Ich zahl in Naturalien

Es war mal wieder einer von den Tagen, an denen gar nichts lief. Mit Mühe und Not hatte ich meine 200 Märker zusammengekratzt, aber jetzt hatte ich die Schnauze voll. Da mein Magen knurrte, war ich noch beim Döner am Nollendorfplatz vorbeigefahren und hatte mir einen Mexikobörek geholt. Den gab´s nur dort. Die Teigtasche war mit Tomaten, Käse, Paprika und Hähnchenbruststreifen gefüllt und war eine gute Alternative zum Kebap. Ihr Vorteil war, daß man sie bequem während des Fahrens aus einer Hand essen konnte. Sie kleckerte nicht und außerdem war kein Knoblauch dran. Dieser Knoblauchgeruch konnte sich ziemlich schnell im Taxi festsetzen. Und falls es notwendig wurde, konnte man den Mexikobörek auch schnell im Mittelkonsolenfach verschwinden lassen, um ihn dann, nachdem der Fahrgast wieder ausgestiegen war, zu Ende zu essen. 

Nach dem Stopp beim Döner, deren Angestellte mich schon kannten und gleich nach dem Mexkiobörek griffen, sobald sie mich erblickten, hatte ich noch an der Halte Nollendorfplatz die Lage sondiert, aber es war mir dort zu voll gewesen. Also hatte ich die nahegelegene Kurfürstenstraße angesteuert, um über diese am 90 Grad vorbei zur Uferstraße beidseits des Landwehrkanals zu fahren, der mich Richtung Heimat bringen sollte. Die Kurfürstenstraße verwandelte sich des nachts in Berlins berüchtigsten Straßenstrich. Dort bekam man(n) Minderjährige, Drogenabhängige und sowieso die heruntergekommensten Prostituierten der Stadt zu extrem niedrigen Preisen. Nur ganz am Anfang der Kurfürsten und in der Einem standen halbwegs normale Mädchen herum.

Früher wurden auch die Querstraßen nördlich der Kurfürsten als Strich genutzt. Doch seitdem der Senat diese Nebenstraßen mit einem nächtlichen Durchfahrverbot belegt hatte, verlagerte sich das Gewerbe auf die umliegenden Hauptstraßen, die natürlich nicht so ohne weiteres abgesperrt werden konnten. In der Kurfürstenstraße, selber eine Hauptdurchgangsstraße zwischen Zoo und Potsdamer, hatte sich nichts verändert. Freier mit bizarrem Geschmack kamen hier nach wie vor auf ihre Kosten. Lolitas, Hausfrauen, Schlampen und Transsexuelle: Hier war fast alles zu haben, was abseits des Mainstream lag und sich auf Ku´damm, 17. Juni oder Oranienburger Straße nicht blicken lassen konnte.

Ich war so konzentriert darauf, nicht in eines der vielen, urplötzlich abbremsenden und wieder beschleunigenden Freierautos hineinzufahren, daß ich sie fast nicht bemerkt hatte. Ein unauffällig gekleidetes, dralles Mädchen stand zappelnd am Straßenrand. Ich hielt an und sie setzte sich auf den Beifahrersitz.  Ich hatte es kaum für möglich gehalten, heute noch einen Fahrgast zu ergattern. "Hallo!", begrüßte ich sie. "Hallo. Nimmst Du mich mit zum Tresor? Ich habe aber kein Geld dabei. Mein Freund wartet dort und bezahlt dann auch.", prustete sie aufgeregt los. Das war nicht unbedingt die Sorte Fahrgast, die ich mir erhofft hatte, aber zweifelsohne gliederte sie sich gut in den Tagesdurchschnitt ein. "Ja, kann ich machen.", gab ich skeptisch zurück. Aus irgendeiner Eingebung heraus beschloss ich,  den Taxameter gar nicht erst einzuschalten. Am Tresor würde ich dann einfach fünf Mark, die Gebühr für eine Kurzstrecke, von dem Typen, sofern er wirklich da sein sollte, verlangen. Auch den Börek hielt ich entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten in der Hand und ließ ihn nicht in der Mittelkonsole verschwinden. Da das Geschäftliche geklärt schien, nahm ich einen weiteren Biss. 

Als wir gerade in die Potsdamer abgebogen waren, wandte sie sich zu mir und bat mich mit mitleidserregendem Blick: "Lässt Du mich auch mal abbeißen? ich hab´ so einen Hunger!". Es war nicht gerade meine Art, mir mit wildfremden Leuten meinen Börek zu teilen. Aber mein Hunger war einigermaßen gestillt und wenn sie schon so leidvoll fragte. Also bot ich ihr den Rest meines Mexikoböreks an. Ohne zu zögern, griff sie zu und fing an, das Ding zu verspeisen. Genüsslich mampfend, erklärte sie mir ihre Lage: "Diese ewige Rumsteherei macht ganz schön müde. Ich hatte schon sieben Kunden heute weißt Du, ich bin schon richtig wundgefickt. Und außerdem bin ich auch noch schwanger, da hat man eh immer Hunger!". Von letzterem hatte ich schon gehört. Doch ihr übriges Geständnis überraschte mich ein wenig. Erst jetzt bekam ich mit, daß es sich bei ihr um eine der Prostituierten handelte. Bis dahin hatte ich nur Damen der besseren Strichs im Taxi gehabt. Die waren immer extrem herausgeputzt und einparfümiert. Auch den Nutten aus Tanzbars oder Wohnzimmerpuffs merkte man ihre Profession immer irgendwie an. Aber bei ihr? Sie war zwar keine hässliche Erscheinung, aber fast schon gammlig angezogen. Sie trug Jogginghosen und ein ziemlich weites Sweatshirt. Vielleicht, weil sie schwanger war, wenn das überhaupt stimmte. 

"Hoffentlich lassen die mich überhaupt in den Tresor ´rein, ich bin noch gar nicht volljährig,", hörte ich sie neben mir, halb fragend, sagen. Ich musterte sie. Besonders alt sah sie nicht aus, aber auch nicht besonders jung. Ihre Augen blickten ausdruckslos auf die vor uns liegende Potsdamer Straße. "Wie alt bist Du denn?", fragte ich. "Sechzehn.", erklärte sie kauend. "Und in welchem Monat bist Du?", bohrte ich weiter. "Im dritten!", erklärte sie mit etwas weniger vollem Mund. Den Rest des Weges an der Philharmonie vorbei und durch die riesige Baustelle am Potsdamer Platz mit ihren halbfertigen Hochhäusern legten wir schweigend zurück.

Als ich vorm Tresor anhielt, blickte sie ratlos auf die wenigen Gestalten, die vor dem Eingang in der Leipziger Straße herumlungerten. Ich ahnte Schlimmes. Und sie bestätigte meine Erwartungen: " Du ich hab´ Dich angelogen. Ich hab´ gar keinen Freund.", gab sie kleinlaut von sich. Mehr brauchte sie nicht zu sagen, der Rest der Wahrheit war grausame Logik. Kein Freund - kein Geld! Wie gut, daß ich die Uhr nicht eingeschaltet hatte, so konnte ich mir wenigstens sparen, diese Fehlfahrt aufzuschreiben und meinem Chef zu melden. "Und nun?", fragte ich ruhig. Mittlerweile hatte sie den Mexikobörek vertilgt. Jeder andere Taxifahrer hätte jetzt wahrscheinlich einen furchtbaren Wutanfall bekommen und die Kleine zum Teufel gejagt. Aber ich hatte schon seit Stunden die schlechte Geschäftslage schicksalsergeben hingenommen. Die dadurch bewirkte dauerhafte Absenkung meines Adrenalinspiegels ließ es einfach nicht zu, daß ich mich jetzt echauffierte und sie des Wagens verwies. 

Irgendwie tat sie mir natürlich auch leid, aber andererseits hatte sie mit ihren sieben Kunden vermutlich schon mehr Umsatz gemacht als ich und hätte die fünf Mark ruhig entbehren können. Aber wenn sie so einen Hunger hatte, daß sie sogar meinen angebissenen Mexikobörek verschlang, hatte sie vielleicht doch nicht so viel Kohle zur Verfügung? Wer weiß schon, was ihr Zuhälter so verlangte? "Bringst Du mich zum Kit-Kat-Club?", fragte sie schüchtern. So eine Antwort wollte ich eigentlich nicht hören. "Wartet da auch ein Freund auf Dich? Bis dorthin kostet es mindestens fünfzehn Mark!", warf ich ihr zynisch mit gnadenloser Stimme entgegen. "Ich hab´ wirklich kein Geld dabei!", sagte sie verzweifelt und fügte noch hinzu: "Aber ich bezahl in Naturalien!".

Na, das war ja ein tolles Angebot! Meine Naturalien waren soeben in ihrem Magen angelangt. Was hatte sie denn sonst noch zu bieten? Ich wollte eigentlich nur nach Hause und hatte keine Lust, mich mit ihr herumzuärgern. Aber abgesehen davon, war sie ohne Zweifel der interessanteste Fahrgast dieses Tages und es hätte mich nicht gestört, noch die eine oder andere Geschichte aus dem Kurfürstenstrich aus ihr herauszukitzeln. Was sprach also dagegen, sie noch am Kit-Kat-Club abzusetzen? Ich musste ja eh in die Richtung und Hoffnung auf andere Fahrgäste hatte ich in dieser Nacht schon aufgegeben. 

"Na gut, fahren wir zum Kit-Kat-Club.", murmelte ich und bevor ich sie noch fragen konnte, wie sie das mit den Naturalien gemeint hatte, fing sie schon wieder an zu quasseln: "Ach, das ist nett von Dir. Ich geh´ soooo gerne in den Kit-Kat-Club. Du kannst ja mit reinkommen?!" Vom Kit-Kat-Club hatte ich schon lustige Sachen gehört. Angeblich traf sich dort die Leder- und SM-Szene. Tatsache war, daß ich da bisher immer nur ziemlich heruntergekommen wirkende Leute und hin und wieder auch ein paar ganz normale Fische geladen hatte. Aber vielleicht gehörte das ja zum Dresscode. Fischig genug für den Kit-Kat-Club sah ich heute auch aus. An den Wochenenden stellte ich mich manchmal davor  in der Glogauer Straße auf, um herauswankende Gestalten einzuladen. Eigentlich war dort nur so eine Hof- oder Garageneinfahrt, wo die Leute reingingen, wenn sie zum Kit-Kat-Club wollten. Und wo sie auch wieder herauskamen. Den richtigen Eingang von der Bude hatte ich noch nie gesehen. Von daher hätte mich der Laden schon mal interessiert.

Aber sie erschien mir irgendwie nicht wie die richtige Begleitung. Darum sagte ich schnell: "Nee, nee, nee. Ich muss noch arbeiten." Das stimmte zwar nicht, aber wer weiß schon, ob alles stimmte, was sie so von sich gab. Daraufhin erwiderte sie erst mal nichts und auch ich enthielt mich weiterer Kommentare. Wir fuhren das Tempelhofer Ufer  entlang. So ein anstrengender Tag! Wenige Kunden, wenig Umsatz, kaum Trinkgeld. Und zum Abschluss auch noch eine gute Tat. Ich war doch nicht beim Fähnlein Fieselschweif! Als hätte sie meine Gedanken gelesen, wandte sie sich plötzlich zu mir und sagte: "Wenn Du auf dem Weg irgendeine gute Stelle weißt, wo wir anhalten können, dann mach´ einfach. Wenn Du willst, blase ich Dir dann einen dort!". 

Hatte sie das eben wirklich gesagt? Ich glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu können. Das waren ja schöne Naturalien! Ich war so verdattert, daß ich nicht viel als Antwort herausbrachte: "Wie??? Wo denn?". Ich wollte das wirklich wissen, aber etwas anderes brachte ich auf so ein Angebot nicht zustande. So was hört man ja selbst als Taxifahrer nicht alle Tage. "Na ja,", piepste sie, "wir könnten es ja hinter irgendeiner Plakatwand oder so machen. Ich kenn mich hier nicht so gut aus. Aber wenn Dir was einfällt...". Sie sagte das, als wäre sie auf der Suche nach einem Geldautomaten, aber nicht wie auf der Suche nach einem Ort, wo man ungestört war. Jedenfalls fiel mir erstmal nichts mehr dazu ein. Irgendwie hatte sich dieser Aspekt der Naturalienbezahlung ja vorhin schon angedeutet. Also hätte mich ihr Angebot eigentlich nicht überraschen sollen. Trotzdem, nachdem ich nicht auf ihre Naturalien-Äußerung vorhin eingegangen war, als sie zum ersten Mal davon sprach, ging ich davon aus, daß sich das Thema von selbst erledigt hätte. 

Aber sie war hartnäckig. Na gut. Doch was sagte ich ihr jetzt? Die einfachste Antwort, wenn es mit den Fahrgästen zu kompliziert wurde, hieß Anhalten und Raussschmeissen. Doch für mich war das nur das letzte Mittel und gleichzeitig das Eingeständnis, daß man es mit dem Problemfall nicht aufnehmen konnte. Ich hatte das bisher nur einmal gemacht. Das war so ein polnischer Saufbruder gewesen, der nicht wusste, wo er hin wollte, kein Geld dabei hatte und dann auch noch frech wurde. Da blieb mir keine andere Wahl, als ihn auf der Lutherbrücke mitten im Tiergarten auszusetzen. Ich hatte ihm dann sogar noch auf polnisch einige Kraftausdrücke entgegengeschleudert, um ihm die Lage eindeutig klarzumachen. Er hatte sich nicht mal darüber gewundert, daß ich polnisch konnte und war einfach in der Dunkelheit verschwunden.

Doch bei ihr schien mir das nicht angemessen. Immerhin hatte ich mich ja eh schon dazu entschieden, sie zum Kit-Kat-Club zu fahren, obwohl sie kein Geld dabei hatte. Und außerdem schien es doch gerade lustig zu werden. Da konnte ich sie doch nicht einfach raussetzen! Doch es stellte sich weiterhin die Frage, was ich nun antworten sollte. Am besten, so schoss es mir durch den Kopf, stellte ich an sie eine Anforderung, die sie auf jeden Fall ablehnen würde. "Ach weißt Du,", sagte ich gelangweilt, "aufs Blasen stehe ich nicht besonders." "Ach nein?", fragte sie überrascht. Wahrscheinlich fragten sie zwanzig Männer täglich danach, also konnte ich ihre Überraschung schon nachvollziehen. Dann ging es so weiter, wie ich es mir ausgemalt hatte: "Worauf stehst Du denn sonst so?", erkundigte sie sich. Jetzt konnte ich dieser blöden Diskussion über Naturalienbezahlung den Todesstoss versetzen: "Ich mach´s eigentlich nur anal!", log ich sie an. "Anal???", schluckte sie nervös. "Das ist ja so unterwürfig!", stellte sie scheinbar erschrocken fest. "Also,...meine Ex stand da richtig drauf!", gab ich ihr noch einen mit. Ich war gespannt, was für einen Rückzieher sie sich ausdenken würde.

Aber nichts da: "Na gut, wenn Du magst, können wir es auch anal machen!", sagte sie jetzt ungerührt. "Halt einfach an, wo Du willst.". Na prima! Diese Rechnung war nicht aufgegangen. Ich hätte eigentlich mit mehr Vorurteilen ihrerseits gegenüber Analverkehr gerechnet. Aber wie es schien, war sie mit einigen Wassern gewaschen. Was nun? Ich hatte nach wie vor nicht die Absicht, ihr Zahlungsangebot anzunehmen. Doch wie konnte ich mich jetzt nur herauswinden aus der Schlinge, die ich mir selbst um den Hals gelegt hatte? Irgendwie musste es mir gelingen, noch einen draufzusetzen. Irgendwas, was noch nicht mal eine Nutte machen würde. Mittlerweile waren wir schon am U-Bahnhof Prinzenstraße vorbei. Die grüne Welle funktionierte zumindest hier. Da kam mir die Kleine ungeahnt zu Hilfe: "Hast Du eigentlich Kondome dabei? Meine sind alle!". 

Das war doch perfekt! Man hörte ja immer wieder, wie verrückt die Nutten nach Kondomen sind. Konnte man ihnen ja bei ihrem Job auch nicht verübeln. Auf jeden Fall war meine Chance gekommen, das Spielchen zu beenden. Ich lehnte mich zurück und sagte todernst und so ein bisschen von oben herab: "Nein, nein! Also Kondome habe ich nicht dabei! Ich kann die Dinger sowieso nicht leiden. Die engen einen immer so ein!". Sie schaute mich ungläubig an. "Ach wirklich?", fragte sie zurück. Jetzt hatte ich sie! Das konnte ich ihrem Gesichtsausdruck ablesen. Nun war es wirklich keine Schande mehr, das Angebot zurückzuziehen. Ich malte mir aus, wie ich ihr dann mit generöser Stimme verkünden würde, daß ich sie natürlich trotzdem gerne zum Kit-Kat-Club fahren würde.

Sie musterte mich eine ganze Weile, während wir schweigend weiterfuhren. Das Kottbusser Tor näherte sich. Bald müsste ich rechts abbiegen. Anscheinend hatte ich sie mit meiner Attacke gegen Kondome sprachlos gemacht. Was überlegte sie bloß so lange? Sie musterte mich weiter von oben bis unten und setzte ein kritisches Gesicht auf. ´Na los, nun sag es doch einfach! Du bist doch eh gleich am Ziel. Selbst wenn ich Dich hier raussschmeissen würde, wären es nur noch zehn Minuten Fußweg.`, dachte ich bei mir. Doch sie überraschte mich ein weiteres Mal. Ohne die kritische Mine abzulegen, sagte sie trocken: "Na ja, Du siehst ja ganz sauber aus, meinetwegen können wir das Kondom auch weglassen.". Ich konnte es nicht fassen. Ein kostenloser Anal-Quicky mit einer minderjährigen, schwangeren Nutte vom Drogenstrich! War das noch steigerungsfähig? Richtiger Wahnsinn war das. Und ich hatte mich noch nicht mal angestrengt, sie dazu zu überreden. 

Ich fragte mich, wie viele Taxifahrer wohl schon in einer ähnlichen Situation gesteckt haben mögen. Und wie viele von ihnen das Angebot angenommen hätten. Mir fiel eine Angebergeschichte eines Kollegen ein, der angeblich schon mal eine Nummer auf seiner warmen Motorhaube geschoben hatte. Ich musste schmunzeln. "Also, wo machen wir´s?", riss sie mich aus meinen Gedanken. Sie blickte mir in die Augen und hatte natürlich mein Schmunzeln bemerkt und auf ihre Art verstanden. Das Spiel schien aus zu sein. Jetzt musste ich wohl den Rückzieher machen. Eigentlich hatte ich keine Lust darauf, ihr klarzumachen, daß ich sie von Anfang an nur aus Nettigkeit mitgenommen hatte. Den Fahrgästen solche Schwächen zu offenbaren, war nicht immer klug. Ich könnte ihr ja einfach sagen, daß wir eh gleich da wären und mir hier jetzt kein Ort einfallen würde. Damit hätte sich der Fall dann erledigt. Aber das war jetzt auch egal.

"Ach, laß mal!", sagte ich, "ich fahr Dich schnell zu dem Club und dann ist es in Ordnung. Du brauchst nichts zu bezahlen.". Wir holperten die Reichenberger entlang. Anscheinend wusste sie jetzt wirklich nicht mehr, was sie sagen sollte. Als wir vor dem Laden hielten, erwartete ich auch nichts mehr von ihr. Sie hätte nur Tschüß sagen und aus dem Wagen steigen müssen, das wäre es dann gewesen. Vielleicht hätte ich mich dann noch ein paar Meter geärgert, was für ein gutmütiger Typ ich sei, aber das wäre auch vorüber gegangen. Doch sie hatte noch nicht ihre ganze Munition verschossen: "Würdest Du mir einen Zehner für den Eintritt geben?". Langsam wurde sie mir zu frech, das musste ich sagen. "Hör mal,", sagte ich, "Ich habe Dich umsonst hierher gefahren, reicht Dir das noch nicht? Jeder andere Taxifahrer hätte Dich gleich auf der Kurfürsten stehen gelassen!". Ich war wirklich ein bisschen verärgert. Das kommt davon, wenn einen die Leute für blöd halten, nur weil man halt ein wenig netter und umgänglicher als der Durchschnitt ist. Wenn ich ihr gesagt hätte, daß sie ´ne hässliche Kröte ist, die ich niemals ficken würde, hätte sie mich wahrscheinlich nicht nach den Zehn Mark gefragt.

Sie entgegnete nur: "Nein, nein. Ist schon gut. Dann frag ich halt den Türsteher, ob er mich reinlässt, wenn ich ihm einen blase." Vielleicht hatte sie bei ihm ja mehr Glück als bei mir. Ich war fassungslos, ließ mir aber nichts anmerken. Sie fing gerade an, sich aus dem Beifahrersitz herauszuschälen, da hielt sie inne, rutschte zurück, beugte sich zu mir rüber und zog sich mit ihrer Hand auf meiner Schulter zu mir heran. "Danke!", hauchte sie mir ins Ohr und küsste mich auf die Wange. Ganz und gar von allen guten Geistern schien sie noch nicht verlassen zu sein! Ich aber brachte keinen Ton hervor. Unter ihrem Sweatshirt fummelte sie ein Notizbüchlein heraus und schlug es auf. Die Seiten waren kreuz und quer vollgekritzelt. "Ich hab´ Lust Dich wiederzusehen. Gib´ mir einfach Deine Adresse, ich komm dann nachher vorbei. Dann lassen wir uns ein Bad ein und danach kannst Du mich ficken!" 

Da hatte ich den Salat! In dieser Welt reichte es aus, sich von seiner netten Seite zu zeigen und schon griffen die Hoffnungslosen dieser Erde nach einem wie der Schiffbrüchige nach dem rettenden Strohhalm. Vermutlich war sie auch noch obdachlos und wollte sich bei mir einnisten und vielleicht noch ihr Kind bei mir loswerden. Das hatte ich wirklich nicht drauf! Meine eigene Seele war krank genug, da konnte ich diese Last nicht auch noch ertragen. Kurzerhand nannte ich ihr eine falsche Adresse. Auf einmal fühlte ich mich hundselend. Ich wollte nur noch weg. Nachdem sie ausgestiegen war, war das letzte, was ich von ihr sah, wie sie in der Garageneinfahrt verschwand.

Da ich alle paar Tage die Kurfürstenstraße rauf oder runter fahre, hielt ich natürlich lange Zeit nach ihr Ausschau. Nicht, daß ich unbedingt angehalten hätte, um mit ihr zu reden, aber es hätte mich schon irgendwie interessiert, was aus ihr geworden ist. Doch ich sah sie nie wieder oder erkannte sie zumindest nicht. Trotzdem denke ich fast jedes Mal an sie, wenn ich auf der Kurfürstenstraße die Nuttenparade abnehme.

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