Ein dumpfer Gong ertönteund
durchbrach die Stille, die über demganzen verschlafenen Nest zu
liegen schien. Mein Mund fühlte sichplötzlich so trocken analshätte
ich seit Tagen nichts getrunken,meine Knie wurden doch irgendwieweich und
ein letztes Mal fragte ich mich,was ich mir von dieser Reise versprachund
ob es wirklich richtig war. Dochdazu war es zu spät, ich hörteSchritte
aus dem Inneren des Hauses,eine Tür quietschte, die Schrittekamen näher
und ich wünschte,ich hätte mir vorher überlegt,was ich eigentlich
sagen wollte.In diesem Moment wäre es mir hundertmal lieber gewesen,
mit Klaus,Manuund den anderen in einer dreckigen Kneipevor einem abgestandenen
Bierzuhocken,gleichzeitig schämte ich mich aberauch für meine kindischeNervosität,die
ja nicht mal so stark war,wenn ich mit nem Haufen Grasin der Taschevon den
Bullen angehalten wurde.
Dann hörte ich einen Schlüssel, der imSchlossder
Haustürzweimal herumgedreht wurde, danach schwang die Türaufund
das Gesichtdes Mannes, den ich nur von einem fast zwanzig Jahre altenFoto
kannte, gucktemich fragend an.
„Was kann ich für sie tun?“, fragte
mich Johannes Lorenzein wenig erstaunt über die späte Störung,
doch ich war nichtfähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Ich starrte
ihn nur an, esgab keinen Zweifel, er war der Mann von dem Foto und somitmein
Vater. Fürihn muss es ziemlich blöd ausgesehen haben, einTyp, der
plötzlichnachts vor seiner Tür steht, kein Wort überdie Lippen
bringt undeinfach nur dämlich vor sich hinglotzt, aber ichkonnte einfach
nichtssagen, nicht einmal etwas denken, oder vielleicht schossenmir auchnur
zuviele Gedanken durch den Kopf, zu schnell, um einen davonfassen zukönnen,auf
jeden Fall stand ich nur da und wusste nicht, wasich jetztmachen sollte.
Aber auch Lorenz sah mich nur an und sagte kein Wort.
Bestimmt eine ganzeMinute lang standen wir nur da und sahen uns in die Augen.
Seine Augen hattengenau die gleiche grüne Farbe wie meine, und als es
mir auffiel, liefmir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Ja, dieser
Mann war ohneZweifel mein Vater, der Mann, der meiner Mutter seinen dogmatischen
Glaubenbeigebracht und mich noch vor meiner Geburt gehasst hatte. Als ich
schließlichimmer noch nichts sagte, schlug Lorenz mir mit einem Mal
die Tür vorder Nase zu und ich hörte, wie der Schlüssel erneut
zweimal imSchlossgedreht wurde. Echt scheiße gelaufen! Aber ich war
bestimmtnicht hier,um mir die Tür vor der Nase zuknallen zu lassen und
dannwieder nachBremenzu fahren. Also atmete ich tief durch und klingeltedannnochmals.
Die Tür ging wieder auf, und diesmal schaffteich
es wirklich, ein paarWorte herauszubringen: „Ich bin Lucas...“
Wie versteinert durchbohrte er mich mit seinem Blick,
ließ aber keinerleiGefühlsregung erkennen.
„Ich bin der Sohn von...“
„Ich weiß, wer du bist!“, unterbrach
mich Lorenz in einemharten, scharfen Ton und fuhr dann fort: „Abertrotzdem
bist du hiernicht erwünscht! Also scher dich weg und lass dirnicht einfallen,
michje wieder zu belästigen.“
Und wieder schlug er die schwere Eichentür direkt
vor meiner Nase zu.
Das lief ja wirklich prima, dachte ich, aber jetzt,
wo ich angefangen hatte,würde ich auch so schnell nicht aufgeben. Also
klingelte ich erneut,klingelte Sturm und wartete, bis mein Erzeuger nochmals
öffnete.
„Wenn du nicht verschwindest, rufe ich diePolizei“,bellte
er,funkelte mich dabei wütend an und wollte michwieder aussperren,dochdiesmal
hatte ich meinen Fuß in der Tür.
„Ich will nur wissen warum“, setzte ich
an.
„Warum was?“
„Warum sie erst meine Mutter schwängern,
sie dann sitzen lassenund ihr noch dazu ein schlechtes Gewissen und einen
Haß auf mich einreden?“
So langsam war ich wieder Herr meiner Sinne, unddurchseine
blöde Drohungmit der Polizei stieg auch die Wut in mir hoch.Dassichniemals
ein tollesVerhältnis zu ihm aufbauen würde, sowiemandasaus amerikanischenKitschfilmen
kannte, war mir eigentlich schonvorherklargewesen und deshalbkeine große
Enttäuschung, aber wenigstenswollteich eine Erklärungvon ihm haben
oder wenigstens das Eingeständnis,dass er mir mein Lebenzur Hölle
gemacht hatte. Und wenn auch nicht geradezur Hölle,dannwenigstens noch
beschissener als die Scheiße, indie ich michohnehinschon reinritt.
Ach, ich weiß auch nicht, was ichgenau wollte,aberich war sauer, unzufrieden
mit allem, und ich wusste, dassdieser MannanmeinerSituation nicht gerade
unschuldig war.
„Du sollst dich von der Sünde fernhalten“,
antwortete ermir, „und du hast mir das Leben schwer genug gemacht.Du
bist aus derSünde geboren und hast viel Unglück gebracht, alsoverschwindeausmeinem
Leben und lass dich nie wieder hier blicken!“
Ich soll viel Unglück gebracht haben? Ich dachte,
ich hörte nichtrichtig! Aus der Sünde geboren. Nicht aus der Sünde,
sondern ausdeiner Geilheit, wollte ich ihn anschreien, und es fiel mir schwer,
nichteinfach so auf ihn einzuschlagen oder, noch besser, mein Messer zumEinsatzzu
bringen. Aber ich hielt mich zurück, obwohl ich gar nichtwusste,dass
ich sowas konnte und wollte es mal mit einer neuen Taktik probieren.
„Erst wollte ich dir, Herr, meine Schuld verheimlichen.
Doch davonwurdeich so schwach und elend, dass ich nur noch stöhnen konnte.
Daendlichgestand ich dir meine Sünde; mein Unrecht wollte ich nichtlängerverschweigen.
Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben“,zitierte ich
den Psalm, den mir Black_Rose geschickt hatte und war gespannt,wie Lorenz
reagierte, wenn man ihn mit seinen eigenen Waffen bekämpfte.
Er sagt erstmal gar nichts und wich aber meinem herausfordernden
Blick aus.
„Schuld kann nur vergeben werden, wenn mansiezugibt“,
fuhrichfort, „oder kennen sie etwa ihre eigene Bibelnicht? Was würdewohl
ihre Gemeinde sagen, wenn sie das erfährt?“
Offensichtlich hatte ich ihn da, wo ich ihn haben
wollte,denn er blicktemir jetzt wieder direkt in die Augen, und ich glaubte,
eineMischung ausHaßund Angst in seinem Blick sehen zu können.Aberich
hattemich doch inihm getäuscht, denn bevor ich noch etwas hinzufügenkonnte
oderermir doch noch eingestand, einen Fehler gemacht zu haben, packteer michruckartig
am Kragen, während seine Lippen zitterten als wolleer etwassagen, schubste
mich dann mit aller Kraft rückwärts,so dassich fast zwischen seinen
Stiefmütterchen gelandet wäre,und knalltedie Tür zu, bevor
ich eigentlich wusste, was Sache war.
Schnell rappelte ich mich wieder hoch, denn sowas
hatteich mir noch nieundvon niemandem gefallen lassen, also auch von ihmnicht.Diesmal
klingelteich noch heftiger Sturm als zuvor, und als nichtspassierte,tratich
mehrmalswütend gegen die Tür. Doch alles halfnichts,imHausblieb
esruhig,nur konnte ich sehen, wie Lorenz jetzt in jedemZimmerdie Vorhängezuzogund
kontrollierte ob auch jedes Fenster verschlossenwar. Er hatteAngst,daswurde
mir später klar, denn schließlichwussteer sogut wieich,dass ich
ihm mit der Wahrheit sein kleines, beschaulichesLebenhierin diesemOrt zerstören
konnte. Eigentlich war das gar nichtmeineAbsicht,undich bezweifelte auch,
dass sich nach so vielen Jahren nochjemanddarumscherenwürde, dass der
Priester damals einen Sohn gezeugthatte,aberman konnteja nie wissen. Undselbst,
wenn die katholische Kircheihnnichtgleich rausschmeißenwürde,so
wäre da immer nochdasGeredeinder Gemeinde, was aufDauer sicherlichauch
einem Spießrutenlaufgleichenwürde. Daseinzige, was ich nichtwusste,
war, ob man nachsolanger Zeitüberhauptnoch beweisen könnte,dass
er wirklichmeinErzeuger war.In jedem Fallaber konnte ich ihm sein Lebenso
schwermachen,dass er nur nochstöhnenkönnte, doch daran dachteichin
dem Augenblickgar nicht,ich war nurwütend, dass er es nicht einmalfür
nötighielt,mitmir zureden. Genaugenommen war es sein Glück,dass
er dieTürzugeschlagenhatte,denn so sauer und so ungestümwie ich
war,hätteich sonstwahrscheinlichwirklich blind auf ihn eingeschlagen.
Wütend trat ich nochmals vor die verschlossene
Tür, aber mir warklar, dass das auch nichts bringen würde. Also
noch eine Nacht im Auto,vielleicht hatte ich ja morgen mehr Glück. Gerade
als ich den Weg zurückzur Straße ging, sah ich einen Wagen mit
Blaulicht auf mich zukommen.Also hatte das feige Arschloch wirklich die Bullen
gerufen! Der Polizeiwagenhielt direkt vor mir, zwei Beamte stiegen aus und
erklärten mir, siehätte von Lorenz einen Anruf erhalten, dass er
belästigt würde.Ich setzte zu einer Erklärung an und erzählte
ihnen, dass ich derSohn des Priesters war und unbedingt mit ihm sprechenwolle,
aber die Polizeiwar ja noch nie mein Freund und Helfer gewesen, undso wimmelten
sie michauch diesmal ab.
„Klar, du bist der Sohn eines katholischenGeistlichenund
willst nurmal eben deinen Vater besuchen“, meinte derältereder
beidenBullen,ein großer, kräftiger Typ, der aussahals seier um
dieseZeitnichtauf lange Diskussionen aus, spöttisch grinsendundsetztedannhinzu,„Für
wie dumm hälst du uns eigentlich,auch,wennwirfürdich vielleicht
nur blöde Ossis sind, wir wissenhiertrotzdem,dasskatholischePriester
keine Kinder haben, also erzähldeineGeschichteeinemanderen!“
Ja, das wars dann wohl, dachte ich, jeder weitere
Versuchwar zwecklos, undmir blieb nichts anderes übrig als den Rückzug
anzutreten. Unterden feindseligen Blicken der Bullen ging ich also zurück
zum Auto, stiegein und raste mit quietschenden Reifen davon. Meine Wut war
jetzt allerdingsauf dem Höhepunkt, und auch, wenn ich hier wohl nichts
mehr erreichenwürde, so schrei mein Inneres nach Rache.
Zunächst lenkte ich den Civic aber wieder zumOrtsausgang
und noch einStück weiter, denn die Herren in Grün trautenmir wohl
nicht soganz und verfolgten mich noch eine Weile bis sie sicherwaren, dass
ich auchwirklich verschwand. Doch wenige Meter, nachdem der Wagenhinter mir
in eineSeitenstraße zurück zum Dorf abgebogen war,wendete ichmittenauf
der Straße und raste in blinder Wut zurückzum Haus meinesErzeugers.
Ich parkte den Wagen in einiger Entfernung, schlichzurückzum Haus, durchquerte
den Garten und war festentschlossen, meinenÄrger,nicht einfach so herunterzuschlucken.
Die Fenster im Haus warenjetzt alledunkel, aber das war auch ganz gut so.
Sollte sich dieser Scheinheiligedochsicher fühlen. Aus meinem Auto hatte
ich den Ersatzkanister, dernochzur Hälfte mit Benzin gefüllt war,
mitgenommen, das dürftereichen. Ich sah mich noch einmal um, ob diePolizisten
nicht doch noch inder Nähe waren, dann schlich ich mich zumGartenhaus,
bespritzte eineWand mit Benzin, zündete mir eine Zigarettean und ließ
sie dannachtlos fallen. Der Schuppen stand sofort in Flammen,das Feuer war
in einerdunklen Nach wie dieser bestimmt im ganzen Ort zu sehen,aber ichnahm
mirnicht die Zeit, mein Werk noch länger zu betrachten,sondernsah zu,dass
ich schnell wieder auf die Hauptstraße und außerReichweitekam.
Noch von der nächsten Bundesstraße aus,sah
ich die Flammen, diehoch in den Himmel schlugen und hörte die Sirenen
der Feuerwehr- undPolizeiwagen. Sie würden nach mir suchen, würden
mich vielleichtsogar noch schnappen, weil sie sich hier schließlich
besser auskanntenals ich, aber das war mir egal, mir ging es nur darum, diesem
Schwein heimzuzahlen,dass er mich zum zweiten Mal einfach so kalt weggeschickt
hatte, ohne auchnur einen Moment an seiner Unschuld zu zweifeln.
Ich trat das Gaspedal voll durch, versuchte, so schnell
wie möglichdieAutobahn zu erreichen, und fühlte mich etwas besser.
Sicher wares unüberlegtvon mir gewesen, das Gartenhaus abzufackeln,weil
ichmir dadurch jede Chanceauf ein weiteres Zusammentreffen versaut hatte,
aberich hatte die letztenachtzehn Jahre bei dem, was ich tat, nicht überdie
Konsequenzen nachgedacht,und dieser Mann war es nicht wert, dass ichheute
damit anfing. Durch dieFluchtund die Angst, an der nächstenEcke könnten
die Bullen michstoppen,dachte ich nicht weiter übermein so lange herbeigesehntes
Treffenmitmeinem Erzeuger nach und hattedeshalb auch keine Zeit, die Enttäuschung,
die sich in mir aufgebauthatte, so richtig zu registrieren. Ich raste einfach
nur blind weiter, bloßweg hier, und bei jedem Auto, das mir entgegenkam,
hoffte ich, lass es bittekeinen Bulle sein!
Ja, genau dieser Satz ging mir immer wieder durch
denKopf: Lass es bittekeinen Bulle sein. Zuerst fiel es mir überhaupt
nichtauf, doch beimfünften oder sechsten Wagen, kam mir der Satz plötzlich
komischvor. Das war eine klare Bitte, und ich fragte mich, an wen ich sie
eigentlichrichtete. Gott konnte ich ja wohl kaum damit meinen, denn an den
glaubteichschließlich nicht. Und selbst wenn ich ihn anflehte, wieso
sollteermich dann erhören? Immerhin hatte ich Scheiße gebaut,war
vielleichtauch sowieso im Unrecht, denn immerhin war der Mann, dessenGartenhaus
ichangezündet hatte Priester und kannte die Bibel besserals ich. Wiesosollte
ich also jemanden um Hilfe bitten, an den ich nichtglaubte und dergar nicht
auf meiner Seite sein konnte?
Aber ich schob die Fragen weit von mir weg, stellte
stattdessen das Radioan und konzentrierte mich auf die Straße. Leider
war das mit dem konzentrierengar nicht so leicht, immer wieder schossen mir
Gedanken und Fragen durchdenKopf, die ich nicht beantworten konnte. Hätte
ich vielleicht mehrErfolggehabt, wenn ich bis morgen gewartet hätteund
mir einen Planfürdas Zusammentreffen gemacht hätte? Hätteich
mir das mitdem Feuerschenken und morgen einen zweiten Versuch startensollen,
oderstatt des Schuppensgleich das Haus anzünden sollen? Warder MannimRecht
und ich eine Sünde,von der man sich fernhalten musste?Bewiesichdurch
die Kacke, die ich anstellte,nicht jeden Tag wieder, dassichbessernie geboren
wäre? Auf jeden Fallwar die ganze Aktion ein einzigerReinfallgewesen.
Das einzig Positive war, dass mich doch kein Polizeiwagen
stoppte und ichso wenigstens ungeschoren davonkam. Zumindest äußerlich
ungeschoren.In mir tobte das Chaos, ich wusste nicht mehr wer ich war, zweifelte
an allem,was ich bisher getan hatte und verlor gerade jegliche Achtung vor
mir selbst,wenn ich sowas überhaupt jemals gehabt haben sollte. Unddie
Sache mitSimon hatte ich auch noch verpatzt. Ein Loser auf ganzer Liniealso.
Wennich wenigstens Simon nicht aus den Augen verloren hätte. VormeinemgeistigenAuge
malte ich mir aus, wie der Junge jetzt durch Berlin zog,zuerstüberfallenund
ausgeraubt wurde, dann am Bahnhof pennen mussteund inden nächstenTagen
dadurch Geld zu verdienen versuchte, indem eraufden Strich ging, schließlichan
irgendwelche harten Drogen geriet,umalles ertragen zu können undsomit
in einen Teufelskreis hineinschlitterte,denich in Bremen schon beieinigen
Bekannten miterlebt hatte.
Um diese Bilder aus meinen Gedanken zu verbannen,
zündeteich mir eineZigarette nach der anderen an, drehte das Radio,aus
dem jetztlauter blödeOldies dudelten, voll auf und hetzte den Civicüberdie
regennasse,aberfast leere Autobahn.
Help! I need somebody
Kurz vorm Morgengrauen
erreichteich schließlichHamburg, das wohlletzteZiel auf meiner Reise.
Zuersthatte ich überlegt,ob ich nichtdirektzurück nach Bremen fahrensollte,
weil ich eigentlichnur nochin meinBett und die letzten Tage vergessenwollte,
aber irgendwiewariches Black_Roseschuldig, sie doch noch zu besuchen.Der
Zeitpunkt warzwardenkbarungünstigund ich konnte mir nicht vorstellen,dass
sie besonderserfreutsein würde,wenn ich mitten in der Nacht vorihrer
Türstand, aberder Gedanke aneine weitere Nacht auf dem Autositzließmich
diese Gedankenschnellwieder vergessen.
Ich fragte mich also zu der Adresse durch, diesiemir
genannt hatte, undkurz bevor ich schon aufgeben wollte, stand ichvordem Haus
mit der richtigenHausnummer. Lange nach meinem Klingeln, ichdachteschon,sie
würdenichtöffnen, ertönte eine Stimme ausder Gegensprechanlage,undals
ichsagte, wer ich war, wurde die Tür tatsächlichgeöffnet.Einletztes
Mal kämpfte ich gegen die Müdigkeit anund schlepptemichdie drei
Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Oben empfing michRoswita imNachthemd,und als
ich ihren verschlafenen Gesichtsausdruck sah,bereuteich es, nichtdoch den
Autositz gewählt zu haben. Roswitha waretwazehn Zentimeterkleiner als
ich, hatte lange lockige schwarze Haare, blitzendebrauneAugen,war nicht gerade
schlank, sondern eher das genaue Gegenteil,aber esstandihr komischerweise
und sie war in wachem Zustand für ihrAlter bestimmtnicht einmal hässlich.
Im Moment allerdings sah sie ebensomüdeauswie ich mich fühlte,und
auch die Freude, mich zu sehen,schien sichinGrenzen zu halten.
„Sag mal, spinnst du?“, begrüßte
sie mich, öffnetedann aber doch die Wohnungstür und ließmich
herein.
„Sorry“, versuchte ich mich zu entschuldigen,
„ich kommgerade direkt aus Rostock, wusste nicht, wo ich pennen sollte
und... undwolltenicht allein sein...“
Roswita sah mich an, schnallte ziemlich schnell,
dassdie Begegnung mit meinemErzeuger wohl nicht so gelaufen war wie ich mir
daserhofft hatte, schlossdie Wohnungstür hinter mir und führtemichins
Wohnzimmer.
„Okay, Lucas, ich freue mich morgen, dich
zusehen, jetzt bin ich zumüde. Hier ist das Sofa, da kannst du schlafen,
aber versuch nicht,michzu verarschen, ich hab einen leichten Schlaf und nen
guten Draht zurPolizei...Nacht.“
Danach warf sie mir eine Wolldecke zu und verschwand,
wohl ins Schlafzimmer.
Ich gebe ja zu, ich hatte mir das alles etwas anders
vorgestellt, aber jederandere an ihrer Stelle hätte mich wahrscheinlich
nicht mal in die Wohnunggelassen, und ich schätze, das hätte sie
auch nicht, wenn sie richtigwach gewesen wäre. Aber auch ich war nicht
mehr wirklich in der Verfassung,mir darüber noch Gedanken zu machen.
Nachdem ich es mir auf dem Sofabequem gemacht hatte und mich wenigstens ein
bisschen wie die Made im Speckfühlte, schlief ich sofort ein und hatte
nicht einmal quälendeTräume.
Frischer Kaffeeduft weckte mich, ein Geruch, den
icheigentlich mit geregeltem,spießigem Lebenswandel assoziierte, aber
heute hatte er doch etwasgemütliches.Einen Moment lang musste ich überlegen,
wo ich war,doch als ich Roswitaentdeckte, die gerade den Wohnzimmertischzum
Frühstücksbuffetumwandelte,fiel es mir wieder ein und ich rappelte
mich hoch.
„Morgen“, murmelte ich noch etwas verschlafen.
„Morgen ist gut! Weißt du, wie spät
es ist?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es ist vierzehn Uhr. Du hast geschlafenwieein
Baby. Aber keine Sorge,ich hab vorhin in der Redaktion angerufen undmir für
heute freigenommen.“
Sie lächelte und schenkte mir eine Tasse Kaffee
ein.
„Milch? Zucker?“
„Nee.. nix... Hab ich eigentlich schon danke
gesagt?“
„Für den Kaffee? Da nicht für,dengibts
gratis.“
Roswita lächelte wieder, offensichtlich nahm
siemir den überfallartigenBesuch nicht mehr übel. Trotzdem bedankte
ich mich noch mehrmals, bevorich mich im Badezimmer wieder als Mensch verkleidete,
um dann ihr üppigesFrühstück zu genießen.
Während ich Brötchen mit Marmelade, ein
gekochtesEi und lauterSachen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gegessen
hattein mich hineinstopfte,saß Roswita mir gegenüber und fragte
michaus. Sie wollte allesganz genau wissen, und ich glaube, das war als Gegenleistung
für dieGastfreundschaft nur selbstverständlich, und so erzählte
ich ihrhaarklein, was in den letzten Tagen alles passiert war. Ich berichtete
ihrvon dem missglückten Zusammentreffen mit meinem Erzeuger, stellte
dabeifest, wie gut es tat, so offen über meine Wut zu reden, gestand
ihrauchdie Sache mit dem Gartenhaus, erzählte ihr von Simon und denSorgen,die
ich mir um ihn machte und versuchte auch, all die Gedanken inWorte zufassen,
die mir gestern im Auto durch den Kopf gegangen waren. Roswitahörtedie
ganze Zeit gespannt zu, unterbrach mich nur manchmal, wennich mich malwieder
missverständlich ausdrückte, und ich wundertemich schließlich,wieso
ich mit einer fremden Frau, die ich bis gesternnie gesehen hatte,soehrlich
über alles reden konnte, was ich sonst niemalsjemandem erzählthätte.
Nach über einer Stunde, die Brötchenwarenlängst
alle undder Kaffee kalt geworden, glaubte ich, mit meinemBerichtam Ende zu
sein,und sehnte mich jetzt erstmal danach, eine zu rauchen.Roswitabot mir
eineZigarette an, steckte sich auch eine an und fragte, obsie nochneuen Kaffeeaufsetzen
sollte. Ich schüttelte den Kopf.
„Sag mal“, fragte ich, „warum
hörstdu dir das alleseigentlich an?“
„Na ja, zum einen, weil mich deine Geschichte
wirklich interessiert,zum anderen, weil mir sonst einfach langweilig ist.
Weißt du, ich binseit acht Jahren geschieden, meine Kinder haben sich
damals entschieden,beiihrem Vater zu leben, und wenn ich nicht gerade arbeite,
passiert nichtvielAufregendes in meinem Leben und ich fühle mich oft
ziemlich einsam.“
Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und fuhr
dannfort: „Ich habeeigentlich immer nur an meine Karriere gedacht,habeimmer
nur für denJob gelebt, und an Privatleben war da nicht viel.Darumhabe
ich ja auchvoreiniger Zeit mit dem Chatten angefangen, weil mandadurchetliche
Leutekennenlernt,die einen völlig anderen Lebensstilhaben alsman selbst,ich
weißnicht, ob du das verstehst...“
Doch, das verstand ich sehr gut.
„Na ja“, sie lächelte, „und
als ich dich dann ab undzu mal getroffen habe, habe ich mich zuerst gefragt,
was dieser littlebastarddoch für ein sexistischer kleiner Idiot sein
muss, aber nachdem wirunszum ersten Mal richtig unterhalten haben, musste
ich meine Meinung revidieren,ich fand dich ziemlich interessant, und dieGeschichte
mit deinem Vater warja auch nicht das, was einem jeden Tag erzähltwird.“
„Gut, aber das ist ja immer noch kein Grund,
so einen sexistischenkleinenIdioten auch noch zu sich nach Hause einzuladen,
oder?“
„Nein, das sicher nicht, und ich weiß
auchnicht so genau, warumich dich unbedingt mal treffen wollte...“
Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte,
aberich war ehrlich gesagtganz froh, dass sie mich eingeladen hatte, denn
ichwusste nicht, mit wemich sonst über alles hätte reden sollen.
Undreden musste ich mitjemandem über das, was in den letzten Tagen alles
geschehen war, dennich selbst kam noch nicht damit klar. Ich war immer noch
sauer auf Lorenz,machte mir immer noch Sorgen um Simon und kam auch immer
noch nicht damitklar, dass mich plötzlich das Leben, das ich bishergeführt
hatte,so ankotzte.
Nach einer Weile fragte ich Roswita, was ich denn
jetztihrer Meinung nachin Bezug auf meinen Erzeuger machen sollte, doch so
rechtwusste sie auchkeine Antwort darauf. Es gab mehrere Möglichkeiten,
ichkonnte entwederdie Sache auf sich beruhen lassen, aber das kam für
michnicht wirklichin Frage, oder aber versuchen, einen Vaterschaftstest zu
erzwingenund ihnsomit zu einem klärenden Gespräch zu bewegen, doch
zum einenbezweifeltenwir beide, dass sowas nach so langer Zeit noch nachweisbar
war,zum anderenmusste meine Mutter dabei mitspielen, und ich war mir leider
verdammtsicher,dass sie sich niemals darauf einlassen würde, denn schließlich
vertrat sie genauso wie Lorenz die Meinung, man sollte der Sünde soweit
wie möglich aus dem Wege gehen.
„Weißt du, Lucas“, überlegte
Roswita laut, „esist schade, dass du durch deine Erziehung ein so merkwürdiges
Bild vonGott mitbekommen hast. Wenn ich mir aus allem einen Reim mache, dann
wurdedir Gott immer nur als der strafende Richter erklärt, bei dem man
allesrichtig machen muss, um nicht bestraft zu werden. Du glaubst nicht an
Gott,weil er in deinen Augen ein despotischer Herrscher ist, der seine Anhänger
unterdrücken und quälen will.“
„Na ist es denn nicht so? Sobald du gegen
einGebot verstößt,droht er dir mit der Hölle und ewigem Fegefeuer.“
Roswita schüttelte den Kopf.
„Nein, es ist nicht so. Er ist viel mehrderBefreier,
der uns zwarRegeln an die Hand gibt, an die wir uns halten sollen,aber uns
auch vonunserenVergehen freispricht und Verantwortung für unserHandeln
übernimmt.Er zeigt uns einen Weg, auf dem wir unbeschadet durchsLeben
kommen und hilftuns aus unseren Schwierigkeiten wieder heraus. Immerhinhat
er sein Lebenfür uns geopfert, weil er uns so sehr liebt, und nicht,
um uns zu unterdrücken.“
Jetzt war ich es, der den Kopf schüttelte:
„Dannnenn mir maleinenGrund, warum er ausgerechnet mich lieben sollte.“
„Weil du längst nicht so schlecht bist
wiedu glaubst, sondern,auch wenn du das jetzt bestimmt nicht hören willst,
im Grunde deinesHerzens verdammt anständig und sensibel.“
„Aha...“
„Ja, genau! Sonst erklär du mir doch
bittemal, warum du Simonhelfen wolltest, obwohl für dich nichts dabei
herausgesprungenwäre,und dir jetzt Sorgen machst.“
„Ich hab ihm aber nicht geholfen. Er rennt
jetztallein in Berlin rum,während ich hier bei dir mit Brötchen
undKaffee abgefülltwerde!“
Das war zwar nicht direkt die Antwort auf ihreFrage,aber
schließlichverstand ich ja selbst nicht, warum mir das mitSimonso nahe
ging.
„Und mal davon abgesehen... wenn du dir die
Weltanguckst, all denDreck,das Elend, die ganze Scheiße, wie kannst
duda an einen Gottglauben?“
„Also verdammt viele Leute, die ich kenne,
reitensich selber in dieScheiße, indem sie zum Beispiel dauernd nur
kiffenund saufen und Blödsinnmachen“, entgegnete sie, indem sie
mireinen intensiven Blick zuwarf,„die meisten anderen werden von irgendwelchen
Leuten in die Scheißegeritten, und wenn du dir mal die letzten Tage
anguckst... den Bruder deinesVaters, den du sofort ausfindig gemacht hast,
Christopher, der dich ganzspontanbei sich hat übernachten lassen, Simon,
den du an der Autobahnaufgegabelthast und nicht jemand, der ihm etwas antut,
und alle anderenglücklichenUmstände... meinst du, das war alles
Zufall?“
Darauf wusste ich leider keine Antwort, aber ein
Gottesbeweiswar das fürmich auch noch nicht. Sicher hätte vieles
anders laufenkönnen,aber zum einen hatte ich schließlich mit der
ganzen Suchenichts erreicht,zum anderen hieß es ja auch nicht ohneGrund
das Glückist mitden Dummen.
Das letzte Argument behielt ich aber für mich,
denn ich war mir sicher,Roswita hätte darauf eine passende Antwort gehabt,
und nach längerenDiskussionen stand mir jetzt nicht der Sinn. Auch wenn
vielleicht einigeswirklich toll gelaufen war in den letzten Tagen, und ich
gebe ja zu, ichhabedie neuen Eindrücke wirklich genossen, auch wennmeine
Reise michletztlichdoch ans Ziel führte, so war das Ergebnis dennoch
alles andereals zufriedenstellend.Wahrscheinlich hätte ich es von vornherein
lassensollen, Lorenz warebengenauso wie meine Mutter, völlig in seinen
Glaubenverbohrt undimmerdavonüberzeugt, genau das Richtige zu tun. Was
hatteich dennerwartet?Ichhätte wissen müssen, dass alles keinen
Zweckhatte,meine Elternhattenvor achtzehn Jahren einen großen Fehlergemacht,da
war es logisch,dassLorenz nicht daran erinnert werden wollte.Wenn ichnicht
so blödgewesenwäre und das Gartenhaus abgefackelthätte,hätte
esvielleichtnoch eine Chance gegeben, dass er überdie Sachenachdenkt,aber
so hatteich ihm doch einfach nur bestätigt,dass iches nicht wertwar.
Vielleichtwar ich ja wirklich dadurch, dassich in Sündegezeugtworden
war, durchund durch schlecht und dazu verdammt,mein Lebenlang nurSchlechtes
zu tun.
Roswita musste in etwa gemerkt haben, was mir gerade
durch den Kopf ging,und ich muss auch zugeben, dass ich am liebsten losgeheult
hätte. Siesetzte sich neben mich, legte mir den Arm um die Schultern,
und es tat wirklichgut, Trost zu bekommen, denn so lange ich denken kannwar
ich immer nur aufmich allein gestellt und nie war jemand da gewesen,an den
ich mich einfachnur anlehnen konnte. Da machte es auch nichts, dassdiesePerson
jemand war,den ich eigentlich nur aus dem Chat kannte. Ich glaube,da sieselbst
vielzu oft allein war, hätte sie es verstanden, wenn ichihr meineGefühleerklärt
hätte, aber aus purer Gewohnheitkämpfteich dagegenan und versuchte
mich wieder zu fangen.
„Ich weiß ja, dass du dir im Hinterkopf
mehr erhofft hast“,versuchte Roswita mich zu trösten, „aber
so wie ich das sehe,istdieser Mann einfach nur verbohrt, hat ein total falsches
Gottesbild,und selbst,wenn du dich anders verhalten hättest, wäre
er vermutlichnichtumzustimmengewesen. Dagegen kannst du nichts tun, du wirst
ihn nichtändernkönnen.Das einzige, was du machen kannst, ist, dich
selbstzu ändern.Du kannstdir selbst immer noch beweisen, dass du estrotzdemzu
etwas bringenkannst,dass du nicht so bist, wie deine Eltern undauchdu selbst
es direingeredethaben. Und meiner Meinung nach hast du ne ganzeMengeauf dem
Kasten.“
„Mein Erzeuger ist eine Sache“, wechselte
ich das Thema, „dieandere ist Simon. Ich mach mir wirklich Vorwürfe,
weiß aber nicht,was ich machen soll... Ich fühl mich einfach so
hilflos, verstehst du?“
Sie nickte und meinte, sie verstehe sehr gut, dass
ich plötzlich glaubte,alles, nicht nur das mit Simon, falsch gemacht
zu haben, denn genauso habesie sich damals nach ihrer Scheidung auch gefühlt.
Sie habe damals denWunsch gehabt, die Zeit ganz weit zurückzudrehenund
vieles ganz anderszu machen. Sie habe sich damals wie eine Verliererinauf
ganzer Linie gefühltund hatte angefangen, auch alles, was eigentlich
in Ordnung war, anzuzweifeln.
„Lucas, wenn ich dich richtig verstandenhabe,ist
Simon von sich ausweggelaufen, aus freien Stücken. Er wollteesalso so
und du hättestihn sowieso nicht aufhalten können.“
„Ja, aber der Kleine weiß doch garnicht,was
ihn erwartet...“
„Na klar, ich würde mir auch Sorgenmachen,aber
ganz so schwarzdarfst du es auch nicht sehen. Wenn alles stimmt,waser dir
erzählthat, dann hat er im Leben schon mehr durchgemacht alswir beide
zusammen,und auch in Berlin gibt es Menschen, die so einem Jungennicht nur
Böseswollen. Es ist doch immerhin möglich, dass er jemandembegegnet,
derihm hilft. Vielleicht hat er sich auch auf direktem Wege zurBahnhofsmissionoder
einer anderen Einrichtung durchgeschlagen, wo es Leutegibt, die ihmmehr helfen
können als du es könntest.“
Natürlich war das möglich, schließlich
war Simon nicht dumm,und vielleicht ging es ihm inzwischen auch wirklichgut,
aber das war immerhinnur eine Möglichkeit. Es gibt immer einengutenund
einen schlechtenWeg, hatte ich mal gelernt, und leider hatte ichbisherdie
Erfahrung gemacht,dass man meistens den beschissenen wählte.Ichhatte
mir angewöhnt,immer vom Schlimmsten auszugehen, und meistenstrafgenau
das dann auch ein.Na gut, vielleicht nicht meistens, aber zumindestoft genug.
Bei mir zumindest.Aber es half jetzt auch nichts, den Teufel andie Wand zu
malen, ich konntesowieso nichts für Simon tun, er war aufsich allein
gestellt und hattees offensichtlich so gewollt. Vielleicht machteich mirja
auch nur solcheSorgen um ihn, um nicht über meine eigenenProblemenachdenken
zu müssen.
„Und immerhin“, durchbrach Roswitameinaufkommendes
Selbstmitleid,„hast du ihm ja deine Mailadresse gegeben,oder?“
„Ich hab sie ihm gesagt und ihm auch erzählt,
wo ich immer chatte,aber ich weiß nicht, ob er sich die Adresse gemerkt
hat.“
„Aber wenn er wirklich nach dir sucht, dann
wirder dich auch finden.Und jetzt sei bitte nicht so pessimistisch, du hast
getan,was du konntest,und dafür, dass du vorgibst, totaler Egoist zu
seinist das schon erstaunlichviel.“