Nachtgestalten
„Noch n Bier bitte!“
„Kommt sofort!“
Gunda zapfte das Bier und stellte es dem zufriedenen Kunden, dem letztenfür
heute, so hoffte sie, vor die Nase. Eigentlich hätte sie längst
zumachen sollen, aber sie hatte es sich zum Grundsatz gemacht, niemandenrauszuschmeißen,
und bisher hatte sie das auch bis auf einige Ausnahmeneingehalten. Und auch
jetzt hörte sie sich schon seit beinahe einerStunde die Klagen des Mannes
an, der sich den Streit, den er zuhause hatte,von der Seele reden musste.
Sie war bei ihren Stammkunden inzwischen dafürbekannt, eine gute Zuhörerin
zu sein, was sie mit einer gewissen PortionStolz erfüllte, und fast
täglich saßen Menschen bei ihr,die sonst niemanden zum Reden und
ein offenes Ohr doch bitter nötighatten. Sie konnte diesen Menschen
nicht wirklich helfen, doch das verlangtensie auch gar nicht, es half ihnen
genug, wenn ihnen überhaupt jemandzuhörte, und dazu war Gunda gerne
bereit, machte es sogar gerne. DieKneipe war ihr Leben, und sie war es, die
dieser Kneipe Leben einhauchte.
Plötzlich klingelte das Telefon, Gunda entschuldigte sich kurz und nahm
dann ab. Stumm hörte sie zu, was die Stimme am anderen Ende ihr zu sagen
hatte.
„Tut mir leid, Bernd, aber ich muss zusperren...“, erklärte
sie mit schwerer Stimme, nachdem sie aufgelegt hatte.
Bernd verstand, zahlte seine Zeche und verließ den Laden zusammen mit
der Wirtin, die sich sofort auf den Weg zu ihrem Wagen machte und davonfuhr.
Bernd sah ihr noch einen Moment nach, dann ging er nach Hause und wappnete
sich für den nächsten Streit mit seiner Frau.
Als Rudolf Haan hinter sich das Blaulicht sah, fluchte er einmal laut, dann
fuhr er den Wagen rechts an den Straßenrand und beobachtete im Rückspiegel
die Beamten, die ohne jede Eile ausstiegen und sich ihm näherten. Rudolf
kurbelte das Fenster herunter und bemühte sich, einen freundlich-schuldbewussten
Gesichtsausdruck hinzubekommen.
„Da hatten wir es wohl ziemlich eilig“, begrüßte ihn
der ältere der beiden Freunde und Helfer. Warum eigentlich „wir“,
fragte Rudolf sich in Gedanken, dass er es eilig gehabt hatte, wusste erselbst,
und was die beiden Polizisten anging, so interessierte ihn das herzlichwenig.
„Ja, ich weiß, ich war zu schnell... Was wird es mich kosten?“
„Nun zeigen sie mir doch erstmal ihre Papiere“, bat ihn der Beamte,
noch immer ohne jede Spur von Hektik, „Haben sie etwas getrunken?“
Nein, hatte er nicht, nicht einmal für einen Kaffee hatte es gereicht,
er war aus Hannover, wo er seine Mutter im Krankenhaus besucht hatte, aufgebrochen,
hatte dann im Stau gestanden, und musste sich jetzt verdammt beeilen, wenn
er nicht zu spät kommen wollte. Aber das wiederum würde die beiden
Polizisten nun herzlich wenig interessieren, also beantwortete er ihre Fragen,
zeigte brav seine Papiere vor und hoffte, dass er möglichst bald weiterfahren
konnte.
„Da waren wir wohl noch ganz im Formel-Eins-Fieber...“, er warf
einen Blick auf den Führerschein, „...Herr Haan.“
Rudolf nickte, lächelte höflich über diesen kläglichen
Versuch eines Witzes und wünschte sich, er hätte jetzt wirklich
einen Ferrari oder ähnliches unter dem Hintern.
„Kann ich jetzt denn endlich weiterfahren?“
„Aber, aber, sie wissen doch wie es heißt: Eile mit Weile...“
Erneut ein höfliches Lächeln, diesmal jedoch nicht mehr ganz so
überzeugend.
„Hören sie, ich muss zu einem Elternabend und bin spät dran...“
Es wäre bestimmt klüger gewesen, in aller Ruhe zu warten, bis die
beiden Beamten mit dem Abkassieren fertig waren, aber Ruhe war noch nie seine
Stärke gewesen.
„Zu einem Elternabend also...“, der Mann in Grün setzteein
mitleidiges Lächeln auf, so als ob er sagen wolle: mir könntesowas
nie passieren, weil das eindeutig in den Aufgabenbereich meiner Fraugehört
und keine Sache für einen echten Mann ist.
Doch er behielt es für sich und dozierte stattdessen belehrend: „Aber
glauben sie mir, kein Elternabend ist es wert, dass sie im Straßenverkehr
andere Verkehrsteilnehmer gefährden.“
Rudolf nickte und brauchte all seine Kraft, um jetzt bloß nicht die
Augen gen Wagenhimmel wandern zu lassen.
„So, hier haben sie ihre Papiere zurück, aber fahren sie jetzt
bitte den Geschwindigkeitsbegrenzungen entsprechend, und glauben sie mir,
die werden auch ohne sie anfangen können...“
Er unterstrich seinen Rat mit einem süffisanten Lächeln, aber Rudolf
nickte nur noch, kurbelte sein Fenster hoch und fuhr weiter, diesmal selbstverständlich
den Geschwindigkeitsbegrenzungen entsprechend. Blödes Arschloch, dachte
er sich im Stillen, ich möchte dich mal sehen, wenn deine Mutter einen
Schlaganfall hatte. Und auch, dass die anderen ohne ihn anfangen würden,
hielt er für sehr unwahrscheinlich, denn immerhin war er als der Klassenlehrer
derjenige, der den Eltern die Schule aufschließen musste.
Dennis blickte Michael mit unnachgiebigem Blick in die Augen, wollte damit
zeigen, dass er sich nicht einschüchtern ließ, auch wenn Michael
fast einen Kopf größer war als er und auch um einiges kräftiger.
Doch Michael erwiderte den Blick und ging dann mit einigen schnellen Bewegungen
zum Angriff über. Wenn Dennis jetzt auch nur einen Fehler machte, würde
er gegen Michael keine Chance haben, aber er versuchte es dennoch, bemühte
sich, an Michael vorbeizukommen und gab sein bestes. Für einen kurzen
Moment sah es auch so aus als würde er es schaffen, doch dann verlor
er die Kontrolle über den Ball, was Michael sofort ausnutze. Blitzschnell
spielte der zu Flo ab, der gerade frei stand, der hechtete zum gegenüberliegenden
Korb, setzte zum Sprung an und versenkte den Basketball darin.
„Okay, das wars für heute“, unterbrach daraufhin die Stimme
ihres Trainers den Jubel der anderen, „ihr habt gut gespielt, und wenn
ihr das am Samstag im Spiel genauso hinkriegt, bin ich verdammt stolz auf
euch.“
Dennis schnappte nach Luft, klopfte Michael freundschaftlich auf die Schulter,
dann folgte er den anderen unter die Dusche. Insgeheim ärgerte er sich
jedoch ein wenig darüber, dass er wieder mal einen Spielzug nach dem
anderen verpatzt hatte, was höchstwahrscheinlich zur Folge hatte, dass
er am Samstag auf der Ersatzbank sitzen würde.
Eberhard Franke schaute zum letzten Mal aus dem Fenster seines Büros.
Die Sonne war längst untergegangen, und die Fenster in den umstehenden
Gebäuden hell erleuchtet. Noch einmal strich er wehmütig über
die massive Eichenholzplatte seines Schreibtisches, noch einmal nahm er in
seinem bequemen Ledersessel Platz. Es war sein letzter Arbeitstag, er ging,
wie alle anderen es auszudrücken pflegten, in den wohlverdienten Ruhestand,
doch für ihn war es ein Ende, ein schmerzvoller Abschied. Was sollte
er denn jetzt machen? Den ganzen Tag zuhause vor der Glotze sitzen und Talkshows
sehen? Sich der Gartenarbeit widmen? Das war für ihn kein Leben. Erhatte
seinen Job geliebt, liebte ihn noch immer, und die Vorstellung, vonjetzt
an nie wieder arbeiten zu können, brach ihm das Herz. Er hattedoch sonst
nichts, die Kinder waren längst aus dem Haus, Maria führteihr eigenes
Leben in ihren Literaturzirkeln und Kochklubs, und wenn sie maleinen gemeinsamen
Nachmittag verbrachten, dann stritten sie sich, nur umsich nicht schrecklich
zu langweilen. Eberhard wusste wirklich nicht, wasjetzt werden sollte, hatte
Angst vor der Zukunft wie schon ewig nicht mehrund fühlte sich plötzlich
schrecklich alt und nutzlos. Wer brauchteihn denn noch? Und wenn er hier
so entbehrlich war, wer hatte ihn dann jemalsgebraucht?
„Spring doch einfach!“, schoss es ihm durch den Kopf, „Öffne
das Fenster und spring hinunter!“
Aber dazu war er zu feige. Er hatte Angst vor dem, was ihn im Leben erwartete,
aber fürchtete sich nochmehr davor, diesen einen Schritt nach vorn zu
tun. Und diese Erkenntnis deprimierte ihn noch mehr. Sein ganzes Leben war
er zu feige gewesen, eigene Schritte zu tun, er hatte zu Vorgesetzten immer
nur „ja“ gesagt und getan, was sie verlangten, hatte es sichnie
getraut, eigene Schritte zu wagen und hatte sich an seinen Job geklammert
als könne der ihm Halt geben. Jetzt war ihm dieser Halt genommen und
die eigentliche Leere seines Lebens prallte mit voller Wucht auf ihn ein.
Niedergeschlagen packte er seine persönlichen Sachen zusammen, sah sich
ein letztes Mal um, dann machte er sich auf den Weg zum Fahrstuhl.
Als Gunda ihren Wagen vor der Polizeiwache zum Stehen brachte, merkte sie,
dass ihre Hände zitterten, doch sie atmete einmal tief durch und stieg
dann aus. Schwäche zu zeigen war noch nie ihre Stärke gewesen,und
sie wollte es sich jetzt nicht angewöhnen.
Im Revier wurde sie von Herrn Bodmann empfangen, der ab und zu ihr Kundewar
und sie daher sofort erkannte.
„Nabend, Frau Herberger, bitte setzen sie sich doch.“
„Ich will mich net setzen, ich will wissen, was eigentlich los ist.“
Als sie vor wenigen Minuten angerufen worden war, hatte man ihr nur gesagt,
dass sie ihren Sohn Lukas auf der Wache abholen und sich keine Sorgen machen
solle, was aber geschehen war, hatte man ihr noch nicht erklärt. Bodmann
drängte sie jetzt nochmals, sich zu setzen, und als sie auch noch einen
Kaffee bekommen hatte, begann er zu berichten.
Kollegen hatten Lukas Wagen bei einer Routine-Verkehrskontrolle kurz vordem
Ortseingangsschild angehalten, weil er in ziemlichen Schlangenlinienfuhr,
und dann festgestellt, dass der Junge zwar nicht getrunken hatte, abertrotzdem
nicht mehr Herr seiner Sinne war. Sie hatten ihn mit aufs Reviergenommen,
wo sich dann der Verdacht bestätigte, dass er vollkommen stoned,und
so hatten die Kollegen ihn vorsichtshalber in die Ausnüchterungszelle
verfrachtet und seine Mutter angerufen.
„Es ist ja nichts schlimmes passiert“, schloss Bodmann, „sie
können ihren Sohn auch gleich wieder mitnehmen, nur seinen Führerschein
wird der junge Mann wohl einige Zeit los sein.“
Gunda konnte nichts darauf sagen, hatte einen schrecklich trockenen Mund,
und sie war froh, dass ihre Hände die Kaffeetasse fest umschlossen und
somit nicht wieder zittern konnten.
Immer noch unfähig, etwas zu sagen, folgte sie dem Polizisten zur besagten
Ausnüchterungszelle, und als Bodmann die Tür aufschloss, sah Lukas
hoch und sie aus glasigen Augen an.
Gunda hatte inzwischen ihre Fassung wiedererlangt, bedankte sich knapp für
den Kaffee, dann bedeutete sie Lukas mit einer Kopfbewegung, dass er ihrfolgen
solle, was er auch schweigend und brav wie ein Lamm tat.
Conrad Hesses Laune war an ihrem Tiefpunkt angekommen. Vorhin auf der Heimfahrt
war ihm so ein wildgewordener Jugendlicher in Schlangenlinien entgegengekommen,
so dass er in letzter Sekunde auf den Seitenstreifen ausweichen musste, als
er nach Hause kam, fand er in der Küche nur einen Zettel seiner Frau
Silvia vor, dass sie zu ihrer Schwester gefahren war und er sich das Essen,
das in der Mikrowelle stand, warm machen sollte, und als er sich dann inaller
Ruhe vor dem Kamin eine CD anhören wollte, hatte die neue Stereoanlage
ihren Geist aufgegeben, so dass der Feuervogel eher nach einem Technostück
als nach Strawinsky klang. Und jetzt suchte er im Schlafzimmer nach dem Buch,
das er gestern zu lesen begonnen und offenbar unauffindbar verlegt hatte.
Genau so stellte er sich einen gemütlichen Feierabend vor! Er hätte
ja fernsehen können, aber alle interessanten Spielfilme hatten längst
begonnen, und auf Quizsendungen oder Krimiserien hatte er auch keine Lust.
Überhaupt fehlte ihm in letzter Zeit zu vielem die richtige Laune, und
er fühlte sich oft leer und unausgefüllt. Selbstverständlich
gab es dazu keinen ersichtlichen Grund, er hatte ja alles, was man sich wünschen
konnte, einen gutbezahlten Job, ein Leben im Luxus, eine nahezu perfekteEhe
und einen Sohn, auf den er stolz sein konnte, und doch fehlte ihm, wieman
heute sagen würde, ein neuer Kick, eine neue Herausforderung, aufjeden
Fall etwas, dass ihn sich trotz seiner einundfünfzig Jahre nichtalt
vorkommen ließ.
Aber was immer es war, heute Abend würde ihn die Erleuchtung bestimmt
nicht mehr heimsuchen, und so entschloss er sich zu einem Spaziergang ander
frischen Luft, in der Hoffnung, dass ihn das ausgeglichener oder zumindest
müde machen würde.
„Was macht ihr heute noch so?“, fragte Dennis in die Runde, nachdem
alle ihre Sachen gepackt hatten und die Sporthalle verließen.
„Ich wollte eigentlich noch ins Internet und ein bisschen chatten“,
erklärte Flo, worauf er sich von Benjamin die mit sarkastischem Unterton
gestellte Frage einhandelte, ob er sich mal wieder mit seiner virtuellenFreundin
aus Amerika verabredet hatte.
„Yo, hab ich“, gab Flo vorsichtig zurück, „oder hast
du etwa was dagegen?“
„Was sollte ich dagegen haben, Alter? Ich finde es nur ziemlich blöde,
wenn einer, dem die Mädels scharenweise hinterherlaufen, sich ausgerechnet
ne Schnitte in Amerika aussucht, die er dann auch noch nur aus dem Internet
kennt.“
Tobias grinste Benjamin an und konnte sich dann die Bemerkung nicht verkneifen,
er sei ja nur eifersüchtig, weil seine Flamme ihm vor vier Tagen den
Laufpass gegeben hatte und nun nichts mehr von ihm wissen wollte.
„Es wundert mich sowieso, dass sie es so lange mit ihm ausgehaltenhat!“,
fügte Michael hinzu und hatte damit die Lacher auf seinerSeite.
„Hat sonst jemand Lust, noch n Bierchen zu trinken oder so?“,
fragte Dennis weiter.
Vitali schüttelte den Kopf und meinte, dass im Gegensatz zu Benjamin
seine Freundin auf ihn wartete, Benjamin musste noch etwas für die Schule
tun und Michael behauptete, er müsse noch dringend einige Mails undSMS
beantworten.
„Tobias, was ist mit dir?“
„Nee, sorry, aber mein Vater war heute bei meiner Oma im Krankenhaus
und hat jetzt noch nen Elternabend, und ich hab ihm versprochen, was zu kochen.“
Dennis lächelte niedergeschlagen, verabschiedete die anderen, die jetzt
schnell aufbrachen, und machte sich dann allein auf den Weg, irgendwohin,
nur nicht nach Hause, denn auf seine Mutter hatte er jetzt einfach noch keinen
Bock.
Der dunkelblaue Kombi bog mit überhöhter Geschwindigkeit auf die
Umgehungsstraße, die um diese Zeit nur noch wenig befahren war, amSteuer
ein Mann, der immer ernsthafte überlegte, sich umzubringen. Eberhard
Franke wusste noch nicht, wie er es tun sollte und ob er den Mut dazu hatte,
aber er wusste, dass er vom Leben nichts mehr zu erwarten hatte und der Tod
das einzig sinnvolle war, was noch auf ihn zukommen würde. Egal, obnun
früher oder später.
Kurz zuvor hatte er noch an seiner Stammkneipe „Bei Gunda“ gehalten,
die leider schon geschlossen war, woraufhin er sich anderswo den nötigen
Mut angetrunken hatte, jetzt beschleunigte er seinen Wagen immer mehr, fragte
sich, wofür er eigentlich gelebt hatte, wenn nichts von dem blieb, das
er sich aufgebaut hatte und hätte zu gerne gewusst, ob Maria sehr um
ihn trauern würde. Vielleicht schon, aber was machte das, bisher hatte
sie sich ja auch nicht um ihn gesorgt. Seine Frau war froh, wenn er seingutes
Gehalt nach Hause brachte, aber mindestens genauso froh, dass er denganzen
Tag weg war, um es sich zu erarbeiten. Sie hatten sich nichts mehrzu sagen,
schon lange nicht mehr, pragmatisch gesehen machte es fürsie keinen
Unterschied, ob er nun da war oder nicht.
Vielleicht sollte er einfach gegen einen Baum prallen. Oder vor einen entgegenkommenden
LKW. Wahrscheinlich wäre er sofort tot und würde gar nichts spüren.
Und sinnloser als der Ruhestand, der ihn erwartete, konnte der Tod nichtsein.
Abgehetzt und doch nur fünf Minuten zu spät erreichte Rudolf Haan
die Schule, vor der einige, wenige Autos parkten. Er stieg aus, lief schnellen
Schrittes zum Eingang hinüber und blickte in die wartenden Gesichter,
dreier Frauen, Mütter von drei seiner Schülerinnen.
„Entschuldigung, ich habe mich verspätet“, gab er überflüssigerweise
von sich, „ich hoffe, die anderen sind nicht schon wieder gegangen.“
„Welche anderen?“
Rudolf überging die Frage, schloss die Tür auf und führtedie
drei Frauen in den beheizten Klassenraum. Er schlug vor, noch fünfMinuten
zu warten, ob noch jemand käme, dann werde man mit der Wahldes Elternvertreters
und seiner zwei Vertreter beginnen.
Drei Mütter! Drei Mütter, dachte er im Stillen, ärgerte sich,
dass er sich dafür so abgehetzt hatte und fragte sich, warum er sich
noch darüber wunderte, wenn seine Schüler kein Interesse am Unterricht
zeigten, wenn doch ihre Eltern scheinbar kein Interesse an ihnen hatten.
Die fünf Minuten vergingen, und natürlich tauchte niemand auf,so
dass Rudolf mechanisch mit der Wahl des Elternvertreters begann, die ihmgenauso
wie den drei Mütter als eine Parodie auf etwas erschien, vondem er noch
nicht wusste, was es war. Er kam sich regelrecht lächerlichvor, doch
diese Wahl war nun mal Vorschrift, und dass man sich dafürabhetzte und
auch noch Geld an die Polizei abdrückte wahrscheinlichauch.
In Gedanken fluchte er noch immer über den arroganten Beamten und seine
spöttischen Bemerkungen. Von wegen Formel-Eins-Fieber! Wenn er früher
so gekonnt hätte wie er wollte, wäre er jetzt bestimmt nicht Lehrer
an einem Kleinstadtgymnasium, sondern vielleicht wirklich dort, wo Michael
Schumacher heute war! Auf jeden Fall aber würde er heute sein Geld als
Rennfahrer verdienen, wenn er damals nicht auf seinen Vater gehört hätte,
der ihm nach seinen ersten Erfolgen bei Amateurrennen eindringlich geraten
hatte, seinen Traum und seine Luftschlösser aufzugeben. Doch alles Jammern
nützte ja doch nichts, jetzt saß er hier und musste diese Farce
einer Wahl und eines Elternabends über die Bühne bringen.
Während der Heimfahrt sprachen weder Gunda, noch Lukas auch nur einWort,
sie bemühte sich, die Fassung zu bewahren und legte sich in Gedanken
ein pädagogisch belehrendes Gespräch zurecht, und er glotzte mit
starrem Blick aus dem Seitenfenster und schien sich noch immer in einer anderen
Welt zu bewegen.
Zuhause dann wollte sich Lukas sofort auf sein Zimmer verdrücken, doch
Gunda hielt ihn zurück.
„Moment mal, Freundchen, ich glaube, wir haben da vorher noch was zu
besprechen.“
Lukas sah sie aus immer noch glasigen Augen an.
„Was sollen wir denn besprechen?“, fragte er, „Ich habgekifft,
bin dummerweise danach ins Auto gestiegen, das war scheißeund ich kanns
eh so schnell wohl nicht wieder machen. Da gibts nichts zubereden.“
Für einen Augenblick suchte Gunda nach Worten, aber sie wusste, dasjegliches
fürsorgliches elterliches Gerede jetzt doch nur auf taubeOhren stoßen
würde.
„Ich will ja nur wissen“, setzte sie dann verzweifelt an, „warum
du es gemacht hast, wie lange du schon kiffst und warum du es mir nie gesagt
hast.“
Lukas Blick wurde allmählich klarer, zumindest konnte er seiner Mutter
jetzt wieder direkt in die Augen sehen.
„Mama“, setzte er ernsthafter als sie es in seinem Zustand für
möglich gehalten hatte an, „ich mache es, weil es einfach hilft,
Stress zu bewältigen, genau wie bei anderen ne Zigarette, und weil man
einfach mal alles andere vergessen kann...“
„Ja aber...“
„...Und warum hätte ich es dir erzählen sollen? Anderen hörst
du immer stundenlang zu, aber wenn ich dir mal erzähle, dass meine Freundin
Schluss gemacht hat, dann kommt immer nur ein oberflächliches ‘Das
wird schon wieder’ oder sowas...“
Er wandte seinen Blick ab und schlich sich ohne eine weitere Erklärung
die Treppe hoch. Seine Mutter ließ er erschrocken und grübelnd
zurück.
Draußen nieselte es als Conrad Hesse sich auf den Weg machte, aberdie
frische Luft machte ihn ruhiger und ausgeglichener. Als er sich seinHaus
von außen besah, die auffälligste Villa im ganzen Viertelund auch
in ganz Hasseln, wurde ihm bewusst, wie gut er es hatte und dasses unangebracht
war, sich zu bemitleiden. Wahrscheinlich wurde er von vielenbeneidet, denen
es nicht so gut ging, nicht nur um seinen materiellen Reichtum,sondern auch
um seine perfekte Familie und um seiner selbst Willen. Nachaußen hin
war er immer der nette, aufgeschlossene Erfolgsmensch, derdurch seinen Wohlstand
nicht arrogant geworden war, sondern immer noch einoffenes Ohr für die
Probleme und Sorgen, seiner Bekannten und Nachbarnhatte. Und trotzdem nagte
an ihm dieses Gefühl einer inneren Leere,die sich auch durch logische
Argumente nicht vollständig verdrängenließ.
Während er jetzt gedankenverloren dem nassen Bürgersteig folgte
und dem Regen und seinen eigenen Schritten lauschte, wäre er fast mit
Maria Franke, einer Nachbarin, zusammengestoßen, die vor ihrem Haus
offensichtlich auf etwas wartete.
„Nabend, Herr Hesse, so spät noch unterwegs?“
„Oh guten Abend, ja, ich wollte mir noch ein wenig die Beine vertreten.
Und warum stehen sie hier im Regen?“
Er lächelte sie freundlich an, erfreut, sich ablenken zu können,
doch dann bemerkte er den sorgenvollen Blick der Nachbarin.
„Ach, mein Eberhard hatte heute seinen letzten Arbeitstag, ich habe
den ganzen Tag in der Küche gestanden, weil ich weiß, wie schwer
er sich mit seiner Pensionierung trägt, aber er ist bisher noch nicht
zurück.“
Conrad tröstete sie, indem er vermutete, ihr Gatte würde sicher
nur etwas länger brauchen, um sich von den Kollegen zu verabschieden
und würde sicherlich bald auftauchen, tauschte noch einige belanglose
Floskeln über den Ruhestand mit der Frau aus, dann setzte er seinenWeg
fort und fragte sich, wie er sich wohl fühlen würde, wenn erdas
Rentenalter erreicht hatte. Er hoffte nur, er würde nicht wie seineigener
Vater damals nur noch dasitzen und nichts mehr mit seiner Zeit anzufangen
wissen.
Ziellos kurvte Dennis durch die Stadt, hatte keine Ahnung, wohin er fahren
sollte, denn alle seine Freunde mussten entweder morgen arbeiten oder zur
Schule, nur er hatte nichts zu tun, jobbte nur von montags bis mittwochsbei
Skywalker, aber als richtige Arbeit sah er den Job nicht an. Er hatteja versucht,
eine Lehre anzufangen, aber jemanden, der nur einen Sonderschulabschlusshatte,
wollte in dieser Stadt scheinbar niemand einstellen. Schon oft hatteer sich
gefragt, wie lange das noch so weitergehen konnte, eine Perspektivehatte
er nicht, und auch wenn seine Kumpels oft beneideten, dass er am nächsten
Morgen nicht früh raus musste, so hätte er nur zu gerne mit ihnen
getauscht. Es war ja nicht nur so, dass er sich immer öfter langweilte,
nein, inzwischen glaubte er kaum noch daran, irgendwann noch einen Ausbildungsplatz
zu bekommen, fühlte sich zu dumm und kam sich auch irgendwie nutzlos
vor.
Der einzige, mit dem er offen darüber sprechen konnte war Flo, der ihn
zum Glück immer wieder ermunterte, ihm einredete, er sei keinesfalls
weniger intelligent als andere, ihm ja auch den Job bei Skywalker verschafft
hatte und auch der festen Überzeugung war, er würde bald eine Beschäftigung
finden, doch wenn Dennis allein war, zweifelte er wieder an sich selbst.Besonders,
wenn er mal wieder eine CD hatte mitgehen lassen, die er sonstnie hätte
bezahlen können, fragte er sich, wie lange das noch soweitergehen konnte.
Jetzt lenkte er sein Auto durch das sogenannte Villenviertel, vorbei an den
teuren Bungalows mit ihren gepflegten Gärten und den gemütlicherleuchteten
Fenstern, die schon von der Straße aus nach Wohlstandund Zufriedenheit
aussahen. Vor dem unbeleuchteten Haus der Hesses, dem wahrscheinlichteuersten,
wenn auch nicht unbedingt geschmackvollsten hier im Viertel, wurdeer langsamer.
Patrick, der Sohn der Hesses, hing oft mit Flos Bruder Björnrum und
verkörperte für Dennis immer all das, was er selbst nichtwar. Patrick
hatte Kohle ohne Ende, war Student und somit wohl auch intelligent,bei allen
beliebt, und Dennis hätte nur zu gerne einmal mit ihm dieRollen getauscht.
Leider ging das nicht, und er musste sich für sichallein durchschlagen.
Auf der Fahrt nach Hause, ärgerte Rudolf Haan sich noch immer über
den misslungenen Elternabend, gleichzeitig dachte er aber auch an früher,
an seinen Traum, Rennfahrer zu werden, den er sich leider nie verwirklicht
hatte. Er fragte sich, was wohl gewesen wäre, wenn er damals nicht auf
seinen Vater gehört hätte. Es wäre utopisch zu glauben, er
hätte jemals Chancen auf die Formel-Eins gehabt, doch immerhin hätte
er dann heute Abend nicht mit drei mäßig motivierten Müttern
Wahl gespielt und auch sonst einen Beruf, der ihn mehr ausfüllte als
es sein jetziger tat. Er hätte wahrscheinlich nicht so eine geregeltes
Einkommen wie jetzt, doch er hätte auch nicht ständig das Gefühl,
etwas verpasst zu haben, eine Chance ungenutzt gelassen zu haben. Ob er glücklicher
wäre, wusste er nicht, und wenn er realistisch dachte, war die Entscheidung
für den Lehrerberuf weitaus vernünftiger gewesen, doch neben der
Vernunft gab es für ihn nun mal das Abenteuer, und das einzige Abenteuer,
was er jetzt hatte, war, dass ihm von einem herablassenden Polizisten Geld
wegen zu schnellen Fahrens abgenommen wurde. Das war nun wirklich nicht das,
was er sich unter einem erfüllten Leben vorstellte.
Es dauerte nicht lange, bis Eberhard Franke einen Lichtkegel auf sich zukommen
sah. Wenig später erkannte er, dass es sich um einen Bus handelte. Einen
Moment überlegte er, ob es dem Busfahrer gefährlich werden könnte,
oder ob noch Fahrgäste darin waren, aber das war um diese Zeit unwahrscheinlich,
und er hatte mal gehört, dass ein PKW, wenn er von einem Lastwagen oder
Bus erfasst wurde, geradezu in seine Einzelteile zerlegt wurde, während
das größere Fahrzeug kaum Schaden davontrug. Sein Entschluss war
jetzt gefasst, er würde Gas geben, bis er mit dem Bus beinahe auf gleicher
Höhe war, und dann würde er einfach auf die andere Fahrbahnseite
hinüberziehen. Dann konnte der Bus weder bremsen, noch ausweichen, und
er selbst würde wahrscheinlich sofort tot sein und gar nichts spüren.
Eberhard beschleunigte immer weiter, viel zu langsam schien er sich dem anderen
Fahrzeug zu nähern. Seine Hände krampften sich um das Lenkrad,ein
letztes Mal rief er sich die Gesichter seiner Frau und seiner Tochterins
Gedächtnis, dann war es soweit. Noch ein paar Bruchteile einer Sekunde,
und er würde das Lenkrad nach links drehen. Es würde seine letzte
Handlung sein, dann wäre es aus.
Jetzt war er nahe genug. Der Zeitpunkt war gekommen, und Eberhard... fuhr
weiter geradeaus. Er knallte nicht vor den Bus, er machte seinem Dasein kein
Ende, er war nicht von allen Qualen erlöst, er war wieder einmal zufeige
gewesen. Jetzt war es zu spät, und er fragte sich, warum er esnicht
getan hatte. Vielleicht war er zu feige, vielleicht war es ein natürlicher
Überlebensinstinkt, vielleicht auch beides, aber auf jeden Fall kamjetzt
sowas wie Ärger in ihm hoch, weil er wieder einmal nicht seinemWillen
gefolgt war, sondern sich von etwas anderem hatte treiben lassen wieeigentlich
schon sein ganzes Leben lang.
„Ich bin keine schlechte Mutter! Ich bin keine schlechte Mutter!“,
das sagte Gunda sich immer wieder, während sie auf den eingeschalteten
Fernseher starrte, ohne zu sehen, was dort vor sich ging. Lukas Vorwurf hatte
sich in ihr Bewusstsein gebohrt, hatte besser getroffen als er vielleicht
treffen sollte, hatte ihre Schuldgefühle geweckt und sie ins Grübeln
gebracht. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wann sie zuletzt ein ernsthaftes
Gespräch mit einem ihrer Söhne geführt hatte, doch so richtig
offen hatten weder Lukas noch Marek in letzter Zeit mit ihr geredet. Für
ihre Kunden, die mit den allerkleinsten Problemen zu ihr kamen, hatte sie
immer ein offenes Ohr und meist sogar einen guten Rat, aber es konnte doch
nicht sein, dass sie dafür ihre eigene Familie vernachlässigte.
Sie war doch immer da und zu jeder Zeit für die Sorgen ihrer Söhne
offen, sagte sie sich, aber je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr
Situationen fielen ihr ein, in denen sie ihre Söhne kurzangebunden behandelt
hatte, weil die Kneipe eben vorging. Ihr Unterbewusstsein wiederholte Lukas
Vorwurf immer wieder, und ihr fielen kaum noch Gegenargumente ein, um ihr
Gewissen zum Schweigen zu bringen.
Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter und zuckte zusammen.
Es war Lukas. Seine Augen waren nicht mehr so glasig wie vorhin, und er schien
sich körperlich und geistig wieder in der Realität zu befinden.
„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken“, erklärte erzerknirscht,
„ich wollte nur fragen... na ja, ob du sehr sauer aufmich bist wegen
der Sache mit dem Kiffen...“
„Bist du denn sauer auf mich?“
„Ich auf dich? Wieso das denn?“
„Na weil ich ne schlechte Mutter bin...“
Völlig verstört guckte Lukas sie fragend an, dann schien er ihre
Gedankengänge zu verstehen und grinste.
„Das mit der schlechten Mutter vergiss mal ganz schnell wieder, mir
ist schon klar, dass du nicht immer stundenlang Zeit für uns haben kannst,
und außerdem, wenn was wirklich wichtig ist, dann bist du sofort da.
Meinste jede Mutter wäre heute so schnell auf der Wache gewesen?“
Gunda sah ihrem Sohn tief in die Augen, dann nahm sie ihn fest in die Arme,
obwohl sie genau wusste, wie sehr er das hasste, aber es musste jetzt einfach
sein.
Während Conrad Hesse seinen Weg durch die Nachbarschaft fortsetzte,stoppte
plötzlich ein Wagen neben ihm, den er erst im zweiten Momentals den
seiner Frau erkannte.
Sie fuhr das Seitenfenster herunter und fragte: „Was machst du denn
um diese Zeit noch hier draußen?“
„Ich wollte mir nur ein wenig die Beine vertreten und in Ruhe nachdenken.“
„Steig ein, ich nehme dich mit nach Hause, da können wir gemeinsam
in Ruhe nachdenken.“
Conrad stieg ein, gab Silvia einen Begrüßungskuss und ließ
sich dann von ihr zurückfahren. Als sie zuhause ankamen, erzählte
er ihr von seinem Tag, seiner schlechten Laune und seinen Grübeleien,
worauf sie nur antwortete: „Typisch Mann! Manchmal benehmt ihr euch
wie kleine Kinder.“
„Dann guck doch dich mal an, wenn du nicht gleich findest, was du suchst“,
gab er schmunzelnd zurück, „und außerdem ist es mir ernst
damit, ich frage mich wirklich, was mir fehlt oder was ich vermisse.“
Silvia schüttelte den Kopf, dann murmelte sie etwas von Midlife-Crisis
und dass sie kein Verständnis für ihn aufbringen könne.
„Fühlst du dich etwa immer ausgeglichen?“, fragte er zurück.
„Natürlich nicht, aber ich bemitleide mich dann nicht, sondern
suche mir eine sinnvolle Aufgabe.“
„Und was stellst du dir da so vor? Soll ich mich plötzlich für
Gartenarbeit begeistern oder in den Tennisclub eintreten?“
Ein spöttisches Lächeln huschte über das Gesicht seiner Frau,
das ihn augenblicklich aus seiner Melancholie herausriss und über sich
selbst lachen ließ.
„Das wäre immerhin ein Anfang“, erklärte sie gespielt
ernsthaft und setzte dann mit einem vielsagenden Blick auf die Schlafzimmertür
hinzu: „Aber ich glaube, für heute nacht fällt mir noch eine
ganz andere sinnvolle Beschäftigung für dich ein...“
Endlich zuhause, dachte Rudolf Haan als er die Tür aufschloss und ihm
jetzt erst bewusst wurde, wie sehr ihn der Tag geschafft hatte. Er wollte
nur noch eine Kleinigkeit essen und dann ins Bett, aber als er die Küchentür
mit dem Fuß aufstieß, stand er vor einem gedeckten Esstisch,und
der Geruch italienischem Essens stieg ihm in die Nase.
„Ich dachte, du hättest vielleicht Hunger“, begrüßte
ihn Tobias, der gerade die Lasagne aus dem Backofen holte.
Rudolf nickte: „Ich hab solchen Kohldampf, ich könnte einen Elch
verschlingen!“
„Elch gibts dann morgen, heute musst du dich mit Pasta zufriedengeben.“
Sie setzten sich, Rudolf erzählte, dass es Oma immer noch nicht besonders
gut ging und Tobias von Basketballtraining, und nach und nach entspannteRudolf
sich, vergaß die Sorgen des Tages und konnte endlich abschalten.Der
Polizist und der Elternabend waren ihm bald egal, der Tag war zum Glück
um, und ein gutes Essen verdrängt ja bekanntlich auch die schlimmsten
Sorgen.
„Wenn du Lust hast, können wir uns nachher noch nen Video ausgeliehen,
ich habe ‘Hot Wheels’ ausgeliehen.“
„Hab ich noch nie was von gehört, worum geht es in dem Film?“
„Soweit ich weiß, geht es um einen alternden Rennfahrer, derein
Comeback versucht, es sich noch einmal beweisen will und dann kläglich
scheitert...“
Dennis fuhr immer noch ziellos umher als er feststellte, dass er dringend
tanken musste. Ein Blick ins Portmonee sagte ihm, dass es dafür gerade
noch reichte, nur den Discobesuch am Wochenende konnte er sich jetzt abschminken.
Wieder einmal würde er den anderen nach dem Spiel erklären, erhätte
keinen Bock, noch wegzugehen, wieder einmal würde Flo ihnhinterher fragen,
ob er ihm Geld leihen sollte, und wieder einmal würdeDennis ablehnen,
weil ihm das peinlich war.
Niedergeschlagen fuhr er die nächste Tankstelle an, stopfte den Hahn
in seinen Tank und sah zu wie die Zahlen auf der Preisanzeige viel zu schnell
nach oben ratterten. Wäre er bloß nicht noch durch die Gegendgefahren,
schimpfte er sich, aber dafür war es jetzt zu spät, seineletzten
Kröten drückte er kurz darauf dem Tankwart in die Hand,der ihm
noch einen schönen Abend wünschte.
Auf dem Weg nach draußen, fiel Dennis Blick auf das Regal mit dem Bier,
er vergewisserte sich, dass der Tankwart mit anderen Dingen beschäftigt
und keine Kameras installiert waren, dann stopfte er sich einen Sechserträger
unter die Jacke und beeilte sich, zu seinem Wagen zurückzukommen.
Wenn der Tankwart das mit dem schönen Abend ernst gemeint hätte,
würde er sicher nichts dagegen haben, sagte Dennis sich, trat das Gas
durch und machte sich auf den Weg nachhause. Und wenn die anderen nichtsmit
ihm trinken wollten, würde er das eben alleine tun, er musste jamorgen
nicht früh aufstehen, und da machte es auch nichts, wenn er sichein
Bierchen mehr als nötig genehmigte. Es war zwar nicht das, was ersich
vorgestellt hatte, aber besser als nichts, und man musste eben das besteaus
seiner Situation machen. Er kam sich jetzt etwas trotzig vor, aber alleine
saufen war immer noch besser als Trübsal blasen.
Nachdem Lukas sich aus ihrer Umarmung gelöst, und sie sich wieder gefangen
hatte, setzte Gunda ein letztes Mal zu einem pädagogischen Gespräch
an, um die Sache endgültig aus der Welt zu schaffen.
„Aber selbst wenn du Probleme hast, ist kiffen doch keine Lösung,
oder?“
„Ach Mama, ich rauche das Zeug doch nicht, weil ich anders mein Leben
nicht in den Griff bekomme, das machen halt alle, und es ist nicht gefährlicher
als rauchen.“
„Also, dass alle es machen ist ja nun wirklich kein Grund, und ichdenke
schon, dass sowas eine andere Qualität hat als normale Zigaretten.“
Lukas drehte die Augen zur Zimmerdecke, dann brachte er das Argument, das
wahrscheinlich jede Mutter in solch einer Situation zu hören bekam,nämlich,
dass sie nicht etwas verurteilen könne, was sie noch nieausprobiert
hatte. Gunda fielen zig Gegenargumente ein, aber da sie sichohnehin schon
vorkam wie jene Mütter, die sie sonst so lächerlichfand, konterte
sie: „Na gut, dann probiere ich es eben aus.“
Damit hatte Lukas nicht gerechnet, seine Augen wurden fast genauso groß
wie vorhin als er noch unter Drogen stand, und er fragte, ob sie noch ganz
dicht sei.
Jetzt gab es eh kein zurück mehr, und darum sagte sie nur: „Na
was ist? Nun hol das Zeug schon her...“
Lukas dachte wohl, sie sei wirklich nicht mehr ganz bei Verstand, doch nach
einer weiteren Schrecksekunde erhob er sich und kam wenig später mit
einem selbstgedrehten Joint zurück.
Er zündete ihn an und erklärte: „Du musst es ganz tief inhalieren,
so lange wie möglich in der Lunge behalten und auf keinen Fall husten.“
Dann nahm er den ersten Zug, lehnte sich entspannt zurück und reichte
seiner Mutter das Ding weiter.
Gunda tat es ihm nach, auch wenn ihr zuerst fast schlecht wurde und ihr Hals
sich nach Schmirgelpapier anfühlte, aber aufgeben kam nicht in Frage.
Sie gab den Joint an Lukas zurück, er wieder an sie, und als er wieder
am Zug war, redete sie nochmals auf ihn ein: „So, jetzt habe ich probiert
und weiß, dass das Zeug wahnsinnig eklig schmeckt. Glaubst du mir jetzt,
wenn ich dir sage, dass... dass... also Drogen sind keine Lösung und...
und das haut ganz schön rein... aber trotzdem, man muss ja nicht...also
das Zeug ist aber wirklich... boah... ich glaube ich bin high...“
„Ja, Mama, das glaube ich dir aufs Wort“, bestätigte Lukas
und brach in schallendes Gelächter aus, in das Gunda augenblicklichmit
einfiel.
Es wäre nur ein kleiner Sprung aus dem Fenster oder eine kleine Lenkradbewegung
gewesen, sagte sich Eberhard Franke, und er hätte es hinter sich gehabt,
aber nein, er war zu feige gewesen. Wieder einmal hatte er sich von seinem
Unterbewusstsein leiten lassen und den Weg des geringsten Widerstandes gewählt.
Er hasste diese innere Stimme, die ihm immer wieder einen Strich durch die
Rechnung gezogen hatte, wenn er einmal Courage beweisen wollte, und er fragte
sich, warum sein Unterbewusstsein so sehr an diesem Leben, von dem er nichts
mehr zu erwarten hatte, hing. Vielleicht glaubte es ja, er könne zusammen
mit Maria doch noch einen gemütlichen Lebensabend verbringen, auch wenn
er selbst daran zweifelte. Vielleicht glaubte es ja auch, er würde nach
einer gewissen Gewöhnungsphase seinen Ruhestand genießen können.
Nein, das konnte nicht sein, es gab nichts, woran er noch hängen konnte.
Er hätte von vornherein einen anderen Lebensweg einschlagen sollen.Es
wäre doch schön, wenn er noch einmal von vorne beginnen, vieles
anders machen könnte. Aber wahrscheinlich endeten alle Wege irgendwann
in einer Sackgasse. Seine Kollegen hatten ihm gesagt, er solle sich freuen,
da jetzt sein neues Leben beginne. Vielleicht war es das, was diese innere
Stimme dazu brachte, die Hoffnung nicht aufzugeben. Sein Unterbewusstsein
glaubte womöglich tatsächlich, dass es möglich sei, in seinem
Alter noch einmal vieles neu zu beginnen und anders zu machen. Er jedenfalls
glaubte nicht daran, aber er würde es wohl nie erfahren, wenn er aus
dem Fenster gesprungen oder vor den Bus geprallt wäre. Das hieß
also, er hatte sich nicht getraut, weil er sich selbst noch beweisen musste,
dass ihm das Leben in der Tat nichts mehr zu bieten hatte. Oder umgekehrt.
Während er darüber nachdachte und hoffte, dass er es bald wissen
würde, sah er nicht mehr auf die Straße und bemerkte daher die
Kurve nicht, die plötzlich auf ihn zuraste. Er wusste kaum, was geschah
als er von der Straße abkam, und das Auto durch die Leitplanke donnerte,
sich seinen Weg durchs Gestrüpp bahnte und den Bäumen, die sich
ihm in den Weg stellten, nicht mehr ausweichen konnte.