Nur wer`s
Maul hält darf leben
Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob es ein Funk- oder ein Säulenauftrag war. Jedenfalls holte ich diese unscheinbare Frau mittleren Alters irgendwo in der Nähe vom Richard-Wagner-Platz oder dem Schloss Charlottenburg ab. Sie hatte den Abend anscheinend bei einer Freundin oder einer Bekannten verbracht, denn vor der angegebenen Haustür erwarteten mich zwei Frauen und als ich dort hielt, verabschiedeten sie sich voneinander. Während die eine der beiden wieder im Hausflur verschwand, kam die andere auf mein Taxi zu, öffnete die rechte hintere Tür und machte es sich im Fond bequem.
„Guten Abend“, sagte ich als wohlerzogener
Berliner Taxifahrer, obwohl ich mal in einem Knigge gelesen hatte, daß
eigentlich derjenige zuerst grüssen muß, der neu irgendwo hinzukommt. Eine
Benimmregel, an die sich die meisten Menschen auch halten, zumindest wenn sie
ein Geschäft, ein Büro oder einen Warteraum beim Arzt betreten. Beim
Einsteigen in ein Taxi schien diese Regel nicht allzu große Beachtung zu
finden, aber vielleicht lag das ja auch an der Schnoddrigkeit der Berliner oder
der Anonymität der Großstadt. Ich selber grüßte ja beispielsweise den
Busfahrer auch nicht ausdrücklich, wenn ich eine der 162 Buslinien der Stadt
benutzte, obwohl das in Westdeutschland durchaus üblich war. Aber ich nickte
dem Fahrer immer freundlich zu, damit er sich nicht so nutzlos vorkam, vor allem
seitdem man nicht mehr zu jeder Tageszeit die Fahrkarte beim Einsteigen
vorzeigen musste.
Einige Leute jedenfalls meinten anscheinend, daß man
den Taxifahrer, so wie eben den Busfahrer oder auch den Lokführer gar nicht
beachten müsste, aber vielleicht hatten diese Menschen auch einfach nur
Hemmungen. Man glaubt gar nicht, wie viele Menschen mit Hemmungen durch die
Gegend rennen.
Wenigstens antwortete mein Fahrgast relativ
freundlich auf meinen Gruß:
„Guten Abend. Ich
möchte zur Hoeppnerstraße.“
So was! Schon wieder einer von denen, die mir
irgendeine kleine Miststraße um die Ohren hauen und denken, man müsste die als
Kutscher ja sowieso kennen. Meistens war es in solchen Fällen auch noch eine
ziemlich kurze Tour, die man abbekommen hatte, denn warum sollte man als
maulfauler Mensch dem Taxifahrer noch weitere Hinweise zukommen lassen, wenn
sich das Fahrtziel eh im gleichen oder maximal dem Nachbarkiez befand? Außerdem,
wenn der Idiot mit seinem Taxi hier in der Gegend unterwegs ist, warum sollte
man ihm da noch eine benachbarte, größere Straße nennen, der muss
das doch wissen!
Also durchforstete ich rasend schnell meinen Schädel,
ob nicht irgendwo in Charlottenburg eine Hoeppnerstraße zu finden sei. Nein.
Nichts. Keinen blassen Schimmer! Da musste ich wohl noch mal nachfragen. Da
jedoch diese Schicht bisher nicht besonders ertragreich gewesen war und ich
ohnehin von einer Kurztour um die Ecke in irgendeine mistige Sackgasse hinter
der Oper oder eine verfluchte verkehrsberuhigte Zone beim Savignyplatz ausging,
gab ich mir keine besondere Mühe und fragte nicht etwa wie ein vorbildlicher
Dienstleister: ‚Oh, diese Straße ist mir momentan entfallen. Seien Sie doch
so freundlich und geben mir noch einen genaueren Hinweis, damit ich weiß, wie
ich Sie am schnellsten ans Ziel bringen kann. Könnten Sie mir nicht eine andere
Straße oder einen Platz in der Nähe als Anhaltspunkt nennen?‘ Sondern ich
knurrte nur gelangweilt:
„Wo issn die?“
„Na in Tempelhof.“, schallte es von der Rückbank
leicht schnippisch und mittelmäßig beschwipst zurück, als ob ich nicht nach
einer versteckten Tempo 30-Zone, sondern nach dem Zentralflughafen gefragt hätte.
Tempelhof? Na, das war ja gar nicht mal so
eine kurze Tour! Könnten glatt 25 bis 30 Mark werden, das war doch
ausnahmsweise mal eine angenehme Aussicht. Trotzdem brachte mich das nicht viel
weiter, abgesehen davon, daß ich nun wußte, mich eher Richtung Polen als
Richtung Spandau halten zu müssen, denn auch der Hinweis auf den zugehörigen
Bezirk -und damals war Tempelhof noch ein richtiger Bezirk- ließ mir die Lage
der Hoeppnerstraße nicht gerade wie den Blitz bei einer Radarkontrolle
aufleuchten. Na ja, immerhin war es eine anständige Tour und so überwand ich
meinen inneren Schweinehund und fragte ein weiteres Mal, diesmal aber etwas umgänglicher:
„Von wo geht denn die Hoeppnerstraße ab?“
Empört erwiderte daraufhin mein angeheiterter
Fahrgast:
„Wie??? Das wissen Sie nicht?“
Nein, obwohl ich schon fünf Jahre in Berlin Taxi
fahre, kann ich mit Ihrer blöden Hoeppnerstraße rein gar nichts anfangen, aber
ich hatte ja deswegen schon mal nachgefragt, wo die is, doch dank Ihrer
exzellenten Auskunft war ich dummerweise nicht imstande, die verdammte
Hoeppnerstraße zu lokalisieren. Zumal ich mir ja nicht sicher sein kann, daß
ein Fahrgast, selbst wenn es sich dabei um eine höchst charmante Person wie Sie
handelt, wenn er Tempelhof sagt, auch wirklich Tempelhof meint und nicht etwa
Kreuzberg oder Schöneberg oder Neukölln oder nur den Ortsteil Tempelhof oder
Marienfelde oder Lichtenrade. Ich würde überhaupt keine mistige Straße
finden, wenn sich jeder Kunde so unklar wie Sie ausdrücken würde! Hätte ich
am liebsten zu ihr gesagt. Tat ich aber nicht. Ich sagte gar nichts, denn Sprüche
wie ‚Was die kennen Sie nicht‘ oder ‚Sie sind doch der Taxifahrer‘ hatte
ich schon zu oft gehört, um mich noch wirklich darüber entsetzen zu können.
Nach einer kurzen Pause ergänzte sie schließlich:
„Das ist doch an der Manteuffelstraße, in der Nähe
vom Berlinickeplatz.“
Na bitte! Auf diese Information hatte ich gewartet.
Nun wusste ich endlich, wo es ungefähr hingehen sollte und in Nullkommanichts
war die Fahrtroute berechnet: Erstmal bis zum Ernst-Reuter-Platz, dann in die
Hardenberg runter zum Zoo, kurz rechts in die Joachimsthaler und gleich wieder
links in den Kudamm, Tauentzien, Kleist, dann rechts in die Martin-Luther, immer
geradeaus über Dominikusstraße, Sachsendamm und Schöneberger und dann, kurz
vorm Berlinickeplatz könnte ich ja die Sektdrossel da hinten nochmal fragen, wo
ihre Straße denn nun genau wäre.
„Ach sooo!“, sagte ich, als hätte ich nach mehrjährigem
Versuchen endlich den Satz des Phytagaros verstanden, „Alles klar, dann kanns
ja losgehen.“
Also gab ich meinem 124er die Sporen und setzte mich
in Richtung Ernst-Reuter-Platz in Bewegung, in der Hoffnung auf eine
unkomplizierte Fahrt, denn alleinfahrende, beschwipste, unscheinbare Frauen
mittleren Alters können mitunter durchaus kompliziert werden, und das nicht nur
als Passagiere im Taxi.
Zunächst schwiegen wir uns an, während im
Kassettenradio des Wagens irgendein alter Mix von mir leise vor sich hin
dudelte. Kurz nachdem wir die Bahnbrücke beim Bahnhof Zoo unterquert hatten,
ging es dann los:
„Sagen Sie, tragen Sie etwa eine Glatze?“
Also so eine blöde Frage hört man selbst als
Taxifahrer selten, war die etwa schon blind von ihrem Schwips? Ich war erst kurz
vor meiner Schicht beim Friseur gewesen und damit niemand merkt, daß meine
Kopfbehaarung, obwohl ich noch nicht mal 30 war, an einigen Stellen schon stark
nachläßt, lasse ich den Friseur oder noch lieber die Friseuse meine Haare auf
einen halben Millimeter stutzen. Das passte nicht nur gut zu meinem
slawisch-turkmenischen Schädel, sondern war auch noch pflegeleicht.
Und die fragt mich ernsthaft, ob ich eine Glatze
trage? Man stelle sich nur vor, ich würde einen behinderten Fahrgast, dessen
Faltrolli ich gerade im Kofferraum verstaut habe, fragen: ‚So, und Sie können
nicht laufen?‘. Oder einen schwulen Nachtschwärmer auf dem Weg von der
Mr.Lack- und Lederwahl zum Nollendorfplatz: ‚Tragen Sie wirklich
Gummistrapse?‘ Oder ein Callgirl unterwegs zum nächsten Termin: ‚Sie sind
ja leicht bekleidet, wird Ihnen da nicht kalt?‘ Ich meine, manche Dinge sind
einfach so offensichtlich, daß man eigentlich nicht danach fragen müsste.
Wahrscheinlich hätte sie Telly Savalas die gleiche Frage wie mir gestellt,
darum gab ich nur beiläufig
„Na ja, ein paar Stoppeln sind noch dran.“ zur
Antwort.
„Und warum tragen Sie eine Glatze?“
Oh Mann, ich hatte echt keine Lust, mit einer
angetrunkenen Endvierzigerin über Haarmode zu diskutieren. Daher erwiderte ich
kurz angebunden lediglich:
„Es gefällt mir halt so.“.
Das war möglicherweise nicht die beste Antwort, um ihr klarzumachen, daß mich das Thema nicht interessierte, aber mir wurde so eine blöde Frage ja auch nicht jeden Tag gestellt. Beim Thema ‚Unser liebes Wetter‘ war ich schon wesentlich erfahrener. Immer wenn mir ein Fahrgast ein Gespräch über das Wetter aufdrängen wollte, beispielsweise mit den Worten: ‚Das ist ja wieder ein Wetterchen heute‘, sagte ich einfach, ‚Tja, das hat die gemäßigte Klimazone mit Kontinentaleinfluß halt so an sich‘, und schon war das Thema abgehakt. Aber auch beim Frisurthema hätte ein sensibler Fahrgast nach meiner zweiten einsilbigen Antwort sicherlich die Konversation abgebrochen oder zumindest nach einer Schweigepause ein anderes Thema angeschnitten. Und selbst wenn ihr das Thema Frisuren so wichtig erschien, hätte sie ja versuchen können, die Problematik von einer anderen Seite zu beleuchten, zum Beispiel hätte sie sagen können: ‚Nun, mein Mann‘, oder ihr Bruder oder Schwager oder sonstwer, ‚trägt seine Haare so und so. Wie würden Sie denn das finden?' Aber nichts da! Möglicherweise motivierte sie meine barsche Antwort, auf jeden Fall bohrte sie weiter:
„Aber wenn Sie so
eine Frisur tragen, dann möchten Sie doch damit etwas ausdrücken, eine
bestimmte Weltanschauung beispielsweise!“
Sie behauptete das wirklich, nicht der geringste
fragende Unterton war in ihrer weinseligen Stimme zu vernehmen.
Daher wehte der Wind also! Nicht etwa der zwanghafte
Versuch einer Kontaktaufnahme, nein nein nein, ich hatte es hier anscheinend mit
der Toskanafraktion bei der politischen Missionsarbeit zu tun. Also darauf hatte
ich nun wirklich gar keinen Bock, noch viel weniger als auf ein Gespräch über
Mode oder so was. Darum sagte ich einfach, noch etwas barscher als vorher:
„Ich wüsste nicht, daß meine Frisur für etwas
anderes steht außer für sich selbst!“
Mist. Falsche Antwort. Das spürte ich sofort.
Wahrscheinlich war ihr das zu zweideutig. Besser wäre es gewesen, sich gleich
dafür zu entschuldigen, sich des Hochverrats an unserer schönen
multikulturellen Gesellschaft überhaupt verdächtig gemacht zu haben. Oder ich
hätte sagen sollen, ich sei doch auch am 9. November bei der Lichterkette gegen
Rassismus dabeigewesen, oder noch besser, ich hätte gleich meinen türkischen
Pass aus der Hosentasche gezogen und mich als Opfer geoutet, dann wäre sie
vermutlich ruhig geblieben. Doch das ging alles nicht, denn ich hatte das
Wochenende vom 9.11. lieber in Polen bei Feunden verbracht, um mit denen ein
paar Flaschen Wodka zu leeren und das mit dem Pass ging auch nicht, weil ich bis
zu meiner Einbürgerung bei meinem Vater im Ausweis stand und gar kein eigenes
Dokument hatte. Aber es war schon zu spät, um noch etwas hinzuzufügen und
darum sagte ich gar nichts mehr. Denn kaum hatte ich zu Ende gedacht, da
schnellte es schon aus ihr heraus, wie aus einer Pistole geschossen:
„Sind Sie etwa ein Rechtsradikaler?“
In ihrer Stimme war der süffisante einem besorgten
Unterton gewichen. Das war wirklich die Höhe! Ich hatte mir von Fahrgästen
schon eine Menge anhören müssen. Einer beschimpfte mich mal als miesesten
Taxifahrer der Stadt und ein anderer behauptete, in meinem Wagen stänke es nach
Alkohol. Aber mir auf eine so plumpe Art und Weise beweisen zu wollen, zum
„Wehret den Anfängen!“ -Teil der Gesellschaft zu gehören, das schockierte
mich wirklich. Daraufhin konnte ich erstmal gar nichts mehr sagen und überlegte
ernsthaft, ob ich nicht den Rest der Fahrt einfach die Schnauze halten und später
irgendwo auf dem Sachsendamm stoppen und wortlos im Plan nachsehen sollte, wo
denn die blöde Hoeppnerstraße sein könnte. Oder ich könnte ganz gnadenlos
anfangen zu Berlinern, damit sie mich für einen sowjetzonalen Bauerntölpel hält
und ihre Vorurteile bestätigt sieht. Ich würde ihr einfach erzählen, daß ich
aus Überzeugung nur Broiler und Kettwurst statt Döner Kebap äße und daß in
der DDR alles viel sicherer vor ausländischen Diebesbanden gewesen wäre, das
hatte mir tatsächlich ein Fahrgast aus Altglienicke mal aufgetischt, insofern hätte
ich seine Meinung einfach nur weitergegeben und nicht mal gelogen. Vermutlich wäre
sie dann schockiert, aber ich hätte sie zumindest kolossal verarscht und könnte
mich später halb totlachen.
Aber stattdessen machte ich eine große Dummheit. Ich
nahm sie ernst. Nicht wirklich ernst, aber viel
zu ernst für irgendeinen Fahrgast, der einfach nur von Charlottenburg nach
Tempelhof wollte. Man sollte als Taxifahrer seine Passagiere einfach nicht zu
ernst nehmen. Natürlich sollte man höflich sein und so, keine Umwege fahren
und wenn man was gefragt wird, freundlich antworten und ansonsten dem Fahrgast
mit seinem Gepäck oder beim Ein- und Aussteigen behilflich sein. Aber das, was
der Fahrgast erzählt, oder besser gesagt, was manche Menschen während einer
Fahrt im Taxi so ablassen, an Geschichten, an Sprüchen oder an Ansichten, das
sollte eigentlich so wie das Motorengeräusch ins eine Ohr rein und aus dem
anderen wieder rausgehen, ohne daß man sich das alles allzusehr zu Herzen
nimmt. Auf gar keinen Fall sollte man
über Politik oder Politisches sprechen, das geht nämlich meistens in die Hose,
außer man hat dieselbe Meinung wie der Fahrgast. Aber das weiß man ja vorher
nie, denn anders als bei den Bundestagsfahrten, bei denen man als Taxifahrer
vorher erfährt, welcher Abgeordnete kommt und welcher Partei er angehört, weiß
man dies bei den normalen Fahrgästen nicht. Also kann man sich auch nicht
vorher überlegen, über welche Themen man spricht, ob es einem egal ist, worüber
der Fahrgast reden möchte, oder ob man sein Maul überhaupt nicht aufmacht,
wenn es nicht nötig ist.
Letzteres wäre in diesem Fall wohl das Beste
gewesen, aber ich bildete mir ein, ich könnte ihr eins auswischen und ihr ihre
eigene Selbstgerechtigkeit vor Augen führen und darum entgegenete ich mit
zynischem Unterton:
„Ach, und ich dachte, die Zeiten, in denen man in
Deutschland anhand von Äußerlichkeiten gewertet wird, sollten nicht mehr
wiederkehren?“
Ha! Das saß! Damit hatte sie nicht gerechnet, von
einem blöden Taxifahrer mit Glatze solch eine Antwort zu bekommen. Das war zu
viel für sie. Dachte ich zumindest. Aber weit gefehlt! Wie konnte ich nur
annehmen, daß meine gesellschaftspolitisch engagierte FahrgästIn so schnell
ihre Aufklärungsarbeit bei den ungebildeten Bevölkerungsschichten beenden würde!
Aber immerhin blieb sie erstmal still und ließ mich meinen triumphalen
Gegenschlag geniessen. Doch kurz vor dem KaDeWe ging es wieder los:
„Gibt es denn irgendeinen Grund dafür, daß sie
rechtsradikale Ansichten entwickelt haben?“, klang es auf einmal weniger
besorgt, aber dafür umso wißbegieriger vom Rücksitz. Na fein, der beschwipste
Volksgerichtshof hatte sein Urteil bereits gefällt, jetzt galt es nur noch, die
Motive für das entartete Frisurverhalten herauszufinden! Vermutlich hatte sie
meine rhetorische Frage als Schuldanerkenntnis bewertet und dachte, ich würde
mich genieren, von ihr enttarnt worden zu sein. Was sollte ich jetzt nur sagen?
Mich über ausländische Fahrgäste beklagen? Die gaben kaum Trinkgeld, aber
immerhin zahlten sie immer anstandslos, laberten einen nicht voll und fingen
auch nicht an, über die Fahrstrecke zu diskutieren. Oder vielleicht eine kleine
Haßtirade gegen die ausländischen Kollegen? Die schummelten häufiger auf dem
Funk und meldeten sich von irgendwo, wo sie gar nicht waren, nur um einen
Auftrag zu ergattern. Aber das hatte ich auch schon gemacht und außerdem konnte
man sich mit Türken, Polen oder Arabern an der Halte meist viel netter als mit
den deutschen Kollegen unterhalten, weil die Ausländer nicht so viel rumkotzten
und meckerten wie die Eingeborenen.
Doch irgendwie wäre mir das sowieso alles zu blöd
gewesen, denn langsam ging mir die Alte richtig auf die Nerven und nur die
Aussicht auf die dreißig Mark ließ mich noch höflich bleiben. Außerdem
wollte ich ihr noch richtig einen mitgeben für ihre bescheuerte,
pseudo-intellektuelle, arrogante Art. Als Politikstudent müsste ich dieser
Zicke, die sich ihre Meinung wahrscheinlich anhand irgendeines linksliberalen Käseblattes
bildete, argumentativ doch gewachsen sein. Dachte ich mir zumindest. Also
antwortete ich bockig:
„Ich weiß gar nicht, wie Sie darauf kommen, ich
sei ein Rechtsradikaler.“
Das warf sie in ihrer Anklage erst einmal zurück.
Aber wie gesagt, ich vergaß in diesem Moment alle Verhaltensregeln, die ich mir
im Verlauf meiner Taxifahrerkarriere aufgestellt hatte und ging darum gleich zum
Gegenangriff über:
“Und davon ganz abgesehen, es gibt genügend andere
Bedrohungen für unsere Demokratie als die paar versprengten Neo-Nazis, von
denen nicht einmal die Hälfte weiß, was Nationalsozialismus überhaupt
bedeutet!“
Das brachte sie nun richtig in Fahrt. Jetzt ging es
Schlag auf Schlag.
„Wie bitte?“ fragte sie bestürzt. „Was könnte
denn noch schlimmer sein als diese betrunkenen Glatzköpfe, die unschuldige
Menschen des Nachts durch die Straßen jagen?“
Wunderbar! Jetzt fing sie an, auf die emotionale
Schiene abzurutschen, bestimmt war sie schon kurz vorm Heulen. Ich durfte mich
nur nicht von ihrer Art anstecken lassen, sondern musste eiskalt weiter
argumentieren.
„Ich rede ja nicht von Straftaten, sondern von
Ideologie. Und da hat beispielsweise die PDS mit ihren ganzen SED-Kadern in
unseren Parlamenten bestimmt mehr Einfluß als irgendwelche Neo-Nazis.“
Jetzt hatte ich fast schon ein schlechtes Gewissen,
daß ich es ein wenig übertrieben hatte, denn ich hörte von hinten nur ein
nervöses Schlucken. Aber anscheinend hatte das weniger mit mir, als mit den
flambierten Weinbergsschnecken zu tun, die sie vorher verspeist hatte. Denn sie
interessierte sich überhaupt nicht für meinen steilen Satz, der bei Sabine
Christiansen vermutlich seine Wirkung nicht verfehlt hätte, aber bei mir im
Taxi im Nichts verhallte. Warum sollte sie mich überhaupt für voll nehmen?
Mrs. pc war doch auf Aufklärungsmission
unterwegs! Alles, was der glatzköpfige, rassistische Taxifahrer da vorne sagte,
diente nur zur Tarnung seiner braunen Gesinnung. Außerdem musste sie doch beim
nächsten Emanzenkränzchen vorweisen können, daß sie sich erfolgreich gegen
Intoleranz und faschistoide Tendenzen eingesetzt hatte. Wie hatte ich nur so blöd
sein können zu glauben, daß ich sie mit meinem Gewäsch hätte beeindrucken können!
Und spätestens jetzt wurde mir klar, daß mein Versuch, sie in eine
sachbezogene Diskussion zu verwickeln, kläglich gescheitert war:
„Es wird doch niemand gezwungen, Ausländern
hinterherzujagen! Und sie verteidigen diese Leute auch noch!“
Langsam machte ich mir ernsthaft Sorgen um mein
Trinkgeld. Warum hatte ich mich bloß darauf eingelassen? Ich hätte einfach
meine Schnauze halten sollen. ‚Nur wer´s Maul hält darf leben!‘ Den Satz
hatten neulich irgendwelche Autonome an eine Hauswand in der Nähe meiner
Wohnung gesprüht. Anscheinend galt dies nicht nur für entrechtete Indios in Süd-Mexiko.
Nun bekam ich wirklich schlechte Laune. Doch auch das war ein Fehler. Ich hätte
einfach laut auflachen und sagen sollen: ‚Ja, Sie haben recht. Ich bin ein
verfluchter Nazi. Und wenn ich Sie nicht getroffen hätte, dann wäre es mir
niemals klargeworden!‘. Stattdessen glaubte ich immer noch, ihr den Wind aus
den Segeln nehmen zu können und entgegnete:
„Es wird auch niemand gezwungen, nach Seattle,
Stockholm oder Genua zu fahren, um dort Randale zu machen!“
Das brachte sie nur noch mehr auf die Palme. Aber
mein Trinkgeld hatte ich eh schon verspielt, hoffentlich zahlte sie überhaupt
noch was. Da fiel mir ein, ich hatte ja immer noch keinen Schimmer, wo diese
mistige Hoeppnerstraße lag. Das konnte ja noch lustig werden! Doch wir waren
jetzt gerade auf der Dominikusstraße, dann hatte ich ja noch ein bischen Zeit,
und so überlegte ich, wie ich mich am besten aus der verunglückten Diskussion
retten könnte. Leider ließ mir meine PassagierIn dazu keine Gelegenheit:
„Das ist doch ganz etwas anderes! Die jungen Leute
fahren doch nur dahin, um zu demonstrieren. Und dafür werden sie noch von der
Polizei erschossen!“
Sachsendamm. Ich musste an den italienischen
Polizisten denken, der einen Globalisierungsgegner niederstreckte, weil ihn
dieser aus nächster Nähe mit einem Feuerlöscher angriff. Schöneberger Straße.
Ich verspürte keine große Lust, jetzt auch noch die Bullen gegenüber Frau
Linksruck zu verteidigen, denn immerhin hatten mich die Hunde erst letzte Woche
schon wieder geblitzt. Mit 67 bloß, ich hatte echt Schwein, daß die niemals in
der Nähe waren, wenn ich noch schneller fuhr, um pünktlich beim Kunden
anzukommen. Die Ampel an der Ringbahnstraße näherte sich. Scheiße, gleich
musste ich sie nach der bekloppten Hoeppnerstraße fragen. Aber vorher wollte
ich ihr noch ein anständiges Finale bieten:
„Ach, das heißt also, rechte Gewalt ist nur
schlecht, weil sie rechts ist und linke Gewalt finden Sie in Ordnung?“
Nun war ich wirklich gespannt, was sie auf meinen
letzten Schlag antworten würde. Ich war mir sicher, daß ich gleich noch einen
Hieb mit der Faschismuskeule abkriegen würde. Doch auch dieses Mal hatte ich
mich verrechnet. Wir näherten uns dem Berlinickeplatz und ich wollte gerade den
Blinker nach rechts in die Manteuffelstraße setzen, da bellte sie mich an:
„Ja wo fahren Sie überhaupt lang, Sie kennen sich
wohl gar nicht aus??? Läuft das Taxigeschäft so schlecht, daß Sie die Fahrgäste übers Ohr hauen müssen?“
Da hatte ich den Salat! Aber ich war ja selber
schuld, warum hatte ich sie überhaupt ernstgenommen? Der Fahrgast hat doch
immer recht! Jetzt hatte sie es natürlich gar nicht mehr nötig, auf meine
Frage zu antworten, sondern hatte den Spieß einfach umgedreht, ohne daß ich
etwas dagegen tun konnte. Aber einfach so runterputzen lassen wollte ich mich
auch nicht.
„Wieso? Sie sagten doch in der Nähe von
Manteuffelstraße und Berlinickeplatz und da
sind wir jetzt!“
„Boelckestraße!“, kreischte sie. „Boelckestraße
hatte ich gesagt! Und außerdem ist es ein Umweg über die Dominikusstraße. Man
muß die Kolonnenstraße nehmen!“
„Hätte ich auch gemacht, wenn Sie was von
Boelckestraße gesagt hätten, ham Sie aber nicht!“, protestierte ich. Doch
sie hörte schon gar nicht mehr zu, sondern jammerte vor sich hin:
„Man muss überall aufpassen, ständig wird man
beschissen!“. Und dann wieder etwas lauter und rüder: „Und am
Berlinickeplatz fahren Sie gefälligst links rum und hinter dem Tunnel gleich
wieder links. Und den vollen Fahrpreis zahle ich bestimmt nicht, hören Sie?“
Jetzt hielt ich wirklich mein Maul, ich wollte die Alte nur noch loswerden und dann ab nach Hause, oder wenigstens zur nächsten Tanke, um dort den Ärger mit Dr. Pepper runterzuspülen. Am Berlinicke bog ich links ab, fuhr unter Autobahn und Ringbahn durch, kurvte dann wieder links in die blöde Hoeppnerstraße und stoppte dann auf ihr Verlangen vor einem der typischen schmucklosen Tempelhofer 40er-Jahre-Bauten. Ich drückte auf Kasse und sagte gnadenlos:
„Siebenundzwanzig Mark Sechzig, bitte.“
Meine eisige Stimme schien sie ein wenig zur Räson
gebracht zu haben. Leicht verunsichert, aber trotzdem noch halb protestierend
klang es aus dem Fond:
„Und das
soll ich jetzt zahlen?“
Dieses Wesen war wirklich nicht zu ertragen. Erst ein
Riesenaufstand und dann weiß sie nicht mal, was sie überhaupt will. Was hätte
sie wohl gemacht, wenn ich wirklich ein brutaler Schläger-Nazi gewesen und
wegen ihr ausgeflippt wäre? Vermutlich hätte sie dann das Maul gehalten.
Jedenfalls klang ihre Frage nicht sonderlich rhetorisch und darum antwortete ich
gelangweilt:
„Ach, zahlen Sie doch was sie wollen.“
Mir war es wirklich gleich, wieviel sie zahlte. Ich
hatte das Spiel eh verloren, der Fahrgast sitzt halt am längeren Hebel, auch
wenn er dumm ist. Die Belastung meiner Nerven war sowieso nicht mit Geld
aufzuwiegen. Zu meinem Erstaunen zückte sie einen Zehn- und einen
Zwanzigmarkschein, gab mir beide und sagte:
„Stimmt so.“
Ich antwortete brav:
„Danke sehr.“, sortierte das Geld ordentlich in
meine abgeranzte Geldbörse ein und tat so, als hätte ich ihren „Es geht mir
ja nicht um das Geld, sondern darum, das alles seine Richtigkeit hat“-Blick
nicht gesehen. Ich sollte ihr also noch dankbar dafür sein, daß sie gnädigerweise
den gesamten Betrag zahlte und mich nicht dem Verfassungsschutz meldete. Und
dann noch 8,7 Prozent Trinkgeld, Mannomann, das war wirklich eine selbstlose
Person! Bevor sie angesichts meines Schweigens jedoch noch zu schnell wieder
Oberwasser gewann, entschloß ich mich, ebenfalls mit einer Geste der Überlegenheit
zu reagieren.
„Einen schönen Abend noch!“, rief ich ihr mit süßer
Stimme zu, kurz bevor sie die Tür zuknallen wollte. Das ließ sie nicht auf
sich sitzen. Hätte ich mir denken können. Sie hielt inne, beugte sich
nocheinmal in die Fahrgastzelle hinein und raunte mir mit mütterlicher Fürsorge
zu:
„Gleichfalls!...Und...Umdenken, mein Lieber!“