselbrücke raste, versuchte ich im Rückspiegel zu erkennen, was er dort trieb. Doch es war viel zu dunkel dazu. In dieser Gegend gab es nur unbeleuchtete Fabrikhallen und Gebäude aus der Gründerzeit. Und die jämmerlichen umgerüsteten Gaslaternen flimmerten nur so vor sich hin, ohne wirklich viel Licht abzugeben. Er kramte noch ein wenig weiter und beugte sich dann zu mir nach vorne. Komm´mir nur nicht zu nahe, dachte ich mir gerade noch. In diesem Moment segelte ein Fünfziger auf die Mittelkonsole. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Ich sagte nichts und wartete ab. Sollte doch alles noch ein gutes Ende nehmen? Als ihm klar wurde, daß ich mich nicht regen würde, sagte er gönnerhaft: "Das ist für Dich."

Ich griff nach dem Geldschein. Ganz gelassen und langsam natürlich, so als hätte ich nichts anderes erwartet in diesem Moment und legte ihn in den unbenutzten Aschenbecher, damit er nicht auf den Boden fiel. Ich tat dies, um nicht zu geldgierig zu erscheinen und um  ihm damit die Illusion zu nehmen, als könnte er mich mit seinem Geld nervös machen. Natürlich konnte er das, aber die Fahrt war noch nicht zu Ende, also konnte ich mir das Scheinchen ja nicht gleich in die Geldbörse stecken. Außerdem musste er ja auch nicht erfahren, wo ich meine Kasse aufbewahrte, auch wenn sie nur noch halbvoll war.  Falls er wirklich vorhatte, mich auszurauben, würde er seinen Fünfziger bestimmt auch gleich wieder mitnehmen. Also maß ich diesem Akt der Bezahlung keine allzu große Bedeutung zu, obwohl ich zugeben muss, daß mir die Fünfzig Euro in meinem Aschenbecher schon lieber waren, als in seiner Hosentasche. Ich wollte es aber auch nicht als Signal der Entspannung deuten. "Danke Dir!", sagte ich knapp. Heute zeigte ich mich wirklich von meiner coolsten Seite!

Wir näherten uns der Beusselstraße. Mittlerweile schon zum vierten Mal. Alleine das wäre bei einer Tour schon erwähnenswert gewesen. Ich hatte fast schon vergessen, daß wir auf der Suche nach der Tabu-Bar waren. "Und wie jetzt weiter?", fragte ich. "Fahr mal geradeaus!" - "In die Siemens?" - "Ja, ja." Da waren wir zwar schon mal gewesen, aber das war mir jetzt auch nicht mehr wichtig. Sollte er doch sagen, wo er lang wollte! Ich fuhr weiter geradeaus. Am Thai-Puff und dem Autohandel vorbei, vorbei an der Emdener, in die wir vorhin abgebogen waren, und vorbei am Unionplatz. Ab hier nannte sich das Ganze Quitzowstraße. Unter der Putlitzbrücke murmelte er: "Hier auf der rechten Seite muss es gleich sein." Ich fuhr ein wenig langsamer. Auf einmal schien er sich richtig gut auszukennen. An der übernächsten Ecke sah ich es tatsächlich auch schon rot leuchten. Als wir näher kamen, konnte ich die Leuchtschrift erkennen: "TABUBAR" Ein rotes Neonleuchtband zog sich um das gesamte Eckhaus, einen der typischen Berliner wilhelminischen Altbauten. Selbst die Fensterrahmen funkelten sündhaft in die trostlose Nachbarschaft heraus. Sämtliche Jalousien waren heruntergelassen. Der Laden machte fast einen geschlossenen Eindruck, aber man wollte sich wohl nur vor neugierigen Blicken von der Straße schützen. Ich erhoffte nichts sehnlicher, als das baldige Ende meiner Odysee.

"Na endlich.", tönte es von hinten, "park mal hier irgendwo!" Was hieß hier parken? Ich wollte eigentlich nicht mit ihm da reingehen. Vor einiger Zeit hatte ich mal einen Fahrgast, der ganz erpicht darauf war, mich in den Puff einzuladen. Aber selbst mit dem war ich nicht mitgegangen. Ich bremste ab, um meinen Rundfahrer vor der Tabubar abzuladen. "Nein, nein.", rief er hektisch, "Nicht hier. Park mal da vorne!" Er deutete auf die gegenüberliegende Ecke. Es gab hin und wieder solche Fahrgäste, denen es peinlich zu sein schien, von anderen beim Aussteigen aus dem Taxi beobachtet zu werden. Bei einem Puffbesuch war das vielleicht noch nachvollziehbar, aber wenn sich die Leute selbst vor Restaurants oder Kneipen so verhielten, konnte ich das nicht wirklich verstehen. Und mein Fahrgast sah eigentlich nicht wie jemand aus, der etwas auf das Urteil seiner Umgebung hielt, zumal hier eh niemand unterwegs war und auch aus der Tabubar niemand herausblicken konnte. 

Nichtsdestotrotz fuhr ich ein paar Meter weiter und parkte an der besagten Ecke. In der freudigen Erwartung, endlich abzurechnen und den Typen loszuwerden, knipste ich das Innenraumlicht an und wollte gerade den Taxameter auf Kasse schalten, als es aus ihm hervorbrach: "Ey, kein Licht hier! Das ist viel zu auffällig!" Also jetzt übertrieb er wirklich ein bisschen mit seiner Geheimniskrämerei. Ich machte das Licht wieder aus. Er machte keine Anstalten, innerhalb der nächsten Zeit aussteigen zu wollen. Er schaute nervös aus dem Fenster, lehnte sich zurück und fragte ohne Regung in der Stimme: "Hast Du mal ´ne CD-Hülle für mich?" Darauf konnte ich mir nun gar keinen Reim mehr machen. Ich brummte kurz bejahend und zog aus dem Fach der Mittelkonsole eine der CDs heraus, die ich mir für die Fahrt eingepackt hatte. "Aber die brauche ich noch.", sagte ich nebenbei. Ich hatte nicht die geringste Idee, was er vorhaben könnte. Vorsichtshalber wollte ich noch die CD herausnehmen, um ihm dann die leere Hülle rüberzureichen. Nicht, daß noch eine meiner Country-CDs kaputtging!

Als er das bemerkte, raunte er wirsch: "Laß´ die ruhig drin, Du kriegst sie ja gleich wieder!" Ich klappte die Hülle wieder zu und gab sie ihm. Kaum hatte er sie in der Hand, fing er erneut an, umständlich herumzukramen und warf mir dabei einen Blick zu, den ich eindeutig als ´Guck mal lieber woanders hin´- Aufforderung verstand. Also drehte ich mich wieder Richtung Lenkrad und versuchte ihn zu vergessen. Nach einer Weile beschwerte er sich schon wieder: "Das ist viel zu hell hier an dieser Ecke!". Meine Güte, dieser Typ war echt anstrengend. "Soll ich noch eine Runde um den Block drehen?", erkundigte ich mich mit zuckersüßer Stimme. "Ja, ja. Das ist gut. Fahr mal.". Ich parkte wieder aus und fuhr die Quitzowstraße hinunter, bis sie in die Perleberger mündete. Dort bog ich rechts ab bis wir an der Rathenower ankamen. Da sich die Tabubar Quitzow- Ecke Rathenower Straße befand, wollte ich hier abermals rechts abbiegen, um die Runde um den Block zu beenden.

Als ich den Blinker setzte, schreckte er von seinem Herumgewurschtel auf der Rückbank auf und sagte nervös: "Nein! Hier noch nicht. Fahr mal eine größere Runde!". Das war also die Strafe dafür, daß es vorhin so gut gelaufen war. Das Schicksal holt einen halt immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Selbst falls er später anstandslos zahlen sollte, dürfte diese Tour nervenraubender als eine ganze normale Schicht mit normalen Fahrgästen gewesen sein. Ich schaltete den Blinker wieder aus und fuhr die Perleberger bis zu ihrem Ende an der Stromstraße hinunter, um dort rechts abzubiegen. Hinter der Birkenstraße schlängelte ich mit dem Taxi durch die Stephanstraße zur Rathenower zurück. Kurz vor der Tabubar gebot mir mein Fahrgast zu halten. Ich stoppte den Wagen an einer sehr dunklen Stelle und wartete ab. Er schien seine Aktivitäten beendet zu haben und saß ganz ruhig da. Ich schaute nach vorne und sagte nichts. Dann war es soweit. Der Typ atmete ein paar Mal ein und aus und dann hörte ich ihn. Nicht mal einen Meter schräg hinter mir ertönte ein langgezogenes, intensives und fast schon gieriges Schniefen. Nicht besonders appetitlich, wenn sich jemand mit aller Gewalt die Nase hochzieht. 

Das war es also. Ich hätte mit sowas rechnen sollen. Ich kann kaum in Worte fassen, wie ich von der Schäbigkeit des Daseins schockiert war. Diese Ungeniertheit! Ich würde mich noch nicht mal trauen daran zu denken eine Taxe zu nehmen, wenn ich nach zu viel Saufen das Gefühl hätte, mich gleich übergeben zu müssen. Und selbst das wurde oft genug gemacht, weil die Leute einfach keinen Anstand haben. Oder sie ihre Selbstbeherrschung über Bord geworfen haben. Aber im Taxi zu koksen, das musste doch nun nicht sein. So was kann man doch nun wirklich zu Hause machen! Oder wenigstens im City-Klo. Aber nein, jeder lebt sich aus wie er will und ob sich davon jemand belästigt fühlen könnte, ist doch egal. 

Mein Fahrgast seufzte erleichtert, richtete sich wieder auf und lehnte sich scheinbar sehr entspannt zurück. Er reichte mir die CD-Hülle, die er als Aufsaugfläche mißbraucht hatte, sauber gewischt zurück. Ich nahm sie wortlos in Empfang und steckte sie wieder in die Mittelablage. `Nun steig endlich aus!`, dachte ich mir. Da klingelte sein Telefon. Das Gespräch dauerte etwa eine Minute. Er sprach türkisch und das einzige Wort, das ich verstand, lautete Tabubar. Als er aufgelegt hatte, sagte er: "Wir müssen noch mal eine Runde fahren!" - "O.K.", seufzte ich und fuhr wieder an, um noch einmal das schöne Moabit bei Nacht zu bewundern. Während wir die Runde drehten, wurde er wieder gesprächig:

"Was studierst Du?". Ich fragte mich, wie mir die Leute immer wieder ansahen, daß ich was mit der Uni zu tun haben könnte. Ich sah weder besonders jung noch intellektuell aus. Ich trug weder lange Haare noch eine Nickelbrille, es lagen keine Bücher im Taxi herum und meinen Studentenausweis hatte ich auch nicht an die Scheibe geheftet. Aber selbst der Koksbruder hatte es herausgefunden. "Ich bin gerade fertig geworden. Hab´ Politik studiert.", gab ich zur Antwort. "Politik?", erwiderte er, "Interessant!" - "Ja-, sehr interessant.", sagte ich. "Und was machst Du jetzt?", bohrte er weiter. "Ich suche gerade einen Job.", antwortete ich einsilbig. Dieses Thema konnte ich überhaupt nicht leiden. "Ach, da hast Du studiert und jetzt gibt´s keine Arbeit für Dich außer Taxifahren?", echauffierte er sich künstlich. "Tja, so ist das Leben.", gab ich zurück. Dieser Typ war wirklich einmalig. 

"Und Du, was arbeitest Du?". Das interessierte mich wirklich sehr. Ich lernte ja nicht jeden Tag einen Kokser kennen, obwohl es davon mehr gibt als man denken würde. "Ich?... Ach, ich krieg Sozialhilfe, weißt Du. Und nebenbei verticke ich noch ein bisschen was.", murmelte er fast kleinlaut. "Aha!", sagte ich trocken. Es war bestimmt mehr als ein bisschen, wenn er sich solche Taxitouren erlaubte, nur um ein Bordell zu suchen. Er hätte ja auch in die Hohenstauffenstraße laufen können. Mittlerweile schwitzte ich nicht mehr um meine Kohle. "Und was für Drogenerfahrungen hast Du so?", erkundigte er sich vorsichtig. Ich bin mir sicher, er hätte mir einen guten Preis gemacht, falls ich was gebraucht hätte. "Ach weißt Du, ich bin schon bekifft, wenn ich nur mal eine Zigarre rauche.", gestand ich ihm. "Jaaa?", fragte er ungläubig, "Du ich hab noch ein paar Zigarren zu Hause. Kubanische weißt Du?". Nee, wusste ich natürlich nicht, aber ich hätte es mir fast denken können. "Ja, das sind die besten.", erwiderte ich fachmännisch und hoffte, seine Geschäftsanbahnungsversuche damit beendet zu haben. 

Mittlerweile waren wir fast schon wieder bei der Tabubar angelangt. "Kannst Du mir noch mal die CD geben?", fragte er. Das konnte doch nicht wahr sein. Wie lange sollte das noch dauern? Ich gab ihm die CD, obwohl ich ihn hätte rausschmeißen und mit dem Fünfziger abhauen sollen. Verdient gehabt hätte er das. Das ganze Trauerspiel, inklusive Schniefen, wiederholte sich. Wenigstens dauerte es diesmal nicht so lange wie bei seiner ersten Line, denn er hatte anscheinend alle seine Utensilien einsatzbereit. Als er fertig war, wischte er die CD-Hülle sauber. Die Uhr war gerade auf 30 Euro gesprungen. Ich ließ den Wagen an die Ecke rollen, genau vor den Eingang des Clubs. Ich wünschte mir nichts weiter, als ihn loszuwerden. Nicht zuletzt, weil ich keine Ahnung davon hatte, wie das Kokain bei ihm anschlagen würde. Käme er in Blutrausch, sähe es womöglich schlecht für mich aus.

"Gibst Du mir Deine Telefonnummer? Dann rufe ich Dich nachher an, wenn ich nach Hause will.", schlug er mir geschäftstüchtig vor. Anscheinend wurde er jetzt zutraulich. Ich bin immer viel zu freundlich zu den Menschen. Ich hätte den drogengeilen Bock in die Spree werfen sollen. Auf Stammgäste dieser Art konnte ich verzichten. Ich nannte ihm einfach eine falsche Rufnummer, weil ich ihn nicht mehr ertragen konnte. Er speicherte die Zahlen in sein Handy ein. "Wie heisst Du?", fragte er. "Alexander.", sagte ich zähneknirschend. Ich war innerlich so angespannt, daß ich fast ins Lenkrad gebissen hätte. Er tippte noch ein paar Mal herum und sagte dann: "Warte mal kurz!". Es schien, als wollte er noch jemand anrufen.

 So ein verdammter Mist! Er wollte doch nicht etwa ausprobieren, ob er mich erreichen würde? Er hatte ja vorhin gesehen, daß ich mein Telefon dabei hatte. Da hatte ich mich ja wieder mal für oberschlau gehalten! Nicht mal einen Junkie konnte ich für dumm verkaufen. Als ich ihn wieder türkisch quatschen hörte, atmete ich auf. Anscheinend war er doch vertrauensseliger, als ich gedacht hatte. Das Telefongespräch dauerte nicht lange. "O.K. Ich ruf Dich an!", sagte er, als er fertig war. Daraufhin streckte er seine offene, linke Hand nach vorne. Sein cooler Blick verriet mir, daß kein Trinkgeld drin war. Zumindest damit hatte ich recht behalten. Ich gab ihm das Restgeld, erwiderte seinen Blick und nickte ihm noch mal zu. `Dich will ich nie wiedersehen!`, dachte ich mir. Er hievte sich aus dem Taxi. Daß er auf seinem Sitz jede Menge Papierschnipsel hinterließ, war mir egal. 

Hinter ihm tauchte eine weitere Gestalt aus dem Dunkel auf. Für einen kurzen Moment schrillten meine internen Alarmglocken noch mal auf. Gegen zwei von dieser Art wollte ich mich nicht wehren müssen. Mein Bremsfuß lockerte sich. Doch die beiden begrüßten sich nur cool und friedlich, während meiner die Tür schloß. Von außen. Gott Sei Dank! Also war ich ihn wirklich los und um 30 Euro Umsatz reicher. So richtig freuen konnte ich mich noch nicht darüber. Aber das kam noch. Als ich wieder in die Quitzow einbog, schaltete der Taxameter auf Frei und die Fackel auf dem Dach leuchtete wieder auf. Die zwei Lederjacken betraten den Puff. Ich gab Gas. Heute würde ich bestimmt über 200 machen.

 

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