In the cold of the night
Es war ein trüber, kalter, verregneter Oktoberabend in einer tristen
Großstadt im Süden der USA. Graue, aus Beton gebaute Wohnblocks
ragten in einen sternenlosen Himmel, und das grelle Licht einiger Neonlichter
spiegelte sich auf den regennassen Straßen.
Außer einigen Drogendealern, Kriminellen, Prostituierten und Strichjungen
war an diesem Abend in diesem Viertel niemand auf der Straße.
An einer Ecke stand, betont lässig an eine Straßenlaterne gelehnt,
ein Junge und sah sich mit dem typischen rastlosen Blick eines Strichersum.
Er rauchte eine Zigarette, war vielleicht 14, war schlank, großund
hatte nasses, kurzes, haselnussbraunes Haar. Er trug ein schwarzes Boxershirt
unter einer mit Nieten besetzten Lederjacke und eine schwarze Jeans und war
bestimmt recht erfolgreich und sein Geld wert, auch wenn das Geschäft
heute aufgrund des Wetters und einer Sportübertragung im Fernsehen nicht
so floriert.
Es war einige Minuten vor Mitternacht als ein schwarzer Mercedes mit getöteten
Scheiben auf der gegenüberliegenden Straßenseite anhielt und ein
großer, kräftiger Mann mit schwarzem Hut, einem langen schwarzen
Mantel und dunkler Sonnenbrille ausstieg. Er ging mit sehr langsamen Schritten
genau auf den kleinen Stricher zu und besah ihn dabei von oben bis unten.
"Hey, was ist los, Mr.? Sie sollten nicht so lange zögern... Ich mach's
dir wirklich gut", erklärte der Kleine und behielt den Unbekannten dabei
fest im Auge. Irgendetwas unterschied diesen Mann von alt seinen anderenKunden.
Er wusste nur nicht, was es war. Und der Typ maß ihn immernoch mit
seinem Blick. Dann, ganz plötzlich, packte er ihn am Arm, zogdrei Hundert-Dollar-Scheine
aus der Manteltasche, steckte sie dem Stricherin die Hosentasche und ließ
wieder los. Das alles dauerte nur Sekundenbruchteileund der Junge war nicht
einmal sicher, ob es überhaupt passiert war.Während der Typ in
Schwarz über die Straße zurück zumWagen ging, griff der Junge
in die Tasche, um zu prüfen, ob das Geldwirklich da war.
Als die Beifahrertür geöffnet wurde, ging er zu dem Auto und stieg
ein. Der Mann fuhr los und brachte den Mercedes erst am Fluss wieder zumStehen.
Während der ganzen Zeit hatte er nicht eine Mine verzogen oderein Wort
gesagt. Und auch der Junge hatte geschwiegen, obwohl das sonst nichtseine
Art war.
Am Fluss angekommen stieg der Mann aus und ging ohne einen Seitenblick zu
einer alten, wackeligen Fischerhütte hinüber, die einsam am Ufer
stand und von Efeu, Farn und Unkraut fast zugewachsen war. Mittlerweile hatte
der Regen aufgehört und man konnte durch den Nebel über dem Wasser
den Vollmond erkennen. Ansonsten war es hier stockfinster und beinah gespenstisch.
Als sein Freier die Tür aufschloss, folgte der Junge ihm und betratnach
ihm die kleine, muffig riechende Hütte, in der sich aus einem Schrank,
einem Waschbecken und einem Bett nichts, wirklich gar nichts, befand.
"Ich Stanley... man nennt mich Fury...", stammelte der Kleine; wahrscheinlich
nur, um eine Stimme oder überhaupt ein Geräusch zu hören.
Der Mann zog sich den Mantel aus, unter dem er einen schwarzen Overall trug
und durchbohrte Stanley wieder nur mit Blicken. Dann kam er auf den Jungen
zu und griff ihm zwischen die Beine. Verwirrt registrierte der, dass er gleichzeitig
Angst vor dem Mann hatte, aber auch von ihm erregt wurde. Bevor er aber noch
irgendetwas tun konnte, wurde er rückwärts aufs Bett geworfen und
spürte, wie sich eine warme, kräftige, rauhe Hand unter sein Boxershirt
schob um kraftvoll aber doch zärtlich seine Brust zu massieren. Dieandere
Hand lag dabei auf seinem Oberschenkel. Noch immer sagte der Typ keinWort,
sondern starrte nur auf Stanleys Jeans. Da dieses Erlebnis anders warals
alles, was der Stricher bisher erlebt hatte, faszinierte ihn der Mannin Schwarz
auf irgendeine unerklärliche Weise. Und obwohl er sich sonstimmer in
der Gewalt hatte, gab er sich dieses Mal ganz seinen Gefühlenhin und
vergaß alles um sich herum.
Plötzlich drehte der man ihn ruckartig auf den Bauch und schob seine
Hand in Stanleys Hose. Stanley zitterte vor Erregung. Diesen Thrill aus Sex
und Angst hatte er noch nicht erlebt. Genauso plötzlich wie jedes vorherige
Mal, wenn er sich bewegt hatte, stand der Mann auf, griff zum Schrank, der
nahe dem Bett stand, und holte etwas heraus, von dem Stanleys nicht sehen
konnte, was es war, da es beinah stockfinster in der Hütte war. Alser
den Gegenstand in der Hand des Mannes metallisch blinken sah, wollte eraufstehen,
doch der Typ drückte ihm sein Knie in den Rücken undihn somit zurück
aufs Bett.
Dann spürte Stanley etwas Kaltes zwischen seinen Schulterblättern
und schrie wie am Spieß als der Unbekannte den riesengroßen Dolch
in seinen Körper bohrte. Er schrie, kreischte, brüllte und wusste,
dass ihn hier niemand hören würde. Er wollte sich wehren, docher
konnte sich nicht bewegen. Der Mann in Schwarz war einfach stärker.Immer
weiter wurde das Schwert, oder was immer es war, in seinen Brustkorbgebohrt,
und er war absolut wehrlos gegen das, was geschah.
Das letzte, woran er dachte, bevor das Metall sein Herz durchstieß,
war ein Zeitungsartikel, in dem über einen Serienkiller berichtet wurde,
wir auf bestialische Weise minderjährige Strichjungen und -mädchen
umbrachte und ihre Leichen dann im Fluss versenkte...
Christian Dolle