Quitten mit Salz

Textauszug aus dem neuen Roman, Februar 99

© Verlag Nagel & Kimche

 

„(...) Le petit prince. Bucklicht Männlein. Als erstes wussten sie den Namen: Mayuli.

                Toni war sie im Traum erschienen, eine kleine Rotzgöre, verfilztes, schwarzes Haar und eine Narbe auf der Wange. Lebenslustig, barfüssig, schmutzig.

                Mayuli tönt wie Patschuli, meinte Jasmins Schwester Flora, es duftet nach exotischen Blüten, nach Parfüm. Vielleicht ist Mayuli schüchtern, zart, feingliedrig.

                Jasmin stellte sich unter Mayuli einen Jungen vor. Sie war geradezu sicher, Mayuli war ein Junge.

                Vorurteile. das Kind stammt aus Comodoro Rivadavia, Vorstellungen von dunklen Kindern und Orchideen zeugen von geografischer Unkenntnis. Patagonien, Steinwüste, so viel ich weiss, sagte Toni. Jasmin fügte träumerisch an: Gelbe Steine wie auf dem Mond. Wie kommst du darauf?

                Schau Le petit prince an. St. Exupéry hat sein Büchlein in Patagonien gezeichnet und geschrieben. Also wird es ein kleiner Prinz sein. Mayuli sind Zwillinge, Maya und Uli, korrigierte Toni.

                Er selbst hatte die Nerven verloren: Die Frau hatte vom anderen Ende der Welt telefoniert und spanisch gesprochen. Jeder Satz war von einem Echo begleitet gewesen, das sich wie eine Schleppe ans Wort gehängt hatte. Wie wenn sie aus einer Schlucht telefoniert hätte, erklärte er seine Verwirrung, ich musste in einen Abgrund hinunter brüllen. Sicher hat sie das Geschlecht des Kindes erwähnt.

                Das Jugendgericht der Provinz Chubut schlägt ihnen ein neunjähriges Kind zur Adoption vor, hatte die Frau aus dem Echosaal heraus gerufen und sich von allen Seiten wiederholt. Können sie es nehmen, es ist ein Notfall? El Niño. Und er hatte leer geschluckt. Erst nachdem alle Fragen verklungen waren, hatte er bejaht, und nachher einem Chor von Ja-sagern zugehört. Wie heisst es?, hatte er angefügt.

                El Niño, das kann auch ein Mädchen sein, analysierte Jasmin, wahrscheinlich auch in Südamerika. Auf dem Land hiessen früher die Mädchen bis zum zwanzigsten Jahr ‘Kind’. ‘Ein schönes Kind’, das bedeutete eine junge Frau im heiratsfähigen Alter, meinte Jasmin.

                Unser Kind ist nicht im heiratsfähigen Alter, darauf kannst du Gift nehmen. Und dann, sechs Wochen später: Mayuli würde dort stehen. Bleich, weisshäutig, grauäugig, untersetzt und zitternd. In einer schwarzen, langen Uniform, mit Pilzkopffrisur, ein kleiner Soldat gerüstet für den Kampf.(...)“                                                                          

Claudia Storz, CH-Aarau, Herbst 1998

 

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