Die Knast-Weltreise des Jan De Cock: „Zeige mir deine Gefängnisse und ich sage dir, wie demokratisch dein Land ist“

Dietmar Jochum

Nach Abschluss eines Hilfsprogramms für Leim schnüffelnde Straßenkinder in Chile hatte Jan de Cock ein neues Projekt. Der Entwicklungshelfer, der sich auch für Strafgefangene einsetzt, wollte wissen, wie es ist, eine Nacht auf der anderen Seite der Gitter zu verbringen. In sein Heimatland Belgien zurückgekehrt, kontaktierte er mehr als 100 Botschaften, Konsulate und Hilfsorganisationen, um seine Absicht in die Tat umzusetzen. Dann begann seine Reise in Gefängnisse auf allen fünf Kontinenten. Nun hat er seine schier unglaublichen Erlebnisse niedergeschrieben.

Der Direktor des Zentralgefängnisses in Ruanda, das im Volksmund „Neunzehnhundertdreißig“ heißt, habe ihn liebenswürdig empfangen. Das Gefängnis wurde 1930, daher der Name, für 2500 Häftlinge in Betrieb genommen. Zwischenzeitlich sind es 6400. Zwei Drittel davon sitzen nach Schätzung des Direktors unschuldig ein. Die Schlafräume, schreibt De Cock, sind der reinste Taubenschlag. Die Gefangenen liegen in 40 Zentimeter hohen Nischen - wie in riesigen Schränken bis zum Wellblechdach hinauf. Aber mehr als die Hälfte schläft auf dem Boden, draußen in den Gassen, ja sogar auf den Latrinen - Zehnsitzer in einem offenen Raum. Als er seinen Mitgefangenen erzählt, dass in europäischen Gefängnissen Intimkontakte möglich sind, es Duschen, bequeme Sessel, Verhütungsmittel und Erfrischungen gebe, schlagen die sich auf die Schenkel. „Aber das ist kein Knast!“, brüllen sie. „Das ist ein Fünf-Sterne-Hotel.“

In Simbabwe wird De Cock mit 60 Gefangenen in eine Zelle gepfercht. „Kranke, Gesunde, was macht es.“ Es sind noch zwei Weiße dabei, aber er hat nicht das Bedürfnis, mit ihnen eine Schicksalsgemeinschaft zu bilden. Jeden Rempler, jeden Rippenstoß interpretiert er „noch immer als süße Rache für das Verhalten der weißen Farmer in diesem Land in all den Jahren“. Von Südafrika, wo ihn ein Wärter beschwört, „zu Hause nur die Wahrheit zu sagen, dass die Häftlinge hier in Watte gepackt werden“, die Verlierer jedoch die Wärter seien, nach Lesotho, wo die Häftlinge in einem Tischlerprojekt en gros Särge zimmern (,‚Des einen Tod, des andern Brot“), von Madagaskar, wo die Gefängnisleitung die Ladung gespendeter Bettwäsche aus Kanada verbrennt, weil Häftlinge sie zur Flucht nutzen, nach Namibia, Ghana, Obervolta und Benin. Seine Knastreise führt ihn weiter nach Russland, ins Baltikum, nach Slowenien, Rumänien, in die Türkei, nach Dubai; schließlich nach Pakistan, wo ein Häftling, der zu zwei Jahren verurteilt wurde, schon vier Jahre sitzt, weil er den Rückflug in sein Heimatland Nigeria nicht bezahlen kann. In Indien müssen 12 000 Häftlinge in Gebäudekomplexen hausen, die für 3700 konzipiert sind. Aber immerhin nehmen mehr als 800 Häftlinge an einem Postgraduiertenstudium teil, und es gibt einen vollständig ausgerüsteten Computerraum. Sogar ein Journalistikstudium wird angeboten.

In Kambodscha ist das Wasser knapp: „Es reicht gerade, um sich alle zwei Tage unter den Achseln und hinter den Ohren zu waschen. Aber dafür sind ja die Wärter frisch gewaschen.“ Die geheimnisvolle Welt japanischer Strafanstalten wird von einer perfektionistischen Bürokratie beherrscht. Hier bezweckt die Gefängnisphilosophie nicht nur die Zähmung des Körpers, sondern auch die des Geistes. Im Essraum ist das Sprechen verboten. Ganz im Sinne der Vergeltung, gibt es auch keine Zentralheizung. In Australien erfährt De Cock, dass in einer Gefängniswerkstatt die Produktion von Bibeln zurückgeschraubt wurde, weil mit dem dünnen Papier zu viele Zigaretten gedreht wurden. Die Insassinnen eines Frauenknastes in Neuseeland sind stolz darauf, die Kostüme für „Herr der Ringe“ geschneidert zu haben. Stolz zeigt auch eine Gefangene De Cock ihren Computer, den sie für das Schreiben eines Buches genehmigt bekam. In Deutschland werden für solche Zwecke Computer als Sicherheitsrisiko eingestuft.

Auf dem Gefängnishof eines Gefängnisses in El Salvador hat ein Gefangener einen Laden aufgemacht. Der Handel reicht von Keksen bis Käse, von Waschpulver bis Wäscheklammern. In Guatemala wird De Cock in einem Gefängnis unfreiwillig Zeuge, wie ein Mann namens Calderón aufgrund „ziemlich vieler unbezahlter Rechnungen“ die „Sprache“ seiner Mithäftlinge zu spüren bekommt. „Dann packen zwei seine Beine, zwei seine Arme, nehmen dreimal Schwung und schleudern ihn gegen den Elektrozaun. Funken stieben, ein dumpfer Schrei. Er ist auf der Stelle tot.“ Seine freiwillige Haft in Bolivien verbringt De Cock unter Auftragskillern und Drogenbaronen. Ein Killer erzählte ihm, daß er einen Mann vergiftet habe. Es habe keine Untersuchung gegeben. Dessen Familie glaube heute noch, dass er an einem Herzanfall gestorben sei. Der Drogenbaron Amado Pacheco, alias Barbas Chocos, wurde zu vierundzwanzig Jahren verurteilt. Er sei der Herr über alle Häftlinge und verdiene sich mit dem Vermieten von Zellen eine goldene Nase. Auch San Quentin wird von De Cock nicht verschont: Dort besuchte er einen zum Tode verurteilten Schriftsteller.

Seine Knastreise um die Welt ist für De Cock „wie ein Poncho, ein Patchwork aus vielen bunten Stoffen“. Seine Geschichten sind ein beeindruckendes Zeugnis des Elends, brutaler Zustände, der Ungerechtigkeit, aber auch einer Vielfalt von Gefängnissystemen in dieser Welt. Wer ihm vorwerfe, dass er die Schuldfrage verharmlose, schreibt De Cock, dem sage er dann „zum hundertsiebzigsten Mal“, daß er nicht blind für das Böse sei und es auch beim Namen nenne. Er werde immer für eine Rechtsprechung plädieren und sich dafür einsetzen, daß Opfer beschützt und entschädigt würden. Mit der Strafe, mit dem Freiheitsentzug büßten die Täter für das, was sie angerichtet hätten. Aber er gibt zu verstehen: „Zeig mir deine Gefängnisse, und ich sage dir, wie demokratisch dein Land ist.“

Jan de Cock: Hotel hinter Gittern; von Knast zu Knast, Tagebuch einer außergewöhnlichen Weltreise. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby. Kunth, München 2004.

Süddeutsche Zeitung, 23.01.2006



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