Olivers Geständnis
Endlich wurde es Abend. Oliver
hatte den ganzen Tag nur herumgehangen, Musik gehört, geschlafen und
eigentlich nichts weiter getan. Und was sollte er auch tun? Die Typen aus
seiner Klasse mochten ihn nicht, und er konnte ihren Hobbies wie Fußballspielen,
in der Innenstadt Mädchen aufreißen oder alten Leuten als Mutprobe
die Tasche klauen und so weiter nichts abgewinnen. Er war eben ein Außenseiter,
und der einzige Grund, warum er in der 11c nicht total untendurch war, war
der, dass er Discjockey in der Disco seines Vaters war. Allerdings gab es
auch genügend Leute, die ihn gerade deshalb nicht mochten. Bei den Girls
galt er zwar als tolle Nummer, aber viele Jungs waren eben darauf neidisch
und mieden ihn daher.Aber damit konnte er leben. Und auch damit, dass seine
Mutter meinte, er sei seit der Scheidung durch die Erziehung seines Vaters
total verkommen. Am meisten störte ihn, wenn dann aber auch noch sein
Vater dauernd an ihm rummeckerte, weil ja D. J. keine vernünftige Beschäftigung
für einen Mann war. Und vielleicht hatte der ja sogar noch Recht damit.
Trotzdem gab es Oliver nichts Schöneres als Freitags- und Samstagsabends
in der Disco für die heißeste Musik zu sorgen und die verschiedensten
Leute beim Tanzen, Trinken oder Knutschen zu beobachten. Das war seine Welt,
und mittlerweile hielt er sich für einen ziemlich guten Beobachter.Inzwischen
brauchte er einen Menschen nur noch wenige Minuten zu beobachten,bis er glaubte,
ihn einigermaßen einschätzen zu können. Zumindesthatte er
festgestellt, dass er mit seiner Einschätzung oftmals ziemlichrichtig
lag. Menschen zu beobachten konnte er beinah als seine Lieblingsbeschäftigung
bezeichnen. Nach dem Auflegen in der Disco natürlich.
Aber auf heute Abend freute er sich noch aus einem anderen Grunde. Er hatte
Veronique nach der Schule getroffen, und sie hatte ihm erzählt, dass
Pascal sie für heute in die Disco eingeladen hatte. Es war zwar schade,
dass Veronique und Pascal ein Paar waren, aber wenn er die beiden so beobachtete,
glaubte er auch, dass das nicht mehr lange der Fall sein würde.
Voller Vorfreude auf seinen großen Schwarm stand Oliver kurz darauf
unter der heißen Dusche und konnte an nichts anderes mehr denken. Ja,
er war zum ersten Mal in seinem Leben so richtig verliebt, und wenn alles
gut lief, würde er heute auch endlich den Mut haben, das zuzugeben.Schon
allein der Gedanke an seinen großen Schwarm ließ ihn ganzkribbelig
und heiß werden. Doch dann reduzierte er die Temperatur desWassers
auf ein Minimum, stellte es nach einer halben Minute ganz aus undtrocknete
sich ab. Nachdem er seine Haare ausgiebig gestylt hatte, überlegteer,
was er anziehen sollte. Da er sich nicht sicher war, was heute Nachtnoch
alles passieren würde, musste er selbst die Unterwäsche gründlich
auswählen. Ja, eine gute Planung ist durch nichts zu ersetzen. Als er
diese lebenswichtigen und heute vielleicht ausschlaggebenden Entscheidungen
getroffen hatte, besah er sich im Spiegel. Ja, er konnte äußerst
zufrieden mit sich sein. Nein, mehr noch, er sah echt verdammt gut aus.
Um kurz nach zehn verließ er gutgelaunt das Haus, holte sein Motorrad
und raste in Richtung Stadtrand zu Disco. Als er dort eintraf, wartete sein
Vater am hinter Eingang und begrüßte ihn mit den liebevollen Worten:
" Warum brauchst du eigentlich immer so lange? Außerdem siehst du aus
wie 'n Schwuler..."
Oliver lächelte ihn an, sagte aber nichts und wurde mit einem Trittin
den Hintern ins Innere der Lagerhalle befördert, die sein Vater vorzwei
Jahren zur Disco umgebaut hatte. Sofort steuerte auf seinen Platz hinterdem
Mischpult zu und sorgte erst einmal dafür, dass sich einige Leuteauf
die Tanzfläche wagten. Dann sah er sich um. Neben den Stammgästen
waren einige neue Leute da, von denen aber nur wenige seine Blicke auf sich
zogen, und ein paar Kids, die eigentlich gar nicht 'reingedurft hätten.
Auch Grabbel-Günther, den Oliver seit Wochen nicht mehr gesehen hatte,
war mal wieder da und machte sich auch schon an ein Mädchen ran, das
da ahnungslos an der Bar lehnte. Sogar ein paar Leute aus seiner Klasse,die
eigentlich gesagt hatten, sie wollten die Disco boykottieren, entdeckteer.
Nur Veronique und ihren Pascal hatte er noch nicht gesehen. Er versuchtesich
erst mal auf andere Dinge zu konzentrieren, aber das gelang ihm nicht.Dauernd
musste er sich vorstellen, was heute Abend noch alles passieren könnte.
So rutschte er nervös auf seinem Hocker hin und her und konnte sichkaum
auf seine Arbeit konzentrieren.
Es war kurz nach eins als er die beiden endlich zur Tür herankommensah.
Na endlich. Eigentlich hatte er schon gar nicht mehr mit dem Auftauchenseines
großen Schwarms gerechnet. Aber jetzt waren sie der da und steuerten
auch sofort auf die Tanzfläche zu. Veronique trug einen ultrakurzenengen
schwarzen Rock und eine eben solches Top, was ihre perfekte Figur optimal
betonte, und auch Pascal hatte sich für ein sehr modernes, recht körperbetontes
Outfit entschieden, so dass die beiden, sehr zu Olivers Leidwesen, ein wirklich
schönes Paar abgaben. Und tanzen konnten sie auch noch, das musste man
ihnen wirklich lassen.
Oliver beobachtete die beiden neidisch, nur zu gern hätte er die Plätze
getauscht. Nach einer Weile legte er Veroniques Lieblingsong auf, wie eres
ihr heute nach der Schule versprochen hatte, und beobachtete die beidenweiter.
Oh Mann, wie sexy, dachte er, und musste sich dabei fast wie automatischzwischen
die Beine greifen. Dieses Gesicht, diese Haare, diese Figur, dieserArsch,
perfekter konnte ein Mensch wirklich nicht aussehen!
Eine Viertelstunde später wurde Oliver endlich von Jörg, einemAngestellten,
abgelöst und steuerte dann sofort auf die Bar zu, an derVeronique und
Pascal jetzt saßen. Als er näher kam vor ihm heißund heißer.
Und er wusste auch nicht, was er eigentlich sagen sollte.Noch war es Zeit
für einen Rückzug. Aber nein, nein, er würdejetzt nicht kneifen.
So schwer konnte es schließlich nicht sein, einemMenschen zu sagen,
dass man ihn liebte, und außerdem würde ihmwohl niemand den Kopf
abreißen.
"Hi, Olli", begrüßte ihn Veronique als er sich zwischen die beiden
stellte. Pascal klopfte ihm nur auf die Schulter und musterte ihn von oben
bis unten. Ob er etwas ahnte, fragte sich Oliver, aber nein, das konnte er
eigentlich nicht. Bevor eine bedrückende Stille entstand, in der niemand
wusste, was er sagen sollte, lud Oliver die beiden auf ein Bier auf Kosten
des Hauses ein. Als er das Glas entgegen nahm, sah er, dass seine Hand zitterte
und merkte erst jetzt wie aufgeregt und erregt er überhaupt war. Dann,
während sie ihr Bier tranken, legte sich plötzlich eine Hand auf
Olivers Hintern. Es war Veronique. Oliver wusste zwar, dass sie irgendwie
mehr für ihn empfand, aber er hätte nie gedacht, dass sie ihn hier
vor Pascal anmachen würde. Dafür war er sich jetzt allerdings sicher,
dass die Beziehung der beiden nicht mehr lange halten würde. Na immerhin.
Vielleicht konnte er dann jetzt doch ganz offen sagen, was er empfand. Aber
war sich halt nicht sicher. Irgendwie hatte er panische Angst davor, einen
Korb zu bekommen oder sogar ausgelacht zu werden. Aber egal. Jetzt oder nie.
Und irgendwann musste er ja mal seinen Mut zusammen nehmen und es sagen.Nervös
legte er also seinen Arm um den Körper, von dem er sichseit Wochen selig
wünschte, in berühren zu dürfen, und erklärtemit Zittern
der Stimme:" Weißt du, ich bin total dich verknallt, Pascal..."